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Full text of "Lehrbuch der Nervenkrankheiten des Menschen"

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Lehrbuch 


der 


Xerveiikranklieiten  rtes  Mensclien. 


Von 

Moritz  Heinrich  Romberg, 

Doctor  der  Medlcin,  Bitter  des  rothen  Adlerordens  dritter  Klasse  mit  der  Schleife,  ordentlichcm 
offentlichem  Professor  der  Heilkunde  und  Director  des  Koniglichen  PolikliniscLen 
Institnts  der  Friedrich-Wilbelms-Universitiit  zu  Berlin. 


Erster  Band 


Berlin, 

Verlag  von  Alexander  Duncker, 

Konigl.  Ilofbuchhandler. 


1840. 


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Lehrbuch 

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Nervenkranklieiten  des  Menschen. 

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VmwikrankliiMn  flfts  Mwisdicn. 


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Moritz  Hein  rich  Romberg, 

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r/iy.As,  £XXj  \it  K*hnu/£ , 


Berlin, 

V^riag  von  AUrx^r*'i<rr  l>un/ker. 


1840. 


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Seiner  Excellenz 


dem 

ijcvtn  j^tUsmber  non  jjjumlwUrt, 

zur  bevor9tehenden 


fiinfzigjalirl^en  Jubelfeler 

der 

1 

Versuche  tiber  die  gereizte  Muskel-  und  Nervenfaser 


in  hdchster  Verehrung 
gewidmet 

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Dr.  llombcrg. 


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Vorwort. 


9 


„Es  wird,  furchte  ich,  noch  lange  Zeit  dauern,  bis  vereinte  Be- 
„muhungen  den  arztlichen  Schriftsteller  in  Stand  setzen  werden  die 
„Nervenkrankheiten  zu  ordnen  und  genau  zu  beschreiben.  Die  Stufe, 
„auf  vvelcber  wir  jetzt  stehen,  ist  noch  eine  sehr  niedrige.“  So 
sprach  Carl  Bell.  Ein  Decennium  ist  seitdem  verflossen,  Viele  ha- 
ben  gefordert,  reichhaltiges  Material  liegt  vor,  und  dennoch  fehlt  es 
an  einem  Lehrbuche  der  Nervenkrankbeiten,  das  den  Anforderungen 
der  Wissenschaft  entsprache.  Nicht  ohne  Grund  mochte  ich  bei  den 
Bessern  die  Scheu  beschuldigen,  dass  die  pathologischen  Leistungen 
hinter  den  physiologischen  zuriick  stehen  wurden,  bei  Andern  die  In- 
dolenz,  die  das  bequeme  Geleise  der  Ueberlieferung  vorzieht,  und 
unter  dem  Deckmantel  der  Skepsis  jede  Neuerung  von  sich  weist. 
Allein  nirgends  ist  wohl  die  physiologische  Durchdringung  der  Patlio- 
logie  so  fruchtbar,  nirgends  feiert  freie  Forschung  so  schonen  Sieg 
- iiber  das  triige  Herkommen  einer  Disciplin,  wie  in  der  Lehre  der 
Nervenkrankheiten.  Den  Beweis  zu  geben  ist  diese  Schrift,  die  Frucht 
zwanzigjahrigen  Strebens,  bestimmt.  Hat  sie  auch,  nach  meiner  eig- 


VI 


non  Ueberzeugung,  viele  Mangel  undLucken,  wird  man  s.e  auch  - 
als  Uebergangsstufe  zu  vollkommneren  Werken  betracbten  - b^t 
docb  ihre  Grnndlage  unerschutterlich,  das  phys.olog.sche  V 
cin,  das  auf  dem  Unveranderlichen  im  Thiergescblechte  bas.rt, 
grobre  Schwankungen  erhaben  1st,  nnd  mil  alien.  Guten  und  Crosse., 
in  der  Wissenschaft  den  Vorzug  theilt,  in  sich  den  Ke.m  hohere 

VtTntokher  HaMhut  nm  so  mehr  zu  einer  Zeit  noth  in  welche 

die  Medicin  in  einen  ^ 

wahrt  am  sichersten  vor  jepem  l ebl^riti  , 

Naturforsehung  vor  den  andern  sich  bat  zu  Schuiden  kommen  lasse. 
das  Unzugangliche  in  das  ihr  Zuganglicbe  bineinzuz.ehen.  ln  re.cl 
lichstem  Maasse  hat  die  Lehre  der  Nervenkrankbe.ten  vou  jeber  ue 
Unbill  erdulden  mussen ; meine  Aufgabe  " ar  cs  das  Ge  1C 
bekanntcn  nicbt  noch  mitUnzuverlassigem  zu  vergrossern. 
dcrstrebtc  es  mir  dem  Urtheile  des  Lesers  vorzugrcifen  und  Zvva 
anzuthun  durcli  vorangescliickte  doclrinare  Betrachtungen,  ie 


VII 


' leicht  die  unbefangne  Prufung  der  Thatsachen  storen:  es  ist  die  all- 
gemeine  Pathologic  derSchluss-,  nicht  der  Grundstein  der  speciellen. 
So  mag  die  Abweichung  von  der  ublichen  Einrichtung  der  Lehrbii- 
cher  gerechtfertigt  sein. 

Ich  habe  die  Eintheilung  der  Nervenkrankheiten  beibehalten,  wel- 
cher  ich  seit  einer  Reihe  von  Jahren  in  meinen  academischen  Vor- 
triigen  gefolgt  bin,  nach  den  Attribiiten  der  vier  Nervenhebel  des 
Organismus,  in  die  Neurosen  der  Sensibilit'at,  der  Motilitat,  in  die 
Logo-  und  Trophoneurosen.  Die  Bilder  der  einzelnen  Krankheiten 
sind,  so  weit  eigne  Beobachtung  reicht,  der  Natur  entnommen,  vom 
Staube  der  Tradition  gereinigt.  Bemiiht  habe  ich  mich  die  experi- 
mentellen  und  chirurgischen  Ergebnisse  als  Prototypen  fiir  die  ver- 
wickelteren  pathischen  Nervenzustande  aufzustellen.  Historische  und 
littcrarische  Exegesen  lagen  ausser  dem  Plane  dieser  Schrift,  obgleich 
ich  stcts  der  Pflicht  eingedenk  war  Jedem  das  Seine  unangetastet  zu 
lassen.  ' 

Mein  Wunsch  ist,  dass  Praktiker,  welche  aufgeschichtete  Formeln 


VIII 


entbehren  kbnnen,  Nutzen  aus  den  folgenden  Untersucbungen  -hen. 
Vor  allem  aber  ist  meine  Hoffnung  darauf  gertellt,  dass  den  Stu  i- 
renden  dieses  Lehrbuch  ein  nicht  bloss  mittheilendes,  sondern  auc 
anregendes  sei,  damit  der  grosse  Zweck,  Emancipate  der  Me- 
dicin  aus  den  hemmenden  Schranken  e.ner  anzuler- 
nenden  Technik,  durcli  frische  Kraft  gefordert  werde. 

Berlin,  im  September  1840. 

Dr.  Roml>erg. 


Die  Lehre 


der 


8ensibilMt>ST  euroyen. 


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Erste  lilasse 

der 

]¥erveiikraiiklieften. 

-O-JjXog-O- 


Sensibilitat-Neurosen.  - 

Sensibilitat-Neurose  ist  der  Lehensvorgang,  in  welchem  dieEnergie 
des  sensibeln  Nerven  durch  Veranderung  seiner  Reitzbarkeit  von  der 
Norm  abweicbt. 

Die  Energie  des  sensibeln  Nerven  offenbart  sich  durch  Empfin- 
d u n g und  dieser  ilir  Ausdruck  ist  es  auch,  welcher  abnorm  erscheint, 
gesteigert,  Hyperaesthaesia,  oder  vermin  der  t und  erloschen, 
Anaeslhaesia. 

Je  nach  der  Eigenthumlichkeit  des  sensibeln  Nerven  ist  die  Em- 
pfindung  verschieden,  demgemass  auch  das  Phanomen  in  der  Sensi- 
bilitat-Neurose.  Der  Hautnerv,  der  sensible  Muskelnerv,  der  sensible 
Nerv  des  Sympathicus,  der  Sinnesnerv  — ein  jeder  hat,  wie  in  hygia- 
nen,  so  in  pathischen  Zustanden,  seine  hcsondere  Empfmdungssphare, 
welche  er  mit  keiner  andcrn  vertauscht. 

Jlicraus  liisst  sich  sowohl  der  Umfang  dieses  nosologischen  Gebietes, 
dessen  Exposition  bisher  mangelhaft  und  verkiimmcrt  war,  als  auch 
das  Moment  der  Classification  entnehmcn.  Hyper aeslhaesia  und 

Anaeslhaesia  hilden  die  beiden  Abtbeilungcn  dieser  Krankheitsclasse, 
deren  Gattungen  durch  die  Eigenthumlichkeit  der  Sensihilitatnerven 


SENS1B1  LIT  AT -NEEJROSEN- 
4 i nil'  (loin  Sit'/.fi  der  Affection, 

bestimmt  wcrdcn.  Die  Ord'iungc " ^)r0  Jnalcn  und  sympatbischen, 


be— s«athischen> 

entwedermder  v und  Riickenmark. 

odev  in  den  Centra  organen  find  snerven  miissen  fur  die 

Die  physiologiscta  Gesebe  s^biMt.Neurosen  ,n  Grunde 

Auffassung  und  Beurlheil.  „ deute  ich  sie  8n,  da  die  aus- 

gelegt  werden.  Mit  wemg  Nervenpathologie  ihre  Stelle 

fuhrliche  Erorterung  in  dcr  aU0emc 

ftntet  • ,,  ndas  Gesetz  der  isolirten  Leitnng:  nur  die  von 
' Es  sind  1)  das  . ^ Anlasse  getroffene  Nervenfaser 

dem  reitzenden  o(  er  Betlieiligung  der  noth  so 

nahe  angranzenden  < f pntralapparate  findet  auch 

dieses  Gesetz  ohne  Ansna  me:  ^ *^£r.di.tio»  de. 

2)  das  Gesetz  der  theil 

SrSlT^nJrUe  den  Enden  andrer  sensibier  Ner- 

venfasern  mit.  . v rheinune:  die  Em 

f I d8S  Ged8t  tllC  B— -dens,  auf  das  peripberisch 

Slit*  -gen, 

ihres  Laufes,  vom  peripherischen  b,s  zum  Central-Ende 

Eindruck  empfanglich  ist. 


Erste  Abtheilung. 

Hyperaesthaesiae. 


Der  allgemeine  Charakter  ist:  Exaltation  der  Reitzbarkeit  sensibler 
Nerven. 

Der  Ausdruck  ist  verschieden,  je  nacli  der  eigenthiimlichen  Ener- 
gie  des  afficirten  Nerven. 

Darauf  beruhet  die  Eintheilung  der  Hyperastbasieen. 

I.  Ordnung. 

Ilyperasthasieen  der  Nervenbahnen. 

A.  Der  cerebrospinalen:  v 

1.  Gatt.  Cutane  Hyperastbasieen, 

a)  Neuralgia,  b)  Pruritus,  c)  Ardor,  d)  Algor. 

2.  Gatt.  Muskel-Hyperiisthasieen. 

a)  Neuralgia  muscularis,  b)  Vertigo. 

3.  Gatt.  Ilyperasthasieen  des  Vagus. 

a)  Neuralgia:  Globus,  Pyrosis,  Gastrodynia  neuralgica. 
b)  Bulimia,  c)  Polydipsia. 

4.  Gatt.  Sensuale  Ilyperasthasieen. 

a)  Ilyper aeslhaesia  optica,  b)  acustica,  c)  olfactoria, 
d)  guslaloria. 


6 


hyperasthasieen. 


B.  Der  sympathischen  Nervenbahnen. 

1.  Gatt.  Hyperaesthaesia  plexus  cardiaci. 

2.  Galt.  Hyperaesthaesia  plexus  Solaris. 

3.  Gatt.  Hyperaesthaesia  plexus  mesenterici. 

4.  Gatt.  Hyperaesthaesia  plexus  hypogastrici. 

5.  Gatt.  Hyperaesthaesia  plexus  spermatici. 

II.  Ordmmg. 

Hyperasthasieen  tier  Centralorgane. 

A.  Dcs  Riickenmarks. 

Neuralgia  spinalis. 

B.  Des  Gehirns. 

a)  Neuralgia  cerebralis,  b)  Hyperaesthaesia  psychica. 

Die  Hyperasthasieen  der  Nervenbahnen  unterscheiden  sich  nicht 
hloss  durch  die  specifischen  Energieen  der  afficirten  Nerven,  sondeni 
auch  durch  ihren  p eripher ischen  oder  centralen  Sitz;  nur 
werde  der  Begriff  eines  peripherischen  Nerven  gehorig  aufgefasst, 
und  nicht,  wie  es  bislier  ublich  war,  auf  dessen  letzte  Endigungen 
beschrankt.  Peripherisch  ist  der  Nerv  von  der  Stelle,  wo  die  Fa- 
sern  vom  Centralorgane  abgehen,  bis  an  die  iiusserste  Griinze  ihres 
Laufes,  demgemass  ist,  was  man  Nervenwurzel  zu  nennen  und  als  Cen- 
tralende  zu  betrachten  pflegt,  welches  richtiger  Insertionsende  ge- 
nannt  werden  muss,  nur  ein  Theil  der  peripherischen  Bahn.  Dadurch 
schori  gewinnt  die  Lehre  der  Hyperasthasieen,  zumal  die  iitiologische, 
eine  grossre  Ausdehnung:  man  wird  sich  kiinftig  nicht  mehr  mit 
Untersuchung  der  an  den  aussern  Theilen  verbreiteten  Nerven  be- 
gniigen,  auch  die  in  den  Knochenkanalen,  die  am  Gehirne  oder 
Riickenmarke  verlaufenden  Easern  mussen  die  Aufmerksamkeit  auf 
sich  ziehen,  urn  so  mehr,  da  besondre  Merkmale  den  Sitz  der  Krank- 
hcit  in  den  verschiednen  Stationen  der  peripherischen  Bahn  andeu- 
ten.  Central  ist  der  Nerv  in  seiner,  dcm  Auge  und  Messer  fast 
ganz  entzognen  Verbreitung  innerhalb  des  Gehirns  und  Riicken- 
marks. 


IIYPERASTHASIEEN. 


7 


Fur  die  peripherischen  Bahnen  gilt  das  Gcsetz  der  isolirten 
Lei tu n g,  fur  die  peripherischen  und  centralen  das  Gesetz  der  ex- 
c e n t r i s c h e n Erscheinung  als  Norm. 

In  Bezug  auf  das  letztere  durfen  jedoch  einige  Umstande  nicht  un- 
erwahnt  bleiben,  welche  Ausnahmen  bilden  und  bisher  noch  keine 
geniigende  pbysiologiscbe  Erklarung  gefunden  haben.  Es  ist  bekannt, 
dass  ein  Stoss  an  einen  oberflachlich  gelegnen  Nerven,  z.  B.  den  Ulna- 
ris  die  Empfmdung  sowobl  in  den  peripherischen  Enden  als  auch  zu- 
gleich  an  der  getroffnen  Stelle  hervorruft.  Eine  ahnliche  Erscheinung 
fmden  wir  in  den  Neuralgieen.  Bei  den  tubercul.  doloros.  aussert 
sich  der  Schmerz  wabrend  des  Anfalls  nicht  nur  in  excentrischer 
Verbreitung,  sondern  auch  im  Sitze  der  Geschwulst.  Im  Hiiftweh 
sind  ausser  den  Schmerzen  in  den  Endigungen  der  ischiadischen 
Hautnerven  oft  auch  Schmerzen  im  Stamme  des  Hiiftnerven,  in  der 
Nahe  seines  Austritts  aus  der  Beckenhohle,  vorhanden.  Bei  'Entziin- 
dung  eines  Nerven  empfindet  der  Rranke  an  der  Druckstelle  den 
Schmerz  *).  In  den  schmerzhaften  Stumpfen  offenbart  sich  der  Schmerz 
im  Stumpfe  selbst,  nicht  wie  die  Analogie  bei  Amputirten  vermuthen 
liisst,  in  den  nicht  mehr  vorhandnen  Enden  der  abgesetzten  Glieder. 

Die  Verhiiltnisse  der  sensibeln  Nerven  in  den  Hyperiisthasieen  zu 
den  iibrigen  Nerven  und  den  Centralorganen  haben  sowohl  ein  phy- 
siologisches  als  diagnostisches  Interesse.  Richten  wir  zuerst  auf  die 
motorischen  Beziehungen  unsern  Blick,  so  bieten  sich  uns  Muskel- 
actionen,  Bevvegungen,  als  haufige  Begleiter  der  Ilyperasthasieen  dar, 
zwiefacher  Art:  entweder  in  Folge  simultaner  Reitzung  motorischer 
Nerven,  z.  B.  ischiadische  Neuralgie  und  Zuckungen  des  Beines  durch 
Reitzung  des  Schenkelgellechts  in  der  Beckenhohle,  Wadenschmerz 
und  Wadenkrampf  durch  denselben  Anlass,  Schmerz  und  Contractur 
des  Arms  durch  entzundliche  llirnreitzung  n.  s.  f.  oder  die  Bcwe- 


V Valentin  fdc  functionibus  nervorum  cerebralium  et  nervi  sympathici  Libri 
II.  Jicrnae  1839.  p.  84.  §.  20bJ  sucht  cine  Erklarung  rliescr  Erschcinungcn  da- 
rin,  dass  in  den  Nervenstammcn  Fasern  mil  Endschlingen  verlaufcn,  welche  sich 
wie  nervi  nervorum  vcrhalten  und  gereitzt  den  Schmerz  im  Nerven  selbst  erregen. 


8 


HYPER  ASTHlSIEEN. 


gungen  entstehen  durch  Refleximpuls,  durch  einc  Reftzung  motori- 
scher  Fasern  mittelst  scnsihler,  welche,  wie  bekannt,  nur  im  Central- 
apparate,  vorzugsweise  im  Ruckenmarke,  stattfinden  kann.  Diese 
Synergie  zwischen  Empfindungs-  und  Bewegungsnerven  offenbart 
sich  nicht  selten  in  den  Ilyperasthasieen  der  cerebrospinalen,  am 
baufigsten  der  sympathischen  Nervenbahnen.  So  giebt  sich  in  der 
Neuralgie  des  Quintus  ,die  Reitzung  des  n.  facialis  durch  Contractio- 
nen  der  mimiscben  Gesichtsmuskeln  kund:  in  einem  Falle  von  Pro- 
sopalgic mit  Zungenschmerz  erfolgte  der  Refleximpuls  auf  den  Hy~ 
poglossus,  wodurcli  die  Zunge  bin  und  hergewiilzt  wurde.  In  der 
Ciliar  neuralgie,  der  Photophobic,  scbliessen  sich  die  Augenlieder  durch 
den  Reflex  von  den  sensibeln  Quintusfasem  auf  die  motoriscben  des 
Facialis.  In  den  Gelenkneuralgieen  erfolgen  Contractionen  derBeug^- 
muskeln  der  Extremitaten.  Eine  Hyperasthasie  des  Vagus,  die  Ga- 
strodynianeuralgica,  wird  gewohnlich  vonRuctus,  Erbrechen,  Giihnen 
l)egleitet.  In  den  Neuralgieen  des  Sympathicus,  des  fiir  Reflexactionen 
giinstigsten  Bodens,  sind  die  Beispiele  zahlreich  und  evident.  Dahin 
gehoren  der  gestorte  Rhythmus  der  Herzbewegungen  in  der  Hypcr- 
aesthaesia  plexus  cardiaci , die  Spannung  der  Bauchmuskeln,  das  Er- 
brechen in  der  Neuralgia  coeliaca,  der  Darmkrampf,  der  Harnzwang 
in  der  Neuralgia  mesenterica  u.  s.  f. 

2)  Die  Synergie  zwischen  sensibeln  und  trophischen 
Nerven*)  macht  sich  in  den  Ilyperasthasieen  bemerkbar.  In  den 
Anfallen  des  Folhergilhehen  Gesichtsschmerzes  sind  Rothe,  Ilitze,  ver- 
mehrte  Secretion  der  Thriinen  oder  des  Speichels,  verstiirkte  Pulsa- 
tion nahgelegncr  Arterienstamme  Begleiter.  Earle,  der  hieruber 
instructive  Beobachtungen  angestellt  hat,  (cases  and  observations  illu- 
strating the  influence  of  the  nervous  system  in  regulating  animal  heal 
in  den  Med.  chir.  transact,  vol.  VII.  p.  1 S7J  sail  in  einem  Falle  von 

) Mit  dcm  Namen  trophische  Nerven  bezcichne  ieh  keinesweges  Nerven 
von  cigcnlhumlichcr  Formation,  •welche-  ein  besondres  System  bilden,  sondern 
vci  stehe  darunter  diejenigen  Primitivfasern,  die  an  Gefassen  und  Hriisen  verbrei- 
tel  den  Process  der  Circulation,  Secretion,  dcr  Nutrition  tiberhaupt  reguliren. 
(Vcrgl.  die  Einlcilung  des  zweiten  Bandes.) 


hyperAsthasieen. 


9 


Neuralgia  supraorbilalis  einen  dem  Laufe  dieses  Nerven  folgenden 
sclmrf  ajigesetzten  rothen  Streif  mit  so  starker  Warmeentwickelung, 
dass  kalte  Umschlage  schnell  verdunsteten.  Bei  einer  seit  Jahren  von 
NeuraFgie  des  n.  maxill.  infer,  befallnen  Wittwe  war  jeder  Paroxys- 
mus  von  einer  heftigen  Pulsation  in  alien  Zweigen  der  carotis  externa 
begleitet  und  endete  gewohnlich  mit  einem  profusen  Speichellluss. 
Der  von  mir  in  der  Scbilderung  der  Prosopalgie  beschriebne  Fall 
bietet  ahnliche  Symptome  dar.  In  der  Neuralgia  ciliaris  thrant  das 
Auge  und  rotbet  sich.  Tropfbar  fliissige  und  gasartige  Absonderungen 
sind  besonders  im  Gefolge  der  Ilyperasthasieen  des  Sympalhicus. 
Erytbem  und  Blasenbildung  begleiten  ofters  die  Sticliwunden  sensi- 
bler  Nerven.  Icb  habe  weiter  unten  eines  solchen  Falles  erwahnt  und 
Earle  theilt  folgenden  mit.  Ein  32jahriges  Frauenzimmer  stach 
sich  mit  einer  Gabel  in  den  n.  cutaneus  externus,  ungefahr  auf  der 
tlalfte  seines  Laufes  am  Yorderarm.  Es  stellten  sich  heftige  Schmer- 
zen  in  der  Babn  dieses  Nerven  ein  und  eine  betrachtliche  Entziin- 
dung  in  der  Nahe  der  Wunde.  Drei  Wochen  darauf,  als  die  Kranke 
mit  dem  Arme  eine  Bewegung  vornahm,  wurde  sie  plotzlich  von  hef- 
tigen Scbmerzen  und  einem  brennenden  Gefuhl  in  der  Wunde  be- 
fallen. Eine  erysipelatose  Rdthe  verbreitete  sich  uber  die  vordre 
Flache  des  Yorderarms,  mit  Ilinzutritt  grosser  Blasen  wie  im  Pem- 
phigus. Die  Hitze  des  Arms  war  sehr  bedeutend.  Strenge  Rube  und 
verdunstende  Fomentationen  mit  Opium  stellten  sie  her,  allein  als 
sie  kurze  Zeit  darauf  wieder  den  Arm  zu  bewegen  versuchte,  kehr- 
ten  dieselben  Zufalle  zuriick.  Die  Temperatur  des  Arms  war  um  3 
Grad  holier  als  die  Temperatur  unter  der  Zunge.  Nocli  viermal  stell- 
ten sich  nacb  ahnlichen  Anlassen  Recidive  ein;  bei  dem  letzten  bil— 
deten  sich  keine  Blasen,  sondern  ein  der  Urticaria  ahnliches  Exan- 
them.  Endlich  giebt  sich  in  der  psychischen  Hyperiistbasie,  in  der 
Hypochondrie,  das  Weehselverhaltniss  zwischen  scnsibeln  und  trophi- 
schen  Nerven  am  offenbarsten  kund,  wovon  wichtige  matcrielle  Ver- 
anderungen  in  den  Organen  die  Folge  sind. 

3)  Die  Beziehungen,  in  welclie  die  Ilyperasthasieen  dcr  Nerven- 


JO 


iiyperAsthAsieen. 


bahnen  zu  den  Encrgieen  der  Centralorgane  sich  stellen,  verdienen 
cine  nahere  Priifung.  Das  Riickenmark  ist  bercits  als  Vermittler  der 
Reflexaction  beachtet  worden.  Eine'andre  Einwirkung  auf  dasselbe 
erfolgt  in  einigen  Neuralgieen  des  Sympathies,  vvelche  das  Eigen- 
thumliche  haben,  den  entgegengesetzten  Zusland,  Verlust  der  Action, 
in  der  motorischen  Sphare  bestimmler  Spinalregionen  hervorzurufen : 
so  gesellt  sich  Lakmung  der  obern  Extremitaten  zur  Colica  satur- 
nina.  In  Betreff  des  Gehirns  ist  die  psychische  Beziehung  der  Hyper- 
asthasieen  von  Interesse.  Haben  diese  in  den  spinalen  und  sympa- 
thischen  Nervenbahnen  ihren  Sitz,  so  weicht,  vorausgesetzt  ein  we- 
der  durch  Irresein  gestortes,  noch  durch  den  Zustand  des  Schla- 
fes  gebundehes  Bewusstsein  (vergl.  den  Abschnitt  fiber  Logoneu- 
roses  und  idler  Hypnoneuroses) , die  logische  Deutung  nickt  von  der 
Norm  ab.  Der  Mensch  erkennt  die  Sulijectivitiit  seiner  schmerzhaf- 
ten  Empfindungen  an  und  steht  iiber  seiner  Krankheit.  Davon  geben 
die  cutanen  Hyperasthiisieen  den  deutlichsten  Beweis.  Niemals  wird 
der  Kranke  an  diesen  Schmerzempfindungen  sein  Selbstgefuhl  ent- 
iiussern  und  dariiberden  Verstand  verlieren,  sei  die  Grdsse  des  Schmer- 
zes,  z.  B.  im  tic  douloureux,  noch  so  gross,  die  Dauer  noch  so  lang.  Ue- 
berhaupt  ist  der  Mensch  geneigt,  den  Sitz  des  Schmerzes  in  den  Haut- 
nerven  zu  suchen,  daher  auch  bei  innern  Schmerzen  sofort  das  Grei- 
fen,  Reiben,  Driicken  der  Haut.  Anders  verhalt  es  sich  in  den  sen- 
sualen  Hyperasthiisieen,  deren  Phantasmen  so  leicht  zur  Anerken- 
nung  einer  Objectivitat  verleiten  und  die  Entstehung  des  Wahnsinnes 
begiinstigen.  Yorzugsweise  gilt  dieses  vom  opticus,  der  \\de  der  olfac- 
torius  am  innigsten  mit  dem  grossen  Gchirne  zusammenhiingt.  Es 
ist  nur  der  durch  Erziehung  und  Cultur  mehr  entwickelten  Energie 
des  Sehnerven  zuzusclirciben,  dass  der  Einfluss  des  Geruchsnerven 
auf  die  Intellectualitat  sich  beim  Menschen  nicht  geltcnd  macht,  da- 
gegen  er  bei  Thieren  iibcrwicgend,  uud  fur  ihr  Gedacbtniss  wesent- 
lich  ist. 

Von  den  Ccntralorgancn  geht  aber  aucli  einc  Ruckwirkung  auf 
die  Hyperasthiisieen  aus.  Das  Gehirn  als  psychisches  Organ  iiusscrt 


HYPERASTHASIEEN. 


n 


'seinen  Einfluss  durch  die  Intention,  die  nicht  nnr  die  abnormen  Em- 

Ipfindungen  scharft  und  zu  einer  lastigen  Hohe  sleigert,  sondern  sie 

Much  zu  erregen  vermag,  wovon  die  Hypochondrie  den  Beweis  giebt. 

'\och  einflussreicher  wirken  die  Centralapparate,  Gehirn  und  Ruk- 

kenmark,  dadurch,  dass  sie  die  Quelle  der  erhohten  Incitabilitat  fur 

diejenigen  sensibeln  Nerven  sind,  die  den  Ileerd  der  Iiyperasthasie 

1 bilden.  Diese  Exaltation  der  Nervenreitzbarkeit  ist  der  Grundcharak- 

r ter  der  Hyperasthasieen,  wodurch  sie  sich  von  blossen  Thatigkeits- 

(i:\usserungen  der  Nerven  unterscheiden.  Denn  der  Hautnerv,  mag  er 

durch  aussere  oder  innere  Anliisse  verletzt  werden,  giebt  seine  Reit- 

oiug  durch  Schmerz  zu  erkennen:  wer"mirde  diesen  Ausdruck  sei— 

;aer  normalen  Energie  wold  als  Neuralgie  deuten?  Wenn  aber  seiu 

A^erhalten  gegen  die  Reitze  der  Aussen-  und  Innenwelt  sich  veran- 
* 

dert,  ein  ganz  andres  wird  fur  die  Norm  des  Individuums,  dann  ist 
Kvrankheit  gesetzt,  und  wo  die  Incitabilitat  gesteigert  ist,  Hyperastha- 
' de.  Die  Symbole  dieser  Steigerung  sind  zwar  noch  unvollstiindig  auf- 
gefasst,  allein  es  konnte  auch  bei  der  bisher  so  diirftigen  Gescbichte 
i lieser  Krankheiten  kaum  angers  seiu.  Einige  Andeutungen  mogen 
cur  Erbrterung  dienen. 

In  den  cutanen  Hyperasthasieen  ist  wahrend  des  Anfalls  und  bei 
iingrer  Dau'er  der  Krankheit  auch  in  den  Intervallen  die  Empfmdlich- 
\:eit  der  Oberllache  dergestalt  erhoht,  dass  die  geringfugigste  Be- 
•uhrung  den  Schmerz  steigert  oder  weckt,  wahrend  ein  starkrer 
! Jruck  nicht  bloss  geduldet  wird,  auch  erlcichtert.  In  dcr  Prosopal- 
fm,  Iscliias  u.  s.  f.  hat  man  Gelegenheit,  sich  hievon  zu  uberzeugen. 
)as  Gegentheil  fmdet  bei  dem  Schmerze  statt,  der  als  Symbol  einer : 
.gesunden  Nervenenergie  zu  Entziindungen,  selbst  zur  Entzundung 
Her  Nervensubstanz  (Neuritis)  und  zu  Desorganisationen  andrer  Ge- 
oilde  sich  gescllt.  Diese  abnormc  Empfindlichkeit  der  Oberfliiche  be- 
gleitet  auch  die  Hyperasthasieen  der  Centralorgane,  die  Neuralgia 
• I'pinalis , die  Hemicrania , wo  oft  die  Kopfhaarc  so  empfindiich  wer- 
den, dass  ih re  Beriihrung  und  Handhabung  schmerzt.  Allein  nicht 
doss'  gegen  den  mechanischen  Reitz  des  Druckcs  etc.,  auch  gegen 


12 


HYPERASTHASIEEN. 


nndere  Einfliisse  iiussert  sicli  cine  abnorme  Reaction.  Die  Veninde- 
rungen  des  Welters,  der  electrischen  Spannung,  der  Atmosphare 
werden  von  solchen  Kranken  angekundigt  und  gefiihlt,  und  Hugh 
Ley  (An  essay  on  the  laryngismus  stridulus  or  crouplike  inspiration 
of  infants.  London  183G.  p.  30G.J  hat  die  Beobachtung  gemacht, 
dassBlutegelstiche  in  der  neuralgischen  HautErythcm  und  Geschwure 
nach  sich  ziclien.  Andrerseits  haben  Reitz'e,  die  den  Schmerz  als 
Thatigkeitsausserung  des  gesunden  Nerven  hervorrufen,  keinen  sol- 
chen Einfluss  auf  den  von  Hyperasthiisie  Befallnen.  Der  die  organi- 
schen  Ivrankheiten  des  Gehirnes  begleitende  Schmerz  wird  sofort  und 
zu  jeder  Zeit  durch  Schutteln,  Biicken  des  Kopfes,  durcli  Anhalten 
des  Athems  u.  s.  w.  erregt:  dagegen  in  den  Intervallen  der  Migrane 
die  diese  und  ahnliche  Einfliisse  unwirksam  hleihen. 

Eine  niclit  minder  erhehliche  Verschiedenheit  bietet  das  zeitlicke 
Yerhaltniss  der  Hyperasthasieen  dar,  im  Vergleiche  zu  den  Reitzun- 
gen  gesunder  Nerven.  Es  ist  zwar  eine  ganz  irrige  Yoraussetzung, 
dass  ein  permanenter  Reitz  in  einem  Nerven  von  einer  anhaltenden 
Aeusserung  seiner  Energie  begleitet  sein  miisse,  da  in  jedem  Nerven 
die  Reitzbarkeit  temporar  durch  die  Reitzung  erschopft  wird,  allein 
ein  rhythmischer  oder  periodiscber  Yerlauf,  Abwecbselung  von  An- 
1 alien  und  freien  Zwischenzeiten,  mag  ihre  Dauer  noch  so  kurz  sein, 
ist  cbarakteristisch  fur  die  Hyperasthasieen  und  abhangig  von  der  pe- 
riodischen  Exaltation  der  Reitzbarkeit,  deren  Bedingung  uns  freilick 
unbekannt  ist. 

* 

Um  diese  und  andre  Unterscbiede  deutlicher  hervorzubeben,  babe  « 
ich  in  den  folgenden  Expositionen  hie  und  da  Yergleichungen  von 
Zustiinden,  wie  sie  durch  Reitzung  gesunder  Nerven  entstehen,  mit 
Hyperasthasieen  angcstellt. 

Ausser  den  unmittelbaren  Reitzungen  sensibler  Nerven,  welche  im 
gesunden  und  kranken  Zustande  einen  der  eigenthiimlichen  Energie 
des  gereitzten  Nerven  entsprechenden  Ausdruck  haben,  gicbt  es  noch 
mittelbare  Empfindungen,  die  wie  die  Reflexbewegungen  auf  Em- 
pfindungen,  im  Lenlralapparate  durch  Mittheilung  von  scnsibeln 


HYPERASTHASIEEN. 


13 


7asern  an  nahgelegene  sensible  Fasern  entstehen  mbgcn  und  von 
t a Her*)  Mitempfmdungen  genannt  worden  sind.  (Valentin’s  ho- 
nogene  Synergie.  1.  c.  p.  103).  In  Hyperasthasieen  kommen  diese 
blitempfindungen  haufig  vor  und  geben  sich  in  Nervenbahnen  kund, 
iie  von  der  peripherischen  Manifestation  der  Hyperasthasie  mehr 
>der  weniger  entfernt  sind.  So  mussen  die  Schmerzen  gecleutet  wer- 
len,  welche  sich  in  Neuralgieen  nach  Verletzung  eines  Hautnerven, 
. B.  am  Finger,  in  der  Hand,  im  Arme,  am  Halse,  im  Gesichte,  in  der 
intern  Extremitat,  nicht  bloss  derselben,  auch  der  entgegengesetzten 
^eite  einfinden.  (Vrgl.  die  unten  mitgetheilten  Beobachtungen.)  Zu 
I lyperasthasieen  der  sympathischen  Nerven  gesellen  sich  reclit  oft 
Ulitempfindungfen,  z.  B.  in  die  Arme  ziehende  Schmerzen  bei  der 
l ingina*  pectoris,  Schmerzen  in  den  Schlundzweigen  des  vagus  bei 
Her  Neuralgia  coeliaca,  Schmerzen  in  den  obern  Extremitaten  bei  der 
Neuralgia  mesenterica,  in  den  untern  bei  der  Neiir.  hypogaslr.  u.  s.  f. 

Wenden  wir  uns  von  den  physiologischen  Attributen  der  Ilyper- 
iisthasieen  zu  den  Erscheinungen,  die  ihnen  als  pathischen  Lebens- 
l Organgen  eigen  sind,  so  finden  wir  nur  wenige  Ziige,  die  fur  die 
Aesammtheit  als  charakteristisch  aufgestellt  werden  konnen.  Es  sind: 

1 1 ) der  periodische  Verlauf  mit  regelmassigem  oder  unregelmassigem 
fthythmus.  2)  Die  Isolirung  des  Krankheitsprocesses,  der  mit  andern, 
Hen  der  intermiUens  ausgenommen,  keine  Verbindung  einzugehen 
geneigt  ist:  dalier  die  Gleichmassigkeit  und  Beharrlichkeit  der  Pha— 
aomene,  bei  noch  so  langer  Dauer.  3)  Die  Nichtgefahrdung  des  Le- 
bens.  4)  Das  Verschonen  des  kindlichen  Alters.  5)  Die  Neigung  zu 
llecidiven. 

Je  nach  dem  Sitze  der  nyperasthasieen  in  den  verschiednen  sen- 
dbeln  Nervengebieten  mischen  sich  diesen  allgemeinen  Ziigen  be- 
sondre  bei.  Der  wichtigste  ist  unstreitig  der  eigenthumliche  Ausdruck 
je  nach  der  specifischen  Energic  des  afficirten  Nerven.  Zunachst  der 
Einfluss  des  Sitzes  in  dem  peripherischen  oder  ceutralen  Apparate. 
Bei  Hyperasthasieen  des  Gehirns  und  Ruckenmarks  ist,  von  der  Mit— 

*)  Ilandh.  dor  Physiol,  des  Menschen.  3.  Auil.  Ir  Thl.  S.  709. 


14 


hyperasthasieen. 


ttoeilbarkeit  tier  Zustiindc,  wclche  denselben  als  Centralorganen  zu- 
kommt,  tier  Ilinzutritt  anderer  Nervenerschcinungen,  motorigehen, 
trophischen,  psychiscben  Gepriiges  abhangig. 

Darauf  berubet  nun  aucli  die  Diagnose  der  Hyperasthasieen, 
welche  durch  die  pbysiologiscben  Fortschritte  in  der  neueren  Zeit 
einen  festeren  Halt  bekommen  hat.  Indessen  bedarf  es  noch  ernster 
Bemiihungen,  sie  zu  vervollkommnen  und  Irrthumer  auszumerzen, 
welche  durch  Tradition  sanctionirt  worden  sind.  Um  nur  ein  Bei- 
spiel  anzufuhren,  es  hat  sich  die  Ansicht  erbalten,  dass  in  den  Neu- 
ralgieen  der  Schmerz  am  Laufe  der  Nerven  sich  halt  und  den  Aesten 
und  Zweigen  entlang  verbreitet.  Allein  bei  genauerer  Beobachtung 
wird  man  sich  iiberzeugen,  dass  der  Schmerz  nur  an  einzelneu  Punk- 
ten  einer  oder  mehrerer  Nervenbahnen  aufblitzt,  gleicbzeitig  oder 
successiv,  in  letzterem  Falle  mit  so  grosser  Schnelligkeit,  dass  der 
Schein  einer  Continuity  entsteht.  Unbefangne  frische  Kranke  geben 
bier'uber  zuverlassigere  Auskunft  als  solche,  in  die  viele  Jahre  hin- 
eingefragt  worden  ist. 

Die  atiolo gisc he  Diagnose,  die  fur  Entzimdungen,  z.  B.  des 
Auges,  mit  so  grossem  Erfolge  eroffnet  worden  ist,  muss  fur  die 
Hyperasthasieen  noch  geschaffen  werden.  Einige  Materialien  liegen 
vor:  z.  B.  die  Beziehung  einzelner  Organe  zu  bestimmten  Nerven- 
bahnen, der  Gebarmutter  zum  vagus,  des  Herzens  zu  den  Haul  ner- 
ven des  Armgeflechts,  des  rectum  zum  Schenkelgeflecht.  (Zu  verglei- 
chen  ist  die  physiologische  Deutung  im  Scholion  des  Capitels  uber 
Byperaesth.  plexus  cardiaci.)  Auch  die  Modificationen  einzelner  Er- 
scheinungen  gehoren  hieher.  Bell  bemerkt  bereits  (Physiol,  und  pa- 
tholog.  Untersuch.  des  Nervensyst.  S.  308).  „In  der  schmerzhaften 
Affection  des  Gesichts  kommt  ofters  ein  Symptom  vor,  welches  ich 
als  die  Wirkung  einer  Darmreitzung  betrachte,  namlich  ein  bruh- 
heisses  Gefuhl.  Dieses  zeigt  sich  aucli  sehr  oft  an  den  untern  Ex- 
tremitiiten.  Ein  Purgans  fiihrt  es  zuweilen  bei  seinem  Durchgang 
durch  den  Darmkanal  herbei,  hebt  es  aber  auch  oft  giinzlich.  Ich 
behandle  einen  Kranken,  der  jedesmal  bei  Anhaufung  reitzender 


1IYPERASTH/VSIEEN. 


15 


'StofTe  in  den  Darmen  diese  brennende  Empfindung  von  der  Hufte 
bis  zur  Ferse  bekommt.  Hiemit  ist  Empfindlichkeit  gegen  aussern 
IDruck  verbunden  und  lasst  man  diesen  Zufall  fortdauern,  so  nimmt 
3r  leicht  den  Charakter  der  Ischias  an.“  So  durften  auch  in  der  op- 
tischen  Hyperasthasie  die  Formen  der  Phantasmen  an  bestimmte 
ersachliche  Bedingungen  gekniipft  sein. 

Was  die  iitiologischen  Yerhaltnisse  der  Ilyperasthasieen 
iberhaupt  hetrifft,  so  sind  mir  einige  mit  geniigender  Sicherheit  ermit- 
elt,  die  Mehrzahl  nicht.  Unter  den  Lebensaltern  sind  das  jugendliche 
ind  mittlere  am  giinstigsten,  das  Greisesalter  disponirt  nur  zu  einigen 
Arten,  ( Pruritus , Vertigo ):  das  kindliche  wird  fast  verschont.  Die 
Geschlechter  zeigen  eine  verschiedne  Neigung  zu  bestimmten  For- 
rnen:  \viihrend  das  mannliche  ausschliesslich  der  Hypochondrie  ausge- 
' ;etzt  ist,  wird  das  weibliche  vorzugsweise  von  der  Hemicranie,  von  den 
Spinal-  und  Gelenkneuralgieen,  von  der  Mastochjnia  neuralgica,  von 
illen  tubercul.  doloros.  heimgesucht.  Erbliche  Anlage  ist  selten  und 
nnacht  sich  am  meisten  bei  Cerebralhyperasthasieen  geltend.  Ueber 
nitmospharische  Bedingungen  steht  nichts  Test.  Epidemische  Verbrei- 
l ung  findet  selten  statt;  bei  Verbindung  mit  Intermittens,  bei  Neuralgia 
n nesenterica  und  bei  Neuralgie  der  Extremitiiten  kommt  sie  vor.  ,Auch 
unit  den  climatischen  Einfliissen  ist  man  unbekannt ; nur  eine  tropische 
rorm  der  mesenterischen  Neuralgie  ist  genauer  beschrieben.  Einige 
peciOsche  Ursachen  lassen  sich  nachweisen : Z.  B.  Blei  fur  Neuralgia 
i nesenterica,  verdorbnes  Korn  und  Veratrin  fur  Formication,  Morphium 
ur  Pruritus,  eingeathmetes  Stickstoffoxyd  fur  Hyperaeslh.  optica.  Die 
m Organismus  entwickelten  Ursachen  w irken  durch  Excess  oder  De- 
'cct  der  Reitzung.  Andrang  oder  Entziehung  des  Blutes,  Plethora, 
indrnie,  beide  haben  Schwindel,  optische  und  acustische  Hyperasthasie 
ur  Folge.  Krankheiten  des  Herzens  und  der  Gefasse  stehen  oilers 
in  atiologischer  Beziehung.  Hypertrophic  des  linken  Ventrikels  ver- 
i inlasst  Schwindel,  Seh-  und  Gehorphantasmen.  Aneurysmen  hedin- 
gen  zuweilen  die  heftigsten  Neuralgieen,  wovon  Andral  (in  seiner 
Ausgahe  von  Laennecs  traite  de  l’ auscultation  mediate  T.III.  p.  1 04) 


16 


1IYPERASTIIASIEEN. 


einen  merkwiirdigcn  Fall  mitgetheilt  hat.  Krankhafte  Zustande  des 
Darmkanals  und  seiner  Dr'usen  sind  eine  ergiebige  Quelle  fur  Ent- 
stehung  der  Ilyperasthasieen.  Neuralgieen  der  untern  Extremitaten 
sind  oft  von  ilinen  abhangig,  nicht  minder  Ilemicranie,  Vertigo , 
optische  und  acustische  Ilyperasthasie,  Neuralg.  coeliaca,  Hypochon- 
drie  etc.  Yon  schr  wichtigcm  Einflusse  ist  der  weibliche  Sexualappa- 
rat,  an  und  fur  sicb  und  als  Heerd  hysterischer  Affection.  Dagegen 
liaben  die  Lungen  keine  atiologische  Beziehung  zu  Ilyperasthasieen. 
Unter  den  pathischen  Processen  Iiegen  am  ha  u figs  ten  Rheuma,  Arthri- 
tis, Haemorrhois,  Carcinoma,  Impetigo  unentwickelt,  ausgebildet,  unter- 
brochen,  zu  Grunde.  Der  Missbrauch,  den  man  unlangst  noch  mit  der 
gelaufigen  Annahme  des  Entzundungsprozesses  getrieben,  hat  zwar  in 
der  neuesten  Zeit  nachgelassen,  docli  fmdet  derselbe  immer  noch 
Anklang.  Aus  der  Geschichte  der  Sensibilitat-Neurosen  ergiebt  sicli 
aber,  dass  Neuritis,  wenn  auch  mit  Symptomen  exaltirterEmpfmdung 
begyinend,  den  Contrast,  die  Anasthiisie,  herbeifiihrt,  wahrend,  wie 
ich  zuvor  erwahnt  habe,  Gleichmassigkeit  und  Beharrlichkeit  der  Pha- 
nomene,  bei  noch  so  langer  Dauer,  ein  Grundzug  der  Hyperastha- 
sieen  ist. 

Yon  den  anatomischen  Charakteren  der  Hyperasthasieen 
hatte  man  bis  jetzt  nur  eine  sehr  diirftige  Kenntniss.  Theils  war  die 
Unbekanntschaft  mit  dem  Gesetze  der  excentrischen  Erscheinung 
schuld,  dass  man  nur  in  den  oberflachlichen  peripherischen  Verzwei- 
gungen  Sitz  und  Anlass  der  Krankheit  — meistens  vergebens  — auf- 
suclite,  theils  liess  sich  bei  dem  Mangel  technischer  tibung,  die  in 
den  anatomischen  Untersuchungcn  der  Nerven  grossrer  Ausbildung 
bedarl,  kein  Aulschluss  hoffen.  Augenfallige  oder  handgreitliche  Bc- 
lunde,  worauf  die  Neugierdc  gespannt  ist,  werden  nach  Hyperiistha- 
sieen  kaum  angetroffen:  um  aber  ein  in  der  Balm  eines  sensibeln 
^men  haftendes  Tuberkel  von  der  lvleinheit  eines  Hirsekorns  oder 
eine  andre  ^ erandcrung  von  microscopischer  Feinheit  aufzufinden, 
bedarf  es  ausser  der  Fidiigkeit  noch  einer  ausdauernderen  Hinge- 
bung,  als  sich  von  der  lUenge  erwarten  liisst. 


IIYPERiSTHASIEEN. 


17 


Die  Naturheilung  cler  Hyperasthiisieen  erfolgt  entweder  unter 
kritischen  Erscheinungen,  oder  als  Metaschematismus,  oder  als  Lysis. 
Die  Krisen  machen  sich  am  hiiungsten  durch  Dr'usen-  und  Gefass- 
apparat  des  Darms,  des  Uterus,  der  Nasenhohle,  z.  B.  Blutbrechen 
und  Melaena  fiir  Neuralgia  coeliaca,  Ilaemorrhoi's,  Blutfluss  aus  der 
: Gebiirmutter  fiir  Ischias  und  Neuralgia  hypogastrica,  Epistaxis  fur  Ver- 
tigo. Metaschematisch  treten  besonders  Arthritis  und  Impetigines  auf. 
]Die  Lysis  erfolgt  im  Alter  der  Decrepiditat  (Ilemicrania),  bci  Um- 
>stimmung  des  ganzen  Organismus  durch  yeriinderte  Yerhaltnisse  des 
(Clima,  der  Lebensweise  u.  s.  f. 

Die  technische  Behandlung  ist  im  Allgemeinen  unzulang- 
lich.  Hyperasthiisieen  gehoren  zu  den  widerspenstigsten  Krankheiten 
und  die  oft  lange  Dauer  ihrer  Pausen  tauscht  den  minder  Erfahrnen 
imit  dem  Scheine  gliicklicber  Cur.  Schulgerecbt  die  Causalindication 
zu  erfiillen  ist  schwierig,  in  vielen  Fallen  unmoglich,  fiihrt  selten  al- 
ilein  zum  Ziel.  In  den  Verhaltnissen  der  Nerven  zu  den  andern  Sy- 
sstemen  sucht  dann  der  Praktiker  einen  Halt  und  findet  ihn  zuweilen. 
IDem  Blute  kommt  ein  wichtiger  Antheil  zu,  wenn  er  auch  als  ent- 
zz'undlicher  oft  gemissdeutet  wird.  Yon  Uebertragung  auf  den  Darm- 
ikanal  ist,  zumal  in  den  Hyperasthiisieen  und  Neuralgieen  der  untern 
lExtremitiiten  und  der  Bauchgedechte,  Erfolg  zu  erwarten:  weniger 
won  der  Reitzung  der  Haut  durch  rubefac.  und  exutoria.  Die  nacli- 
.^ste  Aufgabe  ist  durch  alterirende  und  restaurirende  Heilpotenzen  die 
I Exaltation  der  Reitzbarkeit , welche  in  den  Centralorganen  wurzelnd 
den  Hyperiisthasieen  zu  Grunde  liegt,  auf  den  Normalstand  herabzu- 
'Stimmen.  Dazu  reicht  das  somatische  Yerfahren  nicht  aus,  ein  psy- 
chisches  muss  zur  Hiilfe  genommen  werden,  von  desscn  YVirksam- 
ikeit  das  Abwenden  dcr  Intention  ein  Zeugniss  giebt. 

Wie  viel  Muhe  und  Anstrengung  aber  auch  auf  diese  Behandlung, 
die  den  Namen  der~  rationcllen  sich  vindicirt,  gewandt  wird  — sic 
wchliigt  sehr  oft  fold  und  an  empirischen  Mitteln  haftet  die  HofTnung. 
IKein  Yorwurf  ist  deshalb  zu  machcn,  dcnn  auch  jcnes  Mittel  ist  ein 
wolches,  welches  am  sichcrsten  die  Hyperasthiisieen  mit  regelmassigem 

Romberg’s  Nervcnkrankh.  F.  ^ 2 


18 


IIYPERASTHASIEEN. 


Rhythmus  lieilt,  das  vcgetabilischc  und  mineralische  Antitypicum, 
China  und  Arsenih.  Nur  verfahre  man  krilisch,  sei  mit  dem  Lobe 
karg,  rcife  die  Beobachtung:  gar  vieles  birgt  das  Kehrigtfass  der 
Materia  medica,  was  zur  Zeit  mit  Lob  uberscluittet  worden  ist.  Vorn 
Veratrin,  vom  Terhenthin  u.  a.  1).  sind  specifische  Krafte  geruhmt 
worden,  mit  welchem  Rechte  — werden  die  folgenden  Blatter  an- 
deuten. 


Erste  Ordnung. 


Hyperastliasleen  der  IVeryenlialmeit. 

A.  Hyperasthasieen  der  cerebrospinalen  Bahnen. 


1.  Gattnng. 

Hyperasthasie  der  Hautnerven. 

( Hyperaesthaesia  cutanea .) 

Der  Ausdruck  dieser  Hyperasthasie  istEmpfmdung  von  Schmerz, 
Jucken,  Kribbeln,  Iiitze,  Ralte;  am  haufigsten  Schmerz,  daher  auch 
der  Name  Neuralgia  zu  ihrer  Bezeichnung  in  Gebrauch  gekommen 
ist.  Diese  Empfindungen  geben  sich  anfallsweise  kund  und  sind  auf 
einen  der  Ausbreitung  eines  oder  mehrerer  Hautnerven  entsprechen- 
den  Raum,  gewohnlich  einer,  zuweilen  beider  Rorperhalften,  be- 
schrankt. 

Zum  Prototyp  mogen  die  Neuralgieen  von  Nerve nverletzung 
dienen,  weil  sie,  wie  die  chirurgiscben  Yortalle  uberhaupt,  Experi- 
menten  gleichzustellen  sind,  die  eine  deutlichere  Anscbauung  einfa- 
cher  Zustande  gewabren  kbnnen. 

Ausgang  des  Schmerzes  von  einer  bcstimmten  Steilc  in  der  Balm 
eines  Nerven,  Yerbreitung  desselben  in  die  peripberiscben  Enden  die- 
ses Nerven,  Erregung  und  Steigerung  des  Schmerzes  durch  iiussere 
leicbte  Beruhrung  der  verletzten  Stelle,  Nachlass  durch  Compression 

2’ 


20 


NEURALGIEEN. 


oberhalb  der  vcrlctzten  Stcllc  — dies  sind  die  Merkmale,  wofan  sich 
die  Neuralgic  vou  Verletzung  ernes  Nervcn  erkennen  lasst.  ])azu  gc- 
sellen  sicli  haufig,  zuAnfang  oder  spaterhin,  Mitempfindungen  in  an- 
dern  Nerven,  nicht  bloss  in  der  Nahc,  aucli  entfernt  vom  urspriingli- 
chen  Sitze,  und  ein  Allgemeinlciden  pflegt  sich  bei  langrer  Dauer 
und  Ilartnackigkeit  der  Schmerzen  auszubilden. 

Stichwunden,  partielle  Schnittwunden,  Quetschungen,  fremde  Kbr- 
per,  Geschwiilstc  geben  am  haufigsten  Anlass.  Schmerz  tritt  anfalls- 
weise  ein  und  wird  durch  Wetterveranderungen,  GemiithsafTecte  und 
Diatfehler  hervorgerufen  oder  gesteigert. 

Am  reinsten  stellt  sich  die  Neuralgie  lieraus,  wenn  die  verletzen- 
den  Anlasse  vorzugsweise  sensible  Nerven,  z.  B.  die  subcutan .,  tref- 
fen,  dagegen  sie  sich  mit  Symptomcn  motorischen  Gepriiges  ver- 
bindet,  wo  jenc  Ursachen  in  einem  Nervenstamme  ihren  Sitz  haben, 
welcher  ausser  sensibeln  Fasern  auch  motorische  Elemente  iu  sich 
birgt. 

Beispiele. 

Ein  1 6 jahriges  Madchen,  mit  Erlernung  der  Kochkunst  beschaf- 
tigt,  stach  sich  beim  Zuljereiten  eines  Rehbratens  mit  der  Spitze  einer 
Spicknadel  in  den  Mittelfinger  der  rech ten  Hand,  an  der  Radialseite 
zwischen  der  2.  und  3.  Phalanx.  Ileftige  Schmerzen  stellten  sich  sofort 
ein  und  nach  einigen  Tagen  Entzundung,  mit  Entwickelung  von  Phly- 
ctanen  und  dunkler  Rothe  iiber  Hand  und  Vorderarm.  Die  geeigne- 
ten  Mittel  beseitigten  zwar  die  Entzundung,  allein  ein  schmerzhaftes 
Gefuhl  blieb  in  der  Fingerspitze  zuriick,  welches  sowohl  durch  aussere 
Beruhrung  als  spontan  sich  steigert,  und  Mitempfindungen  in  der 
Hand,  im  Arm,  im  Nacken,  und  im  Beinc  derselben  Scite  herbeige- 
fuhrthat.  So  oft  ein  andres  Unwoldsein  die  Kranke  befallt,  schmerzt 
der  Finger  am  stiirksten.  Der  mehrere  Sommer  wiederholte  Gebrauch 

der  Seebiider  von  Norderney  hat  wold  einigen  Nacldass,  jedoch  keine 
Heilung  bewirkt. 

\\  ardiop  erzahlt  folgenden  Fall  (Medico-chirurgic.  transactions 
vol.  XII.  P.  I p.  205 J: 


NEURALGIEEN. 


21 


„.Ein  junger  Mann  braclite  sich  mit  eincm  scharfen  Flintensteine 
eine  tiefe  Schniltwunde  an  der  Radialseitc  dor  zweiten  Phalanx  des 
linken  Daumens  bei,  welche  heftig  schmerzte  und  per  primam  inten- 
tionem  sehnell  zulieilte.  Nach  ein  Paar  Tagen  wurde  der  Daumen 
wieder  schmerzhaft.  Am  zehnten  Tage  war  das  aussere  Ansehen  des 
Daumens  normal,  die  Narbe  verhielt  sich  wie  gewohnlich,  allein  hef- 
tker  Schmerz  war  nicht  nur  in  dem  verwundeten  Gliede  vorhanden, 
sondern  auch  im  Zeigefmger  und  in  der  Radialseite  des  Mittelfingers 
und  breitete  sich  fiber  den  Arm  bis  zupi  Halse  aus.  Rei  leichter  Be- 
rfihrung  des  Daumens  wurde  der  Schmerz  ausserordentlich  heftig. 
Der  Puls  war  frequent  und  voll,  das  Gesicht  roth.  Ein  reichliches 
Aderlass  schaffte  Linderung,  und  selbst  der  aussere  Druck  war  nicht 
mehr  so  empfindlich.  Nach  drei  Tagen  kehrten  die  ortlichen  Zufalle 
zurfick,  wichen  von  neuem  der  antiphlogistischen  Behandlung,  zeigten 
sich  dann  spider  wieder.  Zu  Zeiten  war  der  Schmerz  heftiger,  zu  an- 
dern  gelinder : nicht  selten  ward  er  durch  psychische  Aufregung  her- 
vorgerufen,  zuweilen  auch  durch  den  geringsten  Genuss  animalischer 
Kost.  Opiate  linderten  nicht,  sondern  nur  starkes  Purgiren  und  ein- 
fache  dfinne  Nahrung.  Binnen  drei  Wochen  war  der  Kranke  abge- 
zehrt,  hinfallig,  unddiedigestivenFunctionen,  die  schon  zuvor  gelitten 
hatten,  liessen  sich  jetzt  schwer  regeln.  Der  verwundete  Daumen,  der 
stets  empfindlich  war,  wurde  lifters  anfallsweise  von  marterndcn 
Schmerzen  befallen,  welche  uber  die  ganze  Hand,  den  Arm,  den  Hals 
und  den  Rficken  entlang  sich  ausbreiteten.  Die  Durchschneidung  des 
Nerven  oberhalb  der  verletzten  Stelle  wurde  jetzt  vorgcnommen. 
Augenblicklich  verschwanden  alle  Zufalle ; die  Empfmdlichkeit  gegen 
iiussern  Druck  horte  auf,  so  dass  die  rauhste  Berfihrung  unschmerz- 
haft  war.  Allein  nach  einigcn  Wochen  ffihlte  der  Kranke,  so  oft  cr 
etwas  Unverdauliches  gegessen  hatte,  so  oft  Purgirmittel  nicht  recht 
wirkten,  oder  Gemiithsalfecte  stattgefunden  hatten,  den  Schmerz  in 
der  Hand  und  im  Arme,  zuweilen  in  sehr  betrachtlichcm  Grade.  Nach 
dieser  Zeit  kelirle  die  Gcsundheit  zurfick,  so  dass  dcr  Kranke  20 
Monate  nach  der  Operation  wieder  die  anslrengendstc  Lebcnsweisc 


22 


NEURALGIEEN. 


fuhren  konnte.  Die  Daumenspitze  ist  taub  geblieben  und  gegen  au- 
ssern  Druck  unempfindlich,  wenn  jcdoch  die  Verdauung  in  Unord- 
nung  ist,  fiihlt  der  junge  Mann  einen  Schmerz  in  dem  verwundeten 
Daumen.“  — 

S c li  o 1 i o n.  In  diesem  Falle  geben  sich  zuerst  die  Symptomc  der 

Neuralgie  yon  Yerletzung  eines  Nerven  kund,  in  so  fern  sic  den  Theil 
sclbst  betreflen,  worin  sich  dieser  Nerv  verbreitet:  Schmerzhaftigkeit 
in  der  Balm  der  n.  cutanei  pollicis  dor  sales  vom  Iiautaste  des  radialis, 
und  Vermehrung  dieses  Schmerzes  durch  iiussere  leichte  Beriihrung. 
Zunachst  stellen  sich  die  Erscheinungen  der  Mitempfindung  heraus : 
der  Kranke  klagt  iiber  Schmerz  niclit  bloss  in  den  angeschnittnen 
n.  cutan.  dorsal,  des  Daumens,  welche  vom  vordern  Aste  des  ram. 
superfic.  dors,  des  n.  radialis  stammen,  sondern  aucb  im  Zeigefinger 
und  an  der  Radialseite  des  Mittelfingers,  welche  beide  ihre  Nerven 
vom  bintern  Aste  des  ram.  superfic.  erhalten,  ja  nicht  bloss  iiber 
Schmerzen  im  Laufe  dieser  Nerven,  aucb  in  der  Hand,  im  Arme,  am 
Halse.  Dass  diese  Mitempfindungen  nicht  in  der  peripheriscben  Ner- 
venbahn  zu  Standekommen,  wo  ohnebin  keine  Anastomosen  vorhan- 
den  sind,  welche  die  Leitung  von  einer  Faser  auf  die  andre  iibertragen 
konnen,  sielit  man  an  dem  Einflusse  gelegentliclier  Anlasse  auf  Erregung 
der  Anfalle  und  auf  Steigerung  des  Schmerzes,  ein  Einlluss,  der  sich 
selbst  nach  Trennung  des  Zusammenhangs  des  verwundeten  Nerven- 
stiickes  mit  dem  Gehirne  geltend  machte,  denn  so  oft  der  Kranke, 
nach  der  Durchschneidung  des  Nerven,  auf  irgend  eine  Weise  alficirt 
wurde,  klagte  er  iiber  Schmerzen  in  der  Hand,  im  Arme  etc.  Auch 
das  Gesetz  der  excentrischen  Erscheinung  ist  in  dieser  Beobaclitung 
recbt  anschaulich.  Der  Daumen,  obgleich  unempfindlich,  weil  er  sei- 
ner Gefiihlsnerven  verlustig  ist,  wird,  wenn  die  Verdauung  gestdrt 
ist,  schmerzhaft.  Hicr  wirkt  der  Einlluss  auf  das  Centralorgan  ein, 
und  beriihrt  zunachst  die  Central faserung  der  cutan.  pollic.;  die  da- 
durcb  zu  Slande  kommende  Empfindung  wird,  nach  der  excenlri- 
scbcn  Norm,  auf  das  pcripherischc  Ende  bezogen,  welches  = 0 ist, 
weil  sein  Zusammenbang  mit  der  Totalitat  der  Faser  aufgehoben  ist. 


NEURALGIEEN. 


23 


Endlich  inaclit  sicli  in  diesem  Falle  auch  die  Entwickelung  eines  All- 
gemeinleidens  in  Folge  der  ortlichen  Irritation  eines  sensibeln  Ner- 
ven  bemcrkbar. 

Eine  ahnliche  Beobaclitung  theilt  Abernethy  (Surgical  observa- 
tions on  injuries  of  the  head  and  on  miscellaneous  subjects.  4 edit. 
London  1825.  p.  209,)  mit,  und  eine  durcli  Intensitat  der  Zufalle 
ausgezeichnete  Swan  (a  treatise  on  diseases  and  injuries  of  the 
nerves,  new  edit.  London  1834.  p.  129.J. 

„Miss  W.,  23  Jalire  alt,  schnitt  sich  am  20.  Dezember  1822, 
beim  Aufschneiden  einer  Apfelsine,  in  die  Ulnarseite  des  Mittelfingers 
der  linken  Hand,  in  der  Mitte  dcr  zweiten  Phalanx.  Gleich  daraulklagte 
sie  uber  heftigen  Schmerz,  der  sicli  uber  Hand  und  Arm,  und  nach 
einigen  Tagen  bis  zur  Mitte  der  linken  Brust  und  in’s  Gesicht  verbrei- 
tete.  Am  26.  Dez.  war  die  Wunde  fast  verheilt,  die  Beriihrung  je- 
doch  sehr  empfindiich,  und  Schmerz  stellte  sich  ein,  sobald  man  jen- 
seit  der  Wunde  oder  an  der  Spitze  des  Fingers  driickte.  Die  ent- 
gegengesetzte  Seite  des  Fingers  war  unempfindlich  und  taub.  Die 
Bewegung  des  Armes  war  sehr  schmerzhaft,  auch  OelTnen  oder  Strek- 
ken  des  Fingers,  besonders  bei  Pronation  der  Hand.  Versuchte  die 
Kranke  zu  lesen,  so  bekam  sie  Schmerz  im  n.  supraorbital,  der  linken 
Seite  (Breiumschl.,  extr.  bellad.  ausserlich,  Opiate  und  anlispasmod. 
innerlich).  Am  1 1.  Januar  wurde  wegen  Fortdauer  der  Schmerzen 
und  Yerfalls  der  Gesundheit  die  Durchschneidung  des  Nerven  vorge- 
nommen.  Sofort  liess  sich  die  Narbe  ohne  Schmerz  driicken,  und  die 
entsprechende  Seite  des  Fingers  hatte  das  Gefiihl  verloren.  Am  12. 
kla  gte  sie  iiber  einigen  Schmerz  imArm  und  am  Halse,  und  iiber  sehr 
lebhaften  im  Gelenke  zwischcn  der  1.  und  2.  Phalanx,  doch  woren 
diese  Empfindungen  ganz  verschieden  von  dcnen  vor  der  Operation. 
Am  1 6.  Schmerzen  am  liaise  und  an  der  hintern  Flaclie  des  Obrs, 
ouch  an  der  innern  Seite  des  Arms.  Am  20.  Anfiille  von  Schmerz 
im  Gesiclitc,  wie  im  lie  douloureux  (Ferr.  curb.).  Am  25.  Januar 
Schmerz  im  Arm,  Seldiisselbcin  undSchulter  bis  unter  dem  Ellbogep. 
2.  Februar  Schmerzen  im  rcchlcn  hypochondr.  Die  Kranke  Iiatle 


u 


NEURALGIEEN. 


bereits  vor  dor  Vcrwundung  an  entzundlicher  Lebcraffcc  lion  gehttcn 
(Blntcgel,  Calomel  etc.).  1 0.  Febr.  Sie  klagte  nur  selten  uber  Ge-  j 
sichtsschmerzen  und  konnte  ihren  Ann  nach  jcdcr  Richlung  bewcgen, 
wenn  die  Hand  geschlossen  war,  allein  bckam  Sclimerzen,  sobald  Fin- 
ger und  Hand  zugleich  exlendirt  wurden.  — 21.  Febr.  Heftige 
Sclimerzen  im  Arm,  am  Halse  und  imGesichle.  In  der  Narbe  ist  cine 
kleine  selir  empfindliche  Geschwulst  befindlich.  .5.  Miirz.  Wiederholte 
Blutungen  aus  dem  linken  Nasenloche  und  viele  Schmerzen  in  der 
Hand,  besonders  im  Finger.  Da  die  Kranke  immer  melir  herunler 
kam,  ihre  Hand  nicht  gebrauchen  konnte  und  die  Sensibilitat  des 
Fingers  gestort  blieb,  so  entschloss  man  sicb  zur  Amputation  im  Me- 
tacarpalgelenke.  Bei  Untersucbung  des  Fingers  fand  man  in  der 
urspriinglichen  Wunde  eine  kleine  Faser  des  nerv.  digital,  durch- 
sebnitten,  deren  untres  peripherisches  Ende  mit  der  Narbe  verschmol- 
zen  war,  und  deren  obrer  Stumpf  in  einen  kleinen  Bulbus  auslief. 

An  der  Stelle,  wo  der  Nerv  bei  der  ersten  Operation  durcbschnittcn 
war,  fanden  sich  beide  Endstiicke  des  durebsebnittnen  Nerven  mit  der 
Narbe  verwachsen,  dcsgleicben  die  Endstiicke  des  Dorsalzweiges,  der 
ebenfalls  durebsebnitten  worden  war.  8.  Miirz.  Einige  Scbmerzen  im 
Gesicht  und  am  Halse,  und  auch  im  Finger  fiihlt  die  Kranke  oft  den- 
selben  Schmerz  wie  vor  der  Amputation.  IT.  Miirz.  Beim  Ausstrek- 
ken  des  Armes  und  der  Hand  hat  die  Kranke  Scbmerzen  wie  zuvor. 

21.  Miirz.  Das  Allgemeinbefinden  bessert  sicb,  allein  die  Scbmerzen 
dauern  in  der  Hand,  im  Arm,  hintcr  dem  Ohr  und  im  Gesiehte  fort. 

Jm  luli  1823  klagte  sie  zuerst  iiber  Schmerzen  im  Riicken,  wozu  sicb 
spaterbin  Kribbeln  in  den  Armen  und  Schwierigkeit  sicb  aufreebt  zu 
ballen  gcsellte.  Die  Percussion  der  Wirbel  war  empfindlich,  beson- 
ders der  untern  Brustwirbel.  2.  April  1824.  Brustkrampfe,  Mangel 
an  Appetit,  Scbmerzen  im  Riicken,  zumal  beim  Aufheben  der  Hand, 
heftiger  Schmerz  im  linken  Knic,  wclcber  drei  Tage  anbielt,  Schmer- 
zen beim  Diuck  an  der  Suite  der  Dornfortsatze,  besonders  beim  An- 
schhigcn  mit  dem  Schliissel,  Dysurie.  Nacblass  beim  Gebraucbe  eines 
V esicatorium  im  Riicken.  In  Folge  eines  slacken  GemiithsafTccts  kebrte 


NEURALGIEEN. 


25 


cin  Anfall  des  tic  douloureux  zuriick.  Den  Sommer  iiber  war  ihr 
Zustand  abwechselnd,  zuweilen  heftige  Schmerzen  im  Riicken  und  in 
dor  Brust,  gestdrte  Verdauung,  Erstarrung  und  Anasthiisie  in  der  lin- 
kcn  Hufte  und  Schuller,  dabei  das  Gefiihl,  als  konnte  der  Hals  den 
Kopf  nicht  tragen.  Ueber  die  Hand  klagfce  sie  nicht.  Im  November 
slellten  sich  nacli  einem  Stosse  an  den  Amputations-Stumpf  wieder 
Schmerzen  in  der  Hand,  besonders  im  abgesetzten  Finger,  ein,  welche 
jedocli  bald  nachliessen.  Zu  Anfang  des  Jahres  182G  meldeten  sich 
Anfalle  von  Schwindel,  wobei  sie  umfiel,  allein  nicht  ganz  das  Be- 
wusstsein  verlor.  Durch  Aufenthalt  an  der  Seekuste  wiihrend  des 
Sommers  besserte  sich  ihr  Zustand  im  Allgemeinen : allein  der  linke 
Arm  und  Fuss  blieben  schwacher  als  der  rechte.  Der  Yf.  verliess  die 
Stadt,  wo  sich  die  Kranke  aufhielt,  im  Marz  1829.  Spater  litt  sie 
wieder  an  Schmerzen  in  der  Hand  und  im  amputirten  Finger,  wozu 
sich  noch  andere  Leiden  gesellten.  Auch  der  tic  douloureux  kehrte 
zuriick.  Sie  litt  oft  an  Niesen,  Strangurie  und  an  schmerzhaften  Em- 
pfindungen  unter  den  Nageln  der  Finger  und  Zehen.  Bei  alien  Bc- 
schwerden  war  die  linke  Seite  am  meisten  betheiligt.  Noch  im  Jahre 
1833  befand  sich  die  Kranke  in  demselben  Zustaude.“  — 

Eine  der  haufigsten  Yeranlassungen  zu  Neuralgieen  in  Folge  ver- 
letzter  Nerven  giebt  das  Aderlass,  besonders  mittelst  des  Schneppers, 
und  wo  der  Arm  nicht  geschont  wird. 

Selten  sind  die  Falle  von  fremden  Korpern,  die  in  der  Bahn  eincs 
Nerven  haftcn,  und  die  sensibeln  Fasern  reitzen.  Einen  solchen  hat 
Denmark  beobachtet  und  beschrieben.  (An  example  of  symptoms 
resembling  tic  douloureux  produced  by  a wound  in  the  radial  nerve 
in  Med.  chirurg.  transact,  vol.  IV.  p.  48 J 

„ Einem  jungen  Marine  drang  bei  dem  Sturme  von  Badajoz  cine 
Musketenkugel  in  den  triceps  extensor  cubiti,  1 ]f2  Zoll  iiber  dem 
iinnern  condylus  des  os  humeri,  streifte  die  innere  Flaclic  dieses  Ivno- 
1 chens,  ging  schief  ab warts  durch  den  brachialis  internus  und  drang 
nalie  an  der  Armbcuge  nach  aussen.  Die  Wunde  heiltc  bald  zu, 
ohne  dass  sich  besondre  Zufalle  einfanden.  Nach  seiner  Aufnahme 


2G 


NETJRALGIEEN. 


iu  das  Hospital  fand  ihn  D.  von  peinigenden  Schmorzen  befallen, 
welche  die  starksten  Opiate  nicht  zu  lindern  vermochten.  Bestandig 
liielt  er  den  Yorderarm  gebogen,  in  der  Supination,  wobei  er  ihn  mit 
der  andern  Hand  festhielt.  Das  Handgelenk  war  gebogen  und  konnte 
spontan  nicht  aus  dicser  Stellung  gebracht  werden.  Er  duldete  es 
wold,  dass  ein  andrer  die  Hand  extendirtc,  allein  es  geschah  mit 
Zunahme  der  Schmerzen.  Sobald  die  Extension  nachliess,  nahm  die 
Hand  wieder  die  vorige  Lage  an.  Auch  die  Pronation  liess  sich,  je- 
doch  nur  unter  Schmerzen,  bewerkstelligen.  Eine  kleine  Geschwulst 
war  in  der  Gegend  derWunde  am  vordern  Tlieil  des  Armes  bemerk- 
bar,  deren  Beriihrung  den  Schmerz  steigerte.  Der  Kranke  schil- 
derte  die  Empfindung  des  Schmerzes : sie  nehme  von  der  Spitze  des 
Daumens  und  sammtlicher  Finger,  mit  Ausnahme  des  kleinen,  ihren 
Anfang  und  breite  sich  am  Arme  bis  zur  Wunde  aus:  es  sei  ein 
brennendes  und  so  peinigendes  Gefiihl,  dass  ihm  immer  der  Schweiss 
auf  der  Stirn  stehe.  Schlaf  fehle  fast  ganz,  und  der  wenige  sei  von 
Traumen  und  Auffahren  unterbrochen.  Die  Diagnose  war  klar.  Der 
Sitz  der  Wunde,  der  Charakter  und  Lauf  des  Schmerzes  von  den  Fin- 
gerspitzen  aus,  mit  Ausnahme  des  kleinen  Fingers,  deuteten  auf  den 
n.  radialis,  desgleichen  die  Zunahme  des  Schmerzes  im  Act  der  Pro- 
nation vom  Drucke  des  pronator  teres  auf  den  Nerven  in  seinem 
Durcligange  durch  diesen  Muskel.  Die  Amputation,  worauf  der  Kranke 
selbst  dringend  bestand,  wurde  vorgenommen,  da  die  Excision  eines 
Stuckes  aus  dem  Nerven  zu  wenig  Sicherheit  darbot,  und  der  Arm 
selbst  wegen  der  Contractin'  des  Ellenbogengelenks  unbrauchbar 
war.  Augenblicklich  trat  Erleichterung  ein  und  der  Kranke  wurde 
nacli  drei  Wochen  vollig  hergestellt  entlassen.  Bci  Untersuchung  des 
Arms  land  Denmark  den  n.  radialis  in  der  Wunde,  1 Zoll  lang, 
mit  den  andern  Iheilcn  verschmolzen.  Der  Nerv  selbst  war  verwun- 
det  und  an  dicser  Stelle  doppelt  so  dick  und  contrahirt.  Bei  Trennung 
der  Pasern  land  sich  daselbst  am  hinlern  Tlieil  des  Nerven  ein  klei- 
nes  St  lick  einer  Flintenkugel,  welches  dort  wic  eingesprengt  und  beim 
Streifen  an  den  Knochen  abgesprungen  war.“  


NEURALGIEEN 


27 


Aehnlich  frcmden  in  sensibeln  Nerven  haftenden  Korpcrn  wirken 
Geschwiilste,  die  sich  interstitiar  entwickeln,  die  sogenannten  Tuber- 
cula  dolorosa.-  Es  sind  meistens  Balg-  oder  Faserknorpel-Geschwulste, 
.seltner  tuberculose  Massen,  von  rundlicher  Form  und  geringer  Grosse, 
eines  Hirsekorns,  einer  Erbse  oder  hochstens  einer  Bobne,  welche 
im  Zellgewebe  zwischen  den  Biindeln  der  Nervenfasern,  besonders 
der  Hautnerven,  am  haufigsten  in  den  Extremitaten,  ihren  Sitz  haben. 
(Gewohnlich  ist  nur  eins  vorbanden,  selten  mehrere  zugleich.  IhrVo- 
lumen  ist  stationar:  mogen  sie  auch  eine  lange  Beihe  von  Jahren 
bestehen,  sie  nehmen  nicht  an  Umfang  zu.  Bei  oberflachlicher  Lage 
heben  sie  die  Haut  etwas  in  die  Ilohe,  deren  Farbe  und  Textur  un- 
verandert  ist:  sonst  sind  sie  bloss  bei  Application  des  Fingers  auf  die 
Stelle,  welche  der  Kranke  andeutet,  fiihlbar  und  beweglich. 

Das  pathognomonische  Symptom  ist  heftiger  Schmerz  in  Anfallen, 
ierregt  durch  aussere  Anlasse,  zumal  Druck  und  Stoss,  oder  durch  Ge- 
miithsaffecte,  atmospharische  Veranderungen  und  durch  unbekaimte 
Momente.  Der  Schmerz  iiussert  sich  am  heftigsten  im  Tuberkel  selbst, 
und  schiesst  wie  ein  electrischer  Scldag  in  die  peripherischen  Aus- 
breitungen,  seltner  in  centripetaler  Richtung,  zuweilen  begleitet  von 
Mitempfindungen  in  andern  Hautnerven.  Wiihrend  des  Anfalls  ist 
i die  Empfindlichkeit  der  Haut  dergestalt  gesteigert,  dass  die  ober- 
flachlichste  und  leiseste  Beruhrung  den  Schmerz  vermehrt,  was  ausser 
dem  Paroxysmus  nicht  der  Fall  ist.  Die  Dauer  der  Anfalle  ist  von  10 
Minuten  bis  iiber  ein  Paar  Stunden.  Ihre  Frequenz  und  Intensitat 
scheint  im  Verhallniss  zur  Dauer  der  Krankheit  zuzunehmen : manche 
Kranke  haben  tage-  und  wochenlange  Intervallen,  andere  hingegen 
mehrere  Anfalle  in  24  Stunden.  Bei  einigen  kommt  der  Schmerz  in 
der  Nacht  mit  schreckhaftem  Auflfahren. 

Die  ursacblichen  Yerhaltnisse  sind  fast  unbekannt.  Zuweilen  hat 
'ein  Schlag  oder  Stich  Anlass  gegeben.  Disposition  zur  Entstehung 
dieser  Geschwiilste  hat  unlaugbar  das  weibliche  Geschlecht.  Unter 
1 8 Fallen  hat  sie  Wood  14mal  bei  Frauenzimmern  beobachtet,  und 
unter  13  andern  in  Descot’s  Werke  mitgetheilten  Beobachtungen 


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NEURALGIEEN. 


kommcn  1 0 auf  das  weibliche  und  3 auf  das  mannliche  Geschlecht. 
Zvvei  mir  vorgekommene  Falle  betrafen  ebenfalls  Frauenzimmer.  (Vgl. 
Wood  on  painful  subcutaneous  tubercle  in  Edinb.  med.  and  surgic. 
Journ.  vol  FZET.jp.283  und  429  und  Descot  dissert,  sur  les  af- 
fections locales  des  nerfs.  Paris  1825.  p.  208.) 

Fine  andre  Art  von  Geschwiilsten  in  den  peripherisclien  Nerven- 
bahnen,  das  Neuroma,  besteht  aus  fungoser  oder  scirrhoser  Substanz, 
in  deren  Innerem  niclit  selten  Ilohlen  und  Cysten,  mit  verschieden- 
artiger  Fliissigkeit  gefiillt,  sich  voffinden.  Gewohnlich  breiten  sicli 
Neryenfasern  facherformig  uber  die  Oberflache  dieser  Geschwiilste 
aus.  (Vgl.  die  microscopisclie  Untersuchung  einer  solchen  Geschvvulst 
im  Abschnitte  liber  Anacslhaesia  culcmea .)  Sie  konnen  eine  bedeu- 
tcnde  Grosse,  die  eines  Eies  und  driiber  erreichen  und  sind  meistens 
verschiebbar,  dagegen  sie  sich  in  der  Lange  niclit  bewegen  lassen, 
ohne  viel  Schmerz  zu  erregen.  Die  Hautdecken  haben  ein  normales 
Ansehen.  Mehrentheils  findet  ein  schnelles  Wachstlium  statt,  und 
wahrend  des  Yerlaufs  zeigt  sicli  Ab-  und  Zunabme  des  Yoluraens. 
Die  Ursachen  sind  fast  immer  unbekannt  geblieben : vor  dem  Alter 
derPubertat  hat  man  diese  Geschwtilste  niclit  beobachtet,  und  alsdann, 
wic  es  scheint,  haufiger  beim  mannlichen  als  weiblicben  Geschlecht. 
Die  Symptome  unterscheiden  sicli  nicht  von  denen  der  tubercula 
dolorosa. 

Den  Schmerzen  durch  Verletzung  und  fremde  Korper,  die  in  den 
Hautnerven  iliren  Sitz  haben,  reilien  sich  diejenigen  an,  welche  von 
Neuritis  und  deren  Folgezustanden  entstehen. 

Die  Fntziindung  kommt  in  den  peripherisclien  Nervenbahnen  selt- 
ner  vor  als  in  den  Centralapparaten,  vorzugsweise  in  den  Stammen 
und  Aestcn,  und  nimmt  entweder  das  Neurilemm  und  das  zwischen 
den  Biindeln  gelegnc  Zellgewebe  ein  oder  die  Nervensubstanz  selbst. 
Im  erstern  Falle  ist  ein  gcdrangtes  Gefassnetz  auf  dem  Neurilemm 
sichtbar,  das  interstitiarc  Zellgewebe  ist  ebenfalls  injicirt  und  mit  einer 
rothlichen  serosen  Fliissigkeit  getrankt:  auf  dem  Durchschnitte  hat 
das  Nervenmark  cm  normales  Anselm.  \Yo  in  dicscm  der  Sitz  der 


INEURALGIEEN. 


29 


i Entzundung  ist,  zeigt  sich  cine  homogene  dunkelrothe  Farbe  des  Ner- 
vengefuges  und  veranderte  Consistenz,  cntweder  Erweichung,  so  dass 
•sich  der  Nerv  ohne  Muh  durchreissen  lasst,  oder  Yerhartung.  In  bei- 
den  Fallen  ist  gewohnlich  Zunahme  des  Volumens,  bis  auf  das  Dop- 
pelte  und  Dreifache,  bemerkbar. 

Die  Symptome  sind : ausserst  heftige  und  marternde  Schmerzen  an 
alien  Stellen,  wo  der  entziindete  Nerv  verlauft  und  sich  ausbreitet, 
rnit  geringen  Nachlassen  und  haufigen  Exacerbationen,  sowohl  spon- 
ttanen  als  auch  durch  aussre  Beruhrung,  besonders  Druck  und  Bcwe- 
:gung.  An  oberflachlich  gelegnen  Nerven  lasst  sich  Geschwulst  und 
Ilarte  deutlich  fiihl^n.  Die  Temperatur  des  Theils  ist  erhoht.  Bei 
fortschreitendcr  Entziindung  des  Nervengewebes  macht  die  Neuralgie 
' einer  Anasthasie  Platz. 

Die  haufigsten  Yeranlassungen  sind  aussre  Verletzung,  Entzundung 
’und  Entartung  nahgelegner  Tlieile:  so  erzahlt  Ollivier  ftraile  de  la 
moelle  epin.  et  de  ses  maladies  T.  I.  p.  360)  einen  Fall,  wo  durch  de- 
cubitus eine  Entzundung  der  letzten  Lumbar-  und  der  Sacralnerven 
tentstandcn  war:  Eindruck  starker  Kiilte. 

Die  Gefahr  ist  erheblich,  zumal  zuruckbleibender  Anasthasie  und 
iLahmung,  bei  Mitaffection  der  motorischen  Nervenfasern.  (Vgl.  Mar- 
tinet sur  V inflammation  des  nerfs  in  Revue  medicale  Juin  1 824.  p. 
329  — 354.) 

Haufiger  als  im  Stadium  der  Entzundung  zeigt  sich  Neuritis  in 
ihren  Folgezustanden,  Verdickung  und  Yerhartung  durch  albumind- 
> ses  Exsudat.  So  kommt  sic  in  den  Stumpfen  abgesetzter  Glieder  vor, 
und  ist  die  Quelle  marternder  Schmerzen,  die  sich  im  Stumpfe  selbst 
kundthun,  nicht,  wie  sonst  wohl  die  Erschcinungen  bei  Amputirten 
schliessen  lassen  wurden,  in  den  nicht  mehr  vorhandnen  Enden  der 
abgesetzten  Glieder.  Die  Schmerzen  sind  gewohnlich  anhaltend  und 
• exacerbiren  bei  Wetterveranderung.  Mitempfindungen  machen  sich 
Lgeltcnd  und  spastische  Zufalle  sind  zuweilen  Begleiter.  In  solchen 
IFiillen  sind  die  Enden  der  Nerven  verdickt,  angcschwollcn,  verhiirtet, 
bulbos  und  adhariren  fest  an  der  Oberflache  des  Slumples,  zuweilen 


30 


NEURAL  GIEEN. 


am  Knochen  selbst.  (Vgl.  Lang  staff  practical  observations  on  the 
healthy  and  morbid  conditions  of  stumps  in  den  Medic,  chirurg.  transact, 
vol.  XVI.  P.  I.  p.  1 28  u.  L arrey  Clinique  chirurgicale  T.  III.  p.  4 93.) 

Audi  in  der  Nahe  grosser,  tiefer,  fungoser  Geschwiire,  besonders 
an  den  untern  Extremitaten,  sind  die  Nerven  gewohnlich  bypertro- 
pliisch,  2 — 3mal  so  dick  wie  im  normalen  Zustande,  verhartet  oder 
erweicht,  stellenweise  mit  den  angranzenden  Gebilden  verwachsen,  zu- 
weilen  exulcerirt.  Das  Letztere  findet  sich  auch  in  derNachbarschaft  von 
Aneurysmen.  Die  begleitenden  Schmerzen  sind  ausserordentlich  hef- 
tig,  exacerbiren  oft  zur  Nachtzeit  und  aussern  sich  nacb  der  excentri- 
schen  Norm.  (Vgl.  Swan,  a treatise  on  diseases  and  injuries  of  the 
nerves.  London  1 834.  p.  68  — 85.) 

Scholion.  Die  Entziindung  ist  das  vermittelnde  Glied,  wenn  die 
Symptome  einige  Zeit  nach  der  aussern  Verletzung  auftreten,  und  sie 
ist  es  auch,  welche  gewissen  Einfliissen,  die  sonst  gar  keine  oder  eine 
entgegengesetzte  Wirkung  haben  wurden,  die  neuralgische  Ricbtung 
ertheilt,  z.  B.  dem  Drucke  und  der  Streckung  sensibler  Nervenfasern. 
Ein  sensibler  Nerv  vertriigt  im  gesunden  Zustande  die  Dehnung  sei- 
ner Fasern  ohne  merkbare  Storung.  Icb  habe  an  Pferden  den  Infra- 
und  Supraorbitalnerven  auf  dem  Griffe  eines  Scalpells  wie  die  Saite 
auf  dem  Stege  aufgeboben  und  gedehnt,  ohne  dass  das  Thier  die  ge- 
ringste  Empfindung  kundgab:  sobald  aber  durch  mecbanische  oder 
chemische  Reitzung  eine  Entziindung  des  Nerven  hervorgebracht 
worden,  erregte  schon  eine  leise  Beruhrung  heftigen  Schmerz.  Com- 
pression eines  gesunden  sensibeln  Nerven  durch  Geschvvulst  nahlie- 
gender  Theile  unterbricht  die  Leitung  und  veranlasst  Aniisthasie. 
Geriith  aber  derselbe  Nerv  in  einen  entz'undeten  oder  ulcerirenden 
Zustand,  so  entstehen  durch  den  Druck  betrachtliche  Schmerzen,  w ie 
es  zuweilen  bei  ancurysmatischen  Geschvviilsten  der  Fall  ist,  wovon 
Morgagni  (de  sed,  et  cans,  rnorbor.  cpist.  L.  art.  55j  ein  crlautern- 
des  Beispiel  angefiihrt  hat. 

Techni sch e Behan dlu ng.  Bei  primarer  Neuritis  ist  ein  con- 
sequentes  antiplilogistischcs  Verfahren  erforderlich,  zumal  die  An- 


NEURAL  GIEEN. 


31 


wendung  ortlicher  blutentleerender  Mittel,  der  Schropfkopfe  undBlut- 
egel  in  gehoriger  Zalil  und  Wiederholung,  darauf  Fomentationen, 
Cataplasmata , Einreibungen  des  ung.  hydrarg.  ciner.  mil  starkem 
Zusatze  von  Opium.  Gegen  zuruckbleibende  neuralgische  Beschwer- 
den  eignen  sich  Hautreitze,  Vesicatoria  in  Yerbindung  mit  enderma- 
tischem  Gebraucbe  des  Morphium,  Inunctionen  mit  Veratrinsalbe. 

Bei  Verwundungen  der  Hautnerven  sei  die  Behandlung,  trotz  der 
zuweilen  scheinbaren  Geringfugigkeit  der  Wunde,  ernst  und  sorgfal- 
tig  vom  ersten  Augenblicke  an.  Entfernung  fremder  Korper,  Befor- 
derung  der  prima  intentio,  und  grosstmogliche  Ruhe  des  verwunde- 
len  Theils  sind  nothwendig.  Demniichst  muss  man  durch  Blutegel 
und  kalte  Umschlage  das  Umsichgreifen  des  entziindlicben  Prozesses 
beschranken,  und  gastrischen  Storungen,  die  sich  leicht  hinzugesel- 
len,  durch  wiederholte  Abfiihrungen  entgegnen.  Jedoch  kann  die  In- 
tensify der  Zufalle  auch  einen  solchen  Grad  erreichen,  dass  dieses 
Yerfahren  nicht  geniigt  und  die  Durchsclmeidung  des  Nerven  vorge- 
nommen  werden  muss.  So  erzahlt  Swan  (/.  c.  p.  1 17.)  den  Fall 
eines  von  heftigen  Zuckungen  und  bald  darauf  von  Sopor  befallenen 
Madchens,  das,  ein  Paar  Tage  zuvor  am  Arm  zuAder  gelassen,  uber 
grossen  Schmerz  im  Arme,  welcher  sich  nach  der  Schulter  hinzog, 
geklagt  hatte.  Die  Aderlasswunde  in  der  mediana  war  noch  nicht  ver- 
narbt  und  etwas  eutzundet;  ihre  Untersuchung  erregte  sofort  einen 
convulsivischen  Anfall,  der  durch  Anlegen  eines  Tourniquets  oberhalb 
der  verletzten  Stelle  wieder  nachliess.  Die  Convulsionen  wiederholten 
sich  bald  darauf.  Es  wurde  die  Verletzung  eines  Hautnerven  mit  Ge- 
wissheit  vorausgesetzt,  und  eine  Incision  oberhalb  der  Wunde  von  1 
Zoll  Lange  und  einiger  Tiefe  gemacht,  und  bald  darauf,  da  die  Sym- 
ptome  fortbestandcn,  noch  eine  tiefere  und  langere  Incision  ober- 
halb der  ersten,  mit  solchem  Erfolge,  dass  die  Kranke  sogleich  zu 
sich  kam  und  Schmerzen  und  Krampfe  aufhorten.  — Allein  nicht 
immcr  wird  die  Hulfe  bei  frischer  That  nachgesucht,  sondern  langre 
Zeit  nachher,  nachdem  die  Wunde  bcrcits  vernarbt  ist  und  der  Kranke 
Monale  und  Jahre  durch  heftige  Neuralgic  heruntergekommen  ist. 


32 


NEURALGIEEN. 


Iiier  prufe  man  zuvorderst  die  Narbe,  vvenn  nocli  eine  vorhanden  ist, 
und  versuche  narcotische  Einreibungen,  (extr.  Belladonn.  3j  oder  pule. 
Opii  9j  zu  Axung.  ) und rubefacienlia,  unlcr  denen  Pearson  fol- 
gender  Mischung  den  Yorzug  giebt : Bj  Olei  Olivae  3 jj{3  ol.  terebinth. 
§j(3  acid,  sulphuric.  3j  M.,  deren  Gebrauch  bis  zum  Erscbeinen  eines 
Erythems  fortgesetzt  wird  (Med.  chirurg.  transact,  vol.  VIII.  p.  200 ). 
Der  Erfolg  solcher  Mittel  ist  jedoch  in  der  Regel  nicht  erheblich  und 
ein  chirurgisches  Yerfahren  wird  nothwendig.  Man  hat  die  Wahl 
zwischen  Excision  eines  Stiickes  aus  demNerven  oberhalb  der  ver- 
letzten  Stelle,  und  A m p u ta  t i 0 n.  Sicherer  ist  die  letztere  und  bei  klei— 
nen  Gliedern,  Fingern,  Zehen,  vorzuziehen;  (War  dr  op  account  of 
a case,  where  a severe  nervous  affection  came  on  after  a punctured 
wound  of  the  finger  and  in  which  amputation  was  successfully  per- 
formed, Med.  chir.  transact,  vol.  VIII  p.  249,  vol.  XII.  P.  I p.  2 i {)) 
dagegen  in  grossern  Gliedmassen  die  Excision  zu  versuchen  ist,  wenn 
nicht  dringende  Umstande,  z.  B.  ein  hoher  Grad  von  Allgemeinleiden, 
die  Amputation  vorziehen  lassen.  So  ist  auch  Excision  des  Nerven- 
endes  oder  eine  neue  Amputation  bei  neuralgischen  Stumpfen  erfor- 
derlich,  obgleich  in  manchen  Fallen,  wo  die  Eutartung  des  Nerven 
hoher  herauf  sich  erstreckte,  beide  von  keinem Nutzen  waren  (M ago 
outlines  of  human  pathology.  London  1830  p.  82  u.  p.  1 40y).  L an  g- 
staff  (l.  c.  p.  144J  empfiehlt  als  prophylactisches  Yerfahren  bei 
Amputationen  das  Hervorziehen  der  einzelnen  Nerven  mitlelst  eines 
Hakens,  1f2  Zoll  aus  der  Qberflache  des  Stumpfes  und  darauf  die 
Durchsclmeidung,  wodurch  der  Vernarbungsprozess  der  Hautdecken 
um  so  sichrer  und  ungestdrter  vor  sich  gelien  soil. 

Bei  Nervengeschwiilsten  ist,  zumal  bei  oberflachlicher  Lage  dersel- 
ben,  die  Exstirpation  unumganglich. 

Bei  zuriickbleibendcm  Allgemeinleiden  und  starker  Intensitiit  der 
Mitempfindungen  ist  der  Gcbrauch  von  Eisenmitteln,  Sool-  und  See- 
badern  zu  empfehlen,  so  wie  auch  stete  Riicksicht  auf  etwanige  Bc- 
theiligung  des  Riickenmarks. 


33 


Neuralgia  N.  Quinti. 

Dolor  faciei  Fothergill.,  Prosopalgia,  Tic  douloureux,  Gesichtsschmerz. 

ExperimentelleErgebnisse.  — Reitzung  der  sensibeln  Aeste, 
Zweige,  Fasern  des  Quintus  und  seines  Ganglion  erregt  beim  lebenden 
Thiere  heftigen  Schmerz,  in  einem  fast  hoheren  Grade  als  die  Reitzung 
andrer  sensibler  Hautnerven.  Die  Durchschneidung  des  Quintus  in  der 
Schadelhdhle,  wie  sie  M a g e n d i e (Legons  sur  les  fonctions  et  les  mala- 
dies du  systeme  nerveux.  T.  II.  p.  21)  und  Valentin  (de  functionibus 
nervorum  cerebralium  et  nervi  sympathici  Libri  IV.  p.  22,  § 50.J 
vorgenommen  haben,  wird  von  einem  durchdringenden  Schmerzens- 
schrei  begleitet. 

Wo  der  Quintus  sicli  verbreitet  oder  anreihet,  spendet  er  Sensi- 
bilitat,  auch  den  motorischen  Nerven.  Durch  ihn  wird  der  N.  facialis 
empfindlich.  Es  haben  die  Versuche  der  neuesten  Zeit  ausser  alien 
Zweifel  gestellt,  dass  die  Sensibilitiit  des  Antlitznerven  keine  urspriing- 
liche,  sondern  nur  eine  erborgte  ist;  denn  angebrachte  Reitze  auf 
den  facialis  innerhalb  der  Schadelhohle,  vor  seinem  Eintritte  in  das 
foram.  audit,  veranlassen  bloss  Zuckungen,  keinen  Ausdruck  des 
Schmerzes.  ( Valentin  l.  c.  p.  32,  §.  70.)  Wird  sein  Stamm,  nach- 
dem  er  aus  dem  foram.  stylomast.  hervorgedr ungen,  durchschnitten, 
so  zeigen  nichts  desto  weniger  seine  Gesichtszweige  Spuren  von  Sensi- 
bilitat,  weil  die  Integritat  der  Quintusverbindungen  erhalten  ist.  (Ma- 
gendie  l.  c.  p.  198.J  Nach  Durchschneidung  des  Quintus,  entweder 
einzelner  angereiheter  Biindel,  oder  des  Stammes  im  Schadel,  ist  der 
facialis  aller  Sensibilitat  verlustig,  im  ersteren  Falle  in  einzelnen 
Zweigen,  im  zweiten  Falle  in  seinem  ganzen  Gebiete. 

Die  chirurgische  Erfahrung  giebt  so  haufige  Beweise  fur  das 
sensible  Attribut  des  Quintus,  dass  es  fast  uberll'ussig  sein  durfte  einen 
oder  den  andern  Beleg  anzufuhren.  Ich  war  im  Jahre  1837  bei  der 
Operation  einer  steatomatbsen  Geschwulst  des  Oberkiefers  zugegen, 
welche  mein  verehrter  FreundDiel  fen  bach  mit  anerkannter  Meister- 
schaft  ausfiihrte.  Die  Kranke  hielt  sich  beroisch  bis  zu  dem  Augen- 

Homberg’s  Ncrvenkrankh.  I. 


3 


34 


NEURALGIC  DES  QUINTUS. 


blicke,  wo  beim  Durchsiigen  des  Knochens  der  N.infraorbilaUs  durch- 
rissen  wurde:  da  schrie  sie  mid  sprang  vor  Schmerz  vom  Stuhle  aul. 

Bild  dor  Krunk  licit. — Anfallswcise,  gewohnlich  olino  Vor- 
boten,  zuweilen  mit  denen  einer  spannenden,  juckendcii  oder 
kribbelnden  Empfindung,  bricht  der  Schmerz  an  einer  Stelle  des 
Gesichts  oder  seiner  Hohlen,  halbseitig  hervor,  mit  solcher  Ve- 
hemenz  des  Stechens,  Reissens,  Zermalmens,  dass  er  den  mar- 
terndsten  Foltern  sich  anschliesst  Nur  selten  bleibt  er  auf  einen 
Punkt  fixirt,  meistens  zuckt  er  blitzessclmell,  vorwarts,  riickwarts, 
uber  nahe  oder  entferntere  Stellen,  denselben  Lauf  in  den  Anfal- 
len  beibehaltend,  selten  ihn  veriindernd.  Nach  einer  Dauer  von 
einer  halben  bis  ganzen  Minute  liort  er  jahe  auf,  um  bald  darauf  zu- 
riickzukebren.  A us  solchen  kleineren  Ausbriichen  ist  der  Paroxysmus 
zusammengesetzt,  welclier  nach  kurzeren  oder  Iangeren  Intervallen 
den  Kranken  von  neuem  befallt.  Je  ofter  dies  geschieht,  je  langer  die 
Krankheit  andauert,  desto  empfindlicher  wird  der  betrofFne  Theil 
des  Gesichts  gegen  leichte,  unvermuthete,  oberflachliche  Beruhrung, 
die  augenblicklich  einen  heftigen  Anfall  des  Schmerzes  zu  erregen 
pflegt.  Gelindes  Retupfen,  Anstreifen  der  Stelle,  das  Ueberfahren 
des  Messers  beim  Rasiren,  reichen  dazu  hin,  vvahrend  ein  angebrach- 
ter  starker  Druck  es  nicht  vermag,  ja  sogar  Erleichterung  gewahrt. 
So  wird  auch  der  Schmerz  bei  leichten  Bewegungen(  der  Gesichts- 
muskeln,  beim  Sprechen,  Kauen  etc.  rege.  Wiihrend  des  Schmerzes 
agiren,  zucken  die  Muskeln  einer,  zuweilen  beider  Gesichtshalftcn, 
oder  verharren  in  einer  unbeweglichen  Stellung.  Die  Farbe  des  Ge- 
sichts ist  zuweilen  veriindert:  es  ziehen  sich  rothe  Streifen  an  ein- 
zelnen  Stellen  hin.  Die  Arterien  pulsiren:  die  Yenen  schwellen.  Die 
Temperatur  des  schmerzhaften  Theils  ist  erhoht,  bei  kaltcn  Ilanden 
und  Fiissen.  Bisweilen  zittert  der  ganze  Korper  und  die  Empfindlich- 
keit  ist  allgemein  gesteigert. 

Je  nach  dem  Sitze  dcr  Neuralgic  in  den  verschicdenen  Quintus- 
bahnen  nimmt  der  Schmerz  einen  besondern  Zug.  Am  haufigsten 
wird  die  Region  des  zweiten  Astes,  des  maxill.  super.,  heimgesucht. 


NEURALGIE  DES  QUINTUS. 


35 


Am  Nasenfliigel,  in  der  Oberlippe,  in  der  obern  Zahnreihe  blitzt  der 
Schmerz  auf  oder  dringt  in  den  Gaumen,  in  die  Nasenhohle.  Zunachst 
der  Frequenz  nach  ist  der  ramus  ophthalm besonders  der  frontalis 
afficirt.  Der  Schmerz  schiesst  aufwarts  nach  der  Stirn,  oder  in  die 
Augenbrauen,  zuweilen  aucli  nach  dem  einen  Augenwinkel,  in  die 
Thranencarunkel  oder  tobt  im  Innern  des  Auges.  Thranenerguss  ist 
hier  der  gewbhnliche  Begleiter  oder  Nachfolger.  Seltner  schlagt  die 
Nenralgie  ihren  Sitz  in  der  Bahn  des  dritten  Astes  auf,  und  verbreitet 
den  Schmerz  in  den  untern  Zahnreihen,  am  Kinne,  in  der  Unterlippe, 
am  Rande  und  in  der  Spitze  der  Zunge,  womit  Speichelfluss  verbun- 
den  zu  sein  pflegt.  — Entweder  ist  nur  das  Gebiet  eines  Astes  be- 
fallen, oder  mehrere  zugleich,  oder  sie  wechseln  mit  einander  ab. 

Bei  langerer  Dauer  derKrankheit  frnden  sich  noch  einigeErschei- 
nungen  ein.  Die  Gesichtsziige  der  leidenden  Seite  bekommen  ein 
erschlafftes,  hangendes  und  die  Haut,  zumal  der  Backe,  ein  fettes, 
schmutziges  Ansehem  Thranen  oder  Speichelfluss  werden  permanent. 

Sc  hoi  ion.  — Ausser  der  sensibeln  Ouintusbahn  ist  aucli  der  n. 

, facialis  von  einigen  Autoren  als  Sitz  der  Neuralgie  angenommen 
worden,  und  es  ist  nicht  zu  leugnen,  dass  zuweilen  der  Schmerz  in  der 
1 Bahn  dieses  Nerven  strahlt.  Physiologisch  suchte  man  dies  dadurch 
zu  deuten,  dass  der  facialis  nicht  reiner  Bewegungsnerv,  sondern  ur- 
sprunglich  aus  motorischen  und  sensibeln  Fasern  zusammengesetzt, 
und  dass  di e porlio  intermedia  Wrisberg.  als  sensibles  Element  dieser 
Nervenbahn  zu  betrachten  sei.  (Gadechens  in  seiner  ausgezeich- 
1 neten  Dissert. : Nervi  facialis  physiologia  et  pathologia.  Heidelberg. 
1832,  p.  18.  Arnold  Untersuchungen  im  Gebiete  der  Anatomie 
und  Physiologic,  lr  B.  Zurich  1838,  S.  210.)  Allein  durch  die  oben 
angefuhrten  Vcrsuche  ist  diese  Annahme  widerlegt  und  aucli  pa- 
1 thologische  Beobachtungen  zeugen  oflenbar  dagegen : denn  in  der 
ILahmung  des  facialis  durch  gerissne  Narben  in  der  Nahe  des  foramen 
>s tylomasl.,  durch  eine  Geschwulst,  die  den  Stamm  des  Nerven  com- 
iprimirt,  wird,  wie  ich  mich  vielfach  und  gcnau  iiberzcugt  habc,  die 
Sensibilitjit  der  enlsprechcndcn  Tlieile  auf  koine  Weisc  beeinlrachligl. 

3* 


3G 


NEURALGIE  DES  QUINTUS. 


Auch  hat  Ma  gen  die  bei  Behandlung  der  Paralysis  n.  facial,  mit- 
telst  Galvanismus  nicht  bloss  Schmerzen  beim  Einstechen  der  Platina- 
nadeln  in  die  limit,  sondcrn  auch  beim  Einstechen  in  die  Zweige  des 
Antlitznerven  Schmerzen  eigenthiimlicher  Art  beobachtet,  welche 

nach  alien  Punkten  sich  verbreiteten,  wohin  der  gestochne  Zweig 

✓ 

seine  F'asern  abschickt.  [Lemons  etc.  T.  II.  p.  200.) 

Verlauf  und  Dauer.  — Der  Verlauf  der  Prosopalgie  ist  perio- 
discli,  mit  statigem  oder  unstatem  Typus.  Im  ersteren  Falle,  wobei 
die  Balm  des  supraorbitalis  am  haufigsten  den  Sitz  abgiebt,  ist  es  ge- 
wohnlich  der  Quotidian-,  seltner  der  Tertian-,  niemals  der  Quartan- 
Typus,  und  die  Dauer  der  Krankheit  ist  kurz.  Bei  atypischem  Yer- 
laufe  dehnt  sie  sich  lang  bin,  auf  Jahre,  ein  halbes  Lebensalter  und 
druber,  mit  Pausen,  zuweilen  halbjahrigen  und  jahrigen. 

Ausgang.  — Nach  Halford  (essays  and  orations  read  and  de- 
livered at  the  Royal  College  of  Physicians.  London  lx8  31,  p.  37  — 51) 
soil  Apoplexie  der  gewohnliche  Ausgang  dieser  Krankheit  sein.  Psy- 
chische  Affectionen,  Gemuthsverstimmung,  Hang  zur  Einsamkeit, 
Lebensuberdruss  bleiben  selten  aus.  Eine  meiner  Kranken,  eine 
72jahrige  Frau,  seit  30  Jahren  vom  Gesichtsschmerze  gefoltert,  er- 
triinkte  sich  nach  mehreremal  vereitelten  Versuchen  des  Selbstmordes. 
Bei  andern  sind  Structurveriinderungen  der  Digestionsorgane  als  Fol- 
gezustiinde  beobachtet  worden. 

Leichenbefun d.  — Bisher  sind  nur  wenige  und  ungeniigende 
Beobachtungen  von  einigen  englischen  Aerzten  mitgetbeilt  worden. 
Der  Archiater  Halford  beruft  sich  in  seinem  Aufsatze  fiber  tic  dou- 
loureux (l.  c.)  auf  mehrere  Falle,  wo  er  ITypertrophicen  und  andere 
krankhafte  Vcranderungen  der  Schadel-  und  Gesichtsknochen  ange- 
trolfen  hat,  cinen  halben  Zoll  starke  Verdickungen  dcs  Stirn-,  Sieb- 
und  Keilbeins,  Exfoliationen  der  proc.  alveol.  der  Ziihne,  Exfoliation 
eines  Knochenstiicks  aus  der  Highmors- Hohle,  Exostose  eines  Zah- 
nes.  Spater  haben  ein  Paar  andre  Beobac.hter  diesen  Behind  bestatigt. 
Im  anatomischen  Museum  des  Londner  Guy-Hospital  (fatal.  Nr. 

1074'  wild  der  Schadel  eines  solchen  Kranken  aufbewahrt,  auf  des- 


INEURALGIE  DES  QUINTUS. 


37 


sen  innerer  Flaclie  eine  ungemein  starke  Ablagerung  von  Knochen- 
substanz  sicli  befmdet,  Travers  beschreibt  (a  further  inquiry  con- 
cerning constitutional  irritation  and  the  'pathology  of  the  nervous 
system,  London  1835,  p.  351J  den  Section  sbefund  des  bekannten 
Londner  Arztes  Pemberton,  dessen  Gesichtsschmerz  in  dem  linken 
n.  infraorbitalis  seinen  Sitz  gehabt  hatte.  Das  Stirnbein  war  von  un- 
gewohnlicher  Dicke,  von  3/8  Zoll  oberhalb  der  Stirnhohlen  und  mehr 
als  % Zoll  nahe  an  seiner  Yerbindung  mit  den  Scheitelknochen. 
In  dem  sichelformigen  Fortsatze  der  harten  Hirnhaut,  nicht  weit  von 
der  crista  galli  befand  sicli  ein  Rnochenconcrement.  In  der  rechten 
Hemisphare  des  grossen  Gebirns  war  sowohl  auf  der  Aussenflache  als 
in  der  Marksubstanz  eine  Ueberfullnng  mit  Blut  sichtbar,  wovon  sicli 
in  der  linken  keine  Spur  zeigte.  Audi  tier  rechte  sinus  lateralis  war 
in  der  Nahe  seiner  Einmundung  in  die  Jugularvene  mit  Blut  uber- 
fullt.  Die  Hirnventrikel  enthielten  7y>Drachmen  seroser  Flussigkeit. 
Endlich  hat  Bright  folgenden  Fall  mitgetheilt:  (Reports  of  medical 
cases,  selected  with  a view  of  illustrating  the  symptoms  and  cure  of 
diseases  by  a reference  to  morbid  anatomy.  Vol.  II.  Part.  II.  London 
1831,  p.  506  Eine  46jahrige  magre  Frau,  deren  Ziige  das  lange 
Leiden  verriethen,  klagte  hauptsachlich  iiber  einen  sehr  heftigen 
Schmerz  in  der  linken  Seite  des  Gesichts,  welcher  sie  selten  verliess 
und  von  Zeit  zu  Zeit  in  heftigeren  Anfallen  tobte.  Die  Krankheit 
wurde  von  alien  fur  den  achten  tic  douloureux  gehalten  und  wider- 
stand  sammtlichen  Mitteln.  Ein  Paar  Wochen  vor  dem  Tode  warden 
nach  einander  drei  Backenzahne  auf  der  kranken  Seite  ausgezogen, 
jedesmal  mit  einer  geringen  Erleichterung  des  Schmerzes  und  darauf 
folgendem  ubelriecliendem  Ausflusse  ausderWunde  des  Zahnlleisches 
Ein  Paar  Tage  vor  dem  Tode  zeigte  sicli  ein  iihnlicher  Auslluss  aus 
dcr  Nase.  Nach  Eroffnung  des  Schadels  fand  sicli  eine  grbssreQuan- 
titat  von  Serum  vor,  sowohl  auf  der  Aussenflache  des  Gehirns  als  in 
den  Holden.  Das  Gehirn  war  weicher  als  im  gesunden  Zustande  und 
die  Marksubstanz  blassroth  gesprenkelt.  Die  harte  Hirnhaut  war  un- 
mittelbar  unter  dem  vordern  Theile  des  linken  mittleren  Lappens 


38 


NEURALGIE  DES  QUINTUS. 


durch  fungose  Geschwiilstc  betrachtlich  in  die  Ilohe  gehoben,  welche 
zusammen  fast  die  Grosso  cines  Taubeneies  batten.  Fs  beland  sich 
an  dieser  Stelle  cine  entsprechende  Depression  der  Hirnsubstanz,  die 
ein  wenig  adharirte,  und  veriindert,  jedoch  nicht  vollkommen  erweicht 
war.'  Der  Knochen  unterhalb  der  Geschwulst  war  krankhaft  veran- 
dert  und  bot  dem  Einstiche  keinen  Widerstand  dar.  Die  Geschwulst 
schien  yon  den  Sinus  sphaenoiclales  auszugehen.  Die  Schleirnhaut 
sammtlicher  Nasenhohlen  der  linken  Seite  war  auf  eine  ahnliche 
Weise  afficirt,  doch  in  schwacherem  Grade.  Ein  weicher  gestielter 
Polyp,  von  der  Grosse  und  Form  einer  Rosine,  war  zwischen  den  oss.  lur- 
bin.  befestigt.  Die  Zweige  der porlio  dura  (?)  verhielten  sich  normal/4  — 

Bei  so  geringem  Aufschlusse  der  bisherigen  Leichenoffn  ungen  iiber 
Anlass  und  Sitz  der  Prosopalgie  kam  mir  die  Gelegenheit  erwiinscht, 
die  Untersuchung  bei  einem  Kranken  dieser  Art  anstellen  zu  konnen, 
weicher  2 G Jahre  lang  ein  erbarmungswiirdiger  Dulder  desGesichts- 
schmerzes  war  und  den  ich  selbst  vor  22  Jahren  mit  unserm  ver- 
ewigten  Forme  y iiber  sechs  Monate  behandelt  hatte.  In  den  Ietzten 
10  Jahren  seines  Lebens  war  mein  verehrter  Freund  Barez  sein 
Arzt  und  Herr  Doctor  Philipp,  dessen  freundschaftlicher  Giite  ich  die 
folgende  Krankengeschichte  verdanke.  Die  Section  wurde  von  der 
Meisterhand  des  Professor  Froriep  gemacht,  der  auch  die  kunst- 
und  lehrreiche  Zeichnung  angefertigt  hat,  welche  in  Kupferstich  mei- 
nem  academischen  Programme  (Prosopakjiae  FolhercjiUi  Specimen. 
Peru l ini  1840.;  beigefiigt  ist. 

„IIerr  F , einer  der  gebildetsten  und  geachtetsten  Kaufleute  un- 

sercr  Stadt,  stammt  von  gesunden  und  kraftigen  Eltern.  Seine  Mutter 
errcichtc  das  Alter  von  04,  sein  Yater  das  von  84  Jahren;  letzterer 
litt  stark  am  Podagra.  Nach  der  Aussage  eines  nocli  lebendcn  altern 
Bruders  war  der  Gegensland  dieser  Beobachtung  ein  schbnes,  muntres 
Kind,  das  von  einer  gesundcfi  Amme  die  erste  Nahrung  empfing. 
Mehrere  ernste  Kinderkrankheiten  wurden  von  dem  Knaben  gliick- 
lich  iiberstanden.  Gestottert  hat  derselbe  sehr  friihzeitig:  das  Aus- 
sprechen  der  Buchslaben  L und  N wurde  ihm  besonders  schwer. 


NEURALGIE  i)ES  QUINTUS. 


39 


Das  Slottern  bat  bis  zum  Tode  fortgedauert.  Im  28.  Jahre  ging  der 
Patient  eine  eheliche  Verbindung  ein,  die  jedoch  nacb  sehr  kurzer 
Zeit  wieder  uufgeloset  wurde.  Gegen  das  Ende  der  Dreissiger  kam 
ein  cbronischer  sebr  juckender  Ilautausscblag  an  den  innern  Tbeilen 
der  Scbenkel,  am  Damme  und  Hodensacke  zum  Vorschein,  wclcher 
allmahlig  wieder  verschwand.  Unmittelbar  darauf  brach  dcr  Gesicbts- 
scbmerz  zum  erstenmale  aus. 

Es  scheint  angemessen  bei  der  Schilderung  dieser  Krankbeit  mit 
dem  anzufangen,  was  die  eigne  Beobacbtung  rnicb  hat  finden  lassen, 
und  die  fragmentarischen  Mittbeilungen  uber  das  Vorangegangue 
(denn  der  Kranke  zeigte  eine  entschiedne  Abneigung  von  seinem 
Leiden  zu  sprechen)  bei  Gelegenheit  einzuschalten. 

Herr  F.  stand  im  57.  Jahre  seines  Alters,  und  im  18.  seines  Lei- 
dens,  als  ich  ihn  zum  ersten  Male  sah.  Von  mittlerer  Statur  bot  sein 
Korper  eine  ziemlich  starke  Fettablagerung  dar:  der  Bauch  wolbte 
sicb  hervor,  die  Gegenden  um  die  Brustwarzen  waren  wie  gcpolslert, 
die  Extremitiiten,  wenn  aucli  nicht  musculos,  docli  plump  und  um- 
faugreich.  Die  Haltung  war  die  eines  Greises,  gewolbter  R'ucken, 
vorniibergeneigter  Ropf,  der  Gang  schlotternd.  Der  hochste  Grad  von 
Unbeholfenheit  Hess  sich  in  alien  Bewegungen  erkennen ; der  Kranke 
vermochte  nicht  sich  ein  Kleidungsstiick  ohne  Ilulfe  anzulegen.  Das 
Gesicht  war  so  aullallend  gestaltet,  und  machte  einen  so  widrigen 
Eindruck  auf  alle,  denen  es  nicht  zum  gewohnten  Anblick  geworden, 
dass  Kinder  nur  mit  grossem  Widerstreben  es  wagten  sicb  demselben 
mit  einem  Kusse  zu  nahern.  War  schon  der  Schiidel  sehr  um- 
i'angreich,  so  scbien  doch  im  Verhaltniss  dazu  das  Antlitz  noch  im- 
mer  iibermassig  cntwickelt.  Eine  dunkle  Rothe,  die  je  nacb  der 
Ileltigkeit  der  Paroxysmen  mebr  oder  weniger  livide  war,  iiberzog 
beide  Wangen,  die  linke  indessen  in  hohcrem  Grade.  Beide  Backen 
waren  Sitz  einer  Acne,  deren  periodisches  Verschwinden  undWieder- 
erscheinen  mit  den  Pausen  und  Anfiillen  des  Gcsicbtsscbmerzes  nicht 
gleichen  Schritt  bielt.  Die  stark  vorspringende  und  dabei  sebr  fleiscbige 
Nase  batte  diesclbe  Farbung  wie  die  Wangen.  Die  Lippen  konntcn 


40 


NEURAL G IE  DES  QUINTUS. 


nie  ganz  geschlossen  sein,  indem  die  untre  ubermassig  gewulstet  und 
nach  der  linken  Seite  hin  verzogen  war;  beim  Lachen  und  beim 
Stottern  steigerte  sich  diese  Verzerrung  und^liess  das  Gesicht  wie 
eine  auf  komischen  Effect  berechnete  Maske  erscheinen.  Nur  vorn 
im  Unterkiefer  befanden  sicli  noeh  Ziihne ; die  des  Oberkiefers  waren 
sammtlich  in  den  ersten  Jahren  der  Krankheit  ausgezogen  worden, 
weil  man  mit  ihnen  die  Veranlassung  derselben  zu  entfernen  glaubte. 
Die  vollstandigste  Kurzsichtigkeit  bei  sehr  grossen  Augen  Yollendete 
das  Eigenthumliche  dieses  Gesichtstypus. 

Der  Sitz  der  Prosopalgie  war  die  linke  Gesichtshalfte.  Meine  oft 
wiederholte  Frage,  ob  nicht  auch  in  der  andern  Gesichtshalfte  schmerz- 
liafte  Empfindungen  sich  kund  gaben,  beantwortete  der  Kranke  stets 
verneinend;  uberdies  babe  ich  mich  unzahlige  Mai  uberzeugen  kon- 
nen,  dass  nach  den  Anf alien  vorzugsweise  das  linke  Auge  gerothet 
wrar,  die  linke  Backe  von  livider  Farbe  erschien,  dass  das  Taschen- 
tuch,  welches  bei  jedem  Anfalle  nach  dem  Gesichte  gefuhrt  wurde, 
besonders  dazu  diente,  die  linke  Gesichtshalfte  zu  bedecken  und  zu 
comprimiren.  In  den  Intervallen  wurde  mir  einigemal  gestattet,  mit- 
telst  einer  Nadel  die  Sensibilitat  beider  Gesichtshalften  zu  priifen. 
Die  Ergebnisse  dieses  Experiments  waren  immer  dieselben ; namlich 
gesteigerte  Empfindlichkeit  der  linken  Gesichtsflache  im  ganzen  Ge- 
biete  des  Quintus.  Nur  die  Zungenhalften  reagirten  nicht  verschie- 
den  von  einander  gegen  die  Nadel,  so  wie  auch  der  Geschmack  in 
beiden  nicht  verschieden  war  und  sich  normal  verhielt.  Ueber  Schmer- 
zen  im  harten  oder  weichen  Gaurnen  horte  ich  den  Kranken  niemals 
Klage  fuhren.  Das  Rasiren  ricf  sehr  haufig  einen  Anfall  hervor:  be- 
sonders empfindlich  gegen  das  Messer  war  die  Oberlippe  linkerseits 
dicht  unter  der  Scheidewand  der  Nase. 

Forderte  man,  nachdem  ein  Anfall  voriiber  war,  den  Kranken  auf 
die  Stelle  zu  bezeichnen,  wo  der  Schmerz  gew'uthet,  so  wies  er  ent- 
wcder  auf  das  linke  Auge  und  dessen  Umgebung  nach  oben  und 
aussen,  oder  er  fuhr  mit  dem  Finger  von  dem  innern  Augenwinkel 
aus  fiber  die  Nase  binab,  oder  er  deutete  auf  die  Lippen,  die  Zunge, 


I 


I 


NEURALGIE  DES  QUINTUS. 


41 


die  Wange,  die  Schlafe.  Oefters  fiihrte  er  meine  Hand  an  einen  von 
diesen  Theilen,  damit  ich  das  Klopfen  der  Arterien  darin  fiihlen 
konnte;  besonders  heftig  war  das  Pulsiren,  wenn  die  regio  temporalis 
Sitz  des  Schmerzes  gewesen  war.  Wahrend  der  Paroxysmen  und  oft 
noch  lange  nach  denselben  konnte  man  convulsivische  Bewegun- 
gen  des  untern  Augenlids,  der  Wange,  der  Oberlippe  wahrneh- 
men;  schrecklich  war  der  Anblick,  wenn  die  Zunge  auf  diese 
Weise  hin-  und  hergewalzt,  wenn  sie,  wie  der  Kranke  sich  aus- 
driickte,  geschleift  wurde.  Es  ist  schon  bemerkt  worden,  dass  die 
Venenentwicklung  in  den  Theilen  vorzuglich  hervortrat,  welche  den 
Anf alien  am  meisten  ausgesetzt  waren,  in  der  Wange  und  Nase. 

Beim  Ergriffensein  des  ramus  ophthalmicus  sah  man  das  Auge 
wahrend  der  Anfalle  und  eine  Zeitlang  nachher  blutroth,  wie  im  ho- 
heren  Grade  einer  traumatischen  Ophthalmie,  herausquillend  aus  der 
Orbita,  als  ware  diese  zu  eng  geworden;  dabei  Anschwellung  der 
Augenlider,  copioser  Ausfluss  von  Thranen  und  Nasenschleim.  Spei- 
chelfluss  stellte  sich  ein,  wenn  andre  Zweige  afficirt  waren,  und  es 
bildete  derselbe  eins  der  lastigsten  Symptome,  in  so  fern  damit  innrer 
Zungenbelag,  Appetitlosigkeit  und  kaum  zu  stillender  Durst  in  Yer- 
bindung  standen ; auch  wahrte  er  oft  die  Intervalle  hindurch,  Wochen 
und  Monate : jeder  Brief,  den  der  Kranke  schrieb,  seine  Kleider  und 
Wasche  trugen  Spuren  davon. 

Die  Anfalle  brachen,  oline  sich  durch  irgend  etwas  anzukiindigen, 
mit  der  Plotzlichkeit  des  Blitzes  iiber  den  Kranken  herein,  sehr  haufig 
beim  Sprechen,  inmitten  eines  Wortes,  noch  haufiger  beim  Genuss 
von  Speisen  und  Getriinken,  beim  Husten,  Niesen,  Fahren  auf  dem 
Steinpllaster,  Rasiren,  bei  Gemiithsatfecten,  nicht  minder  haufig  aber 
ohne  allc  Veranlassung,  und  wenn  sich  der  Patient  ruhig  verhielt. 
Ihrc  Dauer  betrug  hochstens  eine  Minute.  An  Intensitat  waren  sie 
sehr  verschicden ; am  heftigsten  und  unertraglichsten  war  der  Schmerz, 
wenn  er  das  Innere  der  Nase  sich  zum  Sitze  wahlte:  dann  hatte  der 
Kranke  ein  Geliihl,  als  wiirde  das  Gesicht  gewaltsam  auseinandcr- 
■gesprengt.  Bei  gelinderen  Anfallcn  vermochte  er  in  der  Stellung 


NEURALGIE  OES  QUINTUS. 


40 

auszuharren,  die  er  irine  hatte;  ein  Taschentuch  gegen  das  Ge- 
siclit  driickend,  tief  stdhnend  liess  er  nur  dann  und  warm  einen  Aus- 
ruf  des  Schmerzes  laut  werden.  Die  starkeren  jagten  ikn  von  seinem 
Sitze  auf,  trieben  ihn  durcli  Reihen  von  Zimraern,  liessen  ihn  in  ein 
Geschrei,  in  ein  wahres  Gebriill  ausbrechen,  das  nicht  allein  diellaus- 
bewohner  in  Schrecken  setzte,  sondern  selbst  die  Nachbarn  erreichte. 
Solclie  Heftigkeit  erreichten  jedoch  die  Paroxysmen  in  den  letzten 
Jahren  kaum  mehr.  Die  Erschbpfung  nach  denselben  war  dem  Grade 
nach  verscliieden,  stand  aber  imraer  mehr  im  Verhaltniss  zu  dem 
Aligemeinbefinden  als  zur  Intensitat  der  einzelnen  Anfalle. 

Ein  Typus,  eine  Regelmassigkeit  liess  sich  wahrend  der  Zeit  mei- 
ner  Bekanntschaft  mit  Ilerrn  F.  in  seiner  Krankheit  durchaus  nicht 
auffinden.  Keine  Stunde  des  Tages  oder  der  Nacht,  keine  Jahreszeit 
stellte  vor  ihren  grausamen  Angriffen  sicher.  Der  Kranke  hatte  seine 
guten  und  schlechten  Perioden ; zwar  war  er  auch  in  den  besten  nie- 
mals  eine  ganze  Woche,  kaum  je  einen  Tag  frei  von  Anfallen,  allein 
in  den  schlechten  folgten  diese  so  rasch  auf  einander,  dass  man  kaum 
von  Intervallen  sprechen  konnte.  Anhaltende  Hitzen  etwa  ausgenom- 
meti,  ubten  atmospharische  Zustande  keinen  besondern  Einfluss  auf 
die  Krankheit  aus. 

Das  Aligemeinbefinden  des  Kranken  war  im  Ganzen  nicht  schlecht 
zu  nennen;  es  schien,  als  ob  das  furchtbare  Uebel,  mit  dem  er  im 
Kampfe  lag,  gegen  viele  andre  ihn  schutze.  Auch  der  Kraftezustand 
musste,  mit  Beriicksichtigung  der  strengen  Diiit,  welcher  derselbe  in 
den  letzten  zehn  Jahren  unterworfen  war,  befriedigend.erscheinen. 
Stundenlang  vermochte  er  an  seinem  Pulte  stehend  zu  schreiben  und 
zu  rechnen,  stundenlang  im  Garten  zu  gehen. 

Erst  in  dem  letzten  Lebensjahre  gab  sich  ein  merkharer  Verfall 
der  Ki’afte,  ein  Ergriffen werden  der  Centralorgane  zu  erkennen.  Zwei 
Erscheinungen  waren  es,  die  darauf  hindeuteten,  einmal  das  Unver- 
mogen  den  Urin  langre  Zeit  an  sich  zu  halten,  dann  Schwindel,  der 
von  Zeit  zu  Zeit  den  Kranken  wahrend  des  Gehens  bcfiel  und  so 
auf  ihn  wirkte,  dass  er  nach  der  linken  Seite  hinuberzufallen  furchtele, 


NEURALGIE  DES  QUINTUS. 


43 


obgleich  er  sicli  des  festen  Vorsatzes  bewusst  war  das  Gleichgewicht 
uni  jeden  Preis  zu  erhalten.  Die  letztgenannte  Erscheinung  war  im- 
mer  von  eincm  grossen,  lange  anhaltenden  Schwachegefiihl  in  den 
uuterii  Extremitaten  begleitet. 

Die  geistigen  Fahigkeiten  blieben  durchaus  unangefochten  von  der 
Krankheit.  Als  einen  in  psychischer  Beziehung  merkwiirdigen  Um- 
stand  mochte  ich  noch  hervorheben,  dass  Patient,  obgleich  durch  sein 
Uebel  in  die  Nothwendigkeit  versetzt  jeden  gesellschaftlichen  Umgang 
zu  meiden  und  sicli  ganz  in  sicli  zuruckzuziehen,  eben  so  wenig  da- 
durch  au  Menschenfreuudlichkeit  eingebusst  hatte,  als  er  aufhorte  die 
lebhafteste  Theilnahme  fur  alles  zu  hegen,  was  edle  und  gebildete 
Menschen  zu  interessiren  pflegt. 

Viele  Aerzte  hat  der  ungluckliche  Zustand,  den  wir  zu  schildern 
versucht,  in  Bewegung  gesetzt.  Stosse  von  Rezepten  sind  da,  um  zu 
bezeugen,  mit  welcher  Emsigkeit  dieselben  den  Arzneischatz  nach 
alien  Richtungen  durchwi'ihlt  haben,  eine  Waffe  suchend  gegen  den 
ubermachtigen  Feind.  Ich  muss  mich  begniigen  als  allgemeines  Re- 
sultat  dieser  meist  fruchtlosen  Remuhungen  Folgendes  mitzutheilen : 

1)  Die  Narcolica,~v on  denen  keins  in  den  ersten  Jahren  unversucht 
blieb,  waren  nicht  allein  ohne  alien  Nutzen,  sondern  verschlimmerten 

• sogar  in  auffallender  Weise.  Dieses  gilt  besonders  von  der  Blausaure, 
der  Belladonna,  dem  Opium. 

2)  Einige  wenige  Mittel,  die  in  der  ersten  Zeit  ihrer  Anwendung 
gute  Dienste  geleistet,  versagten  giinzlich  bei  liingerem  Gebrauch, 
so  Ferrum  carbonicum,  Asa  foelida. 

3)  Den  meisten  Erfolg,  wenn  man  sich  dieses  Ausdrucks  hier  be- 
dienen  dart,  schien  ein  negatives,  auf  starke  Eingriffe  verzichtendes 
A^erfahren  zu  haben,  wie  solches  vom  Geheimen  Medicinalrathe  Dr. 
IB  a r ez  in  Ausfuhrung  gebracht  wurde.  Beschrankung  auf  vegetabi- 
ilische  Kost,  Enthaltung  von  alien  reitzenden,  erhitzenden  Genussen 
ibildete  die  Grundlage  desselben;  von  Zeit  zu  Zeit  kam  noch  ein 
Purgans,  Blulcgel,  Schropfkopfe,  unter  Umstanden  auch  Aderlass 
hinzu. 


44 


NEURALGIE  DES  QUINTUS. 


Der  Tod  wurde  herbeigefiihrt  durch  eino  Ilarnverhaltung,  die  zu 
dem  Hauptleiden  in  keiner  Beziehung  gestanden  zu  haben  scheint. 
Beachtungswerth  ist  es,  dass  mit  den  ersten  Zeichen  der  Ischurie, 

1 0 Tage  vor  dem  Tode,  der  Gesichtsschmerz  verschwunden  war,  um 
nie  mehr  wiederzukehren.  In  den  letzten  vier  Tagen  des  Lebens  ge- 
sellten  sich  Sopor  und  Convulsionen  hinzu.“ 

Leichenbefund.  Am  26.  Februar  1840  wurde,  36  Stunden 
nach  dem  Tode,  die  Section  in  meinem  und  Dr.  Philipps  Beisein  vom 
Professor  F r o r i e p gemacht. 

Die  Schadelknochen  sind  hypertrophisch,  4 — 5 Linien  verdickt; 
die  aussere  Lamelle  ist  unverandert,  die  Diploe  verschwunden,  die 
innere  Lamelle  dagegen  etwa  4 Linien  dick,  etwas  poros  im  Ganzen, 
aber  von  sehr  festem  und  dickem  Gefiige.  Die  innere  Flache  der  Cal- 
varia ist  sehr  uneben,  indem  die  Arteriae  meningeae  in  tiefen  Gru- 
ben  verlaufen,  von  denen  aus  die  Dicke  der  Knochen  allmahlig  zu- 
nimmt,  so  dass  der  Knochen  immer  in  der  Mitte  zwischen  zwei  Arte- 
rieniisten  am  dicksten  ist.  Die  dura  mater  hangt  mit  den  Knochen 
fest  zusammen,  so  dass  sie  mit  ihnen  gemeinschaftlich  abgenommen 
werden  musste.  Die  innere  Flache  der  dura  mater  zeigt  mehrere 
inselformig  gerothete  Stellen  und  ist  ai\  noch  mehreren  und  grdsse- 
ren  Stellen,  besonders  iiber  der  linken  Hemisphare  des  grossen  Ge- 
hirns,  mit  einem  gallertartig  aussehenden  gelblich-rothlichem  Exsudat 
von  V2 — 1'"  Dicke  bedeckt,  welches  hie  und  da  neugebildete  Ge- 
fasschen  enthalt,  und  aus  lockerem  Zellgewebe  mit  darin  infdtrirter 
seroser  Feuchtigkeit  besteht. 

Nach  Abnahme  der  Calvaria  und  dura  mater  erscheint  das  grosse 
Gehirn  wie  verkiimmert,  alrophisch.  Statt  der  gleichmassigen  Wdl- 
hung  heider  Ilemispharen  zeigen  sich  zwei  durch  mehrere  Gruben 
und  Vertiefungen  unregelmassig  gestaltete  und  zusammengedriickte 
Flachen.  Die  Arachnoidea  ist  stellenweise  verdickt  und  unter  ihr  be- 
findet  sich  seroses,  durch  Infiltration  in  das  Gewebe  der  pi  a mater 
gallertartig  ausseliendes  Exsudat.  Die  Windungcn  sind  diinner  und 
schmaler  als  inj,  gesunden  Gehirne. 


NEURALGIE  DES  QUINTUS. 


45 


Das  Geliirn  wurde  aus  der  Schadelhohle  herausgenommen ; auch 
auf  der  basis  cranii  und  besonders  auf  dem  clivus  zeigen  sich  Ro- 
tlnmg  der  innern  Platte  der  dura  mater  und  rothliches  plastisches 
Exsudat. 

Auf  der  untern  Flache  des  Gehirns  ist  eine  Auftreibung  des  Bo- 
dens  des  dritten  Ventrikels  durch  wassrige  Fliissigkeit  sichtbar,  fer- 
ner  Trubung  der  Arachnoidea  und  endlich  krankhafte  Veranderung 
des  Arteriennetzes.  Die  rechte  arteria  vertebralis  ist  atrophisch,  von 
der  Dicke  einer  Rabenfeder,  die  linke  vertebralis  dagegen  neben  der 
medulla  oblongata  stellenweise  verdickt  und  von  betrachtlicherem 
Lumen  als  gewohnlich.  Die  art.  basilaris  zeigt  ebenfalls  mehrere  ver- 
dickte,  durch  gelbe  verknorpelte  Stellen  sich  auszeichnende  Erweite- 
rungen  und  die  linke  carotis  interna  ist  an  ihrer  Durchschnittsstelle 
erweitert  und  an  der  hintern  Halfte  ihres  Umfangs  durch  Verknor- 
pelung  der  fibrosen  Haut  um  das  Dreifache  verdickt. 

Der  Pons  Varoli  fuhlt  sich  schlaffer  und  weicher  an  als  gewohn- 
lich, besonders  im  Verhaltniss  zu  den  andern  Krankheiten.  In  der 
rechten  Halfte  ist  er  atrophisch,  indem  uber  die  Mitte  derselben,  von 
vorn  nach  hinten,  ein  wie  mit  dem  Finger  gemachter  Eindruck  ver- 
liiuft.  Die  linke  Halfte  hat  zwar  nicht  vollkommen  die  normale  Wol- 
bung,  aber  doch  keine  Vertiefung.  Die  pia  mater  auf  dem  Pons  ist 
sehr  gefassreich. 

Der  Nervus  Quintus  der  linken  Seite  ist  fast  um  die  Halfte  diin- 
ner  als  gewohnlich,  leicht  gerothet,  mit  einem  einzelnen  starker  ge- 
rothelen  Punkte;  es  ist  keine  Faserung  mehr  daran  zu  bemerken, 
er  ist  fast  breiig  weich;  erst  6//;  vom  Pons  entfernt  ist  am  innern 
Rande  des  Nerven  die  ebenfalls  wciche  und  verdiinnte  porlio  minor 
zu  unterscheiden.  Auch  der  rechte  N.  Quintus  ist  diinner  und  wei- 
cher als  gewohnlich,  etwas  gerothet,  aber  es  sind  an  ihm  seine  Fa- 
serhiindel  und  die  portio  minor  von  Anfang  an  zu  unterscheiden.  An 
dem  in  der  Schadelhohle  zuruckgelassnen  Stiicke  der  Quinti,  von  der 
Durchschneidungsstelle  his  zum  Eintritte  in  die  Spalte  der  dura  ma- 
ter ist  ebenfalls  ungewohnliche  Verminderung  des  Umfangs  und  ct- 


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NEURAL  GIE  I)ES  QUINTUS. 


was  gelblich  rothliche  Fiirbung  der  Ncrvcnstiimme  zu  bemerken, 
an  welcbcn  die  Faserung  indess,  je  weiter  nach  vorn , desto  deut- 
liclier  wird: 

Durch  cinen  horizontal  gefuhrten  Schnitt  wurden  nun  die  crura 
ad  cerebellum  und  der  Pons,  grade  unterhalb  des  Eintritts  der  N. 
Quinti,  der  Flache  nach  getheilt,  so  dass  die  Fasern  des  Quintus,  so 
weit  es  in  einera  frischen  Gehirne  moglich  ist,  in  diesen  Centralthci- 
len  verfolgt  werden  konnten.  Auf  der  Durchschnittsflache  sieht  man 
zuvorderst  in  der  rechten  Halfte  des  Pons  die  Quantitat  der  grauen 
Substanz  vermindert,  in  der  linken  ziemlich  normal,  aber  nach  au- 
ssen  durch  viele  bemerkbare  Blutgefiisschen  mehr  gerothet.  Ueber- 
haupt  zeigen  sich  auf  der  Durchschnittflache  des  linken  crus  ad  cere- 
bellum sehr  viele  feine  rothe  Blutpunktchen,  wodurch  die  weisse  Bahn 
des  Quintus  deutlicher  hervortritt.  An  der  aussern  Seite  derselben, 
etwa  1%'"  von  dem  sogenannten  Ursprunge  des  linken  Quintus,  fin- 
det  sich  in  der  etvvas  gerotheten  und  weich  anzufuhlenden  Marksub- 
stanz  des  Crus  ein  1/z  Linse  grosses,  gelbes,  in  der  Mitte  durchschei- 
nend  graues,  nach  aussen  unregelmassig  viereckiges  hartes  Edrper- 
cheu,  welches  auch  beim  Untersuchen  mit  dem  Scalpell  eine  grossre 
Festigkeit  und  Ilarte  zeigt.  Das  rechte  crus  ad  cerebellum  erscheint 
normal,  auch  ist  die  fasrige  Structur  an  der  Ursprungsstelle  des  rech- 
ten Quintus  deutlicher  als  auf  der  linken  Seite. 

Beide  Ganglia  Gasseri  und  ihre  drei  Aeste,  wovon  der  erste  und 
zweite  auf  beiden  Seiten  bis  in  die  vordern  Theile  der  orbila  verfolgt 
wurden,  lassen  nichts  Ungewohnliches  an  sich  bemerken,  ausser  dass 
die  Ganglien  etwas  blasser  erscheinen  als  sonst.  Am  n.  oculomoto- 
rius  und  trochlearis  fand  sich  nichts  Abnormcs.  Der  n.  abducens 
wurde  im  Sinus  cavernosus  auf  beiden  Seiten  aufgesucht  und  normal 
gefunden.  Hiebei  ergab  sich  ein  wichtiger  Befund. 

Als  die  Sinus  cavernosi  von  oben  geodnet  wurden,  zeigte  sich  die 
rechte  Carotis  interna  mit  Ausnahme  einiger  Knorpelpunkte  normal, 
dagegen  war  die  linke  Carotis  interna  sowohl  in  ihrer  hinteren  als 
vorderen  Windung  aneurysmalisch  ausgedehnt,  von  doppeltem  Urn- 


NEURALGIE  DES  QUINTUS.  47 

fang.  Die  Wande  dieser  Aneurysmalci  vera  waren  knorplich  verdickl 
und  durch  den  Druck  des  Aneurysma  war,  der  Form  des  letzteren 
entsprechend,  der  sonst  iiur  seichte  und  schwach  angedeutete  Sulcus 
caroticus  ossis  sphaenoidei  (vom  foramen  carolicum  internum  zur 
Seite  der  sella  turcica  nach  vorn)  in  eine  tiefe  S formige  Grube  umge- 
wandelt,  indem  durch  Absorption,  ohne  Spuren  entzundlicher  Tha- 
ligkeit  der  Rnochen,  der  linke  processus  clinoideus  posterior  und  die 
linke  Seite  des  Keilbeinkorpers  geschwunden  waren.  Die  linke  Halfte 
der  glandula  pituitaria  war  in  cine  purpurbraune,  dunnbreiige  Fliis- 
sigkeit  umgewandelt,  welche  auch  den  ganzen  liiiken  Sinus  caverno- 
sas ausfiillte  und  das  Aneurysma  umspiilte.  Da  das  Ga?iglion  Gas- 
seri  zwischen  Blattern  der  dura  mater  auf  der  ausseren  Seite  des 
Aneurysma  lag,  so  war  es  natiirlich  dem  Drucke  desselben  ausgesetzt, 
um  so  mehr,  da  bei  Betrachtung  der  basis  cranii  eine  Lageverande- 
rung  der  aussern  Wand  des  linken  Sinus  cavernosus  nicht  zu  bemer- 
ken  gewesen  war,  folglich  das  Ganglion  Gasseri  durch  die  gespannte 
dura  mater  zui'  Seite  des  Keilbeinkorpers  festgehalten  wurde. 

Sammtliche  Hirnventrikel,  auch  der  des  Septum  lucid.,  enthalten 
eine  rothliche  serose  Fliissigkeit  in  ziemlich  betraebtlieher  Menge. 

Ausser  dem  Gehirne  wird  noch  die  Urinblase  in  Bezug  auf  die  vor- 
angegangnen  Harnbeschwerden  untersucht.  Dieselbe  ist  vergrossert, 
1 ihre  Muskelbiindel  sind  verdickt  und  die  Schleimhaut  ist  mit  betracht- 
1 lichen  Ekchymosen  bedeckt,  wie  gewohnlich  nach  Harnverhaltungen. 
Auf  jeder  Seite  findet  sich  ein  grosses  Diverticulum,  das  zwischen  den 
.'Muskelbundeln  der  Harnblase  nach  aussen  hervorragt.  Durch  Ver- 
-grdsserung  der  Seitenlappen  und  des  sogenannten  dritten  Lappens 
der  Prostata  war  der  Blasenhals  fast  verschlossen. 

Scholion.  Bei  so  mannigfaltigen  krankhaften  Veranderungcn  in 
icinem  Organe  ist  es  notliwendig,  die  Beziehungen  aufzufassen,  wo- 
trin  die  einzelnen  Glieder  zu  einander  stchen.  Auf  eine  solche  Weise 
1 belebt  sich  gleichsam  das  starre  Gebiet  des  Todes  und  aus  ciner 
blossen  Grabschrift  dcr  Krankheit  gestaltet  es  sich  zu  ciner  Biogra- 
diie  derselben.  So  ist  in  diesem  Falle  die  allgemeine  AfTection  der 


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Hirngefasse  als  Fundament  und  wohl  auch  als  Bedingung  der  ubri- 
gen  Veranderungen  des  Gehirns  zu  betrachten.  Wenn  auch  Ver- 
knorpelungeh  und  Incrustationen  der  Hirnarterien  vom  50.  Jahre  an 
nicht  als  Seltenheit  vorkommen,  so  ist  doch  ein  auf  alle  Arlerien 
des  Gehirns  verbreiteter  Zustand  dieser  Art  ungewohnlich,  und  das 
Aneurxjsma  der  linken  Carotis,  die  Erweiterung  der  linken  vertebra- 
lis,  die  Atrophie  der  rechten  verlebralis  geben  Zeugniss  von  dem 
weiteren  Einflusse  einer  solchen  Yeriinderung  auf  die  Gefiisse  selhst. 
Eben  so  wichtig  erscheint  der  Einlluss  auf  die  Ernahrung  des  Ge- 
hirns und  giebt  sich  am  deutlichsten  in  der  Atrophie  tier  rechten 
Halfte  des  Pons  Varoli  kund,  welche  der  Verkummerung  der  a.  ver- 
tebralis  dieser  Seite  entspricht.  Auch  die  Hemispharen  des  grossen 
Gehirns  waren  atrophisch;  nicht  nur  erschienen  sie  nach  Ablosung 
der  dura  mater  von  gedriicktem  Ansehen,  sondern  auch  die  einzel- 
nen  Windungen  waren  schmaler  und  dunner  als  im  normalen  Zu- 
stande.  Zur  Ausfullung  des  Raumes  der  geschwundnen  Hirnsuhstanz 
fmden  sich  die  heiden  gewohnlichen  Ersatzmittel,  Exsudate  zwischen 
den  Membranen  und  Verdickung  und  Hypertrophie  der  Schadel- 
knochen. 

Auf  diesem  Boden  gleichsam  ist  das  ortliche  Uebel  gewachsen, 
welches  die  lange  Tortur  des  Schmerzes  veranlasst  hat.  Der  Nervus 
Quintus  der  leidenden  Seite  war  an  zwei  Stellen  auf  verschiedpe 
Weise  betheiligt.  Einerseits  war  er  da,  wo  er  vom  Pons  Varoli  ab- 
geht,  erweicht,  seines  fasrigen  Gefiiges  verlustig  und  selhst  noch  in 
dem  Centralorgan,  auf  seinem  Laufe  durch  die  Briicke  und  durch 
den  Schenkel  zum  kleinen  Gehirn  zeigte  sich  Weichheit  der  Fasern 
und  mitten  darin  ein  hartlicher  Kern  eingesprengt.  Andrerseits  war 
das  Ganglion  Gasseri,  obschon  von  normaler  Structur,  unterworfen 
einer  Spannung  und  Zerrung  durch  die  aneurvsmatische  Geschwulst 

der  Carotis  undderen  Pulsationen.  Aus  dem  im  Yerhiiltnisse  zur  Dauer 

. 

der  Krankheit  nur  geringen  Fortschritte  der  Erweichung  und  aus 
dem  Mangel  der  Symptome  der  Anaesthaesie,  welche  ])csorganisa- 
tionen  des  Quintus  zu  begleitcn  pflegcn,  liisst  sich  vermuthen,  dass 


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die  Reitzung  des  Ganglion  Gasseri  durch  das  Aneurysma  der  Carotis 
hier  wohl  der  Zeitfolge  nach  primar  war,  obschon  nicht  geleugnet 
werden  kann,  dass  jener  fremde  gelbe  Korper  in  der  Hirnfaserung 
des  Quintus  einen  Heerd  der  Reitzung  abgegeben  baben  mag,  auf 
abnliche  Weise  wie  die  lubercula  dolorosa  in  den  peripherischen 
Nervenbahnen.  Jedenfalls  ist  die  Coexistenz  beider  Zustiinde  mehr 
als  hinreichender  Grund  der  Neuralgie  und  ihrer  Unheilbarkeit. 

Die  physiologische  Seite  dieser  Beobachtung  ist  nicht  minder  in- 
teressant  als  die  anatomische  und  von  grosser  Wichtigkeit,  weil  sie 
es  ist,  welche  der  Diagnose  dieser  Nervenkrankheit  wie  jeder  andern 
einen  hdheren  Standpunkt  und  festeren  Halt  giebt. 

Das  Gesetz  der  excentrischen  Erscheinung  ist  hier  treffend  erlau— 
tert,  wonacb  die  bewusstwerdende  Empfindung  der  Reitzung  einer 
sensibeln  Nervenfaser,  an  welcher  Stelle  der  Faser  auch  die  Reitzung 
stattfindet,  auf  das  peripherische  Ende  bezogen  wird.  Der  Anlass  der 
Neuralgie  hatte  in  der  Schadelhohle  seinen  Sitz:  dessenungeachtet 
war  kein  Schmerz  im  Kopfe  vorhanden,  sondern  an  der  Aussen- 
flache  etc.  des  Gesichtes.  Da  das  Gebiet  aller  drei  Aeste  des  Quintus 
von  der  Neuralgie  heimgesucht  war,  so  musste  die  Summa  der  Prirni- 
tivfasern  Yon  dem  Reitze  betheiligt  sein  und  ich  setzte  deshalb  voi- 
der Section  den  Sitz  des  Anlasses  in  der  mittleren  Wurzel  des  Quin- 
tus, ehe  sie  das  Ganglion  bildet  oder  in  ihrem  Verlaufe  durch  die 
Varolsbrucke  und  durch  das  crus  ad  cerebellum  fest,  weil  mir  bisher 
kein  Befund  eines  reitzenden  fremden  Korpers  im  Ganglion  Gasseri 
selbst  bekannt  geworden  war. 

Das  andere  neurophysiologische  Gesetz,  das  sowohl  fur  sensible 
als  motorische  Nerven  in  ihren  peripherischen  Bahnen  gilt,  das  Ge- 
setz der  isolirten  Leitung,  bewiihrte  sich  hier  ebenfalls  als  ein  frucht- 
bares  fur  die  Diagnose  des  Sitzes  der  Krankheit.  Nur  die  sensible 
Portion  des  Quintus  der  linken  Seite  war  betheiligt,  nicht  einmal  die 
so  nahe  angriinzende  pars  moloria  oder  einer  der  andern  Him-  oder 
Spinalnerven,  so  dass  also  auch  der  Anlass  nur  in  der  mittleren  Wur- 
zel oder  innerhalb  des  Ganglion  Gasseri  seinen  Sitz  baben  konnte. 

Romberg’s  Nervenkrankh.  I. 


4 


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NEURALGIE  DES  QUINTUS. 


Ausser  der  Neuralgie  ist  noch  in  diesem  Falle  der  Schwindel  init 
dem  Gefiihle  einer  Neigung  und  Wiilzung  des  Korpers  nach  der  lin- 
ken  Seite  bemerkungswerth.  Wir  werden  im  Abschnitte  iiber  vertigo 
darauf  zuriickkommen,  dass  bei  Experimenten  an  lebenden  Thieren 
nach  Durchschneidung  eines  peduncul.  cerebell.  ad  pontem  das  Thier 
nach  der  Seite  hinrollt,  wo  der  pedunc.  durchschnitten  ist,  oft  mit 
solcher  Schnelligkeit,  dass  es  in  jeder  Secunde  umschwingt.  Bei  die- 
sem Kranken  war  es  die  linke  Halfte  der  Varolsbriicke  und  des  Klein- 
kirnschenkels,  durch  welche  sich  die  erweichte  Faserung  des  Quin- 
tus erstreckte,  und  so  diirfte  man  einen  nicht  zu  gewagten  Schluss 
ziehen,  wenn  man  in  einer  Affection  dieses  pedunculus,  der  sich  auch 
durch  eine  weichere  Consistenz  und  ein  injicirteres  Ansehen  vor  dem 
der  rechten  Seite  auszeichnete,  den  Grund  jener  eigenthumlichen  Form 
des  Schwindels  annehmen  wollte. 

Yon  welchem  Einflusse  aber  die  Reitzung  und  Compression  des 
erweichten  und  atrophischen  Hirnanhangs  durch  die  aneurysmatische 
Carotis  gewesen  war,  dariiber  bekenne  ich  unverholden  meine  Un- 
wissenheit. 

Ursachen  der  Prosopalgie.  Bei  der  im  Allgemeinen  grossen 
Seltenheit  dieser  Krankheit  ist  eine  genaue  Kritik  der  Ursachen  recht 
nothwendig:  denn  es  fiihrt  zu  nichts,  einen  Schwab  von  Anlassen, 
wie  es  gewohnlich  geschieht,  zu  citiren. 

Das  kindliche  Alter  wird  von  der  Prosopalgie  verschont.  Unter 
den  Erwachsnen  sind  die  im  mittleren  Lebensalter  stehenden  mehr 
ausgeselzt.  Fothergill  und  Pujol  haben  keinen  Kranken  beobach- 
tet,  der  unter  40  Jahr  alt  war. 

Dem  Geschlechte  kommt  kein  entschiedener  atiologischer  Einlluss 
zu:  doch  leiden  Unverheirathete  und  Kinderlose  haufiger.  Das  weib- 
liche  Geschlecht  ist  in  der  Periode  der  Decrepiditat  mehr  ausgesetzt. 

Der  beg'iiterte,  opulente  Stand  scheint  haufiger  unterworfen  zu  sein 
als  der  durftige,  daher  auch  in  Ilospitalern  diese  Neuralgie  eine  selir 
seltne  Erscheinung  ist. 

Der  climatische  Einlluss  ist  zwar  noch  nicht  genau  ermiltelt,  in- 


NEURALGIC  DES  QUINTUS.  51 

dessen  durfte  wolil  die  Krankheit  in  nordlichen  Breiten  haufiger  vor- 
kommen  als  in  sudlichen. 

Peripherische  Anlasse  sind  bisher  nocb  selten  constatirt  worden. 
Der  von  Jeffreys  beschriebne  Fall  ist  durch  die  gleicbzeitige  mi- 
mische  Gesichtslahmung  and  durch  seine  Heilung  merkwurdig.  Ein 
von  einer  Tasse  abgebrochnes  Stiickchen  Porzellan  hatte  bei  einem 
Madchen  1 4 Jahre  in  der  rechten  Backe  gebaftet  und  so  anhaltende 
und  heftige  Schmerzen  veranlasst,  dass  auch  nicht  ein  Tag  davon  ver- 
scbont  blieb.  Man  fuhlte  unter  der  tlaut  einen  harten  spitzen  Kor- 
per:  die  geringste  Beruhrung  dieser  Stelle  weckte  den  Anfall.  Es 
wurde  mittelst  einer  Incision  eine  dreieckige  Scherbe  Porzellan  her- 
ausgenommen:  die  schmerzbaften  Paroxysmen  horten  auf  und  nacb 
zwei  Monaten  war  die  noch  zuruckgebliebne  Empfmdlichkeit  der 
Backe  ganz  verscbvvunden.  (Descot  dissertation  sur  les  affections 
locales  des  nerfs.  Paris  1825,  p.  09 J Cruveilhier  (Anat.  pa~ 
tliol.  du  corps  humain.  livr.  XXXV.)  erwiihnt  eines  Falles  von  sehr 
schmerzhafter,  dem  Laufe  des  facialis  folgender  Neuralgie  bei  einer 
mit  Carcinoma  mammae  behafteten  Frau.  Es  gesellte  sich  bald  eine 
unvollstandige  Labmung  des  Gesichtes,  successiv  in  den  verschiednen 
Gebieten  des  Antlitznerven,  hinzu.  Bei  der  Section  wurden  alle  Yer- 
zweigungen  des  facialis  knotig,  und  in  einer  carcinomatosen  Scbeide 
von  ungleicher  Dicke  eingehiillt  angetroffen. 

Yon  peripherischen  Anlassen,  die  den  Quintus  innerhalb  der  Scha- 
delkohle  bis  zu  seiner  Hirninsertion  reitzen  und  Neuralgie  verursa- 
chen,  ist  ausser  dem  zuvor  beschriebnen  bisher  noch  kein  Beispief 
mitgetheilt  worden.  Jedenfalls  lenkt  dasselbe  bei  kiinftigen  Untersu- 
chungen  die  Aufmerksamkeit  mehr  auf  den  Keilbeinkorper  und  die 
darin  verlaufende  Carotis,  wozu  ohnehin  die  Nabe  der  drei  Austritts- 
offnungen  fur  die  Quintusiiste  auffordert. 

Die  cenlralen  Ursachen,  wodmch  die  im  Gehirne  lagernden  Ele- 
mente  des  Quintus  gereitzt  erden,  sind  uns  noch  grosstentheils  un- 
bekannt.  Das  Gehirn  wird  entweder  unmittelbar  betroffen,  z.  B.  durch 
substantielle  Veranderung,  wie  in  meinem  Falle,  oder  mittelbar  von 


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NEURALGIE  DES  QUINTUS. 


andern  Organen  aus  betheiligt.  Unter  diesen  werden  der  Digestions- 
und  Uterinapparat  am  haufigsten  in  Yerdacht  genommen,  oft  ohne 
geniigende  Krilik,  nur  zur  Rechtfertigung  der  Kur.  Metastatische 
Vorgange,  besonders  in  den  dem  Gehirne  nahgelegnen  Schleimhau- 
ten  und  Driisen,  konnen  zuweilen  nachgewiesen  werden : unterdriickte 
Catarrhe,  Ohrenfliisse,  Exutorien,  Geschwiire.  Arthritische,  impeti- 
ginose  Dyscrasieen,  Rheumatismus  begiinstigen  die  Entstehung  der 
Prosopalgie. 

Zu  den  gelegentlichen  Anlassen  der  einzelnen  Anfalle  der  Krank- 
heit  gehoren  unvermuthete,  oberflachliche  Beriihrung  des  Sitzes  der 
Neuralgie,  Bewegungen  der  Gesichtsmuskeln,  besonders  der  mastica- 
torischen,  Erschiitterung  durch  Niesen,  grelle  Sinriesreitzung  des 
Auges,  des  Ohres,  Gemiithsaffecte,  geistige  Anstrengung,  rege  Auf- 
merksamkeit  auf  den  Schmerz.  Aus  diesen  Griinden  kommen  die 
Anfalle  im  allgemeinen  haufiger  bei  Tage  als  in  der  Nacht,  Auch 
atmospharische  Verhaltnisse  iiben  einen  unverkennbaren  Einfluss. 
Fruhjahr  und  Herbst,  neblichte  feuchte  Witterung,  rheumatische, 
eatarrhalische  Constitution,  Siidwind,  electrische  Spannung  vermit- 
teln  eine  grossre  Frequenz  der  Anfalle, 

Diagnostisches.  Es  giebt  keinen  sensibeln  Nerven,  dessen 
Energie  So  oft  in  Anspruch  genommen  wird,  wie  der  Quintus,  und 
man  kann  schon  aus  der  Zahl  seiner  Filamente  an  der  Insertions- 
statte  vermuthen,  dass  seine  Centralfaserung  die  machtigste  von  alien 
ist.  Daher  die  Haufigkeit  und  Leichtigkeit  seiner  Mitempfindungen 
und  die  Verwechslung  mit  eigenthumlichen  neuralgischen  Zustanden. 
Den  Irrthum  zu  vermeiden  beachte  man  1)  das  raumliche  und  zeit- 
liche  Verhaltniss  des  Schmerzes;  in  der  Prosopalgie:  Beschrankung 
auf  einzelne  Gebiete,  und  Paroxysmenbildung  mit  freiem  Intervall; 
in  der  schmerzhaften  Mitempfindung:  Wechsel  des  Ortes,  w^eitre  Ver- 
breitung,  und  hinter  dem  maskirenden  Schmerze  die  Zufalle  eines 
andern  Leidens,  z.  B.  kranker  Gesichtsknochen,  deren  Steigerung 
durch  geeignete  Anliisse  in  entsprechendem  Verhaltnisse  den  Schmerz 
im  Gesichte  hervorruft.  Ein  Fall  wird  im  1 0.  Bande  des  Journal  de 


NEURALGIE  DES  QUINTUS. 


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Medecine  mitgelheilt,  wo  die  Krankheit  von  einer  Wuride  am  Arm  ih- 
ren  Ursprung  nahm,  und  nach  zwei  quaalvollen  Jaliren  durch  Cauteri- 
sation der  Narbe  geheilt  wurde.  Analog  ist  auch  der  von  Swan  beo- 
bachtete  Fall  (Vgl.  S.23);  2)  die  Eigenth'umlichkeit  der  gelegentlichen 
Ursache  des  Schmerzes;  3)  die,  zumal  bei  langerer  Dauer,  nicht  aus- 
bleibende  Empfindlichkeit  der  afficirten  Gesichtsflache  gegen  unvermu- 
thete  oberflachliche  Beriihrung,  wahrend  starker  Druck  den  Schmerz 
nicht  steigert,  oft  lindert;  4)  die  Yorliebe  der  Neuralgie  des  Quintus 
fur  das  reife  Alter,  von  der  Mitte  der  Dreissiger  Jahre  an;  5)  die 
grosse  Seltenheit  der  Krankheit,  welche  die  Skepsis  in  der  Diagnose 
scharfen  muss.  Wahrend  schmerzhafte  Mitempfindungen  im  Gesichte 
zu  den  taglichen  Vorkornmnissen  des  Praktikers  gehoren,  sind  Falle 
von  Prosopalgie,  selbst  in  grossen  volkreichen  Stadten,  zu  den  Ausnah- 
inen  zu  zahlen. 

Mit  der  Anaesthaesia  dolorosa  des  Quintus  war  bis  auf  die  neuesteZeit, 
wo  man  dieselbe  erst  naher  hat  kennen  lernen,  die  Verwechslung  des 
Tic  douloureux  wohl  zu  entschuldigen.  Das  wichtigste  Criterium  fur 
jene  ist  Unempfindlichkeit  der  sclimerzhaften  Flache  gegen  Reitzung, 
dagegen  bei  diesem  die  Empfindlichkeit  fur  die  oberfliichlichste  Be- 
ruhrung gesteigert  ist. 

Die  Unterscheidung  vom  Gesichtskrampfe,  sei  es  der  mimische 
oder  masticatorische,  ist  durch  die  Intensitat  des  bei  jenem  nur  au- 
sserst  selten  vorhandnen  Schmerzes  leicht.  Die  Zuckungen  in  der  Pro- 
sopalgie erfolgen  durch  Reflexaction,  selbst  gegen  den  Widen  des 
Kranken.  Auf  diese  Weise  sind  die  in  dem  obigen  Falle  beobachte- 
ten  Rotationen  der  Zunge,  das  Verzerren  der  Lippe  etc.  zu  deuten. 

Prognose.  — Der  Verlauf  der  Krankheit  setzt  die  erheblichste 
prognostische  Differenz.  Die  acute  typische  Neuralgie  des  Quintus  ist 
in  den  meisten  Fallen  binnen  kurzer  Zeit  heilbar:  die  chronische  aty- 
pische  gehort  zu  den  Krankheiten,  die  am  seltensten  geheilt  werden, 
und  mit  dem  Menschen  ein  hohes  Alter  erreichen  konnen,  ohne  dass 
die  Quaal  des  Schmerzes  durch  die  Dauer  geringer  wird. 

Die,  wenn  auch  seltncn  Naturheilungen  der  Prosopalgie  fmden 


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NEURALGIC  DES  QUINTUS. 


statt  entweder  durcli  Uebergang  in  Krankheit  derselben  und  andrer 
Sippschaft:  in  Neuralgieen,  in  impetiginose  und  ulcerose  Affectionen, 
an  der  Gesichtsflache  und  entfernt  davon,  in  Podagra,  oder  durch  spur- 
loses  Verschwinden  der  Krankheit,  in  Form  der  Lysis. 

Be  hand  lung.  — Wie  stark  der  Ueberfluss  an  hypothetischem 
Wuste  und  umhertappendem  Probiren,  so  gross  und  driickend  ist 
der  Mangel  an  zuverlassigen  Ergebnissen  technischen  Wirkens!  Nur 
einen  Erfolg  konnen  wir  mit  Sicherheit  verheissen,  die  Kur  des  acu- 
ten  intermittirenden  Gesichtsschmerzes  mittelst  des  vegetabilischen 
oder  mineralischen  antitypicum,  der  China  oder  des  Arseniks.  Lasst 
das  Cliinin.  sulphur „ je  nach  der  Kiirze  des  Intervalls  in  grossrer  Dosis 
zu  2,  4,  6 Gran,  stiindlich  oder  zweistundiich  gereicht,  in  Stich,  was 
nur  selten  der  Fall  sein  wird,  so  hilft  noch  die  Tinct.  Fowleri,  zu 
3,  4 Tropfen  und  steigend,  aus. 

In  der  chronischen  atypischen  Prosopalgie  wiirde  schon  ein  hulf— 
reiches  Palliativ  fur  den  gemarterten  Kranken  grosse  Wohlthat  sein 
— allein  die  bisher  geruhmten  Mittel  wirken  entweder  gar  nicht  oder 
nur,  so  lange  sie  den  Reitz  der  Neuheit  haben.  Dahin  gehoren  das 
Streichen  und  Auflegen  von  Magnetstaben,  Waschungen  mit  narco- 
tischen  Auflosungen,  Fomentationen  mit  Sublimatsolution,  Morphium 
endermatisch  applicirt,  die  ortliche  Anwendung  der  Kalte,  als  kalter 
Hauch,  kalte  Waschung,  Auflegen  von  Eisstiickchen,  Frictionen,  Mani- 

pulationen.  In  der  neuesten  Zeit  ist  der  aussere  Gebrauch  des  Vera- 

\ 

trin  von  Turnbull  u.  A.  empfohlen  worden.  Die  Vorschrift  ist  fol- 
gende:  „Eine  Salbe,  welche  in  einer  Unze  Schweinefett  20  Gran 
Yeratrin  enthalt,  wird  wahrend  des  Schmerzanfalls  15 — 20  Minuten 
lang  iiber  den  ganzen  Sitz  des  Schmerzes  eingerieben,  so  lange,  bis 
das  Warmegefuhl  und  Prickeln,  welches  durch  die  Einreibung  ver- 
ursacht  wird,  den  neuralgischen  Schmerzen  an  Starke  gleichkommt. 
Dann  setzt  man  die  Einreibung  cine  kurze  Zeit  aus,  damit  die  durch 
sie  bewirkte  Irritation  sich  lege,  und  um  den  Kranken  in  Stand  zu 
setzen,  einen  Vergleich  zwischen  den  gegenwartigen  und  denvorder 
Einreibung  gefiihlten  Schmerzen  zu  machen.  Man  wird  oft  finden,  dass 


NEURAL!*  IE  DES  QUINTUS. 


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der  Schmerz  vertilgt  ist : wenn  aber  irgend  ein  Grad  von  Empfind- 
lichkeit  zuriickbleibt,  so  muss  man  die  Einreibung  fortsetzen,  bis  die 
eigenthumlichen  Sensationen  sich  wieder  zeigen,  worauf  in  der  Re- 
gel der  Schmerz  nachlassen  wird.  Sollte  er  dennoch  Widerstand 
leisten,  so  muss  der  Kranke  nic-hts  desto  weniger  in  der  Einreibung 
beharren,  bis  der  Paroxysmus  ausgeloscht  ist.  Wenn  diese  Salbe  in 
alien  Fallen  stark  genug  ist,  wo  der  Schmerz  sich  liber  die  Verliste- 
lungen  des  funften  Paares  ausbreitet,  so  bedarf  man  bisweilen  einer 
starkern,  wenn  er  sich  auf  einen  Punkt  beschrankt:  hier  nimmt  man 
40  Gran  auf  eine  Unze  Fett.  Uebrigens  verdieut  die  Warming  Be- 
herzigung,  nicht  die  kleinste  Menge  der  Salbe  mit  der  Conjunctiva 
in  Beriihrung  zu  bringen.“  (Forcke  physiologisch-therapeutische 
Untersuchungen  uber  das  Yeratrin.  1837.  S.  47.)  Ich  hatte  Gele- 
genheit  bei  einer  53jahrigeu  Wittwe,  die  seit  drei  Jahren  an  einer 
alien  Heilversuchen  trotzenden  Neuralgie  des  n.  supraorbitalis  und 
infraorbitalis  der  rechten  Seite  gelitten  hatte,  den  palliativen  Erfolg 
der  Veratrinsalbe  im  Anfange  zu  beobachten,  sail  aber  auch,  dass 
nach  einem  Vierteljahre  dasselbe  Mittel  jene  Wirkung  ganz  versagte. 

In  der  Radical -Behandlung  des  Gesichtsschmerzes  wird  iiberall 
auf  Erfullung  der  Causalindication,  und,  wenn  dies  nicht  geniigt,,  auf 
ein  gegen  das  Nervenleiden  selbst  gerichtetes  Yerfahren  gedrungen. 
Und  gewiss,  wo  ein  ursachliches  Verhaltniss  mit  Sicherheit  oder  auch 
nur  mit  Wahrscheinlichkeit  ermittelt  werden  kannr  wird  der  Prak- 
tiker,  der  sich  alsdann  doch  eines  Haltes  zu  erfreuen  hat,  nicht  un- 
terlassen,  dieser  Indication  zu  geniigen,  und  besonders  von  dem  wie- 
derholten  Gebrauche  der  Thermen  (z.  B.  Wiesbadens  bei  gestorter 
Hamorrhois,  Carlsbad’s  und  Marienbad’s  bei  hepatischen  Allectio- 
nen  etc.)  einigen  Erfolg  erwarten.  Allein  mit  dem  andern  Verfahren 
sieht  es  schlimm  genug  aus:  gegen  etwas  zu  agiren,  was  man  nicht 
einmal  kennt,  duffle  in  einem  andern  Fache  nicht  so  leicht  zugemu- 
thet  werden. 

Am  unmittelbarsten  glaubte  man  das  Uebel  dadurch  zu  heben,  dass 
man  es  in  seinem  Sitze  selbst  angrifT,  dass  man  den  Nerven  zur  Lei- 


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NEURALGIE  DES  QUINTUS. 


tung  des  Schmerzes  unfahig  inachte,  eiu  Gedanke,  den  zuerst  Lud- 
wig’s XIV.  Wundarzt  Mar  <$  chal  ausfiihrte,  indem  er  den  Nerven 
durchschnilt.  Allein  die  Kritiksowohl  dieses  Verfahrens,  als  der  Exci- 
sion eines  Stiickes  aus  dem  Nerven  liegt  schon  in  dem  neurophy- 
siologischen  Gesetze  der  excenlrischen  Erscheinung,  wonach  die  ge- 
reitzte  Cenlralfaser  oder  der  peripherische  Stumpf,  mag  er  aucli  nur 
noch  1 Millimeter  betragen,  die  Schmerzen  scheinbar  in  den  iiusser- 
sten  Ilautenden  empfmden  lasst.  Nur  bei  krankhaften  Zustiinden  der 
Gesicbtsramificationen  des  Quintus  liesse  sich  von  dem  chirurgischen 
Verfahren  ein  Erfolg  erwarten,  wie  er  z.  B.  in  dem  von  Jeffreys 
beobachteten  Falle  statt  fand,  allein  diese  Falle  von  Prosopalgie  sind 
leider  die  seltensten.  Auch  bezeugt  es  binreichend  der  Verfall  dieser 
operatrven  Versuche.  Dieselben  aber  gar  auf  den  n.  facialis  ausdeli- 
neu  zu  wollen,  wie  es  von  einigen  vorgeschlagen  warden,  ist  der 
grobste  Verstoss,  denn  zu  dem  beklagenswerthen  Loose  des  Kranken 
von  seinem  Schmerze  nicht  befreit  zu  w erden,  wiirde  noch  das  Mis- 
geschick  einer  mimischen  Gesicbtslahmung  sich  gesellen. 

Zu  den  ortlichen  Mitteln,  wodurch  man  unmittelbar  auf  den  affi- 
cirten  Nerven  einzuwirken  glaubte,  gehoren  auch  die  miltelst  eines 
Cauterium  eroffneten  Exutorien,  Fontanellen  etc.,  welche  an  Andrei 
einen  grossen  Lobredner  gefunden  haben.  Wenn  auch  seine  Ansicht, 
den  Nerven  selbst  dadurch  zu  zerstoren  oder  einer  materia  peccans 
den  Austritt  zu  verschaffen,  heutigen  Tages  wohl  nicht  so  leicht  An- 
klang  finden  mochte,  so  durfen  wir  doch  nicht  vergessen,  dass  durch 
Reitzung  peripherischer  Empfmdungsnerven  die  centrale  Action  eine 
Umstimmung  erleiden  kann.  Von  diesem  Gesichtspunkte  wiirde  auch 
der  von  Scott  (Ueber  den  Gesichtsschmerz  und  andre  Formen  der 
Neuralgie.  Aus  dem  Engl,  iibers.  Berlin  1835.  S.  24.)  geriilimte 
Erfolg  der  Einreibung  einer  Salbc  aus  Deutioduretum  Mercurii 
(3j — jj  auf  §j  Ad.  suill. ) in  die  schmerzhaftcn  Theile  zu  deuten 
sein.  In  der  neuesten  Zeit  hat  M age n die  den  Galvanismus  zur 
Ileilung  der  Prosopalgie  vorgeschlagen  und  einige  Falle  zur  Bestiiti- 
gung  mitgetheilt.  Durch  eine  sehr  feine,  in  den  schmerzhaftcn  Nerven- 


NEURALGIE  DES  QUINTUS. 


57 


zweig  eingestochne  Platinanadel  werden  galvanische  Strome  geleitet. 
(Lemons  etc.  p.  125  und  p.  238 .)  — Die  Compression  verdiente 
wohl  in  Gcbrauch  gezogen  zu  werden.  Earle  (Medic,  chirurg.  trans- 
act. vol.  VII.  p.\ S7)  erzahlt  von  einem  Schmidt,  der  seit  larigrer 
Zeit,  so  oft  er  sich  anstrengte,  an  heftigen  Schmerzen  in  dem  Stirn- 
nerven  litt.  Derselhe  ersann  sich  einen  Apparat  von  Springfedern 
mit  kleinen  Pelotten,  womit  er  die  Temporalarterie  comprimirte  und 
auf  diese  Weise  den  ganzen  Tag  am  Amboss  arbeiten  konnte. 

Einige  specifische  Heilmittel  zum  innern  Gebrauche  sind  gegen 
den  tic  douloureux  empfohlen  worden,  wobei  man  entweder  von  Hy- 
potbesen  ausging  oder  auf  Analogie  sich  stiitzte.  So  wahlte  F other- 
gill  in  der  Yoraussetzung  einer  carcinomatosen  Basis  dieser  Krank- 
lieit  das  Conium:  Hutchinson  r'uhmt  das  Ferrum  carbonicum  in 
grossen  Gaben,  das  Pulver  zu  1/2 — 1 5 mit  Ilonig,  dreimal  taglich. 
Allein  beide  Mittel  haben  sich  nicht  bewahrt,  und  in  Betreff  des 
letzteren  liegt  offenbar  eine  Verwechslung  mit  dessen  Wirksamkeit 
bei  schmerzhaften  AfFectionen  des  Quintus  als  Mitempfindungen,  zu- 
mal  hysterischen,  zu  Grunde,  was  schon  aus  der  Behauptung  des 
Herrn  Hutchinson  (wenn  sie  sonst  Glauben  verdient)  hervorgeht, 
dass  in  Zeit  von  zwei  Jahren  sich  uber  200  Falle  dieser  Erankheit 
in  seinem  Wirkungskreise  dargeboten  hatten. 

Mehr  Hoffimng  des  Erfolgs  verheisst  der  wiederholte  Gebrauch 
der  Seebader,  besonders  der  sudlichen,  und  die  beharrliche  Anwen- 
dung  der  Kalte,  sowohl  als  Begiessung  des  Kopfes  und  Ruckens,  wie 
auch  als  Waschung  des  ganzen  Rorpers. 


»*):>  o $ * — — 


58 


CILIARNEURALGIE. 


Nicht  nur  die  Gesichtsflachen,  iiussere  und  innere,  werden  vom 
Quintus  mit  Hautnerven  versorgt,  auch  die  membranosen  Fliichen 
der  Sinnesorgane  erhalten  aus  dieser  Quelle  ihr  Gefuhl,  welches  sich 
von  der  eigen thumlichen  Sinnesempfindung  wesentlich  unterscheidet. 
Diese  Verschiedenheit  giebt  sich  auch  in  den  Ilyperasthiisieen  hin- 
reichend  zu  erkennen,  und  noch  ein  andrer  Umstand  hietet  sich  der 
Beobachtung  dar,  welcher  von  physiologischem  Interesse  ist:  die  Er- 
regung  und  Modificirung  des  Schmerzes  durch  den  Sinnesreitz,  im 
Auge  durch  das  Liclit,  im  Ohre  durch  den  Schall  u.  s.  w.,  wodurch 
ein  besondres  Verhaltniss  zum  Sinnesnerven  sich  herausstellt,  dessen 
Action  dadurch  gestort  wird. 


STeuralgia  ciliaris. 


Schmerzgefiihl  im  Auge,  angeregt  und  gesteigert  durch  den  Ein- 
fluss  der  Lichtstrahlen  und  des  Sehens,  ist  das  bestandige  Merkmal. 
Im  hoheren  Grade  ist  Lichtscheu  vorhanden,  wonach  man  auch  die 
Ivrankheit  Photophobia  genannt  hat.  Der  Kranke  meidet  Sonnen- 
und  Kerzenlicht,  hei  dessen  Einfallen  in’s  Auge  der  Bulbus  schmerz- 
haft  wird  und  die  Augenlieder  sich  sofort  mit  Gewalt  schliessen.  Die 
Pupille  ist  contrahirt.  Der  Schmerz  verbreitet  sich  nicht  selten  nach 
Stirn  und  Kopf.  Gewohnlich  thrant  und  rothet  sich  das  Auge. 

Eine  haufige  Form  der  Ciliarneuralgie  ist  diejenige  Empfindlichkeit 
des  Auges,  welche  man  bisher  unter  dem  Namen  hehetudo  visas,  Ge- 
sichtschwache,  mit  einbegriffen  hat.  Jeder  Yersuch  zur  Anstrengung 
der  Sehkraft,  besonders  fur  nahe  Gegenstiinde,  fiihrt  ein  peinliches 
Gefuhl  der  Ermiidung  des  Auges  mit  sich,  welches  oft  zu  einem  leb— 
hafteren  Schmerze  steigt  und  wobei  die  Gegenstiinde  matt  erschei- 
nen  und  allmahlig  ganz  schwinden.  Bei  fortgesetzter  Anstrengung 
thrant  das  Auge,  das  ohere  Lied  wird  schwer  und  schliesst  sich ; zu- 
Jetzt  tritt  ein  driickender  Kopfschmerz  in  der  Stirn  hinzu.  Solche 
Kranke  konnen  uherhaupt  die  Augenlieder  nicht  so  vollstandig  oflfnen 


CILIARiNEURALGlE. 


59  ' 


wie  die  eines  gesunden  Auges,  weshalb  das  Auge  kleiner  erscheint 
als  das  gesunde.  In  mehreren  Fallen  habe  ich  dabei  ein  haufiges 
Blinzeln  beobachtet.  Alle  diese  Zufalle  lassen  nach,  sobald  dem  Auge 
Ruhe  gestattet  wird.  (Vgl.  Juengken,  die  Lehre  von  den  Augen- 
krankheiten.  2.  Aufl.  S.  105  und  814.) 

Scholion.  Man  hat  diese  Erscheinungen  bisher  als  Affection  des 
Sehnerven  betrachtet,  doch  ganz  mit  Unrecht,  denn  dem  opticus  ist 
jede  andre  Empfindung  ausser  der  des  Lichts  und  der  Farben  fremd, 
und  seine  Hyperasthasie  offenbart  sich  nur  durch  Lichtphanomene, 
so  wie  seine  Anasthasie  durch  Unfahigkeit  Licht  und  Farbe  zu  em- 
pfinden.  Mit  dem  Gefuhlsreitze  der  Lichtstrahlen  hat  der  opticus 
nichts  zu  thun,  woran  jeden  Zweifel  die  wichtige  Beobachtung  nimmt, 
dass  Amaurotische  an  Photophobie  leiden  konnen.  (S.  die  Schilde- 
rung  der  optischen  Anasthasie.)  Die  Storungen  in  der  Energie  des 
Sehnerven  bei  der  Neuralgia  ciliaris  bekunden,  in  welchem  nahen 
Verhaltnisse  der  Gefiihlsnerv  des  Sinnesorgans  zu  dem  eigenthum- 
lichen  Sinnesnerven  steht,  was  auch  durch  die  Anasthasieen  erwiesen 
wird.  Unter  den  andern  Symptomen  der  Ciliarneuralgie  sind  noch 
das  Thranen  und  die  Rothung  als  trophische  Erscheinungen  bemer- 
kenswerth.  Einige  Augenarzte  wollen  auch  eine  Neuralgie  der  Thra- 
nendriise  beobachtet  haben,  welche  sich  durch  stechende  Schmerzen 
in  der  Gegend  der  gland,  lacrim.,  durch  Lichtscheue  und  Empfind- 
lichkeit  des  Auges,  und  durch  ein  periodisches  Thranen  kundge- 
ben  soil. 

Die  Ur  sac  he  n der  Ciliarneuralgie  haben  entweder  in  dem  peri- 
pherischen  oder  centralen  Apparat  der  Ciliarnerven  ihren  Sitz.  Das 
Erstere  ist  der  Fall  bei  Entzundungen,  zumal  scrofulosen,  gichtischen 
und  syphilitischen,  und  bei  Blennorrhoen  des  Auges,  oft  nur  in  einem 
Auge.  Centrale  Anliisse,  wodurch  fast  immer  heide  Augen  betheiligt 
werden,  sind  scrofulose  Diathesis,  Entwicklung  der  Pubertiit,  das 
Puerperium,  vorangegangne  Krankheiten,  z.  B.  exanthematische,  Ma- 
^sern  und  Scharlach,  congestiver  Zustand,  Siifteverlust,  zumal  sper- 
matischer,  Helminthiasis,  iibermassige  Anstrengungen  der  Augen  durch 
feine  Arheiten  in  hellem  Lichte,  gleichzeitige  Anstrengungen  des 


60 


CIL 1ARN  EURALG  IE. 


Geistes  und  der  Augcn;  seltner  ist  Mangel  an  Uebung  des  Augesund 
Entziehung  des  Lichtreitzes  schuld.  Zur  Hernicranie  und  Hysterie 
gesellt  sich  die  Ciliarneuralgie  liaufig. 

Die  Ileil  ung  ist  im  Allgemeinen  schwierig,  bcsonders  derjenigen 
Form,  vvelche  man  das  reitzbare  oder  empfindliche  Auge  nennen 
kann.  Je  Dinger  die  Dauer,  je  schwieriger  die  Ermittelung  oder  Be- 
seitigung  der  Ursachen,  um  so  weniger  Disst  sich"  boffeh.  Hinzutritt 
von  Amaurose  ist  zuweilen  beobachtet  worden. 

Die  technische  Bella nd lung  muss  mehr  eine  diatetische  als 
pharmaceutische  sein.  Der  Einfluss  des  Lichtes  werde  modificirt,  nicht 
entzogen,  wofern  nicht  coexistirende  Krankheiten  des  Auges  das  letz- 
tere  erheischen.  Schneller  Wechsel  der  Beleuchtung  muss  vermieden 
werden.  Mit  Augenschirmen,  einem  breiten  Rande  der  Kopfbedek- 
kung,  blauen  Brillen  schiitze  man  das  Auge  vor  grellem  Lichte. 
Wechsel  dcr  Uebung  ist  heilsam : Beschaftigung  in  grosser  Niihe  ver- 
tausche  man  mit  einer  in  der  Feme;  der  Anblick  gruner  Fliichen 
wirkt  wohlthatig,  so  auch  Aufenthalt  in  freier  trockner  Luft,  und  der 
Gehrauch  kalter  Bader  und  Waschungen  desKorpers.  Wo  scrofulose 
Anlage  vorhanden,  eignen  sich  Sool-  und  Seebader  und  ol  Jecor. 
aselli:  sind  schwachende  Einfliisse  vorhergegangen,  eisenhaltige  Mit- 
tel  und  Bader.  Gegen  reitzbare  Schwache  sind  kalte  Begiessungen  des  . 
Kopfes  und  Molkenkuren  zu  empfehlen.  Bei  plethorischem  und  con- 
gestivem  Zustande  diirfen  Blutentleerungen,  besonders  durch  Schropf- 
kopfe  in  den  Nacken,  durch  Blutegel  hinter  den  Ohren  u.  s.  w.  nicht 
vernachliissigt  werden.  Unter  den  ortlichen  Mitteln  sind  reitzende  und 
erhitzende  durchweg  zu  vermeiden.  Am  meistcn  riihmt  Juengken 
(1.  c.  S.  812)  die  kalte  Augendouche,  besonders  mit  kohlensaurem 
Wasser,  welche  tiiglich  zweimal,  !/2  Stunde  lang,  gebraucht  werden 
muss.  In  mehreren  hartnackigen  Fallen,  wo  kein  andres  Mittel  biilf- 
reich  war,  hatte  das  Anstromen  der  reinen  Kohlensiiure  gegen  die 
Augen  den  ausgezeichnetsten  Erfolg. 


NEURALGIEEN  DES  SCHENKELGEFLECHTS. 


61 


IVenralgleen  des  Schenkelgeflechtes. 


Es  ist  kein  Zeichen  vorschreitender  Beobachtung,  dass  bis  auf  die 
neueste  Zeit  die  Ischias  als  einziger  Reprasentant  der  Neuralgieen 
der  untern  Extremitaten  aufgestellt  worden  ist,  — und  ware  noch 
ihr  Bild  treu  der  Natur  entnommen  worden!  Taglich  lehrt  die  Er- 
fahrung,  dass  es  keinen  Hautnerven  des  plexus  lumbalis  jind  sacralis 
giebt,  vom  Schenkelbogen  bis  zur  Zehenspitze,  welcher  nicht  neural- 
gisch  afficirt  werden  konnte,  allein  die  Tradition  von  einem  Schmerze, 
der  dem  Laufe  des  Nerven-Stammes  folgen  soil,  lenkt  die  Aufmerk- 
samkeit  ab,  und  mit  uncritischen  Termen,  wie  etwa  rheumatische, 
hamorrhoidaliscbe  Schmerzen  u.  dgl.  m.,  wird  gewohnlich  der  Man- 
gel diagnostischer  Einsicht  verdeckt. 

Der  untre  Theil  des  Schenkelgeflechts  leidet  ofter  neuralgisch  als 
der  obre;  Schmerzen  in  der  ischiadischen  Bahn  kommen  haufiger  vor 
als  in  der  cruralen.  Betrachten  wir  daher  jene  zuerst 


Neuralgia  iscliiatlica. 

Ischias  nervosa  postica  Cotunnii.  Hiiftweh. 

Schmerz  im  Gebiete  der  Hautnerven  des  Ischiadicus  ist  der  Grund- 
zug  dieser  Krankkeit,  topisch  verschieden,  je  nachdem  die  Fasern  der 
hoher  oder  tiefer  abgehenden  Cutanei,  je  nachdem  mehr  oder  weni- 
ger  zugleich  afficirt  sind.  Wo  der  hintre,  mittlere  und  untre  Haut- 
nerv,  wie  es  haufig  der  Fall  ist,  Sitz  der  Neuralgie  sind,  nimmt  der 
Schmerz  die  hintre  und  seitliche  Flache  des  Oberschenkels  ein,  bis 
zur  Kniekehle  und  weiter  herab  bis  zur  Wade.  Nicht  so  oft  ist  der 
oberflachliche  Ilautast  des  peronaeus  befallen,  wobei  der  Schmerz 
sich  in  der  Ilaut  der  aussern  und  vordern  Flache  des  Unterschenkels 
und  in  der  Ilaut  der  aussern  und  innern  ITalfte  des  Fussruckens,  den 
Zehen  entlang,  verbreitet.  Haufiger  leidet  der  lange  Hautnerv  des 
tibialis  und  offenbart  den  Schmerz  am  aussern  Knochel  und  aussern 
Fussrande.  Selten  geben  die  Plantar-IIautnerven  den  Sitz  ab,  mit 


62 


NEURALGIE  DES  HttFTNERVEft 


Ausnahme  des  n.  tibialis  exterior,  der  den  hintern  Theil  der  Sohle, 
die  Ferse  versorgt. 

In  diesen  Regionen  verbreitet  sich  der  Schmerz,  entweder  blitzes- 
schnell  hervorstrahlend,  ab  warts,  aufwarts,  schneidend,  zerreissend, 
brennend,  von  ausserordentlicher  Heftigkeit,  durch  oberflachliche  Be- 
riihrung  gesteigert,  oder  sich  allmahlich  fixirend  mit  bohrendem, 
quetschendem  Gefiilde.  Gleichzeitig  hat  der  Kranke  oft  eine  driik- 
kende,  schmerzhafte  Empfindung  in  der  Niihe  des  Sitzbeinhbckers, 
nicht  weit  vom  Austritte  des  Hiiftnerven,  und  Schmerzen  im  Kreutze. 
Am  heftigsten  ist  der  Schmerz  in  der  Plantar-Neuralgie,  wovon  ich 
unlangst  bei  einer  54jahrigen  Frau  einen  Fall  von  1 2w6chentlicher 
Dauer  beobachtet  habe,  dessen  Quaalen  denen  des  tic  douloureux 
gleichkamen.  Hugh  Ley  fuhrt  zwei  ahnliche  Beispiele  an  [Essay  on 
laryngismus  stridulus.  London  1 836,  p.  307.)  und  Descot  theilt 
einen'von  Richerand  beobachteten  Fall  mit,  wo  die  Application  des 
gluhenden  Eisens  auf  die  Fusssolde  von  Erfolg  war.  ( Dissert . sur  les 
affections  locales  des  nerfs.  Paris  1825,  p.  305.) 

Der  ischiadische  Schmerz  bildet  Anfalle  von  verschiedner  Dauer, 
mit  remittirendem,  selten  intermittirendem  Typus.  Im  Anfange  der 
Krankheit  sind  sie  naher  an  einander,  im  weitern  Verlaufe  aus  ein- 
ander  geruckt.  Die  Anfalle  zeigen  sich  gegen  Abend  und  im  Anfange 
der  Nacht,  die  Intervalle  in  den  Vormittagstunden. 

Fast  immer  ist  diese  Neuralgie  halbseitig,  eben  so  oft  am  linken 
als  rechten  Fusse.  Beispiele  von  gleichzeitiger  Affection  beider  untern 
Extremitiiten  sind  sehr  selten,  mit  Ausnahme  der  Plantar-Neuralgie. 
Die  Bewegung,  besonders  des  Unterschenkels  und  Fusses,  ist  schmerz- 
haft,  erschwert,  verhindert.  Wahrend  des  Anfalls  ist  es  schwierig  eine 
erleichternde  Lage  ausfindig  zu  machen.  Einige  halten  das  Bein  ge- 
streckt,  andere  gebogen,  oder  wechseln  damit  ab.  Auch  andre  Sto- 
rungen  der  Motilitat  kommen  ofters  vor,  Contractionen  der  Muskeln, 
Schwache,  Paresis.. 

Die  Temperatur  des  neuralgischen  Fusses  ist  selten  erhoht,  die 
Farbe  unverandert,  sowohl  in  als  ausser  dem  Anfalle.  Nutritive  Er- 
scheinungen,  Zunahme  oder  Schwinden,  sind  selten. 


NEURALGIE  DES  HCFTNERVEN. 


63 


Ausser  Verstopfung  des  Stuhlgangs,  welche  gewohnlich  das  Hiift- 
weh  begleitet,  zeigt  sich  keine  erhebliche  Storung  in  den  iibrigen 
Functionen.  Nur  zu  Anfange  machen  sich  ofters  Fieberbewegungen 
bemerkbar. 

Die  Dauer  der  Krankheit  als  Totalitat  belauft  sich  von  3 — 4 Wo- 
chen  bis  auf  mehrere  Monate.  Eine  Neigung  zu  Recidiven  waltet  vor. 
Complication  mit  andern  Neuralgieen  ist  selten.  C o t u g n o (de  ischiade 
nervosa  commentarius.  Vienn.  1770,  p.  58)  hat  zuweilen  eine  Ver- 
bindung  mit  Neuralgia  ulnaris  beobachtet.  Neuralgia  muscularis 
der  Gastrocnemii  ist  ofters  ein  Begleiter.  Es  pradisponirt  das  mittlere 
Lebensalter,  vom  40.  bis  60.  Jahre;  das  kindliche  bleibt  verschont. 
Das  mannliche  Geschlecht  soil  nach  Home’s  Beobachtung  haufiger 
der  Krankheit  ausgesetzt  sein,  als  das  weibliche,  was  sich  nach  mei- 
ner  Erfahrung  nicht  bestatigt.  Ein  endemischer  Einfluss  ist  zu  ver- 
muthen.  So  kommt  sie  in  Neapel  nach  Cotugno’s  Aeusserung  oft 
'vor,  wiihrend  sie  in  Berlin  zu  den  seltneren  Krankheiten  gehort. 

- Jahreszeiten  stehen  ofters  zu  den  Recidiven  in  einer  bestimmten  Be- 
?ziehung.  Nach  Cotugno,  dem  genauesten  Beobachter  dieser Krank- 
heit, nehmen  die  Schmerzen  bei  herrschendem  Sudwinde  und  feuch- 
tem  Wetter  zu,  und  lassen  nach  bei  Nordwind  und  heiterer  Luft. 

Unter  den  Ursachen  gehoren  Intestinal-  und  Uterin-Einflusse  zu 
den  haufigeren : Anhiiufung  von  Excrementen,  eingekeilter  Kindes- 
l kopf,  lange  Geburtsarbeit;  zuniichst  korperliche  Anstrengungen : Auf- 
heben  und  Tragen  schwerer  Lasten,  starker  Fall,  Ertniidung  durch 
forcirte  Marsche,  durch  anhaltendes  Reiten,  dann  Bleiintoxication, 
rheumatische  Anlasse : Liegen  des  erhitzten  Korpers  oder  baarfussi- 
.ges  Stehen  auf  feuchtem,  kaltem  Boden.  Metastatische  Vorgiinge: 

, jahe  oder  allmahliche  Unterdriickung  gewohnter  Blutflusse,  zumal 
der  Hamorrhois  und  Menstrua,  Arthritis;  dyscrasische  Verhaltnisse, 
.Syphilis. 

Diagnostisches.  Bis  auf  die  neuesteZeit  hat  ein  an  den  Stamm 

! des  Huftnerven  gebundner  Schmerz  fur  das  palhognomonische  Merkmal 
der  Ischias  gegolten.  Allein  in  der  Wirklichkeit  lasst  sich  ein  solcher 
ILauf  des  Schmerzes  in  zwei  Stromen  nach  der  Verbreitung  des 


G4 


NEURALGIE  DES  HCFTNERVEN. 


n.  tibialis  und  permaeus,  nicht  nachweisen.  Hier,  wie  iiberall,  wird 
der  Sclimerz,  nacli  der  Norm  der  excentrischen  Frscheinung,  in  den 
iiussersten  Enden  der  ischiadisclien  Ilautnerven  empfunden,  wovon 
ich  mich  durch  sorgfaltige  Beobachtung  iiberzeugt  babe.  Nur  an  einer 
Stelle  des  Stammes,  nicht  weit  von  seinem  Austritte  aus  der  Becken- 
holile,  in  der  Nahe  des  Sitzbeinhockers,  klagen  die  Kranken  oft  iiber 
einen  fixen  Sclimerz,  gleichzeitig  mit  dem  Schmerze  in  den  subcutanei. 
Diese  Erscheinung  hat  mit  derjenigen  Aehnlichkeit,  welche  beim 
Schlag  oder  Stoss  eines  Nervenstanimes,  z.  B.  des  ulnaris,  erfolgt,  wo  mit 
den  Empfindungen  in  den  aussern  Tbeilen  zugleich  ein  heftiger  Scbmerz 
an  der  getroffnen  Stelle  des  Stammes  sich  kundgiebt,  und  wovon 
bislier  noch  keine  geniigende  Erklarung  bat  gegeben  werden  konnen. 

Zu  unterscheiden  ist  die  Neuralgie  des  Hiiftnerven  von  dessen  M it- 
em pfind  ungen,  die  sich  haufig  auf  hysterischer  Basis,  bei  krank- 
haften  Veranderungen  des  Mastdarms,  und  zuweilen  bei  Stricturen 
der  Harnrohre  einfmden. 

Hemmend  fiir  die  vollstandigere  diagnostische  AufFassung  der  Ischias 
war  die  ausschliessliche  Beriicksichtigung  des  Hiiftnerven  in  seinem 
Verlaufe  am  Beine.  Auch  hier  wurde  der  Begriff  eines  peripherischen 
Nerven  auf  seine  zu  Tage  gehende  Faserung  beschrankt,  und  der  in 
Hohlen  und  Gangen  verborgne  Lauf  iibersehen.  Nehmen  wir  aber 
die  seltnenFalle  von  Neuritis  ischiadica  aus,  in  Folge  von  Verletzun- 
gen,  Ulcerationen  etc.  des  Schenkels,  so  ist  es  just  die  in  der  Becken- 
hohle,  im  Lumbar-  und  Sacralgeflechte,  und  in  der  Nahe  des  Buk- 
kenmarkes  befindliche  Partie  des  Hiiftnerven,  welche  durch  gewisse 
Anliisse  gereitzt,  die  neuralgischen  Symptome  am  Beine,  nach  der 
excentrischen  Norm,  hervorruft.  Von  diesem  Umstande  sind  auch 
sowohl  die  Mitempfindungen  als  die  gleichzeitige  Theilnahme  der 
Motilitat  abhangig.  Als  Mitempfindung  ist  der  Kreuzschmerz  zu  deu- 
ten,  welcher  mehrentheils  vorhanden  ist,  so  wie  sich  die  Affection 
der  motorischen  Fasern,  die,  den  sensibeln  im  Ischiadicus  angelagert, 
von  demselben  Einflusse  meistens  mitgetroffen  werden,  in  dem  W a- 
denkrampfe,  im  Zittern  der  Muskeln,  in  der  gehinderten  Beweglich- 


65 


NEURALGIE  DES  HOFTNERVEN. 

keit  zur  Genuge  ausspriclit.  Diese  Erscheinungen  sind  recht  deutlich 
ibei  einem  schweren  Gebaracte,  wo  durch  den  im  Uterus  eingekeilten 
iKindeskopf  der  plexus  ischiadicus  gereitzt  wird.  Die  Kreissende  fiihlt 
niclit  nur  im  Kreutze  den  schneidenden  durchdringenden  Schmerz, 
auch  in  den  Schenkeln,  in  den  Waden,  in  den  Zehen,  je  nach- 
dem  die  iscbiadiscben  Hautnerven,  einzeln  oder  mehrere,  in  der  Bek- 
kenbohle  gereitzt  werden.  Zugleich  finden  sich  schmerzhafte  Mus- 
kelcontractionen,  besonders  der  Gastrocnemii,  ein.  Die  Reitzung,  in 
welche  der  Hiiftnerv  durch  diesen  Anlass  gerath,  kann  so  betracht- 
lich  sein,  dass  auch  eine  nachhaltige,  nach  der  Entbindung  fortdauernde, 
und  gefahrdrohende  Affection  sich  ausbildet.  Bisher  habe  ich  drei 
'solcher  Fiille  zu  beobachten  Gelegenheit  gehabt. 

Die  Krankheit  befiel  nur  ein  Bein  und  begann  sowohl  mit  Schmerz- 
empfindung  als  mit  gestorter  Motilitat.  Bei  der  einen  Wochnerin 
vvurde  das  Bein  unter  den  heftigsten  Schmerzen  convulsivisch  in  die 
IH5he  geworfen,  bei  alien  dreien  war  das  Bewegungsvermogen  gehin- 
i dert.  Der  Schmerz  tobte  sowohl  im  Oberschenkel  als  in  der  Waden- 
igegend,  besonders  heftig  in  den  Zehen  und  der  Fusssohle.  Obgleich 
weder  die  Warme  vermehrt,  noch  Geschwulst  oder  Rothe  bemerkbar 
war,  so  reichte  eine  leise  Beriihrung  hin,  den  Schmerz  aufden  hoch- 
^sten  Grad  zu  steigern,  weshalb  auch  die  Kranken  ihren  Fuss  unver- 
riickt  in  derselben  Lage  erhielten  und  flehentlich  baten,  ihn  nicht  zu 
tberuhren.  Starkes  Fieber  mit  einer  Pulsfrequenz  von  120 — 130 
“Schlagen,  Schlaflosigkeit,  Verstopfung,  Verminderung  und  Unterdriik- 
Muing  der  Lochien  begleiteten  die  Schmerzen,  die  gegen  Abend  und 
i in  der  Nacht  exacerbirten. 

Bei  geeigneter  Behandlung  liessen  die  heftigen  Schmerzen  und  das 
I Fieber  binnen  14  Tagen  nach,  allein  die  Convalcscenz  zog  sich  lange 
I ain,  und  in  alien  drei  Fallen  sind  Storungen  der  Sensibilitiit  und  Mo- 
' ilitiit  des  afficirten  Beins  zuruckgeblieben;  bei  der  einen  Frau  An- 
isthasie  der  Fusssohle,  so  dass  sie  das  Einstechen  einer  Stecknadel 
licht  fiihlt,  bei  den  beiden  andern  ein  lastiges  Gefiihl  von  Schwiiche 
)ei  Anstrengungen  und  Bewegungen  des  Fusses. 

Romberg's  Nervenkrankh.  1.  5 


6fl  NEURALGIE  DES  llOFTNERVEN. 

Zwei  von  diesen  Kraoken,  aus  niederm  Stande,  von  ungeschickter 
Hand  mit  der  Zange  entbunden,  waren  schon  48  Stunden  daraui’ 
vom  Schmerze  befallen  worden.  Die  dritte,  eine  20jahrige  zartge- 
baute  Dome,  war  von  einem  unsrer  erfahrensten  Geburtshelfer  mit 
der  Zange  entbunden,  und  am  elften  Tage  in  diese  Krankheit 
verfallen.  ( 

Die  ischiadiscbe  Neuralgie  von  andern  schmerzhaften  AfTectionen 
des  Beines  zu  unterscheiden,  ist  in  einigen  Fallen  Ieicht,  in  andern 
schwierig.  Mit  acutem  Rheumatismus,  mit  podagrischen  Schmerzen 
wird  so  Ieicht  keine  Verwecbslung  stattfinden  konnen.  Auch  in  Be- 
trefF  der  Coxalgie  glaubte  man  in  den  ortlichen  Erscheinungen  am 
Gelenke  und  Trochanter  und  in  den  Verschiedenheiten  des  Langen- 
maasses  des  Gliedes  diagnostische  Criterien  zu  besitzen.  Allein  abge- 
sehen  von  der  schwierigeren  Beurtheilung  bei  Complication  beider* 
Zustiinde  (Rust,  uber  die  Verrenkungen  durch  innere  Bedingung. 
S.  53.),  abgesehen  davon,  dass  auch  in  der  Ischias  durch  spastische 
Muskel-Contraction  der  leidende  Schenkel  tiefer  in  die  Pfanne  gedriickt 
werden  kann,  und  kurzer  erscheint,  als  der  gesunde,  so  giebt  es  Af- 
fectionen  der  Gelenke,  welche  in  das  Bereich  der  Neuralgieen  gebo- 
ren  und  zuerst  von  Brodie  genau  beschrieben  worden  sind.  (Lectu- 
res illustrative  of  certain  local  nervous  dffections.  London  1837./).  34.) 

Oft  beziehen  sich  die  Symptome  auf  das  fliiftgelenk.  Die  Kranken 
haben  Schmerz  in  der  Hufte  und  im  Knie,  vermehrt  durch  Druck 
und  Bewegung,  und  behalten  eine  fixe  Lage  des  Gliedes  bei.  Der 
Schmerz  beschrankt  sich  nicht  auf  eine  Stelle,  sondern  verbreitet  sich 
iiber  den  ganzen  Schenkel,  und  uberall  sind  die  Hautdecken  mehr 
als  die  tiefer  gelegnen  Theile  Sitz  der  schmerzhaften  Empfindlichkeit; 
es  werden  die  BJagen  lauter,  wenn  man  die  Haut  aufhebt  und  kneift, 
als  wenn  man  den  Schenkelkopf  fest  in  die  Pfanne  presst.  Ist  die 
Aufmerksamkeit  grade  auf  die  Untersuchung  gerichtet,  so  wird  der 
Schmerz  durch  die  letztere  gesteigert,  dagegen  in  belebter  Conversa- 
tion derselbe  Eindruck  kaum  schmerzhaft  ist.  Es  fehlt  die  Atrophic 
der  Glutaei,  die  Abflachung  der  Hinterbacke.  Das  gnnze  Ansehen 


NEURALGIE  DES  HCFTNFRVEN. 


67 


des  Gliedes  ist  verscliieden  von  demjenigen  bei  Desorganisation  des 
iGelenkes.  Zuweileu  zeigt  sich  eine  Anscliwellung  des  Schenkcls  und 
der  Hinterbacke,  in  seltneren  Fallen  sogar  eine  circumscripte  Ge- 
'Schwulst,  allein  der  Verdacht  auf  Abscess  rechtfertigt  sich  nicht : es 
bildet  sich  keine  Fluctuation  und  die  Erscheinung  lasst  sich  nicht 
besser  vergleichen,  als  mit  einer  Nesselquaddel  von  ungewohnlicher 
iGrosse.  Ohgleich  keine  Entstellung  durch  Abflachung  der  Hinter- 
ibacke  vorhanden  ist,  so  zeigt  sich  doch  nicht  selten  eine  andre,  niirn- 
lich  eine  Hervorwolbung  des  Beckens  nach  hinten,  wohei  es  zugleich 
auf  der  kranken  Seite  in  die  Hohe  steht,  so  dass  es  einen  spitzen 
'Winkel,  statt  eines  rechten,  mit  der  Wirbelsaule  bildet.  Dadurch 
ist  das  Glied  scheinbar  verkurzt,  und  der  Ilacken  beruhrt  beim  Ste- 
hen  nicht  den  Boden.  Dies  ist  dieFolge  einer  pradomiuirenden  Action 
Lgewisser  Muskeln,  und  andauernder  Nachgiebigkeit  gegen  eine  ab- 
inorme  Stellung.  — Ein  merldicher  Wechsel  von  Hitze  und  Kiilte 
i findet  zuweilen  nicht  bloss  im  Gelenke,  sondern  im  ganzen  Gliede 
'Halt.  Dasselbe  ist  des  Morgens  kalt,  von  blasser,  livider  Farbe,  Nach- 
nuittags  warm,  Abends  heiss  mit  angefiillten  Gefassen  und  gliinzender 
JHaut.  Auch  spastische  Zufalle  in  den  Muskeln  des  afficirten  Gliedes 
>ind  nicht  ungfcvvohnlich.  So  erfolgen  convulsivische  Bewegungen 
nach  Kneifen  oder  ganz  leichter  Ber’uhrung  der  Integumente,  welche 
nit  den  Bewegungen  in  der  Chorea  Aehnlichkeit  haben.  Manchmal 
1 .vird  auch  das  Glied  von  Zuckungen  heftig  in  die  Hohe  geworfen. 

I n diesen  Fallen  ist  auch  immer  ein  Gefiihl  von  Schwache  vorhan- 
i ien,  welches  zuletzt  beim  Nachlasse  der  Schmerzen  pradominirt.  Ein 
1 olcher  Zustand  dauert  Wochen,  Monate,  Jahre  lang,  ohne  weitere 
lble  Folgen.  Die  Kranken  sind  fast  immer  weiblichen  Geschlechts, 
inehrentheils  uher  das  Alter  der  Pubertiit  nicht  hinaus,  leiden  ofters 
■u  Lnregelmiissigkeit  der  Menstruation,  und  haben  eine  hysterische 
)iathesis.  Hysterische  Anfalle  gehen  vorher  oder  folgen,  mit  gegen- 
eitiger  Erleichterung  und  Nachlass.  Zuweilen  ging  auch  eine  schwere 
irankheit  voran,  mit  Hinterlassung  einer  grossen  Erschopfung,  oder 
in  deprimirender  Gemfithsaflfect. 


(18 


ISEURALGIE  DES  Ilt)FTNERVEN. 


Die  anatomise  he  Kenntniss  tier  Ischias  ist  aus  demselben 
Grunde  zuriickgebliebcn  wie  die  diagnostische.  Nur  auf  die  Schen- 
kelbahn  des  Hiiftnerven  war  die  Aufmerksamkeit  gerichtet.  Allein 
mit  Ausnahme  der  seltner  vorkommenden  Neuritis  oder  der  Verdik- 
kung  und  Verhartung  einzelner  Nervenzweige  in  der  Nahe  alter  Ge- 
schwure  oder  der  tuberc.  dolor,  hat  sich  in  den  bisber  untersuch- 
ten  Fallen,  selbst  bei  langer  Dauer  der  Krankheit,  keine  Yerande- 
rung  von  Belang  in  dem  Laufe  des  Nerven  am  Beine  dargeboten. 
So  wurde  bei  einer  87jahrigen  Frau,  die  uber  40  Jahr  an  der 
Ischias  gelitten  hatte,  die  Scheide  des  Nerven  ein  wenig  lockrer  als  im 
normalen  Zustande  und  die  Venen  im  obern  Theile  des  Nerven  va- 
ricos  gefunden.  Die  variedse  Ausdehnung  der  Yenen  fand  auch  Bi- 
chat bei  einem  Kranken.  ( Dictionn . des  scienc.  medic.  T.  35.  p.  504.) 
Selbst  an  einem  erdichteten  Befunde  fehlt  es  nicht,  wobei  man  noch 
immer  auf  Cotugno  sich  zu  berufen  beliebt:  es  ist  die  Ansamm- 
lung  seroser  Fliissigkeit  in  den  Scheiden  der  ischiadischen  Nervenfa- 
sern.  Allein  die  Leichenoffnung,  wovon  die  Rede,  geniigte  dem  be- 
ruhmten  Neapolitanischen  Arzte  selbst  so  wenig,  dass  er  bemerkt: 
Sed  quin  haec  dissectio  mihi  pro  eo  ac  voluissem  satis  faceret,  plurima 
obstitere  (l.  c.  p.  67.)  und  an  einer  andern  Stelle  gar  keine  Riicksicht 
darauf  nimmt,  indem  er  ausdriicklich  sagt:  Quern  (sc.  nerv.  ischia- 
dicum)  elsi  fors  non  tulerit  unquam  in  ischiadici  cadavere  investigare, 
quod  hac  ischiade  peremtus  nemo  nobis  o ccurrer it , nun - 
quam  tamen  dubiam  morbi  sedem  stabilivisse  putavi.  (p.  11.)  Der 
Fall  betraf  einen  nach  vorangegangenen  ischiadischen  Schmerzen  und 
gastrisch  nervosem  Fieber  verstorbnen  Menschen,  mit  Oedem  beider 
Unterschenkel,  wo  nur  der  Huftnerv  der  leidenden  Seite  untersucht 
wurde,  und  derselbe  von  dunklerer  Farbe  angetroffen  wurde.  Die 
Scheide  war  dicker  als  im  normalen  Zustande  und  von  der  Mitte  des 
Schienbeins  abwiirts  mit  einer  grosseren  Menge  seroser  Feuchtigkeit 
angefullt.  YFegen  vorgeschrittner  Putrescenz  ward  die  Untersuchung 
des  andern  Hiiftnerven  unterlassen,  so  dass  nicht  einmal  ein  Yergleich 
angestellt  werden  konnte.  . 


NEURALGIE  DES  HOFTNERVEN. 


69 


Nur  durch  eine  umfasseiidere  Untersuchung  tier  ischiadischen  Ner- 
'venbahn  lasst  sich  die  anatomische  Liicke  in  der  Geschichte  dieser 
iKrankheit  erganzen.  Wo  sich  die  obschon  seltne  Gelegenheit  darbie- 
tet,  die  Section  eines  mit  Ischias  Verstorbnen  zn  machen,  versaume 
man  nicbt  den  peripherischen  Lanf  des  Hiiftnerven  in  der  Becken- 
hohle,  im  Lumbar-  und  Sacralgeflecht,  in  dem  Wirbelkanal  zu  un- 
tersuchen,  so  wie  auch  das  Riickenmark  selbst:  nur  dann  erst  kann 
man  sicb  begnugen. 

In  der  prognostischen  Beurtheilung  dcr  Ischias  kommt  die 
.grosse  Neigung  zu  Recidiven  in  Betracht,  und  der  missliche  Hinzutritt 
von  Paresis.  Beispiele  von  vollstandiger  Genesung  sind  iiberbaupt  nicbt 
haufig : erhohteEmpfindlichkeit  oder  dumpfes  Gefiihl  von  Erstarrung 
I bleibt  gewohnlich  noch  geraume  Zeit  in  dem  afficirten  Beine  zuruck. 

Die  Naturheilung  findet  statt  in  Form  der  Lysis,  oder  unter 
lAritischen  Erscheinungen,  Diarrhoa,  Menstrua,  Lochia,  Hamorrhois. 
"Selten  ist  das  Abwechseln  der  Ischias  mit  andern  Neuralgieen. 

T e c h n i s c h e B e b a n d 1 u n g.  — W orauf  zuerst  die  Aufmerksam- 
Ueit  zu  richten,  ist  die  Untersuchung  der  Verhaltnisse  des  Blutes  zur 
VVeuralgie.  Sclion  der  jahe  Eintritt  der  Ischias  bei  plethoriscben  Men- 
jchen  bedingt  nicbt  selten  einen  fieberbaften,  selbst  entzundlichen 
'?ustand,  von  Cotugno  als  eignes inflammatorisches Stadium bezeich- 
let,  welcher  bei  unterdruckten  Menses  oder  Hamorrhois  um  so  leich- 
er  sich  ausbildet.  Das  Yerfahren  ist  hier  das  antiphlogistische.  Bei 
msgeprligtem  entzundlichem  Charakter  ist  ein  Aderlass  indicirt,  nacb 
Jmstiinden  wiederholt,  von  altern  Autoren  am  leidenden  Fusse  an- 
;m|)fohlen.  Ist  hiezu  keine  Aufforderung,  so  begniige  man  sich  mit 
trtlichen  Blutentleerungcn,  Scbropfkopfen  und  Blutegeln  an  dieLum- 
oar-  und  Sacralgegend,  an  den  After. 

Zuniichst  ist  die  causale  Indication  zu  erfullen.  Auf  die  Organe  der 
deckenhoble  nehmc  man  besondere  Rticksicht.  So  findet  im  Darm- 
^anal  nicht  selten  lange  Yerhaltung  excremenliliellcr  Massen  statt, 
nit  deren  Ausleerung  der  Nachlass  der  Neuralgie  gleichcn  Schritt 
dilt.  In  Bctrefi'  des  Uterus  muss  bei  eingekeiltem  Kindcskopfc  die 


70 


NEURAL  G IE  DES  ffCFTNERVEN. 


Entbindung  beschleunigt  werden : hei  zuriickbleibender  entziindlicher 
Anschwellung  des  Organs  ist  die  Anwendung  orllicher  Blutentlee- 
rungen  nothweudig.  So  liess  ich  in  den  obeu  angefuhrten  Fallen  mit 
Nutzen  Blutegel  in  die  regio  iliaca  und  in  die  Gegend  der  Lenden- 
wirbel  setzen,  daratif  Einreibungen  mit  ung.  neapol.  und  grpssen  Do- 
sen  Opium  machen,  und  gelinde  purgiren.  Gegen  die  auch  nach 
leichten  Entbindungen  nicht  selten  zuriickbleibenden  ischiadischen 
Scbmerzen  empfiehlt  Dr.  v.  Basedow  (Wochenschr.  fur  die  ges. 
ITeilk.  Jahrg.  1838.  S.  030.)  als  sicherstes  Beruhigungsmittel  die 
Einwickelung  des  Unterschenkels  von  den  Zehen  an  bis  uber  die 
Kniebeuge  hinauf,  und  wiederholtes  Anlegen  der  Binde,  so  oft  der 
Schmerz  zuruckkehrt. 

Metastatische  und  dyscrasiscbe  Vorgange  werden  nach  den  be- 
kannten  therapeutisclien  Maximen  behandelt.  Die  heilkriiftige  Wir- 
kung  des  Quecksilbers  bei  syphilitischer  Grundlage  mag  wolil  zu  dem 
Lobe  beigetragen  haben,  welches  dem  Gebrauche  des  Calomel  in  der 
Ischias  zu  Theil  geworden  ist.  Fothergill  (Sammtl.  medic,  u.  phi- 
los.  Schr.  Uebers.  2.  Th.  S.  73.)  empfiehlt  1 Gr.  Calomel  in  Pillen- 
form  des  Abends  zu  nehmen  und  eine  Mixtur  mit  30  Tropfen  vin. 
andm.  u.  25  Tr.  tinct.theb.  nachzutrinken.  Zeigt  sich  recht  bald  eine 
Wirkung,  so  soli  die  Dosis  des  Calomel  auf  2 Gran,  einen  Abend 
um  den  andern,  erhoht  werden:  bei  Nachlass  des  Schmerzes  wird 
Opium  und  Antimon.  ausgesetzt.  „Selten  habe  ich  ein  wahres  H'uft- 
weh  gefunden,  versichert  Fothergill  (und  glucklich  genug  war  er, 
es  so  getroffen  zu  haben)  welches  nicht  in  Zeit  von  etlichen  Wochen 
auf  dieses  Verfahren  gewichen  ware,  und  eben  so  selten  habe  ich 
einen  Ri'ickfall  beobachtet.“ 

In  der  hysterischen  Gelenkneuralgie,  wie  sie  Brodie  beschrie- 
bcn  hat,  sei  man  .eingedenk,  dass  hysterische  Zufiille  nicht  selten 
plotzlich  verschwinden,  olme  merkbarcn  Anlass  ihres  Aufhorens 
und  dass  die  Genesung  oft  unmittelbar  nach  einem  starken  Ein- 
druck  auf  das  Nervensystem,  welchcr  Art  er  auch  sei,  erfolgt. 
So  kommep  die  verschiedensten  Dinge  in  den  Ruf  grosser  Heil- 


NEURALGIA  DES  HCFTJNERVEJN. 


71 


kraft,  moralische  und  pnysische  Einfliisse.  Zu  liiiten  hat  man  sich 
vor  Blut  entleerenden,  schwachenden  Mitteln,  insbesondere  aber 
vor  Anweiidung  von  Exutorien  und  Gegenreitzen,  welche  die  Auf- 
inerksomkeit  der  Krauken  auf  die  ortlichen  Beschwerden  stets  rege 
erbalten.  Travers  empfiehlt  Binden  des  afflcirten  Theils  ( a further 
inquiry  concerning  constitutional  irritation  and  the  pathology  of  the 
nervous  system-.  London  1835  p.  272.)  Trage  Ruhe  muss  vermieden 
vverden,  daher  auch  selten  eine  wirklicbe  Besserung  zu  Stande  kommt, 
so  lange  die  Krarike  am  Lager  haftet.  Der  Schmerz  kann  wohl  nach- 
lassen,  allein  es  folgt  ein  Gefubl  von  Schwache,  welches  am  Gehen 
binderlicher  ist  als  der  Schmerz  selbst,  und  im  Verhaltnisse  zur  Dauer 
des  Liegens  zunimmt.  In  Betreff  der  allgemeinen  Behandlung  ver- 
weise  ich  auf  die  Exposition  der  Hysterie. 

Bleibt  nach  gewissenhafterErfullung  causaler  Indication  der  Schmerz 
unverandert,  oder  lasst  sich,  was  oft  genug  der  Fall  ist,  keine  Ursache 
mit  Sicherheit  ermitteln,  so  eignet  sich  das  Verfahren,  welches  die 
Neuralgie  selbst  sowohl  mittelst  gewisser  Stoffe,  als  durch  Ableitung 
und  Uebertragung,  zum  Gegenstande  der  Kur  macht.  Unter  jenen 
Mitteln  hat  sich  das  oleum  ter ebinthinae  recti ficcitum  (s.  aethe- 
reum,  spiritus  Terebinth.)  den  grossten  Ruf  erworben,  welches  zu- 
erst  von  Cheyne  im  J.  1722  (on  the  gout  §.  7 1)N  empfohlen,  von 
Franz  Home  (Clinische  Versuche,  Kraukengeschichten  und  Leichen- 
offnungen.  Aus  dem  Engl,  ubers.  Leipzig  1781  S.  279  — 304.)  und 
in  neuerer  Zeit  von  Recamier  und  Martinet  (Memoire  sur  I’em- 
ploi  de  lliuile  de  lerebenthine  dans  la  sciatique  et  quelques  autres  neu- 
ralgies  des  membres.  Paris  1823.)  mit  grossem  Erfolg  gebraucht 
worden  ist.  In  diesem  Lobe  slimmt  meine  Erfahrung  uberein : ich 


habe  von  keinem  andern  Mittel  eine  so  schnelle  Linderung  und  Hei-  . 
lung  gesehen  wie  von  diesem,  doch  verhehle  ich  nicht  seine  Unwirk- 
samkeit  in  andern  Fallen,  Auch  habe  ich  Martinet’s  Behauptung 
nicht  bestatigt  gelunden,  dass  die  specifische  Wirkung  des  Terpen- 
thinbls  sicb  durch  einGeluhl  vonWarme  zu  erkennen  giebt,  welches 
sich  vom  Darmcanal  aus  auf  den  erkranklen  IJidtuerven  in  seinem 


72 


NEURALGIE  DES  HtfFTNEUVEIN. 


ganzen  Verlaufe  ausdehnt  und  zuweilen  einen  drtlichen  Schweiss  her- 
vorbringt.  Die  Dosis  ist  von  15  — 30  Tropfen,  die  passendste  Form 
das  Electuarium  (Rr  01.  Tereb.  rectif.  3j  Syr.  Aurant.  oder  Mell.  §jj 
Ms.  2mal  taglich  einen  Essloffel  voll  zu  nehmen).  Mit  dem  innern 
Gebrauche  kann  man  den  aussern,  als  Einreibung  des  Beines, 
verbinden. 

Als  ein  andrer  specifischer  StofF  ist  auch  gegen  Ischias  das  Alka- 
loid des  Veratr.  Sabadilla  empfohlen  worden  (Ebers,  das  Yeratrin 
und  seine  Wirkungen  nach  eignen  Erfahrungen  in  der  Wochenschr. 
fur  die  ges.  Heilk.  1835.  S.  789.),  hauptsachlich  zum  aussern  Ge- 
brauche in  Salbenform  (Pulv.  Veralrin.  B(3  — gr.  XV.  auf  1 Unze  Ad. 
Swill.)  mehreremal  des  Tages  eine  Haselnuss  gross  in  den  Schenkel 
einzureiben,  bis  sich  ein  Gefiihl  von  Erstarrung  und  Prickeln  einstellt. 
Die  Beobachtungen  sind  noch  zu  gering  an  der  Zahl,  um  das  Lob 
des  Veratrins  in  der  Ischias  zu  rechtfertigen. 

Zum  Sitze  der  Ableitung  und  Uebertragung  sind  seit  alten  Zeiten 
Haut  und  Darmkanal  gewiihlt  worden.  Griechische  und  arabische 
Aerzte  bedienten  sich  des  Gluheisens  in  der  Nahe  der  schmerzhaften 
Stelle.  Cotugno  hat  sich  durch  Empfehlung  der  Yesicatoria  ein 
Verdienst  um  die  Behandlung  der  Ischias  erworben,  wenn  auch  seine 
humoralpathologische  Idee,  dass  die  kiinstlichen  Geschwiire  eine  attra- 
birende  Kraft  besitzen  und  dadurch  die  in  der  Nervenscheide  stok- 
kende  Flussigkeit  herausziehen,  keinen  Eingang  mehr  Gnden  wird. 
Diejenigen  Stellen  am  Beine  werden  fur  die  Application  des  Vesica- 
torium  gewiihlt,  wo  der  Nerv  am  nachsten  der  Oberflache  sicli  befin- 
det,  das  Kopfchcn  des  YFadenbeins,  und  eine  4 Zoll  liber  dem  aussern 
Knochel  gelegne  Stelle.  Die  Cantbaridenpasta  wird  auf  ein  G Zoll 
langes  und  4 Zoll  breites  Stuck  Leinwand  gestrichen  und  an  der 
aussern  Seite  des  Kniees  wie  ein  Strumpfband  aufgelegt.  Das  Ge- 
schwiir  wird  einige  Zeit  offen  gehalten,  doch  nicht  zu  lange:  eine 
erneuerte  Application  ist  vorzuziehen.  Die  abgesonderte  Flussigkeit 
bat  oft  eine  ungemeine  Scharfe  und  Zahigkeit.  — Dieses  Verfahren, 
womit  zweekmassig  die  endermatische  Methode  verbunden  werden 


NEURAL GIE  DES  SCHENKELN ERVEN. 


73 


kanu,  hat  sicli  mir  in  mehreren  Fallen  inveterirten  Hiiftwehes  von 
Erfolg  erwiesen,  obgleich  nicht  von  so  raschem,  wie  Colugno  beo- 
bachtet  bat. 

Die  in  iilterer  Zeit  ublicbe  Ableitung  auf  den  Mastdarm  mittelst 
scharfer  Clysmata,  so  dass  selbst  eine  entzundliche  Reaction  die  Folge 
war,  ist  mit  Recht  in  Vergessenheit  gerathen ; doch  sind  vor  kurzem 
in  hartnackiger  Isckias  Clysmata  aus  ol.  terebinth,  zu  1 Unze  pro 
dosi,  1 — 2 mal  tiiglich,  empfolden  worden.  (Ducros  in  The  Lan- 
cet, Februar  17,  1838.J 

Zur  palliativen  Linderung  eignet  sich  vor  allem  der  endermatische 
Gebrauch  des  Morphium  aceticum,  zu  y4,  1/3,  lL  gr.,  beim  Eintritte 
des  Schmerzes  auf  das  Vesicatorium  aufgestreuet.  Marcet  riihmt 
(med.  chirurg.  transact,  vol.  VII,  p.  550.j  das  aus  den  Saamen  der 
Datura  Stramonium  bereitete  Extract  zu  V4 — 1/2  gr.,  3 mal  taglich: 
Cotugno  den  Gebrauch  des  Opium  im  Clystir. 

Die  Diat  sei  reitzmildernd,  mit  Vermeidung  der  Spirituosa  und 
gewurzhafter  Kost.  Das  Lager  kein  Federbett,  sondern  Matratze. 
Rewegung  des  Fusses,  sowohl  active  als  passive,  ist  beim  Nachlass 
des  Schmerzes  anzuempfehlen. 

Gegen  zuriickbleibende  Paresis  muss  man  zu  belebenden  Frictio- 
nen,  zur  Electricitat,  zur  Douche,  zu  See-,  Sool-  und  Eisenbadern, 
zu  den  Thermen  Gasteins  und  Wildbad’s  seine  Zuflucht  nehmen. 


Neuralgia  crui*ali§. 

Iscliias  nervosa  antica  Cotunnii. 


Scbmerz  an  der  vordern  innern  Seite  des  Oberschenkels,  im  Ge- 
bicte  des  obern  Ilautnerven  des  cruralis  (n.  saplienus  minor j und 
im  Knie  ist  das  Criterium.  Selten  verbreitet  er  sicli  in  der  Rabn  des 
Saplienus  interims,  bis  zum  Fussriicken  und  zum  grosscn  Zelie. 

Die  Storungen  der  Motilitat,  welche  gewobnlicb  mit  vorbanden 


I 


74  NEURALG1E  DES  SCHENKELNERVEN. 

sind,  betreffen  den  Oberschenkel,  erschweren  oder  verhindern  dessen 
Beugung  oder  Streckung. 

Die.  Neuralgia  cfuralis  kommt  weit  seltner  vor  als  die  ischiadica , 

, mit  welcher  sie  die  iibrigen  Merkmale  gemein  hat.  Auch  die  atiolo- 
gischen  Momente  sind  nicht  sehr  verschieden.  So  tragen  die  in  der 
Beckenhohle  gelegnen  Organe,  zumal  der  Darm,  zuweilen  die  Schuld, 
wozu  folgender  von  Portal  ( Cours  d’ anatomic  medicale  T.  IV,  p.  27  6) 
beobachtete  Fall  eine  Erlauterung  giebt.  Eine  Dame,  deren  Wirbel- 
saule  betrachtlich  gekriimmt  war,  wurde  3 — 4 Stunden  nacb  dem 
Essen  von  sehr  heftigen  Schmerzen  in  dem  grossen  Zehe  des  linken 
Fusses  befallen,  welche  kurzere  oder  langere  Zeit  anhielten  und  ge- 
wohnlich  nach  einem  copiosen  Stuhlgange  aufhorten.  Elystire  ver- 
melirten  die  Heftigkeit  des  Schmerzes,  bis  sie  entleert  waren.  Nach 
ihrem  an  einem  bosartigen  Fieber  erfolgten  Tode  fand  man  die  letz- 
ten  falscben  Kippen  der  linken  Seite  dergestalt  in  die  Regio  iliaca 
einwarts  gebogen,  dass  das  S.  Romanum  dadurch  comprimirt  war, 
und  die  in  ihrem  Durchgange  aufgehaltnen  Excremente  die  Nerven 
des  plexus  lumbalis  betheiligten.  So  entstand  die  Affection  des  n. 
cruralis,  welche  sich  in  der  Bahn  des  Saphenus  internus,  und  zwar 
nach  der  Norm  der  excentrischen  Erscheinung,  in  der  Fussspitze  kund- 
gab.  Mayo  (outlines  of  human  pathology  1830,  p.  83J  erzahlt  einen 
Fall  von  so  heftigen  Knieschmerzen  bei  einem  Frauenzimmer,  dass 
die  Amputation  des  Schenkels  fur  nothwendig  gehalten  wurde.  Sie 
blieb  ohne  Erfolg,  die  Schmerzen  dauerten  fort.  Die  Kranke  starb 
ein  Paar  Jahre  darauf.  Bei  der  Section  fand  man  die  hintere  Fliiche 
des  Riickenmarks  mit  Knorpel-  und  Knochenplattchen  bedeckt. 

Auch  auf  hysterischer  Basis  kommt  die  Neuralgia  cruralis  vor, 
wie  die  ischiadica , und  kann  den  Unaufmerksamen  als  Gelenkaffec- 
tion  tauschen.  Das  Knie  ist  sehr  empfindlich,  allein  schmerzhafter 
beim  Kncifen  der  llaut,  als  beim  Drucke.  Diese  Empfindlichkeit  ist 
noch  in  ciniger  Entfernung  vom  Gelenke  verbreitet,  sowold  nach 
oben  als  unten.  Die  Kranke  leidet  wcniger  bei  der  Untersuchung, 
sobald  ihre  Aufmerksamkeit  aul  andre  Gegenstiinde  gerichtet  wird, 


I 


INEURALGIE  DES  SCHENKELNERVEN. 


75 


und  klagt  auch  nicht  sehr,  wenn  man  durch  Druck  auf  die  Ferse 
die  arliculirenden  Flachen  des  Schien-  und  Schenkelknochens  an 
einander  presst,  wofern  nur  die  Bewegung  des  Gelenkes  selbst  dabei 
vermieden  wird.  Mehrentheils  wird  der  Unterschenkel  extendirt  ge- 
gen  den  Oberschenkel  gehalten,  wahrend  in  Gelenkkrankheiten  das 
Ivnie  etwas  gebogen  ist.  So  konnen  Wochen,  Monate,  Jahre  hin-  - 
gehen  und  das  Rnie  behalt  seine  naturliehe  Form  und  Grosse.  Nur 
zuweilen  ist  eine  kleine  Anschwellung  bemerkbar,  an  der  vordern 
Fliiche,  iiber  und  an  der  Seite  des  ligament,  patellae,  welche  nicht 
mit  einer  allgemeinen  Geschwulst  des  Kniegelenkes  verwechselt  wer- 
den  darf,-sondern  mehr  die  Folge  unzweckmassiger  Behandlung  mit- 
telst  Gegenreitzung  ist.  ( Brodie  lectures  illustrative  of  certain  local 
nervous  affections  p.  40*) 

Symptomatisch  gesellt  sicli  die  Neuralgie  des  obern  Hautnerven 
des  cruralis  zur  Coxarlhrocace,  und  giebt  sich  als  Rnie sch merz 
(Gonalgia)  kund,  der  dem  Rranken  jede  Bewegung  des  Schenkels, 
vorzuglich  die  AusstreckiAg  des  Rniees  erschwert,  zum  Theil  ganz 
unmoglich  macht  und  hauptsachlich  in  der  Nacht  tobt.  (Rust,  uber 
die  Verrenkungen  durch  innere  Bedingung.  S.  37.)  Die  Empfind-  - 
lichkeit  des  Rniees  ist  dergestalt  erhoht,  dass  die  leiseste  Beruhrung 
unertriiglich  ist.  Nack  Rust  begleitet  dicser  Schmerz  nur  das  erste 
Stadium,  die  Verlangerung  des  Schenkels,  und  entsteht  durch  die 
Spannung  der  Muskeln  und  Nerven.  Nach  Strom eyer  (De  combi- 
nalione  aclionis  nervorum  el  motoriorum  et  sensoriorum  sive  de  sen- 
suum  impressionibus  musculorum  aclione  effeclis.  Erlangae  1S39.J 
kommt  er  sowohl  in  der  Periode  der  Verlangerung  als  der  Verkur- 
zung  des  Schenkels  vor,  und  tritt  uberhaupt  da  auf,  wo  durch  einen 
tonischen  Rrampf  des  psoas  und  iliacus  internus  das  HLiftgelenk  in 
Flexion  erhalten  wird,  dahcr  auch  jeder  Versuch  dieses  Gelenk  zu 
extendiren  den  Rnieschmerz  steigert.  Die  mechanische  Ansicht  von 
Spannung  der  Nerven  wird  mit  Recht  von  Stromeyer  verworfen, 
denn  iiussrer  Druck  und  Pressen  des  Iliiftgelenkes  vermehrt  nicht 
einmal  den  Schmerz  im  Rnie. 


76 


NEURALGIEEN  DES  ARMGEFLECHTS. 


In  Betreff  der  Bell  and  lung  dienen  die  liir  Neuralgia  ischia&ica 
gegebnen  Hathschlage  zur  Richtschnur. 


JVem*algieen  «Ics  Aringclleclits. 


Die  Neuralgieen  kommen  im  plexus  brachialis  seltner  vor  als  im 
Schenkelgeflechte,  und  wo  sie  sich  zeigen  mehr  als  Mitempfindungen 
denn  als  selbststandige  Hyperasthasieen.  Yorzugsweise  befallen  3ie 
den  innern  Hautnerven  und  die  cutanei  des  Ellenbogennerven ; demge- 
mass  das  Ulnargelenk,  der  vierte  und  fiinfte  Finger  Sitz  der  Schmer- 
zen  sind.  Die  Motilitat  ist  erschwert:  uber  Schwache  des  Arms  kla- 
gen  die  Kranken  gewohnlich. 

Fine  neuralgische  Affection  der  cutanei  palmares  und  plantares 
hat  in  den  Jahren  1828  und  1829  epidemisch  in  Paris  geherrscbt, 
und  den  Namen  Acrodynia  erhalten.  Die  Kranken  hatten,  nach 
Andral’s  Schilderung  (Vorlesungen  iiber  die  Krankbeiten  der  Ner- 
venheerde.  Deutsch  bearbeitet  unter  Redact,  von  Dr.  Bell  rend. 
Leipzig  1838,  S.  41 1)  einen  Schmerz,  als  ob  man  ihnen  Nadeln  in 
das  Fleisch  stache,  und  Druck  vermehrte  denselben.  Nacli  Yerlauf 
einer  gewissen  Zeit  nahm  er  ab  und  verschwand  sogar,  allein  die 
Haut  erbielt  ihre  normale  Sensibilitat  niclit  wieder,  sondern  ward 
unempfindlicher,  roth,  und  die  Oberhaut  losete  sicb  in  grossen  Lap- 
pen  oder  fast  in  einem  St'ucke  los.  Darunter  bildete  sich  zwar  eine 
neue  Epidermis,  allein  aucli  diese  fiel  ab  und  so  wiederliolte  sich  die— 
ser  Wechsel  von  Abfallen  und  neuer  Bildung  3 — 4 mal.  Das  Haut- 
pigment  veranderte  seine  Natur  und  die  Ilaut  ward  schwarzlich  braun, 
negerartig.  Bei  einigen  Individuen  fand  man  ausser  dem  Schmerze  in 
den  Handen  und  Fiissen  weiter  nichts  bemerkenswerthes.  Die  Yer- 
dauungswege  litten  in  dieser  Krankheit  niclit  sonderlich,  und  nur  bei 
einigen  fehlte  der  Appetit.  Die  Dauer  erslreckte  sich  auf  4,  6 Wo- 
chen  und  noch  langere  Zeit.  Die  Epidemie  herrschte  nur  wahrend 
des  Sommers:  im  Winter  verschwand  sie,  an  ibre  Stclle  trat  die 


NEURALGIEEN  DES  ARMGEFLECIITS. 


77 


Grippe,  welche  ihrerseits  wieder  der  Cholera  Platz  machte.  Die  Pro- 
.gnose  war  niclit  ungiinstig,  und  es  ist  kein  einziger  an  der  Krankheit 
selbst,  sondern  nur  an  intercurrenten  Zustiinden  sind  einige  gestor- 
ben.  Die  mit  der  grossten  Genauigkeit  angestellten  LeichenofFnungen 
haben  keine  Aufklarung  gegeben.  Die  Ursachen  der  Krankheit  sind 
bis  jetzt  noch  ganzlich  unbekannt.  Was  man  weiss,  ist,  dass  sie  haupt- 
sachlich  die  armere  Klasse  ergrifF  und  in  den  volkreichsten  Quarti- 
ren  vorzugsweise  herrschte.  Ihre  nicht  contagiose  Natur  ist  noch 
nicht  bewiesen.  So  vieler  Methoden  und  Mittel  man  sich  auch  zur 
Behandlung  bedient  hat,  lasst  sich  doch  von  keinem  Yerfahren  sagen, 
es  sei  glucklich  gewesen.  Gegen  das  Ende  der  Epidemie  beschrankte 
man  sich  darauf,  einfache  oder  erweichende  Bader,  nebst  Fomen- 
tatiouen,  Frictionen  und  erweichenden  und  narcotischen  Cataplasmen 
zu  verordnen. 

Unter  den  Ursachen  der  Neuralgieen  des  plexus  brachialis  ist  Blei- 
vergiftung  eine  der  haufigeren : auch  Krankheiten  der  Leber  und  be- 
sonders  des  Herzens  haben  diese  Neuralgieen  in  ihrer  Eegleitung. 

Wie  an  den  untern  Extremitaten,  so  bieten  sich  auch  zuweilen  an 
den  obern  neuralgische  AfFectionen  der  Gelenke  dar,  zumal  des  Schul- 
tergelenks,  welche  bei  mangelnder  Aufmerksamkeit  mit  entzundli- 
chen  und  desorganisirenden  Vorgangen  des  Gelenks  verwechselt  wer- 
den  konnen.  Rust  (iiber  die  Verrenkungen  durch  innere  Bedin- 
gung  etc.  S.  G3)  hat  bereits  bemerkt,  dass  durch  die  Heftigkeit  der 
Schmerzen  und  durch  die  krampfhafte  Zusammenziehung  der  Mus- 
keln  der  Oberarmkopf  starker  an  die  Gelenkflache  des  Schulterblatts 
hingedruckt  wird  und  daher  zuweilen  kiirzer  erscheint ; allein  die  an- 
dern  Yeranderungen  der  Gestalt  und  Lage  der  Theile,  welche  sich 
im  Laufe  der  Omarthrocace  hinzugesellen,  fehlen  in  der  neuralgischen 
AfFection. 

Hinsichtlich  der  Behandlung  verweise  ich  auf  die  ischiadische  Neu- 
ralgie.  Jedoch  hat  man  sich  von  dem  Gebrauchc  der  in  den  Neural- 
gieen des  Schenkelgeflechts  so  wirksamen  Abfuhrungsmittel  weniger 
zu  versprechen.  Von  der  Application  der  Vesicatorien  sah  Cotugno 


i 


78 


MASTODYNIA. 


(de  ischiade  nervosa  commenlarius.  Viennae  17  70,  p.  110,’  in  fiinf 
Fallen  von  Neuralgia  cubitalis  den  entschiedensten  Erfolg. 


In  das  Bereich  der  Neuralgieen  spinaler  Bahnen  gehort  auch  die 
schmerzhafte  Affection  der  Brustdriise,  welche  man  in  neuerer  Zeit 
durch  Astley  Cooper  naher  hat  kennen  lernen. 

Ittastodynia  neuralgica. 


Astlcii  Cooper,  illustrations  of  the  diseases  of  the  breast.  Part.  I.  London 
1829,  p.  76. 

Eine  oder  mehrere  Stellen  der  Brustdruse  werden  sehr  empfind- 
lich  und  schmerzhaft  bei  der  Beruhrung.  Der  Schmerz  hat  Aehnlich- 
keit  mit  dem  Tic  douloureux,  schiesst  wie  ein  electrischer  Schlag 
durch  die  Brust  und  die  benachbarten  Nerven,  nach  der  Schulter  und 
Achsel,  in  die  innere  Seite  des  Ellenhogens  und  in  die  Finger,  zuwei- 
leu  auch  his  zur  Hi'ifte  herab.  Auf  seiner  Hohe  gesellt  sich  oft  Er- 
hrechen  hinzu.  Die  Kranken  konnen  auf  dieser  Seite  nicht  liegen, 
auch  nicht  schlafen;  die  Schwere  der  Brust  ini  Bette  steigert  den 
Schmerz  zu  einem  unertraglichen  Grade.  Hitze  und  Kalte  wechseln 
oft  in  der  Brust  ab.  Die  Farbe  der  Haut  ist  unverandert,  und  keine 
Spur  von  Entzundung  bemerkbar. 

Vor  der  Menstruation  ist  die  Schmerzhaftigkeit  grosser,  wiihrend 
derselben  geringer,  nachher  in  Abnahme.  In  einigen  Fallen  ist  nur 
eine  kleine  Stelle  in  einer  Brust  afficirt,  in  andern  der  ganze  Chnfang 
und  nicht  selten  beide  Briiste  zugleicb.  Dieser  Zustand  dauert  Monate, 
selbst  Jahre  lang,  mit  seltnen  Pausen,  jedocb  ohne  Tendenz  zu  einem 
bosartigen  Ausgange.  Junge  Frauenzimmer  vom  1 6ten  — 30sLcn  Jahre 
werden  am  hfiufigsten  befallen ; vor  der  Entwicklung  der  Pubertat 
wb'd  die  Krankheit  nicht  beobaebtet,  zuweilen  iin  spatern  Lebensalter. 

Es  kommt  auch  eine  eigne  Art  von  Gesehwulsten  in  der  Brust- 


MASTODYNIA. 


79 


druse  vor,  welche  man  die  neuralgische  ( irritable  tumour  of  the  breast) 
inennen  kdnnte.  Die  Geschwulst  ist  scharf  begranzt,  sehr  empfmd- 
lich  bei  der  Beruhrung,  von  Zeit  zu  Zeit  im  hochsten  Grade  schmerz- 
iiaft,  besonders  vor  den  Menses,  sehr  beweglich,  von  der  Grosse  einer 
;Erbse  bis  zu  dem  Umfange  einer  kleinen  Thonkugel.  Gewohnlich 
ist  nur  eine  vorhanden,  zuweilen  deren  mehrere.  Trotz  jahrelanger 
iDauer  nimmt  sie  nicht  an  Grosse  zu,  eitert  nicht,  hort  zuweilen  auf 
'Schmerzhaft  zu  sein,  und  verschwindet  selbst  ohne  wahrnehmbaren 
Anlass.  Die  niihere  Untersuchung  dieser  Gescbwulste  ergiebt  eine 
feste,  halbdurcbsicbtige  Substanz,  worin  Fasern  in  unregelmassiger 
Folge  verlaufen.  Nerven  lassen  sich  nicht  hinein  verfolgen.  Sie  schei- 
nen  eher  ein  Produkt  des  Zellgewebes  der  Brust  als  des  driisigen 
Parenchyms  zu  sein  und  kommen  auch  im  Zellgewebe  andrer  Tlieile 
mit  ahnlichen  Erscheinungen  vor.  Der  begleitende  Schmerz,  die  Em- 
pfindlichkeit  bei  der  geringsten  Beruhrung  oder  Druck,  die  nach  der 
ILocaluntersuchung  andauernde  Schmerzhaftigkeit  dienen  zur  Unter- 
-scheidung  von  andern  Geschwulsten,  Hydatiden,  Scirrbus,  Fungus. 
iReitzbare  Schwache  disponirt.  Die  Catamenien  sind  gewohnlich  in 
lUnordnung:  Fluor  albus  ist  ein  haufiger  Begleiter.  Meistens  wird 
ein  Stoss,  Schlag  oder  Druck  von  einem  Kleidungsstucke  als  Ur- 
s sache  angegeben. 

Die  Behandlung  der  Mastodynia  neuralgica,  mit  oder  ohne  Ge- 
schwulst, muss  sowohl  eine  allgemeine  als  ortliche  sein.  Als  das  beste 
topische  Mittel  lobt  A.  Cooper  ein  Pilaster  aus  gleichen  Theilen 
- cerat.  sapon.  und  exlr.  Belladonnae  oder  ein  Cataplasma  aus  Brod- 
krumen  und  Solutio  Belladonnae.  Bedeckung  der  Brust  mit  Wachs- 
tafiet,  Ilasenfell  oder  sonst  einem  Pelzwerk  ist  zweckmassig.  Nur 
bei  sehr  heftigen  Schmerzen  ist  die  Anwendung  von  Blutegeln  ge- 
stattet;  ihr  zu  haufiger  Gebrauch  steigert  die  Schwache  und  Reitz- 
barkeit.  Zum  innern  Gebrauche  wird  Calomel  in  Yerbindung  mit 
Opium  und  Conium,  und  gelegentlich  ein  eroffnendes  Mittel  empfoh- 
len  und  hierauf  Pc  exlr.  Conii,  exlr.  Papaver.  a a gr.  jj,  exlr.  Stra- 
rrwvii  e seminib.  gr.  '/, — (3  M.  f.  pilula,  2 — 3 mal  taglich  eine 


80 


MASTODYNIA. 


Pille.  Zur  Herstellung  der  Menses  eignen  sich  Ferr.  carbon.,  ferr. 
ammon.,  mixt.  ferri  comp.,  allein  oder  mit  Aloe.  Halbbader  aus  See- 
wasser,  oder  aus  gewohnlichera  Wasser  mit  Zusatz  von  Salz.  Eine 
Operation  ist  nicht  nothwendig ; allein  angstliche  Kranke  bestehen 
nicht  selten  darauf,  aus  Furcht  vor  Carcinom  “ 

Eunftige  Beobachtungen  mussen  lehren,  ob  nicht  die  Mastodynie 
ofters  von  einer  Spinalneuralgie  abhangig  ist,  worauf  mehrere  Sym- 
ptome  hindeuten.  Teale  beschreibt  fa  treatise  on  neuralgic  disea- 
ses etc.  London  1829,  p.  26  — 31 .)  einige  Falle,  die  es  wahrschein- 
lich  maclien,  und  wo  durch  Application  von  Blutegeln  auf  die  schmerz- 
haften  untern  Halswirbel  grosse  Erleichterung  den  Rranken  zu  Theil 
geworden  ist. 


PRURITUS. 


81 


Die  Hyperasthasiccn  tier  Hautnerven  geben  sich  nicht  nur  durch 
Schmerzempfindung  kund,  sondern  auch  durch  andre  Ausdrucke  ties 
Gefuhls,  deren  physiologische  Bedingung  noch  nicht  ermittelt  ist.  Zu 
den  haufigeren  gehort  die  Hyperasthasie  des  Juckens  unci  Krihhelns. 

Pruritus,  Formicatio. 

Man  hat  sich  durch  die  Frequenz  des  Juckens  als  accidentellen 
Symptoms  bei  Hautkrankheiten  verleiten  lassen,  dasselbe  iiberhaupt 
in  dieses  Gehiet  hineinzuziehen  und  ihm  eine  Stelle  in  der  Ordnung 
Papulae , unter  dem  Namen  Prurigo,  anzuweisen.  Eine  Eruption 
von  kleinen  Blatterchen,  die  fast  dieselbe  Farbe  wie  die  Oberhaut 
haben,  und  gekratzt  mit  einer  kleinen  schwarzen  Kruste  sich  bedek- 
ken,  soil  in  vielen  Fallen  vorlianden  sein,  in  andern  fehlen,  weshalb 
eine  p r u r igo  sine  p ap u l i s angenommen  worden  ist.  Audi  bleibt 
es  bei  den  Blatterchen  nicht  stehen,  Pusteln,  Furunkel,  Abscesse 
kommen  im  weitern  Verlaufe  hinzu,  bei  unveranderter  Fortdauer  des 
Pruritus.  Es  scheint  jedoch  keinem  Zweifel  unterworfen  zu  sein,  dass 
man  hiebei  Bedingungen  und  Folgen  venvechselt  bat.  Wer  einen 
einfacben  pruritus  plantaris  beobachtet,  kann  sich  davon  iiberzeugen. 
Bei  der  vorangehenden  peinlichen  Unrube  und  beim  Eintritt  des  Juckens 
lasst  sich  auch  nicht  die  geringste  Veranderung  in  der  Haut  wahr- 
nehmen:  nimmt  das  Jucken  zu,  so  wird  die  Haut  roth,  die  Warme 
steigt,  und  kleine  Knotchen  kommen  zum  Yorschein,  welche  mit 
Nachlass  des  Anfalls  wieder  verschwinden,  dagegen  fortdauern,  ris— 
sig  und  blutig  werden,  sobald  der  Kranke  im  Kratzen  kein  Maass 
hat ; dessenungeachtet  liort  der  Pruritus  auf,  um  in  bestimmter  oder 
unbestimmter  Frist  zur'uckzukehren.  Die  Knotchen  diirfen  hier  wohl 
nicht  als  selbststandiges  Exanthem  betrachtet  werden,  sondern  entste- 
hen  in  Folge  der  Hyperasthasie,  auf  almliche  Weise  wie  sich  bei  an- 
dern Hyperasthasieen  vegetative  Storungen,  tier  Secretion  etc.  einfinden. 

Das  Jucken  ist  selten  iiber  den  ganzen  Korper  verbreitet,  be- 
schriinkt  sich  mehr  auf  einzelne  Regionen  und  wahlt  im  Allgemei- 
nen  die  behaarten  Stellen.  Der  zweite  und  dritte  Ast  des  Quintus,  in 
den  Nasal-,  zuwcilcn  auch  in  den  Lingual-Filamenten,  der^Vagus 

Romberg’s  NervenkranUli.  I.  G 


82 


PRURITUS. 


in  seinem  ramus  a'uricularis,  das  Lumbar-  und  Sacralgeflecht,  sind 
am  haufigsten  Sitz  diescr  Hyperaslhasie ; besonders  geben  die  n.  pu- 
dendo-haemorrhoidales den  Heerdeines  liistigen  .Juckens  beibeiden  Ge- 
schlechtern  ab,  dessen  einzelne  Formen  als  prurigo  pudendi  muliebm , 
prurigo  scroti  und  prurigo  podicis  von  \\  Ulan  u.  A.  beschrieben 
worden  sind.  Unter  den  Ilautnerven  der  Extremitaten  sind  die  jp/a?z- 
tares  des  tibialis  am  haufigsten  afficirt  und  Sitz  des  quiilendsten  Juk- 
kens  zwischen  den  Zehen  und  an  der  Fusssolile.  Und  nicht  bloss 
in  den  n.  cutan.  der  Aussenflache,  auch  in  denen  dcr  Schleimhaute 
kommt  dcr  Pruritus  vor,  in  derllarnrohre,  in  derScheide,  imMastdarm. 

Der  Tvpus  ist  entweder  periodisch,  selbst  mit  regelmassigen  An- 
fallen  zur  Zeit  der  Catamenien,  der  Iiaemorrhois,  oder  anbaltend, 
mit  nachtlichen  Exacerbationen. 

Kindliches  und  Greisenalter  disponiren.  Unterdriickte  Blutfliisse, 
zumal  uterine  und  hamorrhoidale,  sind  hiiufige  Anlasse.  Krankbeiten 
der  Leber  stehen  in  einer  nahern  Beziehung:  vom  Icterus  ist  es  be- 
kannt,  docli  auch  ohne  Gelbsucht  sah  ich  mehreremal  heftigen  pru- 
ritus planlaris  von  hepatischen  Storungen  abhangig,  so  wie  Jos. 
Frank  unter  gleichen  Umstanden  Pruritus  der  rechten  Mamma 
beobachtet  hat.  [Medic,  univ.  praec.  vol.  III.  sect.  II.  p.  37  7.) 
Darmreitze,  besonders  Lumbrici,  erregen  ein  liistiges  Jucken  an  der 

i % 

Nasenspitze,  Blasensteine  an  der  Gians.  Unter  den  gelegentlichen  An- 
lassen  ist  der  Genuss  gewisser  Stoffe  zu  nennen,  spirituoser  Getriinke, 
Muscheln,  besonders  des  Opium:  nach  Dr.  Bally  ist  der  Pruritus  ein 
sichres  Merkmal  der  Morphiumvergiftung.  [Lembert  essai  sur  la 
mclhocle  endermique  p.  31.)  Auch  psychischer  Einfluss  ist  unverkenn- 
bar.  Der  Anblick  oder  die  Erinnerung  an  einen  juckenden  Gegen- 
stand  erregt  Pruritus,  oft  an  derselbcn  Stelle. 

Dem  Pruritus  nahe  steht.  die  Empfindung  des  Prick  el  ns  und 
Eribbelns,  wie  beim  sogenannten  Einschlafen  der  Glieder,  oder 
als  ob  Ameisen  iiber  die  Haul  krochen.  Schon  von  Hippocrates 
[de  morbis  (3.  edit.  Linden  F.  II.  p.  7 6)  ist  das  Gefiihl  der  Formica- 
tion am  Ruckgrale  in  der  tabes  dorsualis  erwahnt  worden,  und  wenn 
auch  dieses  Symptom  kcineswegesbcslandigund  pathognomonisch  fur 


FGRMICATIO. 


83 


diese  Krankheit  ist,  so  hat  es  ein  physiologisches  Interesse,  in  so  fern 
es,  wie  die  Empfindung  des  Schmerzes  in  den  Hautnerven  bei  Krank- 
heiten  der  Centrajorgane,  ebenfalls  nur  nach  dem  Gesetze  der  excen- 
irischen  Erscheinung  gedeutet  werden  kann.  Als  Folge  einer  Intoxi- 
cation kommt  das  Ameisenkriechen  in  jener  Krankheit  vor,  die  da- 
von  den  Namen  Kriebelkrankheit  erhalten  hat  und  nach  dem  Genusse 
verdorbnen  Roggens  entsteht.  (Vgi.  das  Capitel  Convulsio  cerealis 
in  den  Motilitatneurosen.)  Auch  nach  dem  aussern  und  innern  Ge- 
ibrauche  des  Yeratrin  stellt  sich  ein  liistiges  Gefiihl  von  Prickeln  an 
mehrcren  Stellen  des  Korpers  ein,  besonders  in  den  Zehen'und  Fin- 
.gerspitzen.  Im  Allgemeinen  ist  aber  die  Formication  eine  haufigere 
Begleiterin  der  Aniisthasie. 

Die  tecbnische  Bella nd lung  des  Pruritus  ist  sehr  ungenu- 
.gend,  was  um  so  mehr  zu  bedauern  ist,  weil  diese  Ilyperasthasie  eine 
missliche  psychische  Riickwirkung  iiussert,  durch  Unterhaltungpeinli- 
cher  Unruhe.  Im  jugendlichen  Alter  gelingt  die  Ileilung  leichter  als 
i bei  Greisen,  wo  die  Krankheit  gewohnlich  alien  Mitteln  trotzt.  Bei 
vollsaftigen  Individuen  und  unterdr’uckten  Blutfliissen  sind  Blutentlee- 
i rungen  durch  Schropfkopfe  indicirt : bei  ersteren  ist  auch  zuweilen 
der  Gebrauch  von  Siiuren,  + muriat.,  -j-  nitric.,  hulfreich.  Purgantia 
' sind  in  der  Regel  unwirksam.  Im  pruritus  senilis  hat  man  Diuretica 
empfohlen,  in  der  Yoraussetzung  mangelhafter  Abscheidung  durch  die 
' Nieren , wovon  jedoch  der  Erfolg  nicht  der  Erwartung  entspricht. 
i Zu  Biidern  nehme  man  immerhin  seine  Zuflucht,  zu  Seebiidern,  oder 
zu  solclien,  denen  man  Bolus  alba,  in  Verbindung  mit  Kali  caust. 
zugesetzt  hat.  Selbst  nach  palliativen  Linderungsmitteln  sieht  man  sich 
vergebens  um:  gegen  Pruritus  scroti  und  pudend.  wird  von  Frank 
(/.  c.  p.  384)  das  Plenk’sche  Unguent  empfohlen.  (R p Ung.  citr.mer- 
< cur.  axung.  pur.  §(3  mcrcur.  praec.  rubr.  Bj  MS.  Morg.  u.  Ab.  in 
die  afficirtc  Stelle  einzureiben.)  Versuche  mit  der  Veratrinsalbe  sind 
I bisher  noch  nicht  angestellt  worden. 

Durch  die  sensibeln  Hautnerven  wird  auch  die  Empfindung  der 
physicalischen  \Yarme  vermittelt,  wclche,  nach  Bell’s  Beobachtung, 


» 


84  ARDOR,  ALGOR. 

den  Gefuhlsnerven  der  Muskeln  nicht  zukommt,  die  in  chirurgischen 
Operationen  blossgelcgt,  wold  Empfindlichkeit  bei  Application  kalten 
oder  heissen  Wassers  verrathen,  allein  des  Gefuhls  der  Temperatur- 
Veranderung  unfahig  sein  sollen.  So  kommen  nun  aueh 

x Ai'doB'  und  Algor 

v 

als  Hyper aesthaesiae  culaneae  vor,  und  offenbarcn  sich  durcli  ein  Ge- 
fiihl  von  Hitze  und  Kalte,  welches  mit  den  physicalischen  Merkmalen 
am  Thermometer  nicht  ubereinstimmt. 

Eine  haufige  Form  ist  der  Arclor  volaticus  s.fugax.  Eine 
Briihhitze  iiberfliegt  Gesicht,  Hals,  Brust,  besonders  das  Gesicht,  mit 
aufsteigender  Rothe,  zuweilen  auch  mit  Ausbruck  eines  diinnen 
Schweisses.  Nach  einigen  Minuten  verschwindet  diese  Erscheinung 
eben  so  plotzlich,  wie  sie  gekommen  ist.  Ich  babe  sie  meistens  bei 
Frauenzimmern  in  den  climacterischen  Jahren  und  nach  Aufhoren 
der  Catamenien  beobachtet,  wo  sie  sich  mit  einem  aufgeregten  psy- 
chischen  Zustande,  grosser  Unruhe  verbindet,  ofters  hartnackig  alien 
Mitteln  Widerstand  leistet,  und  sich  nach  Verlauf  einiger  Jahre  von 
selbst  verlicrt.  Blutentziehungen,  zu  denen  die  Aeusserlichkeit  der 
Symptome  leicht  verleitet,  sind  nur  selten  von  Nutzen : von  den  mi- 
neralischen  Sauren  habe  ich  noch  am  meisten  Wirkung  gesehen : 
Pc  Elix.  acid.  Hall,  oder  elix.  vitriol.  Myns.  3j  dbc.  aurant.  comp. 
3jj.  MS.  3mal  taglich  30  Tropfen  zu  nehmen. 

Einen  Contrast  mit  dieser  Hyperasthasie  bildet  die  Kalte  beim  Ab- 
sterben  der  Glieder,  wovon  im  A.bschnitte  iiber  Anasthasieen  das  Na- 
here,-und  das  auf  einen  kleinenRaum  beschriinkte  Kal tegef iihl , Algor 
circumscriptus.  Die  Kranken  sind  fast  immer  weiblichen  Geschlechts, 
mit  hysterischer  Diathesis.  Gewohnlich  zeigt  sich  diese  Erscheinung  an 
den  Kopfdecken,  seltner  an  den  Bauchdecken,  kommt  anfallsweise  und 
verschwindet  wieder,  in  Begleilung  andrer  hysterischer  Symptome.  — 
Von  dem  Gefiihle  eines  anwehenden  Hauches,  als  Yorlaufers  epilepti- 
schcr  Anfalle,  wird  bei  Exposition  dieser  Krankheit  die  Rede  sein. 


”£•  Gattiing. 

Hyperisthasieen  cler  Muskelgefiihlsnerven. 

* f\ 

- *■ 

\ 

Wird  die  Verbreitung  sensibler  Nervenfasern  in  den  willkulirlichen 
Muskeln  durch  die  anatomische  Untersuchung  dargethan,  so  giebt  die 
i tagliche  Beobachtung  den  Beweis,  dass  diese  Muskeln  im  Besitze  von 
Empfindung  sind,  welche  einen  eigenthumlichen  Charakter  hat,  der 
• sich  im  gesunden  Zustande  nacb  starken  Bewegungen  als  Gefiihl  von 
i Ermiidung  (Lassiludo)  deutlich  kundgiebt.  Diese  Eigenthumlichkeit 
bewahrt  sich  auch  in  der  Hyperiisthasie,  wie  sie  so  oft  dem  Ausbruche, 
zumal  fieberliafter  Krankheiten,  vorangeht  oder  andre  Affectionen, 
am  haufigsten  die  hysterische,  begleitet.  In  dieser  letzteren  wird  aucli 
oft  ein  Gefiihl  iingstlicher  Unruhe  in  den  Beinen,  zumal  in  den  Un- 
terschenkeln  undFussen  beobachtet,  welche  dieKranken,  nacli  ihrem 
eignen  Ausdrucke,  nicht  zu  Iassen  wissen,  und  wobei  sie  sich  stels 
durch  Veranderung  der  Lage  Erleichterung  — jedoch  vergebens  — 
zu  verschalfen  suchen,  eine  Erscheinung,  die  von  altern  Nosologen 
(Aslruo,  Sauvages)  anxielas  lib i arum  genannt  worden  ist. 

Wo  die  Muskelempfindung  zum  Schmerzgefiihle  sich  steigert,  hat 
sie  ebenhdls  ein  bcsondrcs  Gepriigc:  es  ist  das  Gefiihl  von  Verrenkung 
oder  Zerreissung,  und  mehrentheils  ist  ein  Krampf  des  Muskels  und 
verhinderte  Beweglichkeit  Begleiler,  wodurch  sich  die  gleichzcitige 


8G 


MUSKELNEURALGIE. 


Affection  der  motorise  lien  Muskelnerven  kundgiebt.  Diese  Cha- 
rakterc  nnterscheiden  die 

Vrimilgia  iii9i§nilai‘i§,  (Crampug). 

von  der  Neuralgia  cutanea. 

Am  haufigsten  werden  die  den  dreikopfigen  Wadenmuskel  ver- 
sorgenden  Zweige  des  Tibialis  befallen,  zunachst  der  Frequenz  nach 
die  Zweige  der  Lumbarnerven,  besonders  der  in  den  viereckigen 
Lendenmuskel  verbreiteten,  und  endlich  die  Filamente  der  Cervical- 
nerven,  die  in  den  Kappenmuskel,  Kopfnicker  und  andre  Nacken- 
muskeln  dringen. 

Der  Eintritt  der  Muskelneuralgie  ist  jah,  iiberraschend  schnell,  so 
dass  beim  hiesigen  Volke  der  Name  Hexenschuss  fur  den  Grampus 
der  Lendenmuskeln  ublich  ist.  Jeder  Yersuch  zur  Bewegung  des 
afficirten  Muskels  ist  von  den  hefligsten  Schmerzen  begleitet.  Die 
Contraction  ist  in  den  Wadenmuskeln  am  sichtbarsten,  welche  sich 
zuweilen  faustdick  zusammenballen. 

Die  Dauer  des  Anfalls  ist  verschieden,  oft  nur  von  wenigen  Minu- 
ten;  so  bei  der  Muskelneuralgie  des  Tibialis,  langer  hingegen  bei  dem 
Grampus  der  Lenden-  und  Nackenmuskeln. 

Es  disponirt  das  weibliche  Geschlecht  zum  so'genannten  Waden- 
krampfe,  das  mannliche  zur  Neuralgia  muscularis  der  Lenden-  und 
Cervicalnerven.  Bei  dem  ersteren  giebt  der  Uterus,  zumal  im  schwan- 
gern  Zustande,  haufig  Gelegenheit:  in  den  letzten  Monaten  der  Gra- 
viditat  und  wahrend  der  Entbindung  entstehen  dnrch  Zerrung  und 
Druck  des  Kindeskopfes  auf  die  Fasern  des  Tibialis  im  plexus  isehia- 
dicus  die  stiirksten  und  haufigsten  Anfallc.  In  der  peripherischen 
Balm  der  betreffenden  Nerven  tragen  mechanische  Anlasse  offers  zur 
Entstehung  dieser  Neuralgiecn  bei,  schnelle  Wendungen,  Drehungen 
des  Halses  undRiickens,  Biicken,  Erschiitterung  durch  sclmelles  Rei- 
len  u.  s.  f.  Audi  vom  Dannkanale  aus  kann  die  Reitzung  sowohl  ortlich 
ihren  Einfhiss  iiussern  als  durch  Riickwirkung  auf  das  Centralorgan, 
auf  das  RuCkenmark,  wobei  die  Muskelaffection  als  Mitcmpfindung  und 


MUSKEL-NEURALG1E. 


87 


als  Reflexbewegung  crscheint.  So  diirfte  wohl  der  zur  Cholera  hin- 
zutretende  Grampus  der  Streckmuskeln  zu  deuten  sein,  welcher  die 
iheimische  und  asiatische  begleitet,  und  der  einzige  Zufall  ist,  der  in 
der  letzteren  die  Kranken  aus  ihrer  Indolenz  zu  wecken  vermag. 
iSeltner  als  den  tibialis , doch  im  Ganzen  oft  genug,  sah  ich  in  dieser 
Krankheit  aucli  den  radialis  und  ulnaris  afficirt  und  die  Fingerstrek- 
ker  vom  Grampus  befallen,  sowohl  den  exlens,  digit . commun.  als 
besonders  die  Daumenstrecker  und  den  Strecker  des  Zeigefingers, 
wodurch  die  Finger  unter  den  heftigsten  Schmerzen  ausgespreitzt 
wurden  und  niclit  die  geringste  Bewegung  vertrugen. 

Der  mit  der  Cholera  verbundne  Crampus  befallt  beide  Seiten  des 
Korpers,  was  sonst  niclit  der  Fall  zu  sein  pflegt,  und  erscheint  nicht 
bloss  im  Gefolge  der  ausgebrochnen  Krankheit,  sondern  auch  als  Vor- 
i und  Nachlaufer:  ja  in  der  crsten  Cholera-Invasion  des  Jahres  1831 
zeigte  er  sich  bei  vielen  Individuen,  die  gar  nicht  von  der  Seuehe  be- 
1 fallen  wurden.  — Rheumatischer  Anlass  wird  von  Einigen  als  begun- 
•stigendes  Moment  fur  die  Neuralgia  muscularis  angefuhrt,  indessen 
^scheint  hier  eine  Yerwechslung  mit  Lumbago  rheum,  und  Rheumat. 
• colli  zu  Grunde  zu  Iiegen,  von  denen  sich  jene  durch  den  jahenEin- 
t tritt,  durch  die  kurze  Dauer,  durch  den  Mangel  an  Geschwulst, 
durch  die  Abwesenheit  eines  Allgemeinleidens  hinreichend  unter- 
' scheidet. 

Zur  Behandlung  eignen  sich  am  besten  gelinde  Frictionen  mit  der 
blossen  Hand.  In  der  Neuralgie  der  Waden-  und  Lendenmuskcln  ist 
aul  den  Darmkanal  Riicksicht  zu  nehmen,  und  ausleerende  Mittel 
erleichtern  nicht  nur  fiir  den  Augenblick,  sondern  beugen  auch  den 
IRecidiven  vor.  In  der  asiatischen  Cholera  liute  man  sich  vor  gewalt- 
ssamem  Reiben  und  Biirsten,  worin  bei  den  crsten  Ausbruchen  der 
kSeuchc  einer  vor  dem  andern  zuvorzuthun  sich  a'bmiihte. 


88 


SCIIYVI1NDEL. 


Nicht  nur  die  abnorme  Steigcrung  der  Muskelsensibilitat  kommt 
zum  Bewusstsein,  jede  Yeranderung  im  Zustande  des  Muskels  kann 
empfunden  vverden.  So  fuhlt  der  gesunde  Mensch  die  Bewegung  oder 
Rube,  er  fuhlt  die  Modalitat  der  Muskelaction,  die  Leichtigkeit  oder 
Schwere,  womit  sie  zu  Stande  kommt.  Zum  Condoctor  dieses  Ge- 
fuhls  kann  niclits  anders  dienen  als  ein  Nerv,  und  wenn  ein  Nerv  vor- 
handen  sein  muss,  der  den  Impuls  des  Widens  auf  den  Muskel  iiber- 
tragt,  der  motorischeMuskelnerv,so  muss  es  einen  anderngeben,  der 
die  Empfindung  der  Action  zur'uckleitet,  und  dies  ist  der  sensible 
Muskelnerv.  Hierauf  aufmerksam gemachtzu baben  hat  B ell  das  Ver- 
dienst  (Physiol,  u.  pathol.  Untersuch.  S.  185  — 193);  seine  Be- 
obachtungen  sind  eben  so  scharfsinnig  als  beweisend. 

Der  die  Energie  des  sensibeln  Muskelnerven  anregende  Reitz  kann 
sowohl  ein  innerer  als  ausserer  Einfluss  sein.  So  gelangen  wir'  nicht 
nur  zur  Empfindung  von  Yeranderungen  in  unsern  Muskeln,  sondern 
auch  zur  Wahrnehmung  bestimmter  Yerhaltnisse  der  Aussenwelt  zu 
unserm  Korper.  Die  Yerschiedenheit  des  Eindrucks,  welchen  z.  B. 
der  Widerstand  des  Bodens  auf  die  Muskeln  der  Fusssohle  hervor- 
bringt,  erzeugt  die  Empfindung  desFesten  oder  Schwankenden.  Der 
Blinde  unterscheidet  wie  der  Sehende,  ob  er  eine  Hohe  hinauf  oder 
herabsteigt,  ob  er  den  Arm  horizontal  oder  vertikal  schwingt.  Die 
Bestimmung  des  Gewichts  beim  Wiegen  mit  den  Handen  wird  nur 
durch  die  mittelst  der  sensibeln  Muskelnerven  geleitete  Empfindung 
moglich.  (Ygl.  die  vortrefllichen  Untersuchungen  von  E.  II.  Weber 
de  pulsu,  resorptione,  audilu  et  tactu.  Lipsiae  1834  p.  81  — 1 13.) 

Wo  nun  die  Empfindung  der  Muskelaction,  der  Bewegung,  olme 
alle  objective  Anregung,  lediglich  durch  subjective  entsteht,  durch 
Exaltation  der  Rcitzbarkeit  des  sensibeln  Muskelnerven,  da  ist  Hy- 
perasthasie  gesetzt,  deren  charakteristischer  Zug  die  Empfin- 
dung von  Scheinbewegung  oder  Sch einstel lung  ist,  wo- 
fiir  der  einmal  eingefuhrte  Name 

Vertigo,  Sclmiiidel, 
beibehalten  wcrden  kann. 


SCHW1NDEL. 


89 


Purkinje,  Bcitragc  zur  naheren  Kcnntniss  des  Schwindels  aus  hcautognostischcn 
Daten.  In  Mcdicin.  Jahrbiichern  des  K.  K.  dsterreich.  Staates.  1820.  VI. 

JB.  2.  St.  S.  79  etc. 

Ueber  die  physiologische  Bcdcutung  dcs  Schwindels  und  die  Bezichung 

dessclben  zu  den  neuesten  Yersuchen  iiber  die  Hirnfunctionen,  in  Rust 
Magazin  fur  die  gesamrale  Heilkunde.  1827.  23.  B.  S.  284 — 310. 

Diese  ITyperasthasie  nimmt,  wie  jede  andre,  entweder  in  der  peri- 
pheriseken  oder  centralen  Nervenausbreitung  ihren  Ursprung.  Die 
erslere  bedingt  einen  einfacheren  Zustand,  weshalb  ihre  Schilderung 
voranstehen  mag,  mit  den  Worten  des  beruhmten  Forschers,  der 
diesen  Gegenstand  zuerst  auf  das  Gebiet  der  Experimentalphysiologie 
ubertragen  hat. 

„Die  im  Tastsinne  vorkommenden  Scheinbewegungen  in  Bezie- 
hung  auf  die  eigne  Schwere  des  Korpers  und  seiner  Glieder  liisst  je- 
nen  und  diese  nach  verschiednen  Bichtungen  schwebend  erscheinen, 
je  uachdem  die  Bedingungen  dazu  abgeandcrt  werden.  Wenn  man 
an  jeder  Hand  ein  relativ  sehr  schweres  Gewicht  aufgehangt  halt, 
und  genau  auf  die  Empfmdung  des  Zuges  achtet,  der  durch  die 
Schwere  verursacht  wird,  so  scheint  es,  wie  wenn  von  Moment  zu 
Moment  eine  Zulage  an  Gewicht  geschahe,  bis  es  zuletzt  unmoglich 
wird,  die  in’s  Ungeheure  angewachsne  Last  langer  zu  halten.  Wenn 
man  die  Gewichte  eine  Zeit  stehend  gehalten  hatte,  und  sie  nun  wie- 
der  niederstellt,  so  scheint  es  wie  wenn  man  in  grader  Linie  auf- 
warts  schweben  mochte.  Dabei  scheint  es,  wie  wenn  die  Hiinde,  die 
herabreichend  die  Gewichte  hielten,  betrachtlich  verkiirzt  wiirden 
und  wie  in  den  Thorax  einkriechen  mussten.“ 

„Wenn  man  etwas  mit  einerHand  festgeschlossen  hielt,  so  scheint 
es  nachher,  wie  wenn  man  die  Hand  zur  Faust  ballen  musste.“  (Pur- 
kinje, Medic.  Jahrb.  etc.  S.  102.)  „Wenn  man  bei  starker  Seitwarts- 
wendung  des  Auges  einen  Gegenstand  einige  Zeit  fixirt  halt,  so 
scheint  derselbe  nach  der  gegebenen  Richtung  zu  fliehen,  und  das 
Auge  muss  iminer  neue  und  grossre  Anstrengung  anwenden,  um  ihn 
festzuhalten.“  (/.  c.  S.  97.) 

Krankhafle  Zustande  bieten  keine  Gelegenheit  zur  Beobachtung 


90 


SCIIWJNDEL. 


ties  peripherischen  Schwindels  dar;  die  Empfindung  Amputirter  von 
Bewegung  oder  Stellung  ties  abgesetzten  Gliedes  diirf'te  als  solcher  zu 
deuten  sein.  Um  so  haufiger  veranlassen  sie  den  centralen,  wo  das 
Gefuhl  der  Scheinbewegung  durch  eine  Ilyperasthiisie  im  Central- 
apparate  sensibler  Muskelnerven  erzeugt  wird. 

Gewohnlich  iiberfallt  plotzlich,  ohne  Yorboten,  das  Gefuhl  der 
Scheinbewegung,  welches  der  Kranke,  bei  freiem  Bewusstsein,  auf 
sich  oder  auf  die  Aussenwelt  bezieht.  Es  stellt  sich  die  Empfindung 
von  Umfallen  und  Herumdrehen  ein,  entweder  des  eignen  Korpers, 
oder  der  sicht-  und  tastbaren  Umgebungen.  Mit  tlieser  Empfindung 
verbindet  sich  ein  andres  Merkmal,  geht  ihr  voraus,  begleitet  sie, 
folgt  ihr,  welches  niemals  vermisst  wird,  das  Gefuhl  gestorten  Gleich- 
gewichts.  Diesen  beiclen  Hauptzi'igen  reihen  sich  noch  andre,  jedocli 
nicht  so  bestandige  Erscheinungen  an:  optische,  acustische  Hyper- 
asthasie  (Flimmern  vor  den  Augen,  Ohrensausen),  schmerzhafte  Em- 
pfmdungen  im  Kopfe,  besonders  im  Hinterhaupte,  Uebelkeit,  Erbre- 
chen,  Angstgefuhl  mit  Ausbruch  kalten  Schweisses,  Beben  und 
Zittern  der  Muskeln,  voller,  langsamer  oder  kleiner,  frequenter  Puls, 
Rothe  oder  Blasse  des  Gesichts,  Kalte  der  Fusse. 

Die  Richtung  der  Scheinbewegung  ist  verscbieden.  Scbon 
der  griechische  und  lateinische  Name  der  Kranklieit  driickt  die  Kreis- 
bewegung  aus;  divog  bedeutet  Wirbel,  kreisformiger  Tanz,  vertigo 
ist  ihm  nachgebildet.  Wepfer,  dem  wir  treffliche  Beobachtungen 
verdanken,  ( Observationes  medico-practicae  de  affectibus  capitis  inter- 
nis  et  externis.  Scaphus.  1727,  p.  217  — 314)  unterscheidet  vertigo 
ti  tub  a ns,  wo  die  Scheinbewegung  des  Korpers  nach  vorn  oder 
hinten,  vacillans  s.fluctuans,  wo  sie  nach  einer Seite,  und  girosa, 
wo  sie  im  Kreise  stattfmdet.  Boerhaave  (. Praelect . acad.  cle  morb. 
nervor.  cur.  v.  Eems.  Lipsicie  1762.  p.  476)  macht  einen  Unter- 
schied  zwischen  vertigo,  der  kreisformigen,  und  nut  a do , der 
Scheinbewegung  in  gerader  Richtung,  von  oben  nach  untcn  oder 
umgekehrt. 

Die  verschicdncn  Richtungen  der  Scheinbewegung  in  horizontalem 


SCII  WIN  DEL. 


91 


oder  verticalem  Kreise,  mit  vor-  oder  riickwarts  gerichteter  Peri- 
pherie etc.  gehen  zuweilen  in  einander  liber  oder  wechseln  in  dem- 
selben  Individuum  mit  einander  ab.  Wepfer  (/.  c.  p.  285.)  beschreibt 
. einen  solchen  Fall:  aliquando  omnes  Ires  species  vertiginis  in  uno  pa- 
roxysmo  adsunt;  quandoque  solavacillcms  sen  ex  uno  latere  in  alterum 
nutans  el  putat  caput  instar  navis  ad  latera  a fluctibus  percussae  nutate 
ac  vacillate;  quando  tilubans  est,  putat  sibi  supine,  non  prone  nec 
in  latera,  cadendum  esse;  imo  fere  supine  proslerneretur,  nisi  susten- 
taretur. 

Die  Seheinbewegung  betrifft,  wenn  sie  den  eignen  Ivorper  zum 
' Sitze  nimmt,  dessen  Totalitat  oder  nur  einzelne  Theile,  z.  B.  den 
1 Ivopf.  Ich  habe  ein  achtjahriges  Madchen  behandelt,  in  dessen  Schwin- 
delanfallen  die  umgebenden  Gegenstande  von  unten  nach  oben  zu 
^steigen  schienen  und  zugleich  ein  Gefiihl  stattfand,  als  ob  der  Kopf, 
djesonders  die  Stirn,  zu  boch  wiirde.  (Romberg,  zurLelire  von  dem 
\Schwindel  in  Wochenschr.  fur  die  ges.  Heilk.  1833.  S.  1057.) 
'Wepfer  (l.  c.J  erwahnt:  paroxysnios  praecedit  tinnitus  aurium  et 
i videtur  sursum  capillis  caput  train  und  in  einem  andernFalle  (p.  240.) 
caput  semper  antrorsum  vergere  videtur. 

Die  Stellung  des  Kopfes  hat  beim  Eintritt  des  Schwindels  auf 
Richtung  und  Sitz  der  Seheinbewegung  Einduss.  Wepfer  (/.  c. 
p.  204.) : quando  sedet,  putat  inferiorem  truncum  antrorsum  et  re- 
trorsum  mover! ' ; quando  d ecu  mb  it,  moveri  videtur  caput  solum  hoc 
modo ; quando  sinistro  later i incumbit,  minor  eldest  haec  fluctuatio. 

Das  Verhaltniss  der  empfundnen  Seheinbewegung  zur  Muskel- 
aelion,  zur  Sinuesthatigkeit,  zum  Bewusstsein  ist  naher  zu  bestim- 
men.  Bei  freiem  Bewusstsein  zeigt  sich  keine  der  Scbeinbewegung 
• entsprechende  wirkliche  Bewegung : nur  das  Gefuhl  gestorten  Gleich- 
cgewichts  ist  zuweilen  so  betrachtlich,  dass  es  den  dagegen  ankam- 
I pfenden  Widen  iiberwaltigt,  und  der  Kranke  umfallt,  vertigo  ca- 
duca.  Unter  den  Sinncsnerven  wird  der  Opticus  am  hatifigsten  in 
den  Kreis  der  Affection  hineingezogen.  Doppeltsehen,  Farbensehen, 
IFlimmern  begleitet  moistens  die  Anfalle  des  Schwindels,  und  die 


92 


SCHWINDEL. 


kreisformige  Bewegung  sichtbarer  Gegenstande  kann  einen  solclien 
Grad  der  Schnelligkeit  erreichen,  dass,  wie  bcim  Umdrehen  der  Ne  w- 
ton’schen  Farbenscheibe,  alles  in  Nebel  und  Dunkel  gehullt  scheint, 
oxozodhog,  vertigo  tenebricosa. 

Die  Kranken,  die  uber  die  Scheinbewegung  und  uber  das  gestorte 
Gleichgewicbt  klagen,  bezeugen  schon  dadurch  Unbenommenheil 
des  Bewusstseins : demgemiiss  wirkt  auch  der  Wille.  Durch  Bewe- 
gungen,  die  selbst  mit  einiger  Kraft  vollzogen  werden,  durch  Aus- 
strecken  der  Arme,  durch  Feststellen  der  Fi'isse,  durch  Anstemmen 
des  Rumpfes  an  einen  Gegenstand  suchen  sie  sich  gegen  das  abnorme 
Gefiihl,  welches  den  K5rper  mit  sich  fortzuschwingen  droht,  zu 
sichern.  Anders  verhalt  es  sich,  wo  die  Freiheit  des  Bewusstseins 
unterbrochen  ist:  so  im  Schlafe,  im  Traumsch  win  del  (vertigo 
nocturna).  Die  Richtung  der  Scheinbewegung  ist  in  demselben 
selten  kreisformig,  mehrentheils  von  oben  nach  unten,  (Traume  vom 
Herunterfallen  von  einer  Treppe  sind  am  haufigsten)  oder  in  die  Holie, 
oder  nach  vorn  oder  hinten,  was  wohl  von  der  Lage  des  Kopfes 
abhiingig  ist:  aucli  traumt  man  vom  Einsinken  des  Bodens,  vom  Er- 
offnen  einer  unabsehbaren  Tiefe,  von  drohendem  Umsturze  der  Hau- 
ser u.  s.  w.  Es  erfolgt  bei  dem  im  Schlafe  gebundnen  Einflusse  des 
Widens  durch  Rellexaction  ein  Zusammenfahren  des  Ivorpers,  womit 
man  erwacht.  Der  Traumschwindel  stellt  sich  haufig  bei  denjenigen 
ein,  die  auch  im  Wachen  daran  leiden.  Wepfer  (l.  c.  p.  '221)  unice 
de  vertigine  sollicitus  est,  quae  ipsam  quoque  decumbentem  in  lecto  el 
in  somno  invadit:  (p.  2S6J  hac  vesper  a indormire  ande  primam  non 
potuit , el  quando  obdormiebat  statirn  insomniis  vexabatur,  ac  si  vcr- 
liginem  paleretur  el  cum  ancilla  recidisset,  unde  perterrita  mox  exper- 
gefiebat.  In  wachen  Zustiinden  gestorten  Bewusstseins,  mit  geschwach- 
ter  Intention  des  Widens,  wird . dem  Drange  zur  Bewegung  nach 
einer  bestimmten  Richtung  kein  Widcrstand  geleistet,  und  die  ein- 
pfundne  Scheinbewegung  geht  in  eine  reale  uber.  Iliezu  bietet  die 
Trunkenheit  den  haufigsten  Beleg  dar. 

Der  Schwindcl  tritt  in  Anfaden  auf,  deren  Dauer  gewohnlick  kurz 


SCHWINDEL. 


93 


ist,  von  einigen  Minuten  bis  zu  einer  Viertelstunde,  selten  longer. 
Die  Riickkehr  der  Anfatle  erfolgt  bald  langsamer,  bald  schneller,  zu- 
weilen  zu  wiederholten  Malen  in  einem  Tage,  selbst  in  einer  Stunde. 
Der  Typus  ist  nur  selten  regelmassig.  Der  Verlauf  der  Krankheit 
ist  ofter  chronisch,  auf  eine  Reihe  von  Jahren  ausgedehnt. 

Das  mittlere  und  hohere  Alter  disponirt  vorzugsweise : das  kind- 
liche  ist  in  der  Regel  verschont.  Ich  babe  nur  ein  Paar  Falle  beob- 
achtet:  der  eine  betraf  einen  dreijahrigen,  von  Meningitis  befallenen 
Knaben,  der  wieder  genas  und  am  ersten  Tage  der  Krankheit  wa- 
chend  und  im  Scklafe  haufig  und  mit  grosser  Angst  ausrief:  ich 
falle!  Auch  der  accidentelle  Schwindel  nach  schnellen  Kreisbewe- 
gungen  des  Korpers  kommt  bei  Kindern  schwerer  zu  Stande,  da- 
her  sie  dieselben  leichter  ertragen  als  Erwachsne.  Vollsaftige  Con- 
stitution und  sitzende  Lebensweise,  zumal  beim  weiblichen  Ge- 
schlechte  in  den  climacterischen  Jahren  sind  der  Entstehung  dieser 
Krankheit  giinstig:  andrerseits  Schwachezustand,  veranlasst  durcli 
erschopfenden  Siifteverlust,  daher  das  Convalescenz-Stadium  andrer 
Krankheiten.  Starker  fortgesetzter  Genuss  spirituoser  Getriinke  dis- 
ponirt. 

Unter  den  Ursachen  nehmen  die  Verhaltnisse  des  Rlutes  eine 
wichlige  Stelle  ein : sowohl  vermehrter  als  verminderter  Rlutandrang 
hat  Schwindel  zur  Folge.  So  zeigt  er  sich  als  haufiger  Begleiter  von 
Herzkrankheiten,  zumal  Hypertrophie  des  linken  Ventrikels.  Jede 
Ohnmacht  beginnt  mit  Schwindel.  Unterdruckte  Hamorrhois,  Men- 
strua, Epistaxis,  Uebergehen  gewohnter  Blutentleerungen  von  der 
einen  Seite,  Ilamorrhagieen  von  der  andern  fiihren  Schwindel  herbei. 
Schwangerschaft  und  Druck  von  Geschwulsten  im  Unterleibe  geho- 
ren  in  diese  Categorie.  Verletzungen  und  Krankheiten  des  Gehirns, 
besonders  des  Cerebellum,  sind  nicht  selten  AnlasserKrankheiten  der 
Pracordialorgane,  der  Milz  u.  s.  w.,  haben  den  Schwindel  oft  in  ihrer 
Begleilung,  und  es  miissen  kiinftige  Untersuchungen  noch  ermitteln, 
oh  bestimmte  Formen  des  Schwindels  von  dem  Leiden  einzelner  Or- 
gane  abhiingig  sind. 


94 


SC11WINDEL. 


Untcr  den  gelegenllichen  Ursachen  sind  die  haufigeren:  Intoxica- 
tion durch  Alcohol  und  durch  Narcotica,  Nicoliana,  l)esonders  heirn 
Rauchen,  Belladonna,  Digitalis,  Hyoscyamus,  Kohlensiiure.  Ueber- 
fullung  des  Magens  mit  unverdaulichep  Stoflcn,  mit  kohlensauern 
Getranken,  Prodromalstadium  andrer  Krankheiten,  besonders  fieber- 
hal’ter  und  contagioser.  Ungewohnte  Bewegungen  und  Stellungen 
des  Kopfes,  z.  B.  liingeres  Biicken,  Seefahrt.  Unterbrochne  Re- 
spiration, Einhalten  des  Atbems,  Pressen  beim  Stublgang,  bei  der 
Entbindung.  Gemuthsaffecte,  grelle  Sinneseindrucke,  atmospharische 
Einflusse,  FrLihjahr  und  Herbst,  jahe  Yerminderung  des  Luftdruckes. 

Sc  hoi  ion.  Die  Erscheinungen  bei  Verletzung  gewisser  Hirnre- 
gionen,  womit  wir  durch  die  von  Elourens,  M age n die,  Bouil- 
laud,  Krauss  und  Her  twig  an  lebenden  Thieren  angesteliten 
Yersuche  bekannt  geworden  sind,  erleichtern  die  pbysiologische 
Deutung  des  Schwindels.  Sie  stimmen,  wenn  auch  im  Einzelnen  ab- 
weichend,  darin  iiberein,  dass  die  Durchschneidung  von  Theilen  des 
kleinen  Gelnrns  und  der  Varolsbriicke  rotatorische  Bewegungen  des 
Thieres  veranlasst,  deren  Richtung  durch  die  Richtung  der  A er- 
letzung  bestimmt  wird.  Das  Drehen  erfolgt  stets  nach  der  verletzten 
Seite  bin,  und  zwar  urn  die  Langenaxe  des  Korpers  bei  Schnitten 
in  eine  Hemisphare  und  in  einen  Schenkel  des  kleinen  Gehirns'  und 
bei  Langeschnitten  in  eine  Seite  des  Pons  Varolii  dagegen  um  die 
Queeraxe,  bei  Incisionen  in  die  Mitte  des  Wurms  und  bei  Transver- 
salschnitten  in  den  Pons.  Bei  Yerletzungen  und  organischen  Krank- 
heiten des  kleinen  Gehirns  beim  Menschen  sind  ahnliche  Erschei- 
nungen beobachtet  worden.  Serres  (anatomic  comparee  du  ccrveau 
T.  II,  j).  G 2 erzahlt  von  einem  OSjahrigen,  dem  Trunke  ergebnen 
Schuster,  der  nach  einem  Excesse  dieser  Art  auf  der  Slrasse  die  Be- 
merkung  machfe,  dass  sich  nicht  wie  gewohnlich  die  Gegensliinde 
um  ihn,  sondern  er  sich  um  sie  drehe.  Er  wurde  nach  Hause  ge- 
bracht,  und  bier  drehle  er  sich  von  der  rechlen  nach  der  linken  Seite 
im  Kreise  herum.  In  der  Nacht  bekam  er  einen  apoplectischen  An- 
fall  mit  Lahmung  der  linken  Seite  und  starb  nach  einiger  Zeit.  Bei 


SCHWITNDEL. 


95 


der  Section  fand  man  das  Blutextravasat  in  dem  rechten  Crus  cere- 
belli  ad  emin.  quadrig.  Petit  und  Sauce rotte  haben  zwei  Falle 
von  Yerletzung  des  kleinen  Gehirns  beschrieben,  (Prix  de  V acad. 
roy.  de  Chirurgie  T.  IV,  p.  423  und  549J  wovon  der  eine  einen 
Mann  betrifft,  der  von  einer  Treppe  r'uckwarts  herabgestiirzt  war, 


und  den  vordern  und  mittleren  Theil  des  Scheitelbeins  fracturirt 
hatte.  Er  drehte  sich  in  kreisformiger  Bewegung  im  Bette  her- 
um.  Bei  der  Section  fand  man  auf  der  rechten  Hemisphare  des 
kleinen  Gehirns  einen  starken  Eitererguss.  In  Mage n die’s  Jour- 
nal der  Physiologie  (T.  VI,  p A 62)  lesen  wir  den  Fall  von  einem 
'Soldaten,  der  nach  Hieben  auf  den  Hinterkopf  von  einer  unwider- 
'Stehlichen  Neigung  riickwarts  zu  gehen  befallen  wurde,  und  so  oft 
er  von  seinem  Bett  nach  dem  des  Nachbarn  ging,  die  Fiisse  von 
worn  nach  hinten  setzte.  Am  13ten  Tage  nach  der  Verwundung 
'Starb  er.  Das  kleine  Gehirn  war  in  eine  weisse  breiartige  Masse 
'verwandelt,  das  grosse  Gehirn  und  Riickenmark  waren  normal. 
IHieher  gehort  auch  der  in  der  Schilderung  der  Prosopalgie  mitge- 
ttheilte  Fall  (S.  50). 

So  wie  nun  in  diesen  Beispielen  durch  Affection  der  motorischen 
'Muskelnerven  Dr  eh  bewegung  en  zu  Stande  kommen,  so  entste- 
hen  durch  Affection  der  sensibeln  Muskelnerven  im  Centralorgan 
Drehempfindungen,  die  durch  das  Bewusstsein  zu  ahnlichen 
Baumvorstellungen  sich  gestalten.  Purkinje’s  geistreiche  und  ge- 
naue  Untersuchungen  haben  gelehrt,  dass  die  jedesmalige  Stellung 
les  Kopies  wahrend  und  nach  den  Umdrehungen  des  Korpers  die 
nachmalige  Richtung  der  rotatorischen  Empfindungen  bestimmt. 
ft.  B.  „Wenn  man  das  Gesicht  gegen  die  Decke  des  Zimmers  wen- 
let  und  dort  irgend  einen  Punkt  fixirt,  um  den  man  als  Pol  einer 
■ amkrechten  Achse  dann  eine  Anzahl  Drehungen  des  Korpers  aus- 
ll  ’uhrt,  so  werden,  wenn  man  diese  Lage  des  Kopfes,  mit  der  Rich- 
i nng  des  Blickes  nach  ohen,  ferner  behalt,  die  sichtharen  Gegenstiinde 
ler  Zimmerdecke  horizontal  hewegt  erscheinen,  und  so  gleichfalls 
lie  Bodenfliiche  und  der  Gegensland,  an  dem  man  sich  nachmals 


90 


SCHWINDEL. 


mit  den  Ilanden  festhalt.  Wenn  man  wahrend  dessen  den  Kopf  wie- 
der  in  die  gewohnliche  Lage  bringt,  wo  das  Gesicht  senkreeht  gegen 
den  Horizont  steht,  so  iindert  sich  die  Richtung  der  horizontalen 
Kreisbewegung  des  Schwindels  in  die  eines  senkreeht  stehenden  Ra- 
des,  nnd  dasselbe  findet  auch  in  der  Tastempfindung  der  Fusssohlen 
und  der  Ilande  statt,  wo  der  Fussboden  auf  der  einen  Seile  zu  sin- 
ken,  auf  der  andern  sich  zu  erheben  scheint.  Wenn  man  zu  den 
Achsendrehungen  des  Korpers  den  Kopf  so  stark  als  .moglich  gegen 
die  eine  oder  andre  Schulter  neigt,  dann,  nachdem  man  die  zur  Schwin- 
delerregung  hinreicbende  Zabl  von  Drehbewegungen  gemacht,  stehen 
bleibt,  und  den  Kopf,  sich  an  einer  festen  Unterlage  anhaltend,  wie- 
der  in  die  gewohnliche  senkrechte  Lage  bringt,  so  scheint  der  An- 
schauungsraum  sowohl  des  Gesichtes  als  des  Tastsinnes  und  die  da- 
rin  befindlichen  Gegenstiinde  in  der  Richtung  von  vorne  nach  ruck- 
warts  oder  umgekehrt  iiberzusturzen,  je  nachdem  man  sich  rechts 
oder  links  mit  rechts  oder  links  geneigtem  Kopfe  umgedreht  hat.“ 
fPurkinje  in  Rust  Magaz.  etc.  S.  290  etc.J  Es  ergiebt  sich  aus  alien 
diesen  Versuchen,  dass  der  Durchschnitt  des  Kopfes,  als  einer  Kugel, 
um  deren  Achse  die  wahre  Rewegung  geschah,  jedesmal  die  Schein- 
bewegung  der  Gegenstiinde  bei  der  nachmaligen  Stellung  des  Kop- 
fes, wahrend  des  Stehenbleibens  beslimmt,  und  dasselbe  gilt  aucli 
von  den  Anfiillen  der  Schwindelkrankheit,  wie  zuvor  erinnert  wor- 
den  ist.  Zeune,  der  verdienstvolle  Director  des  Rerliner  Blinden- 
instituts,  theilt  (Belisar,  S.  22)  die  Beobachtung  mit,  dass  einer 
seiner  blinden  Zoglinge  nur  beim  Linksumdrehen,  ein  andrer  nur 
beim  Rechtsumdrehen  schwindlig  werde,  was  alles  mit  zum  Beweise 
dienen  mag,  dass  zur  Ilervorbringung  von  Schwindelempfindungen 
die  Affection  im  Gehirne,  welcher  Art  sie  auch  sei,  ebxen  so  in  be- 
stimmten  Bahnen  erfolgen  muss,  wie  die  Schwindelbewegungen  durch 
die  Richtung  und  selbst  durch  das  Maass  der  Verletzung  bestimmt 
werden. 

In  welchem  Ilirngebiete  diese  Hyperasthiisie  ihren  Sitz  hat,  lasst 
sich  aus  den  vorliegenden  Thatsachen  nur  approximate  deuten.  Fur 


SCHWINDEL. 


97 


das  kleine  Geliirn  und  seine  Commissuren  sprechen  die  positiven  Er- 
.gebnisse  direkter  Yersuche  und  pathologische  Beobachtungen : so  er- 
walint  Gall  ( Fonctions  du  cervcciu  etc.  T.  Ill,  p.  341.)  eines  von  ihm 
in  Wien  behandelten,  einige  40  Jalire  alien  Kranken,  der  seit  meh- 
reren  Monaten  uber  Hamorrhoidalschmerzen  und  einen  sehr  lastigen 
Druck  im  Nacken  geklagt  liatte,  mil  der  Neigung  nach  vorn  zu  fal- 
len, als  sahe  er  einen  tiefen  Abgrund  vor  seinen  Fiissen.  Bei  der 
'Section  fand  man  auf  dem  Tentorium  cerebelli  eine  zwei  Zoll  lange 
Geschwulst.  Dieselben  Symptome  zeigten  sich  bei  einem  andern  mit 
'Vereiterung  des  kleinen  Geliirns.  La llem and  { reclierches  ancit.palh. 
sur  I’encephale  T.  II,  p.  39)  theilt  den  Fall  eines  4Gjahrigen  Manners 
mit,  welcher  iiber  dumpfen  Schmerz  unter  dem  Stirnbein  klagte  und 
■ seit  einem  Jahr  an  Schwindel  und  Erbrechen  litt.  Sein  Gang  war 
'Schwankend  ujid  er  kam  oft  in  Gefahr  nacb  vorn  iiberzufallen.  Bei  der 
: Leicbenoffnung  zeigte  sich  das  kleine  Geliirn  zur  Halfte  in  eine  sa- 
liose,  braune,  stinkende  Fl'ussigkeit  zergangen.  — Auch  das  Gefulil 
:?estorten  Gleichgewichts,  welches  die  Empfindung  von  Scheinbewe- 
:gung  im  Schwindel  begieitet,  bezeichnet  das  Cerebellum  als  Heerd, 
lessen  Verletzungen  nach  Flourens  und  spatern  Versucben  den 
i Verlust  der  Harmonic  unsrer  mannigfaltigen  Bewegungen  und  Stel- 
ungen  mit  sich  fiihren.  Endlich  hat  der  Schmerz,  wenn  Schwindel- 
cranke  dariiber  klagen,  fast  immer  im  Hinterhaupte  seinen  Sitz.  Wenn 
mch  Experimente  am  grossen  Gekirne  keine  rotatorische  Bewegun- 
.gen  zur  Folge  haben,  so  kommen  doch  bei  Krankheiten  desselben 
”>chwindel-Empfmdungen  und  Bewegungen  vor,  was  bei  den  gegen- 
1 eitigen  Beziehungen  dieses  Organs  zum  Cerebellum  nicht  autfallend 
i ein  kann.  (Vrgl.  das  Capitel  iiber  statische  Motilitiitneurosen.) 

Wie  in  den  Neuralgieen,  so  liisst  sich  auch  im  Schwindel  die  Norm 
ler  excentrischen  Erscheinung  nachweisen.  Hie  Sclieinbewegung 
^ird  auf  diejenigen  Muskeln  des  Korpers  bezogen,  deren  sensible 
Vservenfaserung  im  Centralorgan  vorzugswcise  afficirt  ist,  und  in  so 
' ern  die  peripherischen  Endcn  es  sind,  welcbe  die  Empfindung  von 
ien  raumlichen  Yerhaltnissen  der  Aussenwelt  vennitteln,  so  geschielit 

Romberg’s  Ncrvenkrankh.  I. 


7 


98 


SCHWINDEL. 


cs  auch,  dass  die  Sensation  dcr  Scheinbewegung  im  Bewusstwerden 
auf  die  umgebenden  Gegenstande  iibertragen  wird. 

Die  Synergie  dcr  Sinncsncrven  uud  sensibcln  Muskelnerven  stellt 
sich  im  Schwindel  deutlich  heraus,  vorzuglich  des  Opticus.  Eine  mil 
Anstrengung  der  Augenmuskeln  verbundne  Action  des  Sehnerven, 
zumal  mit  Richlung  des  Blickes  in  die  Tiefe  oder  Ilbhe,  ruft  den 
Schwindel  hervor,  so  wie  andrerseits  der  Schwindel  nach  kreisfor- 
migen  Bewegungen  mit  geschlossnen  Augen  Flimmern  und  andre  Ge- 
sichtsphantasmen  mit  sich  fiihrt. 

Was  fur  eine  Affection  des  Gehirns  diese  Ilyperasthasie  bedingt, 
dariiher  wollen  wir  uns  jeder  leeren  Yermuthung  enthalten.  Die 
Geschichte  der  Theorieen  des  Schwindels  stellt  zu  warnende  Beispiele 
auf!  Sauvagcs  Annahme  einer  retrograden  Bewegung  des  Blutes  in 
der  Netzhaut,  Marcus  Herz  Ansicht  von  einem  psychischen  Ursprunge 
des  Schwindels  sind  vergessen,  und  mit  Recht  vergessen,  weil  sie 
nicht  einmal  den  einfachsten  Anspriichen  genligen,  die  an  die  Theo- 
rie  einer  Krankheit  gemacht  werden  diirfen,  genauer  und  vollstandi- 
ger  Beobachtung  ilirer  Erscheinungen.  Man  halte  lediglich  den  Ge- 
sichtsschwindel  zum  Paradigma  gewahlt,  und  sich  nicht  darum  be- 
kummert,  dass  auch  Schlafende,  Blinde,  Narcotisirte  von  dieser  Krank- 
heit befallen  werden. 

Nosologisches.  — Das  Verhaltniss  dieser  Hyperasthiisie  zum 
Bewusstsein  ist  von  den  altern  Nosologen  irrig  aufgefasst  worden,  in- 
dem  sie  den  Schwindel  unter  die  Ilallucinationen  aufnahmen.  Neuere 
Eintheilungen  in  Gesichts-  und  Tastschwindel,  in  Raum-  und  Zeit- 
schwindel  geni'igen  eben  so  wenig.  Das  physiologische  Moment  der 
Classification  muss  dem  Sitze  der  Krankheit  in  einem  bestimmten 
organischen  Apparate  und  (lessen  ofienbarter  Energie  entnommen 
werden.  So  ist  die  Annahme  des  Schwindels  als  einer  Hyperiistha- 
sie  sensibler  Muskelnerven  motivirt  worden,  welche  nur  sellen  vom 
peripherischen,  meistens  vom  Centralapparate  ausgeht. 

Prognose.  — B o e r h a a v e ’ s Ausspruch : Vertigo  est  omnium 
morborum  capitis  lemssimus  et  facillimc  curabilis,  unde  mnnes  alii 


SCHWINDEL. 


99 


capitis  mo'rbi  incipiunl  et  qui,  hisce  curalis,  saepe  relinquitur  (Prael. 
mad.  de  morb.  nerv.  p.  475,),  darf  nicht  verleiten.  Eine  jedc  Central- 
neurose  ist  an  und  fur  sicli  wichtig  und  verliert  nur  dann  an  Re- 
deutung,  wenn  ihre  ursachlichen  Verhaltnjsse  beseitigt  werden  kbn- 
nen.  Der  durck  Safteverlust  und  Erschopfung  entstandne  Schwindel 
ist  lieilbar,  wahrend  er  als  Begleiter  von  liirndesorganisation  ausser 
dein  Bereiche  der  Kunst  ist.  Audi  in  Folge  von  Haniorrhagieen  ist 
der  Schwindel  leichter  lieilbar,  als  nach  Unterdriickung  gewohnter 
Blulflusse.  Nicht  selten  verschwindet  er  beim  Ausbruche  andrer 
Krankheiten,  der  Epistaxis,  der  Otorrhoea,  der  Haemorrhois,  der 
Arthritis,  des  Weichselzopfes  etc.  Mittleres  Alter  der  Erkrankten  ist 
.gunstig.  Bei  vertigo  caduca  und  iencbricosa  soli,  nach  der  Behaup- 
tung  altrer  Autoren,  die  Prognose  iibler  sein  als  bei  dem  einfachen 
'Schwindel.  Auch  die  Richtung  der  Scheinbewegung  diirfte  nach  der 
obigen  Erorterung  bedeutsam  sein,  indem  die  Scheinbewegung  uni 
die  Queerackse  (der  nach  vorn  oder  hinten  drohende  Sturz)  die  Af- 
ii lection  der  Totalitat  des  kleinen  Gehirns  oder  seiner  Coramissuren, 
idie  um  die  Langenachse  drehende  Scheinbewegung  (nach  rechts  oder 
I links)  die  Affection  einer  Halfte  des  Organs  bezeicbnen  wiirde. 

Die  technische  Be  hand  lung  des  Schwindels  basirt  auf  der 
Causalindication  mit  steter  Rucksicht  auf  die  individuelle  Constitution, 
[m  idiopathischen  Schwindel  muss  die  Untersuchung  darauf  gerich- 
itet  werden,  ob  ein  blosser  Erethismus  zu  Grunde  liegt,  oder  bereits 
uaterielle  Yeranderungen  zu  Siande  gekommen  sind.  1m  ersteren 
Falle  eignen  sich  Sauren  (ellx.  -{-'Hall.,  elix.  vilr.  Myns.,  -{phos- 
phor.) und  die  mix  vomica  in  Pulver  zu  3 — 5 gr.  mit  einem  Zu- 
satze  von  vanilla  etc.,  2mal  taglich.  Im  zweiten  Falle  sind  ortliche 
Blulcnlleerungen,  zumal  Schropfkbpfe  an  das  Hinterhaupt  und  in  den 
A'acken,  Exutoria,  kalte  Affusionen,  wenn  auch  nicht  Iieil-,  docli 
Lindcrungsmittel.  — Im  consensuellen  Schwindel  ist  vorzugsweise 
ler  Zustand  der  Digeslionsorgane  zu  beach  ten,  und  die  blosse  Ueber- 
| 'iillung  des  Magens  mit  unverdauten  Stoffen  von  der  Atonie  etc.  zu 
mterscheiden.  Dort  sind  ausleerende  Mittel,  auch  Emetica,  obne  alle 


100 


SCHWINDEL. 


Sclieu,  an  ihrer  S telle,  bier  die  Amara,  Trifolium,  Quassia  in  Ver- 
bindung  mit  Rheum.  Milz—  und  Leberkrankheiten  verdienen  besondre 
Berucksichtigung.  In  der  metastatisclien  Vertigo  leisten  Exutorien,  * 
Fontanellen  etc.  am  meisten.  Wo  Plethora  und  gehemmte  Blutlliisse 
zu  Grunde  liegen,  m'ussen  allgemeine  Blutentleerungen  mit  ortlichen 
verbunden  werden.  Gegen  den  durch  Siifteverlust  und  Erschopfung 
entstandnen  Schwindel  sind  Roborantia,  in  allmahliger  Sleigerung, 
indicirt. 

Allgemeine  Regeln  fiir  Behandlnng  yon  Schwindelkranken  sind 
folgende:  Vermcidung  starker,  anhaltender,  kreisformiger  Bewegun- 
gen,  starknahrender,  erhitzender  Rost,  des  Abendessens,  des  langen 
Schlafes  auf  Federbetten,  der  Bader.  Reitzung  der  Hautnerven  durch 
Sinapismen,  durch  Fussbader,  die  mit  Sent  oder  Lauge  gescharft  sind, 
durch  rauhes  B'ursten  des  Nackens,  Riickens,  durch  kalte  Waschun- 
gen  des  Rumpfes  und  der  Gehrauch  kiihlender  Eccoprotica  sind  zu 
empfehlen.  (Flor.  sulph.  Cremor.  tart.  ff.  act  §(3,  Gj  Guajac.  3j  Mfd- 
DS.  Morg.  und  Ab.  1 Theeloffel  voll.  Rji  Magn.  sulph.  3vj  magn. 
curb.  3jj  Mfo.  D.  3mal  taglich  1 Theel.  voll.  Kleine  Dosen  des 
Bitterwassers,  ein  Weinglas  vor  dem  Schlafengehen,  ein  andres  des 
Morgens  niichtern.) 

Als  Palliativ  ist  bei  Annaherung  des  Anfalles  und  im  Anfalle  ge- 
scharfte  Intention  des  Widens  auf  Bewegung  anzurathen.  Die  Kran- 
ken  selbst  versuchen  dies  schon  durch  Anstemmen  der  Ilande  oder 
Fiisse,  um  der  Scheinbewegung  Widerstand  zu  leisten.  Auch  die 
Sinnesthatigkeit  des  Auges  kann  hiezu  benutzt  werden:  so  liisst  sicli 
der  nach  Kreisschwingungen  des  Kbrpers  enlstandne  Schwindel  un- 
terdr'ucken,  wenn  man  den  nahe  vorgehaltnen  Finger  mit  dem  Auge 
fixirt  oder  sich  nach  der  entgegengesetzten  Seitc  dreht. 


3.  Gatlung'. 


Ilyperasthasieen  des  Nervus  Vagus. 

Schon  die  Ueberschrift  soli  darauf  hindeuten,  dass  dieser  machtige 
sensible  Nerv  die  Exaltation  seiner  Beitzbarkeit  nicht  durcli  einen 
Ausdruck,  z.  B.  Schmerzgefuhl,  aussert,  sondern  je  nach  den  specifi- 
sclien  Energieen  seiner  Fasern  durch  mehrfache  eigenthumliche  Em- 
pfindungen.  Geben  hieriiber  die  Experimente  an  lebenden  Thiercn 
bereits  einigen  Aufschluss,  (s.  Arnold’s  schbne  Untersucbungen  in 
seinen  Bemerkungen  uber  den  Bau  des  Hirns  und  Riickenmarks, 
nebst  Beitriigen  zur  Pbysiologie  des  1 0.  und  1 1 . Hirnnerven.  Zurich 
1838,  S.  106  u.  IT.)  so  sind  es  unleugbar  die  pathisclien  Zustiinde 
des  Menschen,  welche,  wenn  auch  complicirt,  dennoch  eine  grossre 
Deutlichkeit  und  Zuverlassigkeit  durch  das  Symbol  der  Sprache  ge- 
wahren.  Betrachten  wir  zuvorderst  diejenige  Hyperasthiisie  des  Vagus, 
welche  sich  durch  Schmerzgefiihl  offenbart,  die 

IVeuralgie  dci*  reNpiratonscIten  mill  gasliai§clien 

Balm  fllew  Vagui. 

In  der  ersteren  sind  neuralgische  Erscheinungen  seltner  als  in  der 
letzteren,  und  kommen  zuweilen  in  Form  des  Pruritus  vor.  Der  zum 
Ilusten  anregende  Ivitzel  in  der  Niihe  der  Bifurcation  der  Trachea 
wird  nicht  nur  als  Begleiter  der  Bronchitis  (Stokes  on  diseases  of 
die  chest  p.  54 .)  sondern  auch  fur  sich  oline  anderweitige  Stoning 
beobachtet.  Als  eine  seltne  Erscheinung  fiihre  ich  das  Gefuhl  eincr 


102 


GLOBUS.  PYROSIS. 


in  der  Luftiohre  aufsteigenden  Kiilte  an,  woriiber  rnehrere  von  mir 
behandelte  Hysterische  klagten,  obgleich  die  ausgeathmete  Luft  warm 
* war.  — Der  Pruritus  kommt  auch  zuweilen  im  ramus  auricularis 
des  Vagus,  der  den  aussern  Gehorgang  mit  versorgt,  vor  und  giebt 
sicli  durch  gleicbzeitigen  Reitz  zum  Husten  und  selbst  zum  Brechen 
zu  erkennen. 

In  der  gastrischen  Vagusbahn  zeigt  sicb  die  Neuralgie  am  hiiufig- 
sten  unter  drei  For  men,  als  Gefuhl  von  Zusammenschn'urung  im  Pha- 
rynx, von  Brennen  im  Oesophagus,  von  Schmerzhaftigkeit  des  Ma- 
gens.  Das  Erstere  ist  unter  dem  Namen  Globus,  das  Zweite  unter 
dem  Namen  Pyrosis  mit  einbegriffen,  das  Britte  bezeichne  ich  Gastro- 
dynia  neuralgica.  Gewohnlich  betrachtet  man  den  Globus  als  mo- 
torische  Affection,  als  Pharyngospasmus,  allein  wo  das  Schlucken 
ungehindert  ist,  wo  sowohl  flussige  als  feste  Binge  durch  den  Schlund 
gleiten  konnen,  ist  man,  wenn  auch  das  Gefuhl  von  Zusammenschuu- 
rung  vorhanden  ist,  keineswegs  zur  Annahme  eines  Schlundkram- 
pfes  berechtigt.  Hiemit  sti'mmt  auch  die  eigenthumliche  Empfindung 
einer  im  Halse  aufsteigenden  Kugel  iiberein.  Auf  hysterischem 
Boden  kommt  der  Globus  am  haufigsten  vor,  daher  auch  sein  gewolni- 
licher  Beiname:  zuweilen  zeigt  er  sicli  als  Aura  epileptica.  Seltner 
offenbart  sich  diese  Neuralgie  durch  reines  Schmerzgefiihl  im  Schlunde. 
Hedland  erzahlt  in  Ammons  Zeitschr.  f.  Ophthalmol.  B.  V.  S.  3G7 
den  Fall  einer  amaurotischen  Frau, -die  an  einer  Geschwulst  der  Glan- 
dula  pituitaria  und  andern  Hirndesorganisationen  litt,  mit  so  heftigen 
Schmerzen  in  dem  durchaus  gesunden  Pharynx,  dass  sie  glaubte,  einc 
Geschwulst  hatte  daselbst  ihren  Sitz. 

In  dcr  Pyrosis  steigt  ein  heisses,  wundes  Gefuhl  aus  dem  Ma- 
gen  aufwiirts  in  den  Schlund,  mit  oder  ohne  Absondrung  von  Magen- 
salt  und  Speichel.  Arthritis,  Hypochondrie,  Schwangerschaft  disponi- 
ren.  A ermeidung  fetter  Nahrungsmiltel  und  der  Spirituosa  und  der 
fortgesetzte  Gebrauch  der  Amara , dcr  Quassia  in  Verbindung  mit 
Rheum  etc.  rcichen  gewohnlich  zur  Kur  him 


GASTRODYNIA  JNEURALGICA. 


103 


Gasti'OiGynlii  neuvalg-ka. 


Anfalle  von  schmerzhaften  Empfmdungen  im  Magen,  verschiedner 
Art.  und  Inteusitat,  driiekend,  reisscnd,  spannend,  wechseln  ab  mit 
ilntervallen  von  Ruhe  und  Schmerzlosigkeit.  Durch  Druck  von  aussen 
oder  innen  (Aufullung  mit  Speisen)  wird  der  Schmerz  gewohnlicli 
riicht  gesteigert,  nimmt  mehrentheils  ab.  Nabrungstrieb  ist  fast  immer 
vorhanden,  nicht  ^elten  Heisshunger.  Mitempfindungen,  Globus,  Riik- 
kenschmerz,  Harndrang  fehlen  nur  selten.  Renexbewegungcn  den 
Bauchmuskeln,  Spannung,  Erbrechen,  Ructus,  Gahnen,  sind  haufig. 
Die  Reproduction  geht  ungehindcrt  von  statten,  selbst  bei  langcr 
Dauer  der  Kranklieit. 

Jugendliches  und  mittleres  Alter,  erbliche  Anlage,  Hypochondria, 
lHysterie,  Spinalneuralgie,  Arthritis,  disponiren.  Eine  besondre  Be- 
ziehung  des  Uterus  zu  dieser  Neuralgie  des  Vagus  ist  nicht  zu  ver- 
■ kennen.  Chlorosis,  Fluor  albus  haben  sie  sehr  oft  in  ilirer  Beglei- 
i tung,  und  bei  vielen  wird  der  Eintritt  und  die  Ruckkehr  der  Menstrua 
durch  die  Gastrodynia  angekundigt.  Hievon  ist  auch  die  uberwie- 
. gende  Frequenz  der  Kranklieit  beim  weiblichen  Geschlechte  abhan- 
-gig.  Safteverlust,  zumal  spermatischer  durch  Onanie,  ist  haufiger 
' Anlass. 

Der  Verlaul  ist  chronisch : die  Prognose  im  Allgemeinen  giinstig, 
obgleich  die  Kranklieit  oft  hartnackig  ist,  und  erst  mit  vorschreiten- 
den  Jahren  weicht.  Die  Unterscheidung  von  Desorganisationen  des 
'Magens  (chronischer  Entzundung,  Geschwurbildung,  Scirrhus)  ist 
leiclit,  wenn  diese  vollstiindig  entwickelt  sind,  schwierig  im  Beginn, 
daher  \ erwechslungen  haufig.  Unter  den  Critericn  sind  folgende  zu- 
verlassig:  1)  der  iiussre  Druclt  als  Reagens.  In  der  neuralgischen  Ga- 
'Strodynie  Schmerz  bei  dem  ersten  noch  so  oberflachlichen  Ilinfuhlcn: 
keine  Empfindung  oder  selbst  eine  Linderung  bei  starkerer  Com- 
pression: das  umgekehrte  Verhaltniss  bei  Structurverletzung  des  Ma- 
-gens;  2)  die  digestive  Verrichtung  des  Magens:  gestort  mit  veranderler 


104 


CAST  R,0 1 ) YN I A NEU  R A LG  IC  A . 

\ 

Secretion,  schmerzhaft  bei  organischer  Entartung;  ununterbroclien, 
schmerzlos  in  der  Neuralgic;  3)  Mitempfindungen,  charakteristisch 
in  der  Hyperasthasie,  fehlen  in  der  Desorganisation ; 4)  das  Yerhal- 
ten  der  Epitheliumformation:  in  entziindlichen  u.  a.  Zustiinden  des 
Magens  ist  die  Zunge  mit  desquamirten  Epitheliumpliittchen  bedeckt, 
trocken,  roth  an  den  Biindern  und  der  Spitze,  und  entspricht  hierin 
der  BeschafTenheit  der  innern  Magenflachc.  In  der  Neuralgie  findet 
sich  keine  solclie  Veranderung.  Bei  langrer  Dauer  ist  die  Abwesen- 
heit  der  eigenthumlichen  Gesichtsfarbe,  der  starken  Abmagerung,  des 
hektischen  Fiebers,  welche  die  organischen  Krankheiten  des  Magens 
begleiten,  charakteristisch. 

In  der  B eh  and  lung  ist  die  Causalindication  festzuhalten.  Sind 
Ursachen  und  Complicationen  beseitigt,  und  hat  man  es  mit  einer 
einfachen  Hyperasthasie  zu  thun,  so  sind  folgende  Mittel  als  die  wirk- 
sameren  zu  betrachten.  Soolbad,  Seebad,  mehreremal  wiederholt,  das 
Eisen,  (Spaaer,  Pyrmonter  Mineralwasser,  natiirliches  oder  kiinst- 
liches,  auch  in  den  Wintermonaten  1 — 2 Weinglaser  voll  nuchtern 
zu  trinken,  oder  in  den  verschiednen  Praparaten,  unter  denen  Aber- 
crombie dem  ferr.  sulphur,  m l — 2 Gran  pro  closi  in  Yerbindung 
mit  A/oe  extract  den  Yorzug  giebt)  Magist.  bismut,  (gr  j — j j,  exlr. 
Hyosc.  gr  j magn.  curb.  ff.  alb  a a gr  V Mfo  S.  2 — 3mal  taglich 
1 o).  Nux  vomica,  in  Pulverform  von  3 — 6 Gran  pr.  dos.,  Bella- 
donna, rad.  und  exlr.,  das  letztere  aufgeloset  in  Aq.  Laurocer.  (gr.  IV 
in  3jj  2 — 3mal  taglich  16  Tropfen)  Valeriana  zumal  als  infus. 
theif.  mit  lib.  Trifol.  fibr.  Als  Palliativ  eignet  sich  die  Chamomilla  in 
Jnfus.  oder  ol.  aelh.  3(3  in  3jj  spiv,  sulph.  aeth.  2stundlich  1 5 Tr.,  die 
Carminativa,  in  hartnackigeren  Fallen  das  Opium.  Durch  externa, 
besonders  empl.  c.  exlr.  Belladonn.,  enipl.  de  Galb.  croc.,  Einreibun- 
gen  von  Mixt.  ol.  bals.  §j  Tinct.  thebaic.  5jj  M.,  von  einigen  Tropfen 
ol.  Sincip.  aelh.,  Clysmata  aus  Asa  foelida  wird  die  Ivur  unterstiitzt. 
Die  Diiit  sei  gehorig  regulirt.  Erkaltung  der  Fiisse  und  Vcrstopfung, 
wozu  die  Kranken  neigen,  muss  vermiedcn  werden.  Doch  liiite  man 
sich  vor  dem  Gebrauch  salinischer  Abfiihrungsmittel,  welche  den 


BULIMIA. 


105 


neuralgischen  Anfall  leicht  erregen.  Audi  der  Genuss  kalter  Ge- 
tranke  und  des  Gefrornen  ist  nachtheilig,  so  wie  des  fetten,  geraucher- 
ten  Fleisdies  und  wassriger  Friichte. 


Die  ebengenannten  Hyperasthasieen  des  Vagus  sind  nicht  von  de- 
nen  der  Ilautnerven  verschieden,  dagegen  die  specifischen  Energieen 
in  ihrem  hygienen  und  pathischen  Ausdrucke  sich  wesentlich  vom 
Hautgefiihle  unterscheiden.  Es  sind  dies  die  mit  deni  Nahrungs- 
und  Athmungstriebe  verbundnen  Empfindungen. 

Das  Gefiihl  des  Hungers  und  der  Sattigung  wird  durch  Fa- 
sern  der  gastrisdien  Bahn  des  Vagus  vermittelt,  und  zwar  durch 
'Nervenfasern,  die  im  Magen  peripherisch  enden.  Versuche  an  Thie- 
ren  mit  Durcbscbneidung  des  Vagus  liaben  hieriiber  Auskunft  ge- 
;geben,  und  wenn  auch  gegen  das  eine  Resultat,  Verlust  des  Hungers 
mach  der  Operation,  die  Skcpsis  Einwurfe  erheben  kann,  so  vermag 
>sie  es  nicht  gegen  das  andre,  gegen  den  Mangel  des  Sattigungsge- 
!f uhls.  Solche  Thiere  fressen,  wie  Le  Gall o is,  Brachet,  Arnold 
i beobachtet  haben,  bis  Magen  und  Schlund  zu  einer  enormen  Grosse 
anschwellen  und  das  Futter  aus  dem  Munde  wieder  herausquillt. 
1 Diese  Gefrassigkeit  ist  auch  beim  Menschen  beobacbtet  und  mit  Hun- 
.ger  verwecbselt  worden,  wahrend  sie  im  Gegentheil  ein  Beweis  der 
Anasthasie  ist.  In  der  Hyperasthasie  darf  die  Empfindung  der  Siitti- 
.gung  nicht  aufiioren,  mag  sie  auch  in  abnormen  Verhaltnissen  zu 
dem  Hunger  stehen.  So  konnen  beide  Gefuhle  exaltirt  sein:  es  ist 
nicht  selten,  dass  im  Iieishunger  auf  geringfugigen  Genuss  sofort 
lUebersattigung  eintritt.  In  andern  Fallen  folgt  das  Satlsein  spater. 
'Mit  dem  Heisshunger  (so  mochte  ich  diese  Hyperasthasie  in  unsrer 
"Sprache  nennen:  wer  es  vorzieht,  wahle  die  griechischen  Namen  Bu- 
limia, Cynorexia  etc.)  sind  gewohnlich  noch  andre  Empfindungen 
verbunden:  Gefiihl  von  Brennen,  Nagen  in  der  Ilerzgrube,  uberwiil- 
tigcndc,  ohnmachtahnliche  Schwachc.  Das  psychische  Vcrhaltniss  des 


106 


POLYDIPSIA. 


Hun  gergefiihls  ist  abnorm:  es  fehlt  der  Appetit,  und  dor  Genuss  ge- 
wahrt  kein  Behagen.  Zuweilen  folgt  Erbrechen  odor  Durcbfall. 

Selten  koramt  diese  Ilyperasthasie  isolirt  mid  selbststandig  vor, 
moistens  in  Verbindung  mit  andcrn  Zustanden  und  als  Mitempfin- 
dung;  so  in  der  Convalcscenz,  in  der  Schwangerschaft,  in  den  Wech- 
selfiebern,  in  der  Hysterie,  im  Irresein,  in  der  Kriebelkrankheit,  in 
der  Helminthiasis,  im  Diabetes,  und  auch,  wie  andre  Hyperasthasieen, 
als  Vorlaufer  verschiedner  Krankheiten,  z.  B.  des  Podagra  u.  a.  Dar- 
nach  richtet  sich  Prognose  und  Behandlung.  In  hartnackigen  Fallen 
darf  man  sicli  einigen  Erfolg  von  der  Ekelkur  versprechen. 

Ausser  dem  Hunger  ist  aucli  das  Gefuhl  des  Durstes  an  den 
Nahrungstrieb  gekniipft,  und  wenn  auch  nicht  mit  Bestimmtheit  der 
Vagus  als  Conductor  dieses  Gefuhles  nachgewiesen  werden  kann,  so 
lasst  es  sich  doch  mit  einiger  Wahrscheinlichkeit  vermuthen,  und 
Valentin  (de  functionibus  nervorum  cerebralium  et  nervi  sympa- 
thici  libri  quattuor.  Bernae  1 839.  p.78,  §.  190J  schreibt  den  sen- 
sibeln  Schlundasten  diese  Energie  zu.  Larrey  (Clinique  chirurgicale 
T.  II,  p.  1 55j  will  bei  Verletzungen  des  oesophagus  und  des  n.  vagus 
selir  heftigen  Durst  als  begleitendes  Symptom  wahrgenommen  liaben, 
und  eine  eigenthumliche  Krankheit  des  Magens,  die  Gastromalacia, 
ist  von  dem  beftigsten  Durste  begleitet.  Die  Hyperasthasie  des  Durst- 
gefuhls,  Polydipsia,  ist  zuweilen  als  prim  are  Affection  beobacktet 
worden,  wobei  das  kaum  zu  befriedigende  Verlangen  vorzuglich  auf 
kalte  Getranke  gerichtet  ist,  und  bei  Tag  und  Nacht  quiilt.  Hunger 
ist  gewohnlich  nicht  vorhanden,  zuweilen  findet  selbst  Widerwille 
gegen  Essen  statt.  Der  Urin  entspricht  in  seiner  Quantitat  dem  ge- 
nossnen  Getranke  und  weicht  von  seiner  normalen  Beschaffenheit 
nicht  ah.  Zunge  und  Scldund  sind  mehrenlheils  trocken  und  roth: 
die  Speichelabsondrung  ist  gering.  (Vgh  einen  interessanten  Fall 
von  Dr.  Martini  in  Rust  Magaz.  1‘iir  die  ges.  Heilk.  1827,  S.  149.) 
Das  kindlichc  Alter,  vom  dritten  Jahre  bis  zur  Pubertat,  ist  am  meisten 
ausgesetzt.  Die  Ursachen  sind  dunkel.  Jos.  Era  nk  erwiihnt  eines 
1 2jahrigen  Bauerknabcn,  der  im  Willna’er  Klinicum  behandell  wurde 


POLYDIPSIA. 


107 


imd  an  einem  kaum  zu  loschenden  Durste  litt,  so  dass  er  in  24  Stun- 
den  liber  20  Quart  trank,  und  gleichzeitig  iiloer  einen  Schmerz  im  - 
(Epigastrium  klagte,  welcher  sich  pldtzlich  mit  dem  Durste  eingefun- 
den  hatte,  als  er  eines  Tages  mit  grosser  Anstrengung  ein  im  Lehm- 
wege  steckendes  Wagenrad  aufzuhehen  sich  bemiihte.  — Die  Pro- 
.gnose  dieser  Hyperasthasie  ist  gtinstig.  Als  Specificum  riihmt  J.  F r a n k 
das  sal  prunellae  ( crystallus  miner  alls)  Ej*  Sails  prunell.  3j  Solv.  in 
acp  font.  Libr.  j.  Syr.  rub.  id.  §j  MBS.  zweistundlich  V2  Tasse  voll. 
;Doch  sei  man  vorsichtig:  auf  eine  stiirkre  Dosis  (1  Essl.  voll  dieses 
vSalzes)  erfolgte  in  einem  Falle  der  Tod.  (Jos.  Frank  prax.  med. 
nniv.  pr  accept  a P.  Ill,  Vol.  I,  Sect.  II.  Lips.  1835,  p.  299  — 313.) 

Haufiger  zeigt  sich  die  Polydipsia  als  Begleiterin  andrer  Krank- 
heiten,  besonders  des  Diabetes  mellitus,  des  Froststadiums  intermitti- 
i render  Fieber,  des  Verlustes  seroser  Fliissigkeit,  wovon  die  asiatische 
i Cholera  den  treffendsten  Beweis  giebt.  Auf  einen  heftigen  Durst  bei 
Anwendung  von  Vesicatorien  hat  Baglivi  aufmerksam  gemacht. 

( Dissert . de  usu  et  abusu  vesicantium.  Cap.  II,  §.  \.) 


So  wie  durch  die  gastrische  Balm  des  Vagus  die  den  Nahrungs- 
trieb  erregenden  Empfmdungen  vermittelt  werden,  so  die  Gefiihle 
des  Athmungstriebes  durch  Fasern  der  respiratorischen  Bahn  dieses 
Nerven.  Das  Beddrfniss  des  Athemholens  und  dessen  Leichtigkeit 
oder  Schwierigkeit  wird  mittelst  des  Vagus  empfunden,  was  durch 
die  Besullate  der  Versuche  an  Thieren  und  durch  pathologische 
; Beobachtungen  erwiesen  wird , wovon  das  Niihere  im  Abschnitte  fiber 
Anasthiisie.  Diese  specilische  Energie  der  Vagusfasern  wird  nicht  nur 
durch  objective  Reitze  in  den  Lungen  geweckt,  sondern  auch  durch 
■subjective,  durch  Momente,  welche  die  Reitzbarkeit  des  Nerven  selbst 
■steigern.  Finer  solchen  im  Zustande  des  Schlafes  vorkommenden 
i Hyperasthasie,  die  unter  dem  Namcn  Alp,  incubus,  bekannt  ist, 
werde  ich  in  der  Exposition  der  Hypnoneuroses  erwahnen. 

' / 


4.  Galtuiig. 


Hyperasthasieen  der  Sinnesnerven. 
(. Hijperaeslhaesiae  sensuales.) 


Der  grosse  Fortschritt  neuerer  Physiologie,  die  sinnlichen  Quali- 
taten  der  Dinge  als  Aeusserungen  der  Sinnes-Energieen  selbst  dar- 
zustellen,  welche  auch  unabhangig  von  alien  objectiven  Reitzen  in 
Folge  veranderter  innrer  Zustande  des  Nerven  hervortreten,  zeigt 
sich  fur  die  Pathologie  von  fruchtbarem  Einflusse.  Bis  dahin  den 
psychischen  Affectionen  unter  dem  Namen  Hallucinationes  zuge- 
theilt,  werden  von  jetzt  an  die  Hyperasthasieen  der  Sinnesnerven  den 
gebiihrenden  Stand  im  Systeme  einnehmen  und  sich  folgerecht  den 
Hyperasthasieen  andrer  Nerven  anreihen.  Von  nicht  geringrer  Wich- 
tigkeit,  sowohl  in  nosologischer  als  atiologischer  Beziehung,  ist  die 
Erkenntniss,  dass  dieselbe  Ursache  in  jedem  Sinnesnerven  nur  das 
ihm  eigenthiimliche  Empfindbare  anregt,  in  dem  Opticus  die  Sensa- 
tion des  Lichtes,  im  Acusticus  die  des  Schalles  u.  s.  w.  Endlich  ist 
es  von  Belang,  dass,  wie  Ilenle  in  seinen  gehaltvollen  pathologi- 
schen  Untersuchungen  (S.  214.)  nachgewiescn  hat,  der  Reitz 
die  Sinnesthatigkeit  nicht  hervorvorruft,  sondcrn  nur  verstarkt 
oder  modificirt,  und  dass  der  Sinnesnerv  ohne  einen  andern  Impuls  als 
den,  welchen  die  lebendige  Wechselwirkung  dcr  Tlieile  des  Orga- 
nismus  bcstiindig  auf  ihn  ausiibt,  in  dauernder  Wirksamkeit  bcharret, 
die  nach  typischen  Gesetzen  periodisch  steigt  und  fallt. 


hyperasthasie  des  sehnerven. 


109 


Das  Verhaltniss  der  Siimes-Hyperasthasieen  zum  Bewusstsein,  von 
len  altern  Pathologen  einseitig  aufgefasst,  ist  wichtig  genug,  um  liier 
nsbesondre  erwahnt  zu  werden.  Der  Antheil,  den  schon  im  norma- 
li.en  Zustande  das  Sensorium  an  der  Action  der  Sinnesnerven  nimmt, 
.md  welcher  die  Beurtheilung  so  schwierig  macht,  was  der  blossen 
Sinnesempfmdung,  was  der  Yorstellung  angehort,  bat  in  den  Hyper- 
Asthasieen  das  Uebergewicht.  Hiezu  kommt  der  Einfluss  der  Inten- 
ion,  die  nicht  bloss  die  Erscheinung  zu  tixiren,  sondern  auch  die 
Acharfe  der  Empfinduug  zu  steigern  vermag. 

Die  Diagnose  des  Sitzes  der  Affection  in  dem  peripherischen  oder 
centralen  Apparate  der  Sinnesnerven  hat  grosse  Schwierigkeiten,  den 
Fall  ausgenommen,  wo  die  peripherische  Bahn  durcli  Desorganisation 
eitungsunfahig  geworden  ist,  und  die  Sinnesempfindungen  nicht  an- 
lers  als  von  den  cenlralen  Endigungen  im  Gehirne  aus  angeregt  wer- 
len  konnen.  Fur  den  Sehnerven  sind  diese  Untersuchungen  am  wei- 
esten  vorgeschritten. 


Hypcraestliaesia  optica. 

Licht-  und  Farben-Empfindung,  bedingt  durch  gesteigerteReitzhar- 
xeit  des  Sehnerven,  ist  der  Inhalt  der  optischen  Hyperasthasie. 

Diese  Bedingung  schliesst  jede  Sinnesempfiqdung  des  Sehorgans 
ius,  welche  durch  aussern  Einfluss  angeregt  wird,  sei  es  durch  den 
idiiquaten  Reitz  fur  den  optischen  Nerven,  das  elementare  Licht,  oder 
lurch  ein  andres  Moment,  Druck,  Stoss,  Galvanismus  u.  s.  w.  Bei 
iiesen  steht  die  Lichtempfindung  in  einem  bestimmten  Yerhaltnisse 
;ur  Dauer  und  Intensilat  des  objectiven  Reitzes,  und  selbst  die  Nach- 
virkungen  der  Gesichtseindriicke,  die  Nachbilder,  nehmen  in  ihrer 
Starke  vom  ersten  Augenblicke  an  ab  und  kehren,  wenn  sie  einmal 
erschwunden  sind,  nicht  wieder  zuruck,  dagegen  die  Lichterschei- 
mngen  der  Hyperasthasie  in  ihrer  Dauer  und  Intensitat  mit  der  Stei— 
f;erung  der'Reitzbarkeit  gleichen  Schritt  halten. 

Die  Formen  dieser  Lichterscheinungen  sind  mannigfaltig,  wie  die 


1 10 


hyperAstiiAsie  des  sehnerven. 


durch  das  elementare  Licht  bestimmten.  Hire  Griinzen  und  Umrisse 
sind  scliarf,  oder  verwischt  und  undeutlich. 

Eine  liominelle  Bezeichnung  ist  von  iiltern  und  neuern  Nosologen 
vers ucht  worclen.  So  erwahnt  Sauvages  (nosol.  melh.  ed.  Daniel 
T.  IV  p.  268.)  der  suffusio  myodes,  reticularis,  scintillam,  radians, 
coruscans, Suffusio  Danaes.  Neuereunterscheiden  zwischen  Scotomata, 
kleinen  triiben  Flecken,  Pholopsia,  hellerleuchteten  Phantasmen,  und 
Cliromopsia,  Farbenerscheinuugen.  Die  Form  und  besonders  die  Schiirfe 
des  Conturs  ist  in  Bezug  auf  den  Sitz  der  Affection  in  dem  periphe- 
rischen  oder  centralen  Theile  des  Sehnerven  von  Wichtigkeit.  Wo 
die  Retina  den  Sitz  abgiebt,  bieten  sich  die  einzelnen  Bilder  in  scbar- 
fer  Begranzung  dar,  mit  so  grosser  Deutlichkeit,  dass,  da  die  Nelz- 
kaut  in  einem  solchen  Zustande  sich  selbst  empfmdet,  einzelne  Par- 
thieen  derselben  oder  ihre  Blutgefasse  oder  sogar  dieBewegung  der 
Blutkorperchen  sich  erkennen  lassen.  (Purkinj  e Beitrage  zurKennt- 
niss  des  Sehens  in  subjectiver  Hinsicht.  Muller,  Handb.  der  Physiol. 
2.  B.  1,  Abth.  S.  350.  Valentin  de  function,  nervor.  cerebr.  et 
nervi  sympathici.  p.  15.  §.  31.  art.  6.)  Auch  den  Kranken  ist  dasPhii- 
nomen  mit  solcher  Pracision  sichtbar,  dass  sie  es  Andern  durch  eine 
Zeichimng  zu  versinn lichen  suchen.  Undeutlicher,  den  Traumbildern 
ahnlich,  mit  schwankenden,  zerfliessenden  Umrissen,  aus  dem  Bereiche 
menschlicher  und  thierischer  Formen,  schweben  die  Lichtempfindun- 
gen  vor,  wenn  der  Centralapparat  des  Sehnerven  Sitz  der  Affection  ist. 

Die  raumliche  Anschauung  der  Lichterscheinungen  bietet  Eigen- 
thumlichkeiten  dar.  Characteristisch  scheint  die  fliichenhafte  Anschau- 
ung  zu  sein:  es  fehlt  die  Tiefe  des  Sehraums.  Auch  erscheinen 
die  Phantasmen  in  der  Nahe,  und  zwar  in  gleicher  Nalie  vor  dem 
Auge,  selten  in  der  Feme.  Dagegen  zeigt  sich  darin  ein  Unterschied, 
dass  einige  in  Bewegung  sind,  sowohl  absolut  als  relativ  zur-Bewe- 
gung  des  Auges,  andre  ihren  Stand  unverandert  beibehaltcn.  Die 
letzteren  deuten  die  Affection  des  centralen,  die  ersteren  die  Hyper- 
aslhasie  des  peripherischen  Apparats  an.  Diese  erscheinen  selir  hiiufig 
nur  vor  einem  Auge,  jene  im  Sehfelde  beider  Augen. 


HYPE  R A S TH  AS  IE  DES  SEHN  ERVEN.  m 

Die  Verhaltnisse  der  optischen  Ilyperasthasie  zu  der  durch  objective 
iReitze  bedingten  Sinneserregung  und  zum  Bewusstsein  sind  wichtig. 
Es  geben  sich  sowolil  bei  geschlossnen  als  oflben  Augen  dieErschei- 
rmmgen  kund,  so  wie  auch  da,  wo  den  Lichtstrahlen  die  Einwirkung 
auf  die  Retina  versperrt  ist,  wozu  folgender  Fall  einen  Beleg  giebt. 

Wittwe  G.,  83  Jahre  alt,  von  kriiftiger  Constitution,  bekam  acbt 
IJahre  vor  ihrem  Tode  Cataracta  auf  beiden  Augen,  deren  Operation 
Anfungs  einen  gliicklichen  Erfolg  zu  haben  schien,  allein  schon  nach 
einigen  Monaten  trubte  sich  wieder  das  Sehvermogen,  der  linkeBul- 
bus  wurde  atrophisch,  auf  dem  rechten  bildete  sich  bald  Synizesis 
pupillae,  so  dass  die  Kranke  nur  noch  im  Stande  war,  Licht  von 
Dunkel  zu  unterscheiden.  Urn  diese  Zeit  klagte  sie  zuerst  uber  die 
BErscheinung,  dass  Wiirmer  in  langen  Reilien,  bunte  Leinwand  in 
langen  Streifen,  lange  Faden  von  Wolle  sich  fortwahrend  vor  ihr  in 
lieHohe  zogen.  Die  kfmstliche  Pupillenbildung  wurde  auf  dem  rech- 
:en  Auge  vorgeuommen.  Anfangs  blieben  die  Phantasmen  aus,  nach 
ucht  Wochen  kehrten  sie  zuriick,  zuerst  in  den  fruheren,  dann  in 
naeuen  Formen.  Hohe  Mauern  thiirmten  sich  auf,  hochbeladne  Wa- 
^en  standee  herum,  menschliche  Gestalten  schwebten  vor,  drohend, 
a^rschreckend,  selten  mit  freundlicher  Geberde.  Diese  Erscheinungen, 
lie  gewohnlich  nur  im  wachen  Zustande  eintraten,  steigerten  sich 
on  Zeit  zu  Zeit  zu  einer  solchen  Lebhaftigkeit,  dass  die  Kranke  von 
hrer  Objectivitat  iiberzeugt,  im  Gespriiche  abwehrende  Bewegungen 
nit  den  Handen  machte,  obgleich  sie  im  ungestorten  Besitze  ihrer 
ntellectuellen  Krafte  war  und  blieb.  Die  Stirn  war  dann  heiss,  das 
jcsicht  sehr  roth,  der  Puls  voll  und  hart,  und  ein  Gefiihl  von  Angst 
ind  Beklemmung  nahrn  mit  den  iibrigen  Zufallen  gegen  Abend  zu. 
i)lit  solchen  Exacerbationen  und  Nachlassen  dauerten  die  Phantasmen 
echs  Jahre  hindurch  ununterbrochen  bis  zum  Tode  fort.  Es  gesellten 
ich  Anlalle  von  Schwindel  und  Bewussllosigkeit  hinzu,  begleitet  von 
•chwache  und  spaterhin  Lahmung  des  linken  Arms,  welche  mehre- 
emal  im  Jahre  sich  wiedcrholten,  ohne  auf  die  Gesichtserscheinun- 
en  einen  Einfluss  zu  haben.  Ein  starkerer  apoplectischer  Anfall  traf 


112 


iiyperAsthasie  des  seienerven. 


die  Kranke  im  Januar  1837,  mit  tiefem,  24  Stundeu  anhaltendem 
Sopor,  schnarchendem  Atliem,  langsamem  vollem  Pulse,  Paralyse  des 
linken  Arms  und  Beins,  unwillkuhrlichem  Ham-  und  Kothabgang. 
Audi  davon  erholte  sie  sicli  wiedcr  und  lebte  nocli  1 xjx  Jahr  ohne 
erneuerte  Beschwerden.  Am  10.  Miirz  1838  verfiel  sie,  nachdem  sie 
den  Tag  iiber  sich  besonders  froh  und  wold  gefiihlt,  in  der  Nacht 
von  neuem  in  Apoplexie,  mit  vollstandiger  Lahmung  derrecliten  Seite, 
und  unterlag  am  Abend  des  folgenden  'Pages.  — In  der  rechten  He- 
misphere des  grossen  Gehirns,  nicht  weit  vom  aussern  Rande  des 
hintern  Lappens  und  der  Oberflache,  land  sich  eine  Holde  von  der 
Grosse  einer  Pflaume,  mit  einer  rothlichen  Memhran  ausgekleidet, 
welche  eine  geringe  Quantitat  ockerfarbner  Flussigkeit  enthielt,  wo- 
von  ich  nocli  das  Praparat  aufbewahre.  Ein  frisches  Blutextravasat 
wurde  in  der  linken  Hemisphere  angetroffen,  im  mittleren  und  hin- 
tern Lappen,  in  der  Niihe  des  gestreiften  Ivorpers  und  Sehnervenhii- 
gels.  Der  letztere  war  in  eine  rothlich-graue  breiartige  Masse  zergan- 
gen.  Die  Sehnerven  und  das  Chiasma  opticum  verhielten  sich  normal. 
Die  Untersuchung  der  Retina  wurde  nicht  gestattet. 

Audi  bei  Desorganisation  und  Atrophie  des  peripherischen  Opti- 
cus kommt  die  Hyperiisthasie  als  centrale  Affection  mit  grosser  Inten- 
sitat  vor.  Dr.  Johnson  hat  einen  solchen  Fall  heohachtet  und  in 
Medico-chirurg. review  1 836.  No.  47.  beschrieben.  (Ygl.  Schmidt’s 
Jahrbucher  B.  XII.  PI.  I.  S.  2 1 .)  Er  betraf  einen  ausgezeichneten 
Kiinstler,  der  seit  mehreren  Jahren  iiber  Photopsieen  klagte,  wozu 
sich  nachher  Eopfschmerzen  und  Abnahme  der  Sehkraft  gesellten, 
die  in  ganzliche  Erblindung  iiberging.  Trotz  dessen  dauerten  die 
blendenden  Erscheinungen  Tag  und  Nacht  fort,  und  nahmen  zuwei- 
len  die  Gestalt  von  Engcln  mit  llammenden  Schwerdtern  an,  deren 
Bewegungen  wie  von  einem  electrischen  Leuchten  hegleitct  wurden. 
Do^h  wechselten  die  Formen  haufig.  Die  psychischen  Functionen 
waren  nicht  im  geringsten  gestort:  dcr  Kranke  zeigte  sicli,  wenn  er 
ausging,  auf  alles  selir  aufmerksam,  wozu  er  des  Gesichts  nicht  he- 
durfte.  Im  Friihjahr  1835  wurde  er  von  einem  apoplectischen  An- 


HYPERASTHASIE  des  sehnerven. 


113 


falle  betroffen  mit  Bewegungs-  und  Besinnungslosigkeit  und  Verlust 
der  Sprache.  Urin  und  Excremente  gingen  unbewusst  ab.  Die  Pu- 
pillen  waren  erweitert.  Von  diesem  Zustande  erholte  er  sich,  und  nach 
einigen  Wochen  war  er  wieder  ira  Stande  in  der  Stadt  umherzuge- 
hen  und  seine  Geschafte  zu  betreiben.  Allein  die  Gesichtserscheinun- 
.gen  kehrten  mit  peinlicher  Blendung  und  fast  noch  beharrlicher  zu- 
.ziick.  Im  Muriate  August  wiederholte  sich  der  apoplectische  Anfall 
und  der  Tod  erfolgte  nach  drei  Tagen.  — Der  recbte  Seitenventrikel 
des  Gehirns  enthielt  beinah  drei  Unzen  heller  Fliissigkeit.  Der  linke 
war  mit  einer  Menge  Hydatiden  ahnlicher  Blasen  von  verschiedner 
( Grosse,  so  wie  mit  Fliissigkeiten  von  verschiedner  Consistenz,  ange- 
fiillt.  Diese  traubenartige  Anhaufung  entsprang  auf  dem  Boden  des 
'Ventrikels  an  einer  Art  von  Stiel,  und  drang  in  alle  Nebenraume  der 
lHohle,  ihre  Zweige  vorwarts  treibend,  so  dass  sie  sich  uber  denTha- 
llamus  opticus  dieserSeite  hinaus  bis  in  die  andre  Hirnhalfte  erstreckte, 
alle  Theile  auf  dem  Wege  ihrer  Verbreitung  zerstorend.  Beide  Seh- 
inervenhugel  waren  in  breiartige  Massen  verwandelt,  desgleichen  der 
L^anze  vordre  Hirnlappen,  der  kaum  die  leiseste  Beruhrung  ertrug 
ahne  zu  zerfliessen.  Die  Sehnerven  wurden  von  der  Hydatidenmasse 
.gedruckt,  so  dass  von  ilinen  wenig  mehr  als  eine  fadenartige  Hiille 
itibrig  geblieben  war.“ 

Die  psych ische  Beziehung  der  optischen  Ilyperasthasie  ist 
bedeutend.  Keines  andern  Sinnesnerven  AfFection  zwingt  so  verfiih- 
i erisch  zur  Anerkennung  einer  Objectivitat  der  Phantasmen,  keine 
indre  fuhrt  so  leicht  zur  Entfremdung  des  Selbstgefiihls  an  ihren  Er- 
> cheinungen  und  hiedurch  zum  Irresein. 

Die  Ursachen  wirken  entweder  auf  den  peripherischen  oder  cen- 
tiralen  Apparat  des  Sehnerven  ein.  Zu  den  ersteren  gehoren  Ueber- 
i eitzung  der  Retina  durch  helles  Licht  (Purkinje’s  Bleu- 
:1  lungsbilder),  durch  angestrengte  microscopische  Untersu- 
hungen.  (Valentin  l.  c.)  So  erwiihnt  Henle  (Ueber  das  Ge- 
liachtniss  in  den  Sinnen,  Wochenschr.  fur  die  ges.  Heilk.  Jahrg.  1838. 
s*.  303.)  dass,  als  er  im  Sommer  mehrere  Tage  anhaltend  die  Dim— 

Romberg’s  Nervenkrankh.  I.  ' 8 


114 


HYPER ASTIIASIE  DES  SEHNERVEN. 


mernden  Sclilauchc  dcr  Branchiobdella  untersuchte,  Abends  unler 
dem  Wirrvvarr  von  Fadch,  die  dem  ruhigen  Ange  vorschweben,  auch 
wieder  die  flimmernden  Streifen  erschienen,  leuchtend,  scharf  be- 
griinzt  mid  mit  dcrselbcn  lebhaft  rieselnden  Bewegung,  wie  sie  das 
Microscop gezeigt hatte.  — Blutuberfiillung  inderRetina,  womit 
auch  cine  bestimmte  Form  der  Phantasmen  und  der  Einfluss  der 
Respiration  in  Zusammenhang  zu  steben  scheint.  Schon  Sauvages 
( 1 . c.)  bemerkt,  dass  in  der  suffusio  reticularis  das  Netzwerk  beim 
Einatbmen  sich  verdunkle,  beim  Ausathmen  aufhelle,  und  Muller 
(iiber  die  phantastischen  Gesichtserscheinungen.  Coblenz  1826.  S.  15) 
sab,  wenn  er  bei  geschlossnen  Augen  lange  Zeit  das  dunkle  Seh- 
feld  beobachtet  hatte,  oft  ein  Licht  von  einem  Punkte  aus  rhythmisch 
sich  uter  das  Sehfeld  verbreiten,  welches  syuchronisch  mit  dem 
Ausathmen  war  und  dann  wieder  verschwand.  Entziindung  der 
Retina,  wobei  die  Photopsieen  den  starksten  Grad  erreichen.  — 
Auf  das  centrale  Gebilde  des  Sehnerven  wirken  die  Anliisse  unmit- 
lelbar  oder  mittelbar.  So  kommt  die  optische  Hyperiisthasie  als  hau- 
fige  Begleiterin  von  Gehirnkrankkeiten  vor:  Irresein,  (nach  Esquirol 
unter  100  Irrcn  bei  80.  Des  maladies  men! ales  T.  I.  p.  199.)  Deli- 
rium tremens,  Schwindel,  Hypochondrie,  Ecstasis.  Die  sogenannten 
magnetischen  und  die  religiosen  Visionen  haben  durch  das  Lug-  und 
Truggewebe,  in  welches  man  das  physiologisch  Wahre  eingespon- 
nen  hat,  cine  traurige  Celebritat  erlangt.  Gemiilhsaffecte,  besonders 
Furcht  und  Schreck.  Narcotische  (Opium,  Digitalis  etc.)  und  andre 
dem  Blute  beigemischte  Stodc:  yor  allem  das  eingeathmete  Stickstoff- 
oxyd.  Unzer  sab  in  seinen  Versuchen  mit  diesem  Gas  allerlei  Liclit- 
gestalten,  feurige  Punkte,  Thiere  etc.  und  Humphry  Davy  schil- 
dert  seinen  eignen  Zustand:  „Wabrend  der  Zeit,  als  ich  das  Gas 
baufig  athmete,  schlief  ich  weit  weniger  als  sonst,  und  vor  dem  Ein- 
scblafen  war  meine  Einbildungskraft  lange  mit  mancherlei  Gesichts- 
vorstellungcn  beschaftigt.  In  dem  Verbaltniss,  wie  die  angenehme 
Empfindung  zunahm,  horte  alle  Verbindung  zwischen  meinen  Vor- 
stellungen  und  den  aussern  Dingen  auf.  Ziige  von  lebbaOen  Gesiehts- 
bildein  gingen  sclmcll  vor  ineinem  innern  Sinn  voriiber  etc.;  (die- 


HYPERASTHASIE  DES  SEIIINERVEN. 


115 


misch-physiol.  Untersuchungen  iiber  das  oxydirte  Stickgas.  Lemgo 
1 8 1 4.)  Blut-Ueberfullung  und  Entziehung  im  Gehirne:  jede  Ohnmacht 
beginnt  mit  optischer  Hyperasthasie.  Gehemmte  Blutllusse:  als  Wir- 
kung  eines  iibergangnen  Aderlasses  ist  Nicolai’s  Fall  bekannt  genug, 
(Reil  Fieberlehre  4.  B.  S.  *285.)  Pathische  Zustande  andrer  Organe, 
am  haufigsten  der  Digestionsorgane  und  des  Herzens.  Endlich  sind 
nocli  atmospharische  Einfliisse  zu  nennen  und  interessant  ist  der  Um- 
stand,  dessen  Zeune  (Belisar  S.  25.)  erwahnt,  dass  bei  zweien 
seiner  blinden  Zoglinge  die  Phantasmen  Wetterverkiindiger  sind.  Bei 
heitrer  Luft  haben  sie  angenehme  Erscheinungen,  bei  triibem  Wetter 
schweben  ihnen  verworrne  Gestalten  vor. 

Der  Yerlauf  der  optischen  Hyperasthasie  ist  gewohnlich  cbronisch. 
Die  Gefabr  erwachst  sowohl  fiir  das  Auge  als  fur  das  Gehirn.  Niclit 
selten  gehen  Licht-  und  Farben-Empfindungen  der  amaurotischen  Er- 
blindung  voran.  Der  psychische  Reflex  macht  sicli  schon  bei  der  peri- 
pherischen  Hyperasthasie  des  Sehnerven  geltend.  Es  giebt  wold  ausser 
der  Hamoptysis  keine  Krankheit,  die  bei  ihrem  ersten  Auftreten  einen 
solehen  Eindruck  macht,  demMenschen  alle  Rube  und  Fassung  nimmt 
und  oft  den  Grund  zu  andauernder  Hypochondrie  legt.  Bei  der  centra- 
len  Hyperasthasie  ist  die  Riickwirkung,  obschon  langsamer  sich  ent- 
wickelnd,  noch  machtiger,  wie  ich  bereits  erwahnt  habe. 

In  die  Behandlung  greift  daher  das  psychische  Regimen  mit  ein. 
Die  Abwendung  der  Intention  (wovon  im  Abschnitte  iiber  Hypo- 
chondrie das  Niihere)  ist  eine  Aufgabe,  deren  Losung  trotz  der  be- 
harrlichsten  Geduld  oft  misslingt.  Yon  umstimmenden,  ekelerregen- 
den  Ileilmitteln  hat  man  sicli  mehr  versprochen  als  sie  leisten.  Einen 
grossern  Erfolg  darf  man  von  dem  Gebrauche  geeigneter  Thermen 
und  von  Reisen  erwarten.  Ich  habe  Mehrere  beobaditet,  welche,  wenn 
auch  niclit  von  den  Gesichtserscheinungen  dadurch  befreit,  den  Yor- 
theil  erlangt  batten  iiber  ihre  Krankheit  zu  stchen.  Dass  der  Antheil 
des  Blutes  sowohl  bei  peripherischem  als  centralcm  Sitze  der  Hyper- 
asthasie beriicksichtigt  werden  muss,  ist  kaum  nothig  zu  erinnern. 
Yerstopfung  des  Stuhlgangs  muss  verhiitet  werden. 


8* 


116 


HYPERftSTIlASrE  DES  G'EIIORNERVEN. 


IIypci*acgfhaesia  acustica. 

Schall-  und  Tonempfindung,  bedingt  durch  exaltirte  Heitzbarkeit 
des  Hornerven,  ist  der  Begriff  der  acustischen  Hyperasthasie. 

Den  Anlass  eines  vernommenen  Schalles  aufzufmden,  der  ausser- 
halb  der  Gehorwerkzeuge  durch  den  Stoss  der  Luftwellen  entsteht, 
ist  leicht,  schwierig  dagegen,  oft  unmoglich  zu  entscheiden,  ob  die 
acustischeEmpfindung  nur  der  erhohten  Reitzbarkeit  des  Nerven  oder 
einem  im  Innern  des  Ohres  selbst  erzeugten  Schalle  ihren  Ursprung 
verdankt.  Man  hat  zwar  die  Remissionen  und  die  Mannigfaltigkeit 
der  Tone  als  Criterien  angefuhrt,  allein  auch  das  Rauschen  von  Ver- 
dichtung  der  Luft  der  Trommelhdhle  und  Spannung  des  Paukenfells 
kommt  und  schwindet,  und  kann  mit  anders  tonenden  Gerauschen  ab- 
wechseln.  Nur  in  einem  Falle,  bei  coexistirender  Taubheit,  lasst  sich 
dcr  Sitz  der  Affection  im  Nervengebilde  selbst  mit  Bestimmtheit  an- 
nehmen. 

Die  Mannigfaltigkeit  der  Schallempfindungen  ist  gross,  von  dem 
einfachen  Ohrensausen  bis  zum  Horen  von  Melodieen,  von  thierischen 
und  menschlichen  Lauten.  Diese  Verschiedenheit  durch  besondre  Na- 
men  bezeichnen  zu  wollen  ist  iiberflussig,  und  es  hat  auch  die  bishe- 
rige  Nomenclatur  (Susurrus,  Sibilus,  Tinnitus,  Bonibus  etc.)  keinen 
andern  Werth,  als  dass  dadurch  der  Unterschied  eines  blossen  Gerau- 
sches  von  einem  bestimmten  Tone  angedeutet  wird. 

Die  Schallempfindunge!i  finden  bei  geschlossnen  und  offnen  Ohren 
statt,  in  lautloser  und  gerauschvoller  Umgebung,  nicht  selten  mit  sel- 
cher  Intensitat,  dass  der  Eindruck  der  Luftwellen  auf  den  Hornerven 
geschwacht  und  selbst  gehemmt  wird.  Besonders  ist  dies  beim  Ohren- 
sausen der  Fall,  welches  bei  den  meisten  Kranken  fur  die  alleinige 
Ursache  ihrer  Schwerhbrigkeit  gehalten  wird. 

Zur  Bestimmung  des  Sitzes  der  acustischen  Hyperasthasie  in  dem 
peripherischen  oder  centralen  Apparate  des  Hornerven  fehlt  es  an 
zuverlassigen  Criterien.  Die  Halbseitigkeit  lasst  mehr  auf  die  periphe- 
rische,  dagegen  die  Affection  heider  Hornerven,  Cophosis,  Coinplica- 


hyperasthasie  des  gehOrnervein. 


117 


tion  mit  optischen  Phantasmen  und  iiberwiegende  psychische  Theil- 
nahme  auf  die  centrale  Hyperasthasie  des  Ilornerven  sehliessen. 

Die  Ursachen  nehmen  entvveder  die  periplierische  Ausbreitung 
des  Hornerven  oder  das  Gebirn  in  Ansprucb.  Starke  Explosionen  und 
fortgesetzte  Getose  gehoren  zu  den  ersteren.  Krankheiten  des  Ge- 
hirns  haben  diese  Hyperasthasie  oft  zum  Vorboten  und  in  ihrer  Be- 
gleitung:  sie  geht  den  apoplectiscken  und  epileptischen  Anfallen 
voran,  ist  fast  immer  im  Gefolge  des  Schwindels,  und  begleitet  haufig 
das  Irresein.  Esquirol  {des  maladies  mentales  T.  I.  p.  19G.)  er- 
wabut  zweier  wahnsinniger  Frauen,  die  vollkommen  taub  stets  die 
Stimmen  von  Menschen  horten,  mit  denen  sie  sich,  bis  zur  Wuth, 
lierum  zankten.  — Der  Einfluss  des  Blutes  ist  in  Bezug  auf  diese 
Hyperasthasie  unverkennbar.  Bei  Hypertrophieen  des  linken  Herz- 
ventrikels  ist  die  Empfindung  von  Rauschen  und  Brausen  nieht  bloss 
in  den  Ohren,  sondern,  wie  die  Kranken  sich  ausdrucken,  im  ganzen 
Kopfe  eine  gewdhnliche  Klage.  Bei  Blutfliissen?  zumal  Metrorrhagieen, 
fehlt  selten  das  Ohrenklingen  und  die  Ohnmacht  beginnt  damit.  Aucb 
Hamorrhois  und  die  damit  verbundnen  Digestionsstorungen  sind  oft 
von  acustischen  Phantasmen  begleitet.  In  Folge  des  Gebrauchs  von 
Chinin.  sulphur,  babe  ich  haufig  Ohrensausen  beobachtet. 

In  progn ostischer  Hinsicht  ist  das  Yerhaltniss  zur  Schwerho- 
rigkeit  und  Taubheit  am  wichtigsten.  Nach  Itard  (die  Krankhei- 
ten des  Ohres  und  des  Geliors.  Weimar  1822.  S.  181)  soli  Taub- 
heit, die  eine  Wirkung  des  Ohrentonens  ist,  das  Eigne  haben, 
dass  sie,  wenigstens  im  Anfange,  die  Wahrnehmung  der  isolir- 
ten  Tone  nicht  stort,  sondern  bloss  dem  Vernehmen  der  Sprache 
und  der  mit  andern  zugleich  schallenden  Tone,  z.  B.  bei  allge- 
meiner  Conversation,  oder  im  Gesang  mit  Begleitung,  hinderlich 
ist.  Auch  wird  ein  Versuch  empfohlen,  der,  wenn  er  gelingt, 
jeden  Zweifel  nehmen  soli : er  besteht  darin  beide  Carotiden  einige 
Minuten  lang  zu  comprimiren.  Das  Ohrentonen  hort  dann  gewohn- 
lich  auf : verschwindet  zugleich  die  Taubheit,  so  ist  sie  als  Folge  oder 
als  ein  von  derselben  Ursache  abhaneieer  Zustand  zu  betrachten. 


118 


HYPEllASTilASIE  DES  gehOrn  erven. 


In  der  Behandlung,  zumal  dcs  Ohrcntdnens,  ist  man  gcvvohnt  cine 
congestive  Basis  vorauszusetzen  und  von  Blutenllcerungcn,  sowohl 
allgcmeinen  als  ortlichen,  Heil  zu  erwarten,  obgleich  sie  oft  genug 
feldschlagen. 

Am  lcichtesten  gelingt  die  Kur  der  durch  Blutverlust  und  Er- 
sclidpfung  bcdingten  Affection : schwieriger,  wenn  sie  in  hypochon- 
drisclier  Diathesis  wurzelt.  Oertliche  Mittel  lassen  fast  immer  imStich. 
In  hartnackigen  Fallen,  wo  durch  die  Gehorphantasmen  der  Schlaf 
gestort  oder  abgehalten  wird,  empfiehlt  Itard  (l.  c.  S.  189),  das  in- 
ner e Geriiusch  durcli  ein  ausseres  ahnliches,  gleichmassig  anlialtendes 
zu  dampfen.  So  lindert  das  Gerausch  eines  ziemlich  lebhaften  Ka- 
minfeuers  die  Lastigkeit  des  dumpfen  Ohrentonens,  welches  das  ent- 
fernte  Rauschen  der  Winde  oder  eines  Flusses  nachakmt.  Bei  einer 
Kranken  war  der  Aufentkalt  in  einer  Wasserm'uhle  von  dem  besten 
Erfolg. 

Yonder  acustisehen  Hyperasthasie  ist  die  Neuralgia  otica 
zu  unterscheiden,  welclie  in  den  Quintusfasern  des  Paukenfelles  und 
inneren  Ohres  ihren  Sitz  hat,  und  auf  iilmliche  Weise  das  schmerz- 
hafte  Horen  hervorbringt,  wie  die  Ciliarneuralgie  das  schmerzhafte 
Sehen. 


UAPERASTHASIE  DES  GERUCllSNERVEN. 


119 


HyperaeisRi^esisi  olfacioria. 

Die  Bcurtheilung  der  Unabhangigkeit  vorhandner  Gerachsemptin- 
dungen  von  objectiven  Reitzen  ist  nicht  minder  schwierig,  als  in  Be- 
treff  der  Gehorempfindungen.  Denn  nicht  nur  die  nach  innen,  auch 
die  nacli  aussen  stromende  Bewegung  der  Luft  kami  die  Energie  des 
Olfactorius  anregen,  wie  es  die  von  den  Athem-  oder  Digestionsor- 
ganen  aus  entwickelten  Geriiche  beweisen,  und  ob  nicht  selbst  ein 
Geruch  vom  Blute  aus  durch  die  Circulation  vermittelt  werden  kann, 
steht  nocli  dahin.  *)  Es  stutzt  sich  demnach  die  Diagnose  dieser  Iiy- 
periisthasie  melir  auf  negative  Merkmale. 

Die  bisher  mitgetheilten  Beobachtungen  sind  Beispiele  centraler  Af- 
fection. Mai nga ult  fand  bei  einem  Manne,  derbestandig  uber  einen 
unangenehmen  Geruch  geklagt  hatte,  Incrustation en  der  Arachnoidect 
an  einzelnen  Stellen  und  Eiterbalge  in  der  Mitte  der  Hemispharen  des 
grossen  Gehirns.  (Froriep’s  Notizen  VIII.  B.  S.  2 56)  Dubois  hatte 
einen  Mann  gekannt,  welcher  nach  einem  Falle  vom  Pferde  mehrere 
Jahre  bis  zum  Tode einen  Gestank  zu riechen  glaubte.  (Mill  1 e r Physiol. 
2.  B.  2.  Abthl.  S.  489).  Im  Irresein  kommen  Geruchsphantasmen  vor, 
obgleich  seltner  als  optische  und acustische.  Esquirol  erwahnt  einer 
Walmsinnigen,  die  uberall  den  Geruch  des  Kupfers  und  einer  andern, 
die  im  letzten  Stadium  der  Phthisis  den  Geruch  des  Kohlendampfes 
witterte.  (Des  maladies  mentales.  T.I.  p.  7.)  In  der  Ilysterie  werden 
Erscheinungen  der  olfactorischen  Hypcraslhasie  nicht  selten  beobachtet, 
so  wie  auch  in  Krankheiten  des  Darmkanals,  des  Uterus,  und  der  Geni- 
talien.  ( Hipp . Cloquet  osphresiologie  oa  Iraite  des  odeurs,  da  sens 
el  des  organes  de  1’ olfaction.  Paris  1821.  p.  749.) 

Als  centrales  Phiinomen  ist  auch  die  Geruchsempfindung  bei  Anos- 
mia zu  dculen,  wovon  Bdrard  (Froriep’s  Notizen  B.  XI.  S.  151) 


*)  Dupuytren  sah  nach  der  Injection  einer  riechenden  Fliissigkeit  in  die  Vc- 
nen  den  Hand  die  NascnHiigel  olTnen,  den  Kopf  in  die  Ildhc  lichen  und  schnlif- 
feln,  als  snchecrdic  Quelle  dcsGeruchs  ausscrhalb  auf.  (II.  Cloquet  im Uict'umn. 
des  sc.  medic.  T.  XXXVII.  p.  245.) 


120 


iiyperAstiiAsie  des  geschmacksnerven. 


einen  Fall  beschrieben  hat,  wo  die  n.  olfaclorii  zerstbrt  waren,  und 
der  Kranke  dessenungeachtet  fiber  iible  Geriiche  geklagt  hatte. 

Ob  in  der  Hyperaeslhaesia  olfactoria  der  Geschraackssinn  einen  so 
regen  Antheil  nimnit,  wie  iiberhaupt  bei  Geruchen,  geht  aus  den 
bisherigen  Beobachtungen  nicht  hervor.  Ein  Kranker,  der  mich  vor 
einiger  Zeit  consultirt  hat,  klagt  iiber  einen  andauernden  raucherigen 
Geruch  wie  vom  Creosot,  welcher  ihm  jeden  Tafelgenuss  stort.  Audi 
schweigen  die  Beobachtungen  davon,  ob  Ekel  als  Mitempfmdung  und 
Brechen  als  Reflexaction  vorkommt,  wiewobl  die  Wahrscheinlichkeit 
dafiir  ist. 


Hyperaesthaesla  g;ustaloria. 

Mit  der  durch  exaltirte  Reitzbarkeit  des  Geschmacksnerven  be- 
dingten  Affection  sind  wir  am  wenigsten  bekannt.  Zweifel  drangeu 
sich  auf,  ob  nicht  objective  Reitze  im  Munde  und  Zungenschleime 
vorbanden  sind,  und  andrerseits  existiren  keine  Beispiele  von  gusta- 
torischer  Anasthasie,  wo  bei  vorhandner  Leitungsunfahigkeit  Ge- 
schmacksempfindungen  centralen  Ursprungs  beobacbtet  worden  sind. 
Dennoch  konnen  wir  nach  der  Analogie  die  unter  gewissen  Verhalt- 
nissen,  z.  B.  in  der  Hysterie,  Ilypochondrie,  im  Irresein  u.  s.  w.  vor- 
kommenden  Geschmacksempfmdungen  nicht  anders  deuten  als  die 
optischen  u.  s.  w.  Phantasmen. 

Haufiger  als  den  Geschmacksnerven  befallt  die  Hyperiisthasie  den 
Gefiihlsnerven  der  Zunge,  und  olfenbart  sich  als  Neuralgie,  als  Pru- 
ritus und  Ardor. 


B.  Hyperasthesieen  der  sympathischeii  Nervenbahnen* 


-o-©v2r°- 


Wie  in  der  Nervenpathologie  iiberhaupt,  so  ist  in  den  Affectionen 
des  Sympathicus  strenge  Kritik  der  Forschung  nothwendig,  um  vor 
Abwegen  zu  bewahren,  welche  entweder  dieses  Gebiet  der  Mystifi- 
cation anheimgeben  oder  eine  fur  das  Vorschreiten  derUntersuchung 
ungiinstige  Skepsis  unterhalten.  Dies  hat  auch  in  Betreff  der  sen- 
sibeln  Attribute  des  Sympathicus  seine  Giiltigkeit : sie,  die  unlangst 
noch  in  ein  abenteuerliches  Gewand  gehullt,  von  einer  andern  Seite 
wiederum  ganz  geleugnet  wurden,  stehen  jetzt  unzweifelhaft  fest  durch 
i anatomisches  und  physiologisches Zeugniss.  (S.  Joh.  Muller  Handb. 
der  Physiol.  1.  B.  3.  Aufl.  S.  755  und  Valentin  de  fundionibus 
nervorum  cerebralimn  et  nervi  sympathici.  p.  7 0.)  Primitivfasem  von 
der  hintern  Wurzel  der  Spinalnerven  lassen  sich  eben  so  sicher  wie 
von  der  vordern  in  dieVerbindungsstrange  verfolgen,  und  das  lebende 
iThier  reagirt  gegen  mechanische  und  chemische  Reitzung  durch  Ma- 
nifestation von  Schmerzempfindung,  deren  Intensitat  nach  dcm  Sitze 
fcr  Reitzung  verschieden  zu  sein  scheint.  So  unterscheidet  sich  die 
Reitzung  des  ramus  communicans  in  ihren  Wirkungen  nicht  von  der 
unes  jeden  andern  sensibeln  Spinalnerven,  wahrend  die  Bauchgan- 
?lien  heftig  gereitzt  werden  miissen,  um  in  dem  Thiere  eine  Aeusserung 


122 


iiyperAstiiesieen  des  sympathicus. 


von  Schmerz  hervorzubringen.  Allein  ob  niclit  ein  andres  Gefiihl  als 
Schmerz  diesc  Reitzung  beglcitet,  daruber  giebt  das  Thier  keine  Aus- 
kunft,  an  dessen  Empfindungen  stets  nur  dcr  Maassstab  cines  gereitzten 
Iiautnervcn  gclcgt  wird,  dcr  Menscli  dagegen  schildert  es  in  deulli- 
chen  Ziigen.  In  jenen  einfachen  Zustanden  iiussrer  Yerletzung,  welche 
Experimenten  an  lebenden  Thieren  vergleichbar  sind,  here  man  ihn 
klagen,  bei  einem  Schlag  auf  die  Magengegend,  bei  einem  Stoss  an 
den  Testikel.  Die  uberwaltigende  ohnmachtahnliche  Empfindung,  als 
wiirde  das  Leben  an  seiner  Wurzel  bedroht,  wird  hervorgehoben  und 
sie  ist  es  auch,  die  in  den  Hyperasthesieen  des  Sympathicus  mehr 
oder  minder  sich  kundgiebt,  entweder  allein  oder  in  Verbindung  mit 
Schmerz,  der  an  und  fur  sich  weder  in  seinen  Graden  noch  in  sei- 
ner Modalitiit  (Reissen,  Stechen,  Druck  u.  s.  w.)  von  dem  der  cere- 
brospinalen  Hautnerven  verschieden  ist,  woran  zu  zweifeln  nur  ein 
Unkundiger  die  Neigung  haben  konnte. 

Noch  einige  Eigenthumlichkeiten  kommen  den  Hyperasthesieen  des 
Sympathicus  zu,  welche  mit  seiner  physiologischen  Bestiramung  in 
Zusammenhang  stehen:  zuvorderst  die  Anregung  von  Refl.exa- 
ction  in  den  Muskeln,  sowohl  willkiihrlichen  als  besonders  automa- 
tischen.  Im  sympathischen  Apparate  gelangen  im  gesunden  Zustande 
die  Eindriicke  auf  die  sensibeln  Fasern  selten  zum  Bewusstsein,  son- 
dern  vermitteln  sofort  im  Ruckenmarke  die  Reflexerregung : in  den 
Hyperasthesieen  findet  jedoch  die  Leitung  nach  beiden  Richtungen 
statt,  und  so  erfolgt  nicht  bloss  Perception  der  Empfindung,  sondern 
auch  Contraction  der  Muskelfasern,  sei  es  im  Herzen,  im  Darmcanal, 
in  den  Ausfiihrungsgangen  der  Dr'usen,  oder  in  den  Bauchmuskeln 
u.  s.  f.  Nachst  der  Reflexaction  wird  auch  die  trophische  N e r v e n- 
energie  mehr  in  Anspruch  genommen  als  bei  den  Hyperasthesieen 
der  iibrigen  Cerebrospinalnerven.  Die  sogenannten  vegetativen  Ver- 
richtungen,  (Absondrung,  selbst  zum  Theil  die  Circulation)  sind  gestort. 

Betrachten  wir  nach  diesen  allgcmeincn  Bemerkungen  die  Hyper- 
asthesieen der  einzelnen  Gellechte  des  Sympathicus. 


1.  Cattuns,*. 

V 

Ilyperaesthesia  plexus  cardiaci. 
f Angina  pectoris.) 

Ein  zusammenschnlirender  Schmerz  unter  dem  Brustbein,  in  der 
NVahe  des  Herzens,  befallt  plotzlich  mit  Angstgefuhl,  bis  zu  einem 
sijolchen  Grade  als  erlosche  das  Leben.  Herzschlag  und  Arterienpuls 
i >ind  schwach,  klein,  ungleicb,  aussetzend,  der  Athem  ist  mehrentheils 
I oeklommen,  erschwert,  zuweilen  ungehindert,  die  Temperatur  der 
J blande  und  des  Gesichts  kiihl,  das  Colorit  blass,  die  Ziige  verfallen. 
“'Schmerzhafte  Mitempfindungen  gesellen  sich  hinzu,  dem  Sitze  und 
i Grade  nach  verschieden : am  haufigsten  ein  nach  dem  linken  Arme, 
-seltner  nach  dem  rechten  oder  in  beide  Arme  zugleich  ziehender 
^Schmerz,  bis  zur  Insertion  des  Deltoideus,  oder  bis  in’s  Ellenbogen- 
^gelenk  oder  dem  Laufe  des  Ulnaris  nach  in  die  Fingerspitzen,  oder 
arickelnde  Sensation  wie  beim  Einschlafen  der  Glieder.  Oefters  ver- 
1 breitet  sich  der  Schmerz  am  Halse  bis  zur  vordern  Brustflache  oder 
n den  Subcutaneis  der  obern  Cervicalnerven  nach  dem  Kieferrande 
mfwarts,  zuweilen  auch  im  Vagus  als  Globus.  Nachdem  ein  solcher 
Anfall  einige  Minuten  bis  eine  viertel  und  halbe  Stunde  gedauert, 
i asst  er  meistens  unter  Ructus  allmahlich  nach,  seltner  plotzlich,  und 
'das  Befinden  bleibt  ungestort,  bis  uber  kurz  oder  lang  der  Paroxys- 
nus  zuriickkelirt. 

So  stellt  sich  die  Neuralgia  carcliaca  in  ihrem  einfachen  Zustande 
dar:  anders  hingegen  bei  Complication  mit  Kranklieitcn  des  Herzens 


124 


NEURALGIA.  CARDIACA. 


und  dergrossen  Gefasse.  Der  erheblichste  Unterscliied  ist,  dass  alsdann 
das  lntervall  zwischen  den  Anfallen  niclit  mehr  ein  Bild  relativer  Ge- 
sundheit  darbietet,  und  dass  dem  Paroxysmus  selbst  Symptome  sich 
beimischen,  welche  der  Ilerzkrankbeit  angehoren.  Je  grdssere  und 
scbnellere  Fortscbritte  die  letztere  macht,  um  so  mebr  pflegen  die 
Anfalle  der  Neuralgie  in  den  Ilintergrund  zu  treten,  und  sicb  zu 
verlieren. 

Scliolion.  Von  physiologischem  Interesse  ist  der  Sitz  der  Mitem- 
pfindungen,  in  so  fern  er  den  Wurzelbeerd  der  sensibeln  Nervenfa- 
sern  des  Herzgeflechtes  andeutet.  Muller  (Handb.  der  Phys.  des 
Menschen  B.  I.  S.  674)  hatte  bereits  darauf  aufmerksam  gemacbt, 
dass  der  Griinzstrang  des  Sympathicus  nur  ein  scheinbar  zusammen- 
hangender  Strang  vom  Ganglion  cervic.  suprem.  bis  zum  Gangl.  coc- 
cygeum  sei,  und  dass  die  vom  Ruekenmarke  kommenden  Wurzelfii- 
den,  nachdem  sie  in  den  Granzstrang  eingetreten  sind,  in  demselben 
eine  Strecke  fortlaufen,  und  dann  erst  abgehen  und  in  den  Eingewei- 
den  etc.  peripberisch  sich  ausbreiten.  (Valentins  lex  progressus. 
Vgl.  de  fund.  new.  cerebr.  et  newi  sympath.  p.  66.)  Demnach 
sind  sympathische  Fasern,  die  aus  dem  Granzstrange  kommen, 
Nachbarn  von  Cerebrospinalnerven,  die  hoher  oben  am  Stamme 
sich  verbreiten,  und  es  muss  auch,  wenn  von  einem  Eingeweide 
des  Bauches  oder  der  Brusthohle  Irradiation  der  Empfindung  statt 
findet,  der  Schmerz  an  den  obern  Extremitaten,  am  Halse  und 
noch  holier  herauf,  am  Kopfe  auftreten.  (Henle  patholog.  Untersu- 
chungen.  S.  110.)  So  lasst  sicb  nun  aus  den  Mitempfiudungen  der 
Neuralgia  cardiaca  die  im  Riickenmarke  befindliche  anatomische 
Contiguitat  der  sensibeln  Herzfasern  des  Sympathicus  und  der  sen- 
sibeln Elemente  der  Cervicalnerven  vermulhen,  und  es  kann  nicht 
auffallen,  dass  auch  bei  primaren  Affectionen  des  Cervicalbezirkes  des 
Riickenmarks  eine  ahnliche  Gruppe  von  Symptomen  zum  Vorschein 
kommt.  Dies  hatten  die  Beobachter  ganzlich  iibersehen,  welche  nach 
Parry’s  und  Jenner’s  Vorgang  nur  einen  peripherischen  Ursprung 
der  Neuralgia  cardiaca  oder,  wic  sie  lie  her  den  zuerst  genannt 


NEURALGIA  CARDIACA. 


125 


hatte,  der  Angina  pectoris  annahmen,  und  die  Symptome  an  einer 
bestimmten  organischen  Veranderung,  an  der  Incrustation  der  Co- 
ronararterien,  knupften.  Andre  liessen  zwar  eine  grossre  Breite 
•krankhafter  Zustande  des  Herzens  als  Bedingung  dieser  Neuralgie 
gelten,  allein  mit  welchem  Unrechte,  ist  durch  neuere  Untersuchun- 
gen  nachgewiesen,  und  wer  noch  daran  zweifelt,  moge  in  Laennecs 
Erfahrung* *)  Belehrung  finden. 

Das  kindliche  Alter  bleibt  von  dieser  Neuralgie  verschont;  das  ju- 
gendliche  wird  sehr  selten  befallen ; das  mittlere  und  hdhere  ge- 
ben  den  fruchtbarsten  Boden.  Arthritis,  Hysterie  und  Neuralgia 
spinalis  disponiren  am  meisten.  Gelegentliche  Anlasse  sind  anstren- 
gende  Bewegungen,  zumal  bei  vollem  Magen,  Treppen-  und  Berg- 
steigen,  Gemuthsaffecte,  Diatsiinden. 

In  der  Prognose  lasse  man  sich  nicht  durch  die  irrige  Voraus- 
^setzung,  als  bilde  organische  Herzkrankheit  die  Folie  der  Neuralgia 
i cardiaca,  verleiten.  Auf  hysterischem  Grunde  verliert  diese  Affection 
ljegliche  Bedeutung.  Erheblicher  ist  bereits  bei  Arthritis,  besonders 

*)  Laennec,  traitd  de  Vauscultation  mediate  et  des  maladies  des  pou- 
mons  et  du  coeur.  4 i erne  edit,  consider ablement  augment de  par  Andral 

• Paris  1 837.  T.  III.  p.  495.  — „Laplupart  des  mddecinsn’en  sont  pas  moins  resU  per- 
suades en  Angleterre,  enAllemagne  et  en  Italie  surtout,  que  Vangine  de  poitrine  est  tou- 
i fours  tide  a quelque  maladie  organique  du  coeur,  que  cet  accident  est  tres  grave,  etque 
(a  plupart  des  malades  qui  en  sont  attaquds,  meurent  subilement.  Ces  iddes  sont  loin, 
d’dtre  exactes.  L’angine  de  poitrine  dun  Uger  ou  a un  mediocre  ddgrd  estune  affection 
t extrdmement  commune  et  exisle  fort  souvent  chez  des  sujels,  qui  n’ont  aucune  affection 
organique  du  coeur  ni  des  gros  vaisseaux.  J’ai  vu  beaucoup  de  per sonnes  qui  en  ont 
dprouvd  seulement  quelques  attaques  trds  fortes,  mais  de  courte  duree,  et  qui  en  ons 
etd  ensuite  ddbarrassdes.  Je  crois  memo  que  Vinfluence  de  la  constitution  mddicale  con- 
tribue  d son  ddveloppement,  car  je  Vai  observde  frdquemment  dans  le  cours  de  cerlai- 
nes  anndes,  et  je  Vai  d peine  rencontrde  dans  les  autres.  D’un  autre  cdtd,  il  est  vrai 
que  Vangine  de  poitrine  coincide  assez  souvent  uvec  des  affections  organiques  du 
coeur;  mais  rien  ne  prouvc  qu’elle  en  ddpende,  mdme  dans  ces  cas,  puisqu’cUc  pent 
■cxister  sans  cela,  el  que  ces  affections  sont  variables.  J’ai  ouvert  plusieurs  sujels  at- 
taquds d la  fois  d’ hyper tropliie  ou  de  dilatation  du  coeur  et  d ’angina  pectoris;  chez 
aucun  je  n’ai  trouvd  les  arldres  coronaires  ossifides.  Un  seul  d’entre  eux  mourut  su- 
Ibitement  en  milieu  d’tme  violente  atlaque  d’angine  de  poitrine;  et  Von  conpoit  que 
la  reunion  d’une  affection  nerveuse  aussi  intense  d une  dnorme  liypertrophie  du 
coeur  ( qui  existait  chez  ce  sujetj  puisse  quelquefois  produire  cet  e(fet.“  — 


126 


NEURALGIA  CARDIAC  A. 


der  anomalen,  die  Besorgniss,  weil  diesclbc  den  Incrustationen  der 
Yalveln,  der  grossen  Gefiisse  u.  s.  w.  giinstig  ist. 

Fur  die  B eh andlung  gelte die  Hegel  mit  allgemeinen  Blutentlee- 
rungen  vorsichtig  zu  sein,  zumal  wahrend  des  Anfalls.  Oertliche  (lurch 
Schropfkopfe  und  Blutegel  sind  bei  plethorischen  Individuen  urid  im 
Anfange  der  Krankheit  vorzuziehen.  Wo  Arthritis  zu  Grunde  liegt, 
sind  Exutoria,  Fontanelle,  Haarseil  in  der  Nahe  des  Herzens,  an  ihrer 
Stelle.  Bei  Hysterie  sind  Eisen-  und  Seebiider  zu  empfehlen:  in  der 
Spinalneuralgie  das  fiir  diese  Krankheit  geeignete  Verfahren.  Yer- 
stopfung  ist  bei  alien  solchen  Kranken  zu  verhiiten,  und  Anstrengung 
jeder  Art  muss  untersagt  werden,  was  um  so  notlwvendiger,  je  mehr 
derVcrdacht  auf  eine  Complication  mit  Structurveranderung  des  Her- 
zens gegrundet  ist.  Im  Anfalle  selbst  leisten  Excitantia  gute  Dienste. 
Ich  sah  von  dem  Einathmen  des  Schwefel-  oder  Essigiithers  den 
schnellsten  Erfolg : (es  werden  ein  Paar  Theeloffel  voll  in  eine  Unter- 
tasse  gegossen,  und  deren  Rand  an  den  Mund  des  Kranken  bis  zur 
Verdunstung  des  Aethers  gehalten).  Auch  zum  innern  Gebrauche 
eignet  sich  der  Aether,  mit  linct.  castor,  und  in  dringenden  Fallen  mit 
einem  gehorigen  Zusatze  von  Opium.  Senfteige,  oder  Einreibungen 
des  ol.  sinap.  cieth.  in  die  Ilerzgegend  und  in  den  Nacken  mussen  zu 
H'ulfe  genommen  werden.  Manche  Kranke  loben  das  Aufheben  und 
in  die  Hohe  Halten  der  Arme  als  Erleichterung.  Laennec  (/.  c.p. 
497)  sah  vom  Tragen  zweier  diinner  gebogner  Magnetplatten  in  der 
Herzgrube  und  der  entsprechenden  Stelle  des  Riickens  palliativen 
Nutzen.  Die  Wirkung  wurde  (lurch  Application  eines  kleinen  Yesi- 
catoriums  unter  der  vordern  Platte  verstarkt.  Fran k bcobachtete 
einen  Kranken,  dem  kalte  Umschlage  auf  den  Kopf  am  schnellsten 
Linderung  verschafften.  [Praxcos  medic,  univers.  pracccpta  P.  If.  vol. 
II.  Sect.  II.  p:  251.)  Ein  von  mir  behandelter  Kranker  fand  im  Ge- 
nusse  des  Gefrornen  wahrend  des  Anfalls  die  grbsste  Erleichterung. 


— IK-OXl- 


r 


# 


G aides  Mg* 

✓ 

Hyperaesthesia  plexus  Solaris. 

( Neuralgia  coeliaca.) 

Jahlings  oder  nach  vorangegangenem  Gefiilde  von  Druck  befallt 
ein  heftiger  zusammenschniirender  Schmerz  in  der  Magengrube,  ge- 
wohnlich  bis  zum  Riicken  sich  verbreitend,  mit  Ohnmachtgefuhl, 
verfallenem  Gesicht,  Kalte  der  Hande  und  Fiisse,  mit  kleinem, 
contrahirtem,  aussetzendem  Pulse.  Der  Schmerz  steigt  so,  dass  der 
Kranke  laut  aufschreiet.  Die  Magengegend  ist  entweder  aufgetrieben, 
kugelformig  gewolbt,  oder,  was  haufiger  der  Fall  ist,  eingezogen,  mit 
Spannung  der  Baucbdecken.  Pulsationen  in  der  epigastrischen  Ge- 
gend  sind  haufig.  Aeusserer  Druck  wird  vertragen  und  der  Kranke 
selbst  stemmt  niclit  selten  die  Magengrube  an  einen  festen  Gegen- 
stand  oder  comprimirt  sie  mit  den  Handen.  Mitempfindungen  in  der 
Brusthohle,  unter  dem  Sternum,  in  den  Schlundasten  des  Vagus, 
zeigen  sich  oft,  in  aussern  Theilen  nur  selten. 

Der  Anfall  dauert  einige  Minuten  bis  eine  balbe  Stunde:  dann 
nimmt  der  Schmerz  allmahlich  ab,  mit  Zurucklassung  einer  grossen 
Erschopfung,  oder  hort  plotzlich  auf  mit  Aufstossen,  lcerem  oder 
wassrigem,  mit  Erbrechen,  mit  Ausbruch  eines  gelinden  Sehweisses, 
oder  reichlichem  Harnabgang.  In  den  Intervallen  ist  die  Gesundheit 
meistens  ungestort. 

Der  pcriodische  Typus  der  Paroxysmen  ist  zuweilen  regelmassig, 
w°von  die  inlermilt.  comilata  cardialgica  ein  Beispiel  ist,  welche 


128 


NEURALGIA  COELIACA. 


iiberhaupt  das  vollstandigste  Bild  dieser  Hyper'asthesie  giebt.  (. Bor - 
sieri  instil,  med.  pracl.  vol.  1.  p.  235.)  Der  Ycrlauf  ist  gewohnlich 
chronisch. 

Das  kindliche  Alter  wird  verschont:  das  miinnliche  Geschlecht  ist 
eben  so  unterworfen  vvie  das  weibliche.  Unterdr'uckte  BIulfTusse,  zu- 
mal  uterine  und  hamorrhoidale,  geben  oft  Anlass,  so  wie  andrerseits 
die  Neuralgia  coeliaca  dem  Ausbruche  des  Yomitus  cruentus  und  der 
Melana  voranzugelien  pflegt.  Arthritis  disponirt:  ich  selbst  babe  vor 
dem  ersten  Anfalle  des  Podagra  diese  Neuralgie  bestanden,  und  er- 
innre  mich  lebbaft  des  vernichtenden  Gefuhls  und  des  Schmerzes,  als 
packten  Krallen  die  Herzgrube.  Auch  die  carcinomatose  Diathesis 
begiinstigt  die  Entstehung:  der  Entwicklung  des  Magenkrebses  geht 
ofters  Jahre  lang  die  Neuralgia  coeliaca  voran. 

Yon  diesen  atiologischen  Verhaltnissen  und  der  Dauer  der  Krank- 
heit  ist  auch  die  Prognose  abhangig.  Je  frischer  die  Neuralgie,  je 
weniger  Complicationen,  um  so  sichrer  die  Aussiclit  auf  Erfolg, 
obschon  die  Neigung  zu  Recidiyen  nicht  ausser  Acht  gelassen  wer- 
den  darf. 

\ 

In  diagnostischer  Beziehung  sind  die  Erscheinungen  charakteri- 
stisch  genug,  um  Verwechslung  der  Neuralgia  coeliaca  mit  Entziin- 
dung  und  Desorganisation  des  Magens  zu  verhiiten.  Schwieriger  lasst 
sich  der  Unterschied  von  andern  Neuralgieen  in  demselben  organi- 
schen  Gebiete  festsetzen,  wie  es  schon  der  eingefiihrte  Collectivname 
Cardialgia  bezeugt.  Mir  scheint  das  den  Schmerz  begleitende  speci- 
fische  Gefrihl  der  Ohnmacht,  der  drohenden  Lebensvernichtung,  wel- 
ches sich  auch  in  der  Circulation,  in  dem  ganzen  Habitus  des  Kran- 
ken  deutlich  ausspricht,  der  pathognomonische  Zug  zu  sein  fur  die 
Neuralgia  coeliaca  um  sie  zu  unterscheiden  von  der  Neuralgie 
des  Yagus,  welche  enlweder  als  selbstsUindige  Affection  oder  als 
excentrisches  Symptom  eines  Riickenmarkleidens  beobachtet  wird  (S. 
die  Exposition  der  Gastrodynia  neuralgica  S.  103  und  der  Neuralgia 
spinalis.) 

Die  Behandlung  ist  nicht  wesentlich  von  der  der  Gastrodynia  ncu- 


NEURALGIA  COELIACA. 


129 


ralgica  verschieden.  Nur  die  Storungen  in  der  Circulation  und  Se- 
cretion miissen  eigens  beriicksichtigt  werden,  um  Structurverande- 
rungen  vorzubeugen.  Der  wiederholte  Gebrauch  ortlicher  Blutent- 
leerungeu,  besonders  durch  Schropfkopfe,  und  ableitender  Mittel  auf 
die  Ilaut,  durch  Exutoria,  darf  in  den  Intervallen  derNeuralgie  nicht 
vernachlassigt  werden.  Wo  eine  regelmassige  Periodicitat  bemerk- 
bar  ist,  die  in  der  interm,  comitata  am  deutlichsten  sich  ausspricht, 
passt  der  dreiste  Gebrauch  des  Chinins. 


Romberg’s  Nervenkrankh.  I. 


9 


3.  ftattiing'. 

Hyperaesthesia  plexus  mesenterici. 


Schmerz  verbreitel  sich  vom  Nabel  aus  in  den  Unterleib,  anfalls- 
weise,  abwechselnd  mit  Intervallen  von  Ruhe.  Der  Schmerz  ist  rei- 
ssend,  schneidend,  druckend,  am  haufigsten  kneifend,  eingeleitet  und 
begleitet  von  einem  eigenthiimlichen  wehen  Gefiihle.  Der  Kranke 
ist  unruhig,  sucht  in  Veranderung  seiner  Lage  und  in  Compression  des 
Unterleibs  Erleichterung:  seine  Ilande,  Fusse,  Backen  haben  eine 
kuhle  Temperatur:  das  Gesicht  ist  gespannt,  die  gerunzelten  Augen- 
brauen  und  zusammengeknifFnen  Lippen  verrathen  den  Schmerz.  Der 
Puls  ist  klein  und  hart.  Die  aufgetriebnen  oder  einwarts  gezognen 
Bauchdecken  sind  gespannt.  Uebelkeit,  Erbrachen,  Ilarndrang  und 
Zwang  sind  oft  zugegen. 

Diese  allgemeinen  Ziige  werden  durch  besondre  Umstande  modi- 
ficirt.  Der  wichtigste  ist  die  TheilnahmedesCentralappa- 
rats,  des  R ii  c k e n m a r k s , \velche  sich  durch  begleitende  Affec- 
tion sensibler  und  motorischer  Spinalrierven  kundgiebt.  Eine  Form 

ist  bisher  unter  dem  Namen 

Colica  §aturniua  s.  metallira 

beschrieben  worden. 

I)e  Hacn,  ratio  mcdcndi  T.  Ill,  p.  73,  T.  X,  p.  4. 

Stoll,  ratio  medendi  T.  II,  p.  240. 

Merat,  traite  dc  la  colique  mctallique.  2.  edit.  Paris  1812. 

Verstopfung  des  zuvor  losen  Stuhlgangs  und  Gefiihl  von  Druck  in 
der  epigastrischen  Gegend  machen  gewohnlich  den  Anfang.  Darauf 


NEURALGIA  MESENTERICA. 


131 


stellen  sich  reissende,  kneifende  Sclimerzen  in  der  Niihe  des  Nabels 
ein,  welche  durch  aussern  Druck  in  der  Mehrzahl  der  Falle  nicht 
zunehmen,  oft  gelindert  werden,  in  den  ersten  Tagen  nur  kurze  Nach- 
liisse  bilden,  und  zu  einer  ausserordentlichen  Intensitat  steigen. 
Die  Bauchdecken  sind  entweder  hart,  gespannt,  zuvveilen  wie  im  Te- 
tanus, oder,  was  seltner  der  Fall  ist,  weich.  Wenn  Oeffnung,  spar- 
lich  und  miihsam,  erfolgt,  besteht  sie  aus  trocknen,  geballten  Excre- 
menten,  wie  Ziegenkoth.  Die  Reaction  des  Darmkanals  gegen  Purgir- 
mittel,  selbst  drastische,  ist  sebr  trage.  Der  Kranke  leidet  an  Uebel- 
keit,  bittern,  ranzigem  Aufstossen,  biliosem  Erbrechen  bei  stark  beleg- 
ter,  gelb  gefiirbter  Zunge.  Urin  wird  unter  haufigem  Drang  und  mit 
Schmerz,  in  geringer  Quantitat,  wasserhell,  entleert  oder  ist  unter- 
driickt.  Zuvveilen  ziehen  ein  oder  beide  Testikel  sich  schmerzhaft  in 
die  Hohe.  Der  Puls  ist  langsam  *),  gespannt,  hart,  oft  in  einem  sol- 
chen  Grade,  dass  man  einen  eisernen  Draht  unter  dem  Finger  zu 
fiihlen  glaubt  * *).  Der  Athem  ist  langsam,  zuweilen  beklommen. 
Die  Stimme  hohl,  rauh,  klanglos.  Die  Haut  trocken,  sprode,  von 
gelblicher  Farbe.  Mitempfindungen  sind  haufige  Begleiter:  am  haufig- 
sten  brennende,  reissende  Schmerzen  in  den  Armen,  seltner  in  den 
Beinen,  zuweilen  auf  die  Gelenke  beschriinkt,  welche  Abends  und  in 
der  Nacht  exacerbiren  und  gegen  Morgen  nachlassen.  Auch  im  Kreutze 
und  in  den  Huften  sind  die  Schmerzen  lebhaft.  Hiezu  gesellt  sich 
Yerlust  der  Motilitat,  (nach  Stoll  ungefahr  wie  1 : 15)  vorzugsweise 
in  den  obern  Extremitaten,  sehr  selten  in  den  untern,  meistens  in 
beiden  Armen,  am  haufigsten  in  den  Handen,  zuweilen  nur  in  einzel- 
nen  Fingern.  Sitz  der  Lahmung  sind  die  Streckmuskeln,  daber  die 

*)  Lentin,  ein  zuverlassiger  Bcobachter,  der  diese  Krankheit  in  den  Berg- 
werken  dcs  Ilarzes  genau  hatle  kennen  lernen,  behauptet  in  seinen  Beitr'agen 
zur  auslibenden  Arznei wissenschaft  1.  B.  S.  385:  „Wcnn  die  Schmerzen 
in  der  Blcicolik  am  heftigstcn  sind,  welches  gewbhnlich  die  ersten  vier  Tagc  be- 
merkt  wird,  fand  ich  immer  einen  iiberaus  langsamen,  aber  vollen  Puls.  So  wie 
die  Zahl  der  Pidsschlage  binncn  einer  Minute  gcwann,  nahm  die  Hoflnung, 
Oeffnung  und  Erlcichlerung  zu  bekommcn,  zu.“ 

**)  l^'e  Harte  dcs  Pulses  soli  nach  Stoll  pathognomonisch  sein  und  unter  al- 
ien Symptomen  am  langstcn  bestchcn.  Ich  habe  sie  nicht  selten  vermisst. 

9 * 


132 


NEURALGIA  MESENTERICA. 


Flexoren  das  Uebergewicht  haben,  und  die  Hand  ein warts  in  einem 
recbten  Winkel  gegen  den  Vorderarm  gebogen  ist.  Friihzeitig  ist 
Welkwerden  und  Schwinden  der  Muskelsubstanz  bemerkbar.  Die 
Lahmung  tritt  einige  Tage  oder  spater  nach  Beginn  der  Neuralgie 
ein,  iiusserst  selten  vorher,  und  bleibt  entweder  nach  Heilung  der 
letzteren  permanent  zuriick,  oder  kommt  und  schwindet  mit  den 
Anfallen  der  Neuralgie,  oder  zeigt  sich  nicht  wieder  trotz  der  Riick- 
kebr  der  Colik. 

■ 

Auch  das  Geliirn  giebt  ofters  in  dieser  Krankheit  seine  Theilnahme 
kund.  Nicht  bloss  die  psychische  Stimmung  ist  verandert,  der  Kranke 
ist  angstlich,  ungeduldig,  heftig,  scblaflos,  auch  Benommenheit  des 
Kopfes,  Schwindel,  epileptiscbe  Anfalle,  Apoplexie,  Amaurose  sind 
wiilirend  oder  nach  der  Neuralgie  beobachtet  worden. 

De  Haen  und  Stoll  erwahnen  der  Formation  von  Ueberbeinen 
auf  dem  Handr'ucken,  in  der  Nahe  der  Scbeiden  der  Fingerstrecker, 
als  einer  haufigen  Erscheinung  in  der  Bleicolik,  welche  sich  bei  lange- 
rer  Andauer  oder  oftmaliger  Ruckkehr  der  neuralgischen  Schmerzen 
einzustellen  pflegt.  Zuweilen  verschwinden  sie  mit  dem  Anfalle,  oft 
bleiben  sie  zuriick.  Weder  Merat  noch  ich  haben  die  Entstehung 
der  Ganglien  in  dieser  Krankheit  beobachtet. 

Eine  andre  Form  ist  die  unter  gewissen  endemischen  und  epidemi- 
schen  Yerhaltnissen  vorkommende 

Colica  Tegetaliilis. 

Huxham,  opusculum  de  morbo  colico  Damnoniorum,  coque  maxime  epide- 
mico.  (Op.  physic,  medic,  cur.  G.  Christ.  Reichel.  T.  Ill,  p.  54 .J 
Segond,  cssai  sur  la  neuralgie  du  grand  sympathique,  maladie  connue  sous 
les  noms  de  colique  vegetale,  de  Poitou,  de  Devonshire,  de  Ma- 
drid, de  Surinam,  et  sous  ceux  de  Barbiers,  de  Beriberi  etc.  Pa- 
ris 1837. 

Plotzlich  oder  nach  vorangegangnen  Vorboten  bricht  die  Neural- 
gie aus,  mit  einem  bohrenden,  pressenden  oder  zerreissenden  Schmerz 
in  der  Gegend  des  Duodenum,  des  Nabels,  des  Colon  transversum  oder 
des  recbten  ITypochondrium.  Ructus,  Uebelkeit,  Erbrechen  lauch- 
griiner,  saurer  Stofte.  Yerstopfung,  nacbdem  einige  Tage  zuvor  harte, 


NEURALGIA  MESENTERICA. 


133 


dunkle  Scybala,  dem  Schaafkothe  ahnlich,  mit  Tenesmus  abgegangcn 
sind,  Peinigende  Dysurie,  Beklemmung,  Angst.  Sehr  heftiger  Schmerz 
im  Ruckgrath,  besonders  in  der  Nierengegend,  und  lschurie.  Schmer- 
zen  in  den  obern  und  untern  Extreiniluten,  in  den  Knieen,  Hand- 
und  Ellenbogengelenken,  Schnltern.  Sehnenhiipfen,  Schwiicbe  und 
Lahmung  der  Hande,  mit  Flexion  der  Finger.  Klanglosigkeit,  Rau- 
heit,  Schwache  der  Stimme.  Sclilaflosigkeit,  Schwermuth.  Eine  neue 
Gruppe  von  Symptomen  stellt  sich  zuweilen  eiu.  Der  Leib  wird 
ausserordentlich  gespannt  und  empfindiich  gegen  die  geringste  Be- 
riihrung.  Icterische  Farbe,  heisse  Haul,  sehr  frequenter,  kleiner,  hart- 
licher  Puls.  Der  Riickenschmerz  steigt,  Amaurose,  Schwerhorigkeit, 
Delirien  treten  hinzu,  zuletzt  Bevvussllosigkeit  und  Convulsionen. 

Mit  diesen  Erschein ungen  der  in  den  Tropen  endemischen 
Neuralgia  mesenterica  hat  die  epidemische  Aehnlichkeit,  wie  sie 
Huxham  beobachtet  hat. 

„Den  Anfang  der  Krankheit  macht  Beklemmung  in  der  Ilerz- 
grube,  heftiger  Schmerz  im  Epigastrium,  schwacher,  ungleicher  Puls, 
kalter  Schweiss,  gelblich-belegte  Zunge,  ubelriechender  Athem.  Da- 
rauf  Erbrechen  grunlicher,  schwarzlicher,  scharfer  Stoffe,  ein  Paar 
Tage  nachher  hartnackige  Yerstopfung.  Der  Schmerz  zieht  sich  her- 
unter,  in  die  Nabelgegend,  in  die  Huflen,  in  das  Ruckgrath,  und  steigt 
aufs  Aeusserste,  so  dass  man  einen  Paroxysmus  nephriticus  vor  Augen 
zu  haben  glaubt,  was  die  hinzutretende  lschurie,  der  Harnzwang, 
und  das  Gefiihl  von  Druck  im  Perinaeum  um  so  mehr  zu  bestatigen 
scheinen.  Der  Erin  ist  vom  Ansehen  einerLauge,  mit  starkem,  roth- 
lichem,  schleimigem  Satze.  Der  Bauch  ist  sehr  hart,  aufgetrieben,  ge- 
spannt, selten  eingezogen.  Oft  ist  ein  heftiger,  brennender  Schmerz 
im  rechten  Ilypochondrium  mit  Geschwulst  - und  Iliirte  vorhanden; 
eine  starke  Pulsation  ist  im  Epigastrium  fuhlbar.  Die  Excremente 
sind  sehr  hart,  rund,  wie  Schaafkoth;  nach  zwei  oder  drei  soldier 
Entleerungcn  wird  der  Abgang  grun,  schwarz,  zuweilen  mit  Blut 
untermischt  und  von  heftigem  Tenesmus  begleitet.  Der  Unterleib  ist 
sehr  empfindiich  gegen  iiussre  Beruhrung.  Mit  Nachlass  der  Colik 


134 


NEURALGIA  ME  SENTE  RICA. 


nimmt  der  Schmerz  im  R'ucken  zu,  besonders  zwischen  den  Schul- 
tern,  zieht  sicli  in  die  Arme,  in  die  Gelenke.  Die  Hande  verlieren 
ilire  Beweglichkeit.  Auch  die  untern  Extremitiiten  entgehen  dem 
Schmerze  nicht,  der  wie  der  sypliilitische  im  innersten  Rnochen  tobt, 
doch  ohne  Rothe  und  Geschwulst.  Beim  Uebergange  des  Schmerzes 
aus  dem  Bauche  nach  den  Extremitaten  zeigen  sich  gelinde  Fieber- 
bewegungen,  auch  Delirien,  die  stets  durch  einen  hellen  Urin  an- 
gemeldet  werden,  so  wie  iiberhaupt,  wenn  im  ganzen  Verlaufe  der 
Krankheit  ein  heller  Urin  ohne  Sediment  abgeht,  Convulsionen,  De- 
lirien, Lahmung  plotzlich  befallen.  Die  Schmerzen  werden  durch  den 
Ausbruch  eines  starken  sauerriechenden  Schweisses  gelindert.  Dauerte 
dieser  sehr  lange,  so  wurden  bei  einigen  die  Hande  geliihmt,  bei  un- 
gestorter  Sensibilitat,  niemals  die  Fiisse.  Zuweilen  kommen  rothe, 
juckende,  brennende  Pusteln  in  der  Haut  zum  Vorschein,  mit  Er- 
leichterung  und  Genesung  des  K ran  k en.  Haufiger  aber  blieben  die 
Schmerzen  in  den  Gliedern,  abwechselnd  mit  der  Colik  zuruck.  Auch 
Icterus  stellte  sich,  vicarirend  oder  metastatisch,  ein.  In  mehreren 
Fallen  gingen  Gliederschmerzen  und  Lahmung  der  Colik  voran.  Nur 
wenige  Kranke  unterlagen,  nachdem  sie  zuvor  von  Epilepsie  befallen 
waren.  Wahrend  des  Nordwindes  war  die  Krankheit  am  heftigsten: 
sie  herrschte  epidemisch  vom  Herbste  bis  zum  Fruhjahr.“  — 


Ausser  dieser  durch  den  Antheil  der  Centralorgane  bedingten  Mo- 
dification in  den  Erscheinungen  der  Neuralgia  mesenterica  ist  die— 
jenige  bemerkungswerth,  welche  von  der  Theilnahme  der  motori- 
schen  Nervenenergie  abhangig  ist.  Die  geschilderte  Gruppe  von 
Symptomen  bietet  sich  entweder  mit  ungehindertem  Stuhlgange,  selbst 
Diarrhoe  dar,  oder  mit  Verstopfung  und  Tenesmus.  Ob  in  dem  letzte- 
ren  Falle  der  Plexus  mesentericus  inferior,  der  das  absleigende  Colon 
und  den  Mastdarm  mit  Nervenfasern  versorgt,  mehr  afficirt  ist,  lasst 
sich  nur  conjectured  andeuten. 

Sc  ho  lion.  Der  Colledivname  Colica  fur  jeden  Schmerz  im  Darm- 


NEURALGIA  MESENTERICA. 


135 


kanal  und  in  angriinzenden  Organen  hat  die  Kenntniss  der  mesen- 
terisclien  Neuralgie  verzdgert.  Nur  ein  Meister  unter  den  altern  Be- 
obachtern  hat  sie  erkannt  und  in  ihre  Genesis  tiefere  Blicke  gethau, 
Thomas  Willis  *) , aus  dessen  Schilderung  der  passio  colica,  (l.  c. 
p.‘d'H)J  folgende  Bemerkung  hier  ihre  Steile  finden  mag:  „ Ul  morbi 
hujus  sedes  et  natura  rite  innolescat,  hie  inprimis  distinguere  oportet , 
de  ventris  torminibus  sive  doloribus  pro  colicis  mdgo  habitis.  Isti  ni- 
mirum  aut  mere  occasionales  a causa  evidenti  solitaria  oriuntur,  et 
sine  praevia  diathesi  hominibus  quibusvis,  Usque  inprimis , qui  tenerae 
constilutionis  fbras  valde  sensiles  spirilusque  cilo  dissipabiles  habent, 
passim  contingunt.  Ad  liunc  modum  incongrua  vel  inassueta  epota 
vel  comesta,  item  pharmaca,  frig  oris  contraction  pluresque  aliae  circa 
sex  non  naturalia  alterationes,  in  visceribus  imi  ventris  perturbatio- 
nes  insignes  cum  doloribus  non  raro  excitant:  cujusmodi  lamen 
affectio  non  morbus,  sed  tantum  symptoma,  a causa  manifest  a 
excitation,  censeri  debet.  Attamen  praeterea  Colica  ita  proprie  dicta, 
non  tantum  a causa  accidentali  producta  quibusvis  contingit,  sed  ho- 
mines nonnullof  peculiari  ritu  praedispositos  incessens,  omnino  a causa 
procatarctica  sensim  maturata  dependet.  Morbi  insultus  graviores 
plerumque  periodos  suas  habent  atque  aeris  et  anni  alterationes  obser- 
vant : porro  excitati  remediis  non  facile  cedunt  neque  cito  pertranseunt, 
verum  non  obstante  epithematum  usu,  aut  ventre  per  enemata  aut 
catharctica  copiose  licet  subducto,  saepe  pet ’ plures  dies  ac  interdion 
hebdomadas  cum  magna  ferocia  persislunt.  Dolores  in  quolibet  pa- 
roxysmo  eandem  usque  partem  repelunt,  et  aliorum  symptomatum 
pari  ut  plurimum  syndrome  stipantur.  Caeterum  dolores  colici,  licet 
non  eandem  in  omnibus  sedem  habeant,  sed  modo  sub  ventriculo,  modo 
circa  umbilicum  aut  hypochondria,  quandoque  in  hypogastrio,  aut 
versus  lurnbos  maxime  desaeviant,  attamen,  quolies  in  eodem  aegro- 
lante  repetunt,  eundem  saepissime  focum  observant Man  hat  den 
Unterschied  in  der  Manifestation  sensibler  Energie  bei  normaler  oder 
exaltirter  Reitzbarkeit  des  Nerven  ausser  Acht  gelassen,  und  die  Ver- 


V Op.  omn.  edit.  Genev.  T.  II,  p.  323. 


136 


NEURALGIA  MESENTERICA. 


wirrung  in  dcr  Lehre  der  Colik  noch  dadurch  gcsteigert,  dass  von 
den  aussern  Reitzen  der  Eintheilungsgrund  entnommen  wurde.  Die 
unter  den  Neuralgieen  aufgefuhrten  Colica  biliosa,  saburralis,  flalu- 
lenta  haben,  ^as  aufFallend  genug  ist,  keinen  Anstoss  gefunden,  ob- 
gleich  es  sicherlich  nicht  gleichgultig  aufgenommen  worden  ware, 
wenn  man  den  Schmerz  beim  Yerbrennen  oder  beim  Nagelgeschwur 
als  Neuralgia  a combustione  oder  a panarilio  hiitte  gelten  lassen 
wollen.  Demnach  durfte  die  Nothwendigkeit  anerkannt  werden,  die 
Colica  in  die  Granzen  einer  Symptomengruppe  einzuschranken,  deren 
eigentbiimlicber  Zug  durch  den  Sitz  der  Hyperasthesie  in  einem  be- 
stimmten  Nervenbeerde  bedingt  wird,  und  wofiir  der  Name  Neu- 
ralgia mesenterica  jedenfalls  den  Vorzug  verdient. 

Structurveranderungen  der  Ganglien  und  Gellechte  in  den  Neu- 
ralgieen des  Sympathicus  waren  durch  die  bisherigen  anatomiscben 
Untersuchungen  nicht  ermiltelt  worden.  Nur  Dr.  S dgon  d , der  in 
Cayenne  die  endemische  Colik  beobachtet  hat,  tbeilt  ein  Paar  Sec- 
tionsberichte  mit  ( l . c.  p.  28  und  35),  worin  die  Hypertrophie,  die 
veranderte  Farbe  und  grossre  Harte  der  Ganglien  und  selbst  der  ein- 
zelnen  Nervenstrange  des  Sympathicus  hervorgehoben  wird.  Ohne 
der  Wahrheitsliebe  dieses  Reobachters  zu  nahe  trelen  zu  ollen,  be- 
kennen  wir  doch  ofFen,  dass  zur  Feststellung  von  krankhaften  Yer- 
anderungen  des  Sympathicus  das  gewichtige  Zeugniss  eines  in  diesen 
Untersuchungen  bewanderten  Anatomen  unerlasslich  ist,  um  vor  Tiiu- 
schungen  und  Yerwecbslungen  mit  normalen  Zustanden  sicher  zu 
sein.  Es  erscheint  die's  um  so  nothwendiger,  da  die  Leichendflhun- 
gen  der  an  Bleicolik  Yerstorbnen  gar  keine  Yeranderungen  weder 
in  den  peripberischen  Nerven  noch  in  deren  Centralorganen  ergeben 
haben.  ( An  dr  al,  clinique  medicale  3.  ed.  T.  II,  p.  229.  Ge  ndr  i n 
in  einer  Note  zu  seiner  Uebers.  von  Abercrombie’s  Werk:  Des 
maladies  de  Venciphale  el  de  la  moelle  epin.  2.  edit.  p.  5 7 ().J  Durch 
An  drabs  Untersuchungen  ist  auch  die  altere  Annabmc  von  Yer- 
dickung  und  Vercngerung  einzelner  Darmpartieen,  besonders  des 
Colon,  in  der  Cleicolik  als  irrig  nachgewiesen  worden.  Der  Darm- 


NEURALGIA.  MESENTERICA. 


137 


kanal  verhielt  sich  in  acht  Fallen  durchweg  normal.  (Andral  l.  c. 

p.  210.; 

Der  Yerlauf  der  Neuralgia  mesenterica  ist  periodisch,  jedoch 
minder  regelmassig  als  der  anderer  Neuralgieen. 

Unter  den  Lebensaltern  disponirt  das  mittlere  am  meisten,  unter 
den  Geschlechtern  das  mannliche.  Ruhige  sitzende  Lebensweise  be- 
gunstigt.  Epidemischer  und  endemischer  Einfluss  ist  unverkeunbar. 
Hypochondrie,  Helminthiasis,  Haemorrbois  setzen  eine  entschiedne 
Anlage,  desgleichen  Arthritis,  sovvohl  die  unentwickelte  als  ausblei- 
bende.  Ein  ahnliches  Yerhaltniss  findet  nicht  selten  bei  Hautkrank- 
heiten  statt.  Am  entschiedensten  wirkt  Bleivergiftung,  weit  seltner 
durch  Resorption  auf  der  innern  Darmflache  als  mittelst  der  Haut  und 
Lungen.  Daher  alle  Gewerbe,  wo  Bleioxydul  und  Bleioxyd  gerieben 
und  dessen  Dampfe  eingeathmet  werden,  der  Neuralgia  mesenterica 
vorzugsweise  ausgesetzt  sind:  Maler,  Anstreicher,  Topfer,  Schrift- 
giesser  und  Setzer,  Glaser,  Polirer,  Bergleute.  Auch  das  Schminken 
mit  bleihaltigen  Cosmetica  hat  zuweilen  dieselbe  Wirkung  gehabt. 
(Brambilla  in  den  Abhandl.  der  Josephin.  Acad.  1 . B.  S.  170.) 
Nachst  dem  Blei  giebt  die  Bearbeitung  des  Kupfers  htiufig  Anlass  zur 
mesenterischen  Neuralgie,  die  alsdann  von  Diarrhbe  begleitet  zu  sein 
pflegt.  Unter  den  gelegentlichen  Ursachen  sind  am  fruchtbarsten 
Erkaltung,  besonders  der  Fiisse,  und  zur  Nachtzeit;  Unterdriickung 
von  Fussschweisseu  und  Hiarrhoen;  Gemiithsaffecte,  zumal  Schreck 
und  Zorn;  Genuss  kalter  Getranke  bei  erhitztem  Korper. 

Alle  Beobachtungen  kommen  darin  uberein,  dass  das  Leben  nur 
sehr  selten  durch  die  Neuralgia  mesenterica  gkfahrdet  wird.  Yon 
oOO  Bleicolik-Kranken,  die  im  Verlaufe  von  acht  Jahren  im  Hopiial 
de  la  Charite  behandelt  worden  sind,  starben  nur  5,  und  von  diesen 
zwei  an  hinzugetretner  Hirn-Hamorrhagie.  (Andral  l.  c.  p.  210.J 
Auch  die  endemische  Colik  nimmt  nur  selten  einen  todtlichen  Aus- 
gang.  (Segond  l.  c.  p.  22.)  Dagegen  wird  die  Prognose  durch 
zwei  Umstande  misslich,  sowohl  durch  die  grosse  Neiguug  zu  Reci- 
diven,  als  durch  den  Ilinzutritt  von  Lahmung  spinaler  Motilitatnerven 


138 


NEURALGIA  MESENTERIUA. 


und  motorischer  Darmnerven,  von  welcher  letzteren  die  alien  Mitteln 
so  hartnackig  widerstehende  Verstopfung  die  Folge  ist.  Die  Furcht 
vor  drohendem  Uebergange  in  Darmentzundung  wird  factisch  nicht 
gerechtfertigt.  In  der  Bleicolik,  wenn  sie  auch  einen  rascheren  Ver- 
lauf  genommen  hat,  und  mit  erhitzenden  drastischen. Mitteln  behan- 
delt  worden  ist,  finden  sich  nach  dem  Tode  keine  Spuren  von  Ente- 
ritis. Die  Beispiele  von  rheuraatischer,  schnell  in  Entzundung  umge- 
schlagner  Colik,  welche  man  anzufuhren  pflegt,  beruhen  mehr  auf 
Fehlgriffen  in  der  Diagnose. 

Der  Erfolg  in  der  technischen  Behandlung  der  Neuralgia 
mesenterica  ist  im  Allgemeinen  von  der  geschickten  Abwechslung 
eroffnender  Mittel  und  des  Opiums  abhangig.  Darauf  waren  schon 
die  alteren  Aerzte  (Fernel,  Rivifere  u.  a.)  recht  bedacht,  und  dem 
praktischen  Genie  Sydenham’s  verdankt  man  hieruber  treffliche 
Winke  und  Lehren.  In  der  Bleicolik  findet  diese  Maxime  ihre  aus- 
gedehnteste  Anwendung,  und  die  zu  einem  grossen  Rufe  gelangte 
Methode  im  Pariser  Charite-Krankenhause  basirt  darauf.  (Vgl.  die 
nahere  Angabe  in  Me  rat’s  traite  de  la  colique  metallique,  p.  156 — 
160.)  Ein  einfaclieres  Verfahren  be wahrt  mir  seit  einer  Reike  von 
Jahren  seinen  Nutzen.  Ich  begin ne  die  Kur  mit  ol.  Gi'oton.,  wovon 
in  der  Regel  1 — 3 Tropfen  hinreichend  sind  Oeffnung  zu  bewirken. 
(Bj:  ol.  Crolon.  gtt  jjj  f[.  alb.  5(3  Mfo  Divid.  in  Ires  part.  aeq. 
S.  zweistiindlich  ein  Pulver)  und  verordne  gegen  Abend  % Gran 
Opium  purum.  Am  andern  Morgen  wiederhole  ich  den  Gebrauch 
des  Crotonols,  lasse  den  Tag  iiber  eine  Mandelol -Emulsion  und 
gegen  Abend  das  Qpiat  nehmen  u.  s.  f.  Selten  fand  ich  mehr  als 
5 — 6 Tage  zur  Heilung  erforderlichj  und  hatte  nicht  noting,  zu 
andern  geruhmten  Mitteln  meine  Zuflucht  zu  nehmen,  wovon  die 
wenigsten  der  Erwartung  entsprechen.  S^gond  empfiehlt  in  der 
endemischen  Colik  als  selir  wirksam  die  Anwendung  von  Vesicato- 
rien  auf  das  Riickgrath,  die  endermatische  Application  des  Morphium 
und  den  Gebrauch  von  Aloe  und  Calomel;  bei  chronischem  Yerlaufe 
das  01.  tereb.  aeth.  — In  den  andern  Arten  der  Neuralgia  mesen- 


NEURALGIA  MESENTERICA. 


139 


tcrica  reicht  man  meistens  mit  mildern  Purgantien  aus,  unler  denen 
das  ol.  Ricini  am  haufigsten  in  Gebrauch  gezogen  wird.  Auch  Clys- 
mata  fmden  bier  ihre  S telle,  aus  Emuls.  Asae  foetidae  mit  Ol.  Lini 
und  besonders  aus  Infus.  Bb.  Nicotian. 

Die  Radicalcur  stutzt  sich  auf  Beseitigung  der  Ursachen  und  der 
Complicatioiien.  So  wird  die  endemische  Colik  ohne  Entfernung  des 
Kranken  aus  der  ungesunden  Gegend,  die  Bleicolik  ohne  Vermei- 
dung  des  schadlichen  Gewerbes,  nicht  griindlich  geheilt.  Wo  die 
Anfalle  der  mesenterischen  Neuralgie  haufig  zuriickgekehrt  sind,  bei 
Hypochondristen,  bei  Haemorrhoidarien  etc.  diirfen  die  zu  Stande 
gekommenen  Storungen  in  den  dr'usigen  Absonderungen  des  Darm- 
kanals  nicht  iibersehen  werden.  Hier  sind  die  Thermen  von  Carls- 
bad, Wiesbaden,  Ems,  die  Quellen  Marienbad’s  sehr  oft  von  ausge- 
zeicbnetem  Erfolge,  auf  deren  Gebrauch  man  alsdann  um  so  sichrer 
die  See-  und  Eisenbader  folgen  lassen  kann. 

Ohne  Beihulfe  einer  geordneten  Diat  misslingt  die  Kur.  Unter  den 
verschiednen  Arten  der  Bewegung  ist  das  Reiten  vorzugsweise  anzu- 
empfehlen,  welches  bereits  von  Sydenham  als  Specificum  geruhmt 
worden  ist.  Warme  Bekleidung  des  Bauches  und  Riickgraths  ist 
i heilsam. 

Was  endlich  die  Behandlung  der  Folgezustande  betrifft,  so  ver- 
weise  ich  auf  den  Abschnitt  uber  Paralysen. 


-W-O-W 


4.  Gatiluiig. 


Ilyperaesthesia  plexus  hypogastrici. 


Diese  bisher  noch  nicht  beschriebne  Neuralgie  des  Sympathicus 
giebt  sich  durch  wehe  Empfindungen  in  der  untern  Bauchregion 
kund,  durch  Schmerz  und  Druck  in  der  Sacralgegend,  mit  einem 
auf  den  Mastdarm,  auf  die  Harnblase  und,  beim  weiblichen  Geschlechte, 
auf  die  Gebarmutter  und  Scheide  pressenden  Gefiihle.  Schmerzen  in 
den  Oberschenkeln  sind  als  Mitempfindungen  haufig.  Bei  Frauen- 
zimmern  haben  die  Symptome  grosse  Aehnlichkeit  mit  denen  einer 
Senkung  oder  retroversio  uteri,  nur  treten  sie  anfallsweise  auf,  wer- 
den  nicht  durch  die  veranderte  Lage  des  Korpers  erleichtert,  und 
geben  dem  untersuchenden  Finger  keine  abnorme  Riclitung  der  Ge- 
barmutter zu  erkennen.  Bei  Mannern  pflegt  man  die  Erscbeinungen 
mit  dem  gelaufigen  Namen  der  Hamorrhoidalcolik  zu  belegen. 

Im  kindlichen  Alter  kommt  die  hypogastrische  Neuralgie  gar  nicht 
zum  Yorschein.  Im  mannlichen  Geschlechte  disponirt  das  mittlere 
Lebensaller.  Im  weiblichen  zeigt  sie  sich  oft  mit  Entwicklung  der 
Pubertat  und  begleitet  in  nicht  seltnen  Fallen  jedcn  Menstrualcyclus. 
Hysterische  Diathesis  ist  haufig  yorhanden.  Zuweilen  bildet  sie  sich 
erst  im  Alter  der  Decrepiditat  aus.  Ausschweifungen  im  Liebesge- 
nuss  sind  fur  beide  Geschlechter  ein  haufigel*  Anlass.  Fine  Affection 
des  Cenlralorgans,  der  pars  lumbalis  des  Riickenmarks,  liegt  wohl 
mehrentheils  zu  Grunde.  Das  Mitleiden  von  Spinalnerven,  (den  n. 


NEURALGIA  IIYPOGASTRICA. 


141 


haemorrhoid,  mediis)  und  die  schmerzhaften  Empfindungen  im  Kreutze, 
von  wo  der  neuralgische  Anfall  gewohnlich  ausgeht,  lassen  sich  da- 
fi'ir  anfuhren.  Folgewirkungen  sind,  wie  iiberhaupt  bei  Neuralgieen 
im  Gebiete  des  Sympathies,  Storungen  im  Blutumlaufe  und  in  den 
Secretionen  der  betroffnen  Organe. 

Beide  Umstande  miissen  in  der  Behandlung  berucksichtigt  werden. 
Auf  den  untern  Theil  des  Riickgraths  wirke  man  durch  Schropfkopfe, 
Blutegel,  fliegende  Yesicatore,  Douche,  kalte  Waschungen.  Wo  im 
Uterinsystem  krankhafte  Absonderungen  zu  Stande  gekommen  sind, 
passen  bei  reitzbaren  Individuen  die  Emser  Thermen,  bei  torpiden 
die  Kissinger  Quellen.  AIs  palliative  Mittel  zeigen  sich  die  Antihyste- 
rica  wirksam.  Concentrirt  sich  die  Neuralgie  mehr  auf  den  Mastdarm, 
so  leistet  die  mix  vomica  in  kleiner  Dosis  gute  Dienste.  (3 — 4 gr. 
6 nuc.  vom.  oder  y3  gr.  extr.  nuc.  vom.  spirit.)  Fiir  leichten  Stuhl- 
gang  ist  zu  sorgen,  wozu  sich  bei  Complication  mit  Haemorrhois  die 
Schwefelpraparate  eignen. 


/ 


5.  Gattung. 


Hyperaesthesia  plexus  spermatid. 

f 


Diese  Hyperasthesie  aussert  sidi  durch  Sehmerzen,  die  beim  mann- 
lichen  Geschlechte  im  Hoden  ihren  Sitz  nehmen. 

Astley  Cooper  observations  on  the  structure  and  diseases  of  the  testis.  Lon- 
don 1830.  Chapter  IV.  On  the  irritab  le  testis  p.  49. 

Der  Kranke  klagt  'uber  sehr  grosse  Empfindlichkeit  und  Schmerz- 
haftigkeit  im  Iloden,  gewohnlich  nur  an  einer  Stelle,  welche  bei 
ausserem  Drucke  und  Bewegung  zunimmt,  und  von  Zeit  zu  Zeit 
einen  solchen  Grad  erreicht,  dass  die  geringste  Beriihrung  unertrag- 
lich  wird,  und  nur  ruhige  Riickenlage  einige  Erleichterung  gewahrt. 
Der  Testikel  ist  unbedeutend  angeschwollen.  Auch  Nebenhode  und 
Samenstrang  werden  von  der  Neuralgie  befallen,  wobei  die  blosse 
Schwere  des  Testikels  unleidlich  ist,  und  der  Kranke  ohne  Suspen- 
sorium  keine  Ruhe  findet.  Oft  sind  zugleich  Sehmerzen  im  Riicken 
und  Beine  vorhanden,  und  grosse  Reitzbarkeit  des  Magens,  so  dass 
leicht  Erbrechen  entsteht. 

Die  psychische  Ruckwirkung  ist  machtiger  als  bei  andern  Neural- 
gieen : alle  Lust  am  Leben  und  an  seinen  Freuden  gelit  verloren, 
und  nur  von  der  Castration  erwartet  der  Leidende  Ileil.  Ich  hatte 
einen  solchen  Kranken  in  der  Behandlung,  welcher,  als  er  Brauti- 
gam  war,  von  dieser  Neuralgie  befallen  wurde.  Trotz  aller  ernsten 
Einwendungen  cines  beriihmten  Chirurgen,  den  ich  zu  Rathe  ge- 


NEURALGIA  SPERMATICA. 


143 


zogen  hatte,  trotz  meiner  Vorstellungen  seines  gegenwartigen  Ver- 
haltuisses,  bestand  er  dergestalt  auf  die  Operation,  dass,  urn  grbsse- 
rem  Unheil  vorzubeugen,  dieselbe  unternommen  wurde.  Acht  Tage 
darauf  stellte  sich  der  Schmerz  in  dem  andern  Testikel  ein,  den  der 
Herr  jedoch,  da  die  Hochzeit  vor  der  Thure  war,  lieber  behielt  und 
sich  aucli  bald  der  Genesung  erfreute.  Der  exstirpirte  Hode  wich, 
einige  erweiterte  Gefasse  ausgenommen,  nicht  im  geringsten  von  der 
v Norm  ab.  A s 1 1 e y C o o p e r hat  in  drei  Fallen,  gegen  seinen  Wunsch, 
die  Operation  vorgenommen,  and  ebenfalls  den  Testikel  vollkommen 
. gesund  gefunden. 

Die  Dauer  erstreckt  sich  auf  Monate  und  Jahre,  mit  Intervallen 
von  Ruhe,  welche  der  Kranke  oft  als  Genesung  deutet,  indessen,  bei 
Vernachlassigung  gewohnter  Yorsicbt  in  Bewegungen  und  Stellun- 
.gen,  seiner  Tauschung  bald  inne  wird. 

Das  jugendliche  und  mittlere  Lebensalter  begunstigt  die  Entste- 
hung  der  Neuralgia  spermat.,  deren  Ursachen  unbekannt  sind. 

Ein  Gewahrsmann,  auf  den  man  sich  gern  beruft,  Astley  Coo- 
i per,  halt  diese  Krankheit  fur  analog  mit  dem  Tic  douloureux , und 
■ von  einem  Centralleiden,  seltner  von  einem  peripherischen,  abhangig. 
Dieser  Idee  gem  ass  verbindet  er  eine  allgemeine  Kur  reitzbarer 
'Schwache  mit  der  ortlichen.  China,  Eisen,  Seebiider  und  Seereisen 
n warmen  Climaten,  Gebrauch  von  Narcot.  (Conti  gr  jjj  Opii  gr. 
j.  extr.  Strammon.  e semin.  gr  (3.  2 — 3mal  taglich,  Belladonn.  gr. 
3 — gr  jjj.J  Aeusserlich  extr.  Belladonn.  Eis,  Opium  und  Campher, 
Tinct.  Jodin.  eingerieben,  bis  ein  Erythem  zum  Vorschein  kommt, 
Vesicat.  in  die  Weiche  und  auf  den  Schenkel  applicirt  und  mit  Cerat. 
Sabin,  c.  Opio  verbunden,  verdunstende  Waschungen  von  verdiinn- 
em  Spiv.  \ ini  und  Aether,  von  Kali  nitr.  mit  Ammon,  muriat.  Auch 
impfiehlt  Astley  Cooper  zu  Anfang  Calomel  und  Opium  bis  zur 
$elindcn  Salivation  und  dec.  Sarsap.  comp.,  wodurch  alle  Secretio- 
len  befordert  und  die  erhohte  Reitzbarkeit  gedampft  wird.  Der  Coi- 
ns erleichtert  bei  einigen  momentan,  pflegt  aber  heftigeren  Schmerz 
:ur  holge  zu  haben.  In  den  Fallen,  wo  bei  Unwirksamkeit  aller 


144 


NEURALGIA  UTERINA. 


Mittel  die  Kranken  selbst  auf  die  Castration  bestanden,  kehrte  der 
Schraerz  nach  der  Operation  nicht  zuriick.  Bei  einem  meiner  Kran- 
ken sah  ich  von  dem  anhaltcnden  Gebrauche  der  Asa  foelida  einen 
hcilsamen  Erfolg. 


Auch  beim  weiblichen  Geschlechte  ist  in  einepi  Sexualorgan,  wel- 
ches im  Bereiche  des  hypogastrischen  Plexus  befindlich  ist,  in  der 
Geb  arm  utter,  eine  Schmerzhaftigkeit  mit  neuralgischem  Charak- 
ter  beobacbtet  und  bescbrieben  worden. 

Robert  Gooch  of  the  irritable  uterus  in  dessen:  an  account  of  some  of  the 
most  important  diseases  'peculiar  to  women.  London  1831, 
p.  299. 

Folgende  Symptome  geben  diese  Affection  kund:  Schmerz  im  un- 
. tern  Theile  des  Bauches,  langs  dem  Beckenrande  und  in  der  Lenden- 
gegend.  Zunahme  des  Schmerzes  in  aufrechter  Stellung  und  bei  Be- 
wegung,  Nacblass  in  ruhiger  horizontaler  Lage.  Heftigere  neural- 
gische  Anfalle  treten  von  Zeit  zu  Zeit  ein,  besonders  vor  oder  nach 
der  Menstruation,  verschwinden  wieder  bei  gehoriger  Behandlung, 
und  hinterlassen  die  gtewohnliche  andauernde  Schmerzhaftigkeit.  Der 
Uterus  ist  bei  der  Untersuchung  ausserst  empfmdlich.  Etwas  Ge- 
schwulst  oder  vielmehr  Spannung  des  Gebarmutterhalses  abgerech- 
net,  ist  jedocb  keine  Abweichung  von  der  normalen 
Structur  und  F orm  zu  entdecken,  und  gesellt  sich  auch 
nicht  im  spateren  Yerlaufe  der  Krankheit  hinzu.  Die 
Menstruation  dauert  oft  regelmiissig  fort,  wird  auch  zuweilen  schwa- 
clier  oder  hort  ganz  auf.  Der  Darmkanal  isttrage;  allein  starke  Pur- 
girmittel  veranlassen  jedesmal  einen  heftigen  Anfall  des  Schmerzes. 

AIs  Ursachen  wirken  ubermassige  korperliche  Anstrengungen  zu 
Zeiten,  wo  der  Uterus  besonders  reitzbar  ist,  wahrend  der  Catame- 
nien,  Lochien  etc.  Die  Kranken  litten  schon  zuvor  an  schmerzhafter 
Menstruation,  und  hatten  iiberhaupt  eine  rcitzbare  Constitution. 

Die  Ileilung  ist  sehr  schwer  und  eine  grosse  Neigung  zu  Recidi- 
ven  vorhanden. 


NEURALGIA  UTERINA. 


145 


Zur  gliicklichen  Behandlung  ist  vor  allem  horizontale  Lage  eine 
geraume  Zeit  hindurch,  selbst  beim  Nachlass  der  Scbmerzen,  noth- 
wendig.  Oertliche,  wiederholte  Blutentleerungen  mittelst  Schropf- 
kopfe  auf  die  Sacral-  und  hypogastrische  Gegend  werden  empfohlen, 
besonders  im  Anfange  der  Krankheit.  Desgleichen  milde  Narcotica 
zum  innern  Gebrauche  und  in  Clystiren.  Ableitende  Mittel  (Vesica- 
toria,  Exutoria)  auf  das  Kreutz,  Halbbader.  Bei  gesunknen  Kraften 
und  bysterischer  Diathesis  Eisenmittel.  Zuweilen  hatte  auch  die  An- 
wendung  von  Mercurialien  Erfolg,  doch  nur  im  Beginne  und  bei  gu- 
tem  Kraftezustande. 


aj-o-a* 


Romberg's  Nervonkrankh.  I. 


10 


f&f1  /4id  Kt&Q  y&cPj 

i^'  O'.m  o'a«% 


Zweite  Ordnung. 

Hyperasthesleen  der  Centralorgane. 

-°-&<3r°- 


In  den  bisher  betrachteten  Hyperaslhesieen  der  cerebrospinalen 
Nerven  wurde  der  Unterschied  des  Sitzes  in  den  peripherischen  oder 
centralen  Bahnen  nach  seiner  vollen  Wichtigkeit  hervorgehoben,  und 
darauf  aufmerksam  gemacht,  dass,  wenn  auch  die  centrale  Faserung 
des  Nerven,  sei  es  im  Gehirne  oder  Riickenmarke,  der  Ausgangs- 
punkt  ist,  dennoch  nach  dern  Gesetze  der  excentrischen  Erscheinung 
die  bewusst  werdende  Empfindung  in’s  peripherische  Elide  verlegt 
wird.  Anders  verhiilt  es  sich,  wenn  Riickenmark  oder  Gehirn  als 
Centralorgane  afficirt  sind : dann  aussert  sich  die  Empfindung  an  Ort 
und  Stelle  selbst;  bei  dem  Ruckenmarke  noch  mit  gleichzeitiger  Aus- 
strahlung  nach  den  peripherischen  Nerven,  wovon  der  Grand  wohl 
in  dem  niiheren  Beisammensein  der  durch  diesen  Apparat  verlaufen- 
den  Nervenfasern  zu  suchen  sein  diirfte. 

Eine  andre  Verschiedenheit  der  Hyperiisthesieen  der  Centralorgane 
von  denen  der  Nervenbahnen  ist  die  Mitaffection  der  motorischen, 
und  beim  Gehirne  auch  dcr  psychischen  Krafte.  In  den  Neuralgieen 
des  Quintus  etc.,  und  besonders  der  sympathischen  Nerven,  baben 
wir  zwar  der  Begleitung  von  Bewegungen  gedacht,  allein  auch  ilire 
Deutung  als  Reflexaction  gegeben.  In  der  spinalen  und  cerebralen 
Neuralgie  ist  die  motorische  Sphare  direct  mitbetheiligt,  und  nicht 


HYPERAESTHESIEEN  DER  CENTRALORGANE.  147 

auf  dieselbe  Weise:  Abnahme  und  Verlust  der  Motilitat  werden 
ofters  beobacbtet. 

Um  die  Differenz  zwischen  blosser  Reitzung  der  sensibeln  Partieen 
der  Centralapparate  und  ihren  Hyperasthesieen  deutlicher  hervorzu- 
heben,  habe  ich  die  Schilderung  des  dolor  spinalis  und  cerebralis  der 
Exposition  der  Neuralgieen  dieser  Organe  vorangeschickt. 


-BK>  HU- 


10* 


A.  Hyperasthesie  des  Riickenmarks. 


Dolor  medullae  spinalis. 

Experimentelle  Ergebnisse.  Aus  den  bekannten  von  Bell 
angeregten  Versuchen  geht  hervor,  dass  die  hintern  gangliosen  Wur- 
zeln  der  Spinalnerven  ausschliesslich  Leiter  der  Sensibilitat  sind,  die 
sich  bei  jeder  mechanischen  Reitzung  dieser  Wurzeln,  sei  sie  riahe 
oder  entfernt  vom  Riickenmarke,  durch  lebhafte  Aeusserung  des 
Schmerzes  kundgiebt.  Hierin  stimmen  alle  Beobachter  iiberein : allein 
uber  die  Annahme  desselben  Attributs  fur  die  hintern  Strange  des 
Ruckenmarks  drucken  sich  einige  zweifelhaft  aus,  andre  verneinend. 
(J.  Muller,  Handb.  der  Physiol,  des  Menschen.  3.  Aufi.  1.  B.  S. 
814.)  Ohne  die  iiberzeugenden  Resultate  von  van  Deen’s  Ver- 
suchen  hier  anfiihren  zu  wollen,  genuge  es,  auf  die  neuesten  Experi- 
mente  an  Quadrupeden  von  Mag en die  zu  verweisen,  wonach  die 
auf  die  hintern  Strange  beschriinkte  Reitzung,  z.  B.  Stechen  mit  ei- 
ner  Nadel,  nichts  anders  als  Schmerz  erregt,  eben  so  ausschliesslich 
wie  die  Reitzung  der  hintern  Wurzeln.  (Logons  sur  les  fonciions  el 
les  maladies  du  sysleme  nerveux.  Paris  1 839.  p.  150  etc.J 

Ausser  dieser  urspriinglichen  oder  immanenten  Sensibilitat  kommt 
eine  mitgetheilte,  gleichsam  erborgte  Sensibilitat  den  vordern  Stran- 
ger) des  Ruckenmarks  und  den  vordern  Spinalnerven- Wurzeln  zu, 
auf  dicselbe  Welse,  wie  den  peripherischen  Bahnen  der  motorischen 
Nervcn.  Wird  die  vordre  Wurzel  eines  Spinalnerven  am  lebenden 
Thicre  gereitzt,  so  zeigt  sie  sich  empfindlich,  wenn  auch  in  einem 


8PI1NALSCII31EHZ. 


149 


schwachern  Grade  als  die  hintre  Wurzel.  Wird  sie  durchschnitlen, 
so  erfolgt  bei  noch  so  starkem  Zerren  und  Stechen  des  mit  dem 
Ruckenmarke  zusammenhangenden  St'uckes  keine  Aeusserung  des 
Schmerzes,  wahrend  die^Reitzung  der  hintern  Wurzel  unverandert 
ihn  kundlhut.  Durchschneidet  man  die  hintre  Wurzel,  und  lasst  die 
vordre  unversehrt,  so  zeigt  sich  in  dieser  keine  Spur  metre  von  Sen- 
sibilitiit.  Dieselben  Erscheinungen  machen  sich  an  den  vordern  Striin- 
gen  des  Riickenmarks  bemerkbar.  Wenn  auch  ilire  Empfindlichkeit 
schwiicher  ist  als  die  der  hintern  Strange,  so  ist  sie  doch  unverkenn- 
bar,  erliseht  aber  sofort,  sobald  die  vordre  Wurzel,  oder  ouch  die 
hintre  Wurzel  allein  durchschuitten  wird.  So  ist  nach  Durchschnei- 
dung  der  hintern  Wurzel  des  zweiten  Lendennervenpaars  der  vordre 
Strang  in  der  Nahe  der  entsprechenden  vordern  Wurzel  nicht  mehr 
empfindlich,  w^ahrend  er  an  den  iibrigen  Stellen,  z.  R.  im  Segmente 
des  ersten  Lendenpaars,  seine  Sensibilitat  noch  offenbart.  Durch  diese 
Versuche  wird  erwiesen,  dass  die  vordern  Wurzel n und  Strange  nur 
dadurch  sensibel  sind,  dass  sie  mit  der  hintern  Wurzel  zusammen- 
hangen  und  diese  letztere  noch  mit  dem  hintern  Riickenmarkstrange, 
der  gemeinschaftlichen  Quelle  der  Sensibilitat,  Communication  hat 
(Vgl.  Magendie  1.  c.  p.  89,  151,  344.) 

Die  chirurgischenBeobachtungen  beziehen  sich  fast  sammt- 
lich  auf  Verlust  der  Bewegung  und  Empfindung  bei  und  nach  Ver- 
letzungen  des  Riickenmarks.  In  wenigen  geschieht  des  Schmerzes, 
als  Hauptzuges,  Erwahnung,  und  unter  diesen  habe  ich  nur  eine  ge- 
funden,  welche  die  Resultate  der  Experimente  bestatigt.  Ein  Kran- 
ker  klagte  nach  einem  Falle  auf  den  Riicken  liber  Schmerzen  in  den 
Hiiften  und  in  den  Dorsalwirbeln : die  untern  Extremitatcn  waren 
gelahmt.  Der  Riickenschmerz  wurde  von  Tag  zu  Tag  heftiger  und 
unter  hinzugelretnen  Delirien  und  Asphyxie  erfolgte  der  Tod.  An 
zwei  Stellen  der  hintern  Fliiche,  im  Niveau  des  4.  und  5.  Dorsal- 
wirbels,  waren  die  Membranen  gerissen,  und  die  Substanz  des  Riik- 
kenmarks  hindurchgetreten.  ( Ollivier,  tvaile  cles  maladies  de  la 
moelle  rpinicre.  3.  edit.  Paris  1837,  T.  J,  p.  503(/) 


150 


SPINALSCFIMERZ. 


In  k r a n k h a f t e n Z u s t ii  n d e n des  Itiickenmarks  ist  der  Schmerz 
ein  haufiger  Begleiter  und  liisst  durch  die  Combination  mit  andern 
Erscheinungeu  nicht  bloss  die  Existenz  sondern  auch  die  Art  der 
organiscbcn  Yeranderung  erkennen:  besonflers  ist  es  das  Verhaltniss 
zur  Motilitat,  welches  den  Ausschlag  giebt.  Audi  hat  der  Schmerz 
das  Eigenthiimliche,  dass  er  selten  auf  den  Riicken,  sei  es  in  einem 
kleineren  oder  grosseren  Umfange,  beschriinkt  bleibt,  sondern  nach 
den  Extremilaten,  zumal  den  untern,  und  nach  dem  Rumpfe  hin  sich 
verbreitet.  Beim  Eintritte  von  Hirnsymptomen  lasst  er  nach  oder 
tritt  ganz  in  den  Hintergrund. 

Betrachten  wir  die  einzelnen  Krankheiten  in  Bezug  auf  den  Riik- 
kensdimerz,  so  finden  wir  ihn  als  bestandigen  Gefahrten  der  Me- 
ningitis spinalis,  wo  er  durch  jede  Bewegung,  spontane  oder 
mitgetheilte,  des  Rumpfes  oder  der  Glieder  betrachtlich  vermehrt 
wird,  ohne  durch  aussern  Druck  auf  den  Riicken  zuzunehmen.  Gleich- 
zeitig  finden  oft  starre  schmerzhafte  Contractionen  der  Muskeln  des 
Riickens  oder  der  Extremitaten  statt.  Allein  auch  ohne  diese  ist  der 
Schmerz  von  der  Art,  dass  er  die  Muskelaction  verhindert,  und  eine 
Unbeweglichkeit  veranlasst,  die  ofters  als  Paralyse  gemissdeutet  wird. 
Nur  selten  ist  er  anhaltend,  gewohnlich  macht  er  Remissionen. 

In  der  Myelitis  ist  der  Riickenschmerz  circumscript,  dem  Sitze 
der  Krankheit  entsprechend,  und  mehr  in  der  Tiefe.  Mit  ihm  ver- 
bindet  sich  Lahmung,  in  verschiednem  Grade,  der  untern  Extremi- 
taten haufiger  als  der  oberen,  und  der  Sphincteren.  Ausser  dem 
Schmerze  werden  auch  andre  Modalitaten  der  Empfindung  beobach- 
tet,  besonders  Formication.  Durch  die  Bewegung  der  Glieder  wird 
der  Schmerz  im  Riicken  nicht  gesteigert.  Je  nach  dem  Sitze  der 
Myelitis  zeigen  sich  oft  schmerzhafte  Empfindungen  in  den  Extremi- 
taten, an  der  Aussenflache  des  Rumpfes,  und  in  den  inneren  Organen. 

Bei  Complication  der  Myelitis  mit  Krankheiten  der  YYirbelknochen 
ist  die  Erregung  und  Vermchrung  des  Riickenschmerzcs  durch  iiu- 
sseren  Druck  charakteristisch,  so  wie  iiberhaupt  durch  aussere  Reit- 
zung,  durch  Beriihren  mit  einem  heissen  Schwamme  u.  s.  f. 


SPINALSCHMEKZ. 


151 


Endlich  geben  die  im  Ruckenmarke  und  auf  seincn  Membranen 
wuchernden  After gebilde,  zumal  die  carcinomatbsen,  am  haufig- 
sten  Anlass  zu  den  schmerzhaftesten  Empfindungen  im  Riicken, 
Rumpfe,  Exlremitaten.  Lancinirende  Schmerzen,  die  wie  Blitze  von 
der  Dorsal-  oder  Lumbargegend  nach  den  unbeweglichen  oder  ge- 
lahmten  Gliedern  hinschiessen,  sind  bezeiclinend.  Ich  behandle  ge- 
genwartig  mit  S ch  onlein  eine  40jahrige  Dame,  deren  rechte  Brust- 
driise  vor  vier  Jahren  nach  vorangegangnen  heftigen  GemuthsafFecten, 
an  einem  Scirrlius  zu  erkranken  anfing,  welcher  sich  allmahlig  aus- 
bildete.  Vor  sechs  Monaten  gesellte  sich  Schmerz  in  der  Lumbar- 
gegend hinzu,  mit  erschwerter  Beweglichkeit  der  untern  Extremi- 
taten,  zumal  des  linken  Beines.  Der  Schmerz  verbreitete  sich  nach 
der  Schultergegend,  Nacken,  und  uberall  ward  er  von  einer  verhin- 
derten  Beweglichkeit  hegleitet.  Seit  dieser  Zeit  sind  die  Schmerzen 
in  der  Brustdriise  sehr  vermindert,  und  der  Scirrhus  selbst  hat  an 
Umfang  abgenonmien : allein  die  Schmerzhaftigkeit  des  Riickens, 
Rumples  und  besonders  des  linken  Fusses  steigert  sich  von  Zeit  zu 
Zeit  zu  grosser  Quaal.  Die  geringste  Bewegung  dieses  Fusses  presst 
ein  lautes  Geschrei  aus.  Abmagerung,  Blasse  des  Gesichts,  Mangel 
des  Appetits,  Verfall  der  Kriifte  sind  bereits  hinzugetreten,  und  Ge- 
schwulst  und  Verkriimmung  der  Wirbelsaule  zeugen  von  der  Theil- 
nahme  des  Knochensystems  an  der  carcinomatosen  Diathesis. 

Zur  Priifung  der  physiologischen  Ergehnisse  in  BetrefF  der  Stiittc 
der  Sensibilitat  im  Ruckenmarke  eignen  sich  unter  den  bisher  mit- 
getheilten  pathologischen  Beobachtungen  nur  wenige,  woran  theils 
die  Unaufmerksamkeit  bei  der  Untersuchung  schuld  ist,  theils  der 
Mangel  einer  scharfen  Abgranzung  des  pathischen  Yorgangs  in  den 
vordern  oder  hintern  Strangen  des  Ruckenmarks,  und  das  Auflioren 
des  Schmerzcs  bei  vorschreitender  Krankheit.  Eine  grossere  Sicher- 
heit  gevviihrt  die  BeschafFenheit  der  Spinalnervenwurzeln,  welche 
selbst  in  Fallen,  vwo  dcr  Zustand  des  Ruckenmarks  den  physiologi- 
schen Annahmen  minder  g'unstig  ist,  Aufschluss  giebt,  z.  B.  in  folgen- 
der  Beobachtung  von  Rullier.  Ein  44jahriger  Mann  hatte  sicben 


152 


SPINA  LSCHJV1ERZ. 


Jahre  vor  seinem  Tode  einige  Beschwerde  bei  Bewegung  seiner  Arme, 
die  bald  darauf  plotzlich  gelahmt  wurden.  Die  lliinde  wurden  steif 
und  contrahirt.  Nur  die  MotiliUit  der  obern  Extremitaten  war  einge- 
busst,  die  Sensibilitat  vollkommen  erhalten.  Das  Riickenmark  war  in 
einem  Umfange  yon  6"  zu  einer  flussigen  Masse  erweicht,  weniger 
in  den  vordern  als  in  den  hinteru  Strangen.  Dagegen  waren  die 
vordern  Wurzeln  der  Spinalnerven,  welche  von  der  desorganisirten 
Stelle  abtraten,  ihres  Markes  verlustig  und  auf  das  blosse  Neurilemm 
reducirt.  Die  hintern  Wurzeln  hatten  bis  zu  den  Membranen  des 
Riickenmarks  ihre  normale  BeschafTenbeit.  ( Ollivier  traite  des  ma- 
ladies de  la  moelle  epiniere  3.  edit.  Paris  1836,  T.  II,  p.  368.J  In 
einigen  Fallen  mit  Integritat  der  Empfindung  bei  Verlust  der  Motili- 
tat  waren  die  vordern  Strange  Sitz  der  Desorganisation.  Ollivier 
( l . c.  p.  382^  beschreibt  einen  Fall  von  Paraplegie  bei  einem  63jah- 
rigen  Manne,  der  seit  sieben  Jaliren  im  Bette  mit  gebognen  Fiissen 
lag,  welche  er  weder  zu  extendiren  noch  uberhaupt  zu  bewegen  im 
Stande  war.  Dabei  hatte  sich  die  Sensibilitat  ungestort  erhalten: 
Stechen  und  Kneifen  machte  ihm  Schmerz.  Bei  der  Section  wurde 
die  vordre  Flache  des  Riickenmarks  erweicht  gefunden,  abwarts  bis 
zur  Lumbaranschwellung,  aufwarts  bis  in’s  Gehirn  hinein.  Die  corp. 
pyramid,  und  olivar.  waren  zu  einer  zerlliessenden  graufarbnen  Masse 
zergangen,  und  die  Erweichung  liess  sich  durch  die  Hirnschenkel, 
Sehnervenhiigel  und  gestreiften  Ivorper  bis  in  die  Mitte  der  rechten 
Hemisphare  und  in  die  Hirnwindungen  verfolgen.  Die  hintere  Flache 
des  Riickenmarks  hatte  ihre  normale  BeschalTenheit.  Auch  Aber- 
crombie erwahnt  (Pathol,  and  pracl.  researches.  3 edit.  p.  338i 
ein  Paar  Fiille  von  Paraplegie  mit  ungestorter  Sensibilitat.  In  dem 
einen  waren  die  vordern  Strange  des  Dorsaltheils  von  fliissiger  Con- 
sistenz,  wahrend  die  hintern  Strange  ihre  Integritat  beibehalten  hat- 
ten,  so,  dass  das  herausgenommene  und  in  die  Hohe  gehaltne  Riik- 
kenmark  nur  mittelst  dieser  in  Zusammenhang  blieb.  Endlich  theilt 
Cruveilhier  f Anatom,  patholog.  Livr.  XXXII,  p.'2)  eine  Beobach- 
tung  von  carcinomatoser  Geschwulst  auf  der  vordern  Flache  des 


SPINALSCIIMERZ. 


153 


Riickenmarks  mit,  wobei  die  untern  Extremitaten  ihre  Motilitat  ganz 
eingebiisst,  die  Sensibilitat  dagegen  ungestort  behalten  hatten. 

So  wie  an  Iebenden  Thieren  die  Reitzung  der  hintern  Spinalnerven- 
Wurzeln  und  Medullarstrange  heftige  Schmerzen  erregt,  so  scheinen 
auck  bei  Menschen  Aftergebilde  zu  wirken,  welche  in  der  Niihe  die— 
ser  Theile  liegen,  z.  R.  in  den  vordern  Wurzeln  und  Strangen.  In 
Cruve ilhier’s  Werke  (l.  c.  p.  4J  Iiest  man  einen  Fall  von  Lah— 
mung  der  untern  Extremitaten,  mit  ungeheuren  Schmerzen  in  den- 
selben.  In  der  Gegend  des  8.  und  9.  Dorsalwirbels  fanden  sicli  drei 
kleine  fibrose  Geschwiilste,  die  ausschliesslich  in  den  vordern  Spinal— 
nervenwurzeln  ihren  Sitz  hatten ; die  hinteren  waren  unversehrt. 
Auch  Velpeau’s  Beobachtung  gehort  hieher.  Eine  3Gjahrige  Frau 
wurde  zwei  Jahre  zuvor  von  heftigen  Schmerzen  im  linken  Arm  be- 
fallen, mit  verhinderter  Beweglichkeit.  Dann  traten  Convulsionen  und 
bald  darauf  Lahmung  der  Fiisse  ein.  Der  Schmerz  im  linken  Arme 
liess  nach:  der  rechte  wurde  auf  ahnliche  Weise  afficirt.  Die  er- 
sschwerte  Motilitat  dieses  Armes  ging  in  Lahmung  iiber:  die  Schmer- 
zen dauerten  noch  drei  Tage  vor  dem  Tode  fort;  jede  Reitzung  des 
Arms  veranlasste  ein  heftiges  Geschrei.  Im  linken  Arm  war  die  Sen- 
' sibilitiit  erloschen.  Der  untre  Theil  des  Rumpfes  und  die  Beine  wa- 
; ren  gelahmt  und  unempfindlich.  Bei  der  Section  fand  man  ein  Me- 
dullarsarcom  auf  der  vordern  Flache  des  Riickenmarks,  zwischen  Pia 
mater  und  Arachnoidea,  welches  auf  der  linken  Seite  voluminoser  war, 
als  auf  der  rechten,  und  von  der  vordern  linken  Seitenfurche  zu  ent- 
springen  scliien.  An  dieser  Stelle  liessen  sich  die  vordern  Wurzeln 
der  Spinalnerven  nicht  unterscheiden:  die  hintern  waren  zwar  noch 
sichtbar,  allein  krankhaft  verandert.  Auf  der  rechten  Seite  hatten 
die  vordern  Wurzeln  einen  solchen  Druck  erlitlen,  dass  nur  noch 
einzelne  Ffiden  zu  erkennen  waren,  wahrend  die  hintern  Wurzeln 
eine  normale  Beschaffenheit  hatten.  (Ollivier  I.  c.  p.  504.  observ. 

' C XL  I II.) 

In  BetreO  der  Prognose  und  Behandlung  des  Spinalschmerzes 
verweise  ich  auf  den  Abschnitt  iiber  Convulsionen  und  Lahmung: 


154 


SPINALSCHMERZ. 


docli  wird  die  vorlaufige  Warnung  nicht  iibertlussig  sein  sicli  durch 
genaue  Priifung  der  Erscheinungen,  besonders  des  Verhaltnisses 
des  Schmerzes  zu  Storungen  der  Molilitiit,  von  einer  zu  Grunde 
liegenden  Krankheit  des  Ruckenmarks  zu  uberzeugen,  und  sicli 
nicht  mit  den  gewohnlichen  Floskeln : rheumatische,  hamorrhoidali- 
sche  u.  s.  w.  Schmerzen,  welche  im  Munde  der  Techniker  gelaufig 
sind,  zu  begniigen. 


Neuralgia  spinalis. 

(Spinal  irritation  der  neueren  englischen  Autoren.) 


155 


Allgemeine  Criterien  dieser  noch  dunkeln  Affection  sind : Schmer- 

zen  an  irgend  einer  Stelle  auf  der  Oberflache  oder  im  Innern  des 

* 

Korpers,  und  Empfindlichkeit  und  Schmerz  in  einem  entsprechenden 
Bezirke  des  Riickgraths,  welche  letztere  durch  Beriihrung  und  Druck 
auf  die  Wirbel  erregt  und,  wo  sie  bereits  vorhanden  sind,  gesteigert 
werden.  Zu  diesen  neuralgischen  Erscbeinungen  gesellen  sich  oft 
motorische  hinzu. 

Je  nach  dem  Sitze  in  den  verschiednen  Spinalregionen  giebt  sich 
eineMannigfaltigkeit  und  Verschiedenbeit  derSymptome  kund,  welche 
beide  Korperhalften  oder  nur  eine  befallen.  Bei  Affection  des  Cervi- 
caltbeils  verbreitet  sich  der  Schmerz,  wenn  die  obere  Partie  leidet, 
fiber  die  Gegenden  wo  die  Cutanei  des  2.  und  3.  Halsnerven  hin- 
dringen,  uber  Hinterkopf,  Kieferrand  und  Umgebungen  des  Ohres; 
leidet  die  untre  Parthie,  an  den  Schliisselbeinen,  Schultern,  Armen, 
Fingern.  Der  Druck  auf  einen  oder  mehrere  Halswirbel  ist  iiusserst 
schmerzhaft,  und  ruft  uberdiess,  wenn  auch  nicht  immer,  die  schmerz- 
hafte  Empfindung  an  den  ebengenannten  Stellen  hervor. 

Bei  Affection  des  obern  Dorsalbezirkes  ist  die  iiussere  Brustwand 
Sitz  der  neuralgischen  Empfindung,  und  Seitenschmerz,  Pleurody - 
nia  neur algica , ist  eine  haufigeErscheinung,  die  sich  von  andern 
Seitenschmerzen,  rheumatischen  und  pleuritischen,  dadurch  unter- 
scheidet,  dass  schon  die  blosse  Beriihrung  der  Haut  selir  empfindlich 
ist,  dass  der  Schmerz  selbst  einen  kleinen  Umfang  einnimmt,  bei 
Ausdehnung  der  Lunge  durch  Inspiration  sich  nicht  vermehrt,  mit 
keinen  abnormen  percussorischen  und  auscultatorischcn  Symptomen 
verbunden  ist,  und  endlich,  dass  der  Druck  auf  die  obern  Brustwirbel 
schmerzhaft  ist.  Wo  der  untre  Dorsalbezirk  leidet,  ist  Schmerz  in  der 
Magengmbe  vorhanden,  welcher  sich  kings  des  Bippcnrandes  bis  in 
den  Riicken  zieht  und  baufig  in  der  Brust  bis  zum  liaise  aufsteigt. 


156 


SPINALNEURALGIE. 


Die  Berfihrung  und  Compression  des  7.  und  8.  Dorsal  wirbels  ist 
iiusserst  empfindlich  und  steigert  den  Schmerz  im  Scrobic.  cordis. 

Ist  die  Lumbarregion  afficirt,  so  sind  die  Bauchdecken  an  einer 
oder  mehreren  Stellen  schmerzhaft,  Coliken  befallen  von  Zeit  zu 
Zeit,  die  untern  Extremitaten  schmerzen,  und  Druck  auf  dieLenden- 
vvirbel  ist  empfindlich. 

Die  mit  den  neuralgischen  verbundnen  motorischen  Erscheinungen 
haben  mehrentheils  ein  convulsivisches,  seltner  ein  paralytisches  Ge- 
priige,  und  sind  ebenfalls  nach  dem  Sitze  der  Affection  verschieden. 
So  begleiten  offers  Schlund-  oder  Glottiskrampf,  Singultus  oder  eigen- 
thfimlich  tonender  Husten  die  Spinalneuralgie  des  Cervicalbezirks, 
Herzklopfen,  Erbrechen,  Ructus  die  des  Dorsalbezirks,  und  Ischurie  die 
Lumbaraffection.  Die  Bewegungen  der  obern  oder  untern  Extremi- 
taten sind  erschwert,  und  fiber  ein  Geffihl  von  Schwache  und  Er- 
mattung  in  den  Armen  oder  Beinen  wird  meistens  Klage  geffihrt. 

Diese  Affection  haftet  entweder  in  einem  Bezirke  des  Rficken- 
marks,  besonders  in  der  untern  Dorsalpartie  des  7.,  8.  und  9.  Wir- 
bels,  oder  veriindert  ihren  Sitz,  oder,  was  seltner  der  Fall  ist,  dehnt 
sich  fiber  das  ganze  Rfickgrath  aus,  womit  die  Symptome  fiberein- 
stimmen. 

Der  Yerlauf  ist  mehrentheils  chronisch,  der  Typus  aussetzend,  zu- 
weilen  regelmassig  intermittirend.  Die  Zeit  der  Pubertat-Entwick- 
lung  und  das  mittlere  Lebensalter  sind  der  Spinalneuralgie  vorzugs- 
weise  ausgesetzt.  Das  weibliche  Geschlecht  ist  bei  weitem  mehr  dis— 
ponift  als  das  mannliche,  so  dass  3/4  der  Falle  auf  jenes  kommen. 
Hysteric  setzt  eine  entschiedne  Anlage.  Storungen  der  Catamenien, 
das  Wochenbett,  Digestionsleiden  stehen  oft  in  einer  naheren  Bezie- 
hung  zu  dieser  Affection. 

Die  Prognose  ist  im  Allgemeinen  gfirislig. 

Diagnostisches.  Zu  einer  den  Anforderungen  der  Critik  gcnfi- 
gcnden  Kenntniss  dieser  Rrankheit  fehlen  noch  Data:  man  ist  in  den 
Voraussetzungen  ihrer  Existenz  offenbar  zu  weitgegangen,  und  hat  am 
Unerwiesenen  und  Ilypothetischen  Behagen  gefunden.  Dennoch  verdie- 


SP1NALNEURALGIE. 


157 


nen  die  Bemuhungen  derer*)  Anerkennung,  welche  die  Aufmerk- 
'Sarakeit  darauf  gerichtet  haben,  da  das  Gebiet  neuralgischer  Erschei- 
nungen  dadurch  erweitert  worden  ist.  In  diagnostischer  Beziehung 
sind  besonders  zvvei  Umstande  beach  tun  gswerth : 1)  die  Unterschei- 
dung  von  Affectionen  des  Ruckenmarks  und  seiner  Hiillen,  welche 
von  S t ructurveran  deru ngen  abhangig  sind,  und  eine  ernste,  oft  ge- 
fahrliche  Bedeulung  haben.  2)  Die  Verschiedenheit  der  primaren 
'Spinalneuralgie  von  derjenigen,  welche  als  Mitempfindung  sich  gel- 
tendmacht.  Was  das  Erstere  betrifft,  so  haben  hauptsachlich  Krank- 
i heiten  der  Wirbelknochen  mehrere  Symptome  gemein,  die  Schmerz- 
haftigkeit  bei  iiussrer  Beriihrung,  den  spannenden  Schmerz  kings  des 
Rippenrandes  und  in  der  Ilerzgrube,  dieZunahme  desSchmerzes  beim 
Biicken  und  beim  Aufheben  einer  Last,  die  Erleichterung  durch 
iRiickenlage.  Allein  das  Alter,  die  Constitution  der  Kranken  und 
einige  ortliche  Erscheinungen  geben  Merkmale  an  die  Hand,  wodurch 
eine  Verwechslung,  die  fur  die  Behandlung  von  schlimmen  Folgen 
ssein  wiirde,  verhiitet  wird.  Das  kindliche  Alter,  vorzugsweise  Kno- 
cchentuberkeln  ausgesetzt,  ist  in  der  Regel  von  Spinal neuralgie  ver- 
'schont,  welche  mit  der  Pubertat  zum  Vorschein  kommt.  Das  Ge- 
>schlecht  bietet  dort  keinen  Unterschied  dar.  Der  Schmerz  zeigt  sich 
anders,  ist  fix  und  wird  durch  Druck  vermehrt;  in  der  Spinalneu- 
i ralgie  veriindert  er  oft  seinen  Sitz,  und  giebt  sich  schon  bei  einer 
oberflachlichen  Beriihrung,  beim  Kneifen  der  Haut,  kund,  in  einem 
'SO  hohen  Grade,  dass  zuweilen  selbst Ohnmacht  und  Bewusstlosigkeit 
entsteht.  Die  Entstellung  der  Wirbelsaule  durch  successive  Entar- 
tung  des  Knochens,  und  das  bei  langrer  Dauer  immer  eintretende 
I constitulionelle  Leiden  fehlen  in  der  neuralgischen  Affection. 

Ueber  das  Yerbaltniss  der  Spinalneuralgie  entweder  als  Mitem- 


*)  Es  gcniige  unter  den  Engl'andern  Teale  zu  nennen  ( a treatise  on  neuralgic 
diseases,  dependent  upon  irritation  of  the  spinal  marroiv  and  ganglia  of  the 
■sympathetic  nerve.  London  1829.)  und  unter  den  Deutschen  Stilling:  Physiolo- 
: gischc,  pathologische  und  medicinisch-practisehe  Untersuchungen  iiber  die  Spi- 
nal-Irritation. Leipzig  1840. 


158 


SPINALNEURALGtE. 


pfindung  odcr  als  primarer  selbststandiger  Affection  zu  enlscheiden, 
ist  ungemein  schwierig:  denn  obgleich  in  so  vielen  Krankheilen  iiber 
Riickenschmerz  geklagt  wird,  hat  man  sich  dennoch  wenig  um  sei- 
nen  neuralgischen  Charakler  unter  dicsen  Umstanden  gekiimmert. 
Die  eigenthiimliche  Art  des  Schmerzes,  das  Verhaltniss  der  Empfind- 
lichkeit  am  Riicken  zu  der  Ilyperasthesie  an  der  Vorderflache  des 
Rumpfes  oder  in  den  Hohlen,  die  Seltenheit  eines  Allgemeinleidens, 
die  Steigerung  des  Schmerzes  durch  Bucken  und  Aufrichten,  durch 
Heben  und  Tragen,  die  Abnahme  in  ruhiger  horizontaler  Lage,  kon- 
nen  dazu  dienen  den  primaren  selbststandigen  Charakter  erkennen  zu 
lassen.  Auch  mag  dieses  Merkmal  noch  benutzt  werden,  dass  der 
Schmerz  amRiickgrathe  sich  offers  nur  bei  derUntersuchungheraus- 
stellt,  und  weniger  Grund  zu  lauter  Klage  giebt  als  da,  wo  er  als  Mit- 
empfmdung  andre  Krankheiten  begleitet. 

Trotz  derUnzuliinglichkeit  bisheriger  Beobachtungen  dieserKrank- 
heit  gewahren  sie  ein  physiologisches  Interesse,  in  so  fern  sie  sowohl 
die  Isolirung  eines  pathischen  Zustandes  auf  einzelne  Bezirke  des 
Ruckenmarks  darthun  als  auch  den  Beweis  geben,  dass  in  neuralgi- 
schen Affectionen  die  Reitzbarkeit  nicht  bloss  in  dem  centralen,  son- 
dern  auch  in  dem  peripherischen  Apparate  der  Sensibilitiitnerven 
exaltirt  ist.  Eine  oberflachliche  Beruhrung  derjenigen  Stelle,  wo  die 
Cutanei  des  hintern  Astes  des  afficirten  Spinalnerven  sich  verbreiten, 
ist  im  Stande  den  Schmerz  nach  mehreren  Richtungen  hin  und  die 
ubrigen Erscheinungen zuwecken.  In  Ollivier’s  Werke  (T. I.  p.  400) 
findet  sich  die  Beobachtung  einer  tuberculosen  Caries  der  Halswirbel 
mit  Desorganisation  des  Ruckenmarks,  wobei  der  Kranke  fiber  einen 
Schmerz  klagte,  der  sich  vom  Nacken  nach  dem  Hinterhaupte  ver- 
breitete,  langs  dem  Laufe  des  hintern  Zweiges  des  zweiten  linken  Cer- 
vicalnerven.  Bei  der  Section  zeigte  sich  dieser  Nerv,  der  durch  die 
erweichte  tuberculose  Masse  seinen  Weg  nahm,  angeschwollen  und 
von  rothlicher  Farbe. 

T ec  h n is  che  Bell  and  lung.  — Der  Unterschied,  welchen  Cha- 
rakter und  Verlauf  der  Symptome  von  denen  der  Entzundung  und 


SPINALNEURALGIE. 


159 


Desorganisationen  des  Ruckenmarks  und  seiner  Hullen  darbieten,  muss 
fur  die  Behandlung  dieser  Affection  benutzt  werden;  auch  stimmen 
die  Erfahrungen  zuverlassiger  Beobachter  (Brodie,  Travers  etc.) 
darin  uberein,  dass  die  in  Knochenkrankheiten  der  Wirbelsiiule  mit 
Erfolg  angewandten  Mittel  z.  B.  kunstliche  Geschwiire,  Cauterisation, 
ruhige  Lage,  bier  von  grossem  Nachtheile  sind,  und  die  Cur  vereiteln. 

! Es  scheint  iiberhaupt  darauf  anzukommen,  dass  man  die  Naturhei- 
lung  nicht  durch  sturmische  Procedur  verhindre,  wovon  ohnehin  das 
Alter  der  Pubertat  und  die  bysterische  Basis  bei  vielen  Kranken  ab- 
lialten  miissen.  Nach  Ermittlung  des  Causal- Yerhaltnisses  zwischen 
coexistirenden  Storungen  andrer  Organe  und  der  Spinalneuralgie  und 
bezweckter  Abhulfe  ist  eine  allgemeine  Behandlung  mit  ortlicher  zu 
verbinden.  Der  wohlthatige  Einfluss  psychischer  Eindrucke  ist  aner- 
kannt.  Yeranderung  des  Aufenthalts,  Reisen,  Landleben,  See-  und 
"Soolbader,  kalte  Waschungen,  Schauerbad  in  Verbindung  mit  toni- 
•schen  Mitteln,  zumalEisenpraparaten,  zeigen  sich  wirksam.  Ableitun- 
. gen  auf  das  Riickgrath  und  auf  den  Darmkanal,  von  Zeit  zu  Zeit  wie- 
derholt,  sind  erforderlich.  Zu  Blutentleerungen  wird  man  selten  seine 
Zuflucht  nebmen,  und  wo  es  der  Fall  ist,  zu  brtlichen,  weil  jaher 
i Blutverlust  durch  Aderlass  diesen  Kranken  in  der  Regel  nicht  zusagt. 
'Frictionen  des  Riickens,  am  besten  mit  ol.  tereb.  aeth.,  fliiehtige 
■ schmale  Vesicatore  auf  die  schmerzhafte  Stelle  applicirt,  mit  Yermei- 
dung  der  Eiterung,  gelinde  Purgantia  sind  von  Nutzen.  Palliativ  ist 
stundenlange  Ruhe  taglich  zu  empfehlen,  doch  hiite  man  sich  die 
! Kranken  anhaltend  liegen  zu  lassen,  wozu  sie  grossen  Hang  haben. 
Massige  Bewegung  und  Uebung  des  Korpers  darf  nicht  vernachlassigt 
.werden.  v 


— W-0-H& 


B.  Hyperasthesieen  des  Gehirns. 


Ceplialaea. 

Dolor  cerclralis.  Hirnschmerz. 

Experimentelle  Resultate.  Bei  der  Unzulanglichkeit  und 
Rohheit  altrer  Yersuche  an  lebenden  Thieren  iiber  die  Empfindlich- 
keit  des  Gehirns,  wobei  man  nicht  einmal  nach  dem  Tode  den  Sitz 
der  Verletzung  constatirte,  ein  Vorwurf,  der  selbst  Zinn  und  Hal- 
ler [A.  v.  Haller  opera  minora  T.  I.  P.  II.  Lausann.  1763.  p. 
350)  trifft,  konnte  sich  kein  zuverlassiges  Resultat  herausstellen.  Von 
der  vervollkommneten  Methode  des  Experimentirens  in  neuerer  Zeit 
Hess  sich  ein  solches  erwarten,  und  Magendie  hat  in  seinen  Vor- 
tragen  die  Aufgabe  zu  losen  sich  bernuht.  (Legons  snr  les  fonctions 
et  les  maladies  du  systeme  nerveux.  Paris  1839.  T.I.p.  176.)  Nach 
diesen  Versuchen  an  Kaninchen  und  Hunden  zeigen  sich  am  empfind- 
lichsten,  so  dass  schon  leise  Beruhrung  heftigen  Schmerz  erregt:  die 
corpora  resliformia,  (process . cerebelli  ad  medull.  obi.)  und  die  Ober- 
flache  der  Varolsbrucke,  zuniichst  die  der  Basis  nahgelegnen  Schich- 
ten  des  kleinen  Gehirns,  und  die  Vierhugel.  Durchaus  unempfindlich 
sind  die  Hemispharen  des  grossen  Gehirns,  corpus  callosum,  hypo - 
physis,  conarium,  und  die  Obcrflache  des  Cerebellum.  Mit  Recht  warnt 
Magendie  bei  solchen  Versuchen  vor  Beruhrung  und  Reitzung  der 
sensibeln  Quintuszweige  in  ihrem  Laufe  durch  den  Schadel. 

Die  ch irurgischen  Ergebnisse  stimmen  mit  den  experimen- 


IIIRNSCHMERZ. 


161 


tellen,  in  Betreff  der  Unempfindlichkeit  des  Gehirns,  als  Begleiterin 
von  Yerletzungen  iiberein,  lehren  aber  aucb,  dass  alsFolge  derselben, 
wenn  Entziindung,  Eiterung,  Ervveichung,  Yerhartung  der  Hirnsub- 
stanz  sich  entwickelt,  Schmerz  hinzutritt.  Yon  Wichtigkeit  ist  die 
Erscbeinung,  dass  die  aus  der  Schadcl-Wunde  oder  Oeffnung  hervor- 
gedrungnen  Hirnportionen,  auch  im  Zustande  der  Entziindung  oder 
fungoser  Entartung,  unempfindlicb  gegen  Druck  und  Scbnitt  sind. 

Unter  den  Krankheits-Zustandcn  des  Gehirns  existirt  keiner,  mit 
Ausnahme  der  Atrophia  cerebri,  der  nicht  begleitet  von  Schmerz  be- 
obaclitet  worden  ware.  Im  Allgemeinen  giebt  sicli  dieser  Schmerz 
durch  folgende  Merkmale  kund:  Fixer  Sitz  in  einem  grossern  oder 
kleinern  Bezirke  des  Schiidels;  pressendes,  spannendes,  klopfendes, 
durebsebiessendes,  zerreissendes,  rollendes  Gefiihl ; wechselnde  Inten- 
sitat;  Erregung  und  Steigerung  durch  Anstrengungen,  korperliche 
und  geistige,  durch  Bewegungen  des  Kopfes,  durch  heisse  Tempe- 
ralur,  durch  Genuss  erhitzender  Binge,  durch  langen,  festen  Schlaf; 
Erleichterung  durch  erhohte,  aufrechte  Stellung  oder  Anstemmen  des 
Kopfes;  remittirender  Typus;  Intervalle  mit  gestbrter  Gesundheit; 
Hinzutritt  von  Zuckungen,  von  Lahmung,  meistens  auf  einer  Halfte 
des  Gesichtes  und  Rumpfes  beschrankt,  von  Aniisthesie  der  Sinnes- 
organe,  von  Delirien ; Nachlass  und  Aufhoren  des  Schmerzes  bei  vor- 
schreitender  Paralyse  und  Sopor. 

Diesen  Ziigen  diagnostische  Schiirfe  zu  geben,  ist  zwar  bei  einem 
Organe  sehr  schwierig,  welches  durch  starre  Knochenhulle  unsrer 
Untersuchung  entzogen  ist:  indessen  eine  Zuganglichkeit  ward  iiber- 
sehen,  welche  jedenfalls  benutzt  zu  werden  verdient.  Es  ist  Tliat- 
sache,  dass  bei  jeder  starken  und  anhaltenden  Exspiration  das  Gehirn 
i in  die  Hohe  geboben,  das  kleine  an  das  Zelt,  das  grosse  an  die  Scbii- 
• delknochen  gedriickt  wird,  von  welchem  Letzteren  man  sich  beiKin- 
dern  mit  oflher  Fontanelle  wiibrend  des  Schreiens  leicht  iiberzeugen 
kann.  Aucb  gaben  sclion  die  alten  Chirurgen  ihren  Kranken  mit  pe- 
rnetrirenden  Schadelwunden  den  Rath  stark  zu  husten  und  zu  niesen, 
um  den  Ausfluss  des  Blutes  oder  Eiters  zu  befdrdern.  Ein  fortgesetztes 

Romberg’s  Nervenkrankli.  I.  \ { 


162 


HIRNSCHMERZ. 


Ausathmen,  ein  langeres  Anhalten  des  Athcms  wahrend  der  Exspi- 
ration  kann  daher  bci  Ilirnkrankheiten,  besonders  der  Oberllache, 
einigermassen  die  Stelle  des  iiussern  Druckes  vertreten,  welcken  wir 
so  oft  zu  unsrer  Belehrung  auf  Bauch-  und  Brustwandungen  anbrin- 
gen.  Fast  immer  klagen  solclie  Kranke  iiber  Erregung  des  Kopf- 
schmerzes  durch  Pressen  beim  Sluhlgange:  das  diagnostische  Expe- 
riment besteht  darin  sie  dieses  nachahmen  zu  lassen,  sie  bei  gleich- 
zei tiger  Contraction  der  Bauchmuskeln  den  Athem  wahrend  der 
Exspiration  langre  Zeit  anhalten  zu  lassen,  wodurch  der  Ilirnschmerz 
sofort  geweckt,  und,  wo  er  bereits  vorhanden,  auf s Aeusserste  ge- 
steigert  wird.  Dasselbe  geschieht  beim  Schreien,  Ilusten,  Erbrechen. 
Yersuche,  auf  ahnliche  Weise  mit  der  Inspiration  angestellt,  bei  wel- 
clier  das  Gehirn  sich  senkt  und  der  Schadelgrundflache  nahert,*) 
durften  iiber  die  Krankheiten  an  der  Basis  des  grossen  und  kleinen 
Gehirns  einigen  Aufschluss  gewahren. 

Ueblicher  ist  die  diagnostische  Benutzung  der  Stellungen  und  Be- 
wegungen  des  Kopfes.  Seitliches  Hin-  und  Herschwingen,  Biicken, 
schnelles  Aufrichten  aus  der  horizontalen  Lage  in  die  yerticale  erre- 
gen  leicht  und  vermehren  den  Schmerz. 

DieModificationen  und  Yerhaltnisse  des  Hirnschmerzes  zubestimm- 
ten  Krankheiten  des  Gehirns  sind  in  diagnostischer  Hiusicht  bemer- 
kungswerth.  Yor  ihrer  Erorterung  sei  jedoch  daran  erinnert,  dass 
zur  Constatirung  des  Schmerzes  in  diesen  Krankheiten  es  fast  mehr 
noch,  als  bei  denen  eines  andern  Organs,  auf  genaue  Geschichte  und 
langeBeobachtung  desKranken  ankommt.  Nicht  nur  die  oft  langern 
Intervalle  machen  es  erforderlich,  auch  der  Riicktritt  des  Schmerzes 
bei  dem  Iiinzukommen  andrer,  zumal  paralytischer  Erscheinungen, 

*)  Raviria  konnte  bei  Yersuchen  wahrend  des  Einathracns  cinen  Fcderkiol 
zwischen  den  Hirnschadcl  und  das  Gehirn  eines  Jagdhundes  stecken.  Stcllte  cr 
einen  in  Grade  eingelheilten  Korkcylinder  auf  das  Gehirn,  so  sank  diescr  durch 
ein  gewohnlic.hes  Einathrncn  V",  durch  ein  slarkcrcs  3'".  Aus  ciner  trichierfiir- 
migen,  mit  Wasser  gefulllcn  Glasrohre  vcrschwand  die  Fliissigkcit  wahrend  der 
Inspiration,  und  kehrte  wahrend  der  Exspiration  blutig  zuriick.  Ygl.  Lund  phy- 
sio logische  Res ul tale  der  Yi  viscclionen  neucrcr  Zeit.  S.  149. 


1 


HIRNSCIIMERZ. 


163 


und  die  in  vielen  Fallen  spater  erfolgende  Abnahmp  des  Gedachtnisses. 
Aus  diesem  Grunde  ist  auch  auf  die  in  der  Privatpraxis  gesammelten 
Beobachtungen  ein  erhebliches  Gewicht  zu  legen. 

Bei  den  an  der  Aussenflache  und  besonders  im  Innern  der  Hirn- 
substanz  entwickelten  Aftergebilden  ist  der  Sehmerz  ein  haufiger 
Begleiter. 

Tuberkel. 

Wilhelmine  M...,  4 Jahre  alt,  litt  seit  ihrem  zweiten  Jahre  an 
Kopfsckmerzen,  die  sich  nach  Scharlachfieber  eingestellt,  und  nach 
und  nach  an  Heftigkeit  zugenommen  hatten.  Im  October  1830  wurde 
ich  zu  dem  Kinde  gerufen.  Es  bezeichnete  den  Sitz  des  Schmerzes  in 
der  Stirn;  seine  Mutter  erzahlte  mir,  dass  taglich  zu  wiederholten 
Malen  Anfalle  des  Schmerzes  wiederkehrten,  welche  auf  ihrer  H5he 
W iirgen  und  Erbrechen  herbeifuhrten.  — In  den  Intervallen  war  das 
Kind  selir  abgespannt,  an  den  Spielen  der  Geschwister  theilnahmlos, 
und  zur  Scklummersucht  geneigt.  Die  Extremitaten  waren  abgema- 
gert,  der  Leib  aufgetrieben  und  hart,  die  Backcn  wulstig,  die  Farbe 
gelblich,  die  Ilaut  welk  und  diirr,  der  Appetit  unregelmassig,  der 
' Stuhlgang  gewohnlich  verstopft.  Aufrechte  Stellung  wurde  ohne 
Stiitzung  des  Kopfes  nicht  lange  vertragen.  Bin-  und  Herbewegen  des 
Kopfes,  welches  ich  selhst  mehreremal  am  Kinde  versuchte,  war 
schmerzhaft  und  brachte  es  zum  Weinen.  Ohne  alle  Wirkung  blieb 
die  Anwendung  der  verschiednen  Heilmittel,  der  von  Zeit  zu  Zeit 
gelegten  Blutegel,  der  Einreibung  der  Brechweinsteinsalbe  in‘  den 
Nacken,  der  Kiilte  u.  s.  f.  Anfangs  Dezember  nahm  die  Hinfiilligkeit 
der  Kleinen  zu:  sie  konnte  das  Bett  nicht  mehr  verlasscn,  fieberte, 
war  fast  immer  schlummersiichtig.  Der  Bauch  sank  ein,  und  es  liessen 
sicli  deutlich  harte  Geschwulste  dcr  Mesenterialdriisen  fiihlen.  Am 
7.  Dezember  trat  tiefer  Sopor  ein,  am  8.  Convulsionen  des  rechten 
Arms,  am  9.  der  Tod.  — Leichenbefund.  Nach  Abnahme  des 
Schadeldaches  und  der  Dura  mater  zeigte  sich  die  Arachnoidea  des 
-grossen  Gehirns  trube,  und  langs  derSichel  mit  einigen  kleinen  albu- 
minbsen  Exsudaten  bedeckt.  Die  Consistenz  der  llirnsubstanz  der 


li* 


164 


IIIRNSCI1MERZ. 


Ilemispharen  war  fest : die  Medullargefasse  injicirt.  Die  Seitenhohlen, 
besonders  die  linke,  waren  erweitert  und  mit  einer  Menge  heller, 
serbser  Fl'ussigkeit  angcfiillt;  ihrc  Wandungen  waren  erweiclit.  Im 
kleinen  Gehirn,  auf  der  unternFkiche  seiner  Ilemispharen,  fandensich 
vier  Tuberkel,  zwei  auf  jeder  Scile.  Die  grosseren,  yon  dem  Volumen 
einer  kleinen  Wallnuss  und  rundlicher  Form,  batten  im  zweibauchigen 
Lappen  ihren  Sitz,  einer  im  rechten,  der  andre  im  linken;  sie  lagen 
auf  der  Aussendache  in  einer  Aushohlung  so  locker,  dass  sie  beim 
blossen  Druck  auf  die  Umgebung  herausfielen,  und  waren  yon  harter 
Consistenz  und  gelber  Farbe.  Die  kleineren,  von  der  Grbsse  einer 
Bohne,  sassen  tiefer,  in  der  innersten  Abtheilung  des  hintern  untern 
Lappens  und  hingen  fester  mit  den  umgebenden  Ilirnschichten  zu- 
sammen.  ■ — Die  Leber  war  von  bedeutender  Grosse,  so  dass  sie  fast 
beide  Hypochondrien  ausfullte,  und  von  blasser  Farbe.  Die  Mesente- 
rialdriisen  waren  sehr  angeschwollen  und  der  Sitz  von  Tuberkelabla- 
gerung,  die  an  vielen  Stellen  in  Erweichung  iibergegangen  war. 

2)  Albert  S.,  funfjahrig,  in  korperlicher  und  intellectueller  Ausbil- 
dung  fur  sein  Alter  zuruckgeblieben,  unfahig  zusammenhangend  und 
gelaufig  zu  sprechen,  abgemagert,  mit  aufgetriebnem  Unterleibe, 
klagte  seit  langer  als  einem  Jahre  uber  Schmerzen  im  Ropfe,  haupt- 
sachlich  der  Stirngegend.  Nach  arztlicher  Iliilfe  sah  sich  die  Mutter, 
eine  arme  Wittwe,  die  bei  dem  Erwerb  ihres  FTnterhaltes  ausser  dem 
Hause  die  Pflege  des  Knaben  vernachlassigte,  nicht  eher  urn,  als  bis 
Betaubung  und  Schlummersucht  hinzutraten.  So  fand  ich  bei  meinem 
ersten  Besuche  (G.  Juli  1832)  das  Bild  eines  hofTnungslosen  Hydro- 
cephalus acutus,  dessen  symptomatischen  Charakter  die,  obschou  so 
diirftige,  anamnestische  Auskunft  dennoch  deutlich  herausstellte.  Zwei 
Tage  darauf  erfolgte  der  Tod,  unter  Hinzutritt  starker  Convulsionen. 
— Leichenbefund.  Die  Gefiisse  dcr  Pia  mater  und  der  Medullar- 
substanz  waren  betrachtlich  injicirt.  Die  Arachnoidca  war  kings  der 
Sicliel  auf  beiden  Seiten  mit  albuminosen  Exsudaten  bedeckt.  Die 
Jlirnhohlen  waren  mit  einer  hellen,  serosen  Flussigkcit  strotzend  an- 
gefiillt.  Die  durchsichtige  Scheidevvand,  das  Gewolbe  und  die  Wiindc 


IIIRNSCHMERZ. 


165 


der  Ventrikel  batten  eine  sehr  weiche  Consistenz  mid  zergingcn  bei 
dem  Fingerdruck  in  eine  breiartige  Masse.  In  deni  obern  hintern 
Lappen  (lobus  semilunaris)  der  rechten  Hemispbare  des  kleinen  Ge- 
birns  bind  sich,  einige  Linicn  vom  bintern  Rande  entfernt,  ein  Tu- 
berkel  von  der  Grdsse  eines  Kirschkerns,  von  gelblicher  Farbe  und 
barter  Consistenz,  welcher  etwas  iiber  dem  Gehirne  bervorragte  und 
sich  oline  Muhe  herauslosen  liess;  die  Stelle,  wo  er  gesessen,  war 
durcli  eine  kleine  Grube  bezeichnet.  Im  Marklager  derselben  Hemi- 
spbare sass  in  der  Nahe  des  Corpus  rhomboideum  noch  ein  Tuberkel, 
von  der  Grosse  einer  Erbse.  — Die  Mescnterialdriisen  waren  sehr 
vergrossert  und  mit  Tuberkelmasse  angeflillt. 

3)  Wilhelm  E.,  5 Jahre  alt,  war  seinen  Eltern  seit  liingerer  Zcit 
durch  eine  Veranderung  seines  Charakters,  durch  ein  traumeriscbes 
Wesen,  wie  sie  sich  ausdriickten,  aufgefallen:  er  hatte  das  Ansehen 
eines  Benommenen,  Ilalbtrunknen,  und  einen  schwankenden  Gang. 
Eine  seit  der  Geburt  andauernde  Nasenblenorrboe  hatte  vor  einem 
halben  Jahre  aufgehort:  seitdem  klagte  der  Knabe  sehr  oft  iiber  hef- 
tige,  reissende  Scbmerzen  im  rechten  Ohre.  Am  31.  Mai  1830  ward 
ich  zu  ihm  gerufen.  Es  hatte  sicb  Erbrechen,  besonders  bei  aufrecb- 
ter  Stellung  des  Kopfes  eingefunden,  Yerstopfung,  Betiiubung,  starkes 
Fieber.  Der  Bauch  sank  dergestalt  ein,  dass  zwischen  den  hervor- 
stehenden  Rippen  und  Darmbeinen  eine  tiefe  Grube  sich  bildete.  Der 
Puls  wurde  langsam,  der  Athem  ungleich,  grunzend,  die  Pupillen  er- 
weiterten  sich  und  wurden  unbeweglich,  die  Augiipfel  starr,  die 
Conjunctiva  rothete  sich,  das  Sehvermogen  erlosch.  Die  kraftigste 
Behandlung  zeigte  sich  unwirksam  und  am  6.  Juni  erfolgte  unter 
heftigen  Convulsionen  der  Tod.  — Leichenbefund.  Nach  Ab- 
nahme  des  Schadeldaches  stieg  das  Gehirn,  wie  ein  vom  Drucke  be- 
freiter  elastischer  Korper  in  die  Hohe,  und  liess  sich  nicht  wieder  in 
die  fur  seinen  Umfang  zu  enge  Knochenhulle  einpassen:  die  Dura 
mater  war  iiber  den  an  einander  gepressten  Windungen  slralT  ausge- 
spannt.  Die  Arachnoidea  war  triibe,  in  der  Scheitelgegend  mit  der 
Pia  mater  verwachsen,  und  mit  kleinen  Exsudutcn,  vom  Ansehen  des 


166 


IIIRNSCHMERZ. 


Soors  (muguel),  bedeckt.  Die  Consistenz  der  mit  Blut  uberfullten 
Marksubstanz  in  den  Hemispharen  des  grossen  Gchirns  war  schr  lest. 
Die  Hirnhohlen  waren  von  einer  Menge  gelblicher  serdser  Flussig- 
keit  ausgedehnt,  ibre  Wiinde  und  der  Fornix  erweicht.  Auf  der  Ba- 
sis des  Gehirns  bedeckte  ein  betrachtliches  serds-albumindses  Extra- 
vasat  das  Ghiasma  opticum.  Im  Mark  lager  der  rechten  Iiemisphare 
des  kleinen  Gehirns  hatte  ein  Tuberkel,  von  dem  Volumen  einer  klei- 
nen  Kirsche,  von  gelber  Farbe  und  hartem  Gefiige  seinen  Sitz,  wel- 
cher,  nachdem  er  leicht  herausgeloset  worden,  eine  Aushohlung  in 
der  Marksubstanz  zurfickliess.  Aus  dem  Wirbelkanal  regurgitirte, 
zumal  beim  Drucke  auf  die  Rippen,  eine  grosse  Menge  heller,  seroser 
Fliissigkeit. 

HydatMose  GeschwulsL 

Im  J.  1821  machte  ich  die  Section  eines  von  Formey  behan- 
delten  funfzehnjahrigen  Madchens,  welches  seit  einem  Jahre  men- 
struirt,  hei  dem  jedesmaiigen  Eintritte  der  Menses  von  Convulsionen 
befallen  wurde,  hestandig  uber  Schmerzen  in  der  rechten  Seite  des 
Kopfes  klagte,  und  unter  hydrocephalischen  Zufallen  starh.  — Die 
Arachhoidea  erschien  trube  und  verdickt.  Die  Windungen  des  grossen 
Gehirns  waren  bedeutend  abgeflacht.  Die  Yentrikel  ausserordentlich 
ausgedehnt,  hesonders  der  rechte,  und  ein  jeder  ungefahr  mit  vier 
Unzen  einer  molkenfarbnen  Fliissigkeit  angefiillt.  In  der  rechten  Sei- 
tenhohle  fand  sich  eine  Geschwulst  von  der  Grosse  eines  Taubeneies, 
welche  vom  Adergeflechte  ausging,  und  aus  einer  hydatidosen,  mit 
angeschwollnen  Gefiissen  durchwebten  Masse  bestand.  Auf  dem 
Boden  des  hintern  Horns  desselben  Yentrikels  wurde  eine  Erosion 
der  Ilirnsubstanz  gefunden. 

2)  Ein  sechsjiihriges  Madchen  klagte  fast  bestiindig  fiber  Kopf- 
schmerz,  stutzte  gewohnlich  die  Slirn  mit  der  Hand,  und  lehnte  auch 
im  Scldafe  den  Kopf  am  Rande  der  Bettstclle  an.  Sie  verlor  ihren 
Frohsinn,  wurde  trage  und  apathisch.  Vierzehn  Tage  vor  ihrem  lode 
stellte  sich  eine  acute  IlirnalTection  ein,  Erbrechen,  Steigerung  des 
Schmcrzes,  Amaurosc  des  Iinken  Augcs,  Sopor,  Convulsionen.  — Nach 


HIRNSCIIMERZ. 


167 


Abnahme  des  Schadelgewblbes  und  der  harten  Hirnhaut  zeigte  sich 
die  Arachnoidea  kings  der  Sichel  mit  einer  Menge  kleiner  Granula- 
tionen  bedeckt.  Die  reclite  Seitenhohle  slrotzte  von  heller  seroser 
Fliissigkeit,  die  linke  war  fast  leer.  Auf  der  vordern  Halfte  des  linken 
Sehnervenhiigels  lag  ein  weisser  Korper,  von  der  Grbsse  einer  Boline 
und  membranoser  Structur.  Bei  naherer  Untersuchung  gab  er  sicli 
als  eine  zusammengefallne  abgestorbne  Ilydatide  zu  erkennen,  deren 
innere  Flache  mit  einer  Menge  kleiner  Granulationen,  von  der  Grbsse 
und  dem  Ansehen  der  Sandkorner,  bedeckt  war.  (Echinococcus 
horn  inis:  „ Vesica  externa,  simplex  vel  duplex,  cujus  superficiei 
internae  insident  entozoa  plurima,  arenulam  mentientia,  quorum  cor- 
pus obovatum;  caput  uncinorum  corona  et  osculis  suctoriis  instru- 
ct um.e{  Rudolphi,  Entozoorum  synopsis,  p.  183J. 


Bei  einem  Yergleiche  mit  Beobachtungen  Andrer  in  Nasse’s  lehr- 
reicher  und  critischer  Zusammenstellung  ergiebt  sich,  dass  der  Kopf- 
schmerz  als  diejenige  Krankheitserscheinung  betrachtet  werden  muss, 
die  bei  Gesckwiilsten  im  Gehirne  von  alien  die  bestiindigste  ist. 
(Ueber  Gesch wills te  im  Gehirn,  als  Anhang  zur  Uebers.  von 
Abercrombie  iiber  die  Krankh.  des  Gehirns  und  Riickenmarks. 
Bonn  1821.  S.  66).  Auch  aus  Andral’s  Sammlung  von  Beobach- 
tungen geht  hervor,  dass  unter  36  Fallen  von  Geschwulsten  im  kl ei- 
ne n Gehirn  bei  26  Schmerz  im  Kopfe  vorhanden  war.  ( Clinique 
medicale.  Sieme  edit.  T.  V.  p.7'2 9.)  Endlich  geben  Abercrombie’s 
Beobachtungen  von  Ilirngeschwiilsten,  die  hauptsachlich  von  Schmerz 
begleitet  waren,  1 1 an  der  Zahl,  9 von  tuberculbsen,  2 von  albumi- 
nosen  Geschwiisten,  das  Resultat,  dass  nur  von  dreien  der  Sitz  im 
grossen  Gehirn  sich  fand,  von  dreien  im  grossen  und  kleincn  Gehirne, 
von  5 in  letztercm  allein.  Sie  hetrafen  meistens  das  kindliche  Alter, 
womit  auch  meine  Erfahrung  ubereinstimmt,  und  waren  bflers,  wie 
die  von  mir  beobachteten  Falle,  mit  Tuberculosis  in  den  Bauch-  und 
Brustorganen  complicirt. 


168 


IIIRNSCIIMERZ. 


Zu  den  Geschwiilsten  in  dcr  Schadelhohle,  welche  meistentheils 
von  Schmerz  begleitet  sind,  gchdren  aucli  die  aneury smatischen, 
sowohl  im  Gebiete  der  Yertebralarterien  als  Carotiden.  Der  Schmerz 
selbst  ist  gewobnlich  pulsirender  Art.  (Vgl.  cine  Zusammensleliung 
der  bisbcr  beobachteten  Falle  in  Stumpf  dissert,  de  anewrysmalibus 
arteriarum  cerebri.  Bcrolini  1836.  p.  1 1 — 18.) 


Cancer  cereTirl. 

Die  45jahrigeFrau  eines  biesigen  Malers  hatteseit  acht  Jahren  an  an- 
haltenden  reissenden  Schmerzen  in  der  rechten  Seite  des  Kopfes  gelitten, 
welche  von  Zeit  zu  Zeit  den  aussersten  Grad  von  Heftigkeit  erreichten, 
und  sie  zu  jeder  Beschaftigung  unfahig  machten.  Im  November  1837 
suchte  sie  bei  mir  Iliilfe  und  klagte  besonders  iiber  reissende  Schmerzen 
im  linken  Arme  undBeine,  iiber  ein  Gefiihl  von  grosser  Hinfalligkeit, 
und  iiber  mehrere  Zufalle  bysterischen  Geprages.  Das  Gesicht  hatte 
eine  strohgelbe  Farbe.  Vier  Wochen  spater  stellte  sich  unvollstandige 
Lahmung  der  linken  Extremitaten  ein:  die  Kranke  konnle,  obschon 
mit  grosser  Miihe,  willkuhrlich  Arm  und  Fuss  bis  zu  einer  gewissen 
Hohe  heben,  was  jedoch  weit  schneller  und  kraftiger  durch  Reflex- 
impuls,  beim  Kneifen  und  unvennutheten  Beriibren,  geschab.  Die 
Sensibilitat  war  ungestort.  Durchzuckende  Schmerzen  stellten  sich 
oft  in  den  gelahmten  Gliedern  ein,  aucli  fliicbtige  Contracturen.  Da- 
gegen  trat  der  Kopfschmerz  mehr  in  den  Ilintergrund.  Das  Bewusst- 
sein  blieb  frei.  Im  Monat  Februar  maclite  die  Lahmung  schnelle 
Fortschritte:  Schmerzhaftigkeit  und  Gontractur  desArmes  und  Fusses 
horten  auf,  und  iiber  Kopfschmerz  klagte  die  Kranke  nicht  mehr. 
Am  15.  Februar  1838  erfolgle  der  Tod  plotzlich  durch  Hamoptysis. 
— Nur  die  Oedhung  der  Schadelhohle  wurde  gestattet.  Die  Dura 
mater  war  an  mehreren  Stellen  fest  mit  dcm  Ivnochen  verwachsen, 
besonders  in  dcr  Gegend  des  hintern  Lappens  der  rechten  llemi- 
sphare  des  grosscn  Gehirns.  An  dieser  Stelle  war  der  Knochen 


IIIRNSCHMERZ. 


169 


rauh,  verdickt,  wie  wurmstichig.  Die  Dura  mater  war  daselbst 
mit  den  iibrigen  Membranen  und  der  IJirnoberllache  auf’s  festeste 
verwachsen.  Das  Gehirn  war  in  dem  Umfange  eines  halben  Eies 
in  eine  carcinomatbse,  rothlich-weisse  Masse,  mit  eingesprengten 
harteren  Kernen  verandert,  wovon  einzelne  Stiicke  in  Zapfenform  an 
der  abgeloseten  Dura  mater  hafteten.  Yon  demUmkreise  dieserEnt- 
artung  begann  eine  Erweichung  der  Hirnsubstanz,  welche  den  gro- 
ssern  Theil  des  hintern  und  mittleren  Lappens  einnahm,  si$i  bis  zum 
Niveau  der  Seitenhbhle  erstreckte  und  die  Region  des  Thalamus  opti- 
cus und  theilweise  auch  des  gestreiften  Korpers  in  eine  Creme  ahn- 
liche,  mit  dem  Scalpellhefte  wegzuwiscbende  Masse  verwandelt  liatte. 

In  den  bisher  bekannt  gewordnen  Fallen  von  Hirnkrebs  (S. 
An  drabs  vergleichende  Zusammenstellung  von  43  Fallen  in  der 
Clinique  medic.  T.  V.  p.  639)  warSchmerz  eiu  sehr  hiiufiger  Beglei- 
ter,  nicbt  bloss  bei  dem  Sitze  der  Krankheit  im  Cerebellum,  auch  im 
grossen  Gehirne,  wo  die  Mehrzahl  gefunden  wurde.  Oefters  mit  dem 
eigenthiimlichen  Geprage  carcinomatoser  Schmerzen,  zuweilen  auch 
neuralgischer  Art,  von  einem  Punkte  nach  andern  Stellen  ausstrahlend, 
verbindet  er  sich  mit  ahnliehen  Schmerzen  am  Rumpfe  und  in  den 
Gliedern. 

Enter  den  Veriinderungen  der  Hirnsubstanz  selbst  sind  Erwei- 
chung und  Abscessbildung  am  haufigsten  und beslandigsten  von 
Schmerz  begleitet. 

In  Belreff  der  Hirn  erweichung  stimmen  die  zuverlassigen  Be- 
obachter  iiberein,  Lallemand,  Rostan,  Andral,  Fuchs.  Der 
Schmerz  geht  entweder  dem  Ausbruche  der  Krankheit  liingre  Zeit 
vorher  oder  beginnt  mit  dem  ersten  Stadium  und  dauert  im  zweiten 
nocli  fort.  In  einem  von  mir  bei  einer  27jahrigen  Frau  beobachteten 
balle,  wo  in  beiden  Hemispharen  des  grossen  Gehirns  Erweichungen 
gefunden  wurden,  und  dessen  Erzahlung  imAbschnitte  fiber  cerebrale 
Lahmung  ihre  Stclle  finden  wird,  ging  ein  heftiger  driickender  Ilirn— 
schmerz  dem  Ausbruche  der  Krankheit  sieben  Jahre  voran,  welcher 
in  unbestimmten  Zwischenraumen  wiederkehrte,  Tage,  selbst  Wochen 


170 


IIIRNSCHMERZ. 


lang  anhielt,  durch  die  Kiilte  sicli  minderte,  in  heisser  Jahreszeit  aber 
unertraglich  ward,  so  dass  die  Kranke  oft  nur  durch  Yerweilen  in 
einem  kiihlen  Keller  sich  Erleichterung  verschaffen  konnte.  Audi 

nacli  Eintritt  der  Benommcnheit  pllegen  die  Kranken  auf  dftere  laute 

\ 

Anfrage  nach  dem  Schmerze  die  Hand  langsam  nach  der  der  gelahm- 
ten  Seite  entgegengesetzten  Halfte  des  Kopfes  zu  fiihren,  ein  von 
Rostan  fur  pathognomonisch  gehaltner  Zug  der  Iirankheit.  ( Recher - 
dies  sur  le  ramollissement  du  cerveau.  2 de  edit.  Paris  1823.  p.  243.) 
Nur  bei  grosser  Indolenz,  im  Greisesalter  oder  bei  zunehmender  Be- 
taubung  fehlen  die  spontanen  Klagen  uber  Schmerz  im  Ivopfe. 

Auch  in  jener  interessanten  Form  von  Erweichung  der  Cen- 
tral theile  des  Gehirns  (des  corpus  callosum,  sept,  lucid.,  fornix, 
der  Yentrikel-Wandungen),  wie  sie  Abe rcrombie  nannle,  durch 
dessen  trefflicheUntersuchungen  man  zuerst  darauf  aufmerksam  wurde, 
ist  der  Hirnschmerz  ein  fast  bestandiger  Begleiter.  Unter  1 G mitge- 
theilten  Fallen  wird  er  nur  bei  einem  vermisst.  (. Palholog . and  pract. 
researches  on  diseases  of  the  brain  and  the  spinal  cord.  3 d edit. 
Edinburgh  1836  12T  — 139.)  Am  intensivsten  habe  icb  ihn  in 

folgendem  Falle  beobachtet: 

Ein  Tjahriges  Madchen  erkrankte  am  27.  Mai  1835  an  Kopf- 
schmerzen,  Erbrechen,  Durchfall,  Fieberbewegungen.  In  den  folgen- 
den  Tagen  sprach  sich  eine  Hirnaffection  deutlich  aus.  Vor  allem 
Andern  klagte  die  kleine  Kranke  anhaltend  uber  einen  in  der  Tiefe 
des  Kopfes  befindlichen  Schmerz  von  ausserordentlicher  Hefligke.it, 
welcher  es  ihr  unmoglich  machte  die  sitzende  Stellung  im  Bette  auch 
nur  auf  ein  Paar  Minuten  auszuhalten.  Ivein  Mittel,  weder  ortliche 
Blutentleerung,  noch  Kiilte,  war  im  Stande  diesen  Schmerz  zu  lin- 
dern.  Dazu  gesellte  sich  Erbrechen,  Empfindlichkeit  der  Augen  ge- 
gen  das  Licht,  Rothung  der  Conjunctiva,  Delirien,  Flockenlesen,  be- 
traclitliches  Einsinken  der  Bauchdecken,  Sopor,  Convulsioncn,  Tod 
am  18.  Tage  der  Krankheit.  — Bei  der  Section  fand  ich  die  Ilirn- 
substanz  mit  Blut  sehr  iiberladen.  Das  Septum  lucidum,  der  Fornix 
und  die  YVande  der  Latcralventrikel  waren  zu  einer  formlosen  und 


HIRNSCIIMERZ. 


171 


so  weichen  Masse  zergangen,  class  sie  sich  wie  Brei  mit  dem  Finger 
wegschieben  Hessen.  Alle  iibrigen  Theile  des  grossen  und  kleinen 
Gehirns  batten  ilire  normale  Consistenz. 

Yerhartung  der  Hirnsubstanz,  welche  bei  weitem  seltner 
vorkommt  als  Erweichung,  hat  sich  als  Anlass  anhaltenden  Schmer- 
zes  in  folgendem  Beispiele  rair  dargeboten: 

Ein  secbsjabriges  Madchen  war  vor  drei  Jaliren  von  einer  Treppe 
beruntergefallen  und  klagte  seitdem  fast  bestandig  fiber  Schmerzen 
in  der  Stirn,  welche  zuweilen  einen  solchen  Grad  von  Heftigkeit  er- 
reichten,  dass  es  laut  aufschrie.  Auch  fand  sich  Schielen  des  rechten 
Auges  ein,  und  seit  einem  halben  Jahre  ein  Ausfluss  gelben  Eiters 
aus  dem  rechten  Ohre,  ohne  alien  Einfluss  auf  den  Schmerz.  Das 
Kind  war  wohlgenahrt,  hatte  eine  gesunde  Gesichtsfarbe,  dem  Alter 
angemessne  Muskelkraft,  gulen  Appetit  und  regelmassigen  Stuhlgang. 
Als  die  Mutter  am  8.  November  1823  mit  diesem  Kinde  zu  mir  kam, 
erzahlte  sie  mir  nebst  den  eben  erwahnten  Umstanden,  dass  es  seit 
einigen  Tagen  sich  unwohl  befinde,  alles  Genossue  wieder  ausbreche, 
verstopft  sei,  und  ofters  aufsteigende  Hitze,  Rothe  des  Gesichts  und 
Anwandlung  von  Schwindel  bekomme.  DiePupillen  waren  erweitert 
und  trage,  der  Ohrfluss  dauerte  ungestort  fort.  Am  anclern  Morgen 
fand  ich  den  Puls  frequent,  das  Gesicht  sehr  roth  und  aufgetrieben, 
das  Auge  starr;  Erbrechen  fand  haufig  statt  und  Verstopfung  dauerte 
fort.  Blutegel,  kalte  Umschlage  des  Kopfes,  Abfubrungsmittel  be- 
wirkten  keine  Veriinderung.  Es  trat  Sopor  ein,  der  nur  durch  star- 
kes  Anrufen  und  Rutteln  momentan  unterbrochen  wurde,  ofteres  lau- 
tes  Aufschreien,  am  18.  November  iiusserst  frequenter  Puls,  Con- 
vulsionen  beider  Korperhalften,  am  19.  rubiges  Verscheiden.  Die 
Otorrboe  hatte  bis  zum  Tode  ihren  Fortgang.  — Leichcnbefund. 
Auf  der  linken  Hemisphare  des  grossen  Gehirns,  ungefahr  in  derMitte, 
fand  sich  in  der  Dura  mater  ein  Knochenconcrement  von  unregclma- 
ssiger  borin  und  ungefahr  ,//4Zoll  im  Durcbmesser.  Die  Aracbnoidea 
und  Pia  mater  waren  langs  der  Sicbel  und  an  mehreren  andern  Stellen 
mit  der  liarten  llirnhaut  verwachsen.  Die  Arachnoidea  war  in  ihrcm 


172 


IIIRNSCIIMERZ. 


ganzen  Umfange  getrubt,  von  opalfarbnem  Anschcn.  DasGehirn  selbst 
erscbien  ausserordentlich  voluminos,  so  (lass  es  nach  der  Ilerausnalime 
aus  dem  Schadel  dem  eines  Erwachsnen  fast  gleich  kam.  Die  Con- 
sislenz  war  sehr  fest.  Das  Dach  der  Ventrikel  war  gewolbt,  und  liess 
deutlich  Fluctuation  lumen.  Nach  einem  Einstichc  flossen  4 Unzen 
gelblicher  seroser  Flussigkeit  aus  dem  sehr  erweiterten  linken  Ven- 
trikel.  Die  durchsichtige  Scheidewand  war  von  breiweicher  Consi- 
stenz  und  in  der  Mitte  durchrissen.  Am  innern  Rande  beider  bintern 
Lappen  des  grossen  Gehirns  fand  icb  die  Substanz  im  Umfange  eines 
halben  Zolles  verhartet  und  von  wachsgelber  Farbe.  Der  hintre  Rand 
beider  Hemispharen  des  kleinen  Gehirns  war  auf’s  Festeste  mit  der 
Dura  mater  verwachsen,  so  dass  die  Trennung  mit  dem  Messer  ge- 
scheben  musste.  In  der  Breite  eines  viertel  Zolles  war  das  kleine 
Gehirn  auf  beiden  Seiten  an  dieser  Stelle  in  eine  harte  Masse  dege- 


nerirt,  deren  Durchschnittsflache  ein  gezacktes  Ansehen,  und  von  der 
Beimischung  der  gelben  Hirnsubstanz  eine  gelblicb-braune  Farbe 
hatte,  Der  Iibrige  Theil  des  Cerebellum  war  von  ausserst  weicher 
Consistenz  und  durch  scharfe  Grimzen  geschieden.  Die  Oberflache 
beider  Felsenbeine  hatte  eine  normale  Beschaffenbeit. 

Unler  alien  Krankheiten  des  Gehirns  ist  es  die  Abscessbildung, 
sowohl  im  grossen  als  im  kleinen  Gehirn,  welche  am  haufigsten  und 
bestandigsten  von  Schmerz  begleitet  wird.  In  Lallemand's  Reclicr- 
ches  anatomico-pathologiques  sur  Vencephale  et  ses  dependances  T.  I. 
u.  II.  sind  19  Falle  von  Abscessen  mitgetheilt,  unter  denen  der  Hirn- 
scbmerz  bei  14  ausdrucklich  erwahnt  wird,  und  in  Abercro  mbie’s 
Beobacbtungen  war  er  stets  vorhanden.  Von  eigentbumlicher  pulsi- 
render  Art  babe  ich  ihn  einmal  zu  beobacbten  Gelegenheit  gebabt. 

Im  September  1822  kam  ein  22jahriger  Schieferdecker  zu  mir, 
weicher  nach  einem  14  Tage  zuvor  gethanen  Fall  von  einem  ho- 
hen  Geruste,  wobei  er  mit  den  Fussen  aufsliess,  liber  Mattheit,  Frd- 
steln  und  reissende  Schmerzen  in  den  Beinen  klagte.  Jeglichcr  Pflege 
entbehrend  wurde  er  in  das  Charite-Krankenhaus  aufgenommen. 
Ilier  ward  er  beim  Austcigen  aus  dem  Bade  plotzlich  von  vollstiindi- 


HIRNSCIIMERZ. 


173 


orer  Lahmung  des  linken  Arms  und  Heines  befallen.  Bewusstsein, 
'Sprache  und  Gesichtsziige  waren  ungestort.  Nur  das  rechte  Auge 
■ schielte,  und  im  Grunde  der  Augenhohle  dieser  Seite  klagte  der  Kranke 
uber  einen  heftigen  bohrenden  Sclimerz,  der  sich  nach  Anwendung 
allgemeiner  und  ortlicher  Blutentleerungen  zugleich  mit  dem  Strabis- 
mus wieder  verlor.  Dahingegen  dauerte  ein  von  diesem  Tage  an  sich 
einfmdender  Schmerz  in  der  Scheitelgegend  mit  vermebrter  Intensi- 
ty fort,  welchen  der  Kranke  mit  dem  Gefiihle  verglich,  als  ob  ein 
Vogel  sein  Gehirn  auspicke.  Einige  Zeit  vor  dem  Tode,  der  in  der 
vierten  Woche  nach  dem  Falle  erfolgte,  kehrte  die  Sensibilitat  in  den 
. gelahmten  Gliedern  zuriick.  — Leichenbefund  der  Sc  hade  1- 
hohle.  Die  Arachnoidea  war  von  opaler  Farbe:  zwischen  ihr  und 
der  Pia  mater  befand  sich  ein  seros-sulziges  Extravasat.  Die  Consi- 
' stenz  des  Gehirns  war  in  der  linken  Hemisphare  fester  als  in  der 
rechten.  Die  Marksubstanz  hatte  ein  rothlich-gesprenkeltes  Ansehen. 

I Beide  Seitenhohlen  enthielten  eine  serose  gelbliche  Flussigkeit ; die 
rechte  in  starkerer  Quantitat  als  die  linke.  Im  gestreiften  lvorper  der 
rechten  Seite  fand  ich  an  der  Griinze  des  Sehnervenhiigels  eine  mit  - 
Lgelbem,  dunnemEiter  angefullte  ITohle,  deren  Wande  mit  einer  netz- 
formigen,  mit  einigen  kleinen  Gefiissen  durchzognen  Membran  be- 
| kleidet  waren,  die  sich  beim  Aufgiessen  eines  dunnen  Wasserstrahles 
deutlich  darstellte. 

In  den  mit  Desorganisation,  meistens  Tuberculosis,  desFelsenbeins 
verbundnen  Otorrhoen  hat  der  zum  Ohrenschmerze  hinzutretende 
Kopfschmerz  eine  sehr  wichtige  Bedeutung,  indem  er  die  sich  aus- 
bildende  Ilirnaffection  offenbart.  In  den  von  mir  verglich nen  Fallen, 
12  an  der  Zahl,  waren  es  Eiterung  und  Abscesse  des  grossen  oder 
kleinen  Gehirns  in  der  Nahe  des  kranken  Knochens,  mit  andauerndem 
intensivem  Schmerze  in  der  leidenden  Seite  des  Kopfes,  wobei  die 
Otalgie  mehrentheils  aufgehort  hatte.  (Vgh  Lai  l cm  and  Recher- 
ches  elc.  I.  II.  p.  SO  — 172  . und  Abercrombie  l.  c.  p.  31 — 39.) 

ZuIIiimorrhagieen  des  Gehirns  gesellt  sich  der  Schmerz 
weit  seltner  als  zu  andern  Krankheiten  dieses  Organs.  In  diesen 


174 


HIRNSCIIMERZ. 


Fallen,  die  eine  Parallele  zur  Erscheinung  des  Schmerzes  bei  Ruptu- 
ren  von  Brust-  oder  Bauchorganen  darbieten,  schreit  der  Kranke 
jahlings  auf,  hat  das  deutliche  Gcfuhl  eines  Risses  im  Gehirne,  wird 
blass,  bekommt  Erbrechen,  der  Puls  wird  klein,  unterdruckt.  Es 
stellt  sich  nach  einem  kiirzern  oder  langern  Intervall  Benommenheit, 
Sopor,  Lahmung  ein,  die  Krankheit  nimmt  dann  ihren  gewohnli- 
chen  Lauf  und  endet  fast  immer  todtlich.  Cheyne  ( Cases  of  apo- 
plexy and  lethargy  with  observations  upon  the  comatose  diseases.  Lon- 
don 1812,  p.  1 10)  beschreibt  einen  solchen  Fall  von  einem  33jahri- 
gen  Seeofficier,  der  beim  Fruhstiick  von  Uebelkeit,  Erbrechen  und 
einem  so  gewaltigen  Kopfschmerze  befallen  wurde,  dass  er  sagte,  er 
fiihle,  wie  eine  Halfte  des  Gehirns  von  der  andern  sich  losreisse,  und 
sein  Ende  nahe  sei.  Dabei  rieb  er  die  erstarrenden  Hande,  klagte 
fortwahrend  fiber  den  ungeheuern  Schmerz,  bekam  gegen  Mittag  ei- 
nen Schiittelfrost,  wurde  Abends  soporos  und  starb  um  Mitternacht. 
Bei  der  Section  fand  man  beide  Hemispharen  durch  ein  enormes 
Blutextravasat  von  einander  gerissen,  welches  das  Corpus  callosum 
zerstort  hatte,  und  bis  zur  Basis  gedrungen  war.  — Mehrere  erlau- 
ternde  Beispiele  sind  von  Abercrombie  (7.  c.  p.  218  etc.)  mitge- 
theilt  worden.  Auch  consecutiv  kann  sich  der  Schmerz  im  Kopfe 
bei  Hamorrhagieen  des  Gehirns  einfinden,  wenn  ein  entzundlicher 
Yorgang  in  der  Nahe  des  Blutextravasats  sich  ausbildet.  Charakteri- 
stisch  ist  alsdann  die  Gleichzeitigkeit  schmerzhafter  Empfindungen 
und  Contractionen  in  den  gelahmten,  zuvor  schlaffen  Muskeln. 

Endlich  zeigt  sich  der  liirnschmerz  als  einer  der  hiiufigsten  Be- 
gleiter  bei  Meningitis  und  bildet  die  Hauptklage  der  Kranken,  so 
lange  sie  noch  ihr  Bewusstsein  haben  oder  wieder  erlangen. 

Die  hier  erwahnten  Hirnkrankheiten  konnen  bei  ihrer  so  haufi- 
gen  Beschrankung  auf  einzelne  Bezirke  und  Slellen  dieses  Organs 
dazu  dienen,  den  fur  die  Diagnose  wichtigen  Umstand  zu  erortern, 
ob  der  Sitz  des  Schmerzes  dem  Sitze  der  Krankheit 
entspricht?  Im  Allgemeinen  lasst  sich  diese  Frage  verncinen.  Cir- 
cumscripte  Veranderungen  bedingen  nicht  selten  Schmerz  im  ganzen 


HIRNSCHMERZ. 


175 


Kopfe  oder  in  einer  Halflte,  Desorganisationen  des  kleinen  Gehirns 
markiren  sich  oft  durch  Schmerz  in  der  Stirn,  bei  manchen  Kranken 
wechselt  selbst  die  Stelle  des  Schmerzes,  und  eiuige  ffihlen  ihn  stets 
in  dem  Theile  des  Kopfes,  welcher  am  niedrigsten  liegt. 

Eben  so  wenig  lasst  sich  aus  der  Eigenthfimlichkeit  des  Schmer- 
zes auf.  die  besondre  Beschaffenheit  der  organischen  Yeranderung 
schliessen,  die  sellnen  Falle  von  Empfindung  einer  Ruptur  ausge- 
uommen.  Das  Geffihl  von  Klopfen,  Sieden,  Fliessen  etc.,  auch  wenn 
es  sich  beim  Bficken  und  Schfitteln  des  Kopfes  vermehrt,  kommt 
eben  so  wold  bei  festsitzenden  harten  Geschwfilsten  vor,  als  bei  An- 
sammlungen  von  Eiter  und  andern  Fliissigkeiten.  Die  Empfindung 
eines  den  Kopf  sprengenden  Druckes  begleitet  Krankheiten  von  ge- 
ringem  Umfang,  wiibrend  Geschwiilste  von  grossem  Volumen  keine 
ihrer  Raumlichkeit  entsprechenden  Sensationen  erregen.  Auch  giebt 
die  Topik  der  Krankheit  keinen  genfigenden  Aufschluss  fiber  Inten- 
> sitat  und  Modificationen  des  Schmerzes.  1st  auch  nicht  zu  leugnen, 
dass  Krankheiten  des  kleinen  Gehirns  und  in  der  Nahe  der  Varols- 
brficke  sehr  oft  mit  Schmerzhaftigkeit  verbunden  sind,  so  dfirfen  wir 
die  Nachbarschaft  des  machtigsten  sensibeln  Nerven,  des  Quintus, 
nicht  ausser  Acht  lassen,  so  wenig  wie  andrerseits  die  fiberwiegende 
Zahl  von  Krankheiten  des  grossen  Gehirns,  welche  von  Schmerz- 
empfindung  begleitet  werden.  Wie  lasst  sich  dieses  nun  mit  den  Er- 
.gebnissen  der  experimentellen  Physiologie  vereinigen?  Durch  die 
ein$t  gelaufige  Annahme  wahrlich  nicht,  dass  unempfindliche  Organe 
im  Zustande  der  Reitzung  und  Entzfindung  sensibel  werden : ein  aus 
einer  Schiidelwunde  hervorgedrungnes  Stfick  Hirnsubstanz,  dem  Reitze 
der  Luft  ausgesetzt,  von  Entzfindung  befallen  und  dennoch  schmerz- 
los,  ist  wohl  ein  handgreiflicher  Gegenbeweis.  Besser  erlautert  die 
Analogic  der  Wirkungen  des  Druckes  auf  das  Gehirn.  Beide  Hemi- 
spharen  des  grossen  Gehirns  konnen  an  einem  lebenden  Thiere  ex- 
stirpirt  werden,  ohne  Liihmung  zur  Folge  zu  haben ; dagegen  die 
Injection  von  ein  Paar  Drachmen  Flfissigkeit  in  die  Schiidelhohle 
llemiplegie  der  entgegengesetzten  Seite  bervorbringt.  Der  Grund 


176 


niRNSCHMERZ. 


hievon  ist  die  Glcichmassigkeit  des  Druckes,  auch  auf  die  entfernt 
gelegnen  motorisclien  Nervengcbilde.  Aehnlich  wirken  nun  reitzende 
Anliisse  auf  die  Statten  der  Sensibilitat,  an  welcher  fernen  Stelle  der 
gleichsam  solidarisch  fur  einander  einstehenden  Partieen  des  Geliirns 
sie  auch  ibren  Sitz  liaben  mogen,  und  grade  der  Orgasmus  des 
lebenden  Geliirns,  dieses  von  unnachgiebigen  Wandungen  einge- 
schlossnen  Organs,  mag,  wie  die  chirurgischen  Beobachlungen  der 
penetrirenden  Kopfwunden  andeuten,  dazu  beitragen,  die  Propaga- 
tion des  Reitzes  zu  fordern,  was  auch  durch  die  zuvor  erwahnten 
Wirkungen  angehaltner  Respiration  bestatigt  wird. 

Ueberhaupt  muss  auf  die  begleitenden  Umstande  bei  orgariischen 
Hirnkrankheiten  mehr  Rucksicht  genommen  werden,  als  es  gewohn- 
lich  geschieht.  Man  ist  nur  zu  sehr  an  eine  einseitige  Auffassung 
gewohnt,  und  auch  bei  Sectionen  pflegt  man,  sobald  ein  so  wichti- 
ger,  in  die  Augen  springender  Befund,  wie  eine  Geschwulst  im  Ge- 
hirne,  sich  darbietet,  die  genaue  Untersuchung  der  ubrigen  Thcile 
des  Organs  zu  vernachliissigen.  Hierauf  kommt  es  jedoch  oft  am 
meisten  an,  nicht  nur  um  den  Hinzutritt  neuer  Zufalle  zu  deuten, 
sondern  auch  die  Yerdunklung  oder  den  Rucktritt  der  vorhandnen 
Erscheinungen.  So  wird  der  Hirnschmerz  bei  Geschwulsten  etc.  ver- 
driingt  durch  Ansammlung  seroser  Flussigkeiten  in  den  Holden 
und  zwischen  den  Membranen,  gesteigert  durch  Entzundung  und 
Erweichung  im  Umkreise  der  Geschwulst.  Auf  analoge  Weise  wir- 
ken intercurrente  Zustiinde  des  Organismus.  Acute,  exanthematische 
Krankheiten  wecken  oder  vermehren  nicht  selten  den  Hirnschmerz: 
vor  den  Katamenien  nimmt  er  zu,  nach  dcnselben  ab,  so  wie  iiber- 
haupt  Blutenlleerungen  zu  erleichtcrn  pflegen. 

Ein  anderer  allgemeinerer  Grund  dcr  Nacldasse  des  Ilirnschmer- 
zes,  trotz  der  Andaucr  seiner  Ursachc,  ist  die  Erschopfung  der  Reitz- 
barkeit  durch  die  Reilzung  selbst,  und  daraufberuht  der  remittirende 
Typus  des  Schmerzes  bei  organischen  Krankheiten  des  Geliirns.  Selbst 
regelmassige  Periodicitat  ist  in  seltneren  Fallen  beobachtet  worden. 
(Abercrombie  l.  c.  p.  ICC.  173.J 


177 


IIIRN SCHMERZ. 

Stellt  sicli  aus  den  Ergebnissen  dieser  Untersuchung  heraus,  dass 
die  Diagnose  der  Species  der  von  Schmerz  begleiteten  Ilirnkrank- 
heiten  auf  grosse  Schwierigkeiten  stosst,  und  nur  von  dem  mil  deni 
Gauge  der  Krankheit  Vertrauten  approximativ  gestellt  werden  kann, 
so  darf  uberhaupt  die  Leichtigkeit  der  Unterscheidung  dieses  Schmer- 
zes  von  andern  schmerzhaften  Empfindungen  im  Kopfe  niclit  uber- 
■ schatzt  werden,  wovon  die  Frequenz  des  Irrthums  ein  warnendes 
Zeugniss  ist. ‘ Zur  Verhutung  einer  Verwecbslung  mit  Neuralgia  he- 
unicranica  und  mit  dem  Kopfschmerze  als  Mitempfindung  diene  die 
Combination,  die  Proportion  und  die  Aufeinanderfolge  der  Erscbei- 
nungen.  Die  gleichzeitige  Affection  der  motorischen  und  intellecluel- 
len  Sphare,  wie  fluchtig  sie  auch  im  Anfange  der  Krankheit  sein 
mag,  ist  von  grosser  Wichtigkeit.  Schon  ein  vorubergehendes  Schie- 
en  auf  der  Hohe  des  Schmerzes  ist  verdachtig:  ein  Gefi'ihl  von  Er- 
jtarrung  und  Taubsein  in  einer  Hand  oder  in  einem  ganzen  Gliede 
> st  bedeutungsvoll : kurze  Anwandlungen  von  Bewusstlosigkeit  oder 
"iopor  lassen  kaum  einen  Zweifel  mehr.  In  dem  dyspeptischen  Kopf- 
■veh  und  in  der  Migriine  kann  zwar  der  Schmerz  einen  solchen  Grad 
'rreichen,  dass  er  die  ubrigen  Thiitigkeiten  des  Gehirns  nicht  zur 
Ausiibung  kommen  lasst:  der  Kranke  verurtbeilt  sich  selbst  zur 
igrossten  Ruhe,  physischer  und  psychischer,  allein  weder  die  moto- 
ische  nocli  intellectuelle  Energie  weicht  dabei  von  der  Norm  des 
mdividuums  ab.  Das  Missverbaltniss  des  Hirnschmerzes  zu  andern 
iymptomen  ist  nicht  minder  beachtungswerth.  Auf  jenen  allein  be- 
iehen  sicli  die  Klagen,  und  er  lasst  sich  nicht  durch  gelegenlliche 
Crankheiten  andrer  Organe  verdecken,  wie  es  so  haufig  bei  dem 
lemicranischen  und  dyspeptischen  Kopfweh  der  Fall  ist.  Demnachst 
st  die  Succession  der  Erscheinungen  von  Belang,  und  das  allmahlige 
/erschwinden  des  Hirnschmerzes,  je  mehr  die  Lahmung  und  die 
tchwache  der  Intelligenz  zunehmen.  Endlich  kommen  die  Intervalle 
n Betracht,  in  welche  sich  fast  slets  Spuren  der  Krankheit  hinein- 
iclien,  (psychische  und  physische,  Reitzbarkeit  oder  Indolenz,  Un- 
ilahigkeit  zu  Anstrengungen,  Yerstopfung,  trage  Reaction  gegen  ab- 

Kombcrg.’s  Nervenkrankh.  I.  ^2 


178 


IIIRNSCHMERZ. 


fuhrende  Mittel,)  und  deren  Dauer  jeden  Augenblick,  zufallig  oder 
geflissentlich,  durch  Einfliisse  auf  das  Gehirn  abgekiirzt  werden  kann. 
Auch  andre  Umstiinde  konnen  noch  fur  die  Diagnose  benutzt  wer- 
den. Dahin  gehort  die  vorangegangne  Ursache,  z.  B.  cine  aussre 
Verletzung,  und  das  Lebensalter  des  Erkrankten.  So  erweckt  der 
Hirnschmerz  im  kindlichen  Alter,  wo  andre  Arten  von  Kopfschmerz 
nur  selten  vorkommen,  die  Vermuthung  von  Tuberkeln  im  Gehirne. 
Die  Coexistenz  von  Tuberkeln  in  andern  Organen,  in  den  Lungen, 
im  Mesenterium,  und  das  Vorangehen  oder  Begleiten  von  Catarrhen 
mid  Blennorrhoen  der  Ohren,  der  Nase,  wird  der  Vermuthung  einen 
grossern  Halt  geben. 

Mit  der  Annahme  einer  organischen  Hirnkrankheit  wird  gewohn- 
lich  der  Stab  fiber  den  Kranken  gebrochen,  und  die  technische 
Behandlung  des  Ilirnschmerzes  hat  sich  keines  Fortgangs  zu  er- 
freuen.  Und  in  der  That  kommt  man  mit  dem  Rezepten-Schlendrian 
hier  nicht  weiter,  dagegen  die  Beachtung  zweier  Momente  forder- 
lich  sein  kann. 

1)  Man  unternehme  nie  eine  Kur,  ohne  zuvor  eine  genaue  Unter- 
suchung  des  Kopfes  angestellt  zu  haben.  Es  ist  kaum  begreiflich, 
dass,  wahrend  bei  Rlagen  liber  Brust-  oder  Unterleibsschmerzen  so- 
fort  eine  Exploration  an  Ort  und  Stelle  vorgenommen  wird,  dem 
Kopfe  allein  eine  Schonung  von  Seiten  der  Praktiker  zu  Theil  wird 
— und  Kopfverletzungen  gehoren  doch  nicht  zu  den  Seltenhei- 
ten.  Selbst  der  Kranke  erinnert  sich  zuweilen  erst  bei  einer  solchen 
Untersuchung  eines  unlangst  stattgefundnen  Sturzes,  Stosses  etc.  Fin- 
det  sich  eine  Narbe,  eine  Verdickung  in  den  Hautdecken,  eine  Ver- 
tiefung  im  Knochen,  so  iiberzeuge  man  sich,  nacli  Wegnahme  der 
Haare,  von  ihrcm  IJmfange,  und  saume  nicht  mit  energischen  Mit- 
teln,  unter  denen  ein  bis  auf  den  Knochen  dringender  Kreulzschnitt 
und  die  Application  einer  grossen  Fontanelle  alien  andern  vorzuzie- 
hen  sind.  Von  dem  Erfolge  dieses  Verfahrens  habe  ich  ein  zu  auf- 
fallendes  Beispiel  beobachtet,  um  es  hier  unerwahnt  zu  lassen. 

Im  Jahre  1827  wurde  ich  zu  einem  24jahrigen  Madchen  gernfen, 


IIIRJNSSCHMERZ. 


179 


welches  ich  in  einem  bctrachtlichen  Grade  von  Abmagerung,  stimm- 
los,  amblyopisch  auf  beiden  Augen  antraf.  Von  den  Verwandten  er- 
fuhr  ich,  dass  ein  seit  mehreren  Jahren  andauernder,  vom  Hinter- 
haupte  nach  der  Stirn  verbreiteter  Schmerz  die  hochste  Intensitat 
erreicht  hatte,  und  jede  Veriinderung  der  Lage,  aus  der  horizontalen 
in  die  verlicale,  von  Schwindel  und  Ohnmachtgefuhl  begleitet  wurde. 
Abnahme  und  Verlust  des  Gedachtnisses  und  der  Schkraft,  Meno- 
stasie,  Blodsinn  und  lahmungsartigc  Schwiiche  der  untern  Extremi- 
taten  hatten  sich  hinzugesellt,  zuletzt  Oedem  der  Beine,  so  dass  die 
bisherigen  Aerzte  der  Kranken  den  tddtlichen  Ausgang  fur  unver- 
meidlich  und  nahe  hielten.  Die  iitiologische  Priifung  gab  keine  Auf- 
klarung  fiber  den  Ursprung  einer  so  entschiedenen  und  vorgeschritt- 
nen  Krankheit  des  Gehirns;  durch  die  Exploration  des  Kopfes  ward 
sie  mir  zu  Theil.  In  der  rechten  Ilalfte  des  Ilinterhauptes  entdeckle 
ich  eine  Ivnochennarbe  mit  bedeutender  Yertiefung,  von  der  Grosse  ei- 
nes  halben  Zolles.  Jetzt  erst  erinnerten  sich  die  Geschwister  eines 
vor  sechs  Jahren  geschehnen  Falles  von  einer  Treppe,  und  dass  spii- 
terhin  eine  von  einem  jungeren  Bruder  aus  Muthwillen  geschleuderte 
Kleiderburste  ebenfalls  den  Hinterkopf  getroffen  hatte.  Von  meinem 
verehrtcn  Freunde  Dieffenbach,  der  sich  von  der  Verletzung 
iiberzeugte  und  mit  mir  in  Bctreff  der  Behandlung  iibereinstimmte, 
wurde  ein  betrachtlicher  Kreutzschnitt  in  die  Ilautdecken  gemacht, 
welchen  wir  zur  Erdffnung  einer  Fontanelle  von  1 2 Erbsen  benutz- 
ten.  Die  ein  Viertel  Jahr  unterhaltne  Eiterung  hatte  den  glucklich- 
sten  Erfolg.  Das  Allgemeinbefmden  besserte  sich,  das  Oedem  ver- 
schwatid,  der  Ilirnschmerz  liess  nach,  das  Sehvermogen  kehrte  zu- 
riick,  die  Menses  stellten  sich  ein,  und  die  Fusse  erlangten  allmahlig 
ihre  Kraft  wieder.  Das  Gedachlniss  hatte  aber  dcrgestalt  gelitten, 
dass  die  Kranke  von  neuem  Unterricht  im  Lesen  und  in  weiblichen 
Handarbeiten  nehmen  musste.  Nach  einem  halben  Jahre  war  die 
1 Genesung  so  vollkommen,  dass  sogar  die  Bewegungen  des  Tanzes 
wieder  behaglich  waren. 

Auch  ohne  vorangegangne  Verletzung  verheisst  ein  solches  Yer- 


12* 


ISO 


HIRNSCHMERZ. 


fahreu  Linderung  und  selbst  Hulfe,  wofern  es  nicht  zu  spat  in  Ge- 
brnuch  gezogen  wird. 

2)  Der  zuvor  erwahnte  Hinzulritt  eines  entzundlichen  Yorgangs 
in  der  Nahe  der  organischen  Hirnkrankheit,  wodurch  nicht  bloss  der 
Schrnerz  gesteigert  wird,  sondern  auch  schnellere  Gefahr  erwachst, 
macht  die  Anwendung  der  antipblogistischen  Methode,  in  zeitgema- 
sser  Wiederholung,  erforderlich,  um  so  mehr,  da  auch  die  stiirkeren 
Anfalle  des  Hirnschmerzes  von  Aufregung  des  Gefasssystems  beglei- 
tet  werden.  Allgemeine  und  ortliche  Blutentleerungen  durch  Schropf- 
kopfe  und  Blutegel,  kalte  Fomentationen,  Ableitung  auf  den  Darm- 
kanal  beschwichtigen  den  drohenden  Sturm,  der  oft  als  primare  Me- 
ningitis, zumal  bei  Kindern,  gedeutet  wird,  und  tragen  auch  zur 
langeren  Erbaltung  des  Kranken  bei. 

Zu  hiiten  hat  man  sich  jedenfalls  vor  unniitzem  und  angreifendem 
Yerfahren,  namentlich  erschiitternden  Sturz-  und  Dampfbadern,  vor 
Schmier-  und  Hungerkuren. 


181 


Neuralgia  eereliralig. 

Hemicrania,  daraus  corrumpirt  Migraine. 


Olme  oder  mit  Vorboten,  unter  denen  Frosteln,  Gahnen,  Heiss- 
liunger,  Anorexie,  gereitzte  Stimmung  die  haufigsten  sind,  befallt  der 
Sehmerz  die  liable  des  Kopfes,  die  linke  haufiger  als  die  rechte,  ge- 
wbhnlich  stellenweise,  besonders  die  Supraorbital-  oder  Tcmporal- 
Gegend,  hierauf  sicli  bescbriinkend  oder  weiter  aufwarts  nach  dem 
behaarten  Theile  des  Schadels  ausdebncnd,  anfangs  gelinde,  dann 
langsamer  oder  scbneller  steigend,  mit  dem  Gefuhle  des  Druckes  und 
der  Spaimung.  Die  motorischen  und  geistigen  Energieen  des  Gebirns 
vermehren  den  Sehmerz:  Rube  und  Einsamkeit  sucht  jeder  Kranke 
auf.  Mitempfindungen  in  den  Bahnen  des  Quintus  und  der  Sinnes- 
nerven  fehlen  selten.  Das  Auge  ist  schmerzhaft,  tlirant,  und  erscheint 
kleiner.  Licht  und  Gerausch  schmerzen.  Flimmern  und  Ohrensausen 
gesellen  sich  hinzu.  Die  Haare  sind  gegen  aussre  Beriibrung  selir 
empfiudlich.  Auf  der  Hohe,  meistens  gegen  Elide  des  Anfalls,  stellt 
sicli  bei  vielen  Uebelkeit  und  Erbrecben  ein,  welches  eine  Menge 
scbleimiger  und  bilioser  StofTe  mit  Erleichterung  entleert.  Gewohn- 
licli  schliesst  der  Anfall  mit  einem  festen,  erquickenden  Schlafe. 

Die  Dauer  der  An  fade  belauft  sich  fast  immer  auf  mebrere  Stun- 
den,  nicht  selten  langer,  auf  einen  ganzen  Tag^und  driiber.  Die  In- 
lervalle,  von  einer  drei  bis  vierwochentlichen  Dauer,  zeichnen  sich 
meistens  durch  ein  ungestortes  Wohlbefmden  aus.  Beim  weiblichen 
Gescblecbte  pllegt  die  Kemicranie  die  Menstrualperiode  zu  lialten  und 
sich  vor  oder  wahrend,  selten  nach  den  Catamenien  einzufmden. 

Der  Verlauf  der  Krankheit  ist  chronisch,  auf  mehrere  Jahre,  selbst 
ein  halbes  Lebensalter  ausgedehnt,  oline  eine  wesentliche  Yerande- 
rung  der  Symptome  herbeizufuhren. 

Es  disponiren  erbliche  Anlage,  weibliches  Geschlecht,  jugendli- 
ches  Alter.  Ich  babe  Fade  beobachtet,  wo  7 — Sjiihrige  Madchen, 
deren  Mutter  an  dieser  Neuralgic  litlen,  davon  heimgesucht  wurden. 


182 


HEMICRANIE. 


Tissot  (Abhandl.  uber  die  Nerven  und  deren  Krankheiten,  ubers. 
von  Ackermann.  3.  B.  S.  514)  behauptet  sogar,  dass  wer  nicht 
im  25.  Jahre  von  der  Hemicranie  befallen  ist,  davon  verschont  bleibt. 
Storungen  der  Digestionsorgane  sind,  nach  Tissot’s  Yorgang,  als 
disponirende  Momente  uberschatzt  worden,  dagegen  sie  als  gelegent- 
liclie  Anliisse,  nebst  Gemiithsaffecten,  am  fruchtbarsten  sind. 

Wenn  auch  heutigen  Tages  nicht  so  leicht  Yerwechslung  dieser 
Krankheit  mit  der  Prosopalgie  statt  finden  durfte,  wie  es  bei  altern 
Autoren,  z.  B.  Wepfer  und  Tissot,  der  Fall  war,  so  wird  die 
Unterscheidung  von  andern  Schmerzen  des  Gehirnes  ofters  vernach- 
lassigt.  Indem  ich  mich  auf  die  vorhergehende  Schilderung  des  Schmer- 
zes  als  Begleitcrs  organischer  Hirnkrankheiten  beziehe,  hebe  ich  hier 
nur  hervor,  dass  die  bestimmte  Gruppe  von  Symptomen,  welche  sich 
bei  dem  einzelnen  Individuum  auf  gleiche  Weise  in  den  Anfallen 
wiederholt,  der  Wechsel  freier  und  schmerzhafter  Perioden,  der  Man- 
gel der  Succession  neuer  Erscheinnngen  in  andern  Nervengebieten 
trotz  der  langen  Dauer  der  Krankheit,  diejenigen  Criterien  sind,  wo- 
rauf  die  Diagnose  der  Neuralgia  cerebral  is  beruht. 

In  dem  hoheren  Alter  lasst  meistens  die  Hemicranie  nach  oder 
hort  ganz  auf,  beim  weiblichen  Geschlecht  oft  mit  der  Decrepiditat. 
Fieberhafte  Krankheiten  und  der  Ausbruch  von  Gicht  und  von  im- 
petiginosen  Affectionen  haben  auch  zuweilen  diesen  Einfluss. 

In  der  Behandlung,  sowohl  palliativen  als  radicalen,  kann  man 
nicht  genug  vor  dem  Missbrauche  der  Medicamente  auf  der  Hut  sein. 
Wahrend  des  Anfalls  erleichtern  horizontale  Lage  mit  erhohtem 
Kopfe,  Dunkelheit,  Ruhe,  Unterstiitzung  des  Erbrechens  mit  lauwar- 
mem  Thee.  Beforderung  des  Stuhlgangs  gegen  Ende  des  Anfalls 
durch  ein  einfaches  Clysma,  Aeussre,  auf  den  Ivopf  applicirte  Mittel 
sind  unnutz:  den  meisten  bekommt  Druck  durch  Binden,  andern  die 
Entblossung,  wenigen  nur  Warme  oder  Kalte.  Oerlliche  Blutentlee- 
rungen  miissen  vermieden  werden. 

Die  radicale  Kur  ber'ucksichtige  den  Zustand  der  Digestion.  o 
bereits  pathische  Absonderungen  der  Leber  und  Darmdrusen  obwalten, 


HEMICRANlE. 


183 


was  beim  mannlichen  Geschlechte  haufiger  der  Fall  ist  als  beim 
weiblichen,  eignet  sich  das  natiirliche  und  kimstliche  Marienbader, 
Kissinger,  selbst  Carlsbader  Wasser,  und  der  Gebraueh  der  Gummata 
resolv.  mit  Kalien.  Bei  atonischer  Dyspepsie  sind  die  Amara  an  ihrer 
Stelle,  unter  denen  die  Hi),  irifol.  fibr.  an  Tissot  einen  grossen  Lob- 
redner  gefunden  hat.  Stellt  sich  der  neuralgische  Charakter  rein  her- 
aus,  so  meide  man  ein  stiirmisches  Verfahren,  und  sei  des  chronischen 
Verlaufes  der  Krankheit  und  ihres  Nachlasses  durch  vorschreitendes 
iLebensalter  eingedenk.  Ein  fortgesetzter  Gebraueh  der  ras.  lign. 
Quciss.,  des  Bitterklees  in  Verbindung  mit  rad.  Valeria n.,  als  Thee- 
aufgusses,  der  Spaaer  und  Pyrmonter  Quelle  in  massiger  Dosis,  1 bis 
2 Weinglaser  des  Morgens,  auch  im  Winter,  nuchtern  getrunken, 
die  China,  zumal  das  Chinin.  sulph.  bei  statiger  Periodicitat,  der  Versuch 
mit  einem  Sool-  und  Seebade  — dies  sind  im  Allgemeinen  diejeni— 
.gen  Mittel,  von  denen  man  sich  die  meiste  und  unschadiiche  Wirksam- 
keit  versprechen  kann.  Ableitungen,  besonders  schmerzhafte  und  mit 
"Safteverlust  verbundne,  durch  Exutoria,  sind  zu  vermeiden.  Diegrosste 
Aufmerksamkeit  verdient  die  Regulirung  der  Diiit  in  ihrem  vollen 
1 Umfange,  allein  hieran  scheitern  gewohnlich  die  Aerzte,  dagegen  ku- 
rirende  Dilettanten  sich  einer  beharrlicheren  Folgsamkeit  zu  ruhmen 
haben. 


fXr 


IlygtevnesllieMia  psychicm. 

Hypochondria. 


Die  durch  Fixiren  dcs  Geistes  auf  Empfindungen  bedingte  Erre- 
gung  und  Unterhaltung  abnormer  Sensationen  ist  es,  was  ich  unter 
dem  Worte:  psychische  Hyper  as  the  si  e oder  unter  dem  ge- 
brauchlicheren  Namen  II  y p o c h o n d r i e begreife. 

Zum  bcssern  Verstandniss  dieser  Exposition  sei  daran  erinnert, 
dass  im  gesunden  Zustande  die  Thatigkeit  der  Empfindungsnerven 
perennirt,  nicht  erst  durch  Reitze  hervorgerufen,  sondern  nur  ver- 
starkt  oder  modificirt  wird.  (S.  Henle  fiber  das  Gedachtniss  in  den 
Sinnen.  Wochenschr.  fur  die  ges.  Ileilkunde  1838,  S.  283.!  Ein 
grosses  Material  von  Sensationen  ist  zu  jeder  Zeit  vorhanden,  aus 
welchem  der  Wille  eine  Auswahl  fur  die  geistige  Auffassung  und 
Anschauung  treffen,  und  denen,  sogar  dem  Detail  einer  Emptindung, 
die  Aufmerksamkeit  Scharfe  und  Nacbhaltigkeit  geben  kann. 

Die  Reitze,  welebe  die  sensibeln  Energieen  bestimmen,  sind  objec- 
tiv-subjective  oder  lediglich  subjective.  Unter  den  letzteren  kommt 
dem  Reitze  der  Vorstellungen  ein  grossrer  Wirkungskreis  zu,  als 
man  ihm  einzuraumen  pflegt.  An  den  Wirkungen  der  lusternen 
Vorstellungen  zvveifelt  zwar  niemand;  allein,  dass  aucli  des  Schmer- 
zes  Yorstellung  Schmerz  zur  Folge  haben  kann,  fmdet  Anstoss,  ob- 
gleich  die  nicht  auffallenden  Folgen  der  Yorstellung  dcs  Ekels,  des 
Schauders,  des  Kitzels,  des  Juckens  nichts  andres  als  abnorme  Sen- 
sationen sind. 

Diese  Verleiblichung  des  Ideellen  durch  Sensation  hat  nichts  vor- 
aus  vor  der  Verleiblichung  des  Ideellen  durch  Rewegung  — nur 
wird  sie  nicht  ge'ubt,  als  hbchsteris  um  die  Wirbel  eines  sinnlichen 
Genusses  holier  zu  schrauben.  Dass  sie  aber,  wenn  sie  ge'ubt  wird, 
sich  eben  so  priignant  zeigt,  wie  die  Manifestation  der  Yorstellung 
durch  Rewegung,  davon  giebt  der  Zustand  Zeugniss,  dessen  Schilde- 


HYPOCHOINDRIE. 


185 


rung  jetzt  folgt  *).  Die  Hypochondristen  sind,  wenn  anders  dieser 
Ausdruck  gestattet  ist,  Virtuosen  auf  den  sensibeln  Nerven. 


Zweifel  und  Sorgen  um  den  eignen  Gesundheitszustand  drangen 
sich  auf,  fixiren  sich  in  der  Yorstellung  des  Leidens  eines  besondern 
Organs,  gewohnlich  zuerst  des  Magens  und  Darmkanals,  sammt  der 
Yerdauung.  Zunge  und  Stuhlgang  werden  beschauet.  Druck,  Span- 
nung,  Breunen,  Yollsein  in  der  Herzgrube  sind  die  haufigsten  Kla- 
gen.  Hier  soli  der  Sitz  der  Krankheit  sein,  hier  melden  sich  auch 
die  Empfindungen,  deren  Starke  mit  Wiederholung  der  Inten- 
tion steigt.  Ueber  den  Grund  des  Leidens  wird  fortan  gegrubelt,  da- 
her  der  charakteristische  Hang  zum  Lesen  medicinischer  Bucher, 
zum  Berathen  mit  Gevattern  und  arztlichem  Personal.  So  spiegelt 
sich  in  der  Hypochondrie  der  rohe  Yolksglauben  ab  und  das  medi- 
cinische  System  der  Zeit,  so  wie  in  der  Manie  die  socialen  und  poli— 
tischen  Zustande.  Jeder  Hypochondrist  ist  zuerst  ein  Pneumatiker. 
Ructus  und  Flatus  sind  so  uberzeugende  Argumente,  und  die  Pneu- 
matose  des  Magens  und  Darms  nimmt  im  Verhaltniss  der  Intention 
zu.  In  Frankreich  supponirt  der  gebildete  Hypochondrist  heut  zu 
Tage  Gastritis,  wie  in  Deutschland  vor  vierzig  Jahren  schwarzgallige 
Versessenheiten,  deren  Conterfei  in  Kempf’s  Buche  emsig  betrach- 
tet  und  verglichen  wurde.  Allein  nicht  bloss  die  Hypochondrien, 
auch  die  Brustorgane  werden  von  der  Intention  heimgesucht. 
Die  Sensation  der  Angst  und  Beklemmung  gehort  zu  den  haufigsten, 
welche  der  Hypochondrist  spontan  hervorruft  und  steigert.  Zugleich 
nimmt  auch  die  motorische  Action  Theil.  Das  Ilerz  klopft,  pocht  in 
unregelmassigem  Rhythmus.  Der  Argwohn  einer  Herzkrankheit  fasst 
festcn  Puss,  bis  ein  zufalliger  Catarrh  die  Aufmerksamkeit  auf  die 

*)  Der  Einfluss  des  AYillens  und  der  Intention  auf  Production  und  Fixirung  von 
Empfindungen  ist  fur  die  Thcrapie  noch  nicht  gchorig  benutzt  worden.  Einige 
Andcutungcn  finden  sich  in  Dr.  Lebenheim’s  Aufsatze:  „iiber  die  psychische 
Behandlung  somatischcr  Krankhcitcn“  in  Wochenschr.  far  die  ges.  Ileilk.  1838. 
S.  489. 


186 


HVPOCHONDRIE. 


Lungen  lenkt.  Dann  keine  Angst,  keine  Palpitation  mehr  — das 
drohende  Gespenst  der  Phthisis  absorbirt  alles  Andre,  und  in  dem- 
selbcn  Yerhiiltniss  klagt  der  Kranke  iiber  Schmerzen  in  der  Brust, 
das  Bedurfniss  des  Hustens  meldet  sich  ofter  und  starker,  und  an  den 
wohlverwahrten  Sputis  haftet  das  Auge.  Jedoch  nichtbloss  im  Bauche 
und  in  der  Brust,  aucli  in  des  Kopfes  sensibler  Sphiire  ruft  die  Vor- 
stellung  und  Intention  Phanoraene  hervor:  Hyperasthesieen  der  Sin- 
nesnerven,  Schmerzen  an  der  Schadel-  und  Gesichtsflache,  Druck 
und  Spannung,  Schwindel,  Benommenheit  — die  Besorgniss  drohen- 
den  Schlagflusses  befestigt  sich  schon,  — da  hort  der  Hypochondrist 
von  Cholera,  frei  fi'ihlt  er  sich  im  Kopfe,  allein  im  Bauche  nahen 
schon  die  Vorboten  der  mordrischen  Seuche. 

Jetzt  priife  man  den  Kranken  genauer.  Sehr  oft  bietet  sich  ein 
gesundes,  frisches  Aussehen  dar,  ein  weicher  Bauch,  der  nur  bei  der 
Percussion  einen  ausgebreiteteren  tympanitischen  Schall  ertdnen  lasst, 
normale  Herz-  und  Lungengerausche,  Erleichterung  der  Beschwer- 
den  bei  Bewegung,  Zunahme  in  der  vorgezognen  triigen  Ruhe.  Der 
Appetit  ist  veranderlich,  je  nach  der  Intention.  Die  Ernahrung  geht 
ungestbrt  von  statten.  Fiir  sich  gewinnt  man  Beruhigung,  doch  der 
Kranke  findet  sie  nicht.  Wie  in  einem  Zauberkreis  seiner  Sensatio- 
nen  ist  er  gebannt,  und  verbarricadirt  sich  mit  diatetischen  und  Arz- 
neisubstanzen.  Der  eine  fastet,  der  andre  trinkt  kaltes  Wasser  fiir 
und  fiir,  ein  dritter  verbraucht  ganze  Kisten  voll  der  Lebensessenz.  — 
Richten  wir  endlich  unsern  Blick  auf  die  geistige  und  gemuthliche 
Richtung  des  Kranken.  Trotz  der  bestandigen  Gedanken  von  Le- 
bensgefahr  und  Pein,  kein  taedium  vilae  — je  mehr  Aerzte,  desto 
besser:  er  mochte  damit  wie  mit  Fomentationen  wechseln.  Keine 
Yeriinderung  seines  moralischen  Charakters  — keine  Bosartigkeit  — 
fiir  Weib  und  Kind  dieselbe  Liebe,  wiewohl  ihre  gelegentlichen 
Krankheiten  gegen  die  seinige  ihm  als  Bagatelle  erscheinen  — er 
sorgt  fiir  den  Unterhalt  seiner  Familie,  setzt  seine  gewohnten  Be- 
schaftigungen  fort,  obgleich  uberall  der  Einschlagsfaden  seiner  Sen- 
sationen  sich  hineinzieht. 


I1YP0CH0NDRIE. 


187 


Ein  solcher  Zustand  bleibt  entweder  fur  sich  bestehen,  oder  geht 
iii  einen  andern  uber,  dessen  Auffassung  von  grosser  Wichtigkeit 
ist.  Es  stellen  sich  Structurveranderungen  in  jenen  Organen  ein,  die 
bisher  die  Scene  der  niannichfaltigen,  durch  die  Intention  bestimmten 
und  gesleigerten  Empfindungen  waren.  Damit  beginnt  ein  neuer 
Cyclus  der  Krankheit.  Am  haufigsten  werden  die  Digestionsorgane 
der  Sitz : Leber,  Magen,  Milz,  Darmkanal.  Intumescenzen,  Verhar- 
tungen  lassen  sich  durch  Betastung  und  Percussion  erkennen.  Im 
Herzen  bilden  sich  Hypertrophieen,  Erweiterungen,  in  den  Lungen 
Tuberkel.  Seltner  werden  Sinnesorgane  und  Gehirn  beeintrachtigt. 
Die  reactionellen  Symptome  entsprechen.  Die  Gesichtsfarbe  veran- 
dert  sich,  die  Ernahrung  leidet,  Zehrfieber  entwickelt  sich  — und 
mitten  durch  diese  Yerwustungen  zieht  sich  das  hypochondrische 
Element,  die  Steigerung  der  vorhandnen  Empfindungen  und  die  Er- 
regung  neuer  durch  die  Intention  der  Vorstellungen.  Jener  Mensch 
mit  gelblichem  Teint,  mit  Geschwulst  des  rechten  Hypochondrium, 
mit  liistigen,  druckenden  Empfindungen,  fiihlt  nach  dem  Anblicke 
eines  Amaurotischen  abnorme  Erscheinungen  im  Auge,  und  furchtet 
blind  zu  werden. 

Der  Hinzutritt  malerieller  Veranderungen  in  den  Theilen,  deren 
sensible  Nerven  zuvor  in  dieser  Krankheit  vorzugsweise  in  Anspruch 
genommen  waren,  ist  ein  Gegenstand  von  physiologischer  Bedeutung, 
und  schliesst  sich  ahnlichen  Phanomenen  an,  die  im  hygienen  Zu- 
stande  vorkommen.  Es  ist  bekannt,  dass  Liisternheit  reichlicheren 
Erguss  des  Speichels  bewirkt,  Ruhrung  Thriinenerguss,  woll'ustige 
Gier  Erection  und  Saamenerguss,  dass  die  Vorstellung  unsittlicher 
Dinge  die  Schaamrothe  hervorruft,  und  es  war  mir  interessant,  von 
Dieffenbach  zu  horen,  dass,  als  er  unlangst  bei  einer  Dame  eine 
kleine  Geschwulst  an  den  Pudendis  untersuchte,  in  demselben  Au- 
genblicke  die  Labia  und  der  Introitus  vaginae  mit  cinem  Male  sich 
rbtheten,  wie  die  Wangen,  so  dass  der  Name  Schaamrothe  eine 
wahre  Bedeutung  hat.  Denkt  man  sich  analoge  Einwirkungen  per- 
manent und  verbunden  mit  dem  ohnehin  die  Ernahrung  so  sehr 


188 


IIYPOCHOINDRIE. 


alterirenden  Einflusse  der  Gemiithsverstimmung,  so  diirfte  der  Hinzu- 
tritt  der  Trophoneurose  zur  Hyperasthesie  nichts  Befremdendes  ha- 
ben,  uni  so  weniger  da  mil  den  Affectionen  sensibler  Nerven  so  oft 
Stoning  vegetativer  Processe  beobachtet  wird. 

Ursachen.  — Wo  keine  Intention  derYorstellungen\valtet,kann 
die  Hypochondrie  nicht  keimen.  Das  kindliche  Alter  muss  a priori 
frei  davon  sein  und  so  ist  es  auch.  Eine  gewisse  intellectuelle  Reife, 
die  Mdglichkeit  des  Sichselbstbestimmens  ist  crforderlich,  dalier  in 
die  Zeit  vom  Junglings-  bis  zum  Greisesaltcr  die  Breite  der  Disposi- 
tion fallt.  Aus  demselben  Grunde  ist  das  weibliche  Geschlecht  zur 
Hypochondrie  nicht  geneigt:  denn  wie  sehr  auch  das  Weib  fur  die 
Oberflache  der  Empfindungen  Rezeptivitat  hat,  so  wenig  vermag  es 
sie  festwillig  zu  determiniren.  Der  climatische  Einfluss  steht  noch 
nicht  best,  dock  scheint  es,  dass  temperirtes  Clima,  feuchte  und  kiihle 
Lander,  z.  B.  der  Nordwesten  Europa’s,  die  Entsteliung  der  Krank- 
heit  mehr  begunstigen  als  der  Siiden.  Die  miissige,  ruhige,  sitzende 
Lebensweise  disponirt,  am  starksten  als  Contrast,  wenn  sie  auf  eine 
zuvor  bewegte  folgt.  Der  Stand  der  Gelehrten  und  der  Seeleute  ist 
giinstig,  besonders  der  stationirten.  Erregende  Anlasse  sind : gefalir- 

liche  Seuchen.  Wir  sahen  zur  Zeit  der  asiatischen  Cholera  die  Kv- 

%) 

pochondrie  fast  epidemisch  herrschen.  Yergiftungen  oder  geargwohnte 
Moglichkeit  derselben:  als  die  begunstigendsten  sind  die  syphilitische, 
die  mercurielle,  und  besonders  der  Biss  eines  Thieres  zu  betrachtcn. 
Chomel  erzalilt  von  einem  Lyoner  Arzte,  der  im  Jahre  181?  an 
der  Section  mehrerer  Hydrophobischer  Theil  genommen  hatte,  und 
die  Yorstellung  fasste,  die  Wuth  sich  dabei  inoculirt  zu  haben.  Er 
verlor  Appetit  und  Schlaf:  sobald  er  trinken  wollte,  wurde  er  von 
Suffocation  und  Schlundkrampf  befallen:  drei  Tage  irrle  er  verzwei- 
felnd  in  den  Strassen  umher:  endlich  gelang  es  seinen  Freunden  ihn 
vom  psychischen  Grunde  seiner  Krankheit  zu  uberzeugen.  (Dubois 
fiber  das  Wesen  und  die  grundlichc  lleilung  der  Hypochondrie  und 
Hysterie.  Ilerausgegeben  und  mit  einer  Einleitung  versehen  von 
Idler.  Berlin  1840.  S.  175.)  Das  Lescn  medicinischer  Bucher,  wel- 


HYPOCHONDRIE. 


189 


ches  durch  die  iiberhand  nchmende  populare  Litteratur  unsersFaches, 
durch  das  homoopathische,  hydropathische  und  wie  all  das  pathische 
Zeug  noch  heissen  mag,  so  sehr  begiinstigt  wird,  ist  haufiger  Anlass. 
Auch  das  medicinische  Studium  ist  geeignet  beiDisponirten  dieKrank- 
heit  zum  Ausbruch  zu  bringen,  und  die  Ilypochondrie  der  Studenten 
ist  vorzugsweise  ein  Spiegel  fiir  die  Richtung  in  unsrer  Wissenschaft. 
Wie  vor  ein  Paar  Dezennien  Herzkrankheiten,  so  sind  jetzt  Nerven- 
affectionen  das  Thema,  auf  welches  man  sicb  einiibt.  Eine  gegensei- 
tige  Mittheilung  der  Hypocbondrie  ist  nicht  zu  leugnen.  Mit  einem 
: Hypochondristen  zusammen  zu  leben  macbt  nicht  bloss  Langeweile, 
bringt  auch  Gefahr.  Der  Gesunde  scharft  die  Intention  auf  sich  selbst, 
und  es  liegt,  wie  Dubois  mit  Recht  erinnert  (/.  c.  S.  1 10),  im  Hy- 
pochondristen der  Hang  Yergleiche  zwischen  seinen  und  AndrerSen- 
sationen  anzustellen,  nicht  um  Motive  der  Beruhigung  fur  sich  daraus 
zu  entnehmen,  nein,  um  in  dem  andern  ahnliche  Sorge  und  Un- 
ruhe  zu  wecken.  Endlich  gehoren  zu  den  gelegentlichen  Anlassen 
FErschopfung  durch  Safteverlust,  zumal  spermatischen : Diatfehler, 
ungehoriger  Gebrauch  yon  Arzneimitteln,  unentwickelte  Arthritis, 
i Hamorrhois. 

Nosologisches  und  D iagnostisches.  — Ein  grosser  Irrthum 
zieht  sich  durch  die  gewohnliche  Auffassung  dieser  Krankheit,  Missdeu- 
l tung  des  trophischen  Yerhaltnisses  zum  psychischen.  Man  unterschied 
und  unterscheidet  noch  eine  Hypochondria  cum  materia  von  einer  Hy- 
pochondria sine  materia.  Die  erstere  soil  von  somatischen  Veranderun- 
.gen,  zumal  der  Digestionsorgane  und  des  Blutumlaufs  im  Unterleibe, 
abhangig  sein,  die  andre  als  psychischer  Zustand  rein  fur  sich  beste- 
hen.  Es  gehort  kein  grosser  Scharfsinn  dazu  den  Missgriff  zu  erkennen : 
man  hat  die  Geschichte  der  Krankheit  zerrissen  und  ihre  successiven 
Perioden  als  verschiedne  Zustiinde  betrachtet.  Die  Hineinbildung  des 
Geistes  in  eine  der  Norm  des  Individuums  nicht  entsprechende  Leib- 
lichkeit  ist  der  Grundzug  der  Ilypochondrie.  Schon  von  Beginn  an 
begleitet  ein  vegetativer  Process  den  sensibeln:  zum  Beweise  dienen 
die  mannigfalt.igen  Absonderungen  im  Magen,  welche  Pneumatosis, 


190 


HVPOCIIONDRIE. 


Pyrosis  zur  Folge  haben,  und  gleichzeitig  mit  den  Empfindungen  des 
Druckes,  des  Yollseins  etc.  sich  melden.  Allein  uber  die  letzteren  wer- 
den  die  ersteren  ubersehen,  und  die  Annahme  einer  Hypochondria 
sine  materia  ist  fertig.  Wcnn  aber  die  organischen  Ycranderungen 
im  weiteren  Yerlaufe  und  bei  Steigerung  der  Krankheit  in  den  Yor- 
dergrund  treten,  wenn  sie  sicht-  und  tastbar  werden,  dann  nenrit  man 
es  Hypochondria  cum  materia.  Icb  bin  weit  entfernt  Sldrungen  in 
den  Digestionsorganen  als  eotfernte  Momente  fur  die  Entstehung  der 
Hypochondrie  zu  leugnen,  obgleich  sie  oft  genug  nur  supponirt  wer- 
den, allein  jene  Storungen  sind  nicht  die  Hypocbondrie,  mogen  sie 
auch  noch  so  sehr  von  unangenebmen  Empfindungen  und  Irauriger 
Gemuthsstimmung  begleitet  werden.  Hypochondrie  ist  nur  da  vor- 
handen,  wo  die  geistige  Intention  neue  Sensationen  schafft,  welche 
wiederum  trophische  Alienationen  herbeifiihren.  Man  hat  sich  aber 
nicht  bloss  mit  der  Annahme  einer  materiellen  Hypocbondrie  begnugt: 
man  ist  weiter  gegangen,  hat  dieMaterie  rubricirt,  hat  der  Atra  Bibs, 
den  Infarctus  eine  Rolle  angewiesen  — davon  schweige  ich:  diese 
Termen  sind  zu  unfruchtbar. 

Auch  diagnostische  Irrthiimer  werden  oft  begangen,  durch  Yer- 
wechslung  der  psychischen  Ilyperasthesie  mit  Melancholie  und  Hysterie. 
Der  wesentliche  Charakter  der  ersteren,  wie  des  Irreseins  uberhaupt, 
ist  Entfremdung  des  Selbstgefiibls  und  Selbstbewusstseins  an  Empfin- 
dungen und  Vorstellungen,  in  der  Melancholie  verbunden  mit  negi- 
rendem  Affect.  In  der  Hypochondrie  dagegen  ist  das  Selbstgefuhl 
potenzirt,  keinesweges  entiiiissert  an  irgend  einer  Empfmdung  oder 
Yorstellung,  wodurch  diese,  als  reale  Objectivitat  fixirt,  mit  der  an 
sich  seienden,  wabrhaftcn  Objectivitat  in  Gegensatz  tritt.  In  alien 
Yerhiiltnissen  spricht  sich  der  Unterschied  deutlich  aus,  auch  im  Yer- 
haltnisse  zum  Arzte.  Dem  Hypochondristen  ist  der  Arzt,  mag  er  auch 
noch  so  oft  damit  wechseln,  sein  Heifer  und  Retter:  dem  Melancho- 
lischen  dagegen  ein  unbefahigtes  oder  feindliches  Wesen,  von  dem  er 
sich  stets  abzuwenden  bemiihet. 

Die  Hysterie,  welche  Einzelne  sich  haben  verleiten  lassen  fiir 


hypochondrie. 


191 


gleichbedeutend  beim  weiblichen  Geschlechte  mit  der  Hypochondrie 
beim  mannlichen  zu  balten,  bietet  so  verschiedne  Ziige  dar,  dass  ich 
sie  als  Contrast  der  Hypocbondrie  bezeichnen  mocbte.  Ihr  wesentli- 
eher  Charakter  ist:  Uebergewicht  der  von  einem  bestimmten  organi- 
scben  Heerde  angeregten  Reflexbewegungen  und  Mitempfindungen 
iiber  die  von  Yorstellungen  abhangigen  Bewegungen  und  Ernpfin- 
dungen.  Willenlosigkeit  ist  ihr  psychisches  Geprage:  die  geistige 
Intention  wird  iiberwaltigt,  und  steht  gefangen  unter  der  physischen 
Reflexherrschaft.  In  der  Hypocbondrie  ist  der  Geist  productiv,  schafft 
kdrperlicheEmpfindungen  und  Veriinderungen:  es  haftet  die  Intention 
gern  an  dem  GeschafTnen,  fixirt  sich  auf  eine  bestimmte  Gruppe  von 
Centralenden  sensibler  Fasern,  wahrend  in  der  Hysterie  Mitempfin- 
dungen,  die  in  verschiednen  Nervenbahnen  abwechseln,  zu  den  cha- 
rakteristischen  Symptoraen  gehoren. 

Yerlauf  undAusgang.  — Die  Hypochondrie  nimmt  einen  tra— 
gen,  chronischen  Yerlauf,  mit  Ausnahme  der  zur  Zeit  verderblicher 
Seuchen  herrschenden  und  der  durch  Biss  von  Thieren  veranlassten. 
Die  Prognose  richtet  sich  je  nach  dem  Stadium  der  Krankheit. 
So  lauge  keine  bestebenden  Structurveriinderungen  vorhanden  sind, 
ist  das  Leben  zwar  nicht  gefahrdet,  allein  die  Heilung  sebr  schwierig. 
Wo  jene  bereits  eingetreten  sind,  entscheidet  deren  Sitz  und  Grad 
iiber  Nahe  und  Feme  des  todtlichen  Ausgangs.  Zuweilen  beschliesst 
eine  Nervosa  lenta  oder  Tabes  nervosa  das  Leben  der  Hypochon- 
dristen.  Uebergange  in  andre  Krankheiten  kommen  vor,  seltner  in 
cerebrale,  Irresein,  apoplectische,  paralytische  Zustande,  Amaurosis; 
biiufiger  in  Krankheiten  des  circulatorischen  Apparats,  in  Vomitus 
cruentus,  Hamorrhois,  Melana,  und  derSchleiin  absondernden  Organe, 
auch  in  Arthritis,  wodurch  die  Hypochondrie  verdriingt  wird  oder 
| selbst  gehoben  werden  kann. 

Die  Behandlung  der  Hypochondrie  gehort  zu  den  schwierigsten 
Aufgaben:  der  Entwurf  wird  leicht  gemacht,  schwer  durchgefiihrt, 
scheitert  an  des  Arztes  Ungeduld  bfter  als  an  mangelnder  Ausdauer 
des  Kranken. 


102 


HYPOCHONDRIA. 


Vor  allem  entfremde  man  sich  niclit  das  Zutrauen  durch  der  Laien 
sinn-  und  trosllosen  Zuruf:  eingebildete  Leiden ! Die  Sensationen  des 
Kranken  sind  zwar  eingebildet,  allein  vom  Gciste  in  die  Leiblichkeit. 
Im  Empfmden  maclit  es  keinenUnterschied,  ob  die  Reitzung  am  pe- 
ripherischen  oder  centralen  Ende  der  Nervenfaser  stattfindet,  ob  sie 
durch  die  Intention  oder  durch  einen  mechanischen,  chemischen,  or- 
ganischen  Anlass  bewirkt  wird.  Der  Arzt  zeige  sich  stets  dem  Kran- 
ken als  Kenner  seiner  Sensationen,  eben  so  frei  von  hohnischem  Ta- 
deln  als  von  niedrer  Schmeichelei  und  von  bemitleidendem  Wortkram. 
Auch  die  Umgebungen  des  Kranken  miissen  instruirt  Averden:  sie 
tragen  oft  eine  grosse  Schuld  am  Mislingen  der  Kur.  Ungehorige, 
ubertriebne  Besorgniss  schadet  eben  so  sehr  als  kaltes,  liebloses 
Vernunfteln. 

Eine  andre  Warnung  ist  nicht  minder  zu  beachten : man  hi'ite  sich 
als  sturmischer  Reformator  aufzutreten.  Der  Kranke  hat  sich  nicht 
bloss  in  seine  Empfindungen,  auch  in  alle  Handlungen  bat  er  sich 
hineingearbeitet,  welche  auf  sein  Wohl  und  Well  Bezug  haben.  De- 
von sich  mit  einem  Sclilag  trennen  zu  sollen,  vertragt  sich  nicht  mit 
seiner  quaalvoll  erworbnen  Einsicht. 

Zunachst  kommt  es  in  der  Behandlung  auf  das  Stadium  der  Krank- 
heit  an:  ob  sie  als Hyperiisthesie  oder  zugleich  auch  als  vorgeschrittne 
Trophoneurose  besteht? 

Im  ersteren  Falle  ist  ein  psychisches  und  somatisches  Regimen  die 
Hauptsache.  Die  Aufgabe  des  psychischen  Verfahrens  ist  Ableitung  der 
Intention  von  der  sensibeln  Sphere  auf  die  intellectuelle  und  moto- 
rische.  Stand  und  Bildungsstufe  des  Kranken  entscheiden  die  Wahl 
und  den  Modus.  Dem  iippigen  Miissiggiinger  z.  B.  empfehle  man  eine 
thatigeMitvvirkung  bei  der  stadtischen  Verwaltung,  zumal  des  Armen- 
wesens,  dem  Philosophen  das  Studium  der  Naturwissenschaften,  der 
Astronomie  etc.  Nur  verlange  man  nicht  das  ganzliche  Aufgeben  einer 
Laufbahn:  das  steht  in  den  Buchern,  liisst  sich  in  der  Wirklich- 
keit  nicht  ausfuhrcn  und  wurde  auch,  wenn  es  geschelien  konnte, 
nicht  immer  von  Nutzen  sein:  denn  eine  anhaltende  Intention  auf 


HYPO  CHOIS  D RIE . 


193 


Vrorstellungen  kdnnte  Irresein  zurFolge  haben.  — DieAbleitung  der 
ntention  nacb  der  motorischen  Sphare  hin  wird  am  besten  durch 
Einuben  mechanischer  Fertigkeiten  gelingen.  Erheiternd  wirkt  schon 
ias  Billardspiel,  das  Fechten,  Turnen,  das  Erlernen  musikaliscber  In- 
drumente  etc. ; davon  bleibe  nun  die  Ausfi'ibrung  im  Einzelnen  eines 
eden  Scharfsinne  uberlassen.  Allein  wie  zweckmassig  diese  auch  aus- 
allen  mag,  ohne  gleicbzeitiges  somatisches  Regimen  ist  sie  fruchtlos: 
;rade  bei  der  Hypochondrie,  die  ein  Einbilden  desGeistes  in  dieLeib- 
ichkeit  ist,  darf  das  Leibliche  nicht  hintenangesetzt  werden.  Ab- 
vechslung  von  Ruhe  und  Bewegung  ist  Erforderniss,  und  selbst 
n der  x\rt  der  Bewegung  und  Ruhe  empfehle  man  Wechsel.  So 
ignen  sicb  Fussreisen  mit  Aufenthalt  in  schdnen  Gebirgsgegenden, 
teiten,  Schwimmen,  Fabren  zu  Wagen  und  zu  Schiffe,  Jagen  u. 
„gl.  m.  Eine  geborige  Eintheilung  der  Zeit  fur  Schlaf  und  Wachen 
;t  notbwendig.  Der  Schlaf  darf  nicht  zu  lang  sein  und  in  kiihler 
^igerstatte.  Die  Diat  sei  einfach.  1m  Allgemeinen  widerrathe  man 
i en  Genuss  des  Kaffee’s  und  Thee’s;  statt  des  ersteren  diene  gero- 
eter  Roggen  oder  Cacaoschaale.  Zum  Getriink  Wasser  mit  Wein 
i der  ein  gut  gegornes  leichtes  Bier.  Gaserzeugende  Speisen  und  Abend- 
ssen  mussen  vermieden  werden.  Zur  Erhaltung  der  Oeffnung  ist  der 
iebrauch  kalter  Wasserclystire  wirksam  *).  Eine  besondre  Beriicksich- 
-gung  verdient  der  Gescblechtstrieb.  Hypochondristen  neigen  zu 
Acessen  darin : sie  mussen  schonend  gewarnt  werden.  Doch  giebt 
> eine  Art  von  Hypochondrie,  wo  ich  den  Geschlcchtsumgang  zur 
leilung  empfehle;  es  ist  diejenige,  die  auf  der  Vorstellung  der  Im- 

*)  \\  ie  man  mitunter  der  peinlichen  Besorgniss  der  Hypochondristen  in  die- 
•m  Punkte  aushclfen  kann,  zeigt  folgende  Anekdotc  des  geistreichen  Marcus 
erz.  Derselbe  hatte  einem  solchen  Kranken  zu  leichterer  Fdrderuhg  des  Stuhl- 

Imgs  statt  des  Cafiec  Chocolade  empfohlen,  wobei  dieser,  nacb  seiner  Gewohnheit 
n Glas  kalten  Wassers  vor-  und  nachtrinkcnd,  sicb  rccht  leidlich  befand.  Eines 
orgens  wird  Ilerz  gerufen.  Der  Kranke  ist  bestiirzt:  er  hat  den  Friihtrunk 
;s  kalten  Wassers  vcrgessen.  Lassen  Sie  sich,  cntgegnele  Herz  mit  gczwung- 
;m  Ernst,  ein  Clystir  von  kaltcm  Wasser  setzen:  dann  kommt  die  Chocolade 
)ch  in  die  Mitte.  Der  Kranke  ward  beruhigt  und  konnte  den  Scharfsinn  seines 
rzles  nicht  genug  loben. 

Romberg's  Ncrvciikrankh.  I. 


13 


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IIYPOCIIONDRIE. 


195 


fiihlbar.  Ain  meisten  cignen  sicli  das  Solamen  hypoch.  Klein.,  die 
Aloe,  wo  keine  Complication  mit  Hamorrhois  oder  andcrn  Blulungen 
'Statlfindet,  fur  sicli  und  als  Zusalz  (Br  Elect,  knit.  %j  Elix.  propriel. 
Paracelsi3]  M.  Zu  einem  bis  zwei  Theel.  voll  dcs  Abends  oder  in  fol~ 
.gender  von  unserm  verewiglem  ITeim  vorgezognen  Formel:  exlr.  Aloes 
c.  acid,  sulphur,  corr.  3j  Syr.  balsam.  3j  M.  Einen  Theel.  voll.)  Die 
Coloquinlen  als  Extract  zu  V4 — y3  Gr.  pr.  Dos. 

Zur  Bcschwichtigung  liistiger  Sensationen  vermeide  man  Hypno- 
tica:  Opium  wird  nur  selir  selten  von  llypochondrislen  vertragen. 
Bei  starkcm  Angslgefuhl  und  Ilerzklopfen  sab  ich  von  dcm  Gebraucbe 
der  Tincl.  digit,  aelh.  zu  0 — 8 Tropfen  oft  augenblicklicbe  Wirkung, 
bei  Schwindel  und  Sinnes-Hyperastbesieen  von  Sauren,  elix.  ~{-  Hall., 
elix.  vilr.  Myns.  in  Verbindung  mit  bittern  Mitteln. 

Die  Radical  cur  slellt  es  sicli  zur  Aufgabe,  mit  Bezugnahmc  auf 
die  Constitution  des  Individuums,  auf  die  Yerhallnisse  des  Gcfasssy— 
sterns,  auf  die  vorangegangnc  Ursache,  auf  die  reitzbare  oder  torpide 
"Scliwache,  durcli  Alteration  oder  Restauration  die  Leiblichkeit  umzu- 
'stimmen.  Es  giebt  cine  Classe  von  Ileilpotenzen,  die  alle  zur  Cur 
iines  Ilypocbondristen  nothigen  Erfordernisse  — psychisches,  diate- 
1 tisches,  llierapeulisches  Wirken  — in  sicli  vereinigen,  die  Mineral- 
| quellen.  Nur  kommt  es  auf  cine  gcwissenhaft  gelrofTne  Wahl  an. 
AYo  reitzbare  Schwache  obwaltet,  passt  Ems:  wo  torpide,  Gastein, 
vSool-  und  Seebiider.  Wo  erschopfende  Einfiusse  vorangegangen, 
Franzensbad,  Spaa,  Pyrmont,  Driburg:  wo  Storungen  in  der  Tliatig- 
ieit  der  Darmdrusen  stattfinden,  wo  Arthritis  im  Hintergrunde  lauert, 
Carlsbad  und  Marienbad.  Nach  der  gehorig  geleiteten  Brunnen-  und 
Badecur  ist  cine  Reise  zu  empfeblen.  Gestatten  jedocli  die  Vcrbalt- 
lisse  eines  solchen  lieilplancs  Ausfuhrung  nicht,  so  gebcn  die  kunsl- 
ichen  Mineralwasser  eiriigen  Ersatz.  Unler  den  Medicamcnten  baben 
lie  sogenannten  aullbsenden  und  auslecrendcn  den  grossten  Ruf  sich 
erworben,  docli  hat  man  sicli  wohl  nicht  immergenug  uberzeugt,  ob 
lie  Vs  irkung  nicht  eher  cine  liloss  erleichternde  als  nachhaltige  und 
heilende  sei.  Bei  vollsaftigen,  zu  hepatischen  Anomalieen  Geneigten 

13* 


196  , HYPOCHONDRIE. 

sind  sie  an  ilirer  Stelle:  Tamarindcnmolken,  Weintraubencur,  die 
frisch  geprcssten  Krautersafle  mit  Terr.  fol.  tart.,  Tart,  tarlaris.,  selbst 
die  Kemp  f’schen  Visccralclystire,  mit  steter  Riicksicht  auf  den  Stand 
der  Digestion.  Unter  entgegengesetzten  Umstiinden  jedoch  sind  diese 
Mittel,  wenn  sie  auch  zuweilen  im  Contraste  zu  andern  erleichtern, 
obne  dauernden  Nutzen.  Hier  sind  die  integrirenden  Reitze  erforder- 
lich,  unter  denen  ich  das  Eisen  vorziehe.  Nur  vermeide  man  die 
Ueberladung  mit  diesem  Mittel,  sonst  steigert  es  die  Leiden  des  Kran- 
ken.  Die  angemessenste  Form  ist  das  Spaawasser,  zu  1 — 2 
Weinglasern,  taglich  nach  dem  Erwacben  niichtern  getrunken,  und 
Monate  und  Jalire  lang  fortgesetzt.  Selten  retardirt  es  in  so  miissiger 
Dosis  den  Stuhlgang,  und  wo  dies  der  Fall  ist,  komme  man  mit  den 
pilul.  aper.  Stahl,  u.  ahnl.  zu  Hiilfe.  Die  atherhaltigen  Eisentinkturen 
werden  nur  selten  vertragen.  Ausser  dem  Eisen  ist  der  mit  Conse- 
quenz  fortgesetzte  Gebrauch  eines  bittern  Stoffes,  der  Jib.  Trifol.  fibr., 
der  ras.  lign.  Quass.,  im  Theeaufguss,  Yor-  undNachmitt.  eineTasse 
voll,  von  Nutzen.  Yon  den  Nervina,  Valeriana  etc.  habe  ich  keinen 
Erfolg  gesehen : solche  und  ahnliche  Dinge  werden  oft  nur  geduldet, 
und  man  deutet  es  anders,  dagegen  ein  einfaches  machtiges  Agens, 
die  Kalte,  in  Waschungen  des  Kopfes,  Nackens,  Rumpfes  und  mit- 
telst  des  englischen  Scbauerbads,  noch  zu  wenig  benutzt  wird. 

Es  ereignet  sich  sebr  oft,  dass  Hypochondristen  zur  Cur  sich  mel- 
den,  nachdem  sie  ganze  Schulen  durchgegangen  sind,  und  eine  far- 
rago medicamimm  verschluckt  haben,  deren  Recepte  sie  zur  Durch- 
sicht  in  einem  uberwiiltigenden  Convolut  uberreichen.  In  solchen 
Fallen  ist  der  Contrast  am  wirksamsten:  man  gonnt  dem  Kranken 
Ruhe,  und  verordnet  nur  zum  Schein  Unbedeutendes,  ein  langst  be- 
kanntes  Verfahren,  dem  man  in  neuerer  Zeit  die  Schellenkappe  der 
Ilomoopathie  aufgesetzt  hat. 

In  der  zweiten  Periode  der  Hypochondrie  ^ ird  die  diatetische  Be- 
handlung,  in  Uebereinstimmung  mit  dem  Kraftestand  des  Kranken, 
fortgesetzt : die  ubrigen  Indicationen  ergeben  sich  aus  dem  Sitze  und 
der  Art  der  organischen  Veranderung. 


Zvveite  Abtheilung 

der  Seiisibilitat-Neurosen. 


Anaestliesiae. 


« 

Abnahme  oder  Verlust  der  Energie  des  sensibeln  Nerven,  durch 
verminderte  oder  aufgehobne  Reitzbarkeit  und  Leitungsfahigkeit,  ist 
der  Begriff  der  Anasthesie. 

Hierdurch  unterscheidet  sie  sich  als  Krankheit  sowohl  von  der 
Nichtubung  und  Unentwicklung  der  Sensibilitat  als  von  der  bloss  ge- 
hemmten  Thatigkeitsausserung  des  Empfindungsnerven.  Es  diene  der 
Opticus  zum  Beispiel.  Im  schielenden  Auge  wird  seine  Energie  nicht 
geiibt,  in  der  Cataracta  und  im  Glaucom  ist  sie  verkindert  auf  aussre 
Reitze  sich  kundzugeben,  in  der  Amaurose  ist  sie  erloschen  und  weder 
durch  aussre  noch  inure  Incitamente  anzufachen.  Diese  verschiednen 
Zustiinde  sind  uberhaupt  noch  nicht  nach  Gebuhr  von  einander  ge- 
sondert  worden,  obgleich  schon  in  anthropologischer  Beziehung  die 
in  den  Nervenapparaten  prastahilirte  Vollkommenheit  als  Gegenstand 
von  hohem  Interesse  erscheint,  und  in  der  Pathologie  die  Unlerschei- 
dung  unentwickelter  und  gehemmter  Ncrvenenergieen  von  unerreg- 
haren  schr  wichtig  ist,  worauf  wir  bei  Exposition  der  Motilitiit-  und 
Bogoneurosen  noch  oftcr  zuriickzukominen  Gelcgenhcit  haben  werden. 


193 


anAstiiejsiken. 


Von  nicht  geringerer  Wichligkeit  istdieKenntniss  der  Normen  sen- 
sibler  Energieen,  um  iiber  die  Abnahme  derselben  ein  sichres  Urtheil 
fallen  zu  kbnncn.  Eine  vortreffliche  Anleitung  hiezu  bat  E.  II.  W e- 
ber,  in  Bezug  auf  das  Tastgefuhl  und  die  Warmeempfindung,  ge- 
geben.  [De  pulsu,  resorplione,  aridity,  et  laclu.  Annolationes  anato- 
micae  et  physiologicae.  Lipsiae  1834.)  Diese  Untersuchungen,  die 
den  Aerzten  als  Muster  derBeobachtung  vorschweben  konnen,  haben 
ergeben,  dass  die  Deutlichkeit  und  Scharfe  des  Tastgef ulils,  welche 
nach  der  Empfindung  der  Distanz  beider  Schenkel  eines  auf  die  Haut 
gesetzten  Stangenzirkels  bestimrat  wurde,  sehr  verschieden  auf  der 
Korperoberflache  ist.  So  werden,  um  die  Extreme  anzufuhren,  in  der 
Voiarflache  des  letzten  Fingergliedes  die  beiden  Schenkel  des  Zirkels 
in  der  Entfernung  von  einer  Linie,  an  der  Zungenspitze  selbst  von 
einer  halben  Linie,  als  zwei  Empfind ungen  wahrgenommen,  dagegen 
in  der  Mitte  des  Oberschenkels  erst  in  der  Distanz  von  3 O'"  (/.  c.  p. 
58).  Am  Kopfe  hat  der  behaarle  Theil  das  stumpfeste  Gefiihl,  ob- 
gleich  noch  ein  feineres  als  der  Hals.  Im  Gesichte  ist  die  Scharfe  des 
Gefuhls  um  so  geringer,  je  entfernter  die  Theile  von  dem  Munde  und 
der  Mittellinie  Iiegen.  Das  Kinn  und  die  Aussenflache  derLippe  zeich- 
nen  sich  durch  Feinheit  des  Gefuhls  aus.  Die  Dorsalflache  der  Hand 
und  des  Fusses  sind  bei  weitem  stumpfer  als  die  Volar-  und  Plantar- 
llache.  So  ist  die  Scharfe  des  Geschmackes,  nacli  den  verschiednen 
Gegenden  derZunge,  grosser  oder  geringer.  (Vgl.  die  Schilderuug  der 
Ageustia.)  — Auch  fiir  die  Empfindung  der  Temperatur  giebt  es  Ver- 
schiedenheilen  im  gesunden  Zustande.  Eine  der  merkivurdigsten  ist, 
dass  bei  den  meisten  Menschen  die  linke  Hand  ein  Gefiihl  grossrer 
War  me  oder  Kiilte  der  Korper  kundgiebt  als  die  reclite.  Selhst  wenn 
die  Temperatur  des  Wassers,  worm  die  rechte  Hand  sich  befmdet, 
um  1/.>  oder  1 Grad  libber  ist,  fuhlt  die  linke  Hand  das  Wasser  war- 
mer. (Weber  l.  c.  p.  I 19.)  Je  grosser  die  Hautflacke  ist,  die  mit 

dem  warmen  Korper  in  Beruhrung  kommt,  um  so  melir  Warme 

% • 

wird  entzogen  und  um  so  heisser  erscheint  er,  z.  B.  wenn  man  in 
ein  Gefass  mit  warmem  Wasser  die  gauze  Hand,  in  ein  andres  hloss 


anAsthesiben. 


199 


eiuen  Finger  eintaucht.  Ueberdiess  kommt  die  verschiedne  Mitthei- 
lungsfahigkeit  der  Korper  fur  die  physikaliscke  Warrae  in  Betracht. 
Dieselbe  Temperatur  wirkt  starker  auf  die  Haut,  und  wird  viel  war- 
mer gefiihlt,  wenn  es  Wasser,  als  wenn  es  Luft  ist.  Kaltes  Wasser 
erscheint  auch  kaller  als  Luft  von  derselben  Temperatur,  weil  das 
Wasser  unserm  Korper  die  Warme  sclmeller  entzieht.  (Muller, 
Handb.  der  Physiol.  2.  Th.  S.  498.)  — Das  Alter  bedingt  Ver- 
schiedenheiten  in  der  Scharfe  des  Hautgefuhls:  icb  sail  oft  Greise 
beim  Stechen  der  Gesichtsbaut  keine  oder  sehr  scbwache  Zeichen 
von  Empfindung  verratben.  — Alle  diese  Umstande  miissen,  nebst 
der  Yergleichung  bei  symmetrischen  Organen,  beachtet  werden,  urn 
die  Anasthesie  gehorig  wurdigen  zu  konnen. 

Je  nach  der  specifischen  Energie  der  sensibeln  Nerven  sind  die 
Symbole  der  Anasthesieen  verschieden.  Darauf  berulit  die  Einthei-' 
lung,  die  mit  der  S.  5 gegebnen  der  Hyperaslhesieen  identisch  ist. 

Die  Gesetze  der  isolirten  Leitung  und  der  excentrischen  Erschei- 
nung  sind  die  Grundlage  fur  die  diagnostiscbe  Auffassung  der  An- 
asthesieen. Das  letztere  erklart  einPhanomen,  das  ohne  seine  Kennt- 
niss  nicht  gedeutet  werden  kann,  die  Offenbarung  von  Energie  in 
dem  Nerven,  welcher  der  Leitung  von  Empfindungseindrucken  ver- 
luslig  ist:  fur  die  Ilautgefuhlsnerven  hat  man  es  Anaesthesia 
dolorosa  genannt.  Die  sensible  Faser  ist,  wie  bereits  in  der  Ein- 
leitung  bemerkt  worden,  in  der  ganzen  Lange  ihres  Lahfes,  vom  pe- 
ripherischen  bis  zum  Central-Ende  bin,  erregbar  durcli  den  Reitz; 
an  welcher  Stelle  sie  aber  auch  gereitzt  werden  mag,  die  Empfin- 
dung als  Act  des  Bewusstseins  wird  auf  das  peripherische  Ende  be- 
zogen,  wie  es  die  Erscheinung  in  amputirten,  nicht  mehr  vorhanclnen 
1 Glicdcrn  deutlich  zeigt.  Hat  ein  die  Leitung  hemmender  Anlass, 
z.  B.  cine  Geschwulst,  in  der  Mitte  der  sensibeln  Faser  ihren 
Sitz,  so  wird  die  Faser  jenseit  der  Geschwulst,  nach  dem  centralen 
Ende  hin,  fur  den  Eindruck  empfanglich  bleiben,  dagegen  diesseits 
in  der  peripherischen  Partie  unerregbar  sein,  nach  der  bekannlen 
Norm  centripetaler  Action  in  den  sensibeln  Nerven.  \^relcher  Reitz 

\ t 


200 


ANASTEESIEEN. 


auch  jenseit  der  Geschwulst  einwirkt,  sei  es  dcr  Reitz  des  Blutes, 
des  Entzi'mdungs-,  des  Erweichungs-Prozesses,  immer  wird  der  Sitz 
der  Empfindung  in  den  peripherischen  Endigurigen  angegeben,  ob- 
gleich  diese  selbst  von  der  Anasthesie  befallen  sind.  In  den  Hautge- 
fuhlsnerven  hat  diese  Empfindung  sehr  liaufig  den  Charakter  der 
Formication. 

Wie  in  den  Hyperasthesieen,  so  ziehen  auch  in  den  Anasthesieen 
die  gegenseitigen  Verhaltnisse  der  mit  verschiedenen  Energieen  be- 
gabten  Nerven  unsre  Aufmerksamkeit  auf  sich,  um  so  mehr,  da  sich 
bei  der  Negation  die  meisten  Erscheinungen  in  noch  schiirferen  Um- 
rissen  darbieten. 

1)  Die  Synergie  zwischen  Geduhls-  und  Sinnes-Nerven 
ist  unverkennbar.  In  der  Anasthesie  des  Zungenastes  vom  Quintus 
ist  der  Geschmack  der  leidenden  Zungenhalfte  stumpfer.  Bei  Yersu- 
chen  an  lebenden  Thieren  behauptet  M a gen  die  nach  Durchschnei- 
dung  des  Quintus  in  der  Schadelhohle,  Abnahme  und  Yerlust  der 
optischen  ujid  akustisehen  Energie  beobachtet  zu  liaben.  Zur  Amau- 
rose  gesellt  sich  meistens  Anasthesie  der  Ciliarnerven,  so  dass  das 
Auge  fur  den  reitzenden  Einfluss  der  Sonnenstrahlen  unempfmdlich 
wird,  zur  Taubheit  Anasthesie  des  Gehorgangs. 

2)  Die  Synergie  zwischen  sensibeln  und  motorischen 
Nerven  giebt  sich  deutlich  kund.  Wer  das  Bremsen  derPferde  an- 
gesehen,  wird  sich  wohl  von  diesem  gegenseitigen  Einflusse  iiber- 
zeugt  halten:  um  Immobilitat  des  Thieres  bei  Operationen,  Experi- 
menten  etc.  zu  bewirken,  werden  sensible  Theile,  Oberlippe,  Nase, 
Ohr  etc.  geknebelt, ' und  sofort  hdren  die  unruhigsten  Bewegungen 
auf.  Insbcsondre  sind  es  die  Reflexb  ewregungen,  die  bei  unter- 
brochner  Leitungsfahigkeit  sensibler  Nerven  einen  Stillstand  erleiden, 
und  die  Anasthesieen  geben  den  Unterschied  zwischen  Bewegungen, 
die  durch  Refiexaction,  und  denen,  die  dureh  psychischen  Impuls  er- 
folgen,  recht  klar  zu  erkenncn.  Ich  habe  cine  Kranke  mit  Anasthesie 
des  Quintus  der  linken  Seite  vor  Augen,  bei  welcher  noch  so  rauhe 
Beruhrung,  selbst  Stechen  des  Bulbus  kein  Blinzeln  zur  Folge  hat, 


anastiiesieen. 


201 


dagegen  auf  mein  Verlangen  die  Augenlider  kraftig  geschlossen  wer- 
den.  Auf  mechanische  und  chemische  Reitzung  der  linken  Nasenhohle 
erfolgt  kein  Niescn.  Bei  Anasthesie  des  Vagus  findet  kein  Husten  statt 
u.  s.  f.  Jedoch  ubersehe  man  nicht,  dass  durch  andre  sensible  Nerven 
der  Reitz  fiir  die  Reflexaction  zugeleitet  werden  kann.  So  schloss  jene 
Kranke  die  Augenlider  beim  Einfallen  des  Lichtes  auf  die  Netzhaut. 

3)  DieSynergie  zwischen  sensibeln  und  trophischen 
N'erven  macht  sich  in  Anasthesieen  sehr  haufig  geltend.  Abge- 
sehen  davon,  dass  durch  Verlust  des  Schutzes,  den  das  Hautgefiihl 
fur  die  Oberflache  gewahrt,  die  Gefasse,  z.  B.  desAuges,  schadlichen 
EingrifFen  anbaltend  ausgesetzt  sind,  und  dass  bei  fortgesetztem  Drucke 
Excoriationen  und  Gescbwiire  entstehen,  lasst  sich  auch  eine  unmit- 
telbare  Beziehung  nachweisen,  theils  in  der  Verlangsamung  und  Sto- 
rung  des  Blutumlaufes,  theils  in  Exsudationen,  serosen,  albuminosen, 
blutigen,  theils  endlich  in  mangelhafter  Ernahrung,  wovon  die  folgen- 
den  Schilderungen  der  einzelnen  Arten  der  Anasthesie  erklarende 
Beispiele  geben. 

4)  Das  Verhaltniss  der  Centralorgane,  welches  im  nor- 
malen  Zustande  die  beiden  Modi  der  Empfindung  bedingt,  die  be- 
wusstwerdende,  cerebrale,  die  durch  das  Gehirn,  die  unbe- 
wusst  bleibende,  spinale,  die  durch  das  Riickenmark  vermittelt 
wird,  stellt  sich  in  der  Anasthesie  entschieden  beraus.  Es  kommen 
balle  vor,  wo  die  sensible  Leitung  nach  dem  Gehirne  an  irgend  einer 
Stelle  unterbrochen  ist,  wahrend  die  nach  dem  Riickenmarke,  unter- 
balb  derselben,  fortdauert  und  sich  durch  Reflexbewegungen  mani- 
festirt.  Paraplektiscbe  zucken  mit  den  untern  Extremitaten,  wenn 
man  mit  der  Hand  uber  die  Haut  des  Beines  hinfahrt,  kaltes  Wasser 
anspritzt  oder  die  Eusssohle  kitzelt,  obgleich  sie  diese  Empfindung, 
ja  selbst  das  Einstechen  einer  Nadel  in  die  Haut,  nicht  gewahr  wer- 
den. (S.  die  Schilderung  der  Anasthesie  des  Riickenmarkes.)  Andrer- 
seits  kann  bei  fortdauernder  cerebraler  Leitungsfahigkeit  durch  Hem- 
mung  der  Perception  eine  Pause  der  Empfindung  entstehen,  wie  sie 
sich  in  epileptischen  und  andern  Zustanden  von  Bewussllosigkeit  dar- 


202 


ANlSTHESIEEN. 


bietet.  — Nocli  ein  wichtiges  Yerhallniss  der  Centralapparate  koinmt 
inCctraclit,  namlich  als  producliverSlatlen  der  Reitzbarkeit,  wodurch 
die  sensibeln  Bahiien  fur  den  Eindruck  der  Reitze  erregbar  werden. 
Abnahme  und  Aufhoren  dieser  Reitzbarkeit  ist  das  Element  der  An- 
asthesie,  so  wie  dasselbe  fur  die  motorisehen  Nerven  in  Relreff  der 
Paralysen  gilt. 

Ausser  diesen  Ceziehungen  sind  einige  andre  Ergebnisse  bei  Be- 
obachtung  der  Anastliesie  von  physiologischcm  Interesse.  Die  An- 
asthesie  giebt  unwiderlegbares  Zeugniss,  dass  niemals  ein  sensibler 
Nerv  fur  den  andern  vicariirt,  und  widerlegt  am  biindigsten  die  Be- 
bauptungen  vom  Gegentheile,  woran  die  sogenannten  Magnetisore  so 
grosses  Wohlgefallen  finden. 

Es  ist  bereits  bei  den  Ilyperasthesieen  erwahnt  worden,  dass  im 
gesunden  Zustande  auch  bei  dem  Mangel  aussrer  Anregung  der  sen- 
sibeln Nerven,  Empfindung  statt  hat,  weil  der  Nerv  in  dauernder 
Thatigkeit  bebarrt,  ohne  einen  andern  Impuls  als  den,  welchen  die 
Iebendige  Wechselwirkung  der  Theile  des  Organismus  bestiindig  auf 
ihn  ausiibt.  (Ygl.  S.  10S)  In  der  Anastliesie  wird  die  Negation  von  dem 
Bewusstsein  wahrgenommen  und  gedeutet,  z.  B.  in  der  Cutanea  als 
Gefiihl  von  Erstarrung,  Abgestorbensein  u.  s.  f.,  welches  von  dem 
Gefuhle  der  Rube  verschieden  ist,  das  sich  nach  der  Eigenthumlich- 
keit  des  Nerven  kundgiebt,  im  Opticus  als  Dunkel,  im  Acusticus  als 
Stille  etc.  und  zu  dessen  Aeusserung  nocli  ein,  wenn  aucli  nur  schwa- 
cher  Grad  von  Energie  erforderlich  ist.  Bei  Yerlust  der  Reitzbarkeit 
und  Leitungsfahigkeit  hort  daher  dieses  Gefiihl  der  Ruhe  auf,  was 
zum  Untersclieidungsmerkmal  der  Unerregbarkeit  des  sensibeln  Ner- 
ven von  der  blossen  Ileminung  seiner  Thaligkeitsausserung  benutzt 
werden  kann.  Die  Empfindung  der  Dunkelhcit  bei  Cataraktosen  ist 
sehr  verschieden  von  der  Liicke  im  Sehfelde  bei  Amaurotischen.  (S. 
die  Scbilderung  der  Anaeslh.  optica.) 

YV^enden  wir  von  diesen  physiologischen  Andeulungcn  auf  die  Pa- 
thologic der  Aniisthesieen  unsern  Blick,  so  mlissen  wir  bedaucrn,  dass 
diese  Lelire  zu  denen  gehort,  die  bisher  am  meisten  vernachlassigt 


ANASTUESIEEN. 


203 


worden  sind,  daher  uberall  Unvollstandigkeit  und  Liicken.  Auch  wir 
geben  nur  Fragraente  in  den  folgenden  Blattern,  yon  spiiteren  Un- 
tersudiungen  Ergiinzung  und  einen  allgemeineren  Standpunkt  er- 
wartend.  _ 

So  stellt  sich  auch  die  Behandlung  selir  kiimmerlich  dar.  Hier  ist 
es,  wo  die  beliebte  und  das  Nachdenken  beschwichtigende  Ansicht 
von  Nervenschwache  die  giinstigste  Aufnahme  fand  und  noch  findet, 
allein  auch  das  Vertrauen  auf  nervenstarkende  Medicamente  so  oft 
getauscht  wird.  Denn  fast  alle  diese  Mittel  reitzen  nur,  verursachen 
eine  Nervenaufregung,  vermebren  aber  nicht  die  Starke  der  Reitzbar- 
keit.  „Die  Nervenkraft  nimmt  nur  zu  durch  dieselben  Processe,  wo- 
durch  sie  bestandig  wiedererzeugt  wird,  namlich  die  bestandige  Re- 
production aller  Tbeile  aus  dem  Ganzen,  und  des  Ganzen  durch  die 
Assimilation.  Fiir  einen  geschwachten  Theil  des  Nervensystems  sind 
gelinde  Reitze  daher  nicht  darum  nutzlich,  weil  sie  die  Reitzbarkeit 
erhohen,  denn  das  thun  sie  nicht,  sondern  weil  ein  gereitzter  Theil 
mehr  die  Ergiinzung  des  Ganzen  anspricht,  und  daher  vorzugsweise 
wiedererzeugt  und  erganzt  wird.“  (Muller,  Handb.  der  Physiol, 
des  Menschen.  1.  B.  3.  And,  S,  033.) 


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-£»-  <>-*?■ 


Erste  Ordnung. 

An^tliesieen  der  Hfervenlialinen. 

A.  Anasthesieen  der  cerebrospinalen  Bahnen. 

i 

i 

f.  Gathmg. 

Anasthesie  der  Hautnerven. 

. I 

(Anaesthesia  cutanea.) 

\ 

Romberg,  liber  Anasthesie  in  Wochenschr.  fur  die  gcs.  Heilk.  1839.  Nro.  11, 

19,  20. 

Der  Ausdruck  dieser  Anasthesie  ist  Abnahme  oder  Verlust  des 
normalen  Hautgefiihls,  des  einfachen  und  seiner  Modificationen. 

Um  das  Vorhandensein  und  den  Umfang  der  Hautanasthesie  zu 
constatiren,  darf  man  sich  niclit,  wie  es  bisher  iiblick  war,  mit  den 
Aussagen  des  Kranken,  mit  seinen  vagen  Angaben  von  Erstarrung, 
Taubsein  u.  s.  f.  begniigen : Grade  und  Griinzen  der  Anasthesie  miis- 
sen  mit  der  Nadel  in  der  Hand  ermittelt  werden.  Die  Untersuchung 
selbst  wird  bei  zugehaltnen  Augen  des  Kranken  angestellt,  um  so- 
wohl  vor  Simulation  sicher  zu  sein,  als  auch  um  den  psychiscken 
Eipdruck  Ijei  dem  Anblicke  des  schmcrzerregendcn  Anlasses  zu  ver- 
hiiten. 

Die  Anaesthesia  cutanea  bedingt  ausser  der  Gefiihllosigkeit,  Ab- 
nahme  oder  Verlust  von  Empfindung  der  Warme  und  Kiilte.  Einige 


hautanAsthesie. 


205 


.genaue  Beobachtungen  uber  Veranderung  des  Gefuhls  der  Tempe- 
ratur  in  Anasthesie  sind  von  englischen  Aerzten  mitgetheilt  worden. 
In  einem  Falle,  wo  die  Fiisse  bis  zur  Halfte  der  Wade  und  die  Hande 
von  Anasthesie  befallen  waren,  hatte  der  Kranke  bei  Beriihrung  fester 
Korper  gar  keine  Empfmdung  von  ihrer  Temperatur,  auch  nicht  von 
: Eis,  dagegen  Wasser,  mochte  es  noch  so  heiss  oder  kalt  sein,  ihm 
lauwarm  vorkam.  Ein  andrer  Kranker,  selbst  Arzt  (Dr.  Vieusseux 
aus  Genf),  dessen  rechte  Seite  Sitz  der  Anasthesie  war,  fiihlte  an  die- 
>ser  Seite  Kaltes  heiss,  Heisses  kalt  oder  lauwarm.  Lag  er  in  einem 
kalten  Bette,  so  kam  es  ihm  heiss  auf  der  rechten  Seite,  kalt  auf  der 
linken  vor.  In  einem  heissen  Bade  fiihlte  er  das  Wasser  heiss  an  der 
linken  Seite,  weder  heiss  noch  kalt  an  der  rechten.  In  sehr  kaltem 
Wasser  hatte  die  rechte  Seite  das  Gefiihl  von  Warme.  Wenn  er  da- 
.gegen  Korper  beriihrte,  welche  weder  hart  noch  polirt  waren,  z.  B. 
die  Hand  einer  andern  Person,  so  war  er  ausser  Stande,  ihre  Tern- 
I peratur  zu  beurtheilen ; sie  erschien  ihm  weder  warm  noch  kalt,  und 
<er  musste  die  linke  Hand  zur  H'ulfe  nehmen.  (Vgl.  Marcet,  history 
of  a singular  nervous  or  paralytic  affection  attended  with  anomalous 
morbid  sensations,  Yelloly  history  of  a case  of  anaesthesia,  Earle 
cases  and  observations  illustrating  the  influence  of  the  nervous  system 
in  regulating  animal  heat  in  den  Me dico-chiriirg.  transactions 
vol.  II,  p.  2 1 7,  vol.  Ill,  p.  90  und  vol.  VII,  p.  173.) 

Die  trophischen  Functionen  sind  in  den  von  Anaesthesia 
cutanea  betroffnen  Theilen  beeintrachtigt. 

Die  Warmeentwi  cklung  ist  geringer.  Ollivier  theilt  die  Be- 
obachtung  von  einem  Manne  mit,  der  nach  einem  Falle  auf  den  Riik- 
ken  eine  Anasthesie  der  rechten  Seite  und  eine  Lahmung  der  Moti- 
litat  der  linken  Seite  zuruckbehalten  hatte.  Noch  drei  Monate  nach- 
her  war  die  Temperatur  der  rechten  Seite  1%  Grad  R.  niedriger 
als  in  der  linken.  ( Traite  des  maladies  de  la  moelle  epiniere.  3.  edit. 
T.  I,  p.  509.J  Earle  untersuchte  bei  einem  Madchen,  an  welchem 
er  fun f Jahre  zuvor  wegen  hartniickiger  Neuralgia  ulnaris  die  Exci- 
sion eines  Stiickes  aus  dem  Ellenbogennerven  vorgenommen  hatte,  die 


206 


hautanAsthesie. 


Temperatur  dcr  gelahmten  Theile,  bci  einer  Zimmerwarme  von  550 
Fahrenh.  Der  kleine  Finger  fuhlte  sich  kalter  als  die  iibrige  Hand 
an.  An  der  Dorsalflachc  der  Basis  des  kleinen  Fingers  zeigte  das 
Thermometer  50°  F.;  im  Zwischenraume  des  kleinen  und  Ringfiu- 
gers  57°,  an  der  Aussenseite  des  Zeigefingers  G()°,  zwiscben  Zeige- 
finger  und  Daumen  und  in  der  Yola  manus  G2°;  an  der  andern  Hand 
war  die  Warme  der  Finger  G0°,  der  Yola  G2°.  In  einem  andern 
Falle,  wo  durch  einen  Schliissclbeinbruch  eine  vollstandige  Lahmung 
des  linken  Arms  entstanden  war,  zeigte  sich  folgender  Unterschied 
in  den  Temperaturen: 


Paralytischer 

Arm 


Gesunder 

Arm 


Hand  92°  F. 
Arm  95°  F. 
Achsel  9G°  F. 


Hand  7 1 0 F. 

Arm  80°  F. 

Achsel  92°  F. 

Es  ist  diese  Abnahme  der  Warme  nicht  bloss  der  aufgehobnen 
Muskelbewegung  zuzuschreiben,  da  auch  nach  Durchschneidung  des 
Yagus  die  Temperatur  um  einige  Grade  sinkt. 

Noch  eine  das  Temperaturverhaltniss  betreffende  Erscheinung  ist 
bei  der  Anasthesie  der  Hautgefiihlsn  erven  bemerkungswerth,  welche 
bisher  nicht  beachtet  worden  ist:  dieUnfahigkeit  des  afficir- 
ten  Theils  seine  eigne  Warme  gegen  die  Temperatur 
der  umgebenden  Medien  zu  bewahren.  Er  setzt  sich  mit 
der  aussern  Temperatur  in’s  Gleichgewicht,  und  ist  dadurch  ausser 
Stande  einen  Grad  von  Ilitze  oder  Kalte  ungefahrdet  auszuhalten, 
welcher  den  gesunden  Theilen  unschadlich  ist.  Das  zuvor  angefuhrte 
Madchen  mit  Anasthesie  des  Ulnarnerven  bekam  jedesmal  beim  Ein- 
tritte  von  Frostwetter  eine  Blase  und  Versch waning  an  der  Spitze 
des  kleinen  Fingers,  desgleichen  wenn  sie  bei  kaltem  Wetter  Tassen 
im  warmen  Wasser  abwaschen  musste,  dessen  Temperatur  den  iibri- 
gen  Theilen  der  Hand  nicht  unangenehm  war.  Der  Kranke  mit  dem 
Schlusselbeinbruche  hielt  den  gelahmten  Arm  eine  lialbc  Stunde  lang 
in  einer  Wanne  mit  warmem  Maize,  nachdem  er  sich  zuvor  mit  dem 
andern  Arme  iiberzeugt  hatle,  dass  die  Ilitze  nicht  zu  gross  war. 
Beim  Herausziehen  war  die  Haut  dcr  ganzen  Hand  in  einer  Blase 


IIAUTAIS  ASTHESIE. 


207 


crhobcn  und  an  den  Fingcrspitzen  batten  sicb  Scborfe  gebildet.  Ueber- 
haupt  war  diese  Hand  stets  geneigt  von  der  Temperatur  des  umge- 
benden  Mediums  sofort  afficirt  zu  werden.  Dasselbe  erzahlt  Yelloly 
von  seinem  Kranken ; selbst  am  Kaminfeuer  zog  das  Knie  der  ge- 
labmten  Seite  eine  Blase,  obgleich  die  Kleider  unversebrt  waren. 
Hiermit  stiinmen  auch  Dieffen  bach’s  Beobachtungen  an  den  neu 
ersetzten  Theilen  des  Gesichts  uberein.  Diese  widerstanden  ohne 
Nachtheil  der  grossten  Kalte,  sobald  sie  vollkommen  empfindlich  wa- 
ren, dagegen  hildelen  sich  auf  einer  sehr  jungen  Nase  bei  einem  ein- 
maligen  Ausgange  sofort  grosse  Wasserblasen.  ( Chirurg . Erfahrun- 
gen,  bcsonders  iiber  die  Wieclerherstellung  zerstorter  Theile  des 
menschlichen  Kdrpers  nacli  neuen  Melhoden.  1 . B.  2 .Ablh.  S.  1 88.) 
Und  nicht  nur  gegen  die  Temperatur  hebt  Anasthesie  der  Hautner- 
ven  die  Widerstandsfahigkeit  auf,  auch  gegen  jeden  andern  aussern 
•Einfluss,  z.  B.  den  mechanischen  desDruckes,  wovon  das  Durchliegen 
die  Folge  ist.  So  entsteht  bei  Yerletzungen  und  Krankheiten  des 
Riickenmarks,  welcbe  Anasthesie  in  ihrer  Begleitung  haben,  friihzei- 
tig  Decubitus  am  Kreutzbein,  auf  ahnliche  Weise  wie  das  Aufliegen 
der  Ferse  bei  Thieren,  wo  die  Durchschneidung  des  n.  ischiadicus 
vorgenommen  ist. 

Der  Blutumlauf  in  den  kleinen  Gefassen  ist  mehr  oder  minder  ge- 
stort,  gewobnlich  verlangsamt,  daber  die  livide  Farbe.  Bei  einem 
meiner  Kranken,  der  in  Folge  einer  Gehirnkrankheit  von  Anasthesie 
beider  Hande  befallen  ist,  haben  die  Finger  stets,  bei  Kalte  und  Hitze, 
eine  blaulich-rothe  Farbe.  Extravasate  von  Serum,  Blutroth,  Albu- 
men, sind  nicht  sellen.  Brodie  erwahnt  ein  Paar  Fiille  von  Durch- 
schneidung des  Ulnarnerven  durch  iiussre  Yerletzung.  In  dem  einen 
war  der  kleine  Finger  kalt,  unempfindlich  und  mit  purpurfarbnen 
Flecken  bedeckt;  in  dem  andern  bekam  dcr  Finger  von  Zcit  zu  Zeit 
eine  dunkle  Purpurfarbe:  dann  entstand  eine  breite  Blase  und  ein 
oberllacblicbes  Geschwur,  welches  mit  Bildung  einer  neuen  Kpider— 
mis  verheilte.  ( Lectures  illustrative  of  certain  local  nervous  affections. 
London  1837.  p.  73.)  AlbuminbseExsudale  und  darauf  folgcnde Eitc- 


208 


IIAUTANASTIIES1E. 


rung,  Bhitungen  aus  Nasen-  und  Mundhohle,  stellen  sich  hei  An- 
asthesie  durch  Desorganisation  der  Quintuswurzel  und  ihres  Ganglion 
ein.  Oedem  begleitet  zuweilen  die  Anasthesie. 

Die  abnorme  Ernahrung  giebt  sich  am  haufigsten  im  Horngewebe 
kund.  Vermehrte  Abschilferung  der  Epidermis,  kleienarlig  und  schup- 
penformig,  zeigt  sich  mit  Mangel  der  Transspiration  an  den  Beinen 
Paraplektischer.  Die  Nagel  kriimmen  sich,  werden  rauh,  rissig,  fal- 
len ab.  Dr.  Steinriick  sah  bei  Kaninchen,  deren  n.  infraorbitalis 
durchschnitten  war,  die  Barthaare  ausfallen.  ( Dissert . inaug.  de  ner- 
vorum r eg  eneratione.  Berolini  1838.)  Zuweilen  werden  die Knochen 
der  aufgelegnen  Theile  necrotisch. 

Folgender  Fall  bietet  mehrere  der  eben  erwahnten  Erscheinungen 
in  einem  auffallenden  Grade  dar: 

Eine  50jahrige  Frau  lift  seit  zehn  Jahren  an  hefligen  Schmerzen 
im  rechten  Fusse,  hauptsachlich  in  der  Nahe  des  aussern  Knochels, 
auf  dem  Fussriicken  und  in  den  Zehen.  An  der  aussern  und  hintern 
Seite  des  Oberschenkels,  ungefahr  in  der  Mitte,  war  eine  Geschwulst 
iiher  5 Zoll  im  Umfange  bemerkbar,  welche  eben  falls  schmerzhaft 
war,  zumal  bei  ausserer  Beruhrung  und  Drucke,  wodurch  zugleich 
der  Schmerz  an  den  bezeichneten  Stellen  des  Fusses  sich  steigerte. 
Im  Laufe  der  Jahre  nahmen  die  Schmerzen  an  Intensitat  zu,  und 
dauerten  Tag  und  Nacht  fort,  so  dass  die  Kranke  sich  zu  der  von 
Dieffenbach  ihr  gerathnen  Excision  der  als  Neurom  des  Hiiftner- 
ven  erkannten  Geschwulst*)  entschloss.  Ich  sah  sie  ein  Paar  Wochen 

*)  Die  genaue  yon  Herrn  Dr.  Reniak  damals  vorgenommene  Untersuchung  des 
Neuroms  ergab  Folgendcs: 

1.  Anatomischer  Bcfund. 

Das  Neurom,  von  eifdrmiger  Gestalt  und  etAva  5"  Langendurchmesser,  war  von 
dem  sehr  ausgcdehnten  aber  festen  Neurilcmm  bis  auf  die  Ein-  und  AuslriUsstellc 
der  Neryenstrange  ganz  umspannt.  An  cincr  Seite  sail  man  durch  das  Neurilemm 
hindurch  in  der  Liingsrichtung  die  Mchrzahl  der  durch  die  Spannung  auseinander- 
gespreitzten  Nervenstriinge  etAvas  dunkcl  vcrlaufen.  Nach  Spaltung  und  Abldsung 
der  aussersten  neurilcmmatischcn  Hiillc  zeigten  sich  die  ausserlich  unverschrtcn 
Neryenstrange  fast  ganz  yon  scirrhdser  Substanz  umgeben,  und  von  ilircr  seitlichen 
Begranzung  aus  konntc  man  nach  Belicbcn  mehrere,  die  GcscliAvulst  glcichsam  uni- 


ITAU  T AN  AS  THE  SIE. 


209 


nach  der  Operation  (April  183G).  Vollstandige  Anasthesie  war  in 
alien  jenen  Theilen  vorhauden,  welche  vom  n.  peronaeus  und  tibialis 

hullende  kiiutige  Scliichten  ablosen,  die  naeh  innen  zu  derber  und  parenchymatdser 
wurden  und  zwischen  denen  bin  und  wieder  einzelnc  Nervenstriingchen  abwarts 
liefen.  Diesc  Schichtcn  umgaben  die  festc  Substanz  zweier,  durch  eine  Membran 
gesondertcr  scirrbdser  Geschwiilste,  yon  denen  die  kleinere,  mehr  kugligc  an  dem 
abgestumpften  Liingsende  der  griissern  mehr  eirunden  Geschwulst  etwas  sci'Iich 
sass.  Die  Mehrzahl  der  Nervenstrangchen  lag  nun  bloss  in  der  obersten  Scbicbt  der 
grbssern  Geschwulst  und  nur  die  wenigen  in  den  Hauten  verlaufenden  Strang- 
chen  gelangten  auf  der  entgegengesetzten  Seite  zur  Obcrflachc  der  kleinern  Ge- 
schwulst, batten  aber  bier  pnzlich  ihr  Ncurilemm  ycrlorcn,  so  dass  die  Primitivfa- 
sern  grauschimmernd  ausgebreitet  blosslagcn;  ein  Strangchcn  batte  die  Liingsachse 
acider  Geschwiilste  durchsctzt.  Beide  Geschwiilste  zeigten  die  dem  Scirrhus  eigen- 
hiimlichen  zwei  Substanzen,  cine  hellere  Rinden-  und  eine  graue  Marksubstanz  mit 
lurchstrshlenden  weissen  Fasern,  und  die  grosserc  batte  in  ihrer  Mitte  eine  mit 
schwammigem  und  faserigem  Gebiilkc  unregelmassig  durchzogne  und  mit  einer 
jelblich-griinen  serosen  Fliissigkeit  erfiillte  Hdhle,  wiihrend  die  kleinere  durchaus 
►olid  war. 

2.  Microscopischer  Refund. 

Die  Primitivfasern  der  Nerven  zeigten,  und  zwar  am  starksten  an  den  vom 
V N'eurilemm  entbldsstcn  Stcllcn,  eine  ejgenthumliche  Destruction,  wie  man  sie  auch 
onst  manchmai  an  etwas  zerstorten  Nerven  findet,  und  welche  hier  ■\vcgen  der 
rischc  des  Priiparats  wohl  mit  Recht  der  langdauernden  mechanischenEinwirkung 
er  Geschwulst  zugeschrieben  Werdcn  kann.  Fastalle  Markfasern  namlich,  (die  ya- 
icosen  waren  unverletzt)  hatten  die  Gestalt  in  cinander  gesteckter  Trichter.  Die  ge- 
neinsame  ncurilemmatische  Hiille  zeigte  Zellgewebc  und  wenige  Gcfiisse.  In  den 
olgenden  Schichtcn  nahm  das  Gefassnetz  an  Starke  zu,  es  zeigte  sich  neben  den 
iellgewebsfasern  nocb  eine  eigenthiimliche  Art  von  Fasern,  und  nahe  an  dem  festen 
cirrbus  auch  granulirte  rundc  Korperchen,  ganz  ahnlich  denen  der  grauen  Sub- 
tanz  des  Gebirns,  und  geschwanzte  durchscheinende  Korperchen,  ahnlich  den  Kbr- 
erchen  in  den  Nerven  des  Embryo.  Die  feste  Substanz  bestand  bloss  aus  eincm 
ehr  starken  Gefassnetz,  den  erwahnten  Fasern  und  einer  iiberwiegenden  Anzabl 
I er  bezeiebneten  Korperchen,  welche  in  der  grauen  Substanz  die  Fasern  fast  ganz- 
| ch  verdrangten  und  auch  in  der  Fliissigkeit  dcr  Hdhle  umherschwimmend  gefun- 
en  wurden. 

Hieraus  ergiebt  sich,  dass  (das  Ncurilemm  abgerechnct)  die  Hiillen  von  dem 
cirrbus  sclbst  nicht  wcscnllich  verschicden  sind.  Die  graue  Farbe  dcr  innersten 
■ chichi  kommt  bloss  von  dcr  geringeren  Mengc  von  Fasern  und  dcr  iiberwiegen- 
3ii  Mcnge  der  Kdrncr  her.  Die  Fliissigkeit  ist  viellcicht,  bloss  ein  Product  der  von 
non  nach  aussen  fortschrcitenden  Zcrsetzung  der  weiter  wucherndcn  Substanz. 
inc  absondernde  serose  Flache,  wie  bci  den  Balggcschwiilsten,  war  nicht  wahrzu- 
'hmcn. 

Das  besebriebne  Priiparat  bcfmdet  sich  auf  dem  anatomischcn  Museum  der 
csigen  Universitiit. 

Romberg's  Ncrvenkrnnkli.  I. 


14 


210 


HAUTANlSTlIESIE. 


v 


versorgt  vverdeu,  dagegen  iibcrall,  wo  (lie  vom  Ischiadicus  oberhalb 
seiner  Theilung  abgehenden  Ilautiiste  und  die  Cutariei  dcs  Cruralis 
hindringen,  die  Scnsibililiit  ungestort  war.  So  liess  sich  auf  dern 
Fussriicken  die  Granze  des  Schenkel-  und  Iliiftnerven  recht  genau 
mit  der  Nadel  absteckcn.  In  der  Nahe  des  innern  Knochels  fiihlte  die 
Kranke  beim  Stechen  lebhafte  Schmerzen,  denn  die  Iialm  desSaphe- 
nus  interims  war  nicht  unterbrochen,  wabrend  sie  bei  noch  so  tiefem 
Einbobren  der  Nadel  in  die  Mitte  des  Fussriickens  und  am  aussern 
Knochel,  wo  die  Cutanei  der  Schien-  und  Wadenbeinn erven  verlau- 
fen,  keine  JEmpfindung  hatte.  Die  Beweglichkeit  des  Beins  verhielt 
sich  ganz  so  wie  bei  Thieren  nach  Durchschneidung  des  Ischiadicus 
am  Oberschenkel  Nur  die  Muskeln  des  Unterschenkels  und  Fusses 
waren  gelabmt,  dagegen  konnte  die  Kranke  das  Bein  selbst  durch 
die  ungestorte 'Action  der  Oberschenkelmuskeln  bewegen.  Friibzeitig 
hatte  sich  Decubitus  an  der  Ferse  eingestellt.  Die  exulcerirle,  eine 
diinne,  saniose  Fliissigkeit  gebende  Stelle  war  schmerzlos,  blass,  ohne 
entzundliche  Reaction,  leicht  verschorfend,  von  der  Beschaffenbeit  der 
Wunde  in  Schroder  van  der  Kolk’s  Yersuchen,  nach  Durch- 
schneidung  des  Ischiadicus  und  Cruralis  am  Beine  eines  Hundes  (ob- 
servat.  anal,  pathol.  p.  14);  bald  darauf  exfoliirten  die  Nagel.  — Drei 
Jahre  nachher  sab  ich  die  Kranke  wieder,  welche  mir  obne  Ivriicke 
entgegen  kam.  Sie  tritt  mit  dem  aussern  Rande  des  rechten  Fusses 
auf,  der  hierdurch  das  Ansehen  eines  Klumpfusses  hat:  der  innere 
Rand  stebt  nach  oben,  die  Solile  nach  innen.  Ausser  der  friiheren 
iiocli  fortdauernden  Verschwarung  an  der  Ferse  hat  sich  seit  liingrer 
Zeit  eine  zweite  am  aussern  Fussrande,  nicht  weit  'Com  Knochel,  ge-  ; 
bildet,  aus  welcher  Yon  Zeit  zu  Zeit  necrotische  Knochenstuckchen  i 
exfoliiren.  Die  Epidermis  des  Fussriickens  und  eines  Tlieils  des  Un- 
tcrschenkels  desquamirt  bestandig,  und  loset  sich  in  Form  grosserer  , 
Schuppen,  wie  bei  Psoriasis,  ab.  Die  Farbe  der  Haut  am  Fussriicken  f 
ist  dunkelrotb  und  gliinzend.  AufFallend  ist  es,  dass  die  Warme  am  i 
gelahmten  Fusse  grosser  ist ; am  aussern  Knochel  gemessen  betragt  > 
sie  + 25°  R.,  an  derselben  Stelle  des  gesunden  Fusses  +■  24°  R-  ( 


IIAUT  ANASTHESIE. 


211 


In  dem  Zwischenraume  des  dritten  und  vierten  Zehes  des  geliihmtcn 
Fusses  -f-  24°  R.,  des  gesunden  + 23°  R.  Abmagerung  hat  nicht 
stattgefunden.  Die  Anasthesie  dauert  noch  fort,  wie  ich  sie  in  den 
crsten  Woclien  nacli  der  Excision  des  Neuroms  heobachtet  batte. 
Interessant  ist  die  auf  mcine  Fragen  gegebne  Schilderung  schmerz- 
hafter  Empfindungen  in  den  gefiihllosen  Tbeilen,  welche  bier,  wie 
bei  Amputirten,  nacb  dem  Gesetze  excentrischer  Erscheinung  crfol- 
?en.  Cei  einem  zufalligen  Drucke  des  Oberschenkcls,  z.  B.  gegen 
len  Rand  eines  Stuhles,  beginnt  das  Gefiihl  des  Einscblafens  und 
•Prickelns  in  den  Zehen  und  im  Fusse.  Anfangs  fandcri  sicli  auch 
iftcrs  Scbmerzen  ein,  seltner  in  den  letzten  Jaliren,  doch  glaubt  die 
xranke  zuweilen  ein  Gefiihl  vom  Auftreten  des  Fusses  beim  Gehen 
u haben. 

Wie  in  diesem  Fallc,  so  hort  man  iiberhaupt  bei  der  Anaesthesia 
utanea  die  Kranken  iiber  Empfindungen  in  den  gefiihllosen  Theilen 
lagen,  am  hiiufigsten  iiber  Formication,  zuweilen  auch  iiber  lebhafte 
chmerzen. 

Der  Sitz  der  Anasthesie  im  peripherischen  oder  centra- 
?,n  Apparate  bedingt  Modificationen  der  Symptome.  Bei  centra- 
im  Ursprunge  ist  die  Anasthesie  sehr  selten  auf  einzelne  Babnen 
esclirankt,  und  Stbrungen  der  Motilitiit  sind  Begleiter.  Bei  periphe- 
schem  Ursprunge  gesellen  sich  Abnormitiiten  der  Erriahrung  um 
) leichter  hinzu,  wenn  die  Ganglienformation  belheiligt  ist. 

Die  peripberische  Haut-Anasthesie  (von  der  centralen  wird  weiter 
aten  die  Rede  sein)  entsteht  am  haufigsten  durch  Trcnnung  der 
ervencontinuitiit  mittelst  iiusserer  Vcrletzungen  und  chirurgischer 
perationen,  durch  anbaltenden  Druck  von  nahgelegnen  Organen, 

. B.  Driisen,  Gebiirmutter,  Gediirme)  Gcschwiilsten,  (desNcurilemms, 
;r  Knocben,  dcr  Gefiisse,  Tuberkel,  Fungus)  von  Extravasaten,  durch 
'isorganisirende  Proccsse  und  Entziindung:  in  letzterem  Fade  pllegen 
juralgiscbe  Erscbeinungen  voranzugehen.  Insolation  und  Kalte  sind 
weilen  als  Ursachen  beobaebtet  worden.  Dcr  rheumatische  Anlass, 
r so  oft  auf  der  Gesichtsflache  die  Lcitungsfahigkcit  des  n.  facialis 


212 


ILVUTANASTHESIE. 


unterbricht,  hat  nur  sclten  cincri  ahnlichen  Einfluss  auf  die  Energie 
des  Quintus. 

Der  Verlauf  ist  in  dcr  Hegel  chronisch.  Der  Typus  anhaltend. 

Prognostische  Bedeulung  geben  Sitz,  Ursache,  Consecutivlei- 
den.  Centrale  Anliisse  drohen  meistens  dem  Leben  Gefahr:  unter  den 
peripherischen  sind  einfache  Trennungen  des  Zusammenhangs,  z.  B. 
durch  Schnittwunden,  am  gimstigsten.  Ilinzutritl  trophischer  Storun- 
gen  ist  bedenklich  und  kann  den  Verlust  des  betrolfnen  Theils  her- 
beifiihren.  Von  den  Folgezustanden  ist  Decubitus  am  meisten  zu  be- 
furchten.  Wo  mit  der  Anasthesie  Motilitat-Lahmung  zugleich  vor- 
handen  ist,  pflegt  die  erstere  fr'uher  naclizulassen  und  zu  verschwinden 
als  die  letztere.  Auch  bei  Versuchen  an  lebenden  Thieren  stellt  sich 
die  sensible  Leitung  zeitiger  her  als  die  motorische. 

Der  Naturheilungsprocess  der  Anaesthesia  cutanea  lasst sich 
sowohl  physiologisch  als  anatomisch  nachweisen,  am  deutlichsten  bei 
Verletzungen  peripherischer  Nerven.  Jenes  Gebiet  der  Chirurgie, 
welches  Dieffenbach  mit  Genialitat  nach  alien  Richtungen  hin  er- 
weitert  hat,  die  Wiederherstellung  zerstorter  Theile,  bietet  die  beste 
Gelegenheit  zum  physiologischen  Beweise  dar.  In  dem  Behufs  einer 
Nasenbildung  aus  der  Stirn  abgelosten,  mittelst  einer  Br’ucke  noch 
zusammenhangenden  Hautlappen  hat  jeder  Nerveneinlluss,  (so  schil- 
dert  es  Dieffenbach  in  seinen  Chirurg.  Erfahr.  etc.  2.  Abth. 
S.  176  u.  187)  in  so  fern  er  sich  als  Wahrnehmung  des  Schmerzes 
bei  absichtlicher  Reitzung,  Zerrung  oder  neuer  Verwundung  zu  er- 
kennen  giebt,  ganzlich  aufgehort.  Erst  an  der  Granze  zwischen  dem 
Happen  und  Mutterboden  zeigt  sich  Empfindung,  die  jedoch  auf  der 
Briicke  noch  sehr  gering  ist.  Mehrere  Monate  nach  volliger  Vernar- 
bung  der  Wundflachen  entwickelt  sich  ein  dumpfes  Gefiihl  in  dem 
verpllanzten  Hautlappen  und  zwar  zuerst  an  den  Rimdern.  Das  Ge- 
fiihl  des  Schmerzes,  z.  B.  bei  geringen  Verwundungen  durch  Stechen 
mit  einer  Nadel,  ist  noch  dunkel  und  unbestimmt,  wahrend  die  von 
der  Granze  entfernten  Gegcnden  des  Happens  noch  gar  nichts  empfin- 
den.  Ueber  die  Oertlichkeit  dieses  Schmerzes  urtheilt  der  Verwun- 


HAUTANASTHESIE. 


213 


dete  indessen  ziemlich  richtig,  wenn  auch  niclit  so  bestimmt  wie  bei 
Verletzungen  andrer  Theile.  Gefallige  Phantasie  scheint  es  nur  von 
Lisfranc  zu  sein,  wenn  er  bei  dem  Stechen  einer  aus  der  Stirn 
gebildeten  Nase  den  Kranken  niclit  in  der  Nase,  sondern  in  der  Stirn 
den  Schmerz  empfiriden  liisst.  Sehr  spat,  bisweilen  erst  nach  Jahr 
und  Tag,  erlangt  die  Spitze  der  neuen  Nase  vollkommnes  Empfin- 
dungsvermogen,  und  nur  nach  diesem  Zeitpunkte  ist  sie  der  iibrigen 
Haut  in  ihren  Functionen  ahnlicher.  Die  Nase  schwitzt,  Wunden  in 
ihr  geben  dicklichen  Filer,  so  dass  bieraus  die  Nothwendigkeit  eines 
vollkommnen  Nerveneinflusses  zur  Bildung  des  Eiters  erklart  wird. 

Der  anatomische  Beweis  fur  den  Naturheilungs-Process  der  trau- 
matischen  Anaesthesia  cutanea  ist  in  neuesterZeit  vom  Dr.  Stein  ruck 
vollstandig  gegeben  worden.  (Vgl.  dessen  ausgezeicbnete  dissert,  de 
nervorum  regenerations.  Berol.  1838.)  Mit  Hiilfe  des  Microscops  ist 
niclit  bloss  die  Regeneration  der  Primitivfasern  auf’s  gewisseste  con- 
- statirt  worden,  sondern  auch  der  Uebergang  einzelner  Fasern  aus  den 
i Fascikeln  der  Narbe  in  die  Biindel  des.Nerven  selbst  (Tab.  II.  Fig. 
5.  6.  7.).  Ueberall  war,  einen  einzigen  Versucb  ausgenommen,  mit 
dem  Wiederersatz  der  Nervenfasern  die  sensible  Leitung  zuriickge- 
kelirt,  dagegen  Anasthesie  zuriickgeblieben,  wo  die  Narbe  nur  aus 
< Zellgewebe  bestand. 

Extravasate,  albuminose  u.  a.  A.  an  der  Basis  des  Gehirns  und  am 
: Riickenmarke  konnen  resorbirt  werden. 

Der  Termin  der  Wiederherstellung  sensibler  Leitung  bei  periphe- 
rischer  Verletzung  ist  unbestimmt,  von  4 Wochen  bis  zu  3 oder  4 
; Jabren  und  daruber.  Audi  kommt  sie  niclit  immer  vollkommen  zu 
' Stande. 

Die  Be  hand  lung  der  Anaesthesia  cutanea  war  bisher  eine  ober- 
flachliche,  im  wahren  Sinne  des  Wortes.  Salbungen  und  Bepflaste- 
rungen  wird  der  Erfolg  oft  da  beigemessen,  wo  er  mit  grosserem 
Rechte  der  Naturheilung  zukommt.  Fur  die  Folge  liisst  sicli  von  ge- 
nauerer  Renntniss  der  Krankheit,  ihres  Sitzes  und  ihrer  Ursachen, 
einiger  Portschritt  erwarten.  Auch  liier  sci,  wie  bei  den  liyperasthe- 


214 


hautanAstiiesie. 


sieen,  die  Aufmerksamkeit  auf  das  Gefasssystem  rege,  um  so  mehr, 
wenn  cin  entziindlicher  Vorgang  zu  Grunde  liegt.  Oerlliclie  Blut- 
entleerungen,  zumal  mittelst  Schropfkopfe,  so  nahe  wie  mdglich 
dem  Sitze  angebracht,  sind  alsdann  an  ihrer  Stelle.  Fur  die  Be- 
seitigung  comprimirender  Anlasse  sind  die  Mittel  verschieden:  re- 
solvirende  fur  angeschwollne  Driiscn,  ausleerende  fur  Anhaufungen 
in  den  Gedarrnen  u.  s.  f.  1st  der  atiologischen  Indication  Geniige 
geschehen,  so  erwarte  man  nicht  sofort  Integritat  des  Hautgef uhls ; 
dazu  bedarf  es  der  RLickkehr  der  Reitzbarkeit,  welche  durch  bele- 
bende  und  restaurirende  Reitze  ^efordert  werden  muss.  Die  Frictio- 
nen  stehen  bier  obenan,  trockne  oder  feuchte,  und  zwar  in  centripe- 
taler  Richtung,  die  der  Leitungsnorm  entspricht.  Zunachst  ist  die 
Warme  zu  empfeblen:  nahgehaltnes  Feuer,  Moxa,  mit  Vermeidung 
nachfolgender  Eiterung,  Dampf  des  Wassers,  spirituoser  Fliissigkei- 
ten  etc.,  heisse  Biider,  Gastein,  Thierbader.  Concentration  der  thieri- 
schen  Warme  durch  Bedeckung  mit  schlechten  Warmeleitern,  Leder 
etc.,  Pflastern.  Die  Application  gahrender  Stoffe  ist  zu  versuchen  (3Ialz, 
Sauerkohl).  Magnetismus,  Electricitiit,  Galvanismus  (Galvanopunctur) 
sind  nicht  zu  vernachlassigen : auch  durfte  von  regelmassigen  Yibra- 
tionen  und  Erschutterungen  des  afficirten  Theils  noch  Erfolg  zu  er- 
war  ten  sein. 


-- 


215 


Anaesthesia  IV.  ^isinli. 


Ex  peri  men  telle  Ergebnisse.  — Die  Durchschneidung  des 
Quintus  am  lebenden  Thiere  hat  Unempfindlichkeit  der  Gesicbtsflache, 
des  Auges,  der  Nasenhohle,  des  Ohres,  der  Mundhohle  und  Zunge 
zur  Folge,  partielle  oder  allgemeine,  je  uachdem  einzelne  Zweige  und 
'Aeste  oder  der  gauze  Stamm  durchschnitten  Worden  sind.  Magen- 
die  war  der  erste,  der  diesen  Versuch  in  der  Schadelhohle  vorge- 
nommen  hat. 

Ausser  der  Unempfindlichkeit  werden  noch  andre  Erscheinungen 
beobachtet,  die  den  Einfluss  des  Verlustes  der  Sensibilitat  auf  Ernah- 
rung,  Bewegung,  Sinnesthatigkeit  darthun. 

Die  trophischen  Veranderungen  zeigen  sich  am  Auge  auf’s  deut- 
i lichste  und  sind  von  Magendie  [de  V influence  de  la  cinquieme  pair e 
lie  nerfs  sur  la  nutrition  et  les  fonctions  de  I’oeil  im  Journ.  de  phy- 
dol.  experim.  et  pathol.  T.  IV.  p.  1 7 6)  und  besonders  von  Valenti  n (de 
unction,  nervor.  cerebral,  etc.  p.  157  Not.  V)  genau  beschrieben.  Es  sind 
>eim  Kaninchen  folgende : (1 6 Stunden  nach  der  Durchschneidung  oder 
„ Quetschung  des  Quintus  in  der  Schadelhohle)  betrachtliche  Injection 
ler  Gefasse  auf  der  Aussenflache  des  seines  Gefuhls  verlustigen  Auges. 

24  Stunden.)  Triibung  der  Hornhaut.  (38  Stunden.)  Exsudat  in  der 
\Iitte  der  Cornea.  (62  Stunden.)  Milchvveisse  Triibung  des  Centrums 
ler  Hornhaut:  sehr  starke  Anfiillung  der  Gefasse  der  Iris  und  Cort- 
unctiva.  (80  Stunden.)  Reichliche  Ahsonderung  einer  zahen  puru- 
enten  Fliissigkeit,  wodurch  die  Augenlider  zusammen  kleben.  (104 
Stunden.)  Zunahme  des  Eiterergusses  und  der  Triibung  in  der  Cornea, 

’O  dass  die  Iris  ganz  verdeckt  ist.  (128  Stunden.)  Aufhorcn  derBlen- 
lorrhoe.  Geschwiir  von  der  Grosse  dreier  Linien  im  Mittelpunkt  der 
: lornhaut.  Anliillung  der  vordern  Augenkammer  mit  weissem  Exsu- 
lal.  (152  Stunden.)  Fortdauer  der  Gefassinjection,  Vergrosserung 
les  Geschwiirs,  welches  mit  einer  trocknen  gelblichen  Kruste  bedeckt 
st.  ( 1 7 6 Stunden.)  Betrachtliche  Rothe  der  Conjunctiva,  Zunahme  ' 


2 IG 


ANASTIIESIE  DES  QUINTUS. 


des  Hypopion.  Nach  deni  Tode  findet  man  die  Hornhaut  staphyloma- 
tos,  die  vordre  Augenkammer  angefiillt  mit  einem  Exsudat,  welches 
exsudatorisclie  und  Eiterkorperchen  bei  der  microscopischen  Unlersu- 
chung  zeigt,  und  die  Fasern  der  Cornea  trube.  DieLinse,  Retina  und 
iibrigen  Theile  des  Auges  verhalten  sicli  normal.  Bei  Hunden  hat 
Mage n die  noch  iiberdies  Ruptur  der  Hornhaut,  Auslliessen  der 
Augenflussigkeiten  mid  Einschrumpfen  des  Bulbus  beobachtet,  die 
Halfte  der  Zunge  wird  braun,  rissig,  trocken,  das  Zahnfleisch  schwam- 
mig  und  blutend.  Die  Zahne  werden  lose,  fallen  aus,  so  wie  die  Bart- 
liaare.  Bei  Thieren,  die  ein  zalies  Leben  haben,  z.  B.  den  Batrachiern, 
Iosen  sicli  die  Weichtheile  des  Gesichtes  in  brandigen  Fetzen  ab,  wie 
im  spontanen  Braude.  Nach  3 — 4 Wochen  bleibt  nur  die  eine  Halfte 
des  Gesichtes  ubrig. 

Die  Be  we  gun  gen  des  Gesichtes  erleiden  auf  der  Seite,  wo  der 
Quintus  durchschnitten  worden,  einen  Stillstand.  Hauptsacblich  sind 
es,  wie  bereits  zuvor  erwahnt  worden,  die  Reflexactionen,  die  von 
der  Immobilitat  getroffen  werden.  Die  Pupille  ist  unbeweglich,  bei 
Kaninchen  contrabirt,  bei  Hunden  und  Katzen  erweitert.  (Valentin 
L c,  p.  23.)  Nach  M a gen  die  (logons  sur  les  fonctions  et  les  maladies 
da  systems  nerveux.  Paris  1839.  T.  II.  p.  31)  hort  auch  das  Blin- 
zeln  der  Augenlider  und  die  abwechselnde  Erweiterung  und  Veren- 
gerung  des  Nasenfliigels  auf.  Die  Zunge  liegt  unverriickt  zwischen 
der  obern  und  untern  Zahnreihe.  Noch  deutlicher  markirt  sick  die 
gehemmte  Bewegung  nach  Durchschneidmig  beider  Quinti.  Das 
Thier  tragt  seinen  unempfmdlichen  Kopf  wackelnd,  wie  einen  frem- 
den  Korper;  der  Gang  ist  schwankend. 

Die  Sinnesthatigkeit  wird  nach  Magendie’s  Versuchen,  die 
jedocli,  weil  sie  Widersprucfc  gefunden,  einer  grundlichen  Wiederho- 
lung  bedurfcn,  beeintracbtigt.  Das  Sehververmogen  soil  abnehmen 
und  erloschen;  der  Geruch,  das  Gehor,  der  Geschmack  gelien  ver- 
loren. 

Die  chirurgischen  und  pathologisclienBeobachtungen  stimmen  zuni 
grossen  Tlieil  mit  diesen  Resultaten  iiberein. 


ANASTHESIE  DES  QUINTUS. 


217 


I.  Peripherische  Anasthesie  des  Quintus. 

Das  physiologische  Criterium  ist:  isolirte  Leitungsunfahigkeit  auf 
gleichseitiger  Balm. 

Die  diagnostischen  Merkmale  sind  verschieden  je  nach  dem  Sitze 
derKrankheit  in  den  verschiednen  Stationen  des  Quintus,  in  der  Ge- 
sichtsflache,  oder  auf  seinem  Laufe  durch  das  Keilbein,  oder  im  Gan- 
glion Gasseri,  oder  an  der  Basis  des  Gehirns. 

1)  Je  mehr  die  Anasthesie  auf  einzelne  Filamente 
des  Quintus  beschrankt  ist,  um  so  peripherischer  ist 
der  Sitz  ihres  Anlasses. 

Aeussere  Verletzungen  der  Gesichtsllacbe  geben  die  haufigsten 
Beispiele.  Ich  habe  eine  63jahrige  Frau  in  der  Bebandlung,  welche 
von  einem  vor  vier  Jahren  in  der  Niihe  des  linken  Ohrs  entstandnen 
betrachtlichen  Abscesse  eine  grosse,  tiefe,  gerissne  Narbe  auf  dem 
Unterkiefergelenk,  und  eine  andre  in  der  Umgegend  des  Foramen 
stvlomastoideum  zur'uckbehalten  hat.  Es  ist  vollstandige  Lahmung  des 
linken  n.  facialis  vorhanden  und  Anasthesie  des  oberflachlichen  Schla- 
fenerven  vom  dritten  Aste  des  Quintus.  Die  Gegend  der  Parotis,  das 
iiussre  Ohr  und  die  llaut  der  linkeu  Schliife  sind  gegen  tiefe  Nadel- 
stiche  ganz  unempfindlich,  wahrend  Stirn  und  Backe  im  ungestorten 
Besitze  ihres  Gefiihls  sind.  — Yon  Anasthesie  des  Ramus  ophthal- 
micus hat  Bell  mehrere  Beispiele  mitgetheilt,  wo  die  Oberflache  des 
Auges  ihres  Gefiihls  ganz  verlustig  war.  (Physiol,  und  pathol.  Unter- 
suchungen  des  Nervensystems.  S.  264,  298,  304.)  — Solche  par- 
tielle  Anasthesieen  bleiben  dem  Kranken  selbst  oft  verborgen,  bis  er 
sie  zufiillig  entdeckt,  z.  B.  beim  Trinken  den  halben  Rand  des  Glases 
abgcbrochen  glaubt.  Fin  Paar  Fiille  finden  sich  in  Bell’s  Werke 
(S.  64  u.  S.  4GS).  In  dem  einen  war  nach  dem  Ausziehcn  eines 
untern  Backenzahns  das  Gefiihl  in  der  halben  Unterlippe  erloschen. 
Der  Kranke  hatte  keine  Empfmdung  davon,  wenn  nach  dem  Essen 
Speisekrumen  oder  Tropfen  Getriinks  an  dieser  Seite  hiingen  blieben 
und  wunderte  sich  dariiber,  als  er  ein  Glas  Wasser  an  den  Mund 
setzte,  dass  man  ilnn  ein  zerbrochnes  Glas  gereicht  hatte.  Der  n.  man- 


2 18 


ANASTHESIE  DES  QUINTUS. 


dibulo-labialxs,  tier  aus  deni  Kiefer  hervordringt  und  sich  in  die  Uri- 
terlippe  verbreitet,  war  unstreitig  da,  wo  er  im  Kieferbein  unler  den 
Zahnwurzeln  verlauft,  verletzt  worden.  — Ein  Frauenzimmer  suclite 
wegen  eines  Carcinoma  mammae  Hiilfe.  Von  alien  ihren  Leiden  er- 
regte  keins  so  sehr  ihre  Besorgniss  als  eine  Unempfindlichkeit  dcr 
Unterlippe,  worauf  sie  zuerst  aufmerksam  geworden,  als  sie  nur 
eine  liable  des  Glases  beim  Trinken  fiihlte.  Bei  Beruhrung  der  Un- 
terlippe zeigte  sich  Verlust  des  Gefiihls  in  dem  ganzen  von  dem  n. 
mandibulo-lcibialis  versorgten  Theile.  Als  Bell  mit  dem  Finger  tief 
unter  dem  Kieferwinkel  einging,  entdeckte  er  eine  harte  Driisenge- 
schwulst,  die  an  dem  aufsteigenden  Aste  des  Kiefers  befestigt  war, 
und  ohne  Zweifel  den  Zweig  des  Quintus  comprimirte,  welcher  in  das 
innere  Loch  des  Unterkiefers  eindringt. 

2)  Wo  der  Verlust  des  Gefiihls  ausser  einem  Bezirke 
der  Aussenflache  auch  die  entsprechende  Hohle  des 
Gesichtes  trifft,  sind  die  sensibeln  Quintusfaser n,  be- 
vor  sie  aus  einander  weichen  und  peri  Ph  erisch  sich  ver- 
theilen,  in  i hr em  Aggregate,  in  einem  Haup taste  selbst 
beeintrachtigt,  vor  oder  hinter  dessen  ikustritte  aus 
dem  Schadel. 

1st  der  erste  Ast  des  Quintus  ieitungsunfahig,  so  nimmt  die  Ober- 
flache  des  Auges  an  der  Anasthesie  Tlieil.  Ich  habe  im  Jahre  1S36 
eine  Kranke  in  meinen  Vorlesungen  vorgestellt,  bei  welcher  man  die 
linke  Stirnhalfte  und  den  linken  Bulbus  driicken  und  stechen  konnte, 
ohne  cine  Empfindung  zu  erregen.  Wo  der  zweite  Ast  beeintrach- 
tigt ist,  sind  die  Nervi  nasales  ihrer  Energie  verluslig,  und  es  fehlt  die 
Empfindlichkeit  nicht  nur  bei  iiusserer  Beriihrung  der  Nasenkohle, 
l.  B.  beim  Hineinfahren  eines  spitzen  Rorpers,  sondern  auch  beim 
Vorhalten  scharfer  D'unste  und  beim  Tabakschnupfen.  Hat  endlich  der 
dritte  Ast  seine  Leitungsfahigkeit  verloren,  so  ist  auch  die  enlspre- 
cliende  Zungenhalfte  unempfindlieh.  (\rgl.  die  in  der  Schilderung  der 
gustatorischen  Anasthesie  mitgetheilten  Falle.) 

3)  Wo  das  ganze  sensible  Quin,lusgebict  ties  Gefiihls 


ANASTHESIE  DES  QUINTUS. 


219 


verlustig  ist,  und  zugleick'Stdrungen  dcr  tropkiscken 
Functionen  in  den  von  Anastkesie  betroffnen  Theilen 
v orkan  den  sind,  ist  das  Ganglion  Gass eri  oder  der  Quin- 
tus in  seiner  Niihe  Sitz  der  Krankheit. 

Ausser  der  Unempfindliclikeit  der  aussern  und  innern  Gesichts- 
fliicke  zeigen  sich  folgende  Erscheinungen : am  Auge  Entzundung, 
Eiterung,  Exulceration,  Atrophie:  in  der  Nasen-  und  Mundhohle 
Rotke,  Ausfluss  von  Blut,  Auflockerung  des  Zaknlleisckes. 

Serres  war  der  erste,  der  einen  Fall  dieser  wicktigen  Form  der 
Anastkesie  kesckrieken  kat.  (Anatomic  comp aree  clu  cerveciu  T.  II, 
p.67  — 89J 

Ein  26jakriger  Epileptiscker  litt  an  ckroniscker  Entzundung  des 
reckten  Auges.  Im  Dezemker  1823  kam  eine  acute  Entzundung 
kinzu  mit  Oedem  der  Augenlider  und  Trukung  der  Cornea.  Nack 
der  Application  eines  Haarseils  zertkeilte  sick  die  Opktkalmie,  allein 
die  Hornkaut  kliek  verdickt  und  in  ikrem  ganzen  Umfange  undurck- 
sicktig.  Im  Januar  und  Fekruar  kemerkte  man  eine  Unempfindlick- 
keit  des  reckten  Auges.  Im  Juni  wurde  die  Anastkesie  der  reckten 
Nasenliukle  und  der  reckten  Zungenkalfte  constatirt.  Vom  15  — 20. 
Juni  entziindete  sick  das  Zaknfleisck  auf  der  reckten  Seite,  zuerst 
am  Okerkiefer,  dann  am  Unterkiefer,  und  es  entwickelte  sick  eine 
scorkutiscke  Affection,  die  im  August  auck  auf  das  linke  Zaknfleisck 
sick  ausdeknte,  jedock  in  geringerem  Grade.  Bei  genauer  Unter- 
suckung  zeigten  sick  jetzt  folgende  Ersckeinungen : vom  Frottiren 
des  reckten  Auges  mit  einem  Federkarte  katte  der  Kranke  gar  keine 
Empfmdung,  klinzelte  nickt  einmal.  Die  innere  Flacke  der  Angen- 
lider  war  ekenfalls  unempfmdlick.  Das  linke  Auge  dagegen  iiusserte 
kei  diesem  Versucke  die  gewolmlicke  Reaction.  Die  reckte  Nasen- 
koklc  war  kcim  Einkringen  eines  Federkartes  unempfmdlick;  Sal- 
miakgeist  mackte  keim  Einzieken  des  Dunstes  nur  einen  sckwackcn 
Eindruck,  wakrend  das  Vorkalten  des  Flasckckens  vor  dem  linken 
Nasenlocke  kaum  verlragen  wurde.  Pulver  von  sckwefelsaurem  Cki- 
nin  nakm  der  Kranke  auf  dcr  reckten  Zungenkalfte  nickt  wakr,  auf 


220 


ANASTHESIE  DES  QUINTUS. 


der  linken  schmeckte  er  die  Bitterkeit.  Das  Zahnfleisch  hatte  sicli 
an  der  rechten  Seite  von  den  Zahnwurzeln  abgeloset.  Die  Zahne 
selbst  waren  lose.  — Bei  der  im  Beisein  von  M age n die,  Geor- 
get  u.  A.  vorgenomraenen  Section  fand  sicli  das  Ganglion  Gasseri 
der  rechten  Seite  in  einem  kranken  Zustande,  von  graugelber  Farbe, 
angeschwollen,  und  an  der  Stelle,  wo  der  Ramus  ophthalmicus  ab- 
geht,  gerothet  und  injicirt.  An  der  Veranderung  der  Farbe  und 
Structur  nahmen  auch  die  drei  abgehenden  Hauptaste  bis  zu  ihrem 
Austritte  aus  dem  Schadel  Theil,  der  Maxill.  infer,  mehr  als  der  su- 
perior. Die  kleinere  motorische  Portion  des  Quintus  verhielt  sich  mit 
alien  ihren  Zweigen  normal. 

Gama  theilt  in  seinem  Traite  des  plciies  de  tele  et  de  l’ encephalile, 
Paris  1830,  p.  173  einen  Fall  mit,  wovon  folgendes  ein  Auszugist: 

Ein  von  Paraplegie  befallner  Militair  klagte  seit  ungefahr  3/4  Jahr 
fiber  allmahlige  Abnahme  des  Geftihls  in  der  rechten  Gesichtshalfte 
und  der  Sehkraft  im  rechten  Auge.  Er  fiihlte,  dass  das  Kauen  nicht 
mit  gleicher  Kraft  auf  beiden  Seiten  vor  sich  gehe,  und  hatte  sich 
gewohnt,  die  Speisen  gar  nicht  mehr  in  das  Bereich  der  rechten 
Backe  zu  bringen.  Oft  forderte  er  ein  sauerliches  Gurgelwasser,  um 
das  Zahnfleisch  fester  zu  machen.  Das  amaurotische  Auge  hatte  ei- 
nen von  dem  gewolmlichen  nicht  sehr  verschiednen  Glanz  und  Urn- 
fang  ; wurde  es  aber  mit  dem  andern  gesunden  Auge  verglichen,  so 
erschien  es  auffallend  truber  und  kleiner.  Die  Pupille  war  beim  stark - 
sten  Lichte  unbeweglich.  Man  konnte  mit  den  Fingern  auf  der  Horn- 
haut  und  Conjunctiva  hin  und  hergleiten,  olme  dass  der  Kranke  es 
fiihlte.  Beim  Kneifen  der  Backe,  der  Stirn  oder  uberhaupt  der  rech- 
ten Gesichtshalfte  ausserte  er  keinen  Schmerz,  jedoch  war  die  Em- 
pfindung  nicht  ganz  erloschen.  Diese  Seite  des  Gesichts  ist  wie  todt, 
pflegte  er  zu  sagen,  allein  ich  unterscheide  es,  oh  man  die  Haut  kneift 
oder  nur  beruhrt.  Ein  Federbart  wurde  mehreremal  in  die  rechte 
Nasenhdhle  eingebracht  und  umgedreht,  oline  alle  Empfindung  da- 
von.  Der  Geruch  war  ungestort,  desgleichen  der  Geschmack:  der 
Kranke  versicherte  in  Belreff  beider  Zungenhalften  keinen  Unter- 


ANASTHESIE  DES  QUINTUS. 


221 


schied  zu  bemerken.  Auch  hatte  die  Sensibilitat  der  Zunge  auf  kei- 
ner  Seite  gelitten,  dagegen  die  Backenschleimhaut  der  rechteu  Seite 
ganz  unempfindlich  war.  Die  Kaumuskeln  der  rechteu  Seite  waren 
gelahmt.  Der  Mund  stand  nach  der  linked  Seite  hin.  Bei  der 
Section  fand  man  das  Insertionsende  des  Quintus  gelb,  weich,  atro- 
phisch,  des  Markes  verlustig.  Das  Ganglion  Gasseri  hatte  an  Yolumen 
betrachtlich  zugenommen  und  war  von  Ansehen  und  Consistenz  der 
Speckgewebe.  Die  Nervenfasern,  die  gewohnlich  vom  Ganglion  zu 
unterscheiden  sind,  waren  ganz  mit  ihm  verschmolzen.  Der  erste 
Ast  des  Quintus  mit  seinen  Zweigen  war  von  rothlicher  Farbe,  wie 
injicirt,  und  adharirte  fest  an  der  sehnigen  Scheide  innerhalb  der  Au- 
genhohle.  Der  ram.  maxillaris  inferior  erscbien  von  normaler  Be- 
schaffenheit  nach  seinem  Austritte  aus  dem  Kieferkanal.  Der  ram. 
maxill.  super,  war  am  starksten  verandert,  verdickt,  ziilie,  steatoma- 
tos  wie  das  Ganglion;  mehrere  seiner  Fasern  hatten  an  Volumen  be- 
trachtlich zugenommen.  Der  rechte  Sehnerv  war  vor  der  Kreutzung 
nur  ein  Yiertel  so  gross'  wie  der  linke,  erweicht,  von  blasser  roth- 
licher Farbe,  schleimiger  Consistenz,  des  Markes  verlustig.  Auch  die 
Retina  war  erweicht,  verdiinnt,  braunlich,  marmorirt.  Ilinter  der 
Kreutzung  war  kein  sichtbarer  Unterschied  zwischen  beiden  Seh- 
nerven. 

Abercrombie  erzahlt  folgenden,  von  seinem  Freunde  Alison 
beobachteten  Fall.  (Pathol,  and  practical  researches  etc.  3 edit,  1836, 
p.  424.J  Der  Kranke  hatte  Anasthesie  in  der  linken  Seite  des  Ge- 
sichts,  in  der  entsprechenden  Nasenhohle  und  im  Auge,  Blutungen 
von  Zeit  zu  Zeit  aus  dem  linken  Nasenloche,  und  Schmerzen,  von 
Fieberbewegungen  begleitet,  in  den  gefuhllosen  Theilen.  Es  stellte 
sich  haufig  Entzi'indung  des  linken  Auges  ein,  mit  Triibung  der  Ilorn- 
haut.  Nach  einigen  Wochen  bildete  sich  ein  Entzundungskreis  urn 
die  Cornea,  die  zu  exulceriren  anfing,  wodurch  die  Augenfeuchtig- 
keiten  ausllossen.  Die  Kiefermuskeln  der  linken  Seite  waren  gelahmt 
und  fiihlten  sich  beim  Kauen  und  Schliessen  der  Kiefer  schlaff  an. 
Die  Bewegung  der  iibrigen  Gesichtsmuskeln  war  ungestort.  Nach 


ANlSTHESIE  DES  QUINTUS. 


009 

Zerstorung  ties  Auges  dauerten  die  paralylisclicn  Zufiille  nocli  uber 
ein  Jalir  fort:  dann  Iraten  heftige  Kopfschmerzen,  Sopor  und  Tod 
ein.  — Bei  der  Leichenoffnung  wurde  ausser  ciner  betrachtlichen 
Erweichung  der  Centraltheile  des  Gehirns  folgendes  gefunden:  der 
Quintus  der  linken  Seite  war  in  der  Niihe  des  Ganglion  Gasseri  von 
iiusserst  dichter  Consistenz.  Hinter  dem  Ganglion  zeigte  er  sich  in 
lioliem  Grade  atrophisch,  und  an  seiner  Vereinigungsstelle  mit  dem 
Pons  Varolii  war  niclits  als  ein  membranoses  Gewebe  sichtbar. 

In  einem  andern  Falle  (l.  c.  p.  42  5J  fand  Verlust  des  Gefiihls  in 
der  linken  Gesichtshalfte  statt.  Dann  trat  Entzundung  und  Schwa- 
rung  des  Augapfels  ein,  und  hierauf  horte  die  Aniisthesie,  nach  halb- 
jahriger  Dauer,  auf.  Der  Kranke  litt  vor  und  nach  diesen  Zuf alien 
an  heftigen  Kopfschmerzen  und  epileptischen  Krampfen. 

4)  Wo  mit  der  Aniisthesie  des  sensibeln  Gebietes  des 
Quintus  die  Energieen  andrer  in  seiner  Niihe  gelegner 
Hirnnerven  b eeintrachtigt  sind,  befindet  sich  an  der 
Basis  cerebri  der  leitungshemmende  ArUass. 

Wir  sind  an  der  letzten  Station  der  peripherischen  Bahn  des  Quin- 
tus angelangt  und  treffen  auch  hier  Criterien,  die  ihre  Erkrankung 
kundthun.  Meistens  wird  der  motorische  Theil  des  Quintus,  die  Por- 
tio  minor,  mit  afficirt,  wovon  eine  masticatorische  Lahinung  in  der 
entsprechenden  Gesichtshalfte  die  Folge  ist.  Die  successive  Theil- 
nahme  andrer  Hirnnerven,  einzelner  oder  mehrerer,  des  Oculomoto- 
rius,  Facialis,  Acusticus  u.  s.  f.  ist  von  der  riiumlichen  Ausbreitung 
des  Anlasses  der  Aniisthesie  abhiingig.  Die  haufigsten  Ursachen  sind 
Geschwiilste,  fungose,  tuberculose  etc.  (Vgl.  Bell  /.  c.  S.  312  — 315) 
und  Extravasate,  blutige  oder  albuminose.  Ein  solches  scheint  in  fol- 
gendem  Falle,,  der  einen  gliicklichen  Ausgang  nahm,  vorhanden  ge- 
wesen  zu  sein. 

Im  Moriat  October  1830  meldete  sich  eine  OOjahrige  Frau  nie- 
dern  Standcs  bei  mir,  welche  acht  Tage  zuvor  wahrend  des  Scheu- 
erns  einer  Stube  bei  olfnem  Fenster,  von  heftigem  Brauscn  im  linken 
Ohrc  und  bald  darauf  von  einer  Geschwulst  in  der  Niihe  des  Olirs 


ANASTHESIE  DES  QUINTUS. 


223 


befallen  wurde,  wclche  nach  24  Stunden  wieder  verging.  Die  Kranke 
hatte  das  Anselien  einer  Hemiplectischen.  Bei  Untersuchung  der  Ge- 
sichtsflache  fand  ich  folgende  Veranderungen : Mund  und  Nasenspitze 
nach  der  recliten  Scite  verzogen,  Ptosis  des  linken  Augenlids,  scldaf- 
fes  Herunterhangen  der  linken  Backe,  Unfahigkeit  mit  der  linken 
Lippenfuge  etwas  zu  fassen  und  zu  lialten,  Ausfliessen  des  Speichels 
an  dieser  Seite,  Ausdruckslosigkeit  der  linken  Gesichtshalfte  beim 
lauten  Sprechen,  Lachen,  Weinen,  womit  die  ungestorte  Regsamkeit 
der  rechten  einen  auffallenden  Contrast  bildete,  Misslingen  des  Ver- 
suchs  die  linken  Gesicbtsmuskeln  durch  Willensimpuls  in  Action  zu 
setzcn,  mit  Ausnahme  des  Masseter  und  Temporalis,  die  sich  beim 
Schliessen  der  Kiefer  und  beim  Kauen  eben  so  tliatig  zeigten  wie  an 
der  rechten  Seite.  Ganzlicher  Mangel  des  Gefiihls  in  der  linken  Ge- 
sichtshalfte,  scbarf  begranzt  von  der  Medianlinie;  Kneifen,  Stechen 
mit  einer  Nadelspitze  wurde  gar  nicht  gefuhlt,  weder  auf  der  aussern 
nocli  inner n Backenfiache.  Die  linke  Nasenhohle  war  unempfmdlich 
gegen  Kitzeln  und  Reiben  mit  einem  gekerbten  Federbarte,  gegen 
Vorhalten  von  Salmiakgeist.  Die  linke  Zungenhalfte  war  ohne  Ge- 
fiihl  und  ohne  Geschmack.  Das  linke  Auge  amblyopisch,  so  dass  alle 
Gegenstiinde  wie  in  dichtem  Nebel  erschienen,  die  Pupillc  erweitert 
und  unbeweglich,  die  Oberllache  des  Auges  empfindlich  gegen  Be- 
riihrung.  Das  linke  Ohr  war  im  Besitze  des  Gehors,  doch  von  hef- 
tigen  Schmerzen  befallen,  welche  aufwiirts  nach  Stirn  und  Schlafe 
sich  verbreiteten.  Die  Bewegungen  der  Zunge  und  der  Rumpfglieder 
gingen  ungestort  von  statten.  — Blutenlleerungen  hinter  dem  Ohre 
und  purgirende  Salze  mit  kleinen  Dosen  Tartar,  emet.  wurden  in 
den  ersten  Tagen  der  Kur  angewandt.  Dann  liess  ich  ein  Vesicato- 
rium  zwischen  Warzenfortsatz  und  Kiefcrwinkcl  legen  und  seclis 
Wochen  hindurch  unterhalten.  Schon  nach  vierzehn  Tagen  zeigte 
sich  der  Anfang  der  Besserung,  zucrst  im  Sehvermogen  des  linken 
Auges,  dann  in  der  Beweglichkeit  des  Mundwinkels,  wodurch  die 
Kranke  wieder  in  Stand  gesetzt  wurde,  den  Spcichel  im  Munde  zu 
halteri  und  mit  einiger  Kraft  auszuwerfen,  hierauf  in  der  Fahigkcit 


m 


ANASTHESIE  DES  QUINTUS. 


das  obre  Augenlid  etwas  in  die  Ilohe  zu  lieben,  am  spatesten  in  der 
Wiederkehr  des  Gefuhls,  sovvohl  auf  der  Aussenflache,  und  zwar  von 
der  Peripherie  nach  dem  Centrum  bin,  als  auf  der  innern  der  Nasen- 
und  Mundhohle.  Zuletzt  verschwand  der  Schmerz  im  Ohre,  unter 
Hinzutritt  von  Fieberbewegungen  und  kritischen  Schweissen.  In  der 
Mitte  Dezembers  stellte  sich  mir  die  Kranke  als  genesen  vor.  Die 
Beweglichkeit  der  linken  Gesichtshalfte  und  mit  ihr  die  Ausdrucks- 
fahigkeit  waren  wieder  hergestellt,  desgleichen  das  Hautgefuhl,  mit 
Ausnahme  zweier  kleiner  Stellen  an  der  Nasenspitze  und  am  Kinne. 

II.  Central e Anasthesie  des  Quintus. 

Das  physiologische  Criterium  ist : Norm  der  Leitung  in  gekreutz- 
ter  Richtung. 

Das  diagnostische  Criterium:  Gleichzeitige  Theilnahme  andrer  Ner- 
ven,  sowohl  sensibler  als  motorischer,  des  Gesichtes  und  des  Rumpfes, 
an  der  Leitungsunfahigkeit. 

Ich  habe  in  Muller’s  Archiv  fur  Anatomie,  Pbysiologie  und  vvis- 
senschaftliche  Medicin  (Jahrg.  1838,  S.  313)  auf  diese  Anasthesie 
als  Begleiterin  frischer  Iiamorrhagieen  des  Gehirnes  aufmerksam  ge- 
macht.  Sie  befalll  den  dritten  Ast  des  Quintus  in  der  dem  Sitze  des 
Extravasats  entgegengesetzten  Gesichtshalfte : die  halbe  Seite  des  Kin- 
nes  und  der  Unterlippe,  auf  ihrer  aussern  und  innern  Fkiche,  der  in- 
nere  Theil  der  Ohrmuschel,  die  Haut  der  Schlafe  und  die  Halfte  der 
Zunge  sind  ihres  Gefiihles  verlustig.  Iliermit  fand  ich  in  den  bisher 
beobachteten  Fallen  Lahmung  der  Portio  minor  des  Quintus  verbun- 
den.  Der  Kranke  leidet  an  masticatorischer  Gesichtslahmung  und 
vermag  nur  mit  den  Muskeln  der  andern  Seite  des  Gesichls  zu  kauen. 
Gleichzeitig  nehmen  der  n.  facialis,  gewohnlich  nur  theilvveise,  in 
seinen  Fasern  des  Nasendi'igels  und  der  Oberlippe,  der  Ilypoglossus 
und  die  Nerven  der  Rumpfglieder  Theil,  so  class  die  Krankheit  sich 
als  Iiemiplegie,  mehr  oder  minder  vollstandig,  darstellt. 

Die  Norm  der  Leitung  in  gekreutzter  Richtung  findet  nicht  statt, 
wenn  der  Sitz  der  Ursache,  z.  B.  einer  Geschwulst  in  den  Central- 
gebilden,  von  der  Art  ist,  dass  die  Insertionsstatte  des  Quintus  bethei- 


ANASTHESIE  DES  QUINTUS. 


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ligt  wird,  z.  B,  in  folgendem  von  Abercrombie  (l.  c.  p.  425j  an- 
gefiihrten  Beispiele.  Ein  Kranker  war  von  Ilemiplegie  der  linken 
Seite  befallen,  ohne  Verlust  des  Gefiihls  im  Arm  und  Bein,  wahrend 
in  der  linken  Gesichtskalfte  sowohl  Empfindung  als  Bewegung  auf- 
gehoben  waren.  Audi  die  linke  Halite  der  Zunge  war  des  Gefiihls 
beraubt,  bei  Integrilat  der  Bewegung.  Die  Schleimhaut  des  linken 
Nasenloches  hatte  bestandig  eine  dunkelrothe  Farbe,  und  oft  fanden 
Blutausfliisse  aus  demselben  statt  Die  Conjunctiva  des  linken  Auges 
injicirte  sicli  stark : darauf  entstand  Trubung  und  Ulceration  der  Horn- 
haut,  und  zuletzt  ganzliche  Desorganisation  des  Auges.  Der  Ivranke 
litt  oft  an  Erysipelas  der  gelahmten  Gesichtshalfte.  Das  linke  Ohr 
war  taub.  Kopfschmerzen  waren  geraume  Zeit  vorangegangen.  Der 
Tod  erfolgte  zwei  Monate  nach  Beginn  der  paralytischen  Symptome. 
Bei  der  Section  fand  sich  eine  Geschwulst  in  der  linken  Halfte  der 
Varolsbriicke  vor,  welche  das  abtretende  fiinfte  und  siebente  Nerven- 
paar  gegen  den  Sckiidel  driickte.  Die  Geschwulst  war  von  der  Grosse 
einer  Wallnuss,  von  fester  Consistenz  und  brauner  Farbe,  und  er- 
streckte  sich  in  das  linke  Crus  cerebelli.  - 


Auf  ahnliche  Weise  wie  am  Quintus  miissen  die  Erscheinungen 
im  Gebiete  andrer  Hautnerven  fur  das  Studium  der  Anasthesie  auf- 
gefasst  werden,  mit  steter  Riicksicht  auf  ihren  peripherischen  und 
centralen  Ursprung.  Auch  bei  den  altern  Autoren  wird  man  instruc- 
tive Beispiele  finden;  um  nur  eins  anzufiihren,  in  Morgagni’s 
W erke  de  sedib.  et  cans,  morbor.  epist.  L.  arlic.  1 1 , wo  durch  ein  gro- 
sses Aneurysma  der  Art.  crural,  der  Nerv.  ischiadic,  dergestalt  erodirt 
war,  dass  bloss  mittelst  ein  Paar  Fasern  das  obre  Stuck  mit  dem 
untern  zusammcnhing.  Das  ganze  Bein  war  der  Bewegung  und  Em- 
pfindung  verlustig,  mit  Ausnahme  der  Geschwulst  und  des  innern 
Knochels,  wo  die  heftigsten  Schmerzen  tobten  (wovon  der  Grund  wobl 
darin  zu  suchen  ist,  dass  der  n.  cruralis,  der  dorthin  cutane  Fasern 
verbreitet,  gereitzt  wurde.)  - 

KJ-O-M 


Ronibersj’s  Ncrvenkrankli.  I. 


15 


£.  Gattiing. 


Anasthesie  der  Muskelnerven. 

Den  sensibeln  Muskelnerven  kommt,  wie  (S.  85  u.  88)  nachgewie- 
sen  worden,  sowohl  die  Leitung  des  gewohnlichen  Gefuhls  zu,  als  der 
eigenthiimlichen  Empfindung  von  dem  Zustande  der  Muskeln,  von 
ihrer  Bewegung  oder  Ruhe.  Demgemass  driickt  sich  der  pathische 
Zustand  aus,  wie  in  den  Hyperiisthesieen  so  auch  in  den  Aniisthesieen. 

Die  Sensibilitat  des  Muskels  wird  zuweilen  aufgehoben.  Yelloly 
hat  einen  Fall  von  Anasthesie  beschrieben,  (Medico-cliirurg.  transact, 
vol.  Ill,  p.dOJ  wo  eine  Staarnadel  tief  in  den  Ballen  des  Daumens 
eingestochen  werden  kounte,  so  dass  sie  durch  die  Muskeln  hindurch 
bis  auf  den  Knochen  drang,  ohne  dass  der  Kranke  die  geringste  Em- 
pfindung davon  hatte. 

Yerlust  des  specifischen  Muskelgefuhls,  die  Kehrseite 
des  Schwindels,  als  dessen  Grundzug  Empfindung  von  Scheinbewe- 
gung  aufgestellt  worden,  kommt  entweder  in  Verbindung  mit  Anae- 
sthesia cutanea  oder  isolirt  fur  sich  vor.  Yon  ersterem  erzaldt  Bell  ein 
Paar  Beispiele.  (Physiol,  u.  pathol.  Enters,  des  Nervens.  S.  189.)  Eine 
Kranke  hatte  durch  eine  Geschwulst,  welche  die  Nerven  innerhalb 
der  Augenhohle  comprimirte,  das  Gefiibl  im  Auge  und  in  den  Au- 
genlidern  verloren,  dagegen  die  Bewegung  der  letzteren  frei  behal- 
ten,  weil  die  sie  vermitlelnden  Fasern  des  n.  facialis  vom  Drucke 
nicht  gelitten  batten.  Die  Kranke  war  nicht  im  Slande  zu  sagcn,  oh 
ihr  Augenlid  geofihet  oder  geschlossen  sei,  allein  auf  Ycrlangen  das 


V 


MUSKELANASTHESIE.  227 

Auge  zu  schliessen,  das  bereits  geschlossen  war,  agirte  sie  mit  dem 
Orbicularmuskel  und  kniff  die  Augenlider  zusammen.  Bei  einer  an- 
dern  Ivranken  zeigt  sich  nach  der  Entbindung  eine  Abnahme  der 
Sensibilitat  an  einer  Seite  des  Korpers,  ohne  entsprechende  Schwache 
der  Motilitiit,  so  dass  sie  ihr  Kind  auf  dem  Arm  dieser  Seite  so  lange 
halten  kann,  als  ihre  Aufmerksamkeit  darauf  gerichtet  ist,  allein  so- 
bald  diese  von  dem  Zustande  des  Armes  abgelenkt  wird,  erschlaffen 
allmahlig  die  Beugemuskeln,  und  man  muss  befurchten,  dass  sie  das 
Kind  fallen  lasst.  Die  Brustwarze  nimmt  ebenfalls  an  der  Anasthesie 
Theii,  obgleieh  die  Milchabsondrung  nicht  schwiicher  ist  als  in  der 
andern.  Das  Anschwellen  derselben  ist  ihr  nicht  schmerzhaft.  Sie 
sieht  das  Kind  saugen  und  schlucken,  allein  durch  das  Gefiihl  wird 
sie  sich  dessen  nicht  bewusst,  was  ganz  deutlich  in  der  gesunden 
Brust  der  Fall  ist.  Auf  der  andern  Seite  ist  das  Bewegungsvermogen 
geschwacht,  bei  ungestorter  Sensibilitat.  Der  Arm  ist  ausser  Stande, 
das  Kind  zu  tragen,  der  Griff  der  Hand  ist  kraftlos,  das  Bein  kann 
nur  mit  Miihe  in  Bewegung  gesetzt  werden,  und  schleppt  beim  Ge- 
hen  nach.  Die  Sensibilitat  dieser  Seite  ist  nicht  nur  ungeschwacht, 
sondern  die  Kranke  klagt  anhaltend  liber  ein  Gefiihl  von  Hitze,  fiber 
ein  schmerzhaftes  Ziehen  und  fiber  eine  ungewohnliche  Empfindlich- 
keit  derselben  gegen  iiussern  Druck  und  leichte  mechanische  Ver- 
letzungen.  - 

Fasst  man  nur  dergleichen  Falle  in’s  Auge,  so  diirfte  man  leicht 
geneigt  sein,  der  Hautaniisthesie  den  Verlust  des  Muskelgefiihls  bei— 
zumessen : allein  schon  bei  gesunder  Beschaffenheit  zeigt  sich  nach 
Weber’s  Untersuchungen  (de  pulsu,  resorplionc,  audilu  et  tactu  p. 
S9)  ein  erheblicher  Unterschied  in  der  Empfindung  des  Gewichts 
der  Korper,  je  nachdem  man  dasselbe  lediglich  mittelst  des  Gefiihls 
lx;urtheilt  oder  indem  man  zugleich  die  Gewichte  und  Glieder,  wo- 
rauf  sie  ruhen,  bewegt  und  in  die  Hohe  liebt.  Schwerere  Gewichte 
werden  im  ersteren  Falle  nicht  genau  von  leichteren  unterschieden : 
— Ohs ervationibus  illis  probatur,  mensionem p onderum 
solo  taclu  factam  plus  quam  duplo  subtiliorem  reddi, 

15* 


228  MUSKELANASTHESK. 

si  ad  earn  p erficiendam  simul  cocnaesthe sis  musculorum 
adhibeatur.  In  krankhafteri  Zustiinden  tritt  die  Sonderung  des 
Hautgefiihls  von  dem  Muskelgefiihle  deutlicher  hervor.  So  konnte  in 
einera  von  Ollivier  (Traile  des  maladies  de  la  moelle  epin.  3.  ed. 
T.  1,  p.  oOOj  angefiihrten  Falle  der  Kranke,  dessen  ganze  rechte 
Seite  nach  einer  Commotion  das  llautgefuhl  eingebiisst  hatte,  mit 
der  rechlen  Hand  das  Gewicht  der  Korper  gehorig  bestimmen,  und 
der  von  Marcet  beobachtete  Arzt  mit  Anaesthesia  cutanea  der 
rechten  Seite  war  im  Stande  vollkommen  gut  den  Puls  eines  Patien- 
ten  mit  den  Fingern  der  rechten  Hand  zu  fiihlen  und  seine  Fre- 
quenz  und  Starke  zu  beurtheiien,  obgleich  er  zur  Untersuchung  der 
Hautwarme  die  linke  Hand  zu  Hiilfe  nehmen  musste. 

Isolirt,  ohne  Yerlust  des  Hautgefiihls,  zeigt  sich  die  Anaesthesia 
muscularis,  nach  meiner  Beobachtung,  als  stete  Begleiterin  der  Tabes 
dorsualis.  Ein  einfaches  diagnostisches  Experiment  giebt  davon  die 
Ueberzeugung.  Man  lasst  den  Kranken  in  aufrechter  Stellung  die 
Augen  schliessen:  sofort  tritt  ein  Schwanken  des  Korpers  ein,  und 
nimmt  dergestalt  zu,  dass  derselbe,  wenn  man  ihn  nicht  halt,  um- 
sinkt.  Auch  bei  gestiitztem  Rumpfe,  beim  Sitzen  und  Anlehnen  an 
den  Riicken  eines  Stuhls  ist  bei  geschlossnen  Augen  des  Kranken 
diese  Erscheinung  in  demselben  Grade  bemerkbar,  bis  zum  Herab- 
gleiten  vom  Stuble.  Schon  von  Anfang  an  macht  sich  in  der  Tabes 
dorsualis  mit  Abnahme  der  Production  motorischer  Kraft  diese  Ana- 
stbesie  geltend,  wird  im  weiteren  Yerlaufe  der  Krankheit  am  bemerk- 
barsten,  und  lasst  sich  nur  gegen  Ende,  wo  die  Muskelscliwache  der 
Lahmung  nahe  kommt,  nicht  mehr  unlerscbeiden.  Die  Augen  sind 
bei  diesen  Kranken  die  Regulatoren,  gleichsam  die  Fublfaden  der 
Bewegung,  dalier  im  Finstern,  und  wenn  spater,  was  nicht  selten 
geschieht,  Amaurose  hinzutritt,  die  Unbehulflichkeit  auf’s  Aeusserste 
steigt.  Dabei  bleibt  die  Ilaut,  mit  Ausnahme  des  letzten  Stadiums, 
cmpfmdlich,  so  dass  die  Klagen  der  Kranken,  als  befiinde  sich  beim 
Gehen  oder  Stehen  zwischen  der  Sohle  und  dem  Fussboden  ein  das 
Gefuhl  dampfender  Korper,  z.  B.  eine  Schicht  Wolle,  ebenfalls  auf 


MUSKEL  ANlSTHESIE. 


229 


die  Abnahme  des  Muskelgefuhls  bezogen  werden  miissen.  Aehnliche 
Ersckeinungen  zeigen  sich,  wenn  auch  seltner,  an  den  obern  Extre- 
mitaten,  und  Bell  erzahlt  von  einem  seiner  Kranken,  dass  er  es  deut- 
lich  fuhlte,  wenn  man  die  Finger  seiner  rechten  Hand  beruhrte,  al- 
lein  schloss  man  sie,  wahrend  man  ihn  die  Augen  abwenden  liess,  so 
hatte  er  kein  Bewusstsein  von  ihrer  Stellung,  so  dass  er  bei  der  Ex- 
tension aussagte,  sie  waren  gebogen. 

Wir  lernen  in  der  Muskelanasthesie  einen  Grund  fur  den  Fall  des 
Korpers  kennen,  und  es  diirfte  nicht  ohne  Interesse  sein,  auch  die 
andern  Anlasse  dieser  Erscheinung  in  Nervenkrankheiten  zu  erwah- 
nen.  Ich  unterscheide  das  paralytische  Fallen,  das  convulsivische,  und 
das  Fallen  durch  Yerlust  des  Gleichgewichts-  und  Muskelgefuhls. 
Bei  dem  ersteren  sinkt  der  Mensch  nach  der  Seite  um,  wo  der  Wi- 
derstand  aufgehoben  ist,  z.  B.  in  der  Hemiplegie  nach  der  gelahmten 
Seite.  Bei  dem  zweiten  stiirzt  er  dorthin,  wo  der  motorische  Impuls 
hintreibt,  sei  es  nach  vorn  oder  hinten,  oder  nach  einer  Seite,  wie  in 
der  Epilepsie:  bei  beiden  ist  zugleich  die  Richtung  des  Falles  nach 
einer  Seite  ein  diagnostisches  Criterium  fur  den  Sitz  der  Krankheit 
in  der  entgegengesetzten  Hemisphere  des  Gehirns.  Endlich,  wo  die 
Empfmdung  des  Gleichgewichts  und  iiberhaupt  des  Muskelzustan- 
des  aufgehoben  istr  erfolgt  das  Hinfallen  nur  nach  dem  Gesetze  der 
Schwere. 


i 


3.  Gattung. 


Aniisthesieen  des  Nervus  Vagus. 


Je  nachdem  die  respiratorische  oder  die  gastrische  Bahn  des  Vagus 
Sitz  der  Anasthesie  ist,  giebt  sich  eine  Verschiedenheit  der  Symptome 
kund. 


Die  respiratorischeAnasthesie  charakterisirt  sich  durch  Un- 
empfindlichkeit  der  Luftrohre  und  durch  Mangel  des  Athemtriebes.  Die 
Folge  und  der  Maassstab  fur  beide  ist  Abnahme  der  respiratorischen 
Reflexbewegungen. 

In  der  asphyctischen  Form  der  asiatischen  Cholera  habe  ich  zuerst 
die  Unempfindlichkeit  der  Luftrohre  beobachtet,  als  ich  durch  den 
Mangel  des  Hustens  bei  fast  alien  diesen  Kranken  aufmerksam  ge- 
macht  einen  Versuch  anstellte,  den  Husten  durch  scharfe  Dampfe 
hervorzubringen.  Sie  athmeten  jedoch  die  Dampfe  des  Acidum  ben - 
zoicurn  ohne  alle  Empfindung  und  ohne  Hiisteln  ein,  wahrend  es  die 
Umstehenden  wegen  unangenehmen  Gefiihls  und  steten  Reitzes  zum 
Husten  nur  wenige  Augenblicke  aushalten  konnten.  (Vgl.  meine  Be- 
merkungen  iiber  die  asialische  Cholera,  in  Hufeland’s  Journ.  der 
pract. Heilk. Februarheft  1832.)  Auch  in  der  letzten  Epidemie (1 837) 
habe  ich  den  Versuch  bei  mehreren  Kranken  mit  demselben  Resul- 
tate  wiederholt.  Ob  die  in  den  Lungen  stockende  Blutbewegung  und 
Oxydation  hieran  Antheil  hat,  lasse  ich  dahingestellt  sein jedenfalls 
bietet  dicse  Anasthesie  eine  interessante  Parallele  mit  der  Klanglosig- 


ANASTHESIEEN  des  vagus. 


231 


keit  der  Stimme  (vox  cholerica)  dar,  und  in  vorkommenden  Fallen 
von  Aphonie  durl'te  die  Priifung  auf  Unempfmdlichkeit  der  Luftrohre 
nicht  vernachlassigt  werden.  — Die  centrale  Aniisthesie  des  Lun- 
gen-Yagus  wird  in  Krankheiten  des  Gehirns,  apoplectischen  u.  a., 
dfters  beobachtet,  daher  die  Gefahr  beim  Aufhoren  des  Hustens  in 
bestehenden  Lungenaffectionen. 

Ausser  der  gewohnlichen  Sensibilitat,  die  auch  zum  Schutze  des 
Eingangs  der  Luftwege  dient,  kommt  dem  Vagus  auf  der  respiratori- 
schen  Fliiche  noch  eine  specifische  zu:  die  Empfindung  des 
Athembediirfnisses.  (Vgl.  S.  107.)  Wird  diese  in  ihrer  Leitung 
und  Perception  unterbrochen,  so  kann  Luftmangel  ohne  Athemtrieb 
stattfinden,  wovon  folgendes  Beispiel  zur  Erlauterung  dienen  mag. 

Am  10.  Mai  1837  wurde  ich  zu  Otto  H.,  einem  zweijahrigen 
Kinde,  gerufen,  welches  nachAussage  seiner  Eltern  seit  einigenWo- 
chen  an  Husten  und  rasselndem  Athem  gelitten  haben  soli.  In  den 
letzten  acht  Tagen  wurde  von  Zeit  zu  Zeit  ein  eigner  krahender  Ton 
horbar,  und  ein  hinzugerufener  Praktiker  hatte  in  der  Yoraussetzung 
von  Croup  Blutegel  und  Calomel  verordnet.  Ich  fand  das  Kind  mit 
bleichen  Wangen  und  kiihler  Temperatur  im  Bette  liegend,  von  ras- 
selndem Athem  und  Luftmangel  befallen,  ohne  dass  sich  im  Gesicht 
der  Ausdruck  der  Angst  kundgab,  in  kurzen  Ansatzen,  mit  feinem 
krahendem  Tone  hustend,  und  fieberlos.  Ein  Druck  auf  Kehlkopf  und 
Luftrohre  vermehrte  zwar  den  Luftmangel,  hatte  aber  keinen  ver- 
starkten  Husten  zur  Folge.  Percussion  und  Auscultation  ergaben 
nichts  Abnormes.  Die  aufrechte  Haltung  des  Kopfes  und  Halses 
wurde  ohne  Beschwerde  ertragen.  Das  Bewusstsein  war  frei,  die 
Schlingfahigkeit  ungestort.  Die  Frage,  ob  mit  dem  Husten  ein  hiiu- 
tiger  oder  eitriger  Ausw-urf  erfolge,  wurde  verneint.  Auch  hatte  man 
keine  Neigung  zum  Hinteniiberhiegen  des  Kopfes  bemerkt,  so  wie 
ich  selbst  weder  in  den  Nasenflugeln,  noch  in  den  Sternoclcidomastoi- 
dei,  noch  im  Zwerchfell  irgend  eine  verstarkle  Action  wahrnahm. 

Ich  hatte  den  letzten  Abschnitt  einer  wichtigen  Krankheit  vor  mir, 
dcren  Deutung  urn  so  sclnvieriger  war,  weil  ich  nicht  Zeuge  ihrer 


232 


anAsthesieen  des  vagus. 


Entwicklung  gewesen.  Am  meisten  fiel  rnir  der  Widerspruch  auf 
zwischen  Lultmangel  und  fehlendem  Gefuhle  des  Luitmangels,  womit 
die  Abwesenheit  aufgeregter  Action  in  den  inspiratorischen  Muskeln 
ubereinstimmte.  Aehnliches  hatte  ich  niemals  zuvor  bei  Croup,  Bron- 
chitis oder  Herzkrankheiten  beobachlet,  so  lange  des  Kranken  Fa- 
higkeit  zur  Empfindung  noch  vorhanden  war.  Ja,  im  Croup  erscheint 
mir  stets  als  wesentlicher  Zug  die  aufgeregte  Action  sammtlicher  in- 
spiratorischer  Muskeln,  und  aus  den  gewaltsamen  Bewegungen  der  Na- 
senflugel  entnehme  ich  ein  zuverlassigeres  Criterium  als  aus  den  To- 
nen  desllustens.  In  diesemFalle  fehlten  die  sturmischen  Bewegungen 
der  Nasenflugel,  der  Sternocleidomastoidei,  des  Diapbragma,  es  fehlte, 
bei  freiem  Bewusstsein,  auch  der  Gesichtsausdruck  empfundner  Be- 
klemmung,  und  dennoch  waren  die  Merkmale  eines  gestorten  Ein- 
trittes  der  Luft  unverkennbar.  Von  der  Section  erwartete  ich  Auf- 
schluss,  und  sie  gab  ihn  mir.  Unter  steigendem  Lultmangel  und  lau- 
terem  Rasseln  des  Athmens  erfolgte  24  Stunden,  nachdem  ich  das 
Kind  gesehen,  der  Tod. 

Kehlkopf  und  Luftrohre  zeigten  keine  Spur  von  Injection  oder 
Exsudat:  die  Schleimhaut  hatte  ein  blasses  Ansehen.  In  den  Bron- 
chien,  deren  Stiimme  und  Aeste  in  die  Lungen  hinein  verfolgt  wur- 
den,  war  serose  schaumige  Fliissigkeit  in  massiger  Quantitat  vorhan- 
den.  Die  Lungen  enthielten  mehr  davon  und  von  rothlicher  Farbe. 
Auf  beiden  Seiten  war  der  Vagus  in  seinem  Laufe  am  liaise  derge- 
stalt  von  angeschwollnen,  mit  Tuberkelstoff  und  Eiter  impriignirten 
Saugaderdrusen  (Gltmdulae  concalenatae  s.  jugulares)  umgurtet  und 
comprimirt,  dass  er  an  einigen  Stellen  sichtbarlich  abgeplattet  war. 
Einzelne  unter  diesen  Driisen  batten  den  Umfang  kleiner  Kirschen. 

Nur  bei  gehemmter  Leitungsfahigkeit  beider  Vagi  liort  die  Em- 
pfindung des  respiratorischen  Bedurfnisses,  der  Athmungstrieb,  auf: 
denn  die  Unterbrechung  auf  einer  Seite  hat  vielmehr  Anfiille  von 
Beklcmmung  und  Asthma  zur  Folge,  wovon  das  N a here  in  der  Lehre 
der  Motilitiit-Neuroscn. 

Diese  pathologischen  Beobachtungcn,  deren  Zalil  bei  gescharfter 


anAsthesieen  des  vagus. 


233 


Aufmerksamkeit  auf  den  Gegenstand  zunehmen  wird,  bieten  eine 

Uebereinslimmung  mit  den  Expcrimenten  an  lebenden  Thieren  dar, 

welclie  von  Brae  bet,  Astley  Cooper  und  in  neuester  Zeit  mit 

grosser  Genauigkeit  von  Arnold  angestellt  worden  sind.  Brachet 

fand  nach  Durchschneidung  beider  Vagi,  nachdem  die  Tracheotomie 

zuvor  gemacht  worden,  die  Luftrohre  eines  Hundes  in  einem  solchen 

Grade  unempfindlich,  dass  die  Beruhrung  fremder  Korper,  selbst  eini— 

.ger  Tropfen  Salzsaure,  ohne  alle  Beschwerde  ertragen  wurde.  Yon 

noch  grosserem  Interesse  ist  folgender  Yersuch,  wofern  er  sich  bei 

der  Wiederholung  bestatigt.  Bringt  man  einen  jungen  Hund  unter 

eine  mit  atmospharischer  Luft  gefullte  Pumpe,  so  athmet  er  anfangs 

leicht,  bald  darauf  schneller  und  sehwerer : er  hebt  den  Kopf  in  die 

Hohe,  sperrt  Nasenlocher  und  Maul  weit  auf,  immer  muhsamer  wird 

der  Kampf,  und  der  Tod  erfolgt  asphyctisch.  Schneidet  man  dagegen 

ibeide  Vagi  durch,  macht  die  Tracheotomie,  und  setzt  den  Hund  unter 

(die  Luftpumpe,  so  athmet  er  eben  so  frei,  als  ware  er  nicht  gesperrt, 

lund  stirbt  nach  lJ2  — 3/4  Stunden  ohne  alien  Kampf.  Dasselbe  findet 

ibeim  Einathmen  des  Azots  statt,  nur  dass  der  Tod  schneller,  schon 

ibinnen  einigen  Minuten,  erfolgt.  ( Brachet , recherches  experimentales 

>sur  les  fonctions  du  systeme  nerveux  ganglionaire.  p.  157.)  Nach 

Astley  Cooper  ( Some  experiments  and  observations  on  tying  the 

c carotid  and  vertebral  arteries , and  the  pneumo gastric,  phrenic  et 

s sympathetic  nerves  in  Guys  Hospital  reports  vol.  I.  p.  457)  nimmt 

( die  Zahl  der  Athemziige  nach  Unterbindung  beider  Vagi  betracht- 

ilich  ab,  von  135  Ziigen  auf  48.  Arnold  bat  dies  bestatigt  und 

i nimmt  an,  dass  in  Folge  davon  die  Bildung  des  Blutes  leidet,  die  Warme 

des  Korpers  sich  vermindert,  das  Blut  in  dem  Herzen,  den  Lungen 

# 

und  in  den  grossern  Gefassen  sich  anhauft,  die  Herzcontractionen 
'^rlahmen,  und  allmahlig  der  Tod  der  Suffocation  eintritt.  (Bemer- 
kkungen  uber  den  Bau  des  Ilirns  und  Riickenmarks  etc.  S.  1G7.) 

Analoge  Erscheinungen  zeigen  sich  bei  Aniisthesie  des  gastri- 
ichen  Vagus.  Es  wird  sowohl  die  Sensibilitat  des  Magens  als  das 
mit  dem  Nahrungstriebe  verbundne  Gefuhl  beeintraebtigt;  die 


234 


ANAS TI1ESIEEN  DES  VAGUS. 


\ 


Empfindung  von  Anfiillung  des  Magens  durch  genossne  Speisen,  das 
Gefuhl  von  Sattigung  geht  verloren.  Nicht  bloss  Thiere  sah  man  nach 
Durchsclmeidung  des  Vagus  ihren  Magen  dergestalt  mit  Nahrungs- 
stoffen  ausdehnen,  dass  fast  die  ganze  Bauchhdhle  davon  angefiillt 
wurde  (Le  Gallo  is,  experiences  sur  le  principe  de  la  vie.  Paris 
1812.  p.  215),  auch  beim  Menschen  hatte  man  in  einem  Falle  von 
Atrophie  und  Desorganisation  beider  pneumogastrischen  Nerven  Ge- 
legenheit  nebst  andern  charakteristischen  Merkmalen  eine  solche 
scheinbare  Gefrassigkeit  zu  beobachten.  Der  Kranke  mochte  noch  so 
viel  Speise  zu  sich  nehmen,  er  fiihlte  niemals  ein  Vollsein  des  Ma- 
gens, und  bis  zum  letzten  Augenblicke  blieb  der  Magen  in  demselben 
Zustande  von  Unbefriedigtsein  und  Empfindungslosigkeit.  ( Swan 
a treatise  on  diseases  and  injuries  of  the  nerves,  new  edit.  London 
1834.  p.\7 0.) 


-c r 


4.  Gattuiig. 


Anasthesieen  der  Sinnesnerven. 

I. 

Anaeatliesla  optica. 

Amaurosis,  schwarzer  Staar. 


Experimentelles.  Die  Durchschneidung  des  Sehnerven  ist  am 
llebenden  Thiere  schmerzlos  und  hat  vollkommne  Blindheit  zurFoIge. 
IDie  Pupille,  die  wahrend  des  Durchschneidens  sich  zusammenzieht, 
eerweitert  sich  hald  darauf.  Niemals  stellt  sich,  wenn  auch  das  Leben 
langre  Zeit  erhalten  wird,  das  Sehvermogen  wieder  her.  ( Valentin , 
(de  function,  nerv.  cerebr.  etc.  p.  12.) 

Die  Wegnahme  einer  Hemisphare  des  grossen  Gehirns  bewirkt 
i Blindheit  des  Auges  der  entgegengesetzten  Seite,  die  Wegnahme 
ibeider  Hemispharen  Blindheit  beider  Augen.  (Flour ens.)  Nach 
'Magen die’s  Versuchen,  die  von  einigen  widersprochen,  jedenfalls 
iaoch  der  Bestatigung  bediirfen,  verliert  auch,  nach  Durchschneidung 
( les  Quintus  in  der  Schadelhohle,  das  Auge  der  Seite,  auf  welcher 
•der  Versuch  angestellt  worden,  das  Sehvermogen.  Diese  Blindheit 
sioll  sich  von  der  des  Sehnerven  dadurch  unterscheiden,  dass  beim 
lEinfallen  der  Sonnenstrahlen  in  die  Pupille  die  Augenlider  sich  schlie- 
hsen,  was  nach  Durchschneidung  des  Opticus  niemals  der  Fall  ist. 
Mag endic,  lemons  sur  les  fonctions  et  les  maladies  du  systeme  ner- 
)eux.  T.  II.  p.  38,  254  u.  a.  St.) 


236 


ANASTHESIE  des  seiinekven. 


Abnahme  und  Verlust  des  Sehvermogens  durch  Anasthesie  des 
Sehnervengebildes  ist  der  BegrifF  der  Amaurose. 

Der  Mensch  sieht  bei  hellem  Lichte  die  Gegenstande  undeutlich, 
wie  in  Schatten  oder  Nebel  gehiillt,  und  kann  weder  durch  Anstren- 
gung  noch  durch  Hiilfe  kiinstlicher  Mittel  zu  einer  grossern  Deut- 
lichkeit  gelangen.  Die  Umrisse  der  Gegenstande  erscheinen  nicht 
bloss  undeutlich,  auch  unterbrochen  und  dadurch  verunstaltet.  Die 
Flamme  des  Kerzenlichts  ist  wie  zerrissen;  es  fehlen  beim  Lesen  ein- 
zelne  Silben,  Worte  oder  Zeilen,  und  der  Kranke  muss  sie  mit  dem 
Auge,  durch  Bewegungen  und  Stellungen  des  ganzen  Korpers  nach- 
suchen.  Zuweilen  wird  bloss  die  obre  oder  untre,  die  rechte  oder 
linke  Halfte,  die  Peripherie  oder  Mitte  des  Gegenstandes  gesehen ; 
zuweilen  ist  der  Verlust  des  Sehvermogens  noch  partieller,  beschrankt 
auf  eine  oder  mehrere  Stellen  von  geringem  Umfange  und  verschie- 
den  gestalteten  Conturen.  Die  Beispiele  kommen  auch  vor,  wo  der 
Gegenstand  nur  dann  erblickt  wird,  wenn  er  sich  in  einer  bestimmten 
Richtung  zu  dem  Auge  befindet,  und  bei  der  geringsten  Bewegung 
des  Auges  oder  Kopfes  sofort  verschwindet.  Die  Fahigkeit  Farben  zu 
unterscheiden  geht  nicht  selten  verloren. 

Auf  dieser  Stufe  wird  die  Krankheit  Amblyopia  genannt.  Er- 
lischt  die  Sehempfindung  ganz,  so  wird  ihr  der  Name  Amaurosis 
zu  Theil. 

Dem  Eintritte  der  Amaurose  gehen  haufig  Phanomene  der  opti- 
schen  Hyperasthesie  voraus,  ( Photopsia , Chromopsia)  welche  auch  in 
vielen  Fallen  die  schon  entwickelte  Krankheit  begleiten.  (Vgl.  den 
von  Johnson  beobachteten  Fall  S.  112.) 

Mit  diesen  Merkmalen  der  Anasthesie  des  Sehnerven  verbinden 
sich  Erscheinungen,  die  von  der  Theilnahme  andrer  in  und  am  Auge 
befmdlichen  Nerven  abhangig  sind.  Dahin  gehort  die  gestorte  Be- 
weglichkeit  und  Configuration  des  freien  Irisrandes.  Die  Pupille  is! 
slarr  oder  mehr  oder  minder  beweglich,  verengt  oder  erweiterl, 
rund  oder  winklig,  eekig,  verzogen,  in  horizontaler  oder  senkrechter 
Stellung.  Der  Stand  des  Augapfels  weicht  von  der  Sehaxe  ab,  last 


anasthesie  des  sehnerven. 


237 


immer  nach  aussen.  Die  Gefasssphare  und  die  Ernahrung  des  Auge9 
uberhaupt  wird  nicht  selten  beeintrachtigt.  Varicositiiten,  veranderte 
Form  und  Consistenz  des  Bulbus,  grunlich-schillernde  Tr'tibung  im 
Grunde  des  Auges  machen  sich  bemerkbar. 

Scholion.  Yorn  physiologischen  Standpunkte  aus  lasst  sich  iiber 
mehrere  Phanomene  der  optischen  Anasthesie  Rechenschaft  geben.  So 
vvie  bei  der  Hautaniisthesie  die  Schmerzen  nach  dem  Gesetze  der 
jxcentrischen  Erscheinung,  so  sind  in  der  optischen  die  Lichtempfin- 
ilungen  bei  erloschner  Energie  des  Sehnerven  zu  deuten.  Man  muss 
;ich  hiiten  sie  fiir  wirkliche  Sehempfindungen  zu  nehmen,  vvorin  sich 
lie  Kranken  zu  ihrem  grossen  Leidwesen  oft  tauschen. 

Die  Unbeweglichkeit  der  Pupille  riihrt,  wo  sie  in  der  Amaurose 
orhanden  ist,  von  dem  unterbrochnen  Cyclus  der  Reflexaction  her, 
lie  uberhaupt  die  Beweglichkeit  des  freien  Irisrandes  bedingt.  Das 
:ine  Glied  in  der  Kette,  die  Leitungslahigkeit  des  Opticus,  ist 
' erbrochen,  und  so  kann  der  Refleximpuls  auf  den  n.  oculomotorius 
nicht  mehr  stattfinden.  Nur  muss  der  Umstand  beobachtet  werden, 
i ass  bei  Amaurose  eines  Auges  der  Reflexeindruck  von  demNerven 
i es  gesunden  Auges  die  Pupille  des  kranken  zusammenzieht,  daher 
s die  diagnostische  Technik  erfordert,  bei  Pr'ufung  eines  amauroti- 
• chen  Auges  das  gesunde  schliessen  zu  lassen. 

Die  motorische  Synergie  des  Sehnerven,  worauf  Stromeyer  und 
'ale n tin  (/.  c.  p.  20  §.146)  aufmerksam  gemacht  haben,  und  von 
welcher  der  Stand  des  Augapfels  abhiingt,  ist  in  der  Amaurose  beein- 
rachtigt:  daher  die  Abweichung  von  der  Sehaxe. 

Das  Verhaltniss  zwischen  Gefuhlsnerv  und  Sinnesnerv  des  Auges, 
welches  bereits  bei  der  Neuralgia  ciliaris  angedeutet  worden,  (S.  59) 
t in  der  optischen  Anasthesie  dreifacher  Art : die  Energie  der  sen- 
i beln  Ciliarnerven,  welche  sich  sowohl  durch  Empfindung  als 
urch  Reflexeinfluss  *)  auf  die  motorischen  Ciliar-  und  andre  Nerven 

*)  Es  ist  bekannt,  dass  auch  das  Einschlurfen  kallcn  Wassers  in  die  Nase  und 
1 c Retupfung  der  Conjunctiva  mit  Hollcnstein  die  Pupille  contrahirt.  ( Larrey , 
inique  chirurgicale  T.  I.  p.  427.) 


238 


anasthesie  des  seiinerven. 


oflenbart,  ist  entweder  normal  oder  gesteigert  odor  erloschcn.  Jm 
ersteren  Falle  dauert  die  Reaction  gegen  das  Licht,  zumal  dessen 
Warmestrahlen,  als  Reitzpotenz  fort.  Valentin  (/.  c.  p.  lit  Not.  1) 
erwahnt  eines  von  Guttentag  beobacliteten  Knaben,  der  nach 
einem  Nervenfieber  aul  beiden  Aiigen  amaurotisch  geworden  war. 
Die  Iris  blieb  unbeweglich  beim  Einfallen  der  Lichtstrahlen,  selbst 
der  durch  ein  Brennglas  aufgefangnen  Strahlen  der  Mittagssonne,  da- 
gegen  die  Pupille  sofort  sich  zusammenzog,  wenn  die  Kerzenllamme 
oder  ein  andrer  heisser  Korper  dem  Auge  so  nahe  gebracht  wurde, 
dass  die  Thranen  llossen  und  die  Gefasse  der  Conjunctiva  strotzten. 
— Beispiele  von  Hyperasthesie  der  Ciliarnerven,  von  schmerzhafter 
Liehtscheu,  so  dass  die  Pupille  sich  zusammenzieht  und  die  Augen- 
lider  schliessen,  sind  zwar  selten  bei  Amaurotischen,  kommen  jedoch 
Yor.  Am  haufigsten  zeigt  sich  Anasthesie  der  Ciliarnerven : die  Er- 
regbarkeit  fur  das  Licht  als  Gefuhlsreitz  ist  ganz  erloschen,  so  dass  der 
Erblindete  die  Sonnenstralden  mit  seinem  Auge  auffangen  kann,  ohhe 
davon  schmerzhaft  affizirt  zu  werden,  eine  auch  beim  arthritischen 
Glaucom  haufige  Erseheinung,  welche  man  gewohnlich  Lichthunger 
nennt,  weil  man  wahnt,  der  Blinde  suche  das  Licht,  um  sehen  zu 
konnen.  Bei  den  Thieren,  deren  Quintus  in  der  Schadelhohle  durch- 
schnitten  worden,  kounte  Magendie  ein  rolhgliihendes  Eisen 
dicht  vor  dem  Auge  halten,  ohne  dass  Blinzeln  erfolgte,  wahrend 
beim  Einfallen  des  Sonnenstrahls  die  Augenlider  augenblicklich  sich 
schlossen. 

Diagnose.  Die  optische  Anasthesie,  der  Verlust  der  Reitzbarkeit 
und  Leitungsfahigkeit  des  Sehnerven,  muss  unterschieden  werden  von 
dessen  Unthatigkeit.  Unvollkommenheit  und  Scbwache  der  Sehkraft 
ist  die  Folge  von  Nicht'ubung  der  optischen  Energie:  bei  sehr  vielen 
Menschen  ist  ein  Auge  fortwahrend  in  diesem  Zustande,  und  in  noch 
hoherem  Grade,  zur  Amblyopie  gesteigert  ist  es  bei  dem  schielenden 
Auge  der  Fall.  Tritt  die  Nothwendigkeit  zur  Uebung  ein,  z.  B.  bei 
Erkrankung  des  andcrn  Auges,  so  hort  die  Schwachsichtigkeit  auf, 
oft  ausserst  schnell,  wie  man  sich  bei  der  von  Dieffenbach  mit  dem 
grbssten  Erfolge  eingefiihrten  Operation  des  Schielens  zu  uberzeugen 


anAsthesie  des  sehtnerven. 


239 


\ 

Gelegenheit  hat.  Schwieriger  ist  die  Unterscheidung,  ob  der  Verlust 
des  Sehvermogens  von  wirklicher  Aniisthesie  oder  von  einer  bloss 
verhinderten  Aeusserung  der  noch  vorhandnen  Energie  der  Retina 
durch  Exsudate,  durch  Undurebsichtigkeit  des  Glaskorpers  etc.  her- 
rubrt.  Ein  physiologisches  Criterium  scheint  mir  hier  beachtungs- 
werth  zu  sein.  Der  Sehnerv  giebt  die  Empfindung  seines  ruhenden 
Zustandes  als  Dunkel  zu  erkennen.  Wo  seine  Leitungsfahigkeit  ver- 
nichtet  ist,  kann  auch  kein  Gefiihl  seiner  Ruhe,  des  Dunkels,  mehr 
stattfinden,  dagegen  dieses  bei  bloss  gehemmter  Aeusserung  seiner 
Thatigkeit  noch  fortdauern  wird.  Daher  der  Unterschied  in  der  Em- 
ipfindung  Erblindeter:  einige  verzweifeln  iiber  die  sie  umhiillende 
Nackt,  andre  sind  gliicklicher  daran,  die  den  Verlust  der  optischen 
i Energie  nur  als  Liicke  des  Sehfeldes  gewahr  werden.  Auch  sind 
'Versuche  mit  Druckfiguren  am  amaurotischen  Auge  anzustellen,  deren 
Alisslingen  ebenfalls  einen  Beweis  von  der  optischen  Unerregbarkeit 
igeben  wiirde. 

Die  von  partiellen  Aniisthesieen  abhangigen  Nebelflecke,  schwarze 
IPunkte,  sollen  sich  nach  Valentin  (/.  c.  p.  16  §.32)  von  den  durch 
Uleine  Exsudate,  Varicositaten  etc.  bedingten  dadurch  unterscheiden, 
lass  sie  in  den  subjectiven  Lichtbildern  unveriindert  wie  ein  gelber 
IFleck  bestehen,  wiihrend  diese  verschwinden.  Man  begreift  diese 
mrtiellen  Anasthesieen  gewohnlich  mit  unter  dem  Namen  mouches 
nolanles:  allein  die  letzteren  sind  wohl  nur  Bilder  von  Gegenstanden, 
lie  im  Innern  des  Auges  selbst  befindlich  auf  die  Retina  einen  Schat- 
en  werfen,  und  sowohl  absolut  als  relativ  zum  Auge  beweglich  sind 
Vgl.  Muller  Iiandb.  der  Physiol.  2.  B.  S.  393),  dagegen  jene  an 
und  fi'ir  sich  eine  unverruckte  Stellung  im  Sehfelde  behaupten. 

Die  Amaurose  hat  einen  peripherischen  oder  centralen  Ursprung. 

\ /eranderungen  des  Opticus  von  der  Netzhaut  bis  zur  Insertions- 
i telle  im  Gehirne  konnen  Anlass  der  peripherischen  Amau- 
ose  sein,  mogen  sie  in  der  Nerveysubstanz  sich  entwickeln  oder  von 
i en  Umgebungen  ausgehend  die  Leitungsfahigkeit  vernichten. 

Das  reinste  Bild  der  peripherischen  Amaurose  giebt  die  trauma- 
ische,  z.  B.  durch  Commotion  des  Augapfels  entstandne  (Vgl. 


240 


ANASTIIESIE  DES  SEHN ERVEN. 


Jiingken,  die  Lehre  von  den  Augenkrankheiten.  2.  Aufl.  S.  780 
u.  82 G).  Das  Sehvermogen  ist  nach  der  Verletzung  plotzlich  geschwun- 
den,  theilweise  odor  ganz.  Feurige,  blitzahnliche  Erscheinungen  zei- 
gen  sich.  Der  Blick  des  Auges  ist  stier:  oft  ist  Strabismus  vorhanden. 
Die  Iris  ist  unbeweglich,  die  Pupille  erweitert  und  gewohnlich  ver- 
zogen,  zuweilen  ganz  nach  einer  Seite  hin,  so  dass  ihr  Rand  dicht  am 
Hornhautrande  liegt  und  es  auf  den  ersten  Blick  ersclieinen  mdchte, 
als  i'ehle  die  Iris  dort  ganz. 

Die  Verletzung,  sei  es  Erschiitterung,  Zerrung,  Quetschung,  hat 
den  Augapfel  selbst  oder  seine  Umgebung  getroffen.  Hierbei  wird 
ein  besondres  Gewicht  auf  die  Supraorbital-Gegend  gelegt,  und  eine 
Sympathie  zwischen  n.  supraorbitalis  und  opticus  angenommen.  Schon 
aus  Hipp  ocrates  Schriften  und  einem  commentirenden Programme 
Platner’s:  cle  vulneribus  super  ciliis  illalis,  cur  coecitatem  infer  ant, 
ad  locum  Hippocratis  etc.  citirte  man  die  Gefahr  der  Erblindung  bei 
Verwundungen  jener  Region.  Der  beriihmte  Ophlhalmolog  Beer 
schrieb  gradezu  der  Affection  des  Stirnnerven  diejenige  Amaurose 
zu,  die  sich  spater  nach  der  Verletzung  bei  schlechter  Narbenbildung 
einfindet,  und  will  sogar  dieselbe  in  zwei  Fallen  durch  starke  bis  auf 
den  Knochen  dringende  Einschnitte  in  der  Nahe  des  foram.  supra- 
orbit .,  wodurch  die  gezerrten  Filamente  des  Nerven  durchschnitten 
wurden,  geheilt  haben.  Allein  Beer  war,  wenn  auch  sehr  strenge 
gegen  Andre,  es  nicht  immer  gegen  sich  selbst,  und  sein  Naclifolger 
Jiiger  hat  unsern  Professor  Muller  bei  seiner  An  wesenheit  in  W ien 
versichert,  dass  Beer’s  Phantasie  hierjn  wohl  etwas  zu  gefallig  war. 
Urn  hieruber  in’s  Klare  zu  kommen,  habe  ich  vor  mehreren  Jahreu 
an  einer  Ziege  einen  Versuch  mit  Unterbindung  der  aus  mehreren 
Oeffnungen  im  Stirnhein  hervordringenden  Zweige  des  Supraorbital- 
nerven  angestellt,  allein  es  zeigte  sich  keine  Spur  von  Amaurose,  und 
das  Thier  starb  ein  Paar  Wochen  darauf  an  einer  Hiriierweichung. 
Am  G.  Juni  1839  hatte  Professor  Hertwig  die  Gefiilligkeit  den 
Versuch  an  einem  Pferde  in  der  Thierarzneischule  zu  wiederholen. 
Zuvor  iiberzeugten  wir  uns  von  der  Integritat  der  Sehkraft  beider 


anAsthesie  des  seiinerven. 


241 


Augen.  An  der  rechten  Stirnhalfte  wurde  der  N.  supraorbitcilis  bloss- 
gelegt.  So  oft  er  mit  der  Spitze  der  Lancette  gereitzt  wurde,  trat 
Iebhafte  Scbmerzempfindung  ein,  kundgethan  durch  Auffahren  des 
Kopfes  und  Rucke  des  ganzen  Korpers.  Gleichzeitig  erfolgte  starkes 
Blinzeln,  Schliessen  des  Auges  und  vermehrter  Thranenerguss.  Auf 
die  Pupille  hatte  die  Reitzung  des  Nerven  keinen  Einfluss:  sie  behielt 
unverandert  dieselbe  Stellung  und  Grosse  bei,  und  verbielt  sich  ganz 
'So  wie  am  linken  Auge.  Darauf  wurde  die  Ligatur  angelegt,  unge- 
fahr  drei  Linien  oberlialb  des  Austritts  des  Nerven,  und  der  Faden 
fest  zugeschniirt.  Weder  im  Sehvermogen  noch  in  der  Pupille  zeigte 
'sich  eine  Veranderung.  Der  Thranenerguss  dauerte  fort.  Es  wurde 
(zu  einem  andern  Zwecke)  das  Centralstuck  des  Nerven  mit  bulyr. 
anllm.  betupft.  — An  den  folgenden  drei  Tagen  zeigte  sich  keine 
Veranderung.  Am  4.  und  5.  Tage  war  das  rechte  Auge  halb  ge- 
'schloss'en:  das  untre  Augenlid  sehr  angeschwollen,  odematos:  eine 
.grosse  Menge  Thranen  ergoss  sich  bestandig,  lief  aus  dem  innern 
Augenwinkel  und  aus  dem  rechten  Nasenloche  fiber  dieBacke  herab. 
IDie  Pupille  verhielt  sich  normal.  Die  lntegritat  des  Sehvermogens 
:gab  sich  zu  erkennen,  sobald  man  dem  Pferde  von  hinten  mit  dem 
\Stocke  oder  vor  dem  Auge  mit  dem  Finger  drohte:  doch  waren  alle 
IBewegungen  triige,  und  ein  gewisser  Stupor  war  unverkennbar,  auch 
i n der  gesenkten  Ilaltung  des  Kopfes.  Am  7.  Tage  wurde  das  Pferd 
i on  heftigen  Convulsionen  befallen,  und  lag  in  Agone.  Das  Seliver- 
i nogen  war  jetzt  erloschen,  und  eine  bedeulende  Menge  dicker  zalier 
1 rlussigkeit  lloss  aus  dem  Auge.  — Ein  Paar  Stunden  nacli  dcmTode 
1 vurde  die  Untersuchung  von  Professor  Gurlt  vorgenommen.  Der 
■ i.  supraorbitalis  war  vollstiindig  von  der  Ligatur  gefasst;  die  mit 
Gpiessglanzbutter  betupfte  Stelle  war  mortificirt,  von  grauer  Farbe 
ind  weicher  Consistenz.  Jenseits  derselbcn  war  der  NerY  in  seinem 
.aufe  durch  den  Schiidel  vollkommen  normal,  und  weder  an  dem 
ibrigen  Theile  des  Quintus  noch  im  Gebirne  selbst  Hess  sich  irgend 
ine  krankhafte  Veranderung  auffinden. 

Audi  Vicq  d’Azyr  bat,  wie  ich  spater  ersehen  babe,  ahnliche 

Romberg’s  Nervenkrankh.  I.  10 

N 


242 


anAstiiesie  des  seiinerven. 


Experimcnto  angcstellt,  nachdem  cr  bei  einem  jnngen  Manne  in  Folge 
eines  Rappirstosscs  auf  den  Supraorbitalrand,  wodurch  der  Stirnnerv 
wie  zerhackt  und  durchschnitten  wurde,  eine  allmahlig  eintretende 
vollstandige  Amaurose  beobachtet  hatte.  Es  wurde  an  melireren 
Quadrupeden  der  Nerv  gestossen,  gestochen,  zerrissen,  gequetsclit, 
durchschnitten  — bei  keinem  einzigen  war  Blindheit  die  Folge;  nur 
zuweilen  zeiglen  sich  Zuckungen  des  Auges  und  starkerer  Thranen- 
erguss.  ( Histoire  de  la  societe  royale  de  medecine , Annee  1 7 7 G.  Paris 
1 779  p.  316.) 

Endlicb  fiihre  ich  den  Ausspruch  meines  vielerfahrnen  Freundes 
Jiingken  an,  dass  er  niemals  etwas  Aehnliches  wie  Beer  gesehen, 
sondern  in  solchen  Fallen  die  Amaurose  lediglich  als  Folge  von  Com- 
motio bulbi  oder  gleichzeitiger  Yerletzung  des  Gehirns  beobachtet 
habe. 

Die  Entziindung  der  Retina,  welche  nur  selten  isolirt  vor- 
kommt,  meistens  in  Yerbindung  mit  Entzundung  andrer  Gebilde  des 
Auges,  bat  die  stiirksten  Photopsieen  zur  Begleitung,  die  schnell  zu- 
nehmen,  wiihrend  das  Sehvermogen  mit  jedem  Augenblicke  schwin- 
det.  Der  Verlauf  ist  sehr  rasch,  von  24  — 48  Stunden. 

An  der  Grundflache  des  Schadels  und  Gehirnes  wird  die  Leitungs- 
fahigkeit  des  Sehnerven  hauptsachlich  durch  Geschwiilste  und  Extra- 
vasate  aufgehoben,  in  seltneren  Fallen  auch  durch  Yerletzungen,  die 
durch  die  Augenhohle  eindringen,  wovon  Larrey  ( Clinique  chirur- 
gicale  T.  I.  p.  177)  einen  merkw'urdigen  Fall  mitgetheilt  hat: 

„Ein  Fiiselir  der  alten  Garde  wurde  beim  Rappiren  am  rechten 
Auge  vcrwundet,  indem  das  Rappir  zerbrach,  und  die  Spitze  unter 
der  Augenbraue  und  an  der  innern  Seite  der  Orbita,  durch  das 
Augenlid  hindurch  tief  in  den  Schadel,  in  einer  schiefen  Richtung 
von  recbts  nach  links  und  von  vorn  nacli  hinten,  eindrang.  Die  ersten 
Zufalle  waren  heftige  Scbmerzen  in  der  linken  Seite  der  Stirn,  ein 
Gefuhl  von  Erstarrung  in  der  rechten  KorperhalUte  und  leichte  Zuk- 
kungen  der  Gesichtsmuskeln,  jedoch  ohne'Yerlust  des  Bewusstseins. 
Raid  darauf  trat  Hemiplegic  ein,  besonders  des  Arms,  mit  Integritat 


AINA  STHE  SIE  DBS  SEIIINERVEN. 


243 


des  Gefulils.  Der  Puls  liatte  45  Schliige,  das  Athmen  und  Schlingen 
war  erschwert;  mit  Miilie  konnte  der  Kranke  einige  Worter  articu- 
liren.  Hartnackige  Verstopfung  und  Harnverhaltung.  Schwindel  bei 
der  geringsten  Cewegung  und  Anwandlung  von  Ohnmacht.  Am  1 9. 
Tage  Nachlass  der  Hirnsymptome,  mit  Ausnahme  der  Hemiplegie. 
Mit  dem  rechten  Auge  sail  der  Verwundete,  bei  ruhiger  Haltung 
des  Kopfes,  nur  die  horizontale  Halfte  der  in  der  Sehaxe  befindlichen 
Gegenstiinde;  wandten  sich  dieselben  von  der  Sehaxe  einwarts,  nach 
der  Nase  hin,  so  enthiillten  sie  sich  allmahlich,  und  der  Kranke  sail 
sie  vollstandig,  dagegen  wenn  sie  nach  aussen,  nach  dem  Schlafewin- 
kel,  ihre  Richtung  nahmen,  so  verschwanden  sie  auf  dieselbe  Weise. 
Die  Pupille  dieses  Auges  hot  weder  in  Gestalt  noch  in  Beweglichkeit 
eine  Yeriinderung  dar.  Drei  Monale  nach  der  Verwundung  erfolgte 
der  Tod.  — An  der  innern  Seite  des  Augenhohlentheils  des  Stirn- 
beins,  in  der  Niilie  der  Fossa  ethmoid,  land  sich  ein  drei  Linien  gro- 
sses Loch,  an  welchem  eine  diinne  Schicht  Cortikalsubstanz  anklebte. 
Der  entsprechende  Punkt  des  Gehirns  zeigte  an  dieser  Stelle  einen 
gleich  grossen  Ausschnitt,  von  wo  aus  ein  Kanal  semen  Anfang  nahm, 
welcher  sich  oberllachlich  nach  dem  innern  Rande  der  Spitze  der 
i rechten  Hemisphere  hinwandte,  indem  er  liber  den  Olfactorius  der- 
selben  Seite  wegging.  Er  drang  zwei  Linien  tief  in  die  linke  Hemi- 
sphare ein,  nachdem  er  iiber  den  linken  Sehnerven  und  iiber  die 
Wurzel  des  rechten  seinen  Weg  genommen  hatte.  Diese  Wurzel 
war  durch  das  Rappir  an  ihrem  Ursprunge  und  unterhalb  der  arle- 
ria  cerebri  anterior  verletzt  worden,  welche  letztere  an  dieser  Stelle 
sehr  erweitert  war.  Die  Spitze  des  Rappirs  war  an  der  untern  Wand 
des  Seitenventrikels,  sehr  nahe  an  dem  linken  crus  cerebri,  stehen 
.geblieben.  Der  schiefe  Kanal  von  2^ — 3 Zoll  Liinge  war  mit  einem 
IBlutgerinnsel  ausgekleidet.  Eiterung  war  nirgends  vorhanden.“  — 

So  wie  in  diesem  Falle  die  Amaurosis  dimidiata  durch  Verletzung 
des  aussern  Theils  der  rechten  Wurzel  des  Opticus  entstanden  war, 
mid  einen  Beweis  davon  gieht,  dass  von  den  Fasern  der  Sehnerven- 
wurzel  itn  Chiasma  der  aussere  Thcil  an  derselhen  Seite  fortgeht,  so 

16* 


244 


ANASTIIESIE  DES  SEHNERVEN. 


konnen  aueli  Exostoseri  dcs  Keilbeins  ahnlichc  Wirkungen  liervor- 
bringen.  Eincn  solclien  Anlass  vermuthe  icJi  auf  bciden  Seilen  bei 
cinem  epileptischen  zwolfjahrigen  Miidchen,  desscn  iiussre  Halite  bol- 
der Augen  der  Liclltempfindung  verlustig  ist.  Beer  fand  bei  einem 
amaurotischen  Knaben,  der  korze  Zeit  vor  dem  Tode  in  Manie  ver- 
fallen  war,  einen  betracbtlich  langen  Stachel  an  der  Seite  der  Sella 
turcica,  welcher  die  Sehnerven  an  der  Kreutzungsstelle  durchbohrt 
hatte. 

Am  haufigsten  sind  unter  den  Anlassen  der  Amaurose  an  der 
Grundfliiche  des  Gehirns  seros-albuminose  Exsudate,  die  das  Chiasma 
eomprimiren  und  meistens  die  Folge  von  Meningitis  sind.  Gewokn- 
lich  leidet  der  in  der  Niilie  befindliche  Oculomotorius  mit,  und  Con- 
vulsionen  oder  Lahmung  der  Augenmuskeln  sind  gleichzeitig  vor- 
handen. 

Die  centrale  Amaurose  entsteht  durch  jeglichen  Anlass,  der 
die  Leitungsfahigkeit  der  Sehnervenfasern  im  Gehirne  aufliebt.  Sym- 
ptome,  die  das  Gehirn  als  Centralorgan  kundgiebt,  sind  Begleiter. 
Kopfschmerz,  Schwindel,  Theilnahme  andrer  Sinnesorgane,  psychische 
Storungen,  Convulsionen  (z.  B.  in  der  Eclampsia  parturientium),  be- 
sonders  Paralysen  der  motorischen  Nerven  des  Auges,  Gesicktes,  der 
Zunge,  der  Rumpfglieder.  Am  Auge  selbst  ist  ausser  grosser  Starr- 
heit  und  Unbeweglichkeit  der  Iris  kein  besondres  Criterium  bemcrk- 
bar.  Die  Pupille  ist  nicht  selten  contrahirt,  bis  zu  einem  Minimum. 
Der  Sitz  der  organischen  Yeranderung  fmdet  sicb  nicht  bloss  im  gro- 
ssen  Gehirne,  sondern  aucb  im  kleinen  (Vgl.  Andral,  Clinique  me- 
dicate T.  V,  p.  G80  u.  737),  in  bciden  an  verschiednen  Stellen,  in 
den  Thai,  optic.,  oft  auch  in  dcr  Substanz  der  Hemispharen  selbst, 
ohne  allc  Beeinlriichtigung  der  Sehnervenhiigel.  Die  Norm  der  ge- 
kreutzten  Leitung  lasst  sich  zwar  durchschnittlich  nachweisen,  doch 
sind  auch  Falle  vorgekommen,  wo  das  Auge  der  cnlsprcchenden  Seite 
amaurotiscb  gewesen  sein  soli,  was  den  Ergebnisscn  von  Yersuchen 
an  lebenden  Thieren  widerspricht,  und  wobl  davon  herruhren  mag, 
dass  man  Yeranderungen  an  der  Basis  cerebri,  wclchc  den  periphe- 


ANASTHESIE  DES  SEHNERVEJN: 


245 


risclien  Sehncrven  belreflen,  als  centrale  gedeulet  hat.  Comprimirende 
Geschwiilsle,  Erweichung,  Blulerguss,  Ansammlung  serdser  Fliissig- 
keit  in  den  Yentrikeln  sind  am  haufigsten  bei  den  Seclionen  gefun- 
den  worden. 

Ausser  der  Diagnose  des  Sitzes  erfreuen  wir  uns  bei  der  Amau- 
rose,  so  wie  iiberhaupt  bei  Augenkranklieiten,  einer  atiologi  sc  hen 
Diagnose,  welche  man  den  Bemuhungen  genauer  Forscher,  unter 
denen  Juengken  obenan  stelit,  zu  verdanken  hat.  Die  objcctiven 
Merkmale  der  dureh  Congestion,  durch  Safteverlust  und  Tabescenz, 
durch  gastrische  Affectionen,  durch  Arthritis,  Syphilis  etc.  veranlassten 
Amaurose  sind  in  den  ophthalmologischen  Werkcn  so  vollstandig 
angefiihrt,  dass  ich  mich  einer  naheren  Schildenmg  iiberhoben  glaube, 
und  iiberhaupt  auf  jene  verweisen  muss,  da  es  mir  nur  darauf  ankam, 
einige  weniger  beacbtete  Punkte  anzudeuten. 

Unter  deu  pradisponirenden  Ursachen  der  optischen  Auaslhesie 
sind  zu  erwahnen  Erblichkeit,  mittleres  Lebensalter,  beim  weiblichen 
Geschlechte  vorziiglich  die  Periode  der  Menostasie,  Pigmentbildung : 
graue  und  blaue  amaurotische  Augen  sind  selten  im  Vergleiche  zu 
denen  mit  dunkler  Iris.  Specifische  Stoffe,  die  sovvohl  die  Energie 
der  optischen  als  der  Ciliarnerven  unterdriicken,  sind  Belladonna,  in 
schwiicherem  Grade  Hyoscyamus : auch  wird  es  vom  inuern  Gebrauche 
des  Bleies  und  der  bittern  Mit  tel,  in  zu  grosser  Dosis  und  lange  fort- 
gesetzt,  behauptet. 

Die  Untersucbun^en  amaurotischer  Augen  nacb  dem  Tode  stim- 
men  in  dem  Befunde  der  Atrophie  der  Sehnerven  iiberein.  (Vgl. 
Jos.  et  Car.  Wenzel  de  penitiori  structura  cerebri  hominis  et  bru- 
torum.  p.  1 1*2 — 127.)  In  der  Retina  lassen  sich  die  eigenthumlichen 
Gebilde,  die  man  in  neuercr  Zeit  durch  das  Mikroscop  bat  kennen 
lernen,  nicht  mclir  unterscheiden  (Valentin  l.  c.  p.  1 4, §.  30),  und 
die  Optici  sind  mitunter  auf  blosse  Hulsen  des  Neurilemms  reducirt. 
Erstreckt  sich  die  Atrophie  bis  zum  Thai,  opt.,  so  wird  dieser  nie- 
driger,  scbmaler,  flaclier,  grauer,  der  Marksubstanz  verlustig;  zu- 
weilen  ist  auch  der  gegenuberstehende  grosser  und  voluminoser  als 


246 


anasthesie  des  seiinerven. 


im  normalen  Zustande.  (Meckel,  Ilandb.  der  pathol.  Anatomic, 
2.  B.,  1.  Abth.,  S.  319.)  Bemerkungswerlh  ist  das  Verhaltniss  der 
vor  dem  Chiasma  verlaufenden  oplischen  Bahn  zu  der  hinler  dem- 
selben  befindlichen  mid  zutn  Sehnervenhiigel.  Das  Besultat  sammt- 
licher  Beobachtungen  bekundet  eine  partielle  Kreutzung  im  Chiasma. 
Daraus  erklart  sich  der  scheinbare  Widersprucb,  dass  in  einigen  Fal- 
len das  hinter  dem  Chiasma  gelegne  Stuck  und  der  Thai,  optic,  der- 
selben  Seite  betheiligt  gewesen,  in  andern  der  der  entgegengesetzten 
Seite,  wahrend  in  noch  andern  beide  Optici  hinter  dem  Chiasma  und 
beide  Sehnervenhiigel  an  der  Atrophie  Theil  nahmen.  Die  Entschei- 
dung,  ob  das  Schwinden  des  Nerven  als  Ursache  oder  Wirkung  der 
Anasthesie  zu  betrachlen  sei,  ist  schwierig.  Bei  Thieren  bringt  schon 
die  blosse  Unthatigkeit  des  Opticus,  z.  B.  bei  geflissentlicher  Triibung 
der  Hornhaut,  leicht  und  schnell  cine  Atrophie  des  entsprechenden 
Sehnerven  vor  der  Kreutzungsstelle  hervor,  was  beim  Menscheu  nicht 
der  Fall  ist 

Der  Verlauf  der  Amaurose  ist  selten  acut,  gewbhnlich  chronisch, 
auf  eine  Beihe  yon  Jahren,  auf  ein  halbes  Lebensalter  und  driiber 
ausgedehnt.  Als  Folgewirkung  habe  ich  bei  mehreren  alten  Amau- 
rotischen  hartnackige  Schlaflosigkeit  beobachtet. 

Der  Typus  ist  mehrentheils  anhaltend,  selten  intermittirend.  Beer 
hat  einen  Fall  von  Amaurose  mit  dreitagigem,  einen  andern  mit 
doppeltem  dreitagigem  Typus  beobachtet.  In  dem  ersten  war  dje 
Amaurose  mit  dumpfem  Kopfschmerz  und  Schlafsucht  verbunden,  im 
zweiten  mit  einer  deutlichen  glaucomatosen  Entmischung  des  Glas- 
korpers  und  heftigem  Kopf-  und  Augenschmerz.  Bei  diesen  Kranken 
kehrte  das  Sehvermogen,  welches  in  den  Anfallcn  vollkommen  in 
beiden  Augen  aufgehoben  war,  in  der  Zwischenzeit  zuriick,  und  bei 
der  einen  Amaurotischen  war  am  freien  Tage  selbst  jede  Spur  von 
Triibung  im  Glaskorper  verschwunden.  Auch  als  begleitendes  Sym- 
ptom der  Wechsclfieberparoxysmen  ist  die  Amaurose  in  Yerbindung 
mit  sehr  heftigem  Kopfschmerze  beobachtet  worden.  Von  besonde- 
rem  Interesse  ist  die  von  dem  Stande  der  Sonne  abhangige  Anii- 


anAstiiesie  des  sehnerven. 


247 


sthesic  des  Sehnerven,  welcheman  Coecitas  diurn  a und  nocturna 
genannt  hat  *).  Das  Sehvermogen  nimmt  ab  und  erlischt  entweder 
mit  dem  Aufgange  der  Sonne  und  kehrt  gegen  Abend  zuriick  (He- 
meralopia) oder  es  schwindet  mit  dem  Untergange  und  stellt  sich 
mit  dem  Aufgange  der  Sonne  wieder  ein.  (Nyctalopia.)  Der  Zu- 
stand  findet  sich  fast  immer  auf  beideii  Augen  zugleich  und  variirt 
dem  Grade  nach.  Zuweilen  gehen  reissende  Schmerzen  in  den  Glie- 
dern  voraus,  welche  mit  dem  Eintritte  der  Krankheit  schwinden  und 
im  Auge  wieder  erscheinen.  Die  Pupillen  sind  erweitert  und  trage 
oder  verengt  und  reitzbar.  In  Waisenhausern  kommt  die  Krankheit 
zuweilen  epidemisch  vor,  und  zeigt  sich  in  bestimmten  Jahreszeilen ; 
auch  epidemisch  ist  sie  beobachtet  worden.  Juengken  sah  sie  ot- 
ters bei  Knaben  und  Madchen  in  Folge  von  Onanie,  und  als  Beglei- 
terin  der  Hysterie. 

Die  Prognose  ist  im  Aligemeinen  sehr  ungunstig.  Beispiele  von 
Heilung  gehoren  zu  den  Seltenheiten.  Eine  Ilemmung  der  Krank- 
heit, wodurch  sie  auf  der  Stufe  der  Amblyopie  stehen  bleibt,  ist  der 
einzige  Trost,  den  man  verheissen  kann,  wenn  die  Ursachen  zu  be- 
seitigen  sind  und  die  Hiilfe  fruhzeitig  in  Anspruch  genommen  wird. 
Und  auch  dazu  ist  grosse  Geduld  von  Seiten  des  Arztes  und  des  Kran- 
ken  nothwendig.  Wie  bei  der  optischen  Hyperasthesie,  so  ist  auch 
in  der  Anasthesie,  zumal  bei  deren  Entwicklung,  die  Intention  des 
Kranken  auf  eine  beunruhigende  Weise  geschaftig,  und  wahrend  des 
Erblindens  schafft  der  Kranke  dem  Arzte  die  grosste  Pein : ist  er  ein- 
mal  blind,  so  findet  sich  Resignation. 

Die  Causalindication  mit  gleichzeitiger  Beachtung  der  Individuali- 
tat  des  Kranken  ist  die  Angel,  um  welche  sich  die  Kur  drehen  muss. 
_________  — ^ 

*)  Die  gricchischen  Namcn  Hemeralopia  und  Nyctalopia  wcrdcn  von  den 
Autoren  unrichtig  gebraucht.  Nyctalopia  bedeutet  ctymologiscb  nichts  andercs 
als  Nachlblindheit,  und  so  hat  auch  Bergen  das  Wort  in  seiner  Dissertation  dc 
nyctalopia  s.  caccitatc  nocturna  genommen.  Hemeralopia  kommt  bei  den  gric- 
chischen  Autoren  gar  nicht  vor,  kann  aber  nacb  dcrselben  Rcgcl  nur  den  Bcgrifl 
dor  Tagblindheit  ausdruckcn.  Ygl.  Co  ray  in  seiner  vortrcfllichcn  Ausgabc  von 
Hippocrates  Ilepl  oc^piuv,  bodzm,  T.  II,  p.  40. 


248 


ANASTIIESIE  des  sehnerven. 


Hieraus  leuchtet  die  Verschiedenheit  der  anzuwendonden  Mittel  von 
selbst  ein,  so  wie  die  Nutzlosigkeit  gepriesener  Spccifica.  Audi 
fur  die  ortlidic  Behandlung,  worin  so  oft  Missgriffe  in  der  Voraus- 
setzung  einer  Nervenschwache  geschehen,  giebt  es  eben  so  bestimmte 
Indicationen  wie  fur  die  allgemeine.  In  Betreff  beider  verweise  icli 
auf  die  ausfuhrliche  Exposition  in  Juengken’s  Lehre  von  den  Au- 
genkrankheiten.  (S.  851  u.  ff.) 





f 


249 


II. 

Anaesthesia  acustica. 


Mangel  oder  Yerlust  der  Energie  des  Gehornerven,  Stdsse  fester 
Korper  und  Schwingungen  der  Luft  als  Schall  zu  empfinden,  durch 
Abnahme.  oder  Yerlust  der  Reitzbarkeit  und  Leitungsfahigkeit  des  n. 
acusticus , ist  der  Begriff  dieser  Anasthesie. 

Der  deutsche  und  andre  Naraen,  Taubheit,  Cophosis,  Surditas,  um- 
fassen  auch  diejenige  Schwerhorigkeit,  die  von  einem  durch  Krank- 
heiten  des  acustischen  Organs  bedingten  Hindernisse  der  physicali- 
schen  Leitung  der  Schallwellen  abhangig  ist. 

Scbon  im  gesunden  Zustande  bietet  die  Schallempfindung  Modali- 
tiiten  dar,  die  zur  richtigen  Wiirdigung  der  Taubheit  nicht  ausser 
Acht  gelassen  werden  diirfen.  Manche  Menschen  boren  zwar  im  All— 
gemeinen  gut,  allein  die  Granze  des  Horens  hoher  Tone  tritt  bei  ih- 
nen  bald  ein.  (Muller,  Handb.  der  Physiol.,  2.  B.  2.Ahth.  S.  481.) 
Die  Horweite  ist  bei  den  Individuen  verschieden. 

In  der  acustischen  Anasthesie  beginnt  die  Abnahme  des  Gehors 
gewohnlich  auf  einem  Ohre,  selten  auf  beiden  zugleich,  allmahlig, 
fast  unmerklich.  Anfangs  sind  es  nur  die  entfernten  Tone,  welche 
das  Ohr  nicht  mehr  deutlich  vernimmt.  Es  zeigt  sich  Schwierigkeit 
einer  allgemeinen  und  lebhaften  Unterbaltung  zu  folgen:  die  Tone 
verwirren  sich.  Im  weitern  Yerlaufe  wird  auch  das  andre  Ohr  er- 
grilFen  und  die  Schwerhorigkeit  nimmt  zu.  Friiher  oder  spater  mel- 
det  sich  Ohrensausen,  anfangs  dumpf,  mit  Zunahme  der  Krankheit 
hell  und  klingend.  Nicht  selten  verbreitet  sich  dieses  Gerausch  von 
den  Ohren  in  den  Kopf.  Gewisse  Umstandc  haben  einen  unverkenn- 
baren  Einlluss  auf  Verbesserung  oder  Zunahme  dcr  Schwerhorigkeit. 
Psychische  Anstrengungen,  deprimirende  Gemiitbsaffecte,  feuchtes, 
-stiirmisches,  kaltes  Wetter,  Safteverlust  verschlimmern,  wahrend  llei- 
terkeit  des  Gemuths,  frobe  IIofTnung,  trocknc  milde  Luft  den  Zu- 
stand,  wenn  auch  nur  temporiir,  verbessern.  Dasselbc  gilt  von  lautem 


250 


anAstiiesie  des  gehornerven. 


Geriiusche  in  tier  Niihe,  z.  B.  beim  Fahren  in  eincm  rasselnden  Wa- 
gen,  beim  Liiuten  einer  Glocke,  beim  Schlagen  einer  Trommel  etc. 
— Die  Anasthesie  des  Gehornerven  bleibt  entweder  auf  dieser  Stufe 
stehen  oder  es  bildet  sich  vollkommne  Taubheit  aus,  so  dass  die  Ildr- 
fiihigkeit  durch  keinen  Reitz  mehr  angeregt  vverden  kann.  In  diesem 
Falle  hort  auch  das  Ohrensausen  mehrentheils  auf.  (Vgl.  Itard  die 

Krankheiten  des  Ohrs  und  des  Gehors,  Weimar  1822,  S.  412  etc. 

* / 

Kramer,  die  Erkenntniss  und  Heilung  der  Qhrenkrankheiten,  2. 
Aufl.,  Berlin  1836,  S.  334  u.  If.) 

Einige  Erscheinungen  am  Obre  selbst  sind  bemerkungswerth.  Da- 
hin  gebdrt  besonders  das  Aufhoren  der  Absondrung  des  Ohren- 
scbmalzes.  Der  Gehorgang  wird  trocken  und  die  ihn  bekleidende 
Epidermis  hautet  schuppen-  oder  kleienformig,  nach  1 1 a r d das  sicherste 
Kennzeichen  der  Taubheit  von  Anasthesie  des  Hornerven.  Das  Trom- 
melfell  ist  nach  Kramer’s  Beobachtung  papierweiss  und  undurch- 
sichtig.  Das  Hautgefuhl  des  Olires  und  seiner  Umgegend  wird  stumpf 
und  erlischt  zuweilen  ganz.  Der  Gehorgang  wird  so  unempfindlick 
gegen  jede  Beruhrung,  dass  es  dem  Kranken  vorkommt,  als  beriihre 
der  Ohrloffel  ein  Stuck  Pergament.  Auch  auf  die  Schlafen  und  Pa- 
rotidengegend  dehnt  sich  die  Stumpfheit  des  Gefiihls  aus:  der  Kranke 
selbst  fiihlt  diese  Stellen  wie  erstarrt  und  abgestorben.  Itard  hat 
diese  Unempfindlichkeit  bei  zwei  Individuen  in  einem  so  hohen  Grade 
beobachtet,  dass  sogar  Einschnitte  in  die  Hautdecken  des  Halses 
scbmerzlos  waren. 

Die  Diagnose  der  durch  Anasthesie  des  Gehornerven  bedingten 
Taubheit  beruhet  nicht  nur  auf  den  eben  geschilderten  positiven  Cri- 
terien,  sondern  auch  auf  einigen  negativen,  welcbe  die  Localunter- 
suchung  und  acustische  Experimente  an  die  Hand  geben.  Der  Gehor- 
gang, mittelst  des  Ohrspiegels  genau  explorirt,  zeigt  nichts  Abnormes. 
Die  Trommelhoble  und  Eustachsche  Trompete  sind  frei  von  materiel- 
len  Anhaufungen.  Muller  (a.  a.  0.  S.  455)  schlagt  vor,  da  das  Ho- 
ren von  Stossen  fester  Korper,  die  durch  feste  Korper  auf  die  Kopf- 
knochen  geleitct  werden,  bei  unverschrlem  Labyrinth  nocb  statlfinden 


anAsthesie  des  gehOrnerven. 


251 


muss,  sich  dieses  Mittels  bei  Tauben  zu  bedienen,  welche  Luftwellen 
nicht  hdren,  um  zu  ermitteln,  ob  ihr  Labyrinth  und  ihr  Gehornerv 
noch  in  Integritat  sind.  — Nur  muss  man  hiebei  unterscheiden,  was 
der  Empfindung  der  Schwingungen  als  bebendes  Gefuhl  und  was 
dem  Horen  derselben  als  eines  Schalles  zukommt.  Es  sind  iiberhaupt 
die  Hautgefuhlsnerven,  welche  die  Schwingungen  tonender  Korper 
als  Bebung  empfinden,  wie  das  Auflegen  der  Hand  auf  die  Brust  ei- 
nes sprechenden  Menschen  kundgiebt,  insbesondre  mogen  aber  die 
auf  dem  Trommelfelle  sich  verbreitenden  sensibeln  Quintusfasern  hie— 
fur  bestimmt  sein.  Taubstumme  sehen  sich  um,  wenn  man  hinter 
ihnen  mit  dem  Fusse  auf  die  Erde  stampft,  was  in  forensischer  Hin- 
sicht  bei  simulirter  Taubheit  zu  benutzen  ist,  und  von  Charlatans, 
z.  B.  Mesmer  und  Andern,  dazu  gemissbraucht  wurde,  um  glauben 
zu  machen,  sie  batten  tauben  Menschen  das  Gehor  wieder  gegeben. 
(Rudolphi,  Grundriss  der  Physiologie,  2.  B.,  1.  Abth.,  S.  148.) 

Der  Einfluss  der  Taubheit  auf  die  iibrigen  Functionen  ist  noch  zu 
terwahnen.  Wegen  Mangels  der  Gen'usse  in  der  Gesellschaft  entfernt 
ssich  der  Taube  davon  oder  sucht  sie  nur  wenig,  was  auf  die  Ausbil- 
ciung  seiner  psychischen  Fahigkeiten  von  grossem  Einflusse  ist.  Die 
^Stimme  leidet  mehr  oder  minder,  behalt  nur  selten  ihren  Timbre. 
IBei  Kindern  gelit  fast  immer  die  Sprache  verloren,  selbst  wenn  sie 
deren  schon  vollkommen  miichtig  waren.  Itard  macht  die  Bemer- 
Ikung,  dass  Taube  schwerer  purgiren,  und  im  Allgemeinen  minder 
empfanglich  fiir  arzneiliche  Reitzung  sind. 

Niemals  wird  der  Verlust  der  Horfahigkeit  durch  die  grossre  Scharfe 
ijnd  Feinheit  eines  andern  Sinnes  ersetzt,  wie  man  es  irrthumlich 
behauptet  hat. 

Die  Ursachen  unterscheiden  sich  in  solche,  welche  die  Leitungs- 
I ahigkeit  der  peripherischen  oder  centralen  Bahn  des  Hornerven  auf- 
I leben.  Zn  den  ersteren  gehdren  plotzliche,  starke  Erschiitterungen 
des  Acusticus,  sei  es  durch  heftigen  Schall  bei  Explosionen,  Donner- 
ichlagen  u.  s.  f.,  oder  durch  Commotion  der  Schiidelknochen,  (z.  B. 
lach  eincr  starken  Ohrfeige),  Verletzung  und  Zerreissung  bei  Frac- 


252 


anAstiiesie  des  gehOrnerven. 


luren  dcr  Schadclknochen,  Compression  durch  Geschwulste  im  Fel- 
senbein  und  an  der  Grundfliiche  des  Geliirns.  Unter  den  centralen 
Anliisscn  sind  Desorganisationen  des  Gehirns  am  haufigslen,  sowohl 
primare  als  die  in  Folge  und  in  der  Niihe  von  Zerstdrungen  des  Fel- 
senbeins  durch  Knochentuberkel  etc.  sicli  ausbilden.  In  den  bisher 
beobachteten  Fallen  war  das  Cerebellum,  wenn  auch  nicht  ausschliess- 
licli  Sitz  der  Krankheit,  doch  meistens  mit  dem  grossen  Gehirne  zu- 
gleich  afficirt. 

Die  Erkenntniss  des  Sitzes  der  acustischen  Aniisthesie  ist  schwie- 
rig.  Die  peripherische  zeigt  sich  meistens  nur  halbseitig,  und  wo  eine 
Geschwulst  an  der  Basis  cerebri  vorhanden  ist,  wird  die  Taubheit  ge- 
wohnlich  von  mimischer  Gesichtsliihmung  begleitet.  Ich  babe  gegen- 
wiirtig  einen  Kranken  vor  Augen,  welcher  in  Folge  eines  starken 
iiussern  Druckes  des  Schiidels  Paralyse  beider  Antlitznerven  und 
Schwerhorigkeit  beider  Ohren  zuriickhehalten  hat.  Die  centrale 
Taubheit  associirt  sich  fast  immer  mit  Aniisthesieen  andrer  Sinnes- 
nerven,  zumal  des  optischen,  mit  Paralysen  und  Gedachtnissschwiiche. 
' Pradisponirende  Momente  sind  Erblichkeit  und  hoheres  Altei^.  Nach 
Kramer  lasst  sich  bei  einem  Dritthcil  der  Kranken  ein  ahnliches 
Leiden  der  Eltern  oder  Geschwister  nachweisen.  Von  sympathischen 
Taubheiten,  zumal  gastrischen,  hat  man  mehr  gesprochen  als  hewie- 
sen.  Abnormitat  des  Zahnens,  sei  es  die  erste  Dentition  oder  der 
Durchbruch  der  Weisheitszahne,  wird  ofters  von  Taubheit  begleitet 
(nach  den  Beobachtungen  von  Nuck,  Valsalva,  Itard  und 
Hesse.).  Bei  Crisen  nervoser  Ficber  lindet  sie  sich  nicht  selten  ein. 

Die  wenigen  griindlichen  Leichenuntersuchungen  des  Gehornerven 
in  der  Taubheit  haben,  wie  beim  Opticus  in  der  Amaurose,  Atrophie 
nachgewiesen  (Vgl.  Lincke,  Handb.  dcr  theoret.  und  pract.  Ohren- 
heilkunde.  1.  B.,  Leipzig  1837,  S.  501,  041.) 

Die  Prognose  der  acustischen  Anasthesie  ist  im  Allgemeinen 
ungiinstig.  Speciell  entscheiden  Grad,  Dauer,  Lebensalter.  Es  ist  fast 
keine  Aussicht,  nicht  einmal  zu  einer  Besscnmg,  wenn  die  Krankheit 
sich  so  weit  ausgebildet  hat,  dass  cine  Taschcnuhr,  dercn  Gang  von 


anAstiiesie  des  geiiOrnerven. 


253 


eincm  gesunden  Olire  noch  in  einer  Entfernung  von  30  Fuss  ver- 
nommen  wil'd,  kaum  noch  bei  dem  unmittelbaren  Anlegen  an  das 
kranke  Ohr  oder  selbst  da  nicht  mebr  gehort  wird.  (Kramer  a.  a. 
O.  S.  347.)  Je  langer  die  Krankheit  gedauert  bat,  zumal  wenn  an- 
greifende  Kuren  gebraucht  worden  sind,  um  so  weniger  ist  zu  boffen. 
Am  giiDstigsten  ist  die  Aussicht  bei  Individuen  unter  20  Jahren.  Die 
Taubbeit  des  boberen  Alters  ist  unheilbar. 

Die  B e h a n d 1 u n g war  bisber  verworren  und  diirftig.  Aus  Man- 
gel zuverlassiger  Anbaltspunkte  verloren  die  Aerzte  Lust  und  Geduld, 
und  Charlatans  eigneten  sich  mit  frecher  Keckheit  den  Kranken  an. 
Mit  Dank  muss  man  daber  die  Bemuhungen  in  neuerer  Zeit  aner- 
kennen,  Indicationen  und  sicbrer  wirkende  Mittel  aufzufmden.  — Die 
causale  Indication  ist  bei  dem  so  grossen  Dunkel  der  Aetiologie  kaum 
zu  stellen.  Die  antigastrische  und  ableitende  Metbode,  die  Application 
von  Exutorien  etc.  haben  sich  in  einem  usurpirten  Rufe  erhalten. 
Itard  und  besonders  Herr  Doctor  Kramer  haben  der  ortlichen 
Application  excitirender  Mittel  in  Dunstform  das  Wort  geredet.  Letz- 
lerer  empfichlt  die  Evaporation  des  Essigathers  in  einem  eignen  Ap- 
parate.  Die  Dampfe  werden  mittelst  eiues  Schlauchs  durch  die  Eu- 
stacbscbe  Trorapete  in  die  Trommelhohle  geleitet,  von  wo  sie  in’s 
Labyrinth  zum  Gehornerven  dringen  konnen.  Der  Charakter  der 
Aniisthesie  soli  dabei  beriicksichtigt  werden,  ob  er  erethischer  oder 
torpider  Art  sei.  Fiir  den  ersteren  wird  das  Ohrentonen  als  Crite- 
rion bezeichnet  und  grosse  Empfindlichkeit  gegen  lautes  gellendes 
Gerausch:  fur  die  torpide  Art  der  Mangel  des  Ohrentonens.  ' 


254 


Anaesthesia  olTaeioria* 

Anosmia. 

Die  (lurch  Anasthesie  des  Riechnerven  bedingte  Geruchlosigkeit 
hietet  sich  nur  selten  der  Beobachtung  dar,  und  war  in  den  wenigen 
bisher  bekannt  gemachten  Fallen  von  Desorganisationen  und  Ge- 
schwiilsten  an  der  Grundflache  des  Gehirnes  abhiingig.  So  hat  Loder 
Anosmie  in  Folge  einer  scirrhosen  Geschwulst  des  Hirnanhangs  be- 
obachtet  ( Observatio  tumoris  scirrhosi  in  basi  cranii  reperli.  Jen. 
1790),  und  Oppcrt  ( dissert . inaug.  de  viliis  nervorum  organicis.  Be- 
rolini  1815.  p.  1G  Not.  1)  fand  bei  einer  an  Geruchlosigkeit  und 
Gesichtsschmerz  leidenden  Frau  einen  Abscess  der  Gland,  pituit.,  wel- 
cher  die  Riechnerven  comprimirte.  Schonlein  zeigte  mir  vor  Kur- 
zem  einen  Kranken,  der  ausser  andern  Merkmalen  einer  organischen 
Geliirnkrankheit  eine  vollkommene  Geruchlosigkeit  hatte,  so  dass  das 
Vorhalten  des  ol.  Asae  foetid,  etc,  unbemerkt  blieb. 

Yon  physiologiscbem  Interesse  ist  das  Verhaltniss  der  Anosmie 
zur  Sensibilitat  der  Nasenhohle.  Es  ist  bekannt,  zu  welchen  Fehl- 
schliissen  die  Yerwechslung  desGefuhls  in  derNase  mit  demGeruche 
M a gen  die  verleitet  hat,  der  noch  jetzt,  trotz  B ell’s  und  Andrer  Zu- 
rechtweisung  auf  seiner  friiheren  Meinung,  dass  der  Quintus  Geruchs- 
nerv  sei,  beharret,  und  sogar  in  seiner  neuesten  Scbrift  die  n.  olfactor. 
zu  denjenigen  Theilen  des  Gehirnes  rechnet,  mit  deren  Functionen 
man  noch  ganz  unbekannt  sei.  ( Legons  sur  les  fonctions  et  les  mala- 
dies du  systeme  nerveux.  p.281.)  Bei  den  Yersuchen,  sowohl  an 
Menschen  wie  an  Thieren,  kann  man  nicht  Yorsicht  genug  anwenden, 
um  die  Wirkung  des  Gefuhls  von  der  des  Geruchs  zu  unterscheiden. 
Bei  Kaninchen  fand  Valentin  das  Verhalten  gegen  todte  Iiorper 
entscheidend : mit  verbundnen  Augcn  spurt  augenblicklich  das  ge- 
sunde  Thier  und  beschniiffelt  das  Cadaver,  wahrend  das  andre,  dessen 
Gerucbsnerven  in  der  Schiidelhohle  durchscbnilten  sind,  dasselbe  wie 
ein  Stuck  IIolz  beriibrt  und  keine  Spur  vom  Wittern  zeigt.  [de  fund, 
nerv.  cercbr.  p.  11  §.21.)  Im  krankhaften  Zuslande  kommt  der  Ver- 


ANASTIIESIE  DES  GERUCHSNERVEN. 


255 


lust  des  Geruchs  fur  sich  vor,  ohne  gleichzeitige  Anasthcsie  der  Na- 
senhohle.  So  konnte  ein  von  H.  Cloquet  erwahnter  Kranker  mit 
Anosmie,  dessen  Vater  ebenfalls  an  Geruchlosigkeit  gelitten  hatte, 
das  verscliiedne  Korn  und  Volumen  des  Sehnupftabaks  deutlich  unter- 
sclieiden,  und  reagirte  durch  Niesen.  Der  Gestank  im  anatomischen 
Theater  wurde  von  ihm  nicht  empfunden,  eben  so  wenig  wie  der 
Gestank  der  Abtritte,  obgleich  die  Scharfe  der  aus  den  letzteren 
entweichenden  Gase  die  Sensibilitat  der  Nase  reitzte.  Bichat  kannte 
einen  Menscben,  der  in  Folge  von  Missbrauch  der  Mercurialien  den 
Geruch  verloren  hatte,  allein  gegen  das  Kitzeln  der  innern  Nasen- 
flache  sehr  empfindlich  war.  (Diet,  des  scienc.  medic.  T.  37j).  242.) 
Auch  der  von  mir  gesehene  Kranke  mit  Anosmie  reagirte  nor- 
mal gegen  Reitzung  der  Nasalfilamente  des  Quintus.  Dagegen  hat 
zuweilen  der  Verlust  des  Gefuhls  einigen  Einfluss  auf  die  Energie 
des  Geruchsnerven.  In  einem  Falle  von  Anasthesie  des  Quintus 
der  linken  Gesichtshalfte,  welchen  ich  jetzt  vor  Augen  babe,  ist 
der  Geruch  in  der  linken  Nasenhdhle  schwiicher  als  in  der  rechten.  In 
andern  Fallen  land  dies  nicht  statt,  z.  B.  in  der  von  Bell  mitgetheil- 
ten  Beobachtung,  (Physiol,  und  pathol.  Unters.  des  Nervensyst.  S. 
3 1 2)  wo  ausdrucklich  erwahnt  wird,  dass,  obgleich  das  Eindringen 
einesFederbartes  drei  Zoll  hoch  in  die  linke  Nasenhohle  weder  fiihl- 
bar  war  noch  Niesen  veranlasste,  dennoch  der  Geruch  in  beiden  Na- 
senhbhlen  ungestort  war.  (Vgl.  die  folg.  Beschreibung  der  Ageustie.) 

Der  Einfluss  der  Inspiration  auf  die  Energie  des  Geruchsnerven  ist 
bekannt:  so  erklart  sich  die  Schwache  des  Geruchs  in  der  Paralysis 
faciei,  bei  Lahmung  jener  motorischen  Nerven,  die  den  Muskelapparat 
der  Nasenfl'ugel  versorgen. 

Die  Beziehung  des  Geruches  zum  Geschmacke  ist  im  gesunden 
Zustande  keincm  Zweifel  unterworfen:  liber  dieses  Wechselverhalt- 
niss  in  der  Anosmie  fehlt  es  noch  an  hinreichenden  Beobachtungen. 
In  Cloquet’s  Falle  war  der  Geschmack  ungestort. 


Anaesthesia  gustatoria. 

Ageustia. 


Der  (lurch  Verlust  der  Leitungsfahigkeit  des  Geschmacksnerveu 
bedingte  Mangel  des  Geschmacks  ist  es,  welcher  unter  diesem  Namen 
zu  verstehen  ist,  und  sicli  dadurch  von  der  Untliatigkeit  der  Ge- 
schmacksenergie  in  Folge  andrer  Zustiinde  unterscheidet,  die  des 
schmeckbaren  Stoffes  Einwirkung  auf  die  Nerven  verhindern,  z.  B. 
Trockenheit  der  Zunge  etc. 

Es  bedarf  noch  derFeststellung,  welcher  von  den  Zungennerven  als 
Sinnesnerv  des  Geschmackes  fungirt.  Dass  es  der  Hypoglossus  nichtist, 
darin  stimmen  alle  iiberein  — allein  ob  dem  R.  lingualis  des  Quintus 
oder  dem  Glossopharyngeus  diese  Energie  zukommt,  hieruber  wird 
noch  jetzt  die  Controverse  gefiihrt,  und  von  beiden  Seiten  fehlt  es 
nicht  an  anatomischen,  experimentellen,  pathologischen  Argumenten. 
Die  letzteren  sind  es,  die  hier  niiher  in  Betracht  zu  ziehen  sind. 

Fiir  die  gustatorische  Energie  des  Quintus  sprechen  folgende  Be- 
obachtungen : 

1)  Eine  von  Bell  mitgetheilte.  (Physiol,  und  pathol.  Unters.  des 
Nervensystems  S.  312.)  Bei  Anasthesie  des  zweiten  und  dritten 
Quintusastes  der  linken  Seite  war  auch  die  entsprechende  Zungen- 
halfte  des  Gefuhls  und  Geschmackes  verlustig.  Eine  Balggeschwulst 
hatte  den  Quintus  dergestalt  comprimirt,  dass  er  abgeflacht  und  atro- 
phisch  erschien.  Auch  der  facialis  und  acusticus  liatten  vom  Drucke 
gelitten. 

2)  Ein  von  Bishop  beschriebner  Fall.  (Muller’s  Archiv  etc. 
1S34,  S.  132.)  Es  war  Anasthesie  der  linken  Seite  des  Gesichtes 
und  Kopfes  vorhanden.  Der  linke  Augapfel  war  unempfmdlich  gegen 
jede  Beriihrung,  bei  ungctriibtem  Sehvermogen.  Auf  die  linke  Na- 
senholde  machten  die  starksten  Reitzmittel,  Ammonium,  Tabak,  kei- 
nen  Eindruck,  wahrend  die  Geruchsfahigkoit  fortdauerte.  Die  linke 
Zungenhalftc  war  sowohl  gegen  Gcfulds-  als  Geschmacksreitze  vollig 
unempfindlich.  Es  land  sicli  cine  scirrhosc  Geschwulst  auf  der  innern 


ANiiSTHESIE  des  geschmacksnerven. 


257 


Fliiche  des  Keilbeins,  welche  sicli  seitlich  nach  dem  foram.  audit, 
intern,  und  riickwiirts  bis  an  den  Pons  Yarolii  erstreckte,  der  ober- 
flachlich  ulcerirt  war.  Die  Geschwulst  fiillte  die  Oeffnungen,  durch 
welche  die  drei  Aeste  des  Quintus  treten,  ganzlich  aus. 

3)  Folgende  von  mir  in  Muller’s  Archiv  etc.  1838  S.  305  be- 
kannt  gemachte  Beobachtung: 

Eine  42jahrige  Wittwe  hatte  vor  vier  Jahren  einen  scbweren 
Fall  gethan,  wobei  sie  mit  einem  belasteten  Korbe  ruckwarts  von 
einer  Treppe  auf  den  Hinterkopf  gestiirzt  war.  Ein  Jahr  nachher 
horten  die  Catamenien  auf.  Seit  dieser  Zeit  litt  sie  an  Anfallen  von 
'Nieskrampf,  welche  anFrequenz  und  Heftigkeit  zunahmen,  denSchlaf 
raubten  und  durch  den  geriugfiigigsten  Anlass  erregt  wurden.  Die 
lUntersucliung  der  Nasenhohlen  ergab  nichts  Abnormes;  dagegen  liess 
micb  die  vorangegangne  Verletzung  einen  Anlass  in  der  Schadelhohle 
vermuthen,  wodurch  Nasalfilamente  des  Quintus  gereitzt  wurden. 
llch  priifte  sofort  die  Bahnen  des  ersten  und  zweiten  Astes  auf  den 
'Stand  ihrer  Sensibilitat,  fand  jedoch  keine  Abweichung;  als  ich  aber, 
mm  das  gesammte  Gebiet  des  Quintus  in  den  Kreis  der  Beobachtung 
/zu  ziehen,  auch  den  dritten  Ast  untersucbte,  hot  sich  auf  der  linken 
J'Seite  die  Erscheinung  der  Aniisthesie  in  seiner  ganzen  Balm  dar. 
llch  fasse  das  Resultat  der  Versuche  zusammen,  die  ich  sowohl  vor 
meinen  Zuhorern  als  im  Beisein  von  Muller  und  befreundeten  Col- 
l egen  oft  wiederholt  babe. 

Die  linke  Hiilfte  der  Unterlippe,  auf  der  aussern  und  innern  Fliiche, 
i md  die  linke  Seite  des  Kinnes  zeigten  sich  beim  Einstechen  einer 
scbarfen  Impfnadel  unempfindlich.  Desgleichen  der  innere  Theil  der 
inken  Ohrmuschel  und  der  Gehorgang,  welche  des  Gefiihls  ganz 
erlustig  waren,  und  selbst  beim  Hineinhalten  einer  brennenden  Kerze 
Leine  Empfindung  verriethcn.  In  gleichem  Grade  war  die  Ilaut  der 
ir.nken  Schlafe  in  der  Niihe  der  Ilaare  unempfindlich.  Auch  die  linke 
Hiilfte  der  Zunge  nahm  an  der  Aniistbesie  Theil;  weder  an  der  Spitze, 
iiocb  an  den  Randern,  noch  in  der  Mitte  verursachte  das  Stechen 
ichmerz,  und  von  Kiilte  und  Ilitze  war  kein  Gefiihl  vorhanden.  Auf 


Hom1>erg’8  Nervenkrankh.  I. 


17 


258 


anAsthesie  des  geschmackswerven. 


der  rechten  Seite  waren  alle  diese  Theile  im  Besitze  gehdriger  Sen- 
sibilitat,  und  selbst  in  der  linken  Gesichtshiilfte  hatten  die  andern 
Empfindungsnerven  ihre  Integritat  beibehalten,  so  dass  sich  die  Gran- 
zen  des  dritten  Asles  recht  genau  abstecken  liessen.  Wurde  die  Haut 
der  Schlafcngegend  etwas  weiter  nach  der  Stirn  hin  mit  der  Nadel 
geritzt,  so  fuhr  die  Kranke  augenblicklich  zusammen:  ich  war  in  die 
Bahn  des  Frontalis  gerathen.  Beim  Stechen  des  horizontalen  Astes 
des  Unterkiefers,  in  der  Nahe  des  Kinnes,  gab  sich  lebhafter  Schmerz 
kund,  denn  die  obern  Subcutanei  des  dritten  Halsnerven  hatten  ihre 
Leitungsfahigkeit.  Dagegen  war  die  linke  Zungenhalfte  des  Ge-^ 
schmackes  ganz  beraubt.  Die  verschiedenartigsten  Stoffe,  feste  und 
flussige,  wurden  nicht  geschmeckt,  wiihrend  dies  auf  der  rechten 
Halfte  mit  normaler  Precision  geschah.  So  blieb  die  Kranke  ganz 
ruhig,  als  ich  mit  dem  Griffe  der  Impfnadel  etwas  ColoquintenpuJver 
auf  die  linke  Seite  streute,  verzog  aber  bei  der  Application  auf  die 
rechte  Zungenhalfte  sogleich  ihr  Gesicht,  mit  den  Worten:  „wie  bit- 
ter !“,  und  suchte  durch  haufiges  Ausspeien  des  Eindrucks  wieder 
los  zu  werden.  Eben  so  verhielt  es  sich  mit  salzigen,  sauern  u.  a. 
Dingen. 

Zeigte  nun  die  Sensibilitat  eine  partielle  Storung,  so  liess  sich  keine 
in  der  motorischen  Action  der  linken  Gesichtsbalfte  wahrnehmen. 
Weder  in  den  mimischen  und  respiratorischen,  nocli  in  den  Kaube- 
wegungen  konnte  ich  irgend  einen  Unterschied  von  der  rechten  Seite 
auffinden : sie  gingen  normal  von  statten.  Dasselbe  gilt  von  der  arti- 
culirenden  und  masticatorischen  Bewegung  der  Zunge.  Auch  die 
trophischen  Functionen  der  linken  Halfte  waren  nicht  becintrachtigt. 
DieDimensionen  waren  auf  beiden  Seiten  dieselben,  desgleichen  Tem- 
peratur  und  Colorit.  Aus  den  kleinen  Stichwunden  floss  das  Bint 
eben  so  schnell  und  reichlich,  wie  auf  der  rechten  Seite.  Feucktigkeit 
und  Belag  der  Zunge  waren  in  ihren  beiden  Ilalften  gleicb. 

Aus  diesen  Ziigen  entnahm  ich  folgende  Diagnose  der  Krankheit: 

Die  auf  den  dritten  Ast  der  Portio  major  des  Quintus  beschrankte 
Anasthesie  lasst  eine  isolirte  Aflection  dieses  Astes  erkennen,  und 


ANiSTHESIE  DES  GESCHMACKSNERYEN. 


259 


zwar  eine  Compression  desselben,  in  so  fern  bloss  Anasthesie,  ohne 
begleitende  schmerzhafte  Empfindungen  in  den  gefuldlosen  Theilen, 
so  lange  ich  die  Kranke  beobachtete,  vorhanden  war.  Der  Anlass  des 
Druckes  muss  den  schon  gebildeten  Nervenstamm,  das  Aggregat 
sammtlicher  Primitivfasern,  beeintraehtigen,  weil  in  der  ganzen  Babn, 
so  weit  sie  der  Untersuchung  vorlag,  Verlust  des  Gefuhls  Stattfand. 
Dass  im  Gasserschen  Ganglion,  wo  sicb  die  Elemente  des  dritten 
Astes  im  Vereine  mit  denen  der  beiden  andern  sensibeln  Aeste  des 
Quintus  befinden,  die  Compression  ihren  Sitz  nicht  haben  konne,  geht 
sowobl  aus  dem  Yorhandensein  des  Gefuhls  im  Gebiete  des  ersten 
und  zweiten  Astes  als  aus  dem  Mangel  andrer  charakteristischen 
Symptome  (Ygl.  S.  219)  deutlich  hervor.  Eben  so  wenig  liess  sich 
der  Sitz  des  Druckes  nach  dem  Austritte  des  Nervenstainmes  aus  dem 
eirunden  Loche  des  Keilbeins  annehmen,  weil  bier  den  sensibeln 
Fasern  die  motorischen  der  Portio  minor  des  Quintus  dergestalt  ag- 
gregirt  sind,  dass  der  Druck  auf  beide  zugleich  hiitte  labmend  wirken 
smussen,  was  durch  die  Integritat  der  Kaubewegungen  in  der  linken 
« Gesichtshalfte  widerlegt  wurde.  So  nahm  ich  eine  Compression  des 
iRamus  tertius  Quinti  auf  seinem  Laufe  durch  den  Schadel  vor  dem 
IForamen  ovale  an,  wahrscheinlich  bedingt  durch  eine  Anschwellung 
i der  Dura  mater  oder  des  Knochens,  deren  Umfang  nur  gering  sein 
Ikonnte,  weil  die  in  der  Nahe  gelegne  Portio  minor  von  der  Liih- 
imung  nicht  mit  betroffen  war. 

Nach  dem  am  19.  Miii'z  1838  an  der  Wassersucht  erfolgten  Tode 
der  Kranken  wurde  der  Leichnam  auf  das  anatomische  Theater  ge- 
Ibracht,  wo  ich  vor  dem  Beginnen  der  Section,  im  Beisein  der  Ilerren 
IProf.  Muller,  Pr.  Ilenle,  Pr.  Schwann  und  Dr.  Philipp  die  in 
fueinen  Yorlesungen  gestellte  Diagnose  nocli  einmal  erorterte.  Bei 

Iler  darauf  von Ilerrn Prof.  Ilenle  mit  ruhmlichst  bekannter  Genauig* 
teit  vorgenommenen  Untersuchung  der  Schadelhohle  ergab  sicb  l"ol- 
^endes : 

Die  Oberfliiche  des  grossen  Gehirns  war  mit  gallertartigen,  stel- 
enweise  weissen  und  undurcbsichtigen  Exsudaten  bedeckt.  An 

17* 


2G0 


ANASTIIESIE  DEs  GESCIIMACKSNERVEN. 


der  untern  Flache  dcs  hintern  Lappcns  der  linkcn  Hemisphare, 
dcm  Boden  des  hintern  Horns  desSeitenventrikels  entsprechend,  war 
cine  fast  kreisformige  StcIIe  von  etwa  l"Durchmesser  erweicht,  ohne 
Spur  von  GefassinjeCtion  in  der  Umgebung.  Uebrigens  war  das  Ge- 
hirn  und  verlangerte  Mark  normal. 

Der  dritte  Ast  des  Quintus  der  linken  Seitc  war  an  der  Stelle,  wo 
er  in  das  Foramen  ovale  tritt,  an  seiner  aussern  Flache  umgeben  von 
einem  rothlichen,  gefassreichen  Gewebe,  welches  tbeils  aus  Fasern, 
theils  aus  sehr  kleinen  wasserhellen  Blaschen  bestand.  Es  zeigte  sich 
bei  genauerer  Betrachtung  als  ein  Exsudat  oder  eine  Wucherung  des 
Neuriiemms,  ging  gegen  die  Schadelhohle  hin  allmahlig  in  die  Sub- 
stanz  der  Dura  mater,  gegen  das  peripherische  Ende  des  Nerven  bin 
in  das  normaleNeurilemm  uber.  Verdickt  und  gerothet  war  das  Neu- 
rilemm,  so  weit  der  Nerv  in  dem  Keilbein  verlief,  aucb  noch  etwas 
weiter  nach  abwarts  bis  zu  der  Stelle,  wo  an  der  hintern  Flache  des 
Nerven  das  normale  Ganglion  oticum  sass.  So  weit  das  Neurilemm 
verandert  war,  erschien  auch  der  Nerv  angeschwollen,  gelblich  ge- 
f arb t und  vielleicht  etwas  harter  als  im  ubrigen  Yerlauf.  An  dieser 
Veranderung  nahm  aber  nur  die  aus  dem  Ganglion  Gasseri  entsprin- 
gende  Portion  des  dritten  Astes  Antheil.  Die  motoriscbe  Wurzel  ver- 
lief unversehrt  an  der  irmern  Flache  und  verschmolz  mit  der  grossern 
Portion  erst  unterlialb  der  kranken  Stelle.  Die  sammtlichen  Nerven- 
zweige  zum  M.  pterygoideus,  buccinatorius,  zu  den  Scblafen,  der 
Zunge  und  dem  Unterkiefer  waren  durcbaus  normal  beschaffen,  eben 
so  der  dritte  Ast  des  Quintus  der  rechten  Seite  und  der  Nervus  glos- 
sopharyngeus  auf  beiden  Seiten. 

Andrerseits  feblt  es  nicht  an  Beobachlungen,  die  gegen  die  vVn- 
nahme,  dass  der  Zungenast  des  Quintus  Sinnesnerv  des  Gescbmackes 
sei,  zeugen.  Dr.  Stamm  bat  eine  solche  mit  dem  Leichenbefunde 
in  den  Heidelberger  Medicin.  Annal.  1839.  5.  B.  1.  Ilcft  S.  70  be- 
scbrieben.  Ein  50jahriger  Mann  klagte  im  October  1837  iiber  einen 
lcichten  Schmerz  boch  oben  im  Halse  an  der  rechten  Seitenwand  der 
Fauces,  der  besonders  beim  Herabschlucken  des  Speicbels  fiiblbar 


anAsthesie  des  geschmacksnekven. 


261 


wurde.  Allmahlig  wurde  die  rechle  Nasenhohle  fur  die  Luftundurch- 
ganglicli,  es  stellten  sich  intermiltirende  Sclimerzen  in  der  rechten 
Schlafe  und  Wange  ein,  welche,  so  oft  sie  einen  regel  miissigen  Ter- 
tiantypus  batten,  durch  Cliinin  unterdriickt  wurden.  Die  Schmerzen 
verschwanden  in  der  Schliifegegend,  breiteten  sicli  aber  in  der  rech- 
ten Wange  vom  untern  Augenlide,  dieses  mit  eingescblossen,  bis  zur 
recbten  Hiilfte  der  Oberlippe  und  Nase  aus,  wobei  die  Paroxysmen 
baufig  den  Tertiantypus  hatten.  Der  levator  palpebr.  super,  und  der 
iiussere  Augenmuskel  der  rechten  Seite  wurden  geliihmt.  Die  Schmer- 
zen horten  auf  und  macbten  einer  Anasthesie  Platz.  Man  konnte  so- 
wohl  die  iiussere  Ilaut  wie  die  Conjunctiva  des  rechten  untern  Augen- 
lides,  die  rechte  Hiilfte  der  Nase  und  der  Oberlippe,  auf  der  innern 
und  aussern  Flacbe,  und  den  Theil  der  rechten  Wange,  welcber  zwi- 
scben  der  Nase  und  zwischen  einer  Linie  liegt,  die  vom  rechten 
Mundwinkel  bis  zum  aussern  Augenwinkel  gezogen  wird,  mit  der 
Nadel  tief,  bis  zum  Bluten,  stechen,  ohne  dass  es  von  dem  Kranken 
empfunden  wurde.  Audi  in  der  linken  Nasenhohle  wurde  jetzt  der 
Durcbgang  der  Luft  gehemmt.  Bei  der  Untersuchung  fand  man  iibcr 
und  binter  dem  etwas  berabgedriickten  weichen  Gaumen  eine  harte 
hockerige  Geschwulst,  die  schnell  an  Umfang  zunahm,  wodurcb  das 
Scldingen  sehr  beschwerlich  wurde  und  der  Kranke  nur  noch  Fliis- 
sigkeit  und  selbst  diese  mit  Gefahr  des  Yerschluckens  berunter  brin- 
gen  konnte.  Der  barte  Gaumen  senkte  sich  tief  in  die  Mundhohle 
berab.  In  dieser  Zeit  entstanden  neue  Schmerzen  in  der  rechten 
Mundhiilfte,  in  der  recbten  Hiilfte  des  Unterkiefers  und  der  Ziihne 
und  besonders  in  der  recbten  Zungenhiilfte.  Nachdem  sie  ebenfalls 
den  Tertiantypus  mitunter  beobacbtet  hatten  und  dem  Gcbrauche  des 
Chinins  gewichen  waren,  zeigte  sich  wenige  Tage  nacbber  auf  der 
recbten  Seite  die  innere  Fliiche  der  Backe,  das  Zahnfleisch  der  obern 
und  untern  Alveole,  die  Hiilfte  des  harlen  und  weichen  Gaumens,  der 
Unterlippe  und  der  Zunge  vollig  uncmpfindlich  gegen  das  Stechen 
mit  einer  Nadel.  Dagegen  war  der  Geschmack  erbalten;  bei  dem 
IBeriibren  des  recbten  Bandes  der  aus  dem  Munde  hervorgestreckten 


262  ANASTHESIE  DES  GESCIIMACKSNERVEN. 

Zunge  schmeckte  der  Rranke  dcutlich  das  intensive  Bittere.  Dieser 
Yersueh  vvurde  einigemal  mit  demselben  Erfolge  wiederholt.  Auf  der 
linken  Zungenhalfte  f'and  die  Geschmacks-Empfindung  schneller  statt. 
— Die  Mundschleimhaut  der  rechten  Seite  war  seit  dem  Eintritte 
der  Anasthesie  stets  glanzend  trocken,  wahrend  die  der  linken  Seite 
l'eucht  war.  Weder  die  Kau-  noch  Gesichtsmuskeln  waren  gelahmt. 
Yon  Zeit  zu  Zeit  wurde  dunkles,  mitunter  iibelriechendes  Blut  aus 
MundundNase  entleert.  DerKranke  war  forlan  frei  von  alien  Schmer- 
zen,  verfiel  aber  in  Schlafsucht,  die  liaeh  Durchbruch  des  harten 
Gaumens  und  Erguss  einer  jauchigen  Fliissigkeit  wieder  aufhorte. 
Schon  fr'uher  war  die  Beweglichkeit  des  levat.  palpebr.  super,  wie- 
dergekehrt.  Der  Kranke  konnte  die  Luft  besser  durch  die  Nase  zie- 
hen  und  Flussigkeiten  schlucken.  Eine  Woche  darauf  starb  er.  — 
Leichenbefund.  Die  Basis  des  Schadels  war  dicht  hinter  der  Sella 
turcica  im  Umfange  eines  Sechsers  durchlochert,  der  Iveilbeinkorper 

grosstentheils  verschwunden,  die  vordre  Spitze  der  Pars  petrosa  des 

\ 

rechten  Schlafbeins  ebenfalls  zerstort,  und  die  Knockensuhstanz, 
welche  zunachst  die  Oeffnung  umgranzte,  aschgrau,  sehr  poros  und 
miirbe.  Auf  dem  rechten  Fliigel  des  Keilbeins,  grade  auf  dem  Fora- 
men rotundum  und  von  da  nach  aussen  hin  in  einer  Lange  von  3/4 
Zoll  sich  erstreckend,  erhob  sich  eine  blassrothe,  feste,  hockerige 
Masse  in  der  Hoke  von  l1/,  — 2 \/:2  Linien,  mit  welcher  der  Quintus 
da,  wo  das  Ganglion  Gasseri  sich  in  die  drei  Aeste  spaltet,  so  ver- 
schmolzen  war,  dass  es  unmoglich  war  den  Nerven  aus  der  umge- 
benden  Masse  vollstandig  heraus  zu  prapariren.  Nur  in  der  Gegend 
des  Abgangs  des  Bamus  ophthalm.  und  nach  aussen  in  der  Gegend 
des  Abgangs  des  dritten  Astes  liess  sich  noch  dcutlich  Nervensubstanz 
unterscheiden.  Der  N.  oculomotorius  und  abduc.  verhielten  sich  kurz 
vor  ihrem  Eintritte  in  die  obere  Augenhohlenspalte  normal.  Der 
rechte  Proc.  pterygoid,  und  das  rechte  Gaumenbein  waren  nur  noch 
in  Kesten  vorhanden:  der  harte  Gaumen  war  in  derMitte  durchbohrt: 
an  der  hintern  Wand  der  Fauces  sass  diesclbe  Masse,  die  alle  Cha- 
raktere  des  Scirrhus  an  sich  trug,  in  einzelnen  Ilockern  auf,  deren 


ANASTHESIE  DES  GESCHMACKSNERVEN. 


263 


Oberflache  aschgrau  und  geschwiirig  war.  Die  rechte  Tonsille  war 
in  eine  gelbe  sulzige  Masse  verwandelt. 

Ein  nicht  minder  wichtiger  Fait  ist  vom  Dr.  Bdrard  in  der  Ga- 
zette medicate  de  Paris.  Nr.  31.  1.  Aout  1840  p.  400  bekannt  ge- 
macht  worden.  Ein  64jahriger  Mann  wollte  seinem  Leben  durch 
einen  Pistolenschuss  in  den  aussern  Gehbrgang  der  rechten  Seite  ein, 
Ende  macben,  und  brachte  sich,  als  er  darauf  das  Bewusstsein  nicht 
verlor,  einen  zweiten  Schuss  in  die  Stirn  bei,  wo  aber  die  Kugel  nur 
die  Weichtheile  verletzte  und  in  einiger  Entfernung  davon  wieder 
hervor  drang.  Die  Untersuchung  ergab  eine  Fractur  des  Felsenbeins. 
Aus  dem  Ohre  floss  Blut,  vermischt  mit  Stuckchen  Hirnsubstanz. 
Der  Verwundete.  war  bei  sich,  klagte  liber  ausserst  heftige  Schmerzen 
im  Kopfe,  iiber  Kalte,  Uebelkeit,  Erbrechen.  Die  Haul  war  blass  und 
kalt,  der  Puls  langsam,  klein,  die  Physionomie  durch  eine  vollstan- 
dige  Lahmung  der  rechten  Gesichtshalfte  entstellt.  Auch  der  aussrc 
Augenmuskel  dieser  Seite  war  gelahmt,  daher  Strabismus,  je  mehr 
das  link©  Auge  nach  der  Nase  sich  bcwegte,  und  Doppelsehen.  An- 
asthesie  zeigte  sich  in  der  ganzen  rechten  Seite  des  Gesichtes  und 
seiner  Hohlen,  und  des  Kopfes  bis  zum  Scheitel.  Dem  Kranken  selbst 
kam  die  Haut  wie  geschwollen  vor,  und  beim  Trinken  brachte  er  mit 
der  Hand  das  Glas  der  rechten  Halfte  der  Lippen  recht  nahe,  indem 
er  glaubte,  dass  von  einer  Anschwellung  derselben  das  Hinderniss 
herriihre.  Das  Sehvermogen  und  der  Geruch  waren  normal.  Die  Be- 
weglichkeit  der  Zunge  hatte  nicht  im  Geringsten  gelitten:  ilire  rechte 
Halfte  war  des  Gefiihls  ganz  verlustig,  eben  so  die  innere  Backen- 
flache,  der  harte  und  weiche  Gaumen,  und  die  Tonsille  der  rechten 
Seite.  Dagegen  war  der  Geschmack  ungestort:  beim  Auftropfeln  von 
Zuckerwasser,  Essigetc.  auf  die  rechte  Zungenhalfte,  in  der  Nahe  ihres 
Randes,  gab  der  Kranke  jedesmal  genau  die  Geschmacks-Empfin- 
dung  an.  — Yom  achlen  Tage  an  verschlimmerte  sich  der  Zustand: 
Unruhe,  Delirien,  Lahmung  des  linken  Arms  undBeins  traten  hinzu, 
und  am  1 0.  Tage  erfolgte  der  Tod.  — Bei  der  Section  wurde  eine 
Fractur  der  Pars  petrosa  des  rechten  Felsenbeins  mit  Knochensplitlern 


264 


ANASTHESIE  DES  geschmacksnerven. 


gefunden.  Der  Quintus  dieser  Scite  war  injicirt  und  so  erweicht,  dass 
er  sich  auf  der  obern  Fliiche  des  Felscnbeins  leicht  zerreissen  liess. 
Die  serose  Flussigkeit,  die  ihn  an  dieser  Stelle  umspult,  war  nicht 
yorhanden.  Das  Ganglion  Gasseri  nalim  an  der  Injection  und  Er- 
weichung  Theil.  Die  Aeste  des  Quintus  verhielten  sich  normal : nur 
der  zweite  war  etwas  injicirt.  Der  N.  abducens  war  ein  wenig  ge- 
rothet,  in  der  Gegend  des  Proc.  clinoid.  poster,  weicher  als  auf  der 
andern  Seite.  Der  Facialis  war  in  dem  Theile  seiner  Bahn  durch  den 
Aquaed.  Fallop.  ganz  zerstort.  In  dem  untern  Theile  des  mittleren 
Lappens  der  rechten  Ilemisphare  des  grossen  Gehirns  land  sich  da, 
wo  er  auf  dem  Felsenbein  aufliegt,  ein  Substanzverlust,  und  weiter 
naeh  innen  eine  Hohle  von  dem  Umfange  eines  kleinen  Eies,  welche 
Eiter,  erweichteHirnstuckchen,  und  dieKugel  enthielt.  Im  Umkreise 
war  die  Hirnsubstanz  roth,  injicirt,  erweicht,  und  mit  Eiter  infiltrirt. 

Burrows,  Noble  (cf.  Valentin  l.  c.  p.  44),  Vogt  (Muller’s 
Archiv  etc.  1840  S.  72)  haben  ebenfalls  Beispiele,  wenn  auch  ohne 
Bestatigung  durch  Sectionen,  von  Anasthesie  des  Quintus  einer  Seite 
mitgetheilt,  mit  ganzlichem  Verluste  des  Gefiihls  in  der  entsprechen- 
den  Zungenhalfte,  ohne  Betheiligung  des  Geschmackes.  Ein  solcher 
Fall  ist  auch  mir  vorKurzem  vorgekommen.  DieKranke,  eine  5 7 jail— 
rige  Frau,  ist  von  Anasthesie  des  Quintus  der  linken  Seite  befallen. 
Die  Aussenflache  des  Gesichtes  und  seine  Hohlen  sind  unempfindlich 
gegen  iiussre  Verletzung  und  gegen  Veranderungen  der  Temperatur. 
Der  linke  Augapfel  vertragt  das  Einstechen  einer  Stecknadel;  dieGe- 
fasse  der  Conjunctiva  injiciren  sich  zwar  sofort,  allein  weder  Blinzeln 
noch  Thranenerguss  stellt  sich  ein.  Beim  Auflegen  eines  Stuckes  Eis 
auf  das  Auge  ist  die  Kranke  der  Temperatur  unbewusst.  Beim  Vor- 
halten  von  Salmiakgeist  vor  dem  linken  Nasenloche,  beim  Kitzeln  und 
Einbohren  eines  gekerbten  Federrandes,  bei  Application  von  scharfem 
Schnupftabak  zeigt  sich  weder  Gefuhl,  noch  Niesen  als  Reflexaction. 
Sehvermogen,  Gehor  und  Geruch  sind  auf  dieser  Seite  schwTacher  als 
' auf  der  andern.  Die  linke  Zungenhalfte  so  wie  die  Schleimhaut.der 
linken  Mundhohle  sind  der  Sensibilitat  verlustig.  Das  Aufstreuen  von 


anAsthesie  des  geschmacksnerven. 


265 


Coloquintenpulver,  von  schwefelsaurem  Chinin,  auf  den  vordern  und 
mittlern  Theil  der  Zunge  wird,  so  lange  diese  aus  dem  Munde  ge- 
halten  wird,  nicht  geschmeckt,  jedoc.h  augenblicklich  nach  dem  Zu- 
riickziehen  der  Zunge  in  die  Mundhohle.  Am  andern  Tage  wieder- 
holte  ich  den  Versuch,  indem  ich  die  Kranke  ihre  Zunge  ausstrecken 
Hess,  und  nur  die  Wurzel  der  Zunge  mit  den  bittern  Stoffen  beriihrte. 
Der  Geschmack  ausserte  -sich  eben  so  lebhaft  auf  der 
linken  wie  auf  der  recbten  Seite. 

Auf  diese  Weise  war  in  dem  zuvor  erwahnten  Falle  die  Untersu- 
cbung  von  mir  niclit  vorgenommen  worden,  ich  hatte  mich  mit  der 
Abwesenheit  des  Geschmackes  in  dem  vordern  und  mittlern  Theile 
der  Zungenhalfte  begniigt,  und  erkenne  desshalb  jetzt  die  Beobach- 
tung  in  BetrefF  der  Ageustie  fur  nicht  entscheidend  an.  So  diirften 
aucb  die  Angaben  andrer  Autoren  zu  wiirdigen  sein,  welche  der 
genaueren  Beschreibung  des  vollstiindig  angestellten  Yersuches  er- 
mangeln. 

Ein  andrer  Umstand  scheint  mir  ebenfalls  noch  der  Ansicht  vom 
Zungenaste  des  Quintus  als  Vermittler  des  Gefuhls  und  Geschmackes 
ungunstig  zu  sein:  der  Mangel  Yon  Gescbmacksphantasmen  in  der 
Hyperasthesie  des  Lingualis.  Der  S.  40  angefiihrte  Kranke  mit  Tic 
douloureux  mochte  noch  so  oft  von  Schmerz  in  der  Zunge  gegeisselt 
werden,  der  Geschmack  blieb  ungestort. 

Halt  man  diese  negativen  Griinde  an  die  positiven,  welche  Va- 
lentin mit  grosser  Genauigkeit  der  Analomie  und  Pbysiologie  ent- 
nommen  bat,  und  unter  denen  die  von  Horn  und  Picht  gemachte 
Beobachtung,  dass  die  Application  von  Siiuren  auf  die  Papillae  vallatae 
keinen  sauern,  sondern  bittern  Geschmack  erregt,  recht  wichtig  ist, 
(/.  c.  p.  41,  45,  117)  so  hat  die  Annahme  des  Glossopharyngeus  als 
Sinnesnerven  des  Geschmackes  die  meiste  Wahrscheinlichkeitfur  sich, 
obglcich  die  pathologischen  Beweise  zur  Zeit  noch  fehlen.  Damit 
sleht  jedoch  der  Einlluss  des  Gefuhls  auf  die  Sinnesausscrung,  wie  er 
sich  bei  unsrcr  Kranken  mit  Anasthesie  des  B.  maxill.  infer.  Quinti 
so  augenfiillig  kund  that,  keinesweges  in  Widerspruch:  dcnn  der 


266 


ANASTHESIE  DES  GESCHMACKSNERVEN. 


Geschmackssinn  ist  derjenige,  wo  sich  die  Synergie  sensibler  und 
sensualer  Nerven  am  machtigsten  aussert,  so  dass  es  oft  schwierig  isl 
in  dem  Gesammt-Eindrucke  den  Antheil  des  Gefiihls  von  dem  Ge- 
schmacke  zu  unterscheiden. 

Eine  eigenthiimliche  Modification  des  Geschmackes  ist  hier  noch 
zu  erw&hnen,  der  Ekel.  Diese  Empfindung  hat  vor  andern  Ge- 
schmacks-Empfindungen  das  voraus,  dass  sie  sich  durch  blosse  mecha- 
nische  Reitzung  derjenigen  Theile  erregen  lasst,  worin  Fasern  desN- 
glossopharyngeus  verbreitet  sind.  Man  gleite  mit  dem  Finger  uber 
Spitze,  Rand  oder  Mitte  der  Zupge  hin  — nur  das  gewohnliche  Ge- 
fiihl  giebt  sich  kund,  sobald  man  aber  der  Zungenwurzel,  den  Papill. 
vallat.,  dem  Gaumensegel,  nahe  kommt,  entsteht  die  Empfindung 
desEkels,  und  eine  bestimmte  Reflexaction,  das  Wurgen.  Auf  diese 
Weise  ist  der  Glossopharyngeus  Hiiter  und  Schutzer  des  Verdauungs^ 
apparats,  wie  es  der  Vagus  fur  die  Athemorgane  ist.  Die  Hyper- 
asthesie  Nausea  zeigt  sich  nicht  selten  in  Gefolge  andrer  Zustande, 
zumal  hysterischer  und  hypochondrischer,  zuweilen  auch  bei  organi- 
schen  Hirnkrankheiten,  wahrend  sich  die  Anasthesie  durch  eine  ofters 
vorkommende  Erscheinung  kund  giebt,  Mangel  des  Ekels,  trotz 
aller  dazu  gegebner  Anlasse. 


O -5S3- 


B.  Anasthesieen  der  sympathischen  Nervenbahnen. 

-O'©®'0" 

Von  vorn  herein  bekennen  wir  unsre  Unbekanntschaft  mit  diesen 
Zustanden,  die  bisher  nicht  einmal  zur  Sprache  gekommen  sind,  und 
deren  Forschung  mit  grossen  Schwierigkeiten  verbunden  ist.  Denn 
im  sympathischen  Gebiete  ist,  wie  bereits  (S.  122)  bemerkt  worden, 
die  Leitung  sensibler  Nerven  im  Allgemeinen  keine  cerebrale:  nur  bei 
starkerer  Reitzung  und  in  den  Hyperasthesieen  wird  die  Empfindung 
eine  bewusste,  so  dass  in  solchen  Fallen  hochstens  aus  dem  Auf- 
horen  des  Schmerzes  oder  andrer  Empfmdungen  bei  fortdauerndem 
Anlasse,  z.  B.  im  Darmbrande,  ein,  wenn  auch  nicht  sichrer,  Schluss 
auf  den  Verlust  der  Leitungsfahigkeit  gezogen  werden  konnte.  Da- 
gegen  ist  die  Leitung  der  sensibeln  Elemente  des  Sympathicus  vor- 
zugsweise  eine  spin  ale  und  vermittelt  Reflexbewegungen,  deren 
Stillstand  eine  unmittelbare  Folge  der  Anasthesie  in  diesem  Apparate 
sein  miisste.  Davon  wiirde  z.  B.  Immobilitat  des  Darmkanals  oder 
der  Ausfuhrungsgiinge  drusiger  Organe  etc.  abhangig  sein,  und  einen 
Kontrast  mit  dem  Excesse  der  Reflexaction  bilden,  welcher  die  Hy- 
perasthesieen der  sympathischen  Bahnen  begleitet.  Bei  Betrachtung 
der  Paralysen  werden  wir  hierauf  zuriick  zu  kommen  Gelegenheit 
haben. 


Zweite  Qrdnung. 

Amistlicslccn  tier  Centralorgane. 


Die  Anasthesieen  der  Centralorgane  offenbaren  sich  durch  Ab- 
nahme  oder  Yerlust  der  Empfindung  in  den  peripherischen  Bahnen 
und  durcb  gleichzeilige  Theilnahme  der  mit  andern  Energieen  be- 
gabten  Nerven. 

1.  Gatlung. 

Anasthesie  des  Riickenmarks. 

Je  nach  dem  Sitze  und  dem  Modus  der  afficirten  Leitung  machen 
sich  Unterschiede  in  den  Erscheinungen  geltend. 

Die  Granze  der  Yerletzung  ist  die  Griinze  der  Anasthesie:  nur 
diejenigen  Fasern  sind  der  Empfindung  verlustig,  welcbe  unterhalb 
und  von  der  betheiligten  Stelle  des  Rlickenmarkes  abtrelen.  Chirur- 
gische  Yorgiinge  geben  hieriiber  am  deutlichsten  Auskunft  (Ygl.  den 
ersten  Band  von  Ollivier  traite  des  maladies  de  la  moclle  epiniere), 
und  schliessen  sich  den  Experimenlen  an  lebenden  Thieren  an.  Bell 
fiihrt  ein  Paar  Beispiele  an,  wo  die  Kranken  auf  den  Unlerschied  des 

Gefiihls  in  den  aussern  und  innern  Theilen  aufmerksam  machten. 

« 

Die  Hautdecken  des  Bauches  waren  unempfindlich,  wahrend  die  Zu- 
sammendruckung  des  Magens  schmerzhaft  war,  weil  der  Yagus  ober- 
halb  der  Wirbelfractur  sich  befand  und  unverletzt  war. 

Lahmung  ist  der  gewohnliche  Begleiter  der  spinalen  Anasthesie, 
doch  sind  Falle  von  isolirtem  Verluste  der  Empfindung,  und,  was  be- 


SPINALE  ANASTHESIE. 


269 


merkungswerth  ist,  von  Beschrankung  der  Anasthesie  auf  einer  Seite, 
des  Motilitat- Verlustes  auf  der  andern,  beobachtet  worden.  Boyer 
erzahlt  davon  ein  Beispiel.  [Traitd  des  maladies  chirurgicales  T.  VII, 
p.  9.)  Ein  Soldat  wurde  durch  den  Wurf  eines  Sabels  am  obern  und 
bintern  Theile  der  rechten  Seite  des  Halses  verwundet,  und  von  Lah- 
mung  des  rechten  Arms,  bei  ungestdrter  Sensibilitat,  so  wie  auch 
von  Schwache  des  rechten  Beins  befallen.  Die  letztere  verlor  sich 
nach  einigen  Tagen,  die  erstere  dauerte  fort,  die  Extremitaten  der 
linken  Seite  hatten  ihre  vollkommne  Beweglichkeit,  allein  das  Ilaut- 
gefiihl  war  ganz  eingebiisst.  Auch  die  linke  Seite  der  Brust,  des  Un- 
terleibs,  des  Penis  und  Scrotum  war  unempfmdlich.  Im  Niveau  der 
vierten  Rippe  begann  wieder  die  normale  Sensibilitat.  Ein  Paar  ahn- 
liche  Falle  finden  sich  in  Ollivier’s  Werke.  (T.  I,  3.  edit.,  p.  360 
u.  509.)  Ein  andrer  von  Bell  istzuvor  (S.  226)  mitgetheilt  worden. 
Daraus  lasst  sich  sebon  eine  besondre  Statte  der  Sensibilitat  im  Riik- 
kenmarke  vermuthen  und  die  Versuche  an  lebenden  Thieren,  unter 
welchen  sich  die  von  van  Been  angestellten  durch  grossre  Genauig- 
keit  auszeichnen,  [Tijdschrift  voor  natuurlyke  Geschiedeniss  en  Phy- 
siologic door  van  der  Hoeven  en  de  Vriese.  VIlfde  DeeL,  3 Stub, 
p.  151  — 156)  haben  die  hintern  Strange  als  sensibeln  Apparat  des 
Riickenmarkes  nachgewiesen.  Die  Resultate  der  LeichenofFnungen 
scheinen  es  auch  zu  bestatigen:  so  hat  Montaulteine  Beobachtung 
von  Compression  der  hintern  Flache  der  Medulla  durch  eine  Hyda- 
tidengeschwulst  bekannt  gemacht,  wodurch  zuerst  auf  der  linken, 
dann  auf  der  rechten  Seite  die  Sensibilitat  allein  beeintrachtigt  wurde. 
(Ollivier  l.  c.  p.  468.)  Auch  kdnnen  dafur  die  negativen  Be- 
weise  von  ausschliesslichem  Verluste  der  Motilitat  bei  Desorganisation 
der  vordern  Strange  angef'uhrt  werden,  woruber  in  dem  Abschnitte 
uber  Paralyse  das  Niiliere. 

Ausser  der  Motilitat  wird  noch  die  trophische  Energie  der  Nerven 
bei  Anasthesie  des  Riickenmarkes  betheiligt.  Die  Circulation  wird 
triiger,  die  Warmeentwicklung  sinkt  unter  ihren  normalen  Stand, 
die  Hautausdiinstung  ist  vermindert,  die  Epidermis  desquamirt  reich- 


270 


SPINALE  ANASTHESIE. 


licher.  Kecht  deutlich  zeigt  sich  der  Einfluss  auf  den  Blutumlauf  in 
jener  merkwiirdigen  Er&cheinung,  welche  man  das  Absterben  ge- 
nannt  hat.  Die  Hande,  besonders  die  Finger,  gewohnlich  beider 
Hande,  werden  am  haufigsten  davon  befallen,  entweder  an  der  in- 
nern  Flache,  oder  in  den  Spitzen,  oder  in  ihrem  ganzen  Umfange. 
Blasse  oder  livide  Farbe,  Kiilte,  Unempfindlichkeit  sind  bis  zu  einer 
meistens  scharf  abgesetzten  Granzlinie  vorhanden.  Das  Tastgefuhl  ist 
dumpf,  doch  niclit  erloschen.  Nach  kurzrer  oder  liingrer  Dauer  keh- 
ren  Empfmdung  und  Warme  zuriick.  (Vgk  Reil’s  schone  Bemer- 
kungen  iiber  das  Absterben  einzelner  Glieder,  besonders  der  Finger, 
in  Reil’s  und  Autenrieth’s  Archiv  fur  die  Physiologie.  8.  Band, 
S.  59.)  Ich  habe  es  vorzugsweise  beim  weiblichen  Geschlechte  und 
im  Gefolge  der  Hysterie  beobachtet. 

Die  Anasthesie  des  Riickenmarkes  beschriinkt  sich  nicht  nur  auf 
das  Hautgefuhl,  sie  dehnt  sich  auch  iiber  die  andern  Gebiete  der 
Sensibilitat  aus.  So  ist  Unempfindlichkeit  der  Harnblase  und  des 
Mastdarms  ein  gewohnlicher  Begleiter  von  Riickenmarksverletzungen. 
Verlust  der  Sensibilitat  in  den  Genitalien  zeigt  sich  nicht  selteu,  und 
hat  einen  eignen  Namen,  Anaphrodisia,  erhalten.  Brachet  er- 
zahlt  von  einem  Paraplectischen,  der  das  Bediirfniss  der  Harn-  und 
Stuhlausleerung  gar  nicht  empfand,  sondern  es  nur  an  der  Ausdek- 
nung  des  Unterleibes  wahrnahm,  und  alsdann  mit  dem  Drucke  seiner 
Hande  die  Action  der  Bauchmuskeln  unterstiitzte:  eben  so  wenig 
batte  er  ein  Gefiihl  von  der  stattgehabten  Excretion.  Bei  dreimaligen 
Gonorrhoeen  war  der  Durchgang  des  Urins  ganz  schmerzlos,  und  die 
Entleerung  des  Saamens  ging  ohne  wolliistige  Erschiitterung  und 
Empfmdung  vor  sich.  Auch  bei  zwei  paraplectischen  Frauenzimmern 
War  der  Akt  des  Coitus  gefiihllos.  ( Recherches  experimenlales  sur  les 
fonclions  du  systeme  nerveux  ganglionaire  et  sur  leur  application  a 
la  pathologic.  Paris  1 830,  p.  238,  p.  253.) 

Das  Gesetz  der  excentrischen  Erscheinung  macht  sich  auch  in  der 
spinalen  Anasthesie  geltend.  Formication  und  schmerzhafte  Empfin- 
dungen  finden  sehr  oft  in  den  des  Hautgefuhls  verlustigen  Theilen  statt. 


SPINALE  ANASTHESIE. 


271 


Yon  besonderem  physiologischem  Interesse  ist  die  durch  diese 
Anasthesi6  nachgewiesene  zwiefache  sensible  Leitung  des  Riicken- 
markes.  Die  cerebrale,  be wnsstwerdende  Leitung  hort  bei 
Verletzungen  und  Krankheiten  dieses  Organs  auf,  sobald  dessen  Con- 
tinuitat  mit  dem  Gebirne,  durch  welchen  Anlass  und  an  welcher 
Stelle  es  auch  sei,  unterbrochen  wird,  wahrend  die  spin  ale  Leitung 
sensibler  Nervenfasern,  welche  im  Riickenmarke  einen  unbewussten 
Eindruck  und  Reflexbewegungen  vermittelt,  unterhalb  der  verletzten 
Stelle  fortdauert,  so  lange  die  Kraft  des  Centralapparats  nicht  erschopft 

ist,  daher  am  deutlichsten  zu  Anfang  der  Krankheit.  MarshallHall 

✓ 

theilt  ( Memoirs  on  the  nervoiis  system.  London  1837,  p.  G3)  den 
Fall  eines  1 Ojahrigen  Menschen  mit,  der  nach  dem  Sturze  von  einem 
Baume  eine  Paraplegie  zur'uckbehalten  hatte.  Die  untre  Halfte  des 
Rumpfes  und  die  Beine  waren  der  Sensibilitat  und  willkuhrlichen 
Bewegung  ganz  beraubt.  Dessenungeachtet  zogen  sie  sich  beim  Knei- 
fen  der  Haut  und  besonders  beim  Kitzeln  der  Fusssohle  mit  grosser 
Vehemenz  zuriick.  Dasselbe  geschah  beim  Anspritzen  kalten  Was- 
sers,  obgleich  die  Kalte  selbst  nicht  empfunden  wurde.  Das  eine  Bein 
befand  sich  stets  in  gebogner  Stellung  und  nahm  diese  sofort  nach 
jeder  Streckung  wieder  an.  Beim  Einbringen  des  Katheters  kam  der 
Penis  in  Erection,  und  zur  selben  Zeit  zogen  sich  die  Beine  in  die 
Hdhe,  wobei  ein  Zucken  ihrer  Muskeln  bemerkbar  wurde.  Bei  der 
LeichenofTnung  fand  man  den  Cervicaltheil  des  Riickenmarks  in  sei- 
ner Continuitat  beinah  getrennt.  Grainger  erwahnt  (observation# 
on  the  structure  and  functions  of  the  spinal  cord.  London  1837,  p. 
94)  eines  funfzehnjahrigen  Madchens,  dessen  untre  Extremitaten  in 
Folge  einer  Kyphosis  ohne  Gefiihl  und  Bewegung  waren,  allein  beim 
Kitzeln  der  Fusssohle  sich  augenblicklich  zur'uckzogen,  wiewohl  die 
Kranke  das  Kitzeln  selbst  nicht  gewahr  wurde.  Valentin  gedenkt 
einer  Frau,  die  an  so  betrachtlicher  Aniisthesie  der  untern  Extremi- 
taten litt,  dass  sie  sich  in  einem  heissen  Bade  die  Fusse  verbrannte, 
ohne  es  zu  fiihlen,  wo  aber  das  Kitzeln  der  Soldo  Reflexbewegungen 
des  ganzen  Fusses,  das'  Kitzeln  des  Fussriickens  nur  Bewegungen  der 


272 


SPI1NALE  ANASTHESIE. 


grossen  Zehe  veranlasste.  ( De  fund  ion  ib  us  nervorum  cerebral  turn  eic . 
p.  100,  33.)  Ich  babe  iihnliche  Erscheinungen,  in  cinem  nocb 

starkercn  Grade,  bei  eineni  von  Paraplegic  befullnen  Kranken  beobach- 
tet.  Das  Reiben  eirier  kleinen  Sidle  in  der  Niihe  des  linken  Trochan- 
ter,  welches  von  deni  Kranken  selbst  nicht  als  Friction  gef'uhlt  wurde, 
veranlasste  sofort  eine  starke  Extension  des  linken  Untersckenkels 
und  Fusses.  Begiessen  des  Ruckens  mit  kaltem  Wasser  erregte  die 
heftigsten  Contractionen  des  Rumpfes  und  der  untern  Extremitiiten. 

In  Betreff  der  Ursachen  und  Behandlung  verweise  ich  auf  die  Ex- 
position der  RuckenmarkSfLahmungen. 


«~o-ss 


3.  Gattuiig. 

Anasthesieen  des  Gehirns. 

-o-^S'S^5' 

Die  Aniisthesieen  sind  von  dem  Gehirn  entweder  als  Leitungsap- 
parat  der  Sensibilitat  oder  als  Organ  der  Perception  abhangig. 

Die  ersteren  kommen  seltner  vor  als  die  spinalen,  und  befallen  ge- 
wohnlich  die  Sinnes-  und  Hautgefiihlsnerven  und  die  motorischen 
Nerven  der  entgegengesetzten  Seite,  wo  die  Krankheit  ihren  Sitz  hat. 
Insbesondre  sind  es  Hamorrhagieen  des  Gehirnes,  als  deren  Vorlau- 
fer  und  Begleiter  Anasthesie  sich  einfindet.  Bei  Erweichungen  sind 
zuweilen,  nach  der  Norm  der  excentrischen  Erscheinung,  Schmerzen 
in  den  gefuhllosen  Theilen  vorhanden.  In  den  Fallen  mit  giinstigem 
Ausgange  kehrt  das  Gefuld  fruher  zuriick  als  die  Motilitat. 

Plaufiger  ist  die  cerebrale  Anasthesie  von  Hemmung  oder  Verlust 
der  Perception,  bei  bestekender  Leitungsfahigkeit.  Sie  ist  der  ge- 
wohnliche  Begleiter  der  Bewusstlosigkeit.  Am  deutlichsten  und  voll- 
standigsten  giebt  sie  sich  in  den  epileptischen  Anfiillen  kund,  fiir 
welche  sie  ein  pathognomoniscbes  Criterium  bildet.  In  ecstatischen  und 
soporosen  Afiectionen,  bei  Narcotisation,  wird  sie  mehrentheils  be- 
obachtet,  so  wie  auch  als  bestandiger  Zug  dcr  Ilirnagonie.  Ueber- 
wiiltigende  GemuthsatTecte  kbnnen  sie  ebenfalls  berbeifubren,  wovon 
unser  verewigter  Heim  ein  Paar  interessante  Fiille  mitgetheilt  hat. 
(S.  dessen  vermischte  medicin.  Scbriften,  S.  90.)  Endlicb  ist  die, 
wenn  auch  unvollkommne  Anasthesie  bei  Taubstummen  und  Blbd- 
sinnigen  zu  erwahnen,  die  oft  die  grausamsten  Sclbstverstuminelun- 
gen  crtragcn,  ohne  ein  Zcichcn  des  Scbmerzes  zu  verrathen. 

Romberg's  Nervenkrankh.  I.  18 


274 


CEREBRALE  ANA8THESIE. 


Es  giebt  aucli  eine  psycliische  Aniisthesie,  bei  iibrigens  gesun- 
der  Beschaffenheit  des  Gehirns,  welche  durch  Abwendung  der  Inten- 
tion entsteht,  und  in  so  fern  als  Kehrseite  der  psychischen  Hyper- 
asthesie,  der  Hypocbondrie,  betracbtet  werden  kann.  Die  haufigsten 
Beispiele  geben  die  Geschmacks-,  besonders  die  Ekel-Empfmdungen, 
von  denen  durch  ethnische  oder  andre  Verhaltnisse  die  Aufmerksam- 
keit  friihzeitig  abgelenkt  werden  kann.  Auch  tragt  ofters  mangelhafte 
geistige  Ausbildung  die  Schuld.  Die  Sinne  namentlich  bediirfen  einer 
Cultur,  und  wo  diese  versaumt  wird,  kann  die  Scharfe  der  Em- 
pfmdung  sicli  nicht  entwickeln,  und  Stumpfheit  macbt  sich  in  ver- 
schiednen  Abstufungen  geltend.  Und  so  mag  am  Schlusse  dieses  Ab- 

schnittes  die  Wichtigkeit  des  geistigen  Antheils  an  Sensationen  noch 

\ 

einmal  hervorgehoben  werden.  Darauf  beruhet  auch  die  sogenannte 
Perversitat  der  Empfindungen,  welche  einige  Autoren  als  eigne  Ab- 
theilung  der  Sensibilitat-Neurosen,  als  qualitative  Veranderungen, 
haben  aufstellen  wollen.  Wir  behalten  uns  deren  Erdrterung  fur  die 
Exposition  der  Logoneurosen  vor,  wo  sie  mit  grosserem  Rechte  ihre 
Stelle  finden. 


\ 


Verzeichniss  der  Druckfehler. 


Statl  Hyperaesthaesia,  Anaesthaesia,  Hyperasthasie,  Anasthasie  lies  bis  Seite 

121  Hyperaesthesia,  Anaesthesia,  Hyperasthesie,  An- 
iisthesie. 


Seite 

3 

Zeile 

15  von 

oben  statt  hygianen  lies  hygienen. 

- 

0 

- 

12 

- 

unten  st.  Jnsertionsende  1.  Insertionsstelle. 

- 

10 

- 

15 

- 

oben  st.  seiner  I.  seine. 

- 

10 

- 

10 

- 

- ist  hinter  Impetigo,  Trichoma  ausgelasscn. 

— 

38 

i 

,11 

— 

unten  st.  Prosopalgiae  Fothergilli  specimen  l.Neuralgiae 
Nervi  Quinti  specimen. 

- 

41 

- 

18 

- 

oben  st.  innrer  1.  immer. 

- 

45 

- 

17 

- 

- st.  Krankheiten  1.  Theilen. 

- 

87 

- 

0 

- 

- st.  radialis  und  ulnaris  1.  radialis. 

- 

92 

- 

9 

- 

unten  st.  ande  1.  ante. 

- 

108 

- 

5 

- 

- st.  hervorvorruft  1.  hervorruft. 

- 

173 

y* 

9 

- 

oben  st.  auspicke  1.  aushacke. 

- 

201 

10 

- 

- st.  erklarende  1.  erliiuternde. 

- 

237 

17 

- 

- st.  beobachtet  1.  beachtet, 

■ •'  ■'  ' 
- 


" 


Druck  von  Eduard  HacneJ 


. Berlin. 


Lehrbuch 


der 


Nervenkranklieiten  des  Mensclien 


Von 

Moritz  Heinrich  Romberg, 

Doctor  der  Medicin,  Ritter  des  rotlien  Adlerordens  dritter  Klasse  mit  der  Schleife 
Professor  und  Director  des  Konigliclien  Poliklinischen  Instituts  der  Friedricli- 
Wilhelms-Universitat  zn  Berlin. 


Cn ten  2/hcaideA  jwehe  <£Uh?iei(uuc). 


Berlin, 

Yerlag  von  Alexander  Duncker. 

Konigl.  Hofbuchhandler. 


1843, 


: I >t 


7. 


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. 


Die  Lelire 


der 


lIotilUnt-Nenroseii. 

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I 


Komlierg’s  N'ervcnkrnrlkb.  I.  2. 


19 


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Zweite  Klasse 

der 

UTervenkranklieiten. 

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Motilitat-Neurosen. 

Motilitat-Neurose  ist  der  Lebensvorgang,  in  welcliem  die  Action 
des  motorischen  Nerven  durch  Veranderung  seiner  Erregbarkeit 
von  der  Norm  abweicbt. 

Die  Action  des  motorischen  Nerven  oflenbart  sich  durch  Zu- 
sammenziebung  der  von  ihm  versorgten  Muskelfasern,  und  dieser 
ihr  Ausdruck  ist  es,  welch er  abnorm  erscheint,  gesteigert, 
Hypercinesis,  oder  vermin dert  und  erloschen,  Acinesis. 

Es  sind  demnach  zwei  organische  Apparate,  motorischer  Nerv 
und  contractile  Faser,  deren  Wechselwirkung  erforderlicb  ist,  und 
auf  welche  aucli  besonders  Riicksicbt  genommen  werden  muss. 
Die  Integrilat  der  Muskelfaser  — denn  das  contractile  Binde- 
gewebe  und  das  Gcwebe  der  Gefassbaute,  obgleich  aucli  von 
Nervcnerregung  abbiingig,  (S.  Ifenle  allgemcine  Anatomic,  Leipzig 
1841.  S.  377  und  519)  spielt  in  dcr  Lehre  der  Motilitatneurosen 
noch  eine  untergeordnete  Bolle  — ist  nothwendige  Bedingung 
der  Contraction  und  Bewegung:  dem  Nerven  gebricht  aller  Ein- 
(luss,  sobald  die  Muskelsubstanz  Veranderungen , wenn  aucli  nur 
feinere  microscopische , eingegangen  ist  (Valentin  de  funclionibus 
nervorum  ccrebralium  ct  nervi  sympatbici  p.  120). 


19* 


278 


MOTILITAT  - NEUROSEN. 


Die  immanente  Kraft  dcr  Muskelfaser,  Contraclilitiit,  wird  (lurch 
den  Nervenreiz  und  den  Rciz  des  arteriellen  Blutes  arigercgt. 
Der  Nervenreiz  ist  der  machtigere,  und  macht  sich  selbst  dann 
nocli  geltend,  wenn  der  Blutreiz  aufgehort  hat:  nicht  nur  Frosche 
hevvegen  sich,  hiipfen,  springen  eine  halbe  Stunde  und  langer 
nach  Herausnahme  des  Herzens,  auch  die  von  der  asphyctischen 
Cholera  befallenen  Menschen  fuhren  Bewegungen  aus.  Ich  sah 
Kranke  nach  m'einem  Hospitale  zu  Fuss  kommen,  dort  stehen, 
gehen,  ira  Bette  sich  aufrichten,  die  Arme  bewegen,  bei  vollkom- 
mener  Fulslosigkeit,  so  dass  selbst  in  den  wahrend  des  Lebens 
geoffneten  Arterienstammen  der  Extrcmitaten  statt  der  Blutwelle 
nur  ein  diinnes  faseriges  Concrement  angetroffen  wurde. 

Die  physiologischen  Gesetze  der  die  Contractilitat  anregenden 
Nerven  mussen  der  Lehre  der  Motilitatneurosen  zur  Basis  die— 
nen.  Es  sei  daran  erinnert,  dass  die  Anregung,  aus  wel- 
ch er  Quelle  sie  auch  komme,  nur  auf  motorischerBahn 
zum  Muskei  gelangt.  Die  sensible  Nervenfaser  regt  die  Con- 
tractilitat nicht  an,  mag  sie  mechanisch,  chemisch,  electrisch,  in 
nocli  so  starkem  Grade,  wofern  nur  isolirt,  gereizt  werden,  wie 
es  Versuche  am  N.  infraorbitalis , lingualis  etc.  bew^isen.  Dem- 
nachst  ist  die  fiir  peripherische  Bahnen  mo  tori  seller 
Nerven  giiltige  Norm  der  isolirten  und  centrifugalen 
Leitung  von  der  grossten  Wichtigkeit.  So  wie  vermoge  dcr 

erstern  nur  in  der  von  dem  reizenden  oder  hemmenden  Anlasse 

% 

getroffnen  Nervenfaser  die  motorische  Energie  gesteigert  oder 
aufgehoben  wird,  ohne  Betheiligung  dcr  nocli  so  nahe  angran- 
zenden  Fasern,  so  erstreckt  sich  wegen  der  centrifugalen  Tendenz 
des  motorischen  Agens  die  Wirkung  nicht  riickwarts  auf  die 
oberhalb  der  bethciligten  Stelle  abtretenden  Nervcnfasern.  Den 
Centralorganen  dagegen  kommt  die  Mittheilbarkeit,  die  mo- 
torischc  Irradiation,  als  Attribut  zu,  so  wold  von  sensibeln 
Fasern  auf  motorische  ( B.cflexbewegungcn)  als  von  motorischen 
Fasern  auf  motorische  (Mitbewcgungcn). 


M OTILITAT  - NEUROSEN. 


279 


Ausser  dem  Leitungsvcrmbgcn  sind  es  die  Verhaltnisse  der 
motorischen  Erregbarkeit  und  Erregung,  welche  fur  die  Patho- 
logic der  Motilitatneurosen  aufgefasst  werden  m'ussen.  Die  Cen- 
tralorganc  sind  die  Quelle  der  Erregbarkeit  fur  die  periphcrisclicn 
Bahnen:  ein  ausser  Zusammenhang  mit  denselben  gesetzter  mo- 
torischcr  Nerv  verliert  seine  Incitabilitat,  so  wie  er  auch  Veriin- 
derungen  seiner  Structur  eingeht  ( Henle  1.  c.  S.  771).  Das  Riik- 
kenmark  scheint  hauptsachlich  diese  Quelle  herzugeben,  wie  aus 
den  Beobachtungen  von  Anhaufung  der  motorischen  Erregbarkeit 
bei  Hemmung  der  Cerebrallcitung  hervorgeht  (Marshall  Hall , on 
the  diseases  and  derangements  of  the  nervous  system.  London 
1841.  p.  207 — 223).  Die  Mittheilung  dcr  Erregbarkeit  durch  ein 
eigenthumliches  Agens,  die  motorische  Kraft,  mittelst  Undulation 
oder  Oscillation,  oder  auf  welche  Weise  man  es  sich  vorstellen 
mag,  schliesst  das  Vorhandensein  einer  Ruhe  im  motorischen 
Nerven  aus:  seine  Thatigkeit  perennirt  im  gesunden  Zustande, 
wie  die  des  sensibeln  Nerven  (S.  184),  wird  durch  Reize  nicht 
erst  hervorgerufen,  sondern  nur  verstarkt  oder  modificirt.  Hier- 
durch  werden  die  Muskeln  im  Wachen  und  im  Schlafc  stets  in 
eincm  Mittelzustande  der  Contraction,  Spannung,  Tonus  genannt, 
erhalten,  welcher  bei  Yerfall  und  Zerstorung  der  Centralorgane 
aulhbrt,  daher  die  Erschlaffung  der  Sphinctercn  und  das  Her- 
unterfallen  der  aufgehobencn  Glieder  wie  am  Leichname  eine  so 
schlimme  Vorbedeutung  haben.  Von  den  Centralorgancn  gehen 
auch  die  machtigsten  Reize  zur  Erregung  motorischer  Nerven 
aus,  der  cerebrale  und  spinalc  Antricb.  Die  psychischen  Actionen, 
Wille,  Vorstellungen,  AfTecte  geben  den  ersten,  die  unbewusste 
.Anregung  motorischer  Thatigkeit  durch  sensible  Rcizung,  welche 
iin  neuerer  Zeit  den  Namen  Reflexaction  bekommen  hat,  den  zweiten. 

K 

Die  gegenseitigen  Beziehungen  dieser  Erregungen  sind  ein 
CGcgenstand  von  grosser  Wichtigkeit,  dcssen  Untersuchung  durch 
iExperimente  an  Thicrcn  zwar  vorbercitet,  allein  nur  durch  ge- 
nauc  Beobachtung  am  Menschcn  gefordert  werden  kann.  Es  wird 


v 


280 


MOTIL1TAT  NEUROSEN. 


aus  den  folgenden  Schilderungen  hervorgehen , wie  dutch  das 
Aufhoren  dcr  im  gesunden  thierischen  Haushalte  obvvaltenden  Sta- 
lik  dieser  Erregungen  pathische  Zustande  ihren  Ursprung  nehmen. 

Endlich  ist  es  die  Form  der  Erregung  motorischcr  Nerven, 
welche  durch  eigenthumliche,  wenn  auch  zum  grossen  Theile  noch 
unbekannte  Einrichtungen  in  den  Centralapparaten  prastabilirt  ist. 
Der  Antagonismus,  die  Statik,  die  Coordination  der  Bewegungen 
sind  hiervon  abhiingig.  An  den  unsymmetrischen,  aber  harmonischen 
Bewegungen  sehender  Augen  haben  wir  einen  Beweis,  wie  trotz 
des  Vorhandenseins  symmetrischer  Nerven  und  Muskeln  die  Be- 
wegung  von  einer  durch  sensuelle  Erregung  bedingten  Statik 
geleitet  wird. 


I 


U 10  i ; 


i 


Erste  Abtheilung. 

Hypercineses. 

Krampfe. 

* 

»3SC<a 


Der  allgemeine  Karakter  ist  Exaltation  der  Erregbarkeit  rao- 
torischer  Nerven  mit  dem  Symbole  gesteigerter  Muskelcontraction. 

Missverhaltnisse  in  den  Erregungen  der  rnotorischen  Nerven, 
so  wie  in  den  raumlichen  und  zeitlichen  Momenten  der  Muskel- 
contraction  bezeichnen  die  krampthaften  Bewegungen. 

Die  den  Krampferregungs-Zustand  des  rnotorischen  Nerven 
objectivirende' Muskelcontraction  erscheint  zwar  wie  die  normale 
in  lliichtig  wechsclnden  oder  beharrlichen  Ziigen,  als  Bewegung 
oder  Stellung  (clonischer  oder  tonischer  Krampf),  jedoch  mit  ab- 
normem  Modus  und  Rhythmus.  Die  unter  sympathischem  Ner- 
veneinflusse  stehendcn  Muskeln  zeigen  es  am  deutlichsten.  Der 
Umlauf  ilirer  Bewegung  wird  ein  anderer:  so  ziehen  sich  im 
Herzkrampf  die  Vcntrikel  mehrercmal  zusammen,  ehe  eine  Con- 
traction der  Vorhofe  erfolgt,  und  die  Contractionen  selbst  finden 
mit  ungleichen  Intervallen  statt.  Der  Cyclus  der  Krampfwehen 
ist  vcrschiedcn  von  dem  normalen:  die  Wche  steigt  jahlings  auf 
iliren  Gipfel,  hat  ein  lariges  Stadium  dcr  Ilohc,  ein  schr  kurzes  der 
Abnahme:  die  Contraction  des  Uterus  ist  partiell , ungleichmassig, 
seine  Lagc  und  Form  siud  veriindert.  In  den  Darmkrampfen  wcrden 


✓ 


282 


IIYPERCINESES. 


die  Wcllen  der  Bewegung  schr  oft  r'uckgangig,  antiperistaltiscli. 
Die  mit  eincm  Sphincter  versehenen  Organe  sind  nicht  selten  von 
einem  Krampfe  befallen,  in  welcliem  der  Antagonismus  ihrer  Be- 
wegungen  aufgehoben  ist,  so  in  dem  Vereine  von  Ilarndrang  und 
Harnzwang,  von  Stuhldrang  und  Stuhlzwang.  In  den  von  cere- 
brospinalen  Nerven  versorgtcn  Muskeln  des  animalischen  Leibes 
hat  man  die  raschen,  momentan  auf  einander  folgendcn  Zusam- 
menziebungen,  die  zuckcnde  Bewegung,  als  Criterium  des  Kram- 
pfes  festgesetzt,  allein  wegen  Unkenntniss  mancher  Krampfformen 
ist  dem  zeitlichen  Verhiiltnisse  der  Contraction  ein  zu  grosser 
Werth  beigelegt  worden:  in  den  coordinirten  und  statischen  Krlim- 
pfen  findet  keine  zuckende  Bewegung  statt,  obgleich  die  cerebro- 
spinalen  Nerven  ausschliesslich  Sitz  derselben  sind.  Ueberhaupt 
ist  man  nur  zu  sehr  geneigt  bei  Auffassung  der  Krampfe  die 
Contraction  der  Muskeln  einseitig  zu  beachten,  ohne  der  gleich- 
zeitigen  Erschlaffung  anderer  Muskelgruppen  ilir  Recht  wider- 
fahren  zu  lassen,  obgleich  schon  Bell  hierauf  aufmerksam  gemacht 
hat  (Physiol,  u.  pathol.  Untersuch.  des  Nervensystems.  S.  169.). 
Diese  Erschlaffung,  die  von  Immobilitat  und  Paralyse  verschieden 
ist,  kann  auch  primar  sein,  und  den  Grund  der  krampfhaften  Con- 
traction des  Antagonisten  abgeben:  beim  Strabismus  divergens 
hat  das  Cauterisiren  des  M.  rectus  intern.,  so  wie  des  externus 
beim  Strab.  convergens  oftmals  einen  gliicklichen  Erfolg.  Eine 
Erscheinung,  die  hier  noch  erwahnt  werden  muss,  ist  das  Mus- 
kelgerausch,  das  von  Wollaston  und  Erman  entdeckt,  auf  des 
Letztern  Wunsch  von  Laennec  auscultatorisch  untersucht  worden 
ist.  In  den  tonischen  Krampfen  fehlt  es  meistens,  und  wo  es 
vorhanden,  ist  es  schwach.  Bei  mehreren  von  Trismus  befallenen 
Kranken  hat  es  Laennec  in  den  Kau-  und  Schlafmuskeln  nicht 
wahrnehmcn  konnen  (Traitd  de  F auscultation  medicale.  4.  edit. 
Paris  1837.  T.  III.  p.  87).  Zu  unterscheiden  ist  von  der  krampf- 
haften Contraction  des  Muskels  die  als  Residuum  des  krampfhaf- 
ten Prozesses  zuriickbleibcnde  Vcrkurzung  des  Muskels.  Aus  der 


HYPERCJNESES. 


283 


genauern  Beobachtung  der  Klumpfusse,  des  Schielens  und  analoger 
Zustiinde  stellt  sicli  heraus,  dass  sich  die  MuskelafTcction  vollstiindig 
von  der  Ursache,  die  sie  erzeugt  hat,  isoliren  kann,  ein  Umstand, 
auf  den  Stromeyer  die  Aufmerksamkeit  gelenkt  hat  (Beitriige  zur 
operativen  Orthopadik.  Hannover  1838.  S.  12.),  und  welcher  1’ur 
Deutung  nnd  Behandlung  der  Motilitatneurosen  von  YVichtigkeit  ist. 

Die  Statik  der  Erregungen  wird  gestort  1)  zwischen  leitendcn 
Bahnen  und  Centralorganen,  indem  jene  durch  Einiluss  von  Rci- 
zen  den  Heerd  einer  Erregung  abgeben,  welche  dem  ccrebralen 
oder  spinalen  Antriebe  entgegenwirkt,  2)  zwischen  den  fur  die 
motorischen  Nerven  adaquaten  Erregungen  des  Riickenmarks  und 
Gehirns,  entweder  durch  Vorherrschen  der  einen  und  Uebenviil- 
tigung  der  andern,  wovon  die  Reflexkrampfe  ein  Beispiel  gebcn, 
oder  durch  Hervortreten  und  Freiwerden  der  einen  bei  Stillstand 
und  Yerfall  der  andern,  wie  die  epileptischen  Zustande  bekunden. 

Auf  dieser  Statik  der  Erregungen,  als  physiologischer  Basis, 
griinde  ich  die  Eintheilung  der  Kriimpfe,  und  unterscheide : 

I.  Ordnung'. 

Kriimpfe  von  Erregung  der  motorischen  Nerven  als 

Conductor  en. 

1.  Galtung,  der  cerebrospinalen  Bahnen,  in  ihrem  peripherischen 

oder  centralen  Laufe. 

2.  Galtung , der  sympathischen  Bahnen,  in  Betreff  deren  es  jedoch 

noch  unentschieden  ist,  ob  nicht  ihren  Ganglien  die 
centrale  Kraft  dcr  Irradiation  einwohnt. 

II*  Ordnung. 

Kriimpfe  von  Erregung  der  Centralapparate. 

1.  Galtung , des  Riickenmarks. 

a)  Kriimpfe  abhiingig  von  demselben  als  combinirendem 
Apparate. 

b)  Kriimpfe  von  gesteigerter  Rellexaction. 

c)  Kriimpfe  von  abnormer  Production  des  motorischen 
A gens. 


284 


HYPERCINESES. 


2.  Galliing,  des  Gehirns. 

a)  Statische  Krampfe. 

b)  Coordinirte  Krampfe. 

c)  Psychische  Krampfe. 

Unter  den  Beziehungen  der  motorischen  Energie  zu  den  an- 
dern  Nervenenergiecn  in  den  Krampfen  richtet  zuerst  das  Ver- 
haltniss  zur  Scnsibilitat  unsern  Blick  auf  sicli.  Die  Empfindung 
der  Muskelaction , welche  bewusstwerdend  uns  das  Gefuhl  der 
Bewegung,  der  Rulie,  der  Ermiidung  giebt  (S.  84  u.  88.),  fin- 
det  auch  in  Betreff  der  Krampfe  statt.  Nach  einem  epilepti- 
sehen  Anfalle  klagt  der  Kranke  iiber  Ermattung  und  Zerschlagen- 
lieit  seiner  Muskeln.  Wie  aber  der  gesunde  Mensch  einer  psy- 
cliischen  Intention  bedarf,  um  im  Gewiihle  der  Muskelbewegungen 
die  Empfindung  einzelner,  z.  B.  der  respiratorischen , zu  percipi- 
ren,  so  ist  dies  auch  in  krampfhaften  Zustanden  der  Fall,  und 
was  man  hierbei  der  Gewohnheit  zur  Last  legt,  ist  vielmehr  dem 
Mangel  an  gescharfter  Aufmerksamkeit  zuzuschreiben.  Es  zeigt 
sich  dies  besonders  deutlich  in  den  cerebralen  Krampfen,  in  den 
coordinirten,  in  den  psychischen,  wo  Muskelbewegungen  und  An- 
strengungen  in  einem  Grade  und  mit  einer  Dauer  ausgehalten 
werden,  wie  es  der  kraftigste  Gesunde  nicht  vermag:  dock  macht 
sich  auch  hier  endlich  das  Gefuhl  der  Erschopfung  und  das  Bc- 
diirfniss  der  Rulie  geltend.  Anders  aber  verkalt  es  sich,  wo  die 
Contraction  Contractin’  geworden,  wo  die  Verkiirzung  der  Mus- 
kelfasern  als  Produkt  friiheren  ICrampfes  zur'uckgeblieben  ist: 
da  wird  keine  Ermiidung,  auch  bei  regcr  Intention,  empfunden, 
mag  der  Zustand  das  gauze  Leben  hindurch  andauern.  Aus- 
scr  dem  Muskelgefuhl  ist  in  Krampfen  die  sensible  Synergic 
zu  bcachten,  der  mit  der  Contraction  gleichzeitige  Schmerz  und 
andcre  Modificationen  der  Empfindung  im  Muskel  sclbst  oder 
in  benachbarten  Gebildcn.  So  begleitet  heftiger  Schmerz  den 
Krampf  des  Sphincter  ani,  die  tetanischen  Kriimpfe,  und  fast  im- 


HYPERCINESES. 


285 


mcr  den  Krarnpf  der  von  sympathischcn  Ncrvcn  versorgten  Mus- 
kcln,  deren  Contraction  im  gesunden  Zustande  vnicht  gefuhlt  wird, 
des  Ear  ms,  der  Urinblase;  Angst  ist  Bcgleitcr  des  Herzkram- 
pfes  u.  s.  f.  Diese  Synergic  ist  nur  selten  die  Folge  einer  durch 
die  Contraction  veranlassten  mechanischen  Reizung  der  dem  Mus- 
kel  angehorigen  oder  durch  sein  Gevvebe  verlaufenden  sensibeln 
Nerven;  gewohnlich  ist  sie  von  simultaner  Erregung  sensibler 
und  motorischer  Fasern  in  peripherischer  oder  centraler  Balm 
abhangig.  So  entstehen  die  sclimerzhaftcn  Wadenkriimpfe  durch 
Zerrung  und  Druck  des  Uterus  oder  der  Gedarme  auf  den  Ple- 
xus ischiadicus,  so  die  starken  Schmerzen  in  den  Krampfen  bei 
der  Meningitis  spinalis.  Eine  intercssantc  Erscheinung  ist  der  aul 
einen  von  dem  Sitze  der  krampfhaften  Contraction  entfernten 
Hautnerven  rellectirte  Schmerz,  der  nach  Durchschneidung  des 
Muskcls  aufhort,  z.  B.  der  Knieschmerz  bei  Contractur  der  Fle- 
xoren  des  Oberschenkels,  der  Schmerz  beim  Krarnpf  des  Sterno- 
cleidomastoideus  im  Hinterhaupt  und  Nacken,  worauf  Stromeyer 
aufmerksam  gemacht,  und  ein  neuro-physiologisches  Gesetz  zu 
basiren  sich  bemiiht  hat,  dass  die  Erregung  motorischer  Nerven 
stets  mit  einer  gleichzeitigen  Erregung  sensitiver  Nerven  combi- 
nirt  sei  (a.  a.  0.  S.  113).  Von  den  Centralorganen , dem  Ge- 
hirne  oder  Riickenmarke,  entspringt  auch  meistens  diejenige  Em- 
pfindung,  welch,e  nach  der  Norm  der  excentrischen  Erscheinung 
sich  ofTenbarend,  Krampfen,  epileptischen , hysterischen,  der  Hy- 
drophobic , den  Anfallen  des  Keucbhustens  vorangeht,  und  unter 
dem  Namen  der  Aura  bekannt  ist.  AHcin  nicht  bloss  durch  Stei— 
gcrung  und  in  synergischem , sondern  auch  in  antagonistischem 
Verhaltnisse,  durch  Abnahme  der  Empfmdung,  durch  Erstarrung, 
Aniisthesie,  giebt  sich  dcr  Anlheil  der  sensibeln  Nerven  kund,  z.  B. 
in  der  Kriebelkrankheit,  wo  Gefuhllosigkeit  und  Formication  mit 
den  Krampfen  verbunden  ist.  Clcirus  erwahnt  einer  epileptischen 
Kranken,  deren  Anfallc  jcdcsmal  mit  cinem  Erblassen,  Erstarren 
und  Erkallen  der  linken  Hand  anfingen,  so  dass  diese  das  Ause- 


28C 


HYPERCINESES. 


lien  cincr  Todtenhand  lmtte  (dor  Krampf  in  patholog.  u.  thera- 
peut.  Hinsicht  systematisch  crliiutert.  Leipzig  1822.  S.  47).  Nur 
selten  eatsteht  bei  Krampfen  die  Amisthesic  auf  mechanische 
Weise  in  Folge  von  Compression  sensibler  Nervcn  durcli  die 
Muskelzusammenziehung,  wie  ich  in  einem  Falle  den  Krampf  des 
Sternocleidomastoideus  und  der  Scaleni  von  Aniisthesie  des  Arms 
begleitet  gesehen  habe. 

2)  Die  Bezieliung  der  motorischen  Nerven  zu  den  trophischen 
(S.  8.)  giebt  sich  in  den  Krampfen  durch  Erscheinungen  in  den 
Capillargefassen  und  in  den  Secretionen  der  Driisen  kund.  Von 
den  ersteren  sind  das  veranderte  Colorit  und  die  Blutungen  ab- 
hangig.  So  wird  im  Hautkrampfe  die  Farbe  blass;  in  der  Eclam- 
psia puerorum,  im  Trismus  der  Neugebornen  spielt  die  Blasse  im 
Umkreise  der  Lippen  und  Augen  in’s  Blauliche,  an  den  Nasen- 
fliigeln  in’s  Gelbliche.,  Clarus  sail  bei  einem  jungen  Madchen, 
das  wahrend  der  Pubertiit-Entwickelung  an  krampfhaften  Zufallen 
lift,  jedesmal  bei  Annaherung  des  Anfalls  in  der  Gegend  der  Stirn, 
Augen  und  Nase  eine  scharf  umschriebene  Blasse  der  Haut,  so 
wie  man  unter  andern  Umstanden  eine  circumscripte  Rothe  be- 
merkt  (a.  a.  O.  S.  4G).  Mit  der  Blasse  ist  meistens  Abnahme 
der  Warme  verbunden,  wie  es  in  den  hysterischen  Krampfen  und 
im  Tetanus  der  Fall  ist.  Die  Blutungen  erfolgen  gewohnlich  aus 
den  subcutanen  Gefiissen:  so  zeigen  sich  in  den  epileptischen 
Paroxysmen  haufig  Ecchymosen  im  Gesichte,  von  dem  Anse- 
ben  der  Purpura,  auch  bei  gelinden  JZuckungcn  der  Gesiclits- 
muskeln,  wie  ich  ofters  beobachtet  babe,  so  dass  ein  Zerreissen 
kleiner  Gefasse  durch  die  Heftigkeit  der  Convulsionen  nicht  an- 
zunehmen  ist.  Seltner  sind  Blutergiessungen  aus  den  Gefiissen 
der  Schleimhaute.  Unter  den  secernirenden  Organen  werden 
besonders  die  Nicren  und  die  Haut  betheiligt.  Der  in  grossercr 
Quantitiit  gelassene  farblose,  wasserhelle,  durch  die  sehr  gcringc 
Menge  fester  Bestandtheile  ausgezeichnetc  Harn,  wie  er  in  den 
hysterischen  Anlallen  beobachtet  wird,  hat  den  Beinamen  des 


/ 


HYPERCINESES. 


287 


krampfhaften  erhalten.  Die  Schweissdriisen  der  Haut  sondern 
starker  ab,  am  reichlichsten  im  Tetanus  bei  gesunkener  Tempe- 
ratur.  Die  Gaserzeugung  im  Darmkanal  ist  haufig  vermelirt,  zu- 
mal  in  der  Hysterie  und  Epilepsie.  In  manchen  Krampfaffectio- 
nen  sind  es  bestimmte  Driisen,  deren  Absonderung  reichlicher 
von  statten  geht,  in  den  hysterischen  Antallen  die  Thriinen-,  in 
der  Hydrophobie  die  Speicheldriisen.  Zur  Deutung  des  Yerhalt- 
nisses  dieser  trophischen  Phanomene,  ob  es  ein  synergisches  oder 
antagonistiscbes  ist,  fehlt  der  physiologische  Halt. 

3)  Die  Beziehung  der  Krampfe  zur  psychischen  Energie  ist 
verschieden,  je  nachdem  dieselben  von  Erregung  der  motorischen 
Nerven  als  Conductoren  oder  von  Erregung  der  Centralapparate 
abhiingig  sind.  Dort  zeigt  sich  keine  psychische  Riickwirkung, 
bei  noch  so  langer  Dauer  des  Krampfes,  hier  fehlt  sie  selten, 
wie  sich  aus  der  Schilderung,  der  Hysterie,  der  tetanischen  Af- 
fection, der  psychischen  Krampfe  ergeben  wird. 

Das  Verhalten  der  motorischen  Erregbarkeit  in  den  Krampfen 
ist  in  pathologischer  und  therapeutischer  Beziehung  von  Wichtig- 
keit.  Sie  wird  wie  die  sensible  Erregbarkeit  durch  die  Reizung 
' erschopft,  daher  das  Aussetzen  der  Krampfe  trotz  der  Permanenz 
des  Reizes.  Diese  Erschopfung  ist  entwcder  andauernd,  und 
Lahmung  und  Tod  sind  die  Folge,  wie  es  in  den  Krampfen  von 
abnormer  Erregung  der  Centralapparate  offers  der  Fall  ist,  wo 
selbst  der  Rigor  mortis  wegen  der  crloschcnen  Reizbarkeit  der 
Muskeln  fruher  eintritt  als  unter  andern  Umstanden,  so  class  Briicke 
(lib.  d.  Ursache  d.  Todtenstarre  in  Muller  s Archiv  1842  S.  185) 
die  mit  Strychnin  vergifteten  warm-  und  kaltbliitigen  Thiere  acht- 
mal  fruher  starr  werden  sail,  als  Thiere  von  derselben  Art,  welche 
durch  Yerblutung  oder  durch  Zcrstorung  des  Gehirns  getodtet 
waren,  oder  die  Erschopfung  ist  voruhergehcnd,  mit  Ersatz  der 
Kraft  von  den  Centralorganen  aus.  Doch  muss  auch  hier  die 
Muskelcontraction  als  Symbol  der  Ncrvenerregung  von  der  Mus- 
kelvcrkiirzung  als  Krampfresiduum  und  als  Phanomen  der  Con- 


2 88 


HYPERCINESES. 


tractilitiit  untcrschieden  wcrden.  Jc  ergicbiger  die  Quelle  der 
Erregbarkeit,  dcsto  schncller  folgt  die  Reaction  auf  die  Reizung 
(erclhische  Kriimpfe),  jc  diirftiger,  desto  trager  (torpide  Kriimpfe). 
Welchen  Antheil  die  Muskelerregbarkeit  selbst  hieran  hat,  vvissen 
wir  nicbt:  es  fehlen  die  Kcnnzeichen  der  grossern  oder  geringeru 
Empfanglichkeit  der  Contractilitlit  fur  den  Nervenrciz.  Von  pe- 
riodischer  Zu-  und  Abnahme  der  motoriscben  Erregbarkeit,  welche 
vom  Cyclus  der  Planeten,  der  Lebcnsalter,  gewisser  Bildungsvor- 
gange  und  pathischer  Processe  abhangig  sind,  zeugen  die  typiscben 
Kriimpfe.  Die  anhaltende  Steigerung  der  Erregbarkeit  giebt  sich 
in  den  Kriimpfen  dadurch  zu  erkennen,  dass  motorische  Entla- 
dungen  sowold  von  selbst,  als  auf  jeglichen  Reiz  erfolgen. 

Nachst  der  Erregbarkeit  sind  die  Modificationen  der  Erregung 
im  Krampfe,  je  nach  Verschiedenheit  des  einwirkenden  Reizes, 
zu  beachten.  Zuvordcrst  kommt  sein  topisches  Verhiilniss  in  Be- 
tracht.  Hat  der  Reiz  in  dem  peripherischen  Laufe  motorischer 
Nerven  seinen  Sitz,  so  erfolgt  eine  auf  ein  Aggregat  von  Muskcl- 
fasern  isolirte  Bewegung,  die  in  den  von  cerebrospinalen  Nerven 
versorgten  Muskeln  rascli  verlauft,  und  den  Anschein  ciner  simul- 
tanen  Contraction  (der  Zuckung)  bat,  jedoch  nach  Bowman  eben- 
falls  aus  abwechselnden  Acten  von  Zusammenziehung  und  Er- 
schlaffung  der  einzelnen  Partieen,  wie  die  peristaltische  Bewegung, 
besteht  (Philosoph.  transact.  1841.  Pars  I,  p.  72).  In  der  Menin- 
gitis der  Hirngrundllachc  bietet  sich  nicht  selten  Gelegenheit  dar, 
solche  Convulsionen  durch  Reizung  peripherischer  Nerven  zu  be- 
obachten,  wovon  in  der  Beschreibung  des  Strabismus  ein  Paar 
Beispiele  angefiihrt  sind.  Hat  der  Reiz  in  den  Centralapparatcn 
seinen  Sitz,  so  kann  zwar  auch  die  motorische  Fascr  isolirt  er- 
regt  werden,  \yie  es  schon  der  Einfluss  des  Widens  und  der  Re- 
llcxreiz  nezeugcn,  allein  wegen  der  centralen  Mittheilbarkeit  is! 
moistens  die  Summa  der  Erregungen  grosser,  und  was  besonders 


karakteristisch  ist,  von  eigenthiiinlichen  centralen  Anordmmgcn 
motorischer  Primilivfascrn  ist  die  Form  der  Erregung  abhangig, 


HYPERCINESES. 


289 


welche  sich  (lurch  bestimmte  Combinationen  und  Reihenfolgen 
von  Bewegungen  kundgiebt,  die  niemals  bci  Reizung  peripheri- 
scher  Bahnen  zum  Vorschein  kommen.  So  ist  die  antagonistische 
Bewegung  im  Riickenmarke  prastabilirt , und  von  dort  geht  die 
Errcgung  zu  antagonistischen  Contractionen  (Strecken  — • Beugcn, 
Oeffnen  — Schliessen,  Adduction  — Abduction  etc.)  in  den  clo- 
nischen  Kriimpfen,  z.  B.  in  der  Eclampsie,  aus.  So  ist  die  Com- 
bination verschiedener  Muskelgruppen  zur  Gleichzeitigkcit  oder 
scbnellen  Succession  ihrer  Bewegungen  im  Riickenmarke  vorge- 
bildct,  und  die  Erregung  zu  associirten  Contractionen,  wie  sie 
die  Chorea,  die  Athemkriimpfe  darbieten,  hat  dort  ihren  Ursprung. 
Die  Experimentalphysiologie  hat  im  Gehirne  einzelne  Gebilde 
kennen  gelehrt,  von  welchen  die  Statik  der  Bewegungen  abhan- 
gig  ist,  und  mit  deren  einseitiger  Erregung  das  Gleicbgewicht 
aufgehoben,  und  der  Korper  nach  gewissen  Richtungen  bewegt 
wird.  Die  Form  der  Schwindelkrampfe  wird  hierdurch  bedingt. 
Auf  diesc  Weise  haben  die  physiologischen  Fortschritte  wesent-  , 
lich  dazu  beigetragen  die  Ivenntniss  der  Krampfe,  in  welcher  man 

friiherhin  nicht  iiber  den  Unterschied  in  clonische  und  tonische 

* 

hinausgekommen  war,  zu  erweitern. 

Ausser  dem  Sitze  hat  die  Art  des  Reizes  auf  die  motorische 
Erregung  in  Kriimpfen  Einfluss.  Schon  im  gesunden  Zustandc 
hat  man  einen  Unterschied  in  den  Erregungen  des  Reflex-  und 
Willensrcizcs  aufzufinden  sich  bemiiht,  jedoch  mit  Unrecht  ihn 
in  den  Mangel  oder  das  Vorhandensein  von  Zweckraassigkeit  der 
Bewegungen  gesetzt.  Das  Karakteristische  der  Reflexbewegung 
ist  ihre  Abhangigkeit  von  dem  Reize,  sowolil  im  Allgemcinen, 
als  auch  in  den  einzelnen  Momenten,  in  der  Intensitat,  in  der 
Dauer,  in  dem  Sitze.  Eine  von  mir  bcobachtctc  einfache  Er- 
schcinung  diene  zur  Erlauterung.  Wenn  man  bci  Kindern,  deren 
Scrotum  schlaff  ist,  an  der  innern  Fliiche  des  Obcrschenkels  mit 
dem  Finger  andriickt,  so  ziclit  sich  der  Testikel  dcrsclbcn  Seitc 
in  die  Hohe,  in  Folge  einer  Reflexaction  von  den  Ilaufcnerven- 


290 


HYPERCINESES. 


fasern  dcs  Cruralis  auf  die  motorischen  Ngrvenfasern  des  Cremaster. 
Driiokt  man  den  Finger  etwas  stiirkcr  an,  so  tritt  die  Bewegung 
raseher  und  heftiger  ein,  und  die  Contraction  des  Cremaster  halt 
gleiche  Zcit  mit  dem  Druckc.  Stellt  man  den  Versuch  abweeh- 
selnd  auf  beiden  Seiten  an,  so  erfolgt  die  Bewegung  liinger,  als 
wenn  man  durch  haufige  Wiederholung  auf  einer  Seite  die  Er- 
regbarkeit  erschopft.  Die  Dependenz  der  Kriimpfe  yon  aussern 
Reizen  ist  bei  der  krankbaften  Steigerung  der  Rellexerregbarkeit, 
in  der  Hysterie,  im  Tetanus,  in  dcr  Hydrophobic  am  grbssten, 
und  in  der  letztern  sind  es  die  integrirenden  Lebensreize,  Luft 
und  Wasser,  welche  die  Kriimpfe  hervorrufen.  Auch  die  Bezie- 
liung  der  centripetalen  Reizung  zu  bestimmten  motorischen  Bah- 
nen  ist  beachtungswerth , und  in  diagnostischer  Hinsicht  wichtig: 
unter  alien  Nerven  geben  Quintus  und  Vagus  den  ergiebigsten 
Roden,  und  bekunden  dadurch  die  Machtigkeit  ihrer  Centralfase- 
rung.  Selbst  der  verschiedene  Sitz  einer  und  derselben  sensibeln 
Reizung,  z.  B.  der  cutanen  oder  intestinalen , hat  Einfluss:  man 
sieht  es  schon  an  der  Wirkung  des  Kitzelns  verschiedener  Haut- 
stellen,  und  so  zeigt  sich  im  krankhaften  Zustande  der  Einfluss 
der  cutanen  Erregung  der  Fusssohlen  auf  den  krampfhaften  Klump- 
fuss,  auf  den  Blasenkrampf  u.  s.  f.  Ein  andres  Criterium  ist  die 
Leitung  der  Reflexcrregung,  welche  bald  in  aufsteigender , bald 
in  absteigender  Richtung  erfolgt,  bald  fluchtig,  bald  stiitig  ist, 
und  dadurch  eine  Wandelbarkeit  und  Unbestiindigkeit  der  Kriimpfe 
erzeugt,  wovon  die  Hysterie  ein  Beispiel  giebt. 

Die  Wirkungen  der  Kriimpfe  zeigen  sich  sowobl  im  Muskel- 
gewebe,  als  in  der  Function  jener  Organe,  in  welchen  die  Mus- 
keln  sich  befinden.  Die  erste  genaue  Untcrsuchung  der  Muskel- 
substanz  im  Tetanus  verdankt  man  Herrn  Bowman.  Einigc 
Muskeln  erschienen  in  jeder  Hinsicht  gesund,  dagegen  batten  an- 
dre  an  manchcn  Stcllen  ein  aufFallendes  blassgraues  Ansehen,  wie 
Fischlleisch , olme  Zweifel,  wcil  durch  die  Contraction  das  Blut 
aus  den  Gefiissen  ausgepresst  war.  An  andern  Stcllen  batten  sic 


HYPERCINESES. 


291 


ihr  feines  fasriges  Gefiige  grosstentheils  verloren,  und  boten  eine 
weiche  gefleckte  Masse  dar,  die  Ieicht  zerriss,  oder  von  dem  Fin- 
ger einen  Eindruck  zuriickbehielt.  Audi  ausgebreitete  Ecchymo- 
scn  fanden  sich  ofters  vor,  weiche  mit  angranzender  Blasse  con- 
trastirten.  Unter  dem  Microscop  zeigten  die  Primitivbundel  an 
einzelncn  Stellen  die  karakteristischen  Merkmale  eines  hohen  Gra- 
des von  Contraction,  indem  sic  spindelformig  geschwollen , und 
ihre  Querstreifen  nalier  an  einander  geruckt  waren  als  gewdhn- 
lich.  An  andern  Stellen  war  der  Durchmesser  der  Primitivbundel 
verkleinert,  und  die  Querstreifen  standen  entweder  weit  von  ein- 
ander ab,  oder  waren  ganz  verschwunden.  An  vielen  Stellen 
waren  sie  zugleich  mit  ihrcr  Hiille  geborsten  (Philosoph.  transact. 
1841.  Part  I.  p.  69).  Hypertrophic  der  Muskelsubstanz,  wie  sie 
'deli  im  gesunden  Zustande  in  den  einer  langen  Uebung  und  An- 
sstrengung  ausgesetzten  Muskeln  zeigt,  kommt  auch  nach  Kriim- 
pfen  vor,  z.  B.  beim  Schiclcn  im  Muse.  rect.  intern.,  bei  dem 
Mvrampfe  des  N.  accessorius  in  dem  M.  sternocleidomasjpideus, 
» len  Bell  einmal  von  der  Dicke  des  biceps  antraf.  Es  ist  nicht 

Iianwahrseheinlich,  dass  selbst  die  Hypertrophie  des  Herzens  ofters 
Polge  von  langdaucrndcn  Palpitationen  ist,  so  wie  auch  nach 
Hasenkriimpfen  die  Muskelbiindel  der  Harnblase  in  hohem  Grade 
i erdickt  gefunden  werden.  Die  mittelbaren  Wirkungen  der  krampf- 
naften  Muskelcontractionen  sind  nach  den  Gebilden,  in  welchen 
ich  die  Muskeln  inseriren,  verschicden.  Sind  es  Theile,  deren 
lau  und  Lage  lreie  Beweglichkeit  gestatten,  so  ist  Ortsver- 
nderung  die  Folge,  wie  es  bei  der  Zungc,  dem  Auge,  den  mit 
lielenkflachen  versehenen  Knochen  der  Fall  ist.  In  membranosen, 
i olden,  in  ihrer  Lage  mehr  befestigten  Organen  bewirkt  der 
urampf  Austreibung  des  Inhalts  der  Holden,  so  im  Scldunde, 
))arme,  Harnblase,  oder  versperrt  durch  Einschnurung  der  Kaniile 
en  Eintritt  der  Stoff'e  oder  Austritt  des  Inhalts,  z.  B.  im  Kclil- 
'opfe,  in  den  Bronchen,  im  Uterus  etc. 

Abgesehcn  von  den  bisher  geschilderten  physiologischen  At- 

Uombcrg’s  Jfcrvenkrankb.  T.  2.  20 


292 


HYPERCINESES. 


tributen  habcn  die  Krampfe  als  pathisclie  Lebcnsprocesse,  mbgen 
sie  selbststandig,  odcr  von  andern  Yorgangen  abhiingig  sein,  ilire 
besondcren  Karaktere.  Dahin  gehort  die  Periodicitat  der  Muskel- 
contractionen.  Paroxysmen  wechseln  mit  Intervallen  ab,  jedoch 
selten  in  so  regelmiissiger  Zeitfolge  wie  die  Neuralgieen.  Die 
Anfalle  selbst  sind  jahe,  stiirmiscb,  brechen  oft  eben  so  plotzlich 
ab,  wie  sie  befallen.  In  den  Intervallen  geben  sich,  zumal  bei 
den  Krampfen  von  Erregung  der  Centralapparate,  Erscheinungen 
kund,  die  das  durch  die  Krankheit  veriinderte  Sein  des  Organis- 
mus  bezeugen,  und  unter  welchen  bier  an  die  Toleranz  der 
Heilmittel  zu  erinnern  geniige  (s.  die  Beschreibung  der  Hy- 
sterie,  der  Epilepsie  u.  s.  w.).  Die  Vertraglichkeit  des  Krampf- 
processes  mit  andern  pathischen  Processen  ist  grosser  als  bei  den 
Neuralgieen,  die  sich  im  Allgemeinen  mehr  exclusiv  verhalten 
(S.  13).  So  sehen  wir  in  der  Tussis  convulsiva  den 'Krampfpro- 
cess  mit  dem  catarrhalischen , mit  dem  tubereulosen  friedlich  be- 
stehen,  dagegen  durch  den  phlogistischen  (Pneumonia,  Bronchitis) 
ausgeschlossen.  Die  Hysteric  kann  mit  Aftergebilden  auf  der 
Entwickelungsstufe,  Tuberkel,  Carcinom,  bestehen,  zieht  sich  hin- 
gegen  zuriick,  wenn  diese  in  Colliquatiom  ubergehen.  Habitua- 
litat  ist  vorzugsweise  ein  Attribut  der  Krampfe,  weil  die  Leitungs- 
fahigkeit  der  motorischen  Nervenfasern  sich  mit  der  Haufigkeit 
ihrer  Erregung  ausbildet,  wie  man  im  gesunden  Zustande  an  den 
zur  Gewohnheit  gew^ordenen  und  zur  Fertigkeit  gebrachten  Be- 
wegungen  wahrnimmt.  < 

Die  anatomischen  Karaktere  der  Nervenapparate  in  den  Ivram- 
pfen  sind  noch  wenig  gekannt.  Dieses  Wenige  verdankt  man 
den  Untersuchungen  neuerer  Zeit:  dahin  gehoren  die  Befunde  in 
den  centripetalen  Bahnen  bei  der  tetanischen  AfTection,  und  im 
Gehirne  bei  den  statischcn  Krampfen. 

Auch  in  den  atiologisehen  Vcrhaltnissen  der  Krampfe  herrscht 
noch  viel  Dunkcl,  wie  es  die  in  so  vielen  Fallen  trotz  genauer 
Forschung  unauszufullende  Lucke  erweiset.  Es  pradisponiren 


I 


HYPERCINESES.  293 

kindliches  Alter,  im  Gcgensatze  zu  den  Neuralgieen,  jugendlicheS 
und  mittlcres:  das  weibliche  Geschlecht  im  Allgemeinen,  docli 
fmdet  fur  das  mannliche  eine  Vorliebe  bei  einzelnen  Formen 
statt,  z „ B.  beim  Stottern,  Ruminiren.  Erbliche  Anlage  ist  niclit 
selten,  wovon  Epilepsie,  Strabismus,  Stottern  den  Beweis  geben. 
Audi  eine  angeborne  Anlage  lasst  sich  in  der  Eclampsia  puerorum 
nachweisen.  Climatische  und  endemische  Einlliisse  begunstigen 
die  Entstehung  der  tetanischen  Affection,  des  Spasmus  glottidis  etc. 
lUnlaugbar  giebt  es  aucli  eine  Predisposition  fur  Iirampfe  in  den 
'Nervenbahnen  selbst:  die  im  gesunden  Zustande  vom  psychischen 
odcr  Rdlexreize  nicht  angcregten  werden  nur  selir  selten  von 
KKriimpfen  befallen,  z.  B.  die  Ohraste  des  Antlitznerven,  wiilirend 
bei  Kiinstlern  und  Handwerkern  die  isolirt  zur  Virtuositat  ein- 
.geiibten  Nerven  den  Heerd  der  krampfbaften  Erregung  nicht  sel- 
tten  abgeben.  Unter  den  Nervenbahnen  liaben  iiberdiess  einige 
imehr  Anlage  fur  Krampf,  andere  fur  Paralyse,  so  die  pars  mo- 
ttoria  des  Quintus  fur  ersteren,  der  Facialis  und  Hypoglossus  fur 
letztere,  der  oculomotorius  fur  Krampf,  der  abducens  fur  Lahmung, 
lie  Fasern  des  oculomotorius,  welche  den  Muse.  rect.  intern,  ver- 
mrgen,  fur  ersteren,  die  des  rect.  super,  und  des  attoll.  palpebr. 
i ur  letztere,  die  Beugemuskclnerven  fur  Krampf,  die  der  Exten- 
>;oren  fur  Paralyse.  Yon  grosser  Bedeutung  sind  die  ursachlichen 
leziehungen  der  Kriimpfe  zu  dem  integrirenden  Reize  der  mo- 
I orischen  Nerven,  zum  Blute.  Der  Plethora  und  den  Congestio- 
len  nach  den  Centralorganen  wurde  eine  Zeitlang  die  Prerogative 
'ugestanden:  es  ist  ein  Fortschritt  der  neuern  Zeit  die'Anamie, 
lie  entweder  eine  urspr’unglichc  ist,  wie  sie  haufig  bei  dem  weib- 
iicben  Geschlechtc  sich  zeigt,  oder  eine  consecutive  nach  starkem 
lilut-  und  Safteverlust,  in  ihre  atiologischen  Rechte  eineesetzt  zu 
Laben.  Auch  fremdartige,  dem  Blute  beigemisebte  Stoffe  kom- 
men  in  Betracht,  einige  mit  spezifischem  Einflusse,  z.  B.  Strych- 
in,  Mutterkorn,  verfliichtigtes  Quecksilber  auf  das  Riickenmark, 
-Vutbgift  auf  Medulla  oblongata,  Blei,  Narcotica,  Alcohol  auf  Ge- 

20° 

: 


294 


IIYPERCINESES. 


him  und  Riickenmark.  Durch  die  dyscrasischen  Zustiinde  des 
Blutcs  und  die  darin  wurzelnden  Krankheiten  wird  oft  die  Ent- 
stehung  der  Krampfe  bedingt,  durch  Impetigines,  Trichoma,  Ar- 
thritis: auch  gehort  die  Hemmung  der  Abscheidungen  aus  dcr 
Blutmasse  vermittclst  dcr  Driisen,  hesonders  Nieren  und  Leber, 
zu  diesem  Bereich.  Eine  der  ergiebigsten  Quellen  sind  die  Ent- 
wicklungsvorgange,  Dentition  und  Pubertiit.  Demniichst  psychischc 
Einffiisse  und  mechanische  Reizung  der  peripherischen  und  cen- 
tralen  Apparate,  hesonders  durch  die  abnorme  Beschaffenheit  der 
membranosen  und  knochernen  Hiillen.  Zur  Reizung  andrer  Or- 
gane  stehen  die  Krampfe  meistens  in  einem  consensuellen,  seltner 
antagonistischen  oder  vicariircnden  Yerhaltnisse : am  haufigsten 
sind  es  intestinale  und  uterine  Reizungen. 

Die  Prognose  der  Krampfe  richtet  sich  nach  dem  Sitze  der 
Erregung.  Wo  diese  nur  einzelne  peripherische  Bahnen  in  An- 
spruch  nimmt,  ist  die  Gefahr  geringer,  als  wo  die  Centralapparate 
selbst  in  ibrer  Energie  ergriffen  sind.  Zum  Beispiele  diene  der 
einfache  Trismus  im  Gegensatze  zum  Trismus  als  Begleiter  teta- 
nischer  Affection,  der  Schlundkrampf  im  Gegensatze  zur  hydro- 
phobischen  Dysphagia.  Wird  die  peripherische  Affection  zur  cen- 
tralen,  so  clroht  Gefahr,  so  beim  Spasmus  glottidis,  wenn  er  in 
Convulsionen,  bei  den  Krampfwehen,  wenn  sie  in  Eclampsie  iiber- 
gehen.  Die  Wirkungen  der  Krampfe  sind  als  prognostisches  Mo- 
ment in  Betracbt  zu  ziehen,  z.  B.  die  gehemmte  Ingestion  der 
Luft  im  Asthma  laryngeum,  die  Zuruckhaltung  des  Harns  in  der 
Ischurie.  Schwierigkeit  der  Heilung  und  Neigung  zu  Recidiven 
kommen  im  Allgemeinen  den  Krampfen  zu,  letztere  jedocb  we- 
niger  als  den  Neuralgiecn. 

Die  Naturbeilung  dcr  Krampfe  erfolgt  durch  Uebertragung 
auf  trophische  Nerven,  oder  durch  Losung  des  zu  Grunde  liegen- 
den  pathischen  Processes,  unter  critischen  Erschcinungen , Blut- 
fliissen,  llautausschlagen,  Geschwiircn,  oder  durch  Lysis.  Die 
evolvirendcn  und  revolvirenden  Vorgiinge  des  Organismus,  der 


HYPERCINESES. 


295 


Process  der  Zahnung,  dcr  Pubertat,  der  Decrepiditat  nehmen  hier- 
bei  oft  einen  wesentlichcn  Antheil.  Zu  unterscheiden  yon  den 
Hcilungen  sind  die  Pausen,  die  zuweilen  auf  langere  Zeit  beim 
Hervorbrechen  anderer  Krankheiten,  oder  wahrend  der  Schwan- 
gerschaft  und  Lactation,  oder  beim  Beginne  neuer  Curen  sicli 
einfinden. 

Der  technischen  Beliandlung  liegt  zuerst  die  Erfullung  der 

Causalindication  ob:  ihr  verdankt  man  die  glanzendsten  Erfolge, 

vvie  die  Heilung  der  toxischen  Krampfe,  und  selbst  die  Abnalime 

in  der  Frequenz  einzelner  Affectionen,  z.  B.  des  Wundstarr- 

krampfes,  bezeugen.  Doch  ist  diese  therapeutische  Wirksamkeit 

wegen  mangelhafter  Kenntniss  der  Ursachen  nur  beschrankt,  und 

scbon  seit  alten  Zeiten  suchte  man  in  dem  antagonistischen  Heil— 

verfahren  Ersatz,  durch  Uebertragung  auf  Darmkanal,  Haut  etc. 

Eine  dritte  Indication  bietet  die  motorische  Erregbarkeit  dar, 

welchc  man  mit  Berucksichtigung  der  erethischen  oder  torpiden 

Individualist  auf  einen  den  Angriff  der  Reizung  abwehrenden 

Stand  zu  bringen  sich  bemiiht.  Hierbei  hat  man  sich  vor  der 

trugerischen  Beruhigung  der  Narcotica  zu  huten,  und  strebe  viel- 

mehr  durch  diatetische  Reformcn  den  Zweck  zu  erreichen.  Dem- 

naclist  giebt  die  Statik  der  motorisclicn  Erregungen  und  ihr  Ver- 

haltniss  zu  den  sensibeln  eine  Andeutung  zur  Behandlung  der 
% 

Krampfe,  von  deren  mit  Geschick  und  Geist  zu  treffenden  Aus- 
fiihrung  Erfolg  zu  erwarten  ist.  Schon  die  Entziehung  sensuel- 
ler  Reize  wirkt  gunstig.  Andral  fuhrt  einen  Fall  von  Risus  con- 
vulsivus  an,  dessen  Paroxysmen  durch  das  Verbinden  der  Augen 
fofort  gehoben  wurden  (Vorlesungen  liber  die  Krankheiten  der 
Nervenheerde  S.  446.),  und  Laennec  hat  eine  ahnliche  Bcobach- 
tung  nicht  bloss  bei  Athemkrampfen,  sondern  selbst  bei  ncural- 
gischen  Affectionen  des  Darmkanals  gcmacht  (traite  de  Tauscult. 
med.  T.  II.  p.  368).  Yon  der  heilkraftigen  Opposition  des  psv- 
chischen  Impulses  gegen  die  Rcflexaction  wcrden  die  folgenden 
Blatter  Zeugniss  geben. 


296 


IlYPERCINESES. 


Wo  diese  rationelle  Behandlung  kcine  Iiiilfe  gewiihrt,  isl  dor 
Gebrauch  empirischcr  Mittcl  gerechtfertigt,  deren  Wirksamkeit 
durch  eine  reife  Erfahrung  verbiirgt  ist.  Unter  diesen  haben  ei- 
nige  Metalle,  Eisen,  Zink,  Silber,  Kupfer,  Arsenik  sich  eines 
grossern  Vertrauens  wurdig  erwiesen.  Endlich  hat  noch  bei  ge~ 
wissen  Formen  der  Krampfe  die  neuere  Chirurgie  ein  Yerfahren 
eingefiihrt,  die  Myo-  nnd  Tenotomie,  welches  nicht  nur  das  Re- 
siduum des  Krampfes,  die  Muskelverkurzung,  hebt,  sondern  auch 
bei  noch  bestehendem  Krampfe  im  Stande  ist  auf  die  Nervener- 
regung  eine  gunstige  Riickwirkung  auszuiiben  (vgl.  S.  307). 


-&i4=€<a- 


l 


Erste  Ordnung. 


Hrampfe  yon  Krregung  der  motorlsclien 
Herven  als  Conductoren. 

i 

1.  Crattung. 

Kriimpfe  im  Muskelgebiete  der  cerebrospinalen  Bahnen. 


Krampf 

im  Bereiche  des  N.  facialis. 

Mimischer  Gesichtskrampf. 

Tic  convulsif. 

Experimen telle  Ergebnisse.  Bei  lebenden  Thieren^er- 
regt  jeder  an  den  N.  facialis  angebrachte  Reiz,  mechanischer, 
chemischer  oder  galvanischer,  Zuckungen  in  den  von  den  gereiz- 
ten  Fasern  versorgten  Gesichtsmuskeln.  Durch  Isoliren  der  Rei- 
zung  auf  einzelne  Zweige  und  Abtheilungen  des  Nerven  lasst 
sich  die  Zuckung  auf  einen  Musket,  selbst  auf  einzelne  Schichten 
eines  Muskels  beschranken.  Die  Reizung  selbst  ist,  wie  Backer, 
Eschricht,  Muller  u.  A.  beobachtet  haben,  schmerzhaft;  jedoch 
ist  diese  Sensibilitat  nur  cine  associirte  (vgl.  S.  33),  durch  Verbin- 
dung  eines  Zweiges  des  N.  vagus  mit  dem  Stamme  des  Facialis 


298 


MIMISCHER  GESICHTSKRAMPF. 


im  Fallopischcn  Kanal,  unci  vorziiglich  (lurch  Anlagerung  von  Fa- 
sern  ties  Quintus  an  den  Gesichtsramilicationcn , um  deren  ge- 
nauere  Darstellung  und  Nachweis  ihrer  Verschiedenheit  bei  !den 
Thieren  Magendie  sich  verdient  gemacht  hat  (Lerons  sur  les  fon- 
ctions  et  les  maladies  du  systeme  nerveux.  T.  II.  p.  170,  182,  191). 

Ich  kann  kein  bezeichnenderes  Bild  dcs  mimischen  Ge- 
sichtskrampfes  aufstellen,  als  indem  ich  sage,  es  sind  Grimas- 
sen,  wechselnde  odcr  andauernde,  ciner,  selten  beidcr  Gesichts- 
halften.  Im  erstern  Falle  sind  Auf-  und  Abziehen  des  Hinter- 
haupt-  und  Stirnmuskels,  Runzeln  der  Augenbraue,  Blinzeln  und 
Schliessen  der  Augenlider,  Zucken  und  SchnufFeln  des  Nasen- 
fliigels,  Vcrzerrung  des  Mundvvinkels  nach  oben  oder  unten  die 
gewohnlichen  Ziige,  die  plotzlich  sich  einstellen,  schnell  verschwin- 
den,  und  nach  kurzen  Intervallen  zuriickkehren.  Die  perma- 
nente  Zusammenziehung  der  Gesichtsmuskeln  ist  riel  seltner,  und 
erst  in  neuerer  Zeit  durch  einige  Beobachtungen  von  Marshall 
Hall  (on  the  diseases  and  derangements  of  the  nervous  system. 
London  1841  p.  342)  zur  genauern  Kenntniss  gekommen.,  Durch 
die  anhaltende  Contraction  der  mimischen  Muskeln  sind  die  Fur- 
chen  und  Gruben  in  der  betheiligten  Gesichtshiilfte  tiefer;  die 
Nasenspitze,  die  Lippenfuge,  das  Kinn  sind  nach  der  afficirten 
Seite  hin  gezerrt;  die  Muskeln  fiihlen  sich  gespannt  und  hart  an, 
und  erschweren  dadurch  die  Bewegung,  so  dass  da's  Auge  nicht 
so  vollstandig  geschlossen  werden  kann,  wie  das  andere. 

Bei  mimischer  Action,  beim  Sprechen  und  Lachen  tritt  die 
Entstellung  der  Ziige  deutlich  liervor.  Der  Wille  hat  gewohnlich 
vvenig  Einfluss  auf  Verhinderung  odcr  Beschrankung  der  Anfalle, 
und  selbst  die  Isolirungv  des  Willcnsimpulses  auf  einzelne  Fascr- 
gruppcn  des  Facialis  ist  beeintrachtigt,  daher  das  Erscheinen  der 
Mitbcwegungen.  So  oft  Marshall  Hall’s  Kranker  die  Augenlider 
schliessen  sollte,  zog  sich  der  Mundwinkel  zu  gleicher  Zeit  ab- 
warts,  und  Kinn  und  Nase  wurden  nach  derselben  Seite  hin  ge- 
zerrt. In  dem  andern  Falle  konnte  die  lvranke  den  rechten 


MIMISCHER  GESICIITSKRAMPF. 


299 


/ 

Mundwinkel  niclit  bewegen,  oline  zugleich  das  obere  Augenlid 
herab  zu  zielien. 

Das  Verhaltniss  zur  Sensibilitat  des  Gesichts  ist  verschieden. 
Im  Anfange  ist  der  Krampf  ofters  mit  Schmerzhaftigkeit  verbun- 
den  (vgl.  Bellingeri  de  neuralgia  faciali  in  seiner  Dissert,  inaug. 
August.  Taurin.  1818,  p.  212  u.  224).  Spaterhin  hurt  diese  aid', 
und  der  Kranke  hat  selbst  von  der  tonischen  Contraction  der 
Muskeln,  mag  sie  noch  so  Iange  bestehen,  nicht  die  geringste 
Empfindung.  Zuweilen  ist  die  Sensibilitat  stumpier  als  im  nor- 
malen  Zustande. 

Der  Krampf  ist  entweder  auf  einzelne  Abtheilungen  des  Ant- 
litznerven  beschrankt,  oder  nimmt  dessen  gesammtes  Muskelgebiet 
ein.  Formen  der  ersten  Art  sind  der  Blepharo spasmus  und  der 
Risus  caninus. 

Der  Augenlidkrampf,  bedingt  durch  eine  Affection  der  rami 
palpebrales  des  Facialis,  erscheint  entweder  als  Zittern  des  Orbi- 
cularmuskels-,  selbst  nur  einzelner  Fasern,  besonders  derer,  die 
den  Tarsus  des  untern  Augenlids  bedecken,  oder  als  ein  schnell 
auf  einander  folgendes  Oeffnen  und  Schliessen  des  Auges  (Blin- 
zeln,  nictitatio),  oder  als  starres,  gewaltsames  Zusammenkneifen 
der  Augenlider,  die,  wenn  man  den  Versuch  sie  zu  offnen  durch- 
setzen  will,  leicht  Ectropien  bilden. 

Der  Spasmus  cynicus  ist  vom  Sitze  der  Krankheit  in  den 
Backen-  und  Lippenzweigen  des  Gesichtsnerven  abhiingig , und 
bietet  cine  wie  beim  Lachen  stattfindende  Bewegung  oder  Stel- 
lung  der  Lippen  dar,  einer  oder  beider  Seiten,  Risus  caninus, 
ykhwq  cra^uovixoq. 

Am  seltcnsten  geht  der  Krampf  von  den  Obrmuskelzweigen 
des  Facialis  aus.  Nur  ein  Fall  diescr  Art  ist  mir  bisher  vorge- 
kommen,  welchen  ich  noch  vor  Augen  habc,  bei  einer  42jahrigen 
Frau,  die  vor  zwanzig  Jahren  von  cinem  apopleetiscben  Anfalle 
mit  Lahmung  des  rechtcn  Arms  betroffen  wurdc.  Die  Wieder- 
herstcllung  crfolgte  langsam  und  nicht  vollstandig;  Schwiiche  des 


300 


MIMTSCHER  GESICF1TSKRAMPF. 


Arms  und  Kopfschmerzen  bekunden  die  Fortdauer  des  Hirnlei- 
dens;  dabci  stellen  sicli  tiiglich  zu  wiederholten  Malen,  besonders 
nach  Gem'uthsaffecten , Zuckungen  beider  Ohren  ein,  wodurch 
diese  5 — 10  Minuten  lang  mit  grosser  Schneliigkeit  auf-  und  nie- 
dergezogcn  werdcn.  Starkes  Ohrenklingen  ist  steter  Begleiter. 
Alle  andre  Theile  des  Korpers  sind  frei  von  convulsivischen  Be- 
wegungen.  Mit  cler  grossen  Seltenheit  des  Spasmus  auricularis 
vbei  dem  Menschen  stimmt  die  Nichteroffnung  dieser  Bahnen  des 
Antlitznerven  durch  Willensimpuls  iiberein.  Anders  verhalt  es 
sich  bei  den  Saugethieren , wo  die  Ohrmuskelnerven  auch  zahl- 
reicher  sind,  indem  sie  sieben  Muskeln  mehr  als  bei  dem  Men- 
schen zu  versorgen  haben.  Daher  das  Karakteristische  des  aus- 
sern  Ohrs  fur  die  Thierphysiognomie,  und  die  grossere  Wichtig- 
keit  der  von  Bewegung  und  Stellung  der  Ohren  entnommenen 
Merkmale  in  den  Krankheiten  der  Thiere,  wo  selbst  die  Hemi- 
plegie  sich  durch  ein  schlaffes  Herunterhangen  des  aussern  Ohrs 
der  gelahmten  Seite  kundgiebt. 

Der  mimische  Gesichtskrampf  erscheint  einfach,  oder  in  Ver- 
bindung  mit  convulsivischer  Affection  anderer  Nerven,  der  pars 
minor  des  Quintus,  des  Hypoglossus,  des  Accessorius,  der  Cer- 
vical- und  Spinalnerven. 

Yon  der  paralytischen  Entstellung  des  Gesichts  unterschei- 
det  sich  die  krampfhafte  dadurch,  dass  die  nicht  entstellte  Seite 
ihre  vollkommene  Beweglichkeit  hat,  wovon  das  Gegentheil  in 
der  mimischen  Gesichtslahmung  stattfindet.  Zuweilen,  obgleich 
selten,  bildet  sich  aus  der  Ietzteren  der  Gesichtskrampf  heraus, 
wovon  Marshall  Hall  (I.  c.  p.  347)  einen  Fall  mitgetheilt  hat. 

Der  Sitz  der  Krankheit  ist  entweder  in  der  peripherischen 
oder  centralen  Bahn  des  Antlitznerven.  Von  ihren  ursachlichen' 
Momenten  sind  nur  einzelne  bekannt.  So  ist  der  rheumatische 
Anlass  (Wind-  und  Luftzug  u.  s.  w.)  zuweilen  nachzuweisen, 
welcher  den  Nerven  auf  scinem  Laufc  im  Gesichte  trifft,  beson- 
ders die  Kami  palpebrales.  Ein  Fall  ist  zu  meincr  Kenntniss  ge- 


MIMISCHER  GESICHTSKRAMPF. 


301 


kommcn,  wo  die  Reizung  einer  entzundeten  Druse  in  der  Niihe 
des  For.  stylomastoideum  den  Krampf  hervorgebracht  hatte.  Ur- 
saclien,  die  den  Facialis  in  seinem  knochernen  Gehause  oder  an 
der  Grundflache  des  Schiidels  zum  Krampfe  anregen,  sind  bisher 
noch  nicht  aufgefunden  worden.  Unter  den  haufigeren  Anliissen 
ist  der  Reflexreiz  hervorzuheben.  Schon  die  alten  griechischen 
Aerzte  nahmen  eine  Beziehung  zwischen  Ilnndskrampf  und  Zwerch- 
fellswunden  an.  Im  trauraatischen  Tetanus  kommt  er  nicht  sel- 
ten  vor  (risus  tetanicus).  So  kann  er  auch  allein  fur  sich  durch 
irgend  eine  centripetale  Reizung  hervorgebracht  werden,  und  das 
Gebiet  des  Quintus  muss  in  dieser  Ilinsicht  die  Aufmerksamkeit 
auf  sich  ziehen,  da  bei  Yersuchen  an  lebenden  Thieren  die  An- 
asthesie  des  Quintus  Stillstand  der  durch  den  Gesichtsnerven  ver- 
mittelten  Bewegungen  mit  sich  fuhrt  (S.  216).  Die  centripetale 
Erregung  gelangt  hierbei  entweder  zugleich  nach  dem  Gehirne, 
und  wird  zur  bewussten  Empfindung,  oder  beschrankt  sich  auf 
das  Ruckenmark,  und  bleibt  unbewusst.  Auf  die  erstere  Weise 
sehen  wir  den  Blepharospasmus  durch  ein  in  das  Auge  gerathe- 
nes  Sandkorn,  und  durch  mechanische  Verletzungen  des  Auges 
entstehen,  wo  er  so  oft  die  Entfernung  des  fremden  Korpers 
verhindert.  Menschen,  deren  Augen  wegen  diinner  Brauen  und 
blassgefarbter  oder  ausgegangener  Wimpern  starkem  Lichtreize 
ausgesetzt  sind,  leiden  sehr  haufig  an  Nictitatio,  und  Lichtscheu 
ist  gewohnlich  mit  Blepharospasmus  verbunden.  So  zeigt  sich 
ofters  der  mimische  Gesichtskrampf  als  Begleiter  des  Tic  doulou- 
reux (vgl.  S.  8).  Allein  wenn  auch  die  sensible  Reizung  nicht 
zum  Bewusstsein  kommt,  so  lasst  sich  bei  genauer  Forschung  ihr 
Heerd  zuweilen  nachweisen,  z.  B.  in  folgendem  von  Mitchell  be- 
obaehteten  Fade  (Med.  chirurg.  transactions  Yol.  IV.  p.  25). 

Ein  50jahriges  Frauenzimmer  wurde  plotzlich  von  Zuckungen 
der  Gesichtsmuskeln  und  Zunge  befallen,  wclche  nach  Vcrlauf 
von  vierzehn  Tagen  auf  den  Hals  sich  ausdelmten.  Ein  soldier 
Anfall  bcgann  mit  einem  Gefiibl  von  Schwache  und  Druck  in  den 


302 


MIMISCHER  GESICIITSKRAMPF. 


Priicordien,  und  mit  heftigen  durchfahrenden  Schmorzen  vom 
Brustbein  nach  dem  lluckgrate,  welche  aufwlirts  stiegen,  und  die 
Zunge  erreichtcn,  die  alsdann  steif  wie  ein  Stuck  Holz  wurde, 
und  mit  ilircr  Spitze  sich  aufwiirts  nach  dem  linkcn  Gaumcnge- 
wolbe  drclite.  Ein  Geluhl  von  Erstarrung  befieJ  die  Jinke  Seite 
der  Nase  und  des  Kinnes.  Der  Iinke  Mundwinkel  bffnete  sich, 
und  wurde  verzerrt,  die  Zahnc  waren  fest  an  einander  gepresst, 
alle  Gesichtsmuskeln  geriethen  in  eine  starre  Contraction,  die 
Nase  wurde  nach  der  linken  Seite  gezogen,  durch  den  Krampf 
des  occipitofrontalis  und  corrugator  supercilii  runzelten  sich  Stirn 
und  Augenhrauen.  Die  Halsmuskeln  drehten  den  Kopf  nach  der  . 
linken  Schulter  hin,  der  linke  Arm  wurde  extendirt,  und  ein  Ge- 
fuhl von  Erstarrung  lief  vom  Halse  in  gerader  Linie  bis  zum 
Daumen  und  Zeigefinger.  Bewusstsein,  Ilerz  und  Lungenaction 
waren  ungestort.  Nach  drei  Minuten  erfolgte  ein  Nachlass,  wo- 
bei  zuerst  alle  afficirten  Muskeln  in  eine  zitternde  Bewegung  ge- 
riethen. Tag  und  Nacht  wiederholten  sich  diese  Anlalle,  mit 
kurzen  Intervallen  von  zehn  Minuten.  Wegen  erfolgloser  Be- 
liandlung  wurde  ein  andrer  Arzt  zu  Rathe  gezogen,  welcher  ei- 
nen  almlichen  Fall  von  Gesichts-  und  Zurigenkrampf  durch  Aus- 
ziehen  eines  cariosen  Zahns  geheilt  sail.  Es  wurden  die  Ziihne 
naher  untersucht,  und  obgleich  die  Kranke  idler  keine  Schmerzen 
klagte,  land  sich  die  obere  linke  Reihe  in  einem  krankhaften  Zu- 
stande,  und  beim  Sondiren  empfindlich.  Das  Zahnfleisch  war  ent- 
ziindet,  und  eine  stinkende  Materie  floss  aus.  Schon  nachdem 
ein  Backenzalm  ausgezogen,  urid  das  Zahnfleisch  scarificirt  wor- 
den,  liesseri  die  Anlalle  an  Heftigkeit  nach,  kehrten  seltner  zu- 
riick,  und  horten  nach  dem  Ausziehen  sammtlichcr  carioscr  Ziihnc 
ganz  auf. 

So  wie  in  diesem  Ealle  die  centripetale  Action  vom  Quintus 
ausging,  so  hat  sie  in  andern  Fallen  ihren  Ileerd  im  Darme,  and 
Helminthiasis  liegt  zuweilcn  dem  Blepharospasmus  im  kindlichen 
Alter  zu  Grundc.  Audi  von  dcr  Gebarmuttcr  verbrcitet  sich  zu- 


MIMISCHER  GESICHTSKRAMPF. 


303 


wcilen  der  Reiz,  und  in  den  heftigen  hysterischen  Anfallen  auf  tri- 
chomatoser  Basis  sail  ich  bei  mchreren  Kranken  den  Risus  caninus 
selir  stark  hervortreten.  — Central-Anliisse  des  Gesichtskrampfes 
sind  selten.  Eine  Intoxication,  wie  sie  die  Alten  durch  den  Gcnuss 
eines  Ranunculus  annahmen,  der  von  Dioscorides  Herba  Sardonia, 
von  Linne  Ranunculus  sceleratus  genannt  worden,  und  wegen 
seines  Einflusses  auf  eine  liichelnde  Yerzerrung  des  Mundes  den 
Beinamen  Apium  risus  erhalten  hatte,  ist  in  neuerer  Zeit  nicht 
bestiitigt  worden.  Psychische  EinHiisse  machen  sich  zuweilen  als 
Yeranlassung  geltend,  nicht  bloss  Gcmiithsaffecte  (so  ist  mir  ein 
Fall  bekannt,  wo  die  Krankheit  bei  einer  Frau  in  Folge  eines 
Schreckens  durch  den  plotzlichen  Tod  ihres  Mannes  entstand), 
sondern  auch  der  Reiz  der  Vorstellung  und  Nachahmung,  wie- 
wohl  dies  bfter  angenommen,  als  erwiesen  wird.  Von  Krank- 
lieiten  des  Gehirns  ist  der  Gesichtskrampf,  wenn  man  den  in  epi— 
leptischen  Anfallen  vorkommenden  ausnimmt,  unabhangig.  Hiiufig 
begleitet  er  die  Chorea.  In  der  Mehrzahl  der  Fiille  ist  es  jedoch 
trotz  der  grossten  Sorgfalt  unmoglich  einen  iitiologischen  Zusam- 
menhang  zu  ermitteln,  so  wie  sich  auch  keine  Beziehung  zu  Le- 
bensalter  und  Geschlecht  auffinden  liisst.  Pujol’s  Behauptung, 
dass  Manner  dieser  Krankheit  mehr  unterworfen  sind,  als  Frauen- 
zimmer  (Abhandlung  liber  diejenige  Krankheit  des  Gesichts,  wclchc 
der  schmerzhafte  Trismus  genannt  wird,  nebst  einigen  Betrach- 
tungen  uber  den  Hundskrampf  des  Coelius  Aurelianus,  iibersetzt 
von  Schreyer,  Niirnberg  1788,  S.  03.)  babe  ich  bisher  nicht  be- 
statigt  gefunden.  — Als  gclegentlichc  Anlasse  der  Anfalle  und 
ihrer  gesteigerten  Intensitat  wirken  am  haufigsten  Affecte,  und 
besonders  Yerlegenheit  des  Kranken,  sobald  er  sich  von  Andern 
bcobachtet  glaubt.  Im  Schlafe  trat  in  einem  von  Dieffenbach 
behandelten  Falle  cine  Pause  ein. 

Die  Behandlung  des  mimischen  Gesichtskrampfes  ist  gc- 
meinhin  erfolglos,  woran  sowohl  die  haufige  Unbekanntschaft  des 
ursachlichen  Moments,  als  auch  die  Vcrnachlassigung  des  Anfangs 


304 


MIMISCHER  GESICHTSKRAMPF. 


der  Krankhcit,  wclcher  zumal  bei  Kindcrn  als  unartige  Angewbh- 
Tiung  gemisdcutct  wird,  Scliuld  ist.  Am  meisten  gclingt  nodi  die 
Cur  des  durch  rheumatischen  Anlass  entstandenen,  und  auf  ein- 
zelne  Bczirke  des  Facialis  beschrankten  Krampfes.  So  sind  beim 
rheumatischen  Blepharospasmus  nebst  den  geeigneten  innern  Mit- 
teln,  besonders  Emetica,  Senfteige  und  Yesicatoria  an  der  Aus- 
trittsstelle  des  Facialis,  zwischen  Kiefer  winkel  und  Warzenfort- 
satz  niitzlich,  in  Yerbindung  mit  dem  endermatischen  Gebrauch 
des  Morphium,  wo  Schmerzhaftigkcit  der  Gesichtsflache  stattfin— 
det.  Bei  Reflexreizung  kommt  es  darauf  an,  die  centripetale 
Quelle  zu  ermitteln.  Wo  sie  zu  Tage  liegt,  z.  B.  bei  trauma- 
tischen  AnIassen  im  Auge,  bei  Ciliarneuralgie , bei  Ophlhalmieen 
ist  das  Verfahren  nicht  schwierig.  Weit  ofter  aber  ist  sie  ver- 
borgen,  und  die  physiologische  Kenntniss  der  auf  den  Facialis 
besonders  reflectirenden  Nerven,  nicht  selten  aucli  der  Zufall, 
fiihrt  zu  ihrer  Eutdeckung.  Das  ganze  Gebiet  des  Quintus,  vor- 
zuglich  in  seinen  ram.  dental.,  muss  genau  untersucht  werden: 
mit  welchem  therapeutischen  Erfolg,  zeigt  der  zuvor  mitgetheilte 
Fall.  So  werde  auch  der  Dannkanal,  der  Uterus  auf  sensible 
Reizung  gepruft , so  werde  die  etwa  zu  Grunde  liegende  Bys- 
crasie,  z.  B.  die  scrofulose  u.  s.  w\  erforscht,  um  der  causalen 
Indication  nach  alien  Richtungen  bin  zu  geniigen.  Wird  das  Ziel 
auf  diese  Weise  nicht  erreicht,  wie  es  haufig  der  Fall  ist,  oder 
kann  iiberhaupt  keine  Ursache  aufgefunden  werden,  so  steht  noch 
ein  zwiefacher  Weg  offen,  Einwirkung  entweder  auf  die  centri- 
petale oder  auf  die  centrifugale  Nervenaction.  Von  der  Wirk- 
samkeit  der  ortlichen  Application  beruhigender  und  anderer  Mit- 
tel  iiberzeugt  man  sich  beim  Blepharospasmus,  wo  in’sbesondre 
Fomentationen  mit  Boraxsolution  (l  — 2 Draclunen  auf  4 Unzen 
destill.  Wassers)  von  Nutzen  sind.  Sclbst  die  Durchsehneidung 
einzclner  sensibler  Aeste  und  Zweige  des  Quintus  ist  in  friiherer 


Zeit 

fiihrt 


/ iwu  i 


gegen  den  Gesichtskrampf  vorgenommcn  worden. 
in  seinem  interessanten  Memoire  sur  1’affection  particuli6re 


MIMISCHER  GESICHTSKRAMFF. 


303 


de  la  face,  h laquclle  on  a donn6  le  nom  de  Tic  douloureux 
(Histoire  de  la  societe  royale,  annees  1782  et  1783,  p.  318)  an, 
dass  Guerin  die  Durchschneidung  dcs  R.  maxill  sup.  u.  infer,  ein 
Paarmal  gegen  den  fie  convulsif,  und  Moreau  am  Frontalis  in 
einem  Falle  von  Convulsionen  der  Augenlider  mit  Erfolg  gemacht 
hat.  Es  wiirde  sich  dieses  Ergebniss  den  Versuchen  an  lebenden 
Tbieren  anreiben,  wo  die  Durchschneidung  des  Quintus  einen 
Stillstand  der  durch  den  Facialis  vermittelten  Bewegungen  zur 
Folge  bat.  Auf  die  centrifugale  Action,  auf  den  Antlitznerven 
selbst,  lasst  sich,  wo  Rellexreiz  dem  Krampfe  zu  Grunde  liegt, 
zunachst  durch  psychischen  Einfluss  wirken.  Die  Intention,  der 
Wille  kampfe  dagegen  an:  darauf  berulit  das  sogenannte  Ab- 
gewohnen  solcher  Zustande.  Doch  kaum,  vielleicbt  nur  im 
Beginne  wird  eine  dauernde  Besserung  dadurch  erzielt  werden. 
Der  Electromagnetismus  und  ein  anhaltender  Druck  mittelst  einer 
kleinen  Pelotte,  je  nacb  der  Extensitat  des  mimischen  Gesichts- 
krampfes  auf  den  Stamm  beim  Austritte  aus  dem  For.  stylomast. 
oder  auf  einzelne  Zweige,  sind  in  veralteten  Fallen  des  Yersuches 
wertb.  Die  Durchschneidung  des  Nerven  wiirde  zwar  sicher  den 
Krampf  heben,  allein  Lahmung  zuriicklassen.  Um  diesen  Uebel- 
stand  zu  vermeiden,  und  dennoch  den  Zweck  zu  erreichen,  nahm 
Dieffenbach  die  Durchschneidung  sammtlicher  vom  Krampfe  be- 
fallner  Gesichtsmuskeln  bei  einem  43  jahrigen  Manne  vor,  der  sich 
neun  Jahre  zuvor  im  Winter  ernes  Tages  aus  seinem  durch  rus- 
sische  Ileizung  stark  erwarmten  Zimmer  in  eine  kalte  Zugluft 
begeben  hatte.  Plotzlicb  wurde  er  bier  von  Zuckungen  im  Or- 
bicularmuskel  der  reebten  Seite  befallen,  welche  eine  geraume 
Zeit  fortdauerten,  allein  um  so  weniger  beaebtet  wurden,  da  sie 
bisweilen  langere  Pausen  maebten,  und  ganze  Tage  lang  bei  war- 
merer  Witterung  und  wehendem  Siidwinde  ausblieben.  Allmali- , 
lich  verbreiteten  sie  sich  uber  die  ganze  reebte  Gesichtshalftc. 
Wiibrend  die  linke  in  ruhigem,  dem  Karaktcr  dcs  Mamies  ange- 
messnem  Zustande  sich  befand,  wurden  die  Gcsichtsziige  der  reeb- 


300 


MIMISCHER  GESICHTSKRAMPF. 


ten  Seitc  (lurch  das  lebhaft  wechselnde  Spiel  der  einzelnen  Mus- 
kelparthieen  in  allerlei  neuc  Grimassen  verzogen,  die  Stirn  ge- 
runzelt,  die  Augenlider  in  zitternder  Bewegung  auf-  und  zuge- 
kniffen,  der  rechte  Mundwinkel  (lurch  die  alsdann  wie  straffe 
Sehnen  (lurch  die  Haut  fuhlbaren  Zygomatici  und  den  Levator 
anguli  oris  ungewohnlich  in  die  Hohe  gezogen,  so  dass  cs  in 
solchem  Momente  unmoglich  war  die  Unterredung  fortzusetzen, 
und  die  Sprache,  namentlich  in  den  Lippenhuchstaben  versagte. 
Der  dadurch  oft  sehr  unangenehm  afficirte  Kranke  konnte  sich 
clann  nur  damit  helfen,  dass  er  rasch  mit  der  rechten  Hand  nach 
der  Backe  fuhr,  und  (lurch  starkes  Driicken  und  Fixircn  der  be- 
wegten  Muskeln  einen  Nachlass  des  Krampfes  herbeifuhrtc.  Im 
Gegentheil  vermochte  auch  derselbe  die  Zuckungen  willkurlich 
hervorzurufen , wenn  er  (lurch  Contraction  des  Orbicularis  das 
Auge  zu  schliessen  versuchte.  Daher  war  auch  das  Einschlafen 
gewolmlich  nicht  ohne  Schwierigkeit,  und  das  Auge  musste  sehr 
vorsichtig  und  allmahlich  geschlossen  werden.  Im  Schlafe  selbst 
trat  erst  vollkommne  Buhe  der  Gesichtsmuskeln  ein.  Druck  auf 
die  Ausgangsstellen  des  Nerv.  facialis  und  infraorbitalis  vermchrte 
weder,  noch  verminderte  die  Krankheit.  Alle  bisher  gebrauchten 
Mittel  waren  fruchtlos,  daher  der  Kranke  um  so  freudiger  den 
Vorschlag  auffasste,  das  Uebel  (lurch  ein  operatives  Verfahren 
moglicherweise  geheilt  zu  sehen.  Ein  langes  spitzes  Fistelmesser 
wurde  vom  rechten  Winkcl  eingestochen,  und  unter  der  Schleim- 
haut  der  Wange  fortgleitend,  in  die  Ildhe  bis  an  den  beginnen- 
den  Rand  des  untern  Augenlides  hinauf  fortgeschoben.  Dann 
wendetc  Dieffenbaclr die  Scluirfe  gegen  die  Muskeln,  und  durch- 
schnitt  diesc  mit  einem  Zuge  beim  Zuruckziehen  des  Messers, 
ohne  jedoch  die  aussere  Haut  irgendwo  mit  zu  trennen.  Hier- 
durch  wurden  der  Orbicularis  in  seincm  untern  Thcil  und  die 
Zygomatici  mit  dem  Levat.  ang.  oris  in  ihrer  Mitte  getrennt. 
Einen  zweiten  Einstichspunkt  gab  der  aussere  Augenwinkel;  das 
Messer,  von  der  Schlcimhaut  aus  unter  der  ausseren  Haut  fort 


MIMISCHER  GESICHTSKRAMPF. 


307 


nach  ausscn  gefuhrt,  trenntc  beim  Zuriickziehen  noch  einmal  den 
orbicularis.  Die  abnorme  Muskelbewegung  hatte  nach  jedem 
Schnitte  mehr  verloren,  und  so  wurde  von  der  Schleimhaut  der 
Oberlippe  aus  das  Messer  zum  drittenmale  unter  der  Nase  hin- 
aufgeschoben,  um  die  sammtlichcn  Muskeln  derselben,  namentlich 
den  Depressor  alae  nasi,  zii  durchschneiden.  ( Dieffenbach  liber 
die  Durchschneidung  der  Sehnen  und  Muskeln.  Berlin  1841.  S. 
314.)  Der  gute  Erfolg,  der  sicli  bald  nach  def  Operation  zeigte, 
hat  sich  grosstentheils  erhalten.  Anderthalb  Jahre  nach  derselben 
fand  ich  bei  genauer  Untersuchung  des  Kranken,  dass  die  Gewalt 
der  Convulsionen  ganz  aufgehort  hatte,  und  nur  ein  Zittern  und 
Bebcn,  zumal  in  dem  Orbicularis  palpebrarum,  noch  stattfand, 
welches  mit  der  frliheren  Qual  des  Krampfes  nicht  zu  verglei- 
chen  war. 


# 


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Uombcrg’s  jN’ervcnbrankb.  I.  2.- 


2* 


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Krampf 

im  Muskelgebiete  der  Pars  minor  Quinti. 

Masticatorischer  Gcsichtskrampf. 
Trismus. 


Experimentelles.  Bell  war  der  erste,  der  durch  Versuche 
das  motorische  Attribut  der  kleineren  Quintuswurzel  nachwies, 
und  durch  Reizung  derselben  an  einem  frisch  getodteten  Thiere 
die  Kiefermuskeln  in  Thatigkeit  setzte,  so  dass  sich  die  Kinnladen 
mit  einem  schnappenden  Geriiusche  schlossen  (Physiologische  und 
pathologische  Untersuchungen  des  Nervensy stems.  Aus  d.  Engl, 
ubers.  von  Romberg.  S.  28  u.  83).  Valentin  hat  diese  Versuche 
an  noch  reizbaren  Kadavern  von  Pferden,  Katzen  und  Kaninchen 
wiederholt,  und  durch  Irritation  sowohl  der  Wurzel.  als  der  ein- 
zelnen  Stamme  und  Zweige  des  dritten  Astes,  welche  in  die  Kau- 
muskeln  dringen,  Contractionen  der  letzteren  veranlasst.  (De  fun- 
ction. nervor.  cerebr.  et  nervi  sympathici,  p.  23  u.  27).  Volk- 
mann  (iih.  d.  motorischen  Wirkungen  der  Kopf-  und  Halsnerven 
in  Muller  s Archiv  fur  Anatomie  etc.  Jahrg.  1840,  S.  485.)  hat 
diese  Resultate  bestiitigt,  und  iiberdies  gefunden,  dass  sich  nie- 
mals  bei  Reizung  des  fiinften  Paars  der  Buccinator  oder  Mund- 
winkel  bewegt,  wie  dies  nach  Bell’s  Angahe  der  Fall  sein  soil. 

DasBild  des  masticatorischen  Gesichtskrampfes  ist  verschicden, 
je  nach  der  Affection  der  hesondern  fur  die  verschiedenen  Bewc- 


I 


MASTICATORISCHER  GESICHTSKRAMPF. 


309 


gungen  des  Unterkiefers  bestimmten  N erven,  unci  je  nach  dcr 
clonischen  oder  tonischen  Form  des  Ivrampfes.  Am  haufigsten 
sind  die  Nerven  der  Heber  des  Unterkiefers,  die  N.  masseter. 
und  temporales  der  Sitz,  selten  die  der  Seitwartszieher,  N.  pte- 
rygoid., am  seltensten  die  Nerven  der  Abwartszieher,  (N.  mylo- 
hyoid. und  digastr.)  entweder  auf  einer,  oder,  was  ofter  der  Fall 
ist,  auf  beiden  Seiten. 

Im  Krampfe  der  Ivau-  und  Schlafmuskeln  wircl  der  Unter- 
kiefer  dem  Oberkiefer  genahert,  und  verharrt,  bei  der  tonischen 
Form,  unbewcglich  in  dieser  Stellung,  so  dass  im  stlirksten  Grade 
die  Zahne  fest  an  einander  gepresst  sind,  und  durch  keine  Ge- 
walt  von  einander  gebracht  werden  konnen  (Mundklemm e). 
Die  Muskeln  selbst  fuhlen  sicli  starr  wie  ein  Brett  an.  In  der 
clonischen  Form  schlagen  die  Kiefer,  wie  im  Fieberfroste,  an  ein- 
ander, und  die  Muskeln  heben  und  senken  sich  gewaltsam.  Von 
dieser  ungewohnlichen  Art  des  Krampfes  erzahlt  Bell  (I.  c.  S.  85) 
ein  Beispiel:  er  wurde  bei  einer  Dame  consultirt,  die  nach  dem 
vorlaufigen  Berichte  von  einer  auffallenden  Krankheit,  von  pul- 
sirenden  Geschwiilsten  am  Kopfe  und  Gesichte,  befallen  sein  sollte. 
Bei  der  Untersuchung  ergab  sich,  dass  es  heftige  Krampfe  des 
Schlaf-  und  Kaumuskels  waren,  wodurch  diesc  anschwollen  und 
sich  hoben,  und  die  Kiefer  mit  solcher  Gewalt  an  einander  press- 
ten,  dass  die  Zahne  dislocirt  wurden.  -Dabei  ging  die  mimische 
Bewegung  der  Gesichtsziige  ungestort  und  frei  von  statten.  — 
Der  clonische  Krampf  der  seitwartszichenden  Kiefermuskeln  stellt 
sich  als  Zahncknirschen  und  als  Kaubewegung  dar:  ob  er  auch 
tonisch  vorkommt,  ist  mir  unbekannt.  Dagegen  die  wenigen, 
bisher  crwiilinten  Beobachtungen  vom  Krampfe  der  abwartszie- 
henden  Muskeln  (Mundsperre)  ihn  tonisch  schildern.  In  einer 
Dissertation  von  Kirschner  (de  maxillae  inferioris  divaricatione  te- 
tanoide.  Berol.  1825.)  wird  ein  Fall  von  einer  mit  Mundklerfime 
bei  einer  Epileptischen  abwechselnden  Mundsperre  mitgetheilt. 

Zuwcilen  empfindet  der  Kranke  schmerzhafte  Spannung  in 

2i  * 


310 


MASTICATORISCHER  GESICHTSKRAMPF. 


den  contrahirten  Kaumuskeln,  allein  in  der  Mehrzahl  dcr  Fiille 
wird  dcr  Krampf  nicht  gefuhlt.  Wie  der  mimische,  so  Iritt  auch 
der  masticatorischc  Gesichtskrampf  isolirt  oder  in  Verbindung  mit 
andern  spastischen  Affectionen  auf. 

Diagnostische  Verwechslungen  konncn  mit  Krankheiten  des 
Kiefergelenkes  und  dcr  nahgelegenen  Theile  stattfinden,  welche 
eine  Unbeweglichkeit  der  Kinnlade  mit  sich  fuhren.  So  ist  ein 
Fall  von  Anchylose  beider  Maxillargelcnke  und  Ulceration  der 
Gelenke  des  ersten  und  zweiten  Cervicalwirbels,  mit  andauernden 
Trismus-  und  Tetanusahnlichen  Erscheinungen,  von  Bright  in  Re- 
ports of  medical  cases,  Vol.  II,  P.  I.  p.  418  bekannt  gemacht 
worden.  Die  Schmerzhaftigkeit  bei  der  ortlichen  Untersuchung 
des  Gelenkes,  die  Abwesenheit  der  Muskelspannung  und  die  lan- 
gere  Dauer  der  Krankheit  geben  hinreichende  Unterschiede. 

Die  Ursachen  treffeii  die  peripherische  oder  centrale  Bahn 
des  motorischen  Quintus.  Sclion  der  Eindruck  der  Kalte  auf 
die  Gesichtsflache  kann  Trismus  hervorhringen.  Ich  habe  einen 
43jahrigen  Kranken  in  Bebandlung,  welcber  seit  vier  Jahren  die 
Erscheinungen  des  Absterbens,  wie  sie  S.  270  geschildert  sind, 
in  hohem  Grade  an  beiden  obern  und  untern  Extremitiiten , be- 
sonders  Handen  und  Fussen,  mit  Erstarrung  der  Muskeln,  dar- 
bietet,  sobald  er  sich  einer  kalten  Temperatur  aussetzt.  Gleich- 
zeitig  werden  die  Masseteren  und  Zunge  starr,  und  grosse  Schwie- 
rigkeit  den  Mund  zu  offnen  und  zu  schluckcn  stellt  sich  ein.  — 
Durch  jahe  Abwechslung  von  Hitze  und  Kalte  wird  der  Trismus 
vcranlasst,  den  man  bisher  mit  dem  Beinamcn  des  rheumatischen 
bezeichnet,  und  mit  Unrecbt  als  primares  Muskelleiden  gedeutet 
hat.  Im  Allgemeinen  wird  aber  die  peripherische  Bahn  des  mo- 
torischen Quintus  im  Gcsichte  seltner  als  dcr  Facialis  durch  der- 
gleichen  Anliisse  bctheiligt,  dagcgen  haufiger  als  dieser  an  der 
Grundllache  des  Gehirns. 

Den  28.  September  1830  ward  ich  zu  einer  74jahrigen  Frau 
gerufen,  die  seit  sieben  Monaten  an  Hemiplegic  der  linkcn  Seite, 


mAsticatorischer  gesichtskrampf* 


311 


vorzugsweise  des  Armes,  mit  Aniislhesie  gelitten  liatte.  Den  Tag 
zuvor  war  sie  plotzlich  in  einen  apoplectischen  Zustand  verfallen, 
wobei,  nach  Aussage  der  Umgebung,  von  Anfang  an  die  Zahne 
fest  an  einander  geschlossen  waren,  so  dass  es  unmoglich  war, 
irgend  etwas  in  den  Mund  zu  fldssen.  Ich  fand  sie  zwar  von 
Betiiubung  frei,  allein  bewusstlos,  durch  kein  Zeichen  das  Ver- 
stlindniss  meiner  an  sie  gerichteten  Fragen  verrathend.  Kopf  und 
Hals  waren  starr  nach  der  linkcn  Seite  gedreht,  beide  Augen 
unverriickt  auf  einen  Punkt  geheftet.  Trismus  fand  in  einem  sol- 
clien  Grade  statt,  dass  keine  Gewalt  im  Stande  war  Zahne  und 
Kiefer  auseinander  zu  bringen.  Zugleich  war  die  ganze  linke 
Seite  des  Gesichts  und  ein  grosser  Theil  der  rechten  unempfind- 
lich  gcgen  alle  Reizung.  Die  mimischen  Bewegungen  dcs  Ge- 
sichts gingen  ungestort  von  statten.  Dieser  Zustand  dauerte  sicben 
Tage  fort:  am  achten  trat  Sopor  ein,  am  neunten  der  Tod.  Ei- 
nige  Stunden  zuvor  horte  der  Trismus  auf,  und  die  Krankc  schluckte 
noch  einen  Essloffel  voll  Flussigkcit.  Bei  der  am  andern  Mor- 
gen vorgenommcnen  Section  fand  ich  betrachtliche  Hypertrophie 
und  elfenbeinartiges  Gefuge  der  Schadelknochen.  In  dem  vor- 
dcrn  Theile  der  Falx  sass  ein  Knochcnconcrement  von  der  Ge- 
stalt des  Vomer.  Starke  albuminose  Exsudate  bedeckten  die 
Aracbnoidea  kings  der  Sichel,  zumal  in  der  Wirbelgegend,  wo 
auch  Ver>vachsung  der  drei  Hirnhaute  mit  einander  stattfand. 
Viele  Pacchionische  Driisen  waren  von  kalkartiger  Ablagerung 
rauh  und  eckig  anzufuhlen.  Die  Arachnoidea  war  trlibe,  ver- 
■ dickt , an  vielen  Stellen  von  einem  zwischen  ihr  und  der  Pia 
imater  befindlichen  sulzigen  Extravasat  blasenformig  aufgetricben. 

I Das  Arteriennetz  an  der  Basis  des  Gebirns  war  grosstcntheils 
H'crkriochert.  Im  bintern  Lappcn  der  rechten  Hemisphare  des 
igrossen  Gehirns  fand  sich  cine  Erweichung  der  Marksubstanz, 
)von  dem  Umfangc  ,einer  Pflaume,  welche  sich  bis  auf  das  Dach 
uler  Seitenhohle  erstreckte.  Ilier  liess  sich  die  Marksubstanz, 
cdie  im  ubrigen  Gehirn  von  fester  Consistcnz  war,  wie  ein  Brei 


312 


MASTICATORISCHER  GESICHTSKRAMPF. 


wegwischen.  Ihre  Farbe  war  schmutzig  grau,  mil  einzelnen  ro- 
then  Punkten  mid  Streifen  durchwebt.  Hire  Granzen  gingen  un- 
merklieh  in  die  gesunden  Iiirnschichten  uber.  Fine  zweite  Er- 
weichung,  von  der  Grdsse  einer  Kirsche  undrothlich  gelber  Farbe, 
hatte  im  rechten  Sehnervenhugel  ihren  Sitz.  Bcide  Kleinhirn- 
schenkel  znr  Briicke  und  die  Wurzelstrange  des  Quintus  auf  bei- 
den  Seiten  waren  erweicht,  die  letzteren  in  einem  solchen  Grade, 
das§  sie  bei  der  Beruhrung  wie  Brei  zerflossen.  Die  Ganglia 
Gasseri  nahmen  an  der  Erweichung  keinen  Theil.  Die  iibrigen 
Hirnnerven  an  der  Basis  cerebri  hatten  ikr  normales  Aussehen 
und  Consistenz.  Die  Lateralventrikel  und  die  drittte  Iiirnhdhle 
enthielten  eine  grosse  Menge  gelblicher  seroser  Flussigkeit.  Eine 
sehr  grosse  Quantitat  von  Flussigkeit  stromte  beim  Senken  des 
Kopfes  aus  dem  Wirbelkanal. 

Auf  ahnliche  Weise  zeigen  sich  Trismus  und  Zahneknirschen 
als  Begleiter  von  Meningitis  der  Basis,  und  Kaubewcgungen  in 
apoplectisclien  und  typhosen  AlFectionen. 

Enter  den  Ursachen  des  masticatorischen  Gcsichtskrampfes  ist 
die  Reflexerregung  vorzugsweise  zu  nennen.  Es  ist  gar  nicht 
seiten,  dass  Reizung  sensibler  Nerven,  mag  sie  zum  Bewusstsein 
kommen  oder  nicht,  sich  ausschliesslich  auf  die  motorische  Ouin- 
tuswurzel  im  verliingerten  Marke  reflectirt.  Die  centripctale  Er- 
regung  hat  hierbei  in  der  Nahe  der  masticatorischen  Nerven,  oder, 
was  haufiger  der  Fall  ist,  entfernt,  am  Rumpfe,  in  den  Extremi- 
taten  etc.  ihren  Sitz.  Ein  Paar  Beispiele  sind  von  Travers  (A  fur- 
ther inquiry  concerning  constitutional  irritation  and  the  pathology 
of  the  nervous  system.  London  1835.  p.  311)  mitgetheilt  worden. 
Ein  junges,  zu  hystcrischen  Zufallen  geneigtes  Frauenzimmcr 
wurde  nach  dem  Ausziehen  eines  untern  Backenzahnes  der  rech- 
ten Seite  mit  Absplitterung  des  Proc.  alveol.  am  folgenden  Tage 
von  Trismus  befallen,  dcr,  als  Travers  die  Ivranke  sah,  bereits 
drei  Monate  angedauert  hatte.  Dcr  Kau-  und  Schlafmuskcl  dcr 


MASTIC  ATORISCHER  GESICHTSKRAMPF. 


313 


rechten  Seite  waren  slarr  contrahirt.  Mittelst  ciner  elastischen, 
durch  eine  Zahnliicke  eingebrachten  Rohre  bekam  die  Kranke 
Nahrungsmittel;  iibrigens  bcfand  sie  sich  wohl.  Spaterhin  stellten 
sich  Symptome  von  Chorea  in  den  obern  Extremitaten  ein.  Bei 
einem  andern  Iiranken  liatte  sich  nach  dem  Hufschlag  eines  Pfer- 
des  in  die  rechte  Inguinalgegend  eine  gespannte  umschriebene 
Geschwulst  im  Hypogastrium,  der  Scheide  des  rechten  Muse.  rect. 
abdom.  entlang,  gebildet.  Plotzlich  wurde  er  von  Trismus  be- 
fallen. Durch  einen  Einstich  in  die  Geschwulst  entlcerte  sich 
ein  halber  Tassenkopf  voll  Eiter.  Sofort  liess  der  Trismus  nach, 
und  horte  nach  ein  Paar  Tagen  auf.  Clarns  (der  Krampf  in  pa- 
thologischer  und  therapeutischer  Hinsicht  systematisch  erliiutert. 
1.  Theil.  Leipzig  1822,  S.  216.)  erzahlt  den  Fall  einer  jungen 
reizbaren  Frau,  die  im  siebenten  Monate  der  Schwangerschaft 
sich  mit  einem  etwas  stumpfen  Messer  in  den  linken  Daumen 
schnitt,  so  dass  der  Schnitt  quer  uber  die  iiussere  Seite  des  zwei- 
ten  Geleukes,  in  der  Lange  eines  Achtelzolles,  bis  auf  die  Sehnen 
gedrungen  war.  Die  Wunde  schmerzte  heftig,  blutete  wenig, 
undheilte  schnell,  allein  es  fand  sich  nach  einigen  Tagen  ein  Zie- 
hen und  Spannen  in  der  linken  Hand  ein,  welches  sich  bis  nach 
dem  Halse  verbreitete,  und  zu  dem  sich  ein  ahnliches  Gcfiihl  in 
den  Kaumuskeln  gesellte,  wobei  die  untere  Kinnlade  nur  einen 
halben  Zoll  weit  von  der  obern  entfernt  werden  konnte,  und  das 
Kauen  beschwerlich  war.  Dieser  Zustand  dauerte  in  abwechselnd 
starkerem  und  schwacherem  Grade  vier  bis  fiinf  Wochen  lang, 
und  verlor  sich  endlich  bei  dem  Gebrauche  von  Biidcrn  und  dem 
Genusse  von  Landluft  allmahlich,  doch  blieb  noch  langc  eine  be- 
sondere  Empfindlichkeit  der  verletzten  Stelle  und  ein  spannendes 
Gcfiihl  im  JIandgclenk  zuriick.  — Unliingst  liatte  ich  selbst  Gc- 
legenheit,  bei  einem  an  Fractur  des  rechten  Schien-  und  Wa- 
denbeins  leidenden  Manne  am  lOten  Tage  Spannung  der  Kau- 
muskeln mit  Schmerzhaftigkeit  und  crschwcrter  Bcwegung  des 


31  i 


MASTICATORISCIIER  GESICHTSKBAMPF. 


.Unterkiefers  der  rechtcn  Scitc  zu  bcobachten,  welchc  nach  eini- 
gen  Tagen  von  sclbst  verschwand.  — Auch  durch  Wurmreiz  ent- 
stelit  zuweilen  Trismus,  oder  Zahneknirschen,  so  wie  das  letztcre 
sich  ebenfalls  als  Reflexwirkung  der  Reizung  sensibler  Fasern 
des  Quintus  in  der  Dentitionsperiode  einfindet.  Und  nicht  bloss 
bei  dem  normalen  Stande,  noch  haufiger  tritt  bei  der  pathischen 
Steigerung  der  Reflexaction  Trismus  auf:  mit  ihm  beginnt  ge- 
wohnlich  der  Tetanus,  und  zur  Hysterie  gesellt  sicli  otters  Zahne- 
klappen,  die  clonische  Form  des  masticatoristhen  Gesichtskram- 
pfes.  — Ausser  der  Reflexaction  giebt  es  in  den  Centralapparaten 
sehr  wenige  Anliisse,  die  den  Trismus  hervorbringen.  Zu  diesen 
gehort  die  Epilepsie,  in  deren  Anfallen  und  Intervallen  der  Kinn- 
backenkrampf  nicht  selten  zum  Vorschein  kommt.  Zuweilen  zeigt 
er  sich  auch  als  Regleiter  der  Intermittens. 

Die  Prognose  richtet  sich  hauptsachlich  nach~dem  Stande  der 
Reflexthatigkeit.  1st  diese  zur  tetanischen  Affection  gesteigcrt, 
so  gehort  der  Trismus  zu  den  lebensgefahrlichsten  Krankheiten, 
und  nimmt  einen  mehr  acuten  Verlauf,  wie  in  der  Beschreibung 
des  Marrkrampfes  ausfuhrlicher  dargethan  ist.  Wo  aber  die  Re- 
flexaction an  und  fur  sich  nicht  durch  Erkrankung  des  Central- 
apparats  exaltirt  ist,  hat  der  durch  sensible  Reizung  veranlasste 
Trismus  wenig  zu  bedeuten,  und  entspricht  in  seiner  Dauer 
dem  zeitlichen  Yerhaltnisse  der  centripetalen  Erregung,  so  aass 
sein  Verlauf  ofters  chronisch  wird,  Dieser  prognostische  Unter- 
schied  verdicnt  voile  Beachtung,  denn  gewohnlich  gilt  Trismus 
fur  gleichbedeutend  mit  Iloffnungslosigkeit.  Yon  den  andern  Ar- 
ten  des  Trismus  ist  der  cpileptische  der  unerheblichstc:  dagegen 
drohi  der  zu  entz'undlichen  Zustanden  dcs  Gehirns  hinzutretende 
Gcfahr,  weil  er  den  Sitz  der  Reizung  an  der  Grundflachc  des 
Gehirns,  in  der  Nahe  dcs  vcrliingertcn  Markes,  andcutct-. 

In  der  Behandlung  dcs  Reflex -Trismus  ist  die  Bcseitigung 
der  sensibeln  Reizung  das  llauptmomcnt,  sci  cs  nun  Zahnreiz, 


MASTIC  ATORISCHER  GESICIJTSKRAMPF. 


315 


oder  Wundreiz,  odcr  gastrischer  Reiz  u.  s.  w.  So  wirkt  die 
Scarification  des  Zahnlleisches  bei  Kindern  in  der  Dentitionspe- 
riode  lieilsam.  v.  Wallher  citirt  in  seiner  Abhandlung  fiber  die 
Amaurose  nacli  Superciliarverletzungen  (in  Graefes  und  Wal- 
ther’s  Journal  ffir  Chirurgie  und  Augenheilkunde.  1840.  29r. 

Ed.  S.  525)  einen  von  Carr  on  du  Villard  beobachteten  Fall,  wo 
der  Trismus  nach  Exstirpation  einer  Balggeschwulst  entstanden 
war,  und  nach  Durchschneidung  des  Frontalnerven  wieder  auf- 
horte.  Earle  sah  in  eincm  Fade  nach  Austreibung  eines  Band- 
wurms  sofort  Genesung  erfolgen  ( Travers  1.  c.  p.  298).  Wo 
diese  zogert,  eignet  sich  der  ortliche  Gebrauch  narcotischer  Mit- 
t tel,  in  Salben-  und  Pflasterforrh.  Bei  tetanischer  Complication 
ibedarf  es  der  Anwendung  des  gegen  den  Starrkrampf  indicirten 
'Verfahrens.  1st  der  Trismus  Begleiter  der  Epilepsie,  so  zeigt 
>sich  Opium  wirksam  in  Clystir  oder  in  endermatischer  Applica- 
ttion,  wovon  ich  in  einem  Falle  schnelle  TIfilfe  sah.  Fine  37jah- 
rrige  Wittwe,  die  sich  im  14ten  Jahre  verheirathet  hatte,  wurde 
dm  15  ten  nach  einer  schweren  kfinstlichen  Entbindung  von  der 
I Epilepsie  befallen,  deren  Anfalle  seitdem  otters  mit  unregel- 
massigen  Intervallen  zuruckgekehrt  waren.  Nur  wahrend  der 
1 Lactation  dreicr  Kinder  blieb  sie  davon  verschont,  allein  die 
>Sauglinge  starben  unter  heftigen  Zuckungen.  Vor  melireren 
Jfaliren  wurde  sie  in  einem  Krankenhause  behandclt,  wo  sich 
nach  einem  epilcptischen  Paroxysmus  Kinnbackenkrampf  ein- 
ntellte , der  17  Tage  anhielt,  und  erst  nach  dem  Ausziehen 
nchrerer  Zahnc  durch  Einllossen  von  Opiumtinctur  gehoben 
ovurde.  Am  26.  October  1832  fiel  die  Kranke  nach  heftigem 
Acrger  auf  dem  Markte  urn,  bekam  starke  Convulsionen , und 
nach  Aufhoren  derselben  Aphonic  und  Trismus.  Am  folgenden 
I Cage  land  ich  die  Kiefer  lest  ap  einander  gepresst,  und  jedem 
ersuehe  sie  zu  ofinen  Widerstand  Ieistend.  Die  Masseteren 
uhlten  sich  wic  zwei  clicke  Wfilste  an,  dagegen  waren  Nacken- 


3 I G MAST1CAT0RISCHER  GESICHTSKRAMPF. 

mid  Bauchmiiskcln  frei  von  Contraction.  Ich  verordnete  das 
Einstreuen  eines  Drittcl  Grans  Morphium  acetic.,  alle  drei  Stun- 
den,  auf  ein  auf  die  Brust  gelegtes  Vesicatorium.  Schon  nach 
dem  dritten  Pulver  kehrte  die  Stimmc  zuriick,  nach  dem  funften 
war  die  Kranke  im  Stande  den  Mund  ohne  alle  Schwierigkeit 

zu  ofFnen.  Bei  entziindlichen  Zustanden  an  der  Hirnbasis  ist 

die  fur  die  Meningitis  passende  Behandlung  indicirt. 


■ — ^@3©^  " 


I 


Krampf 

im  Muskelgebiete  der  Augennerven,  des  Oculomotorius,  Tro- 

chlearis,  Abducens. 

Strabismus.  Nystagmus.  Schielen. 

Experi  men  telle  s.  Die  in  neuerer  Zcit  an  den  Augen- 
muskeln  oder  ihren  Nerven  angestellten  Versuche  haben  theils 
ubereinstimmende,  theils  widersprechende  Resultatc  gegeben.  Ueber 
die  Functionen  der  graden  Augenmuskeln  und  des  Augenlidhe- 
bers  herrscbt  keine  Verschiedenheit  der  Meinungnn:  eine  um  so 
grossere  dagegen  liber  die  Bestimmung  der  schiefen  Muskeln. 
Wahrend  Bell , Miillcr  u.  A.  der  Ansicht  sind,  dass  der  Obliq. 
super,  das  Auge  nach  unten  und  aussen,  der  Obliq.  infer,  nach 
oben  und  innen  ziebt,  schreiben  ihnen  Hueck  und  Volkmann  (Letz- 
tercr  in  seinem  Aufsatze:  liber  die  motorisclien  Wirkungen  der 
Kopf-  und  Halsnerven  in  Muller  s Archiv  f.  Physiol,  etc.  S.  481) 
die  Verrichtung  zu  das  Auge  um  seine  Axe  zu  drehen,  wodurch 
auch  bei  seitlich  geneigtem  Hauptc  die  Lichtstrahlen  eines  Ob- 
jects auf  identische  Stellen  der  Netzhaut  fallen  konnen:  der  un- 
tere  schiefe  Augenmuskel  fiilire  die  Pupille  in  einem  Krcisbogen 
nach  oben  und  aussen,  der  obere  Obliquus  nach  aussen  und  un- 
ten. Auch  Bransby  Cooper  ist  dieser  Ansicht,  und  weisct  den 
schiefen  Augenmuskeln  noch  liberdiess  die  Fahigkcit  zu,  den  Bulbus 


318 


AUGENMUSKELKRAMPF. 


vorwarts,  den  graden  Muskeln  dagegcn  ihn  riickwarts  in  die  Orbita 
zu  ziehen  (Physiological  observations  on  the  muscles  of  the  eye, 
in  Guy’s  Hospital  reports  Vol.  Ill,  p.  4G1  — 470).  Dagegcn 
Dieffenbach  aus  den  vielen  von  ihm  gegen  das  Schielen  nach  in- 
nen  und  oben  vorgenommenen  Durchschncidungen  des  Musculus 
obliq.  superior  den  Schluss  zieht,  dass  die  Action'  dieses  Muskels 
darin  besteht,  der  Pupille  die  Richtung  nach  innen  und  oben  zu 
geben  (s.  dessen  Werk:  iiber  das  Schielen  und  die  Jieilung  des- 
selben  durch  die  Operation.  Berlin  1842.  S.  18  u.  178). 

Physiologisches.  Hie  Statik  der  Augenbewegungen  ist 
im  gesunden  Zustande  durch  die  Thatigkeit  des  optischen  Nerven 
bedingt:  denn  ungeachtet  des  Vorhandenseins  symmetrischer  Mus- 
keln fur  beide  Augen  erfolgen  die  Bewegungen  beim  Sehen  un- 
symmetrisch,  allein  in  harmonischer  'Zusammenwirkung,  so  dass 
die  Augen  eine  solche  Stellung  gegen  das  Ieuchtende  Object  ein- 
nehmen,  dass  gleiche  Bilder  desselben  auf  identische  Theile  bei- 
der  Netzhaute  fallen,  wodurch  das  Einfachsehen  mit  zwei  Augen 
bedingt  wird.  Symmetrisch  finden  die  Bewegungen  der  Augapfel 
beim  Sehen  nur  statt,  wenn  sie  zugleich  harmonisch  sind,  z.  B. 
die  Action  beider  graden  obern  oder  untern  Muskeln  beim  Auf- 
wiirts-  oder  Abwartssehen.  Sobald  aber  die  Activitat  der  Netz- 
liaut  ermattet  oder  pausirt,  wie  es  wahrend  des  Schlafes  der  Fall 
ist,  horen  die  Bewegungen  auf  harmonisch  zu  sein,  und  werden 
symmetrisch,  wovon  das  Auf-  und  Einwartsstellen  der  Augen  ein 
Zeugniss  giebt,  und  das  Boppeltsehen  beim  Einschlafen  die  Folgc 
ist,  da  das  Bild  des  Gegenstandes  alsdann  in  beiden  Augen  auf 
differ cnte  Stellen  fallt. 

Audi  fur  die  krampfhaften  B e w e g u n g e n der  Augen 
ist  die  symmetrische  Stellung  karakteristisch,  die  entweder  in  ei- 
ncm  oder  in  beiden  Augen,  wechselnd  oder  beharrlich  statlfindet. 
Wechselt  der  Krampf  zwischen  den  antagonistischen  Muskeln,  so 
hat  ein  regelmassigcs . oder  unglciches  Ilin-  und  Ilcrschwingen 
statt,  welches  man  mit  dem  Namen  Nystagmus  bezeichuct.  Gc- 


AUGENMDSKELKRAMPF. 


319 


Wohnlich  ist  die  Richtuiig  horizontal,  zwischen  Rcet.  intern,  und 
extern.,  hoclist  seltcn,  wenn  iiberhaupt,  vertical,  zuweilen  rotirend, 
in  einem  Halbkreise,  wenn  in  den  schiefcn  Augenmuskeln  der 
Krampf  seinen  Sitz  nimmt,  wie  in  einem  von  Bell  (Physiol,  und 
pathol.  Unters.  d.  Ncrvens.  S.  237)  erzahlten  Falle.  Der  Kranke 
batte  das  rcchte  Auge  eingebiisst:  auf  dem  linken  war  das  Cen- 
trum der  Hornbaut  seit  zwanzig  Jahren  verdunkelt.  Dieses  Auge 
machte  ununterbrochen  eine  unwillkuhrliche  halbdrehende  Bewe- 
Die  Rotation  betrug  ein  Viertheil  des  Umfangs  des  Aug- 


gung. 


apfels.  Die  Cornea  stand  der  Nase  naher  als  gewohnlich,  daher 
der  Anblick  etwas  schielendes  hatte.  Eines  ahnlichcn  Falles 
erwahnt  Demours  (Dictionn.  des  sciences  medic.  T.  XXXV,  p. 
582)  von  zwei  Briidern,  von  30 — 35  Jahren,  welche  seit  ihrer 
Geburt  an  einer  Rotation  der  Augapfel  litten. 

Das  Haften  des  Krampfes  an  einem  Muskel  in  beidcn  Augen, 
oder  nur  in  einem,  oder  abwechselnd  bald  im  rechten,  bald  im 
linken  Auge,  wodurch  das  Zusammentreffen  der  Sehaxen  in  einer 
Richtung  verhindert  wird,  ist  dcrjenige  Zustand,  den  man  unter 
dem  Namen  Strabismus  mit  einbegreift.  Am  haufigsten  wird  der 
den  Rectus  interims  versorgende  Ast  des  N.  oculomotorius  befallen 
(Strabismus  convergens),  auf  dem  linken  Auge  ofter  als  auf  dem 
rechten,  weit  seltner  der  Abducens  (Strabismus  divergens),  am 
seltensten  die  Zweige  des  Oculomot.,  die  in  den  Rect.  infer,  und  , 
superior  sich  verbreiten,  so  dass  man  diese  Formen  zu  den  Aus- 
nahmen*z;ihlen  kann,  wahrend  dieselben  Nerven  und  dcr  den  Au- 
genlidheber  versorgende  Zweig,  dessenjcrampfhafte  Affection  man 
nicht  kennt,  hfiufiger  der  Paralyse  ausgesetzt  sind.  Unbekannt 
ist  man  nocli  mit  dem  Schielen  der  schiefen  Augenmuskeln,  dock 
dlisst  sich  vermuthen,  dass  beim  Schielen  nach  aussen  und  unten 
'der  N.  trochlearis  betheiligt  ist.  Endlich  gieht  es  nocli  krampf- 
Ihafte  Zustande  der  Augenmuskeln,  wodurch  der  Bulbus  riickwarts 
oder  vorwiirts  gezogen  wird.  — Die  Verhaltnisse  dcr  Schielhe- 
wegungen  zur  willk’uhrlichen  und  automatischen  Bewegung  des 


320 


AUGENMUSKELKRAMPF. 


Auges,  so  wie  zur  optischcn  Energie  sind  nocli  nicht  gehorig 
aufgekliirt.  Beim  Nystagmus  ist  der  Willens-Einfluss  ungeschwacht; 
das  Auge  kann  willkiihrlich  nach  alien  Bichtungen  bin  bewegt 
werden,  allein  die  pendelartigen  Schwingungen  dauern  gewdhn- 
lich  dabei  fort.  Dagegen  in  einem  von  Bell  (I.  c.  S.  238)  mit- 
getheilten  Falle  bei  dem  unwillkuhrlichen  Aufwartsrollen  des  Bul- 
bus,  als  die  Augenlider  von  einandergehalten  wurden,  und  die 
Kranke  die  Anstrengung  machen  musste  sie  mit  einiger  Gewalt 
zu  schliessen,  die  in  die  Hohe  gestiegene  Hornhaut  wahrend  die- 
ser  Stellung  starr  und  unbeweglich  blieb.  Sobald  die  Augenlider 
leise  an  einander  scblossen,  fuhr  die  Bevvcgung  der  Augapfel 
fort,  und  theilte  den  Augenlidern  ein  deutliches  Beben  mit. 
Wahrend  des  Schlafes  fand  weder  in  den  Augenlidern,  nocli  im 
Auge  selbst  irgend  cine  Bewegurig  statt.  Zuweilen  kann  der 
willkuhrliche  Impuls  den  convulsivischen  iiberwaltigen.  Bell  hat 
ein  vierjahriges  Kind  mit  Iiurzsichtigkeit  und  Nystagmus  beob- 
achtct,  dessen  Augcn  ruhig  wurden,  so  oft  ein  Gegcnstand  so 
nahe  gebracht  wurde,  dass  er  seine  Aufmerksamkeit  auf  sich  zog. 
Im  Strabismus  vermag  der  Kranke  das  schielende  Auge  durcb 
den  Impuls  des  Widens  aus  seiner  Stellung  fortzur'ucken,  allein 
nur  auf  kurze  Dauer:  vollstandiger  gelingt  es  beim  Schliessen 
des  andern  Auges,  wobei  indess  weniger  die  spontane  Kraft  in 
Betracht  kommt,  als  der  Einfluss  der  aus  ihrer  Unthatigkeit  zur 
Activitat  erwachenden  Netzhaut  auf  die  Statik  der  Bewegungen 
und  den  dadurch  bedingten  Stand  des  Bulbus:  denn  mehrentheils 
stellt  sich  mit  dem  Schliessen  des  gcsunden  Auges  der  Bul- 
bus in  eine  andrc  Richlung,  und  giebt  diese  sofort  beim  Oeflhcn 
des  geschlossenen  Auges  wieder  auf.  Dieffenbach  beobachtete, 
dass  sclion  mit  der  allmahlichen  Verengerung  der  Augenlidspalte 
des  gesunden  Auges  das  schielende,  eine  bessere  Stellung  -annimnit. 
Ob  und  wie  der  schielende  Augapfel  im  Schlafe  seine  Stellung 
verilndert,  ist  noch  uubekannt. 

Die  Bezichungcn  des  Strabismus  zur  Sehkraft  sind  mannich- 


AUGENMUSKELKRAMPF. 


321 


faltig  und  wichtig.  Fast  immer  ist  das  schielcnde  Augc  unthatig, 
und  wenn  beide  schielen,  eins  derselben:  daher  aucli  die  Pupille, 
selbst  beim  starksten  Einwartsschielen  umierandert,  ja  erweitert 
ist,  und  sich  nur  verengt,  sobald  der  Kranke  absichtlich  die  Seh- 
kraft  des  Auges  durch  Veranderung  seiner  Stellung  anregt.  Selbst 
die  beim  Schielen,  besonders  nach  oben,  zuweilen  vorhandene 
Ptosis  mag  liiemit  in  Zusammenhang  stehen,  da  mit  Yerbesserung 
der  Sehkraft  und  der  Stellung  des  Auges  durch  die  Operation, 
nach  Dieffenbcichs  Zeugniss,  die  Lahmung  des  obern  Augenlids 
ebenfalls  verschwindet.  Die  Unthatigkeit  des  optischen  Nerven 
ist  auch  der  Grand,  dass  der  Schielende  gewohnlich  einfach  sieht, 
dagegen  doppelt,  sobald  er  das  kranke  Auge  zum  Sehen  anstrengt, 
und  mit  demselben  einen  Gegenstand  fixiren  will,  weil  alsdann 
wegen  Mangels  oder  Unvollstandigkeit  harmonischer  Bewegungen 
beider  Augen  der  Gegenstand  nicht  mehr  im  Horopter  liegt,  und 
^sein  Bild  auf  differente  Stellen  fallt.  Bei  langerer  Dauer  des 
'Schielens  geht  die  Unthatigkeit  des  Sehnerven  aus  Mangel  an 
lUebung  in  Unerregbarkeit,  in  Amblyopie  liber.  Im  Nystagmus 
erscheinen  dem  Auge , obgleich  es  in  bestiindiger  Bewegung  ist,’ 
die  Gegenstiinde  in  vollkommner  Ruhe,  weil  jene  Bewegungen 
i nicht  durch  psychische  Intention,  nicht  durch  die  Kraft  des  Wil- 
ilens  vermittelt  werden,  sondern  unwillkuhrlich  stattfmden,  wobei 
i das  Auge  dem  Objecte  nicht  folgt,  so  dass  auch  keine  bewusste 
lEmpfindung  von  der  Action  der  Augenmuskeln  zu  Sfande  kommt, 
i und  der  Begrilf  des  Wechselns  der  Stellung  nicht  erwacht.  Bell 
ibehandelte  eine  solche  Kranke,  die  trotz  des  Hin-  und  Iler- 
'schwankens  der  Augen  im  Stande  war  eine  Nadel  einzufadeln. 

Nystagmus  und  Strabismus  bestehen  liir  sich,  oder  sind  mit 
eeinander  verbunden,  oder  mit  andern  Convulsionen , z.  B.  der 
Augenlider  (Nictitatio),  des  Rumples,  mit  Chorea,  mit  Epilepsic 
complicirt. 

Der  Unterschied  dcs  krampfhaftcn  Strabismus  vom  paralyti— 
sehen  besteht  darin,  dass  bei  jenem  die  willkuhrlichc  Bewegung 


AUGENMUSKF/LKRAMPF. 


322 

des  Augapfels  nach  andcrn  Richtungen  hin,  obschon  minder  leicht* 
doch  nicht  aufgehoben  ist,  wahrend  bei  dcm  letzteren  die  Bewe- 
gung  durch  den  gelahmten  Antagonisten  gar  nicht  mehr  zu  Stande 
kommen  kann.  Nach  Dieffenbach’ s Beobachtung  (I.  c.  p.  110)  ist 
es  nicht  selten,  dass  das  Auge  beim  krampfhaften  Schielen,  wenn 
es  auch  nur  massig  von  der  Sehaxe  abweicht,  zu  andern  Zeiten 
bei  Gemiithsbewegungen  etc.,  durch  spastische  Zusammenziehun- 
gen  der  Muskeln  in  die  verschiedensten  Stellungen  gebracht  wird. 
Diese  Contractionen  werden  selbst  unter  der  Operation  deutlich 
sichtbar. 

Die  Aetiologie  des  Schielens  ist  noch  in  grosses  Dunkel  ge- 
hiillt,  und  auch  durch  die  neueren  Bemuhungeri  um  diese  Krank- 
heit  nicht  aufgeklart  worden.  Peripherische  Anlasse  sind  seltner: 
die  bisher  beobachteten  hatten  an  der  Hirngrundflache  ihren  Sitz. 
So  begleitet  Nystagmus  oft  die  Meningitis  der  Basis,  besonders 
im  kindlichen  Alter. 

Im  Februar  1833  wurde  ich  zu  einem  dreizehn  Monate  alten 
Kinde  gerufen,  das  nach  Aussage  seiner  Mutter  gleich  nach  der 
Geburt  an  heftigen  Zuckungen  der  Extremitaten  gelitten  hatte, 
welche  sich  seitdem  in  schwacherem  Grade  von  Zeit  zu  Zeit 
wiederholten.  Die  Fontanelle  blieb  often,  die  Augapfel  waren 
nach  unten  gedriickt,  so  dass  das  Untre  Lid  einen  Thcil  der  Pu- 
pille  bedeckte,  die  psychische  Thatigkeit  hatte  sich  nicht  entwik- 
kelt:  es  konnte  fiber  das  Yorhandensein  eines  Hydrocephalus  kein 
Zweifcl  sein.  Drei  Wochen  vor  dem  Tode  trat  eine  neue  Er- 
scheinung  ein,  convulsivische'  Oscillation  beider  Bulbi,  die  wie 
Weberschiffe  horizontal  hin-  und  herglitten,  um  so  schneller,  so- 
bald  der  Kopf  aufrecht  gehalten  wurde.  Ficber,  Sopor,  augen- 
blickliches  Erbrechen  beim  Hochheben  des  Kopfes,  Erliischen  des 
Sehvcrmogens  auf  beiden  Augen  gesellten  sich  hinzu.  Unter  hef- 
tigen Convulsionen,  besonders  der  Augenmuskeln , erfolgte  dcr 
Tod.  — Die  von  dem  damaligen  Prosector  Herrn  Dr.  Hmle  vor- 
genommenc  Leichcnofinung  ergab  ein  sehr  entwickcltes,  fast  by- 


AIJGENMUSKELKRAMPF. 


323 


pertrophisch  zu  nennendes  Gehirn,  von  selir  derber  elastischer 
Consistenz.  Sammtliche  Ventrikel  waren  liber  das  Doppelte  ih- 
res  gewohnlichen  Lumen  erweitert,  und  mit  einer  rothlichen  se- 
rbsen  Fliissigkeit  strolzend  angefullt.  Auf  dor  Basis  des  Gehirns 
fand  sich  ein  betrachtliches  albuminoses  Exsudat,  welches  das 
Chiasma  dcr  Sehnerven  bedeckte.  Die  Nervi  oculomotorii  waren 
in  einer  Sulze  von  Lymphe  eingesenkt,  die  ihnen  so  fest  anklebte, 
dass  man  sie  beim  Prapariren  nicht  ganz  davon  befreien  konnte. 

Strabismus  kommt  unter  ahnlichen  Yerhaltnissen  vor,  und  ge- 
sellt  sich  zu  convulsivischen  Affectionen  anderer  Nerven,  die  an 
der  Hirngrundflache  durch  den  Entziindungs -Process  der  Mem- 
branen  gereizt  werden.  Folgender  Fall,  woran  sich  mir  die  Er- 
innerung  einer  unter  sehr  misslichen  Umstiinden  gelungenen  Hei- 
lung  kiiiipft,  zeigt  die  Reihenfolge  der  Erscheinungen  nach  Maass- 
gabe  der  in  den  Kreis  der  Irritation  gezogenen  Nerven. 

Ein  dreijahriger  vollsaftiger  Knabe  mit  selir  starkem  Kopfe 
und  kurzem  Halse,  erkrankte  im  Monat  August  1833  am  Croup, 
der  durch  fruhzeitige  Anwendung  der  geeigneten  Mittel  gliicklich 
beseitigt  wurde.  Sechs  Wochen  darauf  zeigte  sich  Abnahme  der 
-gewohnlichen  Munterkeit,  Widerwille  gegen  Stehen  und  Gehen, 
i und  ofteres  Klagen  uber  Schmerzen  in  den  Fiissen.  Unruhiger 
.'•Schlaf  und  leichte  Fieberbewegungen  gesellten  sich  hinzu.  Am 
.30.  Septemb.  brachen  plotzlich  heftige  Convulsionen  mit  Bewusst- 
llosigkeit  aus,  gegen  wrelche  ein  von  der  Strasse  hinzugerufener 
Arzt  Moschus  und  ein  warmes  Bad  verordnete.  Als  ich  eine 
>Stunde  darauf  kam,  fand  ich  das  Kind  in  einem  apoplectischen 
/Zustande,  mit  hochrothem  Gesichte,  Sopor,  Schnarchen,  dampfen- 
der  Haut,  vollem  frequenten  Pulse.  Blutegel,  Kalte  auf  den  Kopf 
i md  starke  Ableitung  auf  den  Darmkanal  wurden  vorordnet.  Der 
Sopor  machte  einer  lebhaften  Aufregung  Platz;  lautes  wirres 
Sprechen  begann:  die  Erscheinung  des  Schwindels  sprach  sich  in 
lem  anhaltenden  Rufe:  „ich  falle  vom  Stulde,  halte  mich“  deut- 
ich  aus.  Bei  dem  beharrlichen  Gebrauche  des  Calomel,  wieder- 

R oinberg’s  Xervcnkraukh.  I.  2. 


22 


324 


AUGENMUSKELKRAMPF. 


hotter  Blutentlcerungen , kalter  Begicssungcn  des  Kopfes,  und 
eines  Vesicatorium  in  den  Nacken  liess  der  phrenitische  Zustand 
nach;  allein  ein  bewusstloser  schlummersuchtiger  nahm  seine  Stelle 
ein,  und  bildetc  28  Tage  lang  den  Hintergrund  convulsivischer 
Scenen,  die  durch  das  successive  Befallen  der  an  der  Basis  cere- 
bri verlaufenden  Nerven  merkwiirdig  waren.  Zuerst  Affection 
des  Vagus  mit  kurzem  trocknern  Husten  und  suffocatorischen  An- 
fallen  — dann  Theilnahme  des  Facialis,  kundgethan  durch  ge- 
waltsames  Erweitern  und  Zusammenzielien  der  Nasenllugel  und 


durch  Verzernmgen  der  Mundwinkel 


zuniichst  Befallensein 


der  fur  die  masticatorischen  Muskeln  bestimmten  Quintusfasern 
mit  anhaltender  Kaubewegung  der  Kiefer  — dann  Amaurose: 
beim  Vorhalten  einer  brennenden  Iverze,  beim  Schwingen  des 
Fingers  keine  blinzelnde  oder  sonstige  Bewegung  des  Auges,  ob- 
schon  die  Pupillen  sich  ziemlich  rege  zusammenzogen  — zuletzt 
Affection  des  Oculomotorius  mit  starkem  Einwarts-  und  Auf- 
wartsschielen  der  Augen.  Und  hierbei  dauerten  die  andern  Merk- 
male  der  Meningitis  unverandert  fort  — Sopor  — Unfahigkeit 
den  Kopf  aufrecht  zu  halten  — Hin-  und  Herwerfen  und  Ein- 
bohren  des  Kopfes  in  die  Kissen  — circumscripte  Rothe  einer 
Backe,  kommend  und  schwindend  — grunzendes  Ausathmen  — 
Herausstrecken  des  einen  Beins,  Aufwartsstellen  und  Schaukeln 
desselben,  mochte  man  es  noch  so  oft  unter  die  Bettdecke  zu- 
riickbringen  — ausserordentliche  Abmagerung,  besonders  des  Hal- 
ses und  Nackens  — Einfallen  des  Bauches,  so  dass  die  Rippen- 
riinder  weit  hervorstanden  — trockne  diirre  Haut  — ungleicher 
Athem  — Puls  von  J00  — 112  Schlagen  — sehr  triige  Reaction 
dcr  Gediirme.  — Es  war  in  diesem  Fallc,  wo  ich  von  der  An- 


wendung 


der  feuchtcn  Warme  miltelst  anhaltend  fortgesetzter 


Fomentationen  des  Kopfes  ausgezeichnete  Wirkung  sab,  die  sich 
mir  seitdem  zu  wicderholten  Malen  bestatigt  hat  (vergl.  mcine 
diagnostische  und  therapeutische  Bemerkungen  fiber 


AUGENMUSKELKRAMPF. 


325 


Hirnentziindung  im  kindlichen  Alter  in  Caspers  Wochen- 
schrift  fur  die  gesammte  Heilkunde,  Jahrg.  1834.  S.  499). 

Die  Central-Anlasse  des  krampfhaften  Schielens  sind  1)  sta- 
tischer  Art.  Die  von  der  Energie  des  Sehnerven  abhangige  Sta- 
tik  der  Augenbewegungen  giebt  sich  durch  die  abnormen  Bewe- 
gungen  und  Stellungen  des  Bulbus  bei  gestorter  Action  in  der 
Retina  kund.  So  bringt  sehr  oft  ein  undurchsichtiger  Punkt  in 
der  Hornhaut,  Linsenkapsel  oder  Linse  eii)  Schielen  hervor,  in- 
dem  die  das  Licht  gleichsam  aufsuchende  Retina  auf  den  Oculo- 
motorius  zuriickwirkt.  Es  ist  hierbei  der  Umstand  nicht  zu 
iibersehen,  dass  eine  Verschiedenheit  der  Bewegungen  durch  die 
bloss  gehemmte  Thatigkeit  der  Netzhaut,  zumal  wenn  diese  von 
der  Geburt  an  stattfindet,  und  durch  deren  Unerregbarkeit  be- 
dingt  wird.  So  sicht  man  den  Nystagmus  als  Begleiter  des  an- 
gebornen  Centralstaars,  so  wie  grosser  Leucome  und  Staphylome 
in  Folge  der  Ophthalm.  neonat. , der  Ophthalm.  variolosa  etc.  — 
wahrend  Strabismus  divergens  die  beginnende  , und  ausgebildete 
Amaurose  begleitet  (S.  237).  In  der  Aetiologie  des  Schielens 
nehme  man  daher  stets  Riicksicht  auf  Momente,  welche  die  Ener- 
gie der  Sehnerven  betheiligen.  Vor  Kurzem  erzahlte  mir  eine 
30jahrige  Kranke  mit  Strabismus  convergens  des  linken  Auges, 
dass  das  Schielen  sich  in  ihrem  funften  Jahre  bei  ihr  und  ihrem 
Bruder  plotzlich  eingestellt  habe,  als  sie  am  Christabend  aus  ei- 
nem  finstern  Zimmer  in  ein  hell  erleuchtetes  gebracht  wurden. 

2)  Der  Reflexeinfluss  auf  Entstebung  des  Augenkrampfes  macht 
sich  bei  Reizung  naher  oder  entfernter  sensibler  Nerven  geltend. 
Auf  jene  Weise  bietet  er  sich  zuweilen  bei  mechanischen  Ver- 
letzungen  des  Auges  dar,  und  Juengken  (die  Lehre  von  den  Au- 
genkrankheiten.  2.  Aufl.  S.  890.)  schildert  eine  krampfhafte  Af- 
fection bei  Verwundungen  mit  Zerrung  und  Quetschung  des  Aug- 
apfels,  wodurch  dieser  in  die  Ilohle  der  Orbita  zuriickgezogen 
wird,  zuweilen  in  einem  solchen  Grade,  dass  die  Conjunctiva  sich 
uber  dcm  Bulbus  faltet,  und  die  Hornhaut  dem  Blicke  ganz  ent- 

22  * 


326 


AUGENMUSKELKRAMPF. 


schwindet.  Das  Schielen  in  der  Dentitionspcriode  giebt  einen 
Beweis  von  der  Reflexwirkung  des  Quintus  auf  die  motorischen 
Augennerven.  Darmreizungen,  besonders  in  der  Helminthiasis, 
liaben  Schielen  zur  Folge.  Auch  in  der  Hysterie  ist  es  cine 
niclit  sehr  seltne  Erscheinung,  und  ein  geistreicher  Arzt  hat  auf 
das  krampfhafte  Hervorsteben  der  Augapfel  in  Fallen  dieser  Krank- 
heit  aufmerksam  gemacht,  wodurch  sie  das  Ansehen  von  Glotz- 
augen  bekommen  ( Briick  in  Casper’ s Wochenschrift  fur  die  ges. 
Heilkunde  1840.  S.  441).  — 

3)  Mit  den  Anliissen  des  krampfhaften  Schielens,  welche  un- 
mittelbar  vom  Gehirne  ausgehen,  ist  man  am  wenigsten  bekannt. 
Psychische  Eindriicke  bringen  es  zuweilen  hervor,  und  konnen 
es  steigern.  In  den  epileptischen  Anfallen  fehlt  es  selten.  Ob 
auf  ahnliche  Weise  wie  Verletzungen  an  lebenden  Thieren  auch 
krankhafte  Zustande  gewisser  Theile  des  Gehirns  Schielen  zur 
Folge  haben,  steht  noch  nicht  fest.  In  den  Experimenten  von 
Krauss,  Hertwig,  Magendie,  Budge  u.  A.  am  Cerebellum,  am 
Kleinhirnschenkel,  an  der  Varolsbr'ucke  und  am  Proc.  restiformis 
des  verlangerten  Markes  zeigte  sich  Schielen  des  Auges  der  ver- 
letzten  Seite  nach  unten  und  vorn,  des  andern  Auges  nach  hinten 
und  oben,  eine  Erscheinung,  die  mit  der  durch  solche  Verletzun- 
gen uberhaupt  veranderten  Statik  der  Bewegungen  in  Zusammen- 
hang  steht. 

Disposition  ist  durch  das  kindliche  Alter  gesetzt:  zuweilen  ex- 
istirt  auch  erbliche  Anlage.  Diejfenbach  sah  das  Schielen  durch 
drei  Generationen  sich  fortsetzen,  und  traf  ofters  schielende  Mut- 
ter oder  Vater  mit  einer  zahlreichen  Nachkommenschaft  schie- 
lender  Kinder  an. 

In  der  Behandlung  leite  die  Indication  der  Ursache  und 
der  Wirkung  des  Schielens.  In  erstercr  Beziehung  miissen  der 
Stand  der  Sehkraft  und  der  Sitz  des  Reflexreizes  beriicksichtigt 
werden.  So  hebt  die  gclungene  Operation  der  angebornen  Ca- 
taracta  den  Nystagmus  und  die  Ileilung  der  Amblyopic  den  be- 


AUGENMUSKELKRAMPF. 


327 


gleitenden  Strabismus.  Mit  Entfernung  gastrischer  und  Dentitions- 
reize  schwindet  ofters  das  davon  abhiingige  Schielen.  Allein  in 
den  meisten  Fallen  ist  die  Erfiillung  der  Causalindication  erfolg- 
los,  oder  bei  der  Unzuliinglichkeit  atiologischen  Wissens  iiber- 
haupt  unmoglich.  Hier  zeigt  sich  nun  ein  Yerfahren  von  der 
grossten  Bedeutung,  welches  die  Folge  des  Krampfes,  die  Ver- 
kiirzung  des  Muskels  aufhebt.  Es  ist  die  Durchschneidung  des 
schielenden  Augenmuskels , welche  von  Stromeyer  angeregt,  und 
von  Dieffenbach  an  mehr  als  1200  Individuen  vorgenommen  wor- 
den  ist.  Mit  Unrecht  wurde  diese  Operation  bisher  als  eine  bloss 
cosmetische  betrachtet:  die  Riickwirkung  auf  die  Sehkraft,  und 
vielleicht  selbst  auf  die  Beschaffenheitder  Augenflussigkeiten  giebt 
ihr  einen  hoheren  und  wichtigeren  Standpunkt.  Auch  ist  zu  er- 
warten,  dass  physiologischer  Gewinn  daraus  hervorgehen  werde. 


Krarapf 

im  Muskelgebiele  des  Hypoglossus. 


Experimentelles.  Mechanische  und  galvanische  Reizung 
des  N.  hypoglossus  bringt  am  lebenden  und  am  frischgetodteten 
Thiere  zuckende  Bewegungen  der  Zungenmuskeln  hervor,  welche 
durch  isolirte  Reizung  einzelner  Nervenfasern  ebenfalls  beschrankt 
werden  konnen.  Volkmann  sah  in  mebreren  Versuchen  bei  vor- 
sichtiger  galvanischer  Reizung  des  mit  dem  Ganglion  versebenen 
Wurzelfadchens  auf  der  Mitte  des  Zungenriickens  an  einer  sehr 
beschrankten  Stelle  eine  Bewegung  entstehen,  die  mit  jeder  Rei- 
zung gleicbzeitig  wiederkehrte,  und  ihren  Rarakter  durchaus  nicht 
anderte  ( Mullers  Archiv  d840.  S.  503).  Auf  die  vom  Ramus 
descendens  versorgten  Halsmuskeln  (omohyoideus,  sternothyroi- 
deus  etc.)  blieb  die  Irritation  der  Wurzeln  des  Hypoglossus  fast 
ganz  ohne  Wirkung.  Hieraus  lasst  sich  schon  scbliessen,  dass 
der  Hypoglossus  dem  absteigenden  Aste  sehr  wenige  Fasern  ab- 
giebt;  auch  hat  die  microscopische  Untersuchung  gelehrt,  dass 
der  Ram.  descendens  zum  grossten  Theil  aus  Fasern  yon  spinalen 
Halsnerven  besteht,  die  aufwarts  steigen,  sich  dem  Hypoglossus 
anschliessen,  und  in  die  Zunge  verbrciten  ( Volkmann  Beobach- 
tungen  und  Reflexionen  iiber  Nervenanastomosen  in  Muller  s Ar- 
chiv 1840.  S.  512). 

Die  Bewegungen  der  Zunge  sind  zwiefacher  Art,  masticato- 
torische  und  articulirende.  Die  mastica  tori  sell  c Beyvcgung 


ZUNGENKRAMPF. 


329 


hat  die  Bildung  des  Bissens  zum  Zwecke,  und  ist  der  Anfang 
der  Schlingaction,  wodurch  die  zu  einem  Bissen  gesammelten  Stoffe 
zwischen  der  Oberflache  der  Zunge  und  dem  Gaumengewolbe 
bis  hinter  die  vordern  Bogen  des  Gauraenseegels  gefordert  werden. 
Die  articulirende  B ewe  gun  g wirkt  zur  Bildung  der  Laute 
mit,  durch  deren  Verbindung  die  Tonsprache  entsteht.  Die  Laute 
werden  entweder  einzeln  oder  in  einer  bestimmten  Folge,  ent- 
weder  stumm,  als  blosse  Gerausche,  oder  tdnend,  unter  Mit- 
wirkung  der  Stimme,  hervorgebracht. 

Zungenkrampf  mit  verhinderter  masticatoriscber  Action  ge- 
hort  zu  den  seltensten  Erscheinungen , wahrend  paralytische  Zu- 
stiinde,  die  denselben  Sitz  haben,  oft  genug  vorkommen.  Ich 
babe  nur  ein  Paarmal  Gelegenheit  gehabt  convulsivische  Bewe- 
gungen  der  Zunge  zu  beobachten.  Bei  einer  Kranken  sab  ich 
sie  als  Begleiter  hysterischer  Anfalle;  die  Zunge  walzte  und  drehte 
sick,  und  liess  ein  schnalzendes  Gerausch  ertonen.  In  dem  an- 
dern  Falle  gesellten  sich  die  Zuckungen  der  Zunge  zur  Menin- 
gitis der  Hirnbasis  bei  einem  vierjahrigen  Kinde.  Bei  dem  von 
Prosopalgie  befallenen  Kranken,  dessen  Geschichte  S.  38  — 47 
mitgetheilt  ist,  stellten  sich,  so  oft  der  Schmerz  im  Lingualis  sei- 
nen  Sitz  hatte,  Conyulsionen  der  Zunge  ein.  In  zwei  andern 
Beispielen  war  der  Zungenkrampf  mit  mimiscbem  Gesichtskrampfe 
verbunden  (s.  den  von  Mitchell  beobachteten  Fall  S.  302  und  Jos. 
Frank  Praxeos  medicae  universae  praecepta.  T.  III.  Vol.  I.  Sect. 
I.  Lips.  1830.  p.  540). 

Auch  die  articulirende  Bewegung  der  Zunge  wird  hochst  sel- 
ten  durch  Krampf  beeintrachtigt:  die  verhinderte  Articulation  ein- 
zelner  Laute,  das  St  am  mein  (Dyslalia),  welche  nicht  bloss  beim 
tonendcn,  sondern  auch  beim  stimmloscn  Angeben  dieser  Laute 
als  blosser  Gerausche  (vox  clandestina)  stattfindet,  ist  gewohnlicb 
von  paralytischcr  Affection  abbangig. 





Krampf 

im  Muskelbereiche  des  N.  accessorius  Wiliisii. 

Experimentelles.  Reizung  des  Beinerven  am  Eintritte  in 
das  Foramen  lacerum  Lei  frisch  getodteten  Thieren  setzt  den  M. 
sternocleidomastoideus  und  Trapezius  in  Contraction  ( Volkrnann 
1.  c.  S.  498). 

Auf  die  genannten  Muskeln,  entweder  auf  beide,  oder  nur 
auf  einen,  haufiger  auf  den  Sternocleidomastoideus,  beschrankt  sich 
eine  krampfhafte  Affection,  wovon  schon  bei  iilteren  Autoren 
(Wepfer,  Sauvciges)  einzelne  Schilderungen  vorkommen,  welche 
jedoch  erst  durch  Bell’s  Untersuchungen  zur  naheren  Kenntniss 
gekommen  ist  (Physiolog.  und  patholog.  Unters.  des  Nervensyst. 
S.  340—357). 

Anfallsweise  dreht  sich  der  Kopf  nach  einer  Seite  schief  ab- 
warts,  entweder  schnell  auf  einmal  oder  in  einzelnen  aufeinander- 
folgenden  kurzeri  Ziigen,  in  solchem  Grade,  dass  das  Obr  der 
Schulter  nahe,  und  das  Kinn  nach  der  entgegengesetzten  Rich- 
tung  in  die  Hohe  steht.  Der  Sternocleidomastoideus  der  Seite, 
nach  welcher  der  Kopf  herabgezogen  wird,  ist  hervorgewolbt  und 
hart.  Zuweilen  wird  der  Kopf  mehr  nach  hinten  gebogen,  und 
die  Schulter  steigt  aufwarts,  wodurch  sich  die  Affection  des  Tra- 
pezius kundgiebt,  der  wie  ein  barter  Strang  anzufuhlcn  ist.  In 
den  meisten  Fallen  ist  Schmerz  im  Laufc  oder  in  den  Ansatz- 
punkten  des  Muskels  oder  im  Nacken  und  Hfaterhaupte  der  lei- 


H ALSMUSK  E LKR  A M PF. 


331 


denden  Seite  Begleiter  dcs  Krampfes.  Nach  kurzer  Dauer,  ge- 
vvohnlich  von  wenigen  Secunden,  nimmt  der  Kopf  seine  normale 
sStelIung  wieder  ein,  um  sie  bald  darauf  von  Neuem  zu  verlasscn. 
lDurch  eine  feste,  deni  Kopfe  und  Halse  gegebne  Stellung  ist  der 
iKranke  meistens  im  Stande  den  Krarnpf  zu  verhiiten,  und  selbst, 
vvenn  er  schon  ausgebrochen  ist,  aufzuhalten.  Zuweilen  vermag 
er  es  auch  willkuhrlich.  Bell  erzahlt  (1.  c.  S.  354),  dass  ein 
iKranker,  sobald  der  Paroxysmus  die  grosste  Hohe  erreicht  hatte, 
:und  der  Warzenfortsatz  bis  zum  Brustbein  heruntergezogen  war, 
freiwillig,  doch  nur  auf  kurze  Zeit,  den  Muskcl  erschlaffen,  und 
den  Kopf  im  Gleichgewicht  erhalten  konnte.  Wahrend  des  Schla- 
fes  setzen  die  Anfalle  mehrentheils  aus. 

Der  Krampf  befallt  gewohnlich  eine  Seite,  die  rechte  haufiger 
als  die  linke,  und  nur  in  sehr  seltnen  Fallen  nimmt  er  beide  zum 
"Sitze.  Einen  solchen  Fall  theilt  Bell  (S.  345)  von  einem  neun- 
zzehnjahrigen  Madchen  mit,  dessen  Kopf  bestandig  Tag  und  Nacht 
rrollte,  und  sich  22mal  in  einer  Minute  umdrehte.  Die  Action, 
vvvelche  diese  rollendc  Bewegung  hervorbrachte , hatte  ihren  Sitz 
rim  M.  sternocleidomastoideus , trapezius  und  splenius  zuerst  der 
■ ffnen,  dann  der  andern  Seite,  wodurch  der  Kopf  auf  dem  Zahn- 
irortsatz  des  zweiten  Wirbels  eben  so  regelmiissig  bewegt  wurde, 
i ds  wurde  er  durch  ein  Pcndel  ringsum  geschwungen.  Folgen 
des  anhaltenden  Krampfes  sind  Hypcrtrophie  der  Muskeln,  Ent- 
'.tellung  des  Gesichts,  Herabsteigen  der  einen  Gesichtshalfte,  wiili- 
r*end  die  entgegengesetzte  sich  melir  in  die  Plohe  begiebt,  selbst 
Werriickung  der  Gesichtsknochen  (Die/fenbach  liber  die  Durch- 
>chneidung  der  Sehnen  und  Muskeln.  Berlin  1841.  S.  24).  Wo 
die  M.  scaleni  Theil  nehmen,  habe  ich  zuweilen  in  Folge  der 
Compression  des  Plexus  brachialis  Erstarrung  und  Aniisthesie  des 
Arms  beobachtet,  so  wie  auch  durch  Compression  der  Vencn  in 
olehen  Fallen  zuweilen  Oedem  entsteht. 

Die  convulsivische  Affection  des  Accessorius  kommt  entweder 
solirt  vor,  odor  in  Verbindung  mit  andern  Kriimpfen,  am  hau- 


332 


HALSMUSKELKRAMPF. 


figsten  der  mimischen  Gesichlsmuskeln,  zuweilen  auch  des  Schlun- 
des  und  der  Luftrohre. 

Die  Ursachen  sind  nocli  dunkel.  Nur  Dei  einigen  Kranken 
liess  sich  der  Ursprung  auf  eine  vorhergegangene  korperliche  An- 
strengung,  Aufheben  starker  Last  mit  cinem  krachenden  Gefuhle 
im  Nacken,  auf  sell  were  Entbindung  u.  s.  f.  zuriickfuhren : andre 
beschuldigten  heftige  Gemuthsbewegungen,  schwachende  Einfliisse, 
Zugwind,  der  die  eine  Seite  des  Halses  getroffen  liatte  ( Bright 
reports  of  medical  cases  Vol,  II.  Part  II.  p.  500),  und  rheuma- 
tischen  Anlass  iiberhaupt;  die  meisten  waren  jedoch  ausser  Stande 
ein  atiologisclies  Moment  mit  Sicherheit  anzugeben,  und  schilder- 
ten  eine  allmahliche  Entstehung  des  Krampfes.  In  einern  von 
Stromeyer  mitgetheilten  Falle  (Beitrage  zur  operativen  Orthopii- 
dik  S.  14G)  litten  bei  einer  73jahrigen  Dame  auch  die  Waden- 
muskeln  an  einem  hohen  Grade  von  Spannung,  wodurch  die 
Fusse  die  Gestalt  des  Pes  cquinus  hatten,  und  zugleich  war  seit 
einer  Reihe  von  Jahren  ein  gelinder  Grad  spastischer  Contractin' 
des  Sphincter  ani  vorhanden.  Brodie  hat  eine  Frau  beobachtet, 
bei  welcher  der  Krampf  ein  Jalir  angehalten,  und  plotzlich  auf- 
gehort  hatte,  worauf  Wahnsinn  ausbrach,  der  ebenfalls  ein  Jalir 
dauerte.  Mit  Ileilung  des  letzteren  kehrte  der  Krampf  zuriick 
(Lectures  illustrative  of  certain  local  nervous  affections,  p.  8). 

Die  bisherige  Behandlung  dieses  Krampfes  war  fast  durch- 
gangig  ohne  Erfolg;  es  wiirde  daher  nutzlos  sein  die  mannich- 
faltigen  Mittel  namhaft  zu  machen,  zu  denen  man  ohne  sichere 
Indication  seine  Zuflucht  nalim.  In  einem  Falle  sah  Bright  (1.  c.) 
von  grossen  Dosen  des  Ferr.  carbon.,  zu  Drachmen,  und  von 
der  Application  einer  Moxa  in  den  Nacken  dauernden  Erfolg. 
In  einem  andern  eingewurzclten  Falle  zeigte  sich  die  Electricitiit 
(Funkenziehcn  aus  dem  Nacken)  von  guter  Wirkung  (Guy's  ho - 
spit.  rep.  Vol.  VI.  p.  04).  Selbst  die  Durchschneidung  der  Aeste 
des  Accessorius,  welche  von  Dr.  Bujalsky  in  Petersburg  an  ei- 
nem Kranken  versucht  worden  ist,  hatte,  wie  Stromeyer  bcricli- 


HALSMUSKELKRAMPF. 


333 


let,  keincn  dauernden  Erfolg  (1.  c.  S.  140),  und  durfte  um  so 
weniger  Nachahmung  verdienen,  da  abgesehen  von  der  sehr  gros- 
scn  Schwierigkeit  der  Operation  am  lebenden  Korper,  ausser 
dem  Accessorius  aucli  Zweige  der  Cervicalnerven  in  den  Sterno- 
cleidomastoideus  sich  verbreiten,  deren  Antheil  leicht  das  Ueber- 
gewicht  bekommen  konnte.  Ein  gliicklicheres  Resultat  ist  von 
der  Durchschneidung  des  afficirten  Muskels  zu  erwarten,  welche 
von  Amussat  und  Stromeyer  in  zwei  Fallen  mit  bleibendem  Er- 
folge  vorgenommen  ist,  obgleich  auch  hier  zuweilen  Hindernisse 
der  Wiederherstellung  entgegentreten.  So  habe  ich  unlangst 
einen  Kranken  gesehen,  der  an  einem  hohen  Grade  dieses  Kram- 
pfes  leidet,  und  wo  die  von  Dieffenbacli  wiederholte  Durchschnei- 
dung  des  Kopfnickers  ohne  alle  Wirkung  geblieben  ist. 

Die  von  einer  Affection  des  Beinerven  abhangige  permanente 
Zusammenziehung  des  Sternocleidomastoideus  und  Trapezius  (Ca- 
put obstipum  spasticum)  begleitet  hauptsachlich  entziindliche  Zu- 
stande  der  Halswirbel,  und  nimmt  weit  haufiger  auf  der  rechten 
Seite  als  auf  der  linken  ihren  Sitz.  Die  Empfindlichkeit  der 
Cervical wirbel  gegen  iiussern  Druck,  und  der  heftige  Schmerz 
bei  Yersuchen  den  Kopf  grade  zu  richten,  sind  pathognomonisch. 
Bei  fortschreitender  Desorganisation  h5rt  der  tonische  Krampf 
auf,  geht  in  Paralyse  liber,  und  die  Muskeln  der  andern  Seite 
des  Halses  bekommen  das  Ueberg^wicht.  Wird  das  entzundliche 
Wirbelleiden  fr'uhzeitig  beriicksichtigt,  und  mittelst  ortlicher  Blut- 
entziehungen , Exutorien,  innerer  umstimmender  Mittel  zweck- 
massig  behandelt,  so  schwindet  auch  der  Torticollis  (vergl.  Stro- 
meyer 1.  c.  p.  147 — 150). 

Des  mit  neuralgischer  Affection  verbundenen  Krampfes  der 
Halsmuskeln  ist  bei  den  Hyperasthesieen  der  Muskelgefiiblsnerven 
(S.  86)  Erwahnung  geschehen. 


Krampf 

im  Bereiche  der  motorischen  Nerven  der  obern  Extremitaten. 


&3£3<3 


Die  yon  Reizung  des  Armnervengeflechts  abhiingigen  krampf- 
haften  Bewegungen  oder  Stellungen  der  obern  Rumpfglieder  kom- 
men  selten  fur  sich  vor:  gewohnlich  sind  sie  Begleiter  von  Af- 
fectionen  der  Centralorgane.  Eine  eigenthiimliche  Form  istjedoch 
in  neuester  Zeit  bekannt  geworden, 

der  Schrellbekrampf. 

Jeder  Yersuch  zu  sehreiben  ruft  augenblicklich  krampfhafte  Be- 
wegungen  im  Daumen,  in  dem  Zeige-  und  Mittelfmger  hervor, 
so  dass  die  Feder  nach  oben  oder  unten  auf  dem  Papiere  aus- 
fahrt,  und  statt  deutlicher  Schriftziige  ein  Gekritzel  zum  Vorscbein 
kommt.  Canstatt  unterscheidet  einen  Schreibekrampf  der  Flexoren 
und  Extensoren  (die  spec.  Pathol,  u.  Therapie  III.  Bd.  2.  Lief. 
S.  313).  Je  mehr  der  Kranke  auf  Fortsetzung  des  Versuchs  be- 
steht,  um  so  starker  wird  seine  Unfahigkeit  die  Feder  zu  hand- 
haben,  und  zu  den  sicht-  und  fuhlbaren  Contractionen  der  Dau- 
menmuskeln  gesellen  sich  ofters  noch  Zusammenziehungen  der 
Muskeln  des  Yorder-  und  selbst  des  Oberarms,  wie  ich  vor  Kur- 
zem  in  einem  Fade  gesehen  habe.  Abnorme  Empfmdungen  sind 
zuweilen  vorhanden,  namentlich  ein  Gefuhl  von  Druck,  von  Zu- 
sammenschnurung  der  Hand,  oder  von  Schmerz,  der  vom  Oberarme 
nach  dem  Riicken  binzieht.  Pathognomonisch  ist  das  augenblickliche 


SCHREIBEKRAMPF. 


335 


1 Verschwinden  allcr  dieser  Zufalle,  sobald  der  Versuch  zu  schrei- 
ben  aufgegeben  wird,  so  wie  auch  der  Umstand,  dass  die  Hand 
zu  jeder  andern  Combination  von  Bewegungen  und  zu  Anstren- 
gungen  tauglich  ist.  Auch  bei  Ianger  Andauer  findet  sich  keine 
andre  Storung  der  Nervenverrichtungen  am  Arme  ein.  Bisher 
ist  der  Schreibekrampf  fast  ausschliesslich  beim  miinnlichen  Ge- 
'Scblechte  beobaclitet  worden:  mir  ist  nur  ein  Fall  davon  bei  ei- 
nem  Frauenzimmer  zur  Kunde  gekommen.  Das  kindliche  Alter 
'Scheint  verschont  zu  sein.  Beschaftigungen,  wobei  anhaltend  ge- 
'Schrieben  wird,  disponiren.  Die  iibrigen  iitiologischen  Momente 

■ sind  unermittelt. 

Ueherhaupt  fehlt  es  noch  zur  Geschichte  dieser  Krankheit, 
auf  welche  zuerst  deutsche  Aerzte  aufmerksam  gemacht  haben, 
iBriick  (Kritisches  Repert.  4831.  Bd.  30.  II.  1.),  Gierl  (Medicin. 
cchirurg.  Zeitung  1832.  N.  29  S.  46),  Heyfelder  (Medicin.  Zeitung 
i aerausgegeben  von  dem  Yereine  fur  Heilk.  in  Preussen.  1835. 

1.),  Albers  (ebend.  Nr.  9.),  an  einer  gehorigen  Zald  genauer 
1 Beobachtungen,  und  andre  Zustiinde  werden  ofters  damit  verwech- 
-ielt.  Der  Act  des  Schreibens  ist  Produkt  der  Intelligenz  und 
ler  Motilitat,  und  wrird  durch  beider  Storungen  auf  verschiedne 
VVYeise  beeintrachtigt.  In  der  Dementia,  dem  erworbnen  Blod- 

■ inne,  vermag  der  Kranke  nicht  einmal  seinen  eignen  Namen 
iiiuszuschreiben : nur  die  ersten  Buchstaben  sind  noch  leserlich, 
liann  folgen  Striche  in  Kreuz  und  Quer:  die  Zusammenhanglo- 

igkeit  der  Schriftzuge  entspricht  den  Gedanken,  die  auch  nicht 
n einander  gereihet  werden  konnen.  Andrerseits  ist  die  Moti- 
itat  Schuld,  durch  Abnahme  oder  Steigerung.  Paralyse  der  obern 
Cxlremitat,  vom  Gehirne  oder  Ruckenmarke  abhangig,  beginnt 
) icht  selten  mit  geschwachter  Leitungsfahigkcit  der  motorischen 
'ingernerven,  und  dadurch  verhinderter  Tauglichkeit  zum  Schrei- 
en:  ich  babe  gegenwiirtig  einen  Mann  in  Behandlung,  dessen 
hwrankheit  im  kleinen  Gehirne  ihren  Sitz  zu  haben  scheint,  und 
ait  einem  Ilindernisse  beim  Schreiben  debutirte.  Diese  paraly- 


336 


SCHREIBEKRAMPF. 


tische  Unfahigkeit  beschrankt  sicli  aber  nicht  bloss  auf  das  Schrei- 
ben,  sondern  dehnt  sich  auf  jcde  andre  Handhabung  aus,  so.  wie 
dies  ebenfalls  beim  Tremor  manus  der  Fall  ist;  auch  fehlt  die 
fuhlbare  Contraction  einzelner  Fingermuskeln , und  der  Hinzutritt 
andrer  Symptome  erleichtert  die  Diagnose.  Bei  dem  convulsivi- 
schen  Schreibebinderniss  ist  die  Integritiit  der  Fingerbewegung 
liir  jede  andre  Beschaftigung  karakteristisch , obschon  nicht  zu 
iibersehen  ist,  dass  in  einem  von  Stromeyer  Reschriebenen  Falle 
auch  beim  Clavierspielen  der  Daumen  sich  sogleich  unter  die 
Handflache  zog,  und  die  zweite  Phalanx  vollstiindig  flectirt 
wurde  ( Stromeyer , iiber  den  Schreibekrampf  ( spasmus  habitualis 
musculi  flexoris  pollicis  longi)  und  dessen  Heilung  durch  die 
Tenotomie  im  Medicinischen  Correspondenz  - Blatte  Bayerischer 
Aerzte  1840.  Nr.  8.  S.  117).  Es  ist  also  kein  Motiv  zur  An- 
nahme  einer  primaren,  sei  es  peripherischen  oder  centralen  Af- 
fection der  betroffnen  motorischen  Nerven  vorhanden,  sondern 
der  Ausgang  von  einem  Reflexreize  diirfte  wohl  der  wahrschein- 
liche  sein.  Man  weiss,  dass  Beizung  der  Volarflache,  so  wie 
auch  der  Plantarflache , die  Entstehung  von  Reflexbewegungen 
auffallend  begiinstigt  ( Valentin  de  functionibus  nervorum  cerebra- 
lium  p.  100.  Nr.  33),  und  Kurschner  fand  bei  seinen  Yersuchen, 
dass  idie  Haut  der  Gelenke  zu  den  reizbarsten  Stellen  gehort, 
um  Reflexbewegungen  hervorzurufen  ( Marshall  Hall’s  Abhand- 
lungen  iiber  das  Nervensystcm.  Aus  dem  Englischen,  Mit  Er- 
lauterungen  und  Zusatzen  von  Dr.  Kurschner.  Marburg  1840. 
S.  135).  So  scheint  nun  die  Beriihrung  der  Haut  der  Fin- 
ger und  der  Hand  mit  dem  Papiere,  oder  selbst  mit  der  Fe- 
der  als  Reflexreiz  zu  wirken,  wofiir  auch  der  Umstand  spricht, 
dass  durch  starke  Compression,  durch  festes  Anpressen  der  Hand 
die  Entstehung  der  Reflexbewegung  erschwert,  und  selbst  ver- 
hindert  wird.  — Bei  einer  so  dunkeln  Affection  sei  auch  noch 
an  jcne  Erschcinung  erinnert,  wo  der  Mensch  beim  Schreiben 
kleinc,  wie  electrische  Stosse  in  den  Fingern  empfindet.  Muller 


SCHREIBEKRAMPF. 


337 


erwahnt,  dass  cr  selbst,  als  er  vor  Jahren  von  einer  nervosen 
Reizbarkeit  befallen  war,  dieses  Symptom  selir  oft  hatte,  sobald 
er  die  Hand  und  die  Finger  zu  sehr  anstrcngte  (Handbuch  der 
Physiol,  des  Menschen.  1.  Bd.  3.  Aufl.  S.  648). 

Die  bisherige  Behandlung,  sowohl  allgemeine  als  ortliche, 
zeigte  sich  fast  durchweg  erfolglos,  so  dass  die  Kranken  gewohn- 
lich  alle  Heilversuche  aufgaben,  und  sich  mit  mechanischcn  Yor- 
richtungen  begniigten,  die  mehr  oder  weniger  darin  ubereinkamen, 
einen  Druck  auf  die  Haut  und  unterliegenden  Muskeln  auszu- 
iiben.  Stromeyer  wandte  das  Princip  der  Muskeldurchschneidung 
auch  auf  die  Cur  des  Schreibekrampfes  an,  und  in  einem  Falle 
rechtfertigte  ein  glanzender  Erfolg  die  antispasmodische  Kraft  der 
Tenotomie.  Schon  am  14.  Tage,  nachdem  die  Sehne  des  Flexor 
pollicis  longus  subcutan  durchschnitten  worden,  ging  das  Clavier- 
Spielen  und  das  Schreiben  mit  der  grdssten  Leichtigkeit  von 
statten  (1.  c.  S.  118).  Dagegen  war  bei  mehreren  Kranken  die 
von  Dieffenbach  vorgenommene  Operation,  wobei  ich  zugegen 
war,  von  gar  keinem  Nutzen. 

Zuckungen  befallen  zuweilen  nach  Fractur  oder  Amputation 
das  verletzte  died  (Arm  oder  Bein),  und  entstehen  entweder 
durch  directe  Reizung  motorischer  Nerven  oder  durch  Reflexac- 
tion.  So  erzahlt  Babington  (Guys  Hospit.  rep.  Yol.  VI.  p.  423.) 
den  Fall  einer  20jahrigen  Frau,  deren  rechter  Arm  wegen  scro- 
fuloser  Desorganisation  des  Elbogengelenkes  amputirt  werden 
musste.  Nach  drei  Monaten  ldagte  sie  liber  ein  zuckendes  Auf- 
fahren  des  Stumpfes  im  Schlafe,  und  bald  fing  derselbe  an  sich 
bestandig  hin-  und  herzubewegen,  in  abwechselnder  Adduction 
und  Abduction.  Nur  wahrend  des  Schlafes  beschriinkte  sich  diese 
Bewegung  auf  ein  blosses  Zittern.  Die  Behandlung  blieb  un- 
wirksam. 


Krampf 

im  Bereiche  der  motorischen  Nerven  der  untern  Extremitalen. 


Sitz  und  Ursache  bedingen  Formverscliiedenheiten  dieses 
Krampfes. 

Unter  den  Muskelnerven  des  Oberschenkels  geben  am  hau- 


Diagnose  durch  Stromeyers  Untersuchungen  gewonnen  ist  (1.  c. 
S.  Ill  u.  figd.).  Die  Extremitat  ist  im  Hliftgelenk  gebogen,  und 
kann  nicht  gestreckt  werden.  Versuche  zur  Extension  erregen 


und  die  Muskeln  selbst  ragen  wie  straffe  Leisten  hervor : ilire 
Beruhrung  vermehrt  den  Knieschmerz.  Die  Hiifte  ist  durch  die 
Action  des  Quadratus  lumborum  und  der  Bauchmuskeln  in  die 
Hohe  gezogen,  wovon  eine  scheinbare  Yerkiirzung  des  Beins  die 
Folge  ist,  so  dass  beim  Auftreten  nur  die  Spitze  des  kranken 
Fusses  den  Boden  beriihrt. 

Selten  befallt  der  Krampf  die  den  Unterschcnkel  bewegenden 
Muskeln,  mit  Beugung  oder  Streckung  des  Kniees.  Dagegen 
nimmt  er  seinen  Sitz  oft  in  den  Fasern  des  Ischiadicus,  welche 
den  dreikopfigen  Wadenmuskel  versorgen,  zuweilen  auch  in  de- 
nen  des  M.  tibialis,  mit  oder  oline  Veriinderung  der  Fussform. 
Im  ersteren  Falle  findet  Pes  equinus  oder  varus  statt , dcssen 


figsten  die  lur  die  Flexoren,  den  Psoas  und  Iliacus,  bestimmten 

v l 

Zweige  des  ersten  und  zweiten  Lumbarnerven  den  Sitz  ab,  und 
veranlassen  die  spastische  Contractur  der  Hiifte,  deren 


heftige  Schmerzen  im  Knie.  Die  Sehnen  des  Psoas  und  Iliacus 


KLUMPFUSS. 


339 


krampfhafter  Ivarakter  sich  dort  am  deullichsten  zu  erkennen 
giebt,  wo  der  Klumpfuss  periodisch,  unter  gewissen  Bedingungen 
sich  einsiellt.  Einige  Beobachtungen  dieser  Art  finden  sicli  in 
Stromeyer’s  und  Dieffenbach’ s Werken,  und  sind  von  zu  grosser 
pathologischer  Wichtigkeit,  um  hier  nicht  angefuhrt  zu  werden. 
„Ein  30jahriger  Marin  hatte  einen  Klumpfuss  der  rechten  Seite 
bald  nach  dem  ersten  Auftreten  ohne  bemerkbare  Veranlassung 
bekommen.  Beim  Gehen  trat  er  nur  mit  dem  iiussern  Fussrande 
auf,  beim  Sitzen  liess  sich  jedoch  der  Fuss  fast  ganz  in  seine 
normale  Lage  bringen,  selbst  bei  gestrecktem  Kniegelenke,  noch 
leichter  indess  bei  gebogenem.  Bei  gradem  Auftreten  aber  drehte 
sich  die  Fusssohle  nach  innen,  und  es  entstanden  lebhafte  Schmer- 
zen.  — Bei  einem  Kinde  von  FV  Jahren  nahm  der  rechte  Fuss 
beim  Gehen  die  Gestalt  des  Pes  equinus  an,  wahrend  beim  Sit- 
zen und  Liegen  durchaus  keine  Deformitat  zu  entdecken  war. 
Das  Auftreten  mit  der  Spitze  des  Fusses  fand  sogleich  bei  den 
ersten  Yersuchen  zu  gehen  statt  ( Stromeyer  1.  c.  S.  83  u.  95).  — 
Ein  kraftiger  15jahriger  Jiingling  stieg  eines  Tages  auf  einen 
Tisch,  um  die  Stubenuhr  zu  stellen.  AIs  er  dann  riickwarts  vom 
Tische  auf  den  Boden  sprang,  wobei  die  Spitzen  der  Fiisse  zu- 
ierst  den  Boden  beriihrten,  fuhlte  er  liber  der  linken  Ferse  au- 
genblicklich  einen  heftigen  Schmerz,  so  class  er  nicht  mehr  auf- 
ttreten  konnte.  Oelige  Einreibungen  hoben  die  Sckmerzen  binnen 
ieinigen  Tagen;  als  er  aber  wieder  zu  gehen  anfing,  beriihrte  nur 
die  Spitze  des  Fusses  den  Boden;  die  Ferse  war  dagegen  um 
zwei  Zoll  in  die  Hohe  gezogen,  selbst  die  Belastung  des  Fusses 
durch  das  ganze  Korpergewicht  konnte  die  Ferse  nicht  bis  auf 
Jden  Boden  herabdrucken.  In  sitzender  Stellung  konnte  der  junge 
■Ylensch  seinem  Fusse  jede  beliebige  Stellung  geben,  und  dies, 

K vvie  es  zuerst  schien,  wohl  nur  deshalb,  weil  bei  dem  Beugen  ♦ 
des  Kniegelenks  die  YVhde  erschlafTt  und  verkingert  wurde.  Al- 
■ ein  bei  genauer  Beobachtung  verhielt  sich  die  Sache  anders. 
Lag  der  Kranke  auf  dem  Riicken,  so  class  das  Kniegelenk  und 

Romberg’s  Nerrenkrnnkb.  I.  2.  23 


340 


KLUMPFUSS. 


die  Wadenmuskeln  erschlafl’t  waren,  so  konnte  er  mit  dem  Me- 
latarsalgelenke  alio  Bewegungen  machen,  den  Fuss  extendiren, 
adduciren  und  abduciren.  Physiologisch  iriteressant  ist  es  daher, 
dass  bei  Unthatigkeit  dcr  Gastrocnemii,  diese  durch  die  Flexoren 
ausgedehnt  werden  konnten,  und  bei  aufrecbter  Stellung  die  Ga- 
strocnemii sich  ungeachtet  der  Beschwerung  des  Fusses  durch 
die  Last  des  Korpers  urn  zwei  Zoll  verkiirztcn  ( DiefJenbach  riber 
die  Durchschneidung  der  Sehnen  und  Muskeln  S.  225).  Herr 
v.  J.,  22  Jahr  alt,  Student  der  Philosophic,  von  grossem  krafti- 
gem  Korperbau  und  blubender  Gcsundheit,  wurde  in  friihester 
Kindheit  von  einer  Schwache  dcr  untern  Extremitaten  befallen, 
welche  das  Gehen  erschwerte.  Starkende  Bader  und  spirituose 
Waschungen  waren  die  damals  vorzugsweise  angewendeten  Mit- 
tel.  Die  Untersuchung  der  Extremitaten  zeigte  durchaus  nichts 
Abweichendes,  weder  in  Riicksicht  auf  Entwicklung,  nocli  auf 
Form.  In  sitzender  Stellung  waren  die  Fiisse  vollkommen  wolil- 
gebildet,  und  der  junge  Mann  konnte  jede  Bewegung  mit  Leicli- 
tigkeit  machen.  Stand  er  aber  auf  und  ging,  so  war  der  Gang 
so  unsicher,  schwankend  und  watschelnd,  als  wenn  ein  Ungeiib- 
ter  mit  glatten  Sohlen  auf  dem  blanken  Eise  geht.  Nock  schwan- 
kender  war  der  Gang,  wenn  er  die  Stiefel  und  Striimpfe  auszog, 
und  auf  blossen  Fiissen  durch  das  Zimmer  ging,  dann  musste  er 
sich  oftmals  halten,  uni  nicht  umzufallen.  Setzte  er  die  Fiisse 
auf  den  Boden,  so  blieb  ihre  Gestalt  normal;  so  wie  er  sich  aber 
vom  Stuhle  erhob,  und  die  Fiisse  die  Last  des  Korpers  trugen, 
so  nahmen  dieselben  augenblicklich  die  Gestalt  von  Plattfiissen 
an,  die  Wolbiing  der  Solile  verschwand,  und  die  Zehen  zo gen 
sich  kurz  zusammen,  und  richteten  sich  nebst  dem  ganzen  vor- 
dern  Tbeile  der  Fiisse  in  die  Holie,  so  dass  der  Fussriicken  ein 
concaves  Ansehen  bekam.“  ( Dieffcnbach  a.  a.  0.  S.  240.) 

Ohne  Veriindcrung  der  Fussform  kommen  Krampfe  der  Wa- 
denmuskeln haufiger  vor,  von  Reizung  des  Hiiftnerven  abhiingig, 
und  mit  heftigem  Schmerze  verbunden,  die  sogenannten  Crampi, 


KLUMPFUSS. 


341 


auf  deren  bei  cler  Neuralgia  muscularis  gegebene  Schildcrung 
(S.  86)  verwiesen  wird. 

Als  Ursachen  wirken  sowold  peripherische  als  auch  Rellex- 
reize.  Unter  den  ersteren  sind  krampfhafte  Prozesse  dcr  Wir- 
belknochen,  besonders  der  Lumbarwirbel , nicht  selten,  wodurch 
auf  ahnliche  Weise  wie  das  Caput  obstipum,  die  ConXractur  des 
Huftgelenks  erzeugt  wird.  Auch  Organe  der  Beckenhdble  kon- 
uen  unmittelbar  das  Lumbar-  und  Sacralgeflecht  betheiligen,  und 
die  Muskeln  des  Schenkels  und  Fusses  zu  Contractionen  anrcgen, 
wovon  der  Uterus  im  schwangern  Zustande  ein  Beispiel  giebt. 
Noch  luiufiger  mag  es  wohl  durch  Relleximpuls  der  Fall  sein. 
So  gesellt  sich  der  Wadenkrampf  zur  Brechruhr,  und  das  gleich- 
zeitige  Vorkommen  des  Krampfes  in  den  Fingerstreckern  giebt 
um  so  melir  Beweis  fur  die  Entstehung  durch  Rellexaction.  Darm- 
reize  andrer  Art  mijgen  analog  wirken.  Irritation  der  Gebar- 
mutter  darf  nicht  iibersehen  werden,  und  die  hysterischen  Gelenk- 
leiden,  wie  sie  Brodie  geschildert  hat  (vgl.  S.  66  und  75),  sind 
mehrentheils  auf  diesen  Ursprung  zuriickzufuhren.  So  erwahnt 
Andral  (Yorlesungen  uber  die  Krankheiten  der  Nervenheerde 
S.  443)  eines  Madchens  von  19  Jahren,  welches  in  Folge  einer 
(lurch  Schreck  entstandenen  Menostasie  jeden  Mon  at;  und  fast 
genau  zu  derselben  Zeit,  wo  sonst  die  Menstruation  zu  kommen 
pllegte,  von  einer  krampfhaften  Contraction  der  untern  Extremi- 
tiiten  befallen  wurde.  Die  Flexion  des  Beins  war  so  stark,  class 
die  Fersen  das  Gesass  beriihrten.  In  den  Intervallen  der  An- 
falle  war  die  Gesundheit  ungestort.  Nach  Wiedereinstellung 
der  Catamenien  horten  die  Convulsioncn  auf.  Auf  die  Haut, 

■ die  iiberhaupt,  und  in’sbesondre  an  der  Fusssohle,  als  wich- 
tige  Quelle  von  Reflexactionen  betrachtet  werden  muss,  Ienken 
'die  mitgetheilten  Fiille  von  periodischem  Klumpfussc  den  Blick, 
da  nur  bei  der  Beruhrung  der  Sohle  mit  dem  Fussboden,  zumal 
wcnn  sie  nackt  war,  der  Krampf  zum  Ausbruch  kam,  so  wie  bei 
Beruhrung  der  Hand  mit  dem  Papiere  etc.  der  Schreibekrampf 

23* 


342 


KLUMPFUSS. 


enlslcht.  Audi  Brodie  sah  in  jencn  Gclenkairectionen  ofters  bei 
leiser  Beriihrung  der  Hautdecken  convulsivische  Bewegungen  des 
Beines  entstehen,  welche  zuvveilen  stiirmisch  waren  und  den  Schen- 
kel  in  die  Hohe  warfen,  zuvveilen  mit  dcnen  der  Chorea  Aehn- 
lichkeit  hatten  (Lectures  illustrative  of  certain  local  nervous  affec- 
tions p.  43).  Endlich  werden  Zuckungen  und  Contractionen  der 
Muskeln  der  untern  Extremitiiten  als  Begleiter  von  Centralkrank- 
heiten  des  Riickenmarks,  vvenn  auch  seltner  als  Lahmungen,  be- 
obacbtet. 

In  der  Behandlung  hat  die  Erfullung  der  Causalindication  oft 
einen  glanzenden  Erfolg.  Davon  iiberzeugt  man  sich  bei  der 
spastischen  Contractur  des  Iluftgelenkes,  welche  von  einem  Kno- 
chenleiden  der  Lumbarwirbel  abhangig  ist,  und  so  haufig  mit 
Coxarthrocace  verwechselt  wird.  Die  genaue  Untersuchung  des 
Riickgraths  wird  diesen  Irrthum  verhiiten,  und  den  Ableitungs- 
mitteln  (Exutorien,  Einreibungen  mit  Ung.  tart.  emet.  etc.)  die 
gehorige  Stelle  anweisen.  Beseitigung  der  Intestinal-  und  Ute- 
rinreizung  hebt  andauernd  die  davon  abhangigen  Wadenkriimpfe. 
Bei  dem  krampfhaften  Klumpfusse  batte  die  gewobnlicbe  Behand- 
lung bisher  nicht  gefruchtet.  Der  subcutanen  Sehnen-  und  Mus- 
keldurchschneidung  war  es  vorbehalten  aucb  hier  einen  Triumph 
zu  feiern.  In  alien  oben  angeluhrten  Fallen  erfolgte  dadurch 
vollstandige  Heilung. 


Krampf 

im  Gebiete  der  die  Athem-  und  Stimmbewegungen  vermit- 

telnden  Nerven. 


Experimentelles.  — Die  von  Arnold,  Bischo/f,  Valentin 
u.  A.  aufgestellte  Deutung  des  Vagus  als  sensibeln  Nerven,  dem 
durch  die  Aufnahme  von  Fasern  des  Accessorius  motorische  Ele- 
mente  (fur  die  Schlund-  und  Kehlkopfsnerven)  beigesellt  werden, 
ist  durch  die  neuesten  Beobachtunge'n  von  Volknuinn  erschiittert 
worden.  Versuche,  ausschliesslich  an  den  Wurzeln  des  Vagus 
bei  frisch  getodteten  Thieren  angestellt,  hatten  Bewegungen  des 
Schlundes,  des  weichen  Gaumens  und  der  Kehlkopfmuskeln  zur 
Folge.  Es  zeigte  sich  dabei  seltner  Veranderung  in  den  Dimen- 
sionen  der  Stimmritze  als  ein  Zucken  in  den  vorspringenden  Par- 
tieen  der  Giesskannenknorpel.  Die  Krauselung  der  Muskeln  wurde 
im  Muse,  cricoarytaenoid.  postic.  und  lateral,  deutlich  bemerkt. 
Nach  Durchschneidung  des  Vagus  unterhalb  des  N.  laryng.  super, 
gab  sich  bei  Reizung  des  letzteren  nicht  der  geringste  Einfluss 
auf  Bewegung  der  Stimmritze  kund,  dagegen  erweiterte  sich  beim 

IGalvanisiren  des  peripherischen  Endes  des  durchschnittncn  Nerven 
die  Stimmritze,  und  die  Stimmbapder  wurden  zuweilen  angespannt. 
Volkmann  legte  bei  zwei  jungen  Hunden,  nach  Wegnahme  des 
grossen  und  kleinen  Gehirns,  die  Stimmritze  Irei,  die  sich  mit 
jedem  Athcmzuge  offnete  und  wieder  schloss.  Dann  wurden  bei 
dem  cincn  die  N.  laryng.  super,  durchschnitten,  wodurch  die  Be- 


GLOTTIS  K II A M PF. 


3 44 

wegungen  dor  Glottis  gar  nicht  verandert  wurden.  Bei  dem  an- 
dern  durchschnitt  Volhnann  den  Vagus  auf  beiden  Seiten  am 
liaise,  vernichtete  somit  die  Wirkung  dcs  Ram.  recurrens,  so- 
gleicli  schloss  sich  die  Stimmritze,  urn  sich  nicht  wieder  zu  off— 
nen  ( Mailer’s  Archiv  1840.  S.  494).  Stillings  Experimente  sind 
nicht  minder  entscheidend  und  ergeben,  dass  der  Nerv.  laryngeus 
superior  ein  rein  sensitiver  Nerv  ist,  und  dass  die  Stimmritze 
ausschliesslich  durch  die  N.  recurrcntes  bewegt  wird  (Liber  die 
Bewegung  des  Kehlkopfes,  der  Stimmritze  und  des  Schlundes  in 
Hdser’s  Archiv  fur  die  gesammte  Medicin  3.  Bd.  3.  H.  S.  326). 
Durch  diese  Versuche  wird  Magendies  Annahmc,  dass  die  Schliess— 
muskcln  der  Stimmritze  (die  M.  arytaenoid.  transv.  u.  obliq.)  von 
den  obern  Keldkopfsnerven  versorgt  werden,  widerlegt,  so  wie 
dies  bcreits  friiher  in  anatomischer  Beziehung  von  Rudolphi  und 
Schlemm  geschehen  ist.  Ausser  dem  Einflusse  auf  die  Glottis 
kommt,  nacli  dem  iibereinstimmendcn  Zeugnisse  aller  Experimen- 
tatoren,  den  zurucklaufenden  Nerven  die  Vermittlung  derjenigen 
Muskelactioncn  zu,  durch  welche  die  zum  Tonangeben  nothige 
Spannung  der  Stimmbander  hervorgebracht  wird. 

Die  krampfhaften  Athembewegungen  treten  entweder  in  iso- 
lirtcn  Ziigen  oder  zu  Gruppen  associirt  auf.  Von  den  ersteren 
sind  der  Spasmus  glottidis  und  der  Spasmus  bronchialis  die  Re- 
prasentanten. 


Spasmus  glottidis. 

(Asthma  laryngeuin.) 


Durch  Contraction  der  die  Stimmritze  sehliessenden  iVIuskelii 
wird  das  Einathmen  crschwert  oder  gehcmmt. 

Es  giebt  keine  Krankheit  noth  Verletzung  des  Kelilkopls,  in 
deren  Bcgleitung  sich  diescr  Krampf  nicht  einfinden  konnte.  Ln- 


GLOTTISKRAMPF. 


345 


abhangig  davon,  als  selbststandige  Affection,  die  vorzugsweise  das 
zarte  Kindesalter  befallt,  ist  cr,  obgleich  alteren  Autoren  liicht 
unbekannt,  in  neuerer  Zeit  unter  verschiedenen  Namen  beschrie- 
ben  worden,  Asthma  acutuin  Millari,  Asthma  thymicum,  spasmo- 
discher  Croup,  Laryngismus  stridulus  etc.,  von,  denen  der  obigc 
wegen  seiner  Einfachheit  den  Vorzug  zu  verdienen  scheint  *). 
Der  Spasmus  glottidis  stellt  sich  in  Anfallen  von  verhinderterp 
Luftholen,  von  Ausbleiben  des  Athems  ein,  wobei  unter  grosserer 
oder  geringerer  Anstrengung  ein  greller  Sclirei  ertont,  der  mit 
der  eigenthumlich  schallendcn  Inspiration  beim  Croup  oder  Keicli- 
husten  Aehnlichkeit  hat.  Die  ersten  Anfalle  kommen  in  der 
Naclit,  nach  ruhigem  Schlafe,  sind  von  kurzer  Dauer  und  gelinde, 
so  dass  sie  die  Aufmerksamkeit  der  Umgebung  kaum  erregen, 
zumal  nach  denselben  das  Befinden  vom  normalen  nicht  abweicht. 
Anfangs  sind  die  Intervalle  Iang;  mehrere  Tage  vergehen,  ehe  ein 
neuer  Anfall  eintritt:  spaterhin  kehren  sie,  auch  im  Wachen  hau— 
tiger  zuriick,  und  nchmen  an  Intensitiit  und  Dauer  zu.  Drei  bis 
funf  Minuten  lang,  zuweilen  noch  langer,  ist  das  Athmen  unter- 
brochen,  die  Augen  sind  stier,  die  Farbe  des  Gesichts  ist  livide 
oder  leichenblass,  die  Nascnflugel  und  Halsmuskeln  sind  in  star- 
ker Action,  die  Arme  sind  starr  ausgedehnt,  die  Suffocation  wird 
fur  unvermeidlich  gehalten,  bis  endlich  die  Luff  wieder  in  kur- 
zen  Ziigen  mit  pfeifendem  Tone  eindringt,  dcr  nachher  in  Wei- 
nen  und  Schluchzen  ubergelit,  womit  der  Anfall  endigt.  Nicht 
selten  finden  wahpjend  desselben  kramplhaffe  Zusammenziehungen 


e)  Unter  den  Deutschcn  haben  sich  am  meisten  um  Aufhellimg  dieser 
Krankheit  verdient  gemacht:  Kopp  DenkwUrdigkeiten  Bd.  1.  Caspari  und 
Pagenstcchcr  in  den  Hcidelberger  klinischen  Annalen  B.  S.  H.  2.  Hirsch  in 
IJuf eland's  Journal  der  prakt-  Heilk.  1S35.  Haclimann  in  der  Zeitschrift  fur 
die  ges.  Medicin  etc.  herausgeg.  von  l)iejfenbach , Fricke  und  Oppenhcim. 
B.  V.  Heft  3.  In  der  ausl'andischen  Literatur  ist  das  Work  von  Hugh  Ley 
das  Ausgezeichnetste:  an  essay  on  the  laryngismus  stridulus  or  crouplike 
inspiration  of  infants.  London  1830. 


3 4 (> 


GLOTTISKRAM  PF. 


der  Finger,  der  Hande  und  Fiisse,  besonders  Einwartsschlagen 
der  Daumen  statt. 

Der  Ausgang  dieser  Krankheit  ist  dreifach  1)  unmittelbar  in 
Tod  durch  Asphyxie.  Die  stiirksten  Anstrengungen  zum  Einath- 
men  sind  yergebens,  der  Kopf  ist  hintenuber  gebogen,  der  Rumpf 
tetanisch  starr,  plotzlicli  sinkt  das  Kind  urn,  und  ist  nicht  mehr. 
2)  In  einen  Consecutivzustand  allgemeiner  Convulsionen,  welcher 
von  Einigen  als  zweites  Stadium  angenommen  wird,  wozu  jedoch 
ihre  oftere  Abwesenheit  nicht  berechtigt.  3)  In  Genesung,  sel- 
ten  jahe,  meistens  allmahlich  und  langsam. 

Die  Dauer  der  Krankheit  erstreckt  sich  auf  mehrere  Wochen 
und  selbst  Monate,  mit  langeren  oder  kurzeren  Pausen.  Nur  in 
sehr  seltnen  Fallen  erfolgt  der  gliickliche  oder  lethale  Ausgang 
schon  in  den  ersten  Tagen. 

Die  Leichenbefunde  stimmen  in  der  Integritat  des  Kehlkopfs 
und  der  Luftrohre  uberein,  so  wie  auch  in  den  durch  Asphyxie 
bedingten  Veranderungen,  Blutstasis  in  den  Lungen,  in  der  reek- 
ten  Herzkannner  und  im  Gehirne.  Dagegen  weichen  die  Schil- 
derungen  der  zugleich  vorgefundenen  Abnormitiiten  von  einander 
ab.  liopp  hat  zuerst  der  Hypertrophie  der  Thymus  erwahnt,  Ley, 
nach  Merrimans  Vorgang,  der  Anschwellung  der  Cervical-  und 
Bronchialdriisen,  Monro  (the  morbid  anatomy  of  the  brain.  Edin- 
burgh 1827  Vol.  I.  p.  70),  Burns  u.  A.  der  Injection  und  Ent- 
zundung  an  der  Basis  des  Gehirns,  in  der  Nahe  der  Insertions- 
stelle  des  Vagus,  und  seroser  Extravasate  in  den  Hirnhohlen. 

Disponirende  Ursachen  sind  das  kindliche  Alter,  zumal  das 
jiingere  in  der  ersten  Dentitionsperiode  (nach  Pagenstechers  und 
Hachmanns  Beobachtung  werden  Knaben  weit  haufiger  als  Mad- 
chen  ergriffen),  Scrofeln,  Bhachitis.  Climatische  und  endemisehe 
Verhaltnisse  scheinen  von  Einfluss  zu  sein.  In  London  und  Du- 
blin kommt  die  Krankheit  nach  zuverlassigen  Berichten  haufig 
vor,  in  Hamburg  oft,  dagegen  sie  in  Paris  und  Berlin  nur  seltcn 
bcobachtet  wird.  Als  excitirende  Ursachen  machen  sicli  ausscr 


GLOTTISKRAMPF. 


347 


iZahnreiz  cutane  und  Intestinalreizung  geltend.  Gelegentliche  An- 
liisse  der  Anfalle  sind  Anstrengungen , Schreien,  Schreck,  plotz- 
liclies  Erwachen  aus  dem  Schlafe,  Pressen  beim  Stuhlgange. 

Scholion.  Diirch  Nichtbeachtung  der  Rcllexaction  in  der 
IPathogenie  des  Glottiskrampfes  hat  man  in  dessen  Deutung  Miss- 
g?riffe  gethan,  deren  Riickwirkung  auf  ,die  Behandlung  nicht  aus- 
Lgeblieben  ist.  Dahin  gehort  die  Annahme  einer  organischen  Ver- 
landerung  des  Vagus,  sei  es  in  seiner  centralen  oder  peripherischen 
iBahn.  So  halt  Hugh  Leg  die  Compression  des  Vagus  und  be- 
'Sondcrs  des  Recurrens  durch  angeschwollne  Cervical-  und  Bron- 
chialdrusen  fur  die  Bedingung  der  Erscheinungen,  und  glaubt, 
dass  wahrend  die  Muskeln,  welche  die  Stimmritze  offnen  und 
i erweitern,  des  motorischen  Impulses  ermangeln,  die  Antagonisten, 
die  Schliessmuskeln,  die  vom  N.  laryngeus  superior  versorgt  wer- 
dien  sollen,  das  Uebergewicht  bekommen.  Ein  Anfall  von  As- 
(ohyxie  sei  davon  die  Folge,  welcher  nicht  eher  aufhdre,  als  bis 
die  Glottis  sich  etwas  offnet,  was  bei  starken  Exspirationen  ge- 
sschieht,  und  wobei  die  nun  mit  Gewalt  durchfahrende  Luft  den 
i cigenthumlichen  schrillenden  Ton  hervorbringt.  Allein  abgesehen 
i lavon,  dass  sowohl  der  hier  vorausgesetzte  Antagonismus  zwischen 
oberem  und  unterem  Kehlkopfnerven  weder  anatomisch  noch  ex- 
oerimentell  gerechtfertigt  wird,  als  auch  dass  von  Andern  der 
i mgefuhrte  Nervendruck  gar  nicht  bestatigt  worden  ist,  so  wider- 
treitet  sclion  die  Periodicitat  einer  paralytischen  Affection  mit 
gesunden  Intervallen,  bei  fortdauerndem  und  so  machtigem  An- 
asse,  dass  selbst  eine  Atrophie  des  Nerven  stattfinden  soil,  den 
)isher  beobachteten  Thatsachcn.  Auch  sind  zwei  physiologische 
legengriinde  von  Gewicht.  Eine  Compression  des  Recurrens 
'viirde  Stimmlosigkeit  und  Unempfindlichkeit  der  Luftrdhre,  und 
il  ls  Folge  der  letzteren  Abnahme  der  respiratorischen  Reflexbewe- 
;ungen  hedingen  (vgl.  S.  230 — 233).  Von  beiden  findet  sich 
‘:eine  Spur:  die  Stimme  'erhalt  sich,  und  die  Empfindung  des 
uuftmangels  erzeugt  Athemnoth,  die  sich  durch  die  aufgeregte 


348 


GLOTTIS  ERA  M PF. 


Action  der  inspiratorischen  Muskeln  und  durch  den  Ausdruek 
marternder  Angst  in  den  Gesichtszugen  kundgiebt.  Audi  Korns 
Annahme  einer  durch  Hypertrophic  dcr  Thymusdriisc  veranlassten 
Compression  und  Stoning  des  Blutumlaufs  findet  in  den  angc- 
fuhrten  Griinden  ihre  Widerlegung,  zu  denen  noch  ein  wich  tiger 
hinzukommt,  dass  man  otters  die  hygiene  Beschaffenheit  der  nach 
dcr  Geburt  noch  wachsenden,  und  im  ersten  Lebensjahre  gross- 
bleibenden  Thymus  als  einen  krankhaften  Zustand  gemissdeutet 
hat.  Eben  so  wenig  ist  die  andere  Ansicht  von  einer  dem  Glot- 
tiskrampfe  zu  Grunde  liegenden  Centralaffcction  des  Gehirns  durch 
die  Beobachtung  gerechtfertigt  worden.  Sie  fand  wegen  der  of- 
teren  Begleitung  oder  Succession  von  Krampfen  der  Glieder  und 
des  Rumpfes  Eingang,  allein  die  psychische  Integritat  in  und 
ausser  den  Anfallen,  und  der  ganzliche  Mangel  von  Hirnsympto- 
men  im  Verlaufe  dcr  nicht  complicirten  Krankheit  hatten  nicht 
ubersehen  werden  durfen.  Wie  die  normalen,  so  sind  auch  die 
krampfhaften  Athembewegungen  von  der  Reflexaction  entweder 
einzelner  Nerven  oder  ganzer  Gruppen  motorischer  Bahnen  ab- 
hangig,  wobei  der  anregende  Reiz  in  der  Nahe  oder  Feme  von 
diesen  motorischen  Nerven  seinen  Sitz  haben  kann.  Fur  die  phy- 
siologische  Deutung  ist  es  zwar  gleichgiiltig,  ob  ein  in  die  Glot- 
tis eindringender  Wassertropfen  oder  die  Irritation  eines  Dental- 
zweiges  des  Quintus  die  Contraction  der  Muse,  arvtaenoid.  transv. 
und  obliej.  veranlasst,  denn  in  bciden  Fallen  ist  es  centripetale 
Erregung,  die  eine  centrifugale  hervorruft,  allein  fur  den  Patho- 
logen  ist  die  Kenntniss  des  Sitzes  der  centripetalen  Reizung  von 
Wichtigkeit,  da,  abgesehen  vom  therapeutischen  Interesse  cr  hier- 
durch  in  Stand  gesetzt  wird,  auch  diejenigen  Krankheiten  richti- 
ger  zu  wiirdigen,  in  welche  der  Glottiskrampf  als  Element  cingeht. 

Diagnostisches.  Yor  Verwechslung  mit  Croup  und  ent- 
zuncllichen  Affectionen  der  Luftrohre  stcllt  die  Paroxysmenbildung 
und  der  ruhige  Gang  dcr  Respiration  in  den  Intervallen  sichcr. 
Es  fchlt  das  begleitencle  Fieber  und  die  Vcrandcrung  der  Stimmc. 


GLOTTISKRAMPF. 


349 


lMusfen,  dort  steter  Begleiter,  wird  wiihrend  des  Anfalls  nicht  be- 
obachtet,  und  ist  in  den  Zwischenzeiten  unwesentlich.  Im  Croup 
•steigt  mit  den  Stunden  Intensitat  und  Gefahr:  im  Glottiskrampfe 

• entwickeln  Wochen  die  Hohe  der  Krankheit.  Zu  einem  andern 
Irrthume  konnte  der  Ilinzutritt  allgemeiner  Convulsionen  verlei- 
ten,  namlich  die  Krankheit  fur  eine  primiire  Meningitis  oder  Hy- 
drocephalus acutus  zu  halten.  Eine  sorgfaltige  Anamnese,  die 
IFortdauer  des  Glottiskrampfes,  wenn  aucli  in  seltneren  Anfallen, 
der  Mangel  des  soporbsen  Hintergrundes  geben  unterscheidende 
'Criterion  an  die  Hand. 

Hie  Prognose  ist  um  so  bedenklicher , jc  junger  der  Kranke 
ist,  wobei  die  verhaltnissmassigc  Kleinheit  und  Schmalheit  der 
Stimmritze  in  Anrechnung  zu  bringen  ist.  Richer  and  hatte  zu- 
erst  festgestellt,  dass  Kehlkopf  und  Glottis  im  kindlichen  Alter 
ssehr  klein,  um  die  Zeit  der  Pubertiit  an  Grosse  plotzlich  zuneli- 
men,  vorzuglich  berm  mannlichen  Geschlecht,  im  Verliiiltniss  von 
•'5:1(3,  bci  dem  weiblichen  von  5:7.  Schlemm  hat  diese  Be- 
iobachtung  bestatigt,  und  noch  einige  interessante  Details  bin- 
/zugefugt:  so  war  die  Stimmritze  eines  zwblljahrigen  Kindes  1^ 

! bis  2 Linien  langer  als  bei  einem  dreijabrigen , und  bei  einem 
i dreijahrigen  | Linien  grosser,  als  bei  einem  Kinde  von  Jahren  » 
(. Rudolphi , Grundr.  der  Physiol.  2.  Bd.  2.  Abth.  S.  344).  Diese 
'Verhaltnissc  erklaren  die  erheblichere  Gefahr  des  Spasmus  glot— 
ttidis  und  der  Laryngitis  im  zarten  kindlichen  Alter,  so  wie  auch 
die  um  so  grossere  Lethalitat  der  Durchschneidung  des  Becur- 
rens,  je  junger  die  Thicre  sind,  an  welchen  der  Yersuch  ange- 
-stellt  wird.  — Entwohnung,  Scrofcln,  Rhachitis,  Atrophic  sind 
uungiinstige  Momente,  obglcich  andrerseits  vollsaftige  Kinder  einem 
■ucuteren  Verlaufc  der  Krankheit  und  eincr  grosseren  Intensitat 

• ler  Anfalle  ausgesetzt  sind.  Der  Eintritt  allgemeiner  Convulsio- 
nen ist  sehr  misslich.  So.langc  die  Dentition  dauert,  ist  Besorg- 
niss  vor  Recidiven  vorhanden. 

Bei  der  grossen  Vcrschiedenheit  der  empfohlnen  und  ge- 


350 


GLOTTISKRAMPF. 


priesenen  Heilmittel  ist  das  Vertrauen  auf  Naturheilung  um  so 
grosser,  und  die  Warming  Kopps  und  Hcickmann’s  vor  stark 
eingreifendcm  und  stiirmischem  Yerfahren  gerechtfertigt.  Pal- 
liativ  sind  Erwarmung  der  Qberllache,  (warme  Servietten  auf 
Brust  und  Bauch)  Clystire  aus  Chamilleninfus.  mit  Asa  foetida, 
aus  hb.  Nicotian.  (Gr.  jjj — v auf  3 — 4 Unzen),  warmes  Bad 
mit  Zusatz  von  Flor.  Chamom.,  Einschlagen  der  Fiisse  in  Fla- 
nell,  der  mit  schwachem  Senfaufguss  getriinkt  ist,  wirksam. 
Geht  der  Anfall  in  einen  apoplectischen  oder  asphyctischen  Zu- 
stand  fiber,  so  sind  ortliche  Blutentleerungen  am  Kopfe  oder  in 
der  Niihe  der  Jugulares  nothwendig,  jedoch  cauta  manu,  da  leicht 
Erschopfung  und  Tod  eintritt.  In  den  Intervallen  der  Anfalle 
ist  die  causale  Indication  zu  erfiillen.  Einstimmig  wird  der  Ge- 
nuss  der  Landluft  im  Sommer  geriihmt,  welch er  bei  der  haufigeri 
Complication  mit  Scrofeln  und  Rhachiti’s  um  so  wohlthatiger  wirkt. 
Auf  den  Darmkanal  muss  stets  Riicksicht  genommen  werden:  je 
nach  der  Verschiedenheit  der  Storung  eignen  sich  Brechmittel, 
von  Zeit  zu  Zeit  wiederholt,  auch  refracta  dosi  (Infus.  rad.  ipe- 
cacuanh.  etc.)  oder  der  Gebrauch  des  Calomel,  oder  bei  Diar- 
rhoeen  Tonica,  (besonders  Limat.  ferr.  carb.  mit  kleinen  Dosen 
Rheum),  bei  abnormer  Dentition,  zumal  mit  entziindlicher  An- 
schwellung  des  Zahnfleisches,  wird' von  englischen  Aerzten  tiefes 
Scarificiren  des  Zahnfleisches  mit  grosser  Emphase  empfohlen. 
Kehren  dessenungeachtet  die  Anfalle  haufig  zuriick,  so  verbinde 
man  hiemit  die  Anwendung  der  Antispasmodica,  besonders  des 
Kupfers  (Liq.  Koechlin.  etc.)  des  Zinc,  hydrocyan,  etc.,  und  beim 
Eintritte  allgemeiner  Convulsionen,  des  Moschus. 


BRONCHIENKRAMPF. 


351 


Spasmus  broncliialis. 

(Asthma  bronchiole .) 


Trotz  Reisseisens  Beobachtung  vom  Vorhandensein  von  Mus- 
kelfasern  in  den  kleinen  Bronchien,  wo  selbst  das  Knorpelgewebe 
nicht  mehr  wahrgenommen  werden  kann,  liatte  die  Annahme  ei- 
ner  Fahigkeit  der  Luftrohrenzweige  sich  auf  Reize  zusammen- 
zuziehen  Gegner  gefunden  (. Muller  Handbuch  der  Physiol,  lr.  B. 
3te  Aufl.  S.  339).  Williams  neueste  Versuche  haben  sie  jedoch 
ansser  allem  Zweifel  gestellt.  Auf  mechanische,  chemische,  elec- 
trische  Reizung  erfolgt  Contraction,  die  nicht  plotzlich,  wie  in 
einem  willkiihrlichen  Muskel,  sondern  wie  im  Darme  allmahlich 
stattfindet,  durch  anhaltendes  Reizen  erschopft,  durch  Ruhe  auch 
in  der  aus  dem  Rorper  herausgenommenen  Lunge  noch  auf 
Stunden  hergestellt  wird.  Strammonium,  Belladonna,  Conium, 
Strychnin,  Morphium  schwachen  und  vernichten  sie.  Yon  gerin- 
gem  Einflusse  zeigte  sich  die  Reizung  des  Vagus:  die  Leitung  des 
electrischen  Stroms  durch  die  Lungennerven  brachte  weit  schwii- 
chere  Contractionen  hervor,  als  die  Leitung  durch  die  Trachea 
(Williams  the  pathology  and  diagnosis  of  diseases  of  the  chest. 
4 edit.  London  1840  p.  320 — 331). 

In  der  Pathologic  war  durch  die  Fortschritte  in  der  Erkennt- 
niss  der  Lungen-  und  ITerzkrankheiten  das  Asthma  convulsivum 
der  alteren  Nosologen  verdrangt  worden:  statt  dessen  supponirte 
man  organische  Veranderungen  in  der  Bronchialschleimhaut  oder 
im  Herzen.  Der  Unterschied  hlosser  Athemnoth  (Dyspnoea),  die 
nichts  anders  als  der  Gefuhls-Ausdruck  fur  die  abnormen  Ver- 
hiiltnisse  zwischen  Blut  und  Luft  in  den  Lungen  ist,  von  astli- 
matischen  Anfallen  wurde  nicht  immer  heachtet,  und  die  Verwir- 
rung  dadurch  gesteigert.  Schon  Laennec , dem  man  so  viel  Treff- 
liches  verdankt,  benulzte  seine  grosse  Entdeckung,  die  Auscultation, 


l 


352 


BROIN  CH  lEN  KR  A M PF. 


um  die  Contraction  und  Erweiterung  dor  kleinen  Bronchialzweige 
in  dem  Verschwinden  und  Zuriickkehren  des  gewdhnlichen  und 
puerilen  Athmungsgerausches  bei  Zustanden,  wo  jeder  Verdacht 
auf  mechanische  Hindernisse  wcgfiel,  zu  constatiren  (Traite  dc 
l’auscultation  mediate.  4me  edit.  Paris  1837.  T.  II.  p.  378  etc.), 
und  die  Auscultation  ist  es  auch,  welche  der  Diagnose  des  Spas- 
mus bronchialis  eine  festerc  Stiitze  giebt. 

Die  Anfalle,  durch  freie  InterValle  von  einander  getrennt,  kom- 
men  am  haufigsten  in  der  Naclit,  plotzlich  oder  angemeldet  durch 
Druck  in  der  Herzgrube,  Constriction  der  Pracordialgegend.  Der 
Kranke  hat  das  Bediirfniss  tief  Athem  zu  holen,  fuhlt  aber  selbst, 
dass  die  Luft  fiber  eine  gewisse  Stelle  in  der  Brust  nicht  vor- 
warts  dringt.  Hier  sind  zischende,  pfeifende,  schnurrende  Ge- 
rausche,  sowohl  bei  der  Inspiration,  als  bei  der  Exspiration  hor- 
bar,  oft  schon  in  einiger  Entfernung,  und  dem  Kranken  selbst 
vernehmlich.  Die  Beklemmung  steigt:  die  respiratorischen  Mus- 
keln,  auch  die  auxiliaren,  agiren:  die  Nasenfliigel  spielen,  die 
Conture  der  Sternocleidomastoidei  treten  scharf  hervor,  der  Kopf 
wird  riickwarts  gezogen,  die  Arme  werden  angestemmt,  um  die 
Brusthohle  zu  erweitern,  — yergebens.  Das  vesiculare  Gerausch 
hort  auf,  wird  an  einzelnen  Stellen  durch  Zischcn  ersctzt,  wel- 
ches jiihlings  kommt  und  verschwindet,  wahrend  nach  meiner  Be- 
obachtung  das  inspiratorische  Athmungsgerausch  des  Kehlkopfes 
und  der  Luftrohre  nicht  bloss  ungestort,  sondern  auch  in  einem 
lauteren  starkcren  Grade  forttont.  Angst  spicgelt  sich  in  den 
Ziigen  ab,  die  Augen  sind  wreit  geoffnet,  kalter  Schweiss  deckt 
die  Stirn,  the  Gesichtsfarbe  ist  biass,  die  ITerzschliige  sind  heftig, 
ungleich,  unregelmassig,  der  Radialpuls  ist  schwach,  klein,  die 
Temperatur  der  Hande,  Wangen  gesunken.  Nachdem  cin  soldier 
Anfall  eine  Yiertclstunde,  selbst  mehrere  Stun  den  gedauert  hat, 
hort  er  entweder  plotzlich  auf,  die  Luft  stromt  gewaltsam  in  die 
abgesperrten  Bronchen  und  Luftzellcn,  und  erzeugt  pueriles  Ge- 
rausch,  oder  es  crfolgt  der  Nachlass  allmahlich,  unter  Eructation, 


BRONCHIENKRAMPF. 


353 


Gahnen,  scltner  Husten  mit  vermehrter  Secretion  der  Bronchial- 
schleimhaut  und  feuchtem  Rasseln,  das  noch  einige  Zeit  anlmlt. 

Mittleres  Lebensalter,  Haemorrhois,  Arthritis  disponiren,  beim 
weiblichen  Geschlechte  hysterische  Anlage.  Unter  den  gelegent- 
Iichen  Ursachen  sind  Anfullungen  des  Magens  und  Darmkanals, 
zumal  Pneumatosen  haufig,  Gemiithsaffectc,  psychische  Anliisse 
iiberhaupt:  Lacnnec  erzahlt  von  einem  82jahrigen  kraftigen  Manne, 
der  seit  seiner  Jugend  an  asthmatischen  Anfallen  litt,  die  nur  sel- 
ten  kamen,  allein  jedesmal  sicli  einstellten,  sobald  die  Thiir  sei- 
ner Schlafstube  zufallig  zugemacht  mirde,  oder  die  Nachtlampe 
auslosch  (I.  c.  p.  392).  Atmospharische  Einllusse  wirken  oft: 
electrische  Spannung,  verdiinnte,  bei  andern  verdichtete  Luft. 

Die  Prognose  ist  von  der  Isolirung  oder  Complication  des 
Bronchialkrampfs  mit  andern  Zustanden  abhangig.  Unter  den 
letzteren  sind  die  haufigsten:  chronische  Bronchitis,  Emphysema 
vesiculare,  Hypertrophie  des  Herzens  mit  Klappenverengerung 
(vgl.  Hopes  meisterhafte  Schilderung  des  Asthma  cardiacum  in 
seinem  treatise  on  the  diseases  of  the  heart  and  great  vessels. 
3.  edit.  London  1839.  p.  401),  seltner  mechanische  Hindernisse 
in  der  Luftrohre:  Marshall  Hall  erwahnt  hesonders  des  Ipeca- 
cacuanha-Stauhcs  (on  the  diseases  and  derangements  of  the  ner- 
vous system  p.  338).  Gefahr  des  todtlichen  Ausgangs  durch  As- 
phyxie  droht  beim'  einfachen  Spasmus  hronchialis  seltner  als  beim 
Glottiskrampf.  Wo  er  haufig  zuriickkehrt  ist  die  Entmischung 
des  Blutes  prognostisch  zu  bcrucksichtigen. 

In  der  palliativen  Behandlung  bewiilirte  sich  mir  die  Anre- 
gung  des  gastrischen  Vagus  als  erfolgreich:  die  Ipecacuanha  in 
kleiner  oder  voller  Dosis,  und  der  Eindruck  der  Kalte:  Eispillen 
oder  Gefrornes  lindert  oft  augenhlicklich.  Atich  Clysmata  von 
kaltem  Wasser  sail  ich  wirksam.  Marshall  Hall  riihmt  vor  Al- 
lem  die  Blausaure,  zum  innern  Gehrauche  oder  als  Inhalation. 
Von,  Pcrcival  und  Laennec  wird  der  Kafi’ee  cmpfohlcn.  Auch 
geniesst  der  Moschus  eines  alten  Rufes.  Die  radicale  Cur  ha- 


\ 


3 54 


SINGULTUS. 


sirt  auf  Erfiillung  dcr  atiologischcn  Indication.  Die  Digestion, 
die  Uterinfunctionen,  der  anamische  Zustand  des  Blutes  m'ussen 
vorzugsweise  die  Aufmerksamkcit  auf  sich  ziehen.  Dauert  des- 
senungeachtet  der  Bronchialkrampf  fort,  so  ist  die  Anwendung 
der  Kiilte  als  Waschung,  Bad  (Plongirbad,  Seebad  etc.)  nicbt  sel- 
ten  erfolgrcich.  Mit  Blutentleerungen,  auch  als  palliativem  Hiilfs- 
mittel,  sei  man  vorsichtig  und  zuriickhaltend. 


Haufiger  als  auf  einzelne  Nervenbahnen  beschrankt,  kommen 
die  krampfhaften  Athembewegungen  zu  Gruppen  associirt  vor, 
entweder  selbststandig , oder  was  ofter  der  Fall  ist,  abhangig, 
und  in  Begleitung  von  andern  Affectionen.  Sie  sind  sammtlich 
mehr  oder  minder  schallend,  und  bilden  Paroxysmen  mit  freien 
Inten  alien. 

% 

Inspiratorische  Convulsionen. 

Singultus.  Osceclo. 

Die  Convulsio  singulluosa  besteht  aus  Anfallen  von  jahem, 
stossweise  mit  einem  eigenthiimlichen  Schalle  vollzognem  Einatli- 
men,  worauf  eine  kurze  Exspiration  folgt.  Die  Priicordialgegend 
schwillt  dabei  an  durch  Hervortreten  der  Baucheingeweide.  Schlin- 
gen  und  Sprechen  werden  unterbrochen. 

Intensitat  und  Dauer  sind  verschieden.  Die  erstere  steigt  zu- 
weilen  bis  zur  Erscliutterung  des  Rumpfes  und  zu  einem  in  der 
Feme  vernehmbaren  Schalle.  Die  Dauer  ist  gewohnlich  kurz, 
auf  Tage  und  Wocben  beschrankt:  doch  finden  sich  Beispiele 
von  halbjahriger  und  langerer  Dauer  (Joseph  Frank  ratio  insti- 
- tuti  clinici  Ticinensis.  Cap.  X.). 

Disposition  wallet  im  kindlichen  und  Greisenalter  vor.  Re- 


SINGULTUS. 


355 


ilexrcizc  sind  die  hiiufigeren.  Mit  Unrecht  liaben  iiltere  und 
neuere  Autoren  das  Zwerchfell  und  den  N.  phrenicus  als  Ilaupt- 
statte  derselben  angenommen.  In  der  Pleuritis  diaphragmatica 
ist  Singultus  ein  seltnes  Symptom,  und  fehlt  selbst  bei  unmittel- 
barer  Reizung  des  Pbrenicus  (vgl.  eine  in  der  Schilderung  des 
Tetanus  mitgetheilte  Beobacbtung  von  Bright,  medic,  chirurg. 
transact.  Yol.  XXII.  London  1839.  p.  8.,  und  eine  andere  von 
demselben  Verfasser  p.  16,  wo  Reizung  des  rechten  Pbrenicus 
durcb  umlagernde  fungose  Geschwiilste  asthmatische  Anfalle  und 
heftige  Convulsionen  des  Zwerchfells,  allein  keinen  Singultus  im 
ganzen  Verlaufe  der  Krankheit  zur  Folge  hatte).  Reizung  der 
innern  Flacbe  des  Schlundes,  Magens , Darmkanals , und  Reizung 
der  Leber  sind  dagcgen  haufige  Anbisse.  So  begleitet  der  Sin- 
gultus critische  Gallenergiessung,  z.  B.  in  der  asiatiscben  Cholera, 
wo  ich  ibn  oft  in  Verbindung  mit  lauchgriinem  Erbrechen  von 
gunstiger  Yorbedeutung  fand.  Auch  Druck  des  Magens  kann  ihn 
hervorbringen : eine  von  mir  behandelte  Kranke  bekam  einen  hef- 
tigen  Anlall  von  Singultus,  so  oft  ich  die  epigastrische  Gegend 
comprimirte.  Unzeitige  Stopfung  von  Diarrhoe  und  Dysenterie 
hat  ihn  nicht  selten  zur  Folge.  Niichst  dem  Darmkanal  ist  der 
Uterus  offers  Sitz  des  Reflexreizes,  und  Anfalle  von  Singultus  sind 
Vorlaufer  der  Catamenien,  und  stellen  sicb  bei  deren  Suppression 
ein.  Nicht  selten  haben  die  Ursachen  in  den  Centralapparaten 
des  Nervensystems  ibren  Sitz.  Dahin  gehoren  Verletzungen  des 
Gehirns  und  Riickenmarks , Spinalneuralgie;  psychischer  Einfluss, 
Reiz  der  Yorstellung  beim  Anblicken  oder  Horen  dcr  Anfalle; 
jedoch  seltner  als  beim  Gahnen  und  Lachen  ( Sauvages , nosol. 
meth.  ed.  Daniel  T.  III.  p.  183  erzahlt  einen  solchen  Fall);  Er- 
schopfung  der  Krafte  der  Centralorgane  durcb  Blut-  und  Safte- 
verlust,  durch  Brandbildung,  nach  lange  dauernden  Entbindun- 
gen;  epilcptische  Basis,  wo  der  Singultus  als  Vorlaufer  und  Nach- 
folger  der  Anfalle  crscheint.  In  eincm  von  OlUvier  mitgetheilten 
Falle  begann  bei  einem  seit  12  Jabren  an  Epilepsie  leidenden 

Romberg’s  Nervcnkraukb.  I,  2.  24 


356 


SINGULTUS. 


Manne  jeder  Anfall  mit  dem  Gefiihle  dcs  Aufsteigens  einer  Ku- 
gel  nach  dem  Schlundc,  und  mit  einem  heftigen  Singultus,  der 
1 — 2 Minuten  dauerte.  Darauf  I'olgte  Yerlust  des  Bewusstseins, 
Anasthesie,  und  nach  2 — 3 Minuten  das  Ende  des  Anfalls.  Bei 
der  Section  fanden  sich  in  der  Medulla  oblongata  zwei  eingekap- 
selte  Tuberkel  von  der  Grosse  einer  Nuss  (Traite  des  maladies 
de  la  moelle  epinifere.  3me  ddit.  Paris  1837.  p.  778). 

Die  von  Krimer  zur  Erlauterung  des  Singultus  angestellten 
Yersuche  an  Thieren  sind  bisher  durch  Wiederkolung  noch  nicht 
bestatigt  worden.  Reizung  des  linken  Magenmundes  durch  eine 
Spitze  brachte  Singultus  hervor.  Dabei  erweiterte  sich  die  Speise- 
rohre  so wohl  am  Halse,  als  auch  sichtbar  bis  zur  Cardia;  es  trat 
durch  den  Schlund  Luft  in  den  Magenmund,  nun  zog  sich  das 
Diaphragma  schnell,  aber  nicht  sehr  stark  zusammen,  wobei  die 
Stimmritze  verschlossen  wurde,  und  nur  wenig  Luft  in  die  Lun- 
gen  dringen  liess,  so  dass  dadurch  ein  eigner  Ton  entstand. 
Kaum  war  dieses  geschehen,  so  liess  die  Spannung  des  Zwerchfells 
nach,  die  Glottis  offnete  sich,  auch  die  Speiserohre  fiel  zusammen, 
und  leerte  die  in  ihr  enthaltene  Luft  aus.  Zog  man  an  dem 
linken  Magenmunde,  so  entstand  zuerst  Singultus,  und  dann  Er- 
brechen  ( Krimer  Untersuchungen  uber  die  niichste  Ursache  des 
Hustens.  Leipzig  1819.  S.  35  u.  84).  Was  in  der  Theorie  des 
Singultus  unsere  Aufmerksamkeit  auf  sich  zieht,  ist  die  abnorme 
Combination  in  dem  inspiratorischen  Acte:  mit  der  Contraction 
des  Zwerchfells  trilft  die  Verengerung  der  Stimmritze  zusammen, 
wahrtend  beim  gewohnlichen  Einathmen,  zumal  etwas  verstarktem, 
die  Erweiterung  der  Glottis  stattfindet. 

In  der  Behandlung  ist  zunachst  die  Causalindication  zu  er- 
fidlen.  Ich  erinnere  mich  eines  von  meinem  verewigten  Lehrer 
Berends  behandelten  Falles  von  Singultus,  der  durch  Suppres- 
sion der  Menses  entstanden,  mchrere  Tage  verschicdnen  Mit— 
teln  Widerstand  geleistet  hatte,  und  sofort  aufhorte,  nachdem  am 
Fusse  3 Unzen  Blut  entzogen  waren.  Bei  erschopfenden  Aus- 


SINGULTUS. 


357 


leerungen,  zumal  alterer  Individuen,  ist,  wie  schon  Sydenham  be- 
merkt  (Op.  omn.  edit.  Genev.  T.  I.  p.  42),  allem  anderen  eine 
starke  Dosis  Opium  vorzuziehen.  Ist  die  llrsache  unbekannt,  so 
wirke  man  auf  den  Centralheerd  ein,  oder  der  Reflexaction  ent- 
gegen.  Das  erstere  wird  durch  Ableitungen  in  der  Nahe  der 
obersten  Halswirbel  bezweckt;  Shorn  empfiehlt  insbesondre  die 
Application  eines  Vesicatorium,  rings  um  den  Nacken,  oberhalb 
des  Ursprungs  der  phrenischen  Nerven  (Remarks  on  Hiccup,  its 
causes  and  cure,  in  Edinburgh  medic,  journ.  April  1833.  p.  305). 
Die  Reflexaction  wird  durch  psychische  Einfliisse  iiberwaltigt: 
Spannung  der  Aufmerksamkeit  auf  einen  andern  Gegenstand  und 
Schreck  stehen  schon  beim  Yolke  iin  Rufe  der  Wirksamkeit. 
Audi  Ableiten  auf  andere  motorische  Nervenbahnen  ist  von  Er- 
folg,  z.  B.  exspiratorische  Action:  schon  Hippocrates  sagt  in  den 
Aphorismen  (Op.  omn.  ed.  Kuhn  T.  III.  p.  751):  Singultu  cle- 
tento,  si  sternutamenta  accedant,  singultum  tollunt.  tyuveilhier 
theilt  zwei  Falle  von  heftigem  Singultus  mit,  der  bei  dem  einen 
Kranken  elf,  bei  dem  andern  funfzehn  Tage  angedauert,  und  sie 
im  hochsten  Grade  erschopft  hatte.  Er  liess  sie  auf  einem  Stuhle 
festhalten,  den  Ropf  nach  hinten  biegen,  und  goss  nun  in  ilrren 
Mund  einen  Wasserstrahl,  bis  zum  Betrage  eines  vollen  Maasses : 
von  Zeit  zu  Zeit  liess  er,  um  die  Energie  der  Schlundcontraction 
zu  steigern,  das  Wasser  in  die  Nasenhohlen  fallen,  wodurch  Hu- 
sten,  Erstickungszufaile,  Erschutterung  aller  Athemmuskeln  erfolg- 
ten.  Bei  dem  einen  horte  der  Singultus  sogleich  auf,  bei  dem 
andern  kehrte  er  am  folgenden  Tage  wieder,  wich  aber  bei  Wie- 
derholung  des  Verfahrens  fur  immer  (Revue  medicale  1824.  T.  II. 
p.  83).  Audi  auf  die  Gegend  des  Zwerchfelles  hat  man  einzu- 
wirken  empfohlen,  indem  man  diesem  Muskel  die  Hauptrolle 
beim  Singultus  zuschrieb.  Trockne  Schropfkqpfe,  Einreibungen 
beruhigender  Mittel,  endermatische  Application  des  Morphium, 
Binden  der  Brust-  und  Priicordialwandungen,  Anwurfe  von  kaltem 
Wasser  haben  sich  in  einzelnen  hartnackigen  Fallen  hulfreich  er- 

24“ 


358 


GAHNKRAMPF. 


wiesen.  Laennec  hciltc  einen  Singultus  von  dreijahriger  Dauer 
durch  Tragen  zweicr  Magnetplatten  auf  clem  Epigastrium  und 
aut  der  entsprechenden  Stelle  der  Wirbelsaule.  Nacli  sechs  Mo- 
naten  hatte  die  Kranke  eines  Tages  das  Anlegen  der  Flatten 
vergessen,  und  der  Singultus  kehrte  zuriick,  horte  aber  bei  er- 
neuerter  Application  auf  (Traite  de  1’auscultation  mediate  et  des 
maladies  des  poumons  et  du  coeur.  4me  edit.  Paris  1837.  * T.  III. 
pag.  498). 


©scedo,  Chiiginus, 

ist  eine  paroxysmenweise , bald  schneller,  bald  langsamer  sicli 
wiederholende  Succession  einzelner  Gahnacte  mit  den  bekannten 
Erscheinungen  des  Mundaufsperrens,  des  Zullicssens  von  Speichel, 
des  Thranenergusses,  und  der  Schwerhorigkeit  mit  dumpfem  Oh- 
rentonen. 

So  wie  der  Singultus  gehort  auch  diese  Affection  zu  den  in- 
spiratorischen  Convulsionen.  Das  gewohnliche  Gahnen  ist  Ein- 
athmungsact,  die  exspiratorischen  Muskeln  nehmen  wenig  Theil 
daran,  wie  die  Beobacktungen  von  Fractur  der  untern  Halswirbel 
darthun.  Bell  erwahnt  ausdriicklich  von  einem  Eranken  mit  Bruch 
des  sechsten  und  siebenten  Cervicalvvirbels,  class  er  gehorig  giiknte, 
allein  niclit  im  Stande  war  eine  kraftige  exspiratorische  Bewegung 
auszufiihren  (Physiol,  u.  pathol.  Untersuch.  d.  Nervensyst.  S.  325). 
Ausser  der  combinirten  inspiratorischen  Bewegung  kommt  beim 
Giihnen  und  beim  Gahnkrampf  auch  die  Action  des  N.  facialis 
in  Betracht,  dessen  R.  digastricus  die  Contraction  des  den  Kiefer 
herabziehenden,  ui]d  den  Muncl  dffnenden  zweibauchigen  Muskels 
vermittelt.  Der  Facialis  ist  aber  auch  Nerv  des  Gesichtsausdrucks, 
und  als  solcher  unter  alien  Ncrven  am  empfanglichsten  fur  den 
Reiz  der  Vorstellungen:  hieraus  erklart  sich  ungezwungen  die 


GAHNKRAMPF. 


359 


mimisclie  Contagion,  die  leichte  Uebertragung  des  Giihnens  und 
Gahnkrampfes  auf  Andre. 

Unter  den  Reflexreizen  sind  die  vom  hypogastrischen  Geflecht 
und  von  der  gastrischen  Bahn  des  Vagus  ausgehenden  die  hau— 
figsten.  Der  Uterus  stcht  zu  dieser  Convulsion  in  einer  naheren 
Beziehung,  daher  uberhaupt  die  ungleich  stiirkere  Frequenz  beim 
weiblichen  als  beim  mannlichen  Geschlechte,  und  die  grosste  In- 
tensity in  der  Hysterie.  Audi  der  Magen  bekundet  schon  bei 
blosser  Ueberfiillung  mit  unverdauten  Stoffen  die  Abhiingigkeit 
des  Giihnens  von  Reizung  des  Vagus,  welche  sidi  ebenfalls  in 
der  Gastrodynia  neuralgica  (S.  103)  geltend  macht.  Der  Cen- 
tralursprung  des  Gahnkrampfes  zeigt  sidi  in  Krankheiten  des  Ge- 
hirns,  besonders  bei  apoplectischen  Zustanden.  Zuweilen  wird  der 
Ausbruch  allgemeiner  Convulsionen  dadurch  angekundigt,  z.  B. 
bei  Entbindungen  ( Roeclerer  de  oscitatione  in  enixu,  Goetting. 
1759)  und  starken  Blutverlusten.  ' 

In  der  Therapie  sind  die  fur  den  Singultus  gultigen  Maximen 
zu  befolgen. 


Exspiratorlscbe  Convulsionen. 

Sterrmtatio.  Tussis  convulsiva.  Risus  conmlsimis. 


Hiiufige  und  starke  Anfalle  von  Niesen,  mit  freien  Intervallen, 
bilden  den  Nieskrampf  (Ptarmus,  Sterrmtatio  convulsiva ),  der 
zu  den  seltnen  Convulsionen  gehort,  und  von  den  Nerven  des 
exspiratorischen  Muskelapparats  abhiingig  ist,  denn  die  iiltere  An- 
sicht  von  der  vorwaltenden  Action  des  Zwerchfells  beim  Niesen 
ist  nicht  gegriindet.  Das  Zwerchfell  ist  Einathmungsmuskel,  und 
kommt  nur  bei  der  dem  Niesen  vorangehenden  kurzen  Inspira- 


300 


NIESKRAMPF. 


tion  in  Betracht,  dahcr  Menschen  mit  Wirbelbriichen , auch  un- 
terhalb  des  Phrenicus,  ausser  Stande  sind  zu  niesen,  und  die  Nase 
zu  schnautzen,  da  fur  bcides  das  Durchtreiben  der  ausgeathmeten 
Luft  dutch  die  Choanen  erforderlich  ist. 

Das  gewohnliche  Niesen  ist  Rellexact,  angeregt  durch  Rei- 
zung  der  Nasalfilamente  des  Quintus:  bei  Anasthesie  des  zweiten 
Astes  kommt  weder  durch  Kitzeln  der  Nascnhohle  noch  durch 
Yorhalten  scharfer  Dunste  Niesen  zu  Stande.  Auch  andre  Fa- 
sern  des  Quintus  aussern  einen  solchen  Einlluss.  Am  Niesen 
durch  Einfallen  eines  grellen  Lichts  in’s  Auge  durften  wold  die 
Ciliarfasern  des  N.  nasociliaris  mehr  Antheil  haben,  als  der  Op- 
ticus, bei  dessen  Zerrung  und  anderweitiger  Reizung  am  leben- 
den  Thiere  kein  Niesen  erfolgt.  Nach  De  Lens  (Dictionn.  des 
scienc.  medic.  T.  LII.  p.  578)  soil  die  Application  einer  spiritu— 
osen  Flussigkeit  auf  den  vordern  Theil  des  Gaumens  Niesen  er- 
regen.  Ich  habe  einen  Fall  von  heftigem  vierjahrigem  Nies- 
krampfe  beobachtet,  wo  nach  dem  Tode  eine  krankhafte  Veran- 
derung  des  Neurilemms  im  dritten  Aste  des  Quintus,  vor  seinem 
Austritte  aus  dem  Schadel,  gefunden  wurde  (vgl.  S.  257 — 260). 
Brodie  erzahlt  den  Fall  einer  sieben  und  dreissigjahrigen  Frau, 
die  wochentlich  einmal  von  starkem  Nieskrampfe  befallen  wurde, 
so  dass  sie  wenigstens  hundertmal  hintereinander  niesen  musste, 
und  dabei  eine  sehr  betrachtliche  Menge  wassriger  Flussigkeit 
aus  der  Nase  entleerte.  Zugleich  klagte  sie  liber  ein  kistiges 
Gefuhl  von  Formication  im  Gesichte  und  im  Gaumen.  Nach  ein 
Paar  Jahren  liess  der  Nieskrampf  an  Frequenz  nach,  und  kehrte 
nur  einmal  im  Monat  zuruck,  allein  ein  heftiger  pulsirender 
Schmerz  hatte  sich  im  Gaumengewolbe,  in  den  Zahnen  und  in 
der  Zunge  eingefunden,  ohne  dass  ausserlich  Spuren  von  Ent- 
ziindung  oder  andrer  Krankheit  sich  darboten  (Lectures  illus- 
trative of  certain  local  nervous  affections  p.  61).  Ausser  dem 
Quintus  giebt  es  noch  andre  Statten  des  Reflexreizes,  unter 


NIESKRAMPF. 


361 


denen  die  Uterin-  und  Intestinalnerven  zu  neiinen  sind.  Eine 
Frau,  deren  Arzt  ich  seit  langerer  Zeit  bin,  bekommt  jedes- 
mal  nach  erfolgter  Conception  heftiges  Niesen,  besonders  in  den 
Morgenstunden , welches  paroxysmenweise  in  den  ersten  Mo- 
naten  der  Schwangerschaft  zuruckkehrt.  Brodie  wurde  von  einer 
achtzehnjahrigen  Kranken  consultirt,  welche  an  Anfallen  von  un- 
aufhorlichem  Niesen  mit  starkem  Ausflusse  wassriger  Fliissigkeit 
aus  der  Nase  litt.  Diese  wechselten  mit  krampfhaftem  Husten, 
zu  andern  Zeiten  mit  Globus  und  mit  hysterischen  Paroxysmen 
ab.  Die  Menstruation  war  unregelmassig  und  durftig  (1.  c.).  Un- 
ter  den  Darmkrankheiten  kommt  besonders  bei  Helminthiasis  hau- 
figes  Niesen  als  Begleiter  vor,  und  bietet  eine  in  physiologischer 
Hinsicbt  interessante  Paralelle  mit  dem  Pruritus  nasalis  bei  Wurm- 
krankheiten  dar.  Zuweilen  verbindet  sicli  der  Nieskrampf  mit 
den  Anfallen  des  Keichhustens:  Pet.  Frank  behandelte  eine  Kranke, 
die  in  jedem  Anfalle  liber  hundertmal  niesete,  und  ein  abnliches 
Beispiel  wird  von  Joseph  Frank  erwahnt  (Praxeos  medicae  uni- 
versae  praecepta.  P.  II.  Yol.  II.  Sect.  I.  p.  831).  Ich  habe  ei- 
nen  Fall  bei  einem  dreizehnjahrigen  Knaben  beobachtet,  wo  der 
Keichhusten  durcli  Nieskrampf  ersetzt  wurde,  dessen  Anfalle  in 
derselben  Ordnung  und  Frequenz  wie  die  Paroxysmen  des  Hu- 
stens  eintraten. 

Bei  grosser  Intensitiit  und  langer  Dauer  des  Nieskrampfes  sind 
Hamorrhagieen,  Convulsionen  zu  befurchten,  und  selbst  todtlicher 
Ausgang  wird  von  liltern  Autoren  angefuhrt  ( Albrecht  in  Eplie- 
mer.  curios,  nat.  Decas  II.  an.  1687,  obs.  XII).  Haller  sab  nach 
einem  beftigen  hysterischen  Nieskrampfe  einen  Strabismus  sursum 
vergens  entsteben  (Elementa  physiologiae  corporis  lmmani  T.  III. 
p.  304),  und  Hildanus  (centur.  I.  obs.  24)  Blindhcit,  die  durch 
Anwendung  eines  Haarseils  in  den  Nacken  geheilt  wurde.  Es 
ist  daher  von  Wicbtigkeit  den  Anfall  selbst  unter  solcben  Um- 
standen  abzubrechen,  wozu  Brcchmittel  am  moisten  geeignet  sind. 


302 


KEICHHUSTEN. 


Auch  crwahnt  Haller  (1.  c.):  Cohibendae  sternutationis  modus, 
quando  angulus  oculi  ad  narem  comprimitur  aut  fricatur,  et  ner- 
vus,  lit  videtur,  eo  loco  positus  et  a quinto  pare  in  nares  recur- 
rens  comprimitur. 


Tussis  convulsiva. 


Die  exspiratorischen  Bewegungen  sind,  wie  es  schon  der  Au- 
genschein  lehrt,  beim  liusten  die  vorwaltenden , daher  die  Un- 
vollstandigkeit  oder  Unmoglichkeit  des  Hustens  bei  Yerletzungen 
des  Riickenmarks.  So  berichtet  Bell  von  einem  Paraplectischen 
in  Folge  einer  Fractur  des  sechsten  und  siebenten  Halswirbels: 
„solI  er  liusten,  so  hebt  er  die  Rippen  in  die  Hohe,  delint  da- 
durch  die  Brust  aus,  und  liisst  sie  wieder  fallen;  er  hustet,  aber 
nicht  stark.  Es  ist  offenbar,  dass  er  nur  durch  seine  Kraft  die 
Brust  zu  lieben,  durch  die  Elasticity  der  Rippen  und  durch  das 
Gewicht  der  fallenden  Theile  im  Stande  ist  die  Luft  auszustossen. 
Es  ist  ihm  unmoglich  die  Exspiration  in  zwei  Hustenstosse  zu 
theilen,  oder  mit  einem  Zuge  zwei  Impulse  der  Luft  zu  geben, 
sondern  so  oft  er  hustet,  muss  das  Aufheben  der  Brust  voran- 
gehen“  (Physiol,  u.  patliol.  Untersuch.  des  Nervensystems  S.  325 
und  331).  Mechanische  Reizung  des  Vagus  auf  seiner  Bahn  am 
Halse  bringt  bei  Thieren  liusten  hervor.  Krimer  (Untersuchun- 
gen  fiber  die  naohste  Ursache  des  Hustens  S.  37)  und  Cruveil- 
hier  (Dictionn.  de  medic,  et  de  chirurg.  pratiques  T.  XII.  p.  44) 
haben  dieses  in  ihren  Versuchen  beobachtet,  und  ich  selhst  babe 
in  der  hiesigen  Thierarzneischule  bei  einem  Pferde,  aus  dessen 
rechtem  Vagus  ein  Stiick  herausgeschnitten  worden,  jedesmal  star- 
ken  Husten  erfolgen  gehort,  so  oft  das  obere  Ende  des  Nerven 
zwischen  den  Niigeln  geknilTcn  wurde,  wobei  ich  die  Berubrung 


KEICIIHUSTEN. 


363 


des  Kehlkopfes  sorgfaltig  vermied.  Bei  Astley  Cooper’s  zweiter 
Operation  der  Carotis-Unterbindung  entstand  nach  Anlegung  des 
Yerbandes,  als  die  Kranke  vom  Stulde  aufstand,  plotzlich  ein  so 
beftiger  Anfall  von  Husten,  dass  man  einen  todtlichen  Ausgang 
befurchtete,  hochst  wahrscheinlich  dadureh,  dass  die  Ligaturen 
und  die  knotige  Oberllache  der  Arterie  den  nahgelegenen  Vagus 
reizten.  Yom  sechsten  bis  zweiundzwanzigsten  Tage,  an  welchem 
die  Kranke  starb,  kehrten  oft  heftige  Paroxysmen  yon  Husten 
mit  daranf  folgendem  Keichcn  zuriick.  Bei  der  Section  fand  sich 
Entzundung  an  der  Aussenflache  des  aneurysmatischen  Sackes 
kings  dem  Laufe  des  Vagus  bis  zur  Schadelbasis  {Hugh  Ley  an 
essay  on  the  laryngismus  stridulus  p.  438).  Einen  hierhergeho- 
rigen  Fall  erzahlt  auch  Gendrin  (in  seiner  Uebersetzung  von 
Abercrombie  s Werke:  Des  maladies  de  I’encephale  et  de  la  mo- 
elle  epiniere.  2.  edit.  p.  627)  von  einem  jungen  Manne,  bei  wel- 
chem nach  einer  Parotitis  ein  grosser  Abscess  an  der  rechten 
Seite  des  Halses  bis  zum  Schlusselbeine  entstanden  war,  welcher 
von  Dupuytren  mit  einem  anderthalb  Zoll  langen  Schnitte  geoff- 
net,  eine  Menge  Eiter  entleerte,  wobei  die  Carotis  blossgelegt 
wurde.  Yon  dem  Augenblicke  an  bekam  der  Kranke  heftige 
Anfalle  eines  trocknen,  mit  Keichen  verbundenen  Hastens.  Die 
Entblossung  der  Carotis  war  hierbei  unzertrennlich  von  der  des 
Vagus,  und  der  Reizung  dieses  Nerven  war  der  Husten  zuzu- 
schreiben,  der  auch  aufhorte,  als  bei  fortschreitender  Vernarbung 
'der  Vagus  dem  Contact  der  Luft  entzogen  wurde. 

Der  Ton  des  Hustens  ist  von  dem  Zustande  der  Glottis  ab- 
lihangig.  Nach  Knmer  (I.  c.  S.  43),  dessen  Beobachtungen  jedoch 
der  Bestiitigung  noch  bedurfen,  ist  der  Ton  rochelnd,  wenn  die 
dtimmritze  in  zitternder  Bewegung  ist,  hochklingend,  pfeifend  bei 
dpannung  der  Giesskannenknorpel  und  Verengerung  der  Glottis, 

I i.ief,  basstonartig,  wenn  die  Stimmritze  weit,  und  diese  Knorpel 
'-chlalF  sind. 

Schon  beim  gewohnliehcn  Husten  findet  eine  Zusammenzie- 


364 


REICH  HUSTEN. 


hung  der  Stimmritze  mit  krampfhaften  Exspirationsbewegungen 
tier  Brust-  und  Bauchmuskeln  statt,  wobei  in  jeder  Exspirations- 
Bewegung  die  vorher  gcschlossne  Stimmritze  sich  etwas  offnet, 
und  ein  tauter  Ton  entsteht  ( Muller  Handb.  der  Physiologie  des 
Menschen  1.  Bd.  3.  Aufl.  S.  344).  lm  convulsivischen  Husten 
geht  der  Spasmus  glottidis  als  Element  ein,  und  hat  zu  dem  Na- 
men  der  Krankheit,  Stick  husten,  die  Veranlassung  gegeben. 

Nach  vorangegangenem  Gefuble  von  Kitzel  im  Laufe  der  Luft- 
robre  oder  in  der  Ilerzgrube,  von  Zusammenschnurung  und  Be- 
engung  der  Brust,  von  Angst,  wobei  der  Kranke  sich  an  einem 
festen  Gegenstande  anzuklammern  pflegt  (Aura  des  Vagus),  tre- 
ten  Anfalle  von  Husten  ein,  mit  stoss weise,  bald  schneller,  bald 
langsamer  auf  einander  folgenden  Ausathmungen , die  von  einer 
jahen  Inspiration  mit  gezognem  Schalle  eingeleitet  oder  unter- 
brochen  werden.  Die  Athemmuskeln  sind  in  sturmischer  Action, 
die  Bauchmuskeln  straff  einwarts  gezogen,  der  Rumpf  nach  vorne 
ubergebogen,  die  Sternocleidomastoidei  gewolbt,  hart.  Zuweilen 
zeigen  sich  auch  convulsivische  Bewegungen  der  Extremitaten 
und  Auffahren  des  ganzen  Korpers.  Suffocationszufalle  sind  um 
so  starker  und  drohender,  je  seltner  exspirirt  wird.  Der  verliin- 
derte  Durchgang  der  Luff  durch  die  Lunge  giebt  sich  sowohl 
in  dem  Mangel  des  vesicularen  Athemgerausches  kund  ( Laennec 
traite  de  rauscultation  mediate.  4me  edit.  Paris  1837.  T.  I.  p. 
224),  als  auch  durch  die  Erscheinungen  des  gestorten  Blutum- 
laufs:  livide  Rothe  des  gedunsenen  Gesichtes,  injicirle  Augen,  Ek- 
chymosen  zwischen  Conjunctiva  und  Sclerotica,  Blutungen  aus 
der  Nase,  aus  der  Mundhohle,  aus  den  Bronchien.  Der  Husten 
ist  trocken,  oder  w'urgt  wenig  ziihen  Schleim  heraus.  Nach  ei- 
ner Dauer  von  3,  5 — 10  Minuten  endet  der  Anfall  meistens  mit 
Erbrechen  von  Bronchialschleim  und  Speiseresten , oder  unter 
ohnmiichtiger  Erschopfung.  Daraut  folgt  das  lntervall  mit  her- 
gestelltcm  Wohlsein. 

Als  Totalitat  bietct  die  Rranklieit  cine  Periode  der  Entwick- 


KEICHHUSTEN. 


305 


lung,  der  Hohe  und  Abnahme  dar.  Anfangs  sind  die  Paroxys- 
men  des  Hustens  nicht  vollstandig,  es  fehlt  noch  die  spastische 
Zusammenziehung  der  Glottis  und  das  gellende  Einathmen.  Im 
weitercn  Verlaufe  nehmen  die  Anfalle  an  Intensitat  zu,  und  wie- 
derholen  sich  oft.  Die  Abnahme  markirt  sich  durch  geringere 
Frequenz  der  Anfalle,  und  besonders  durch  vermehrte  Secretion 
der  Bronchien,  wobei  der  eigenthiimliche  Ton  und  Karakter  des 
Hustens  bis  zu  Ende  der  Krankheit  andauern. 

Durch  Yerbindung  mit  andern  pathischen  Processen  werden 
die  Erscheinungen  des  Keichhustens  modificirt.  Unter  ihnen  steht 
der  Frequenz  nach  der  catarrhalische  oben  an,  zunachst  der  phlo- 
gistische.  Schon  im  einfachen  Keichhusten  nimmt  die  Bronchial- 
schleimhaut  mehr  oder  minder  Antheil.  Ein  hoherer  Grad  und 
eine  weitere  Ausbreitung  fiber  die  ganze  respiratorische  Schleim- 
haut  findet  bei  der  catarrhalischen  Complication  statt.  Rothung 
der  Conjunctiva,  Thranen  der  Augen,  Schnupfen  mit  driickendem 
Schmerze  in  der  Gegend  der  Stirnhohlen,  haufiges  Niesen  und 
Ausfluss  einer  diinnen,  scharfen,  serosen  Feuchtigkeit  aus  der 
Nase,  Fieberbewegungen,  sparsame  Urinausleerung  mit  ofterem 
Drange,  Hitze  abwechselnd  mit  Horripilationen  zeigen  sich  von 
Anfang  an,  und  bilden  die  Introduction.  Der  Husten  hat  zwar 
noch  nicht  das  suffocatorische  Geprage , weicht  aber  darin  von 
einem  bloss  catarrhalischen  ab,  dass  er  sich  in  betrachtlichen  Zwi- 
schenraumen  einstellt,  und  lange  anhalt.  Nach  7 — 14  Tagen  bil- 
den sich  die  Anfalle  vollkommen  aus.  Die  Schleimabsonderung 
wird  starker:  der  Auswurf  dicker,  purulent,  von  gelblicher  Farbe. 
In  den  Intervallen  liisst  die  Auscultation  an  verschiedenen  Stellen 
des  Thorax  deutlich  Schleimrasseln  vernehmen.  Die  ubrigen  Sym- 
ptome  des  Catarrhs  horen  auf.  Nach  einiger  Zeit  sind  die  Sputa 
nur  noch  schleimig,  wahrend  die  Paroxysmen  des  Keichhustens 
;mit  gleicher  Intensitat  fortdauern. 

Bei  entziindlicher  Combination,  sei  es  mit  Bronchitis,  sei  es 
mit  Pneumonie,  schwinden  die  freien  Intervalle,  und  neue  Er- 


300  KEICHHUSTEN.' 

scheinungen  treten  an  ihrc  Stelle,  andauernde  Beschleunigung  des 
Athems,  Dyspnoe,  karakteristische  Phiinomene  der  Auscultation 
und  Percussion,  livide  Farbc  der  Lippen  und  Backen,  Fieber, 
Unfahigkeit  zu  Bewegungen  und  Anstrengungen,  Verfall  der  Kriifte 
und  der  Reproduction.  Auch  ist  eine  Yeranderung  des  Husten- 
anfalles  auf  der  Hohe  der  Entzundung  bemerkbar:  nur  sehr  sel- 
ten  frndet  der  Spasmus  glottidis  noeh  statt,  obgleich  die  exspira- 
torischen  Stosse  heftig  und  schnell  auf  einander  folgen.  Mit 
Nachlass  der  Entzundung  kehrt  der  schallende  Husten  zuriick. 
Von  dem  phlogistischen  Processe  unterscheidet  sich  in  dieser 
Hinsicht  der  tuberculose:  selbst  die  Bildung  grosser  Excavationen 
hat  nach  meiner  Beobachtung  keinen  hemmenden  Einfluss  auf  das 
Fortbestehen  des  convulsivischen  Karakters  des  Hustens  bis  zum 
Tode,  nach  vierteljahriger  und  noch  hingerer  Dauer.  Auch  der 
exanthematische  Process  schliesst  den  Keichhusten  nicht  aus,  doch 
hat  wahrend  der  Pocken  S torch  (Abh.  v.  d.  Kinderkrankheiten 
2.  Bd.  S.  362),  und  wahrend  der  Masern  und  des  Scharlachs 
Watt  einen  Stillstand  beobachtet  (Treatise  on  the  history,  nature 
and  treatment  of  chincough.  Glasgow  1813.  p.  73). 

Die  Kenntniss  der  Leichenbefunde  in  dieser  Krankheit 
ist  wegen  der  seltnen  Gelegenheit  zu  Sectionen  bei  dem  einfachen 
Keichhusten  ungeniigend.  Autenrielh’s  Beobachtung  von  Entzun- 
dung der  innerhalb  der  Brusthohlen  verlaufenden  Balm  des  Va- 
gus (Tubing cr  Blatter  fur  Natur  und  Arzneikunde  1.  Bd.  1.  St.) 
ist  von  Aridern  nicht  bestatigt  worden  (vergl.  Krukenberg  s Jahr- 
bucher  der  ambulator.  Klinik  zu  Halle  1820).  Auf  Reizung  des 
Vagus  in  der  Tussis  convulsiva  durch  entziindlichen  Vorgang  in 
den  anliegcnden  Bronchialdriisen  habe  ich  seit  liingerer  Zeit 
meine  Aufmerksamkeit  gerichtet,  und  in  mehreren  Fallen  eine 
Bestiitigung  durch  die  Leichenoffnung  gefundcn.  Es  bietet  sich 
zwar  selten  die  Gelegenheit  dar  im  Anfange  der  Krankheit  die 
Untcrsuchung  anstellen  zu  konnen,  allein  auch  im  spateren  Ver- 
laufc  habe  ich  unter  den  hypertrophischen  und  tuberculosen 


KEICHHUSTEN.  * 


307 


Bronchialdi'iisen  andcre  angctroffen,  die  von  dcr  Grdssc  einer 
Erbse  und  kleinen  Bohne  ein  dunkeirothes  injicirtes  Ansehen  hat- 
ten,  und  auf  der  Durchschnittsflache  Blutstropfen  ergossen.  So 
wie  nun  durch  Compression  die  Energieen  des  Vagus  geschwacht 
werden,  so  konnen  sie  durch  Irritation  der  Nachbargebiide  ge- 
steigert  werden,  und  namentlich  wird  der  in  jener  Gegend  ab- 
tretende  Recurrens  seinen  Antheil  an  der  Reizung  durch  spasti— 
sehe  Glottisaffection  bekunden.  Als  consecutive  Veranderungen 
sind  das  vesiculare  Lungenemphysem,  eine  schnell  sich  ausbildende 
Erweiterung  der  Bronchien  ( Stokes , a treatise  on  the  diagnosis 
and  treatment  of  diseases  of  the  chest.  Part.  I.  Dublin  1837.  p. 
155),  und  nach  meiner  Erfahrung  Hypertrophie  und  Tuberculosis 
der  Bronchialdriisen  zu  betrachten. 

Dem  kindlichen  Alter,  bis  zur  Pubertiit,  vorziiglich  vom  er- 
sten  bis  zum  siebenten  Jahre,  kommt  eine  entschiedene  Anlage 
fur  den  Keichhusten  zu.  Enter  Erwachsnen  wird  das  weibliche 
Geschlecht  ofter  befallen  als  das  mannliche.  Epidemische  Ver- 
breitung  wird  hiking  beobachtet,  doch  ist  das  sporadische  Vor- 
kommen  keinesweges  so  selten  wie  man  behauptet  hat.  Herbst 
und  Friihjahr,  schnelle  Abwechslungen  der  Temperatur  und  der 
hygrometrischen  Verhaltnisse  der  Lull  sind  diesen  Epidemieen 
giinstig,  denen  eine  catarrhalische  Basis  gemeinschaftlich  ist,  je- 
doch  der  statiorlare  Genius  ein  verschiedenes  Geprage  giebt. 
Nicht  selten  gehen  sie  Maserepidemieen  voran  oder  folgen  ihnen. 
Endemische  Beziehungen  sollen  in  einigen  Landern  obwalten,  in 
Schotlland,  Schweden,  Danemark.  Contagiose  Uebertragung  wird 
von  den  meisten  angenommen,  und  hauptsachlich  durch  die  Be- 
'ohachtungen  gestutzt,  dass  der  Keichhusten  von  den  Kindern  auf 
ideren  Pllegerinnen,  Ammen,  Mutter  etc.  iibergehc,  und  von  ein- 
/zelnen  Individuen  nach  Gegenden  verpflanzt  werde,  die  bis  dahin 
Ifrei  waren,  dass  in  den  Familien  die  Erkrankungen  succcssiv  er- 
folgen,  und  das  cinmalige  Befallen  die  Empfanglichkeit  vcrnichte. 

• Die  ausgeathmete  Luft  soil  Gifttriiger  scin,  daher  die  Warming 


3G8 


KEICHHUSTEN. 


vor  Nahe  und  Beriihrung,  besonders  Kiissen  der  kranken  Kinder. 
Allein  auch  hier  wird  vieles  supponirt,  und  wissenschaftlich  giil- 
tige  Beweise  fehlen  noch  zur  Zeit.  Gelegentliche  Anlasse  der 
Anfalle  sind  Schlucken  (lussiger  und  fester  Dinge,  Lachen,  Wei- 
nen,  Aerger,  Schreck,  korperliche  Anstrengungcn , und,  wovon 
ich  mich  durch  dftere  Beobachtung  iiberfuhrt  habe,  mimische 
Uebertragung.  Fangt  eins  unter  mehreren  am  Keiehhusten  lei- 
denden  Kindern,  welche  in  einem  Zimmer  befindlich  sind,  zu  hu- 
sten  an,  so  folgen  auch  bald  die  andern.  Meltzer  behauptet  (Ab- 
handl.  vom  Keiehhusten  S.  6),  dass  dieses  selbst  dann  geschehe, 
wenn  die  Kinder  in  getrennten  Raumen  sich  befinden,  und  der 
Husten  nur  gehort  werden  kann. 

Der  Verlauf  der  einfachen  Krankheit  ist  trage:  die  Dauer  auf 
3,  4,  6 Monate  ausgedehnt.  Regelmassige  Periodicitiit  im  Ver- 
laufe,  Tertiantypus  wird  von  mehreren  (Rosenstein,  Armstrong ) 
erwahnt.  Selbst  die  einzelnen  Anfalle  treten  zuweilen  rhythmisch 
ein.  ( Joseph  Frank  prax.  med.  univ.  praes.  P.  II.  Yol.  II.  Sect. 
I.  p.  831.) 

Die  Gefahr  erwachst  aus  dem  Hinzutritte  anderer  krankhafter 
Zustande.  Bronchitis'  und  Pneumonie  gesellen  sich  am  haufigsten 
zum  Keiehhusten,  was  sowohl  vom  Karakter  der  Epidemie  als 
von  der  Einwirkung  schadlicher  Einfliisse  abhangig  ist.  Sie  friih- 
zeitig  zu  erkennen , ist  man  jetzt  durch  Percussion  und  Auscul- 
tation im  Stande,  und  lauft  nicht  mehr  Gefahr  dieselben  anzu- 
nehmen,  wo  sie  nicht  vorhanden  sind,  wie  es  Watt  und  Marcus 
(der  Keiehhusten,  fiber  seine  Erkenntniss,  Natur  und  Behandlung 
Bamberg  181G)  gethan  haben,  welche  die  Identitat  des  Keich- 
hustens  und  der  Bronchitis  zu  beweisen  sich  anstrengten.  Tuber- 
culosis entwickelt  sich  ofters,  und  iurchlauft  schnell  ihre  Stadien. 
Nachst  den  Lungen  ist  das  Gehirn  am  meisten  bedroht.  Eclamp- 
sie  und  hydrocephalische  Affection  steigern  die  Gefahr  auf s hochste : 
beim  Eintritte  der  jetzteren  zieht  sich  der  Keiehhusten  zuriick. 
Seltner  gesellt  sich  Gastritis  und  Enteritis  hinzu.  Auch  das  Ilerz 


KEICHHUSTEN. 


369 


nimmt  nur  in  seltnen  Fallen  Theil:  Hypertrophieen  und  Erwei- 
terungen  bilden  sich  zuweilen  als  consecutive  Zustande  aus.  Als 
ein  solcher  ist  auch  die  Paralyse  der  Brustmuskeln , und  deren 
Folge,  die  Scoliosis,  zu  betrachten.  Befallt  diese  Lahmung  beide 
Seiten  der  Brust,  so  nimmt  der  Thorax  jene  Form  an,  welche 
man  die  Hiihner-  oder  Vogelbrust  nennt,  was  zu  der  irrigen  Be- 
hauptung  verleitet  haben  mag,  dass  der  Keichhusten  Anlass  zur 
Rhacbitis  giebt.  Die  Coincident  mit  der  Dentition,  mit  der  Ent- 
wohnung,  mit  dem  Convalescenzstadium  andrer  Erankheiten,  be- 
sonders  exanthematischer,  und  mit  chronischer  Diarrhoe  macht  die 
Prognose  bedenklich.  Recidive,  nachdem  die  Krankheit  bereits 
seit  mehreren  Wochen  aufgehort  hatte,  sind  von  mir  in  einigen 
Fallen  beobacbtet  worden. 

In  der  Behan dlung  des  Keichhustens  hat  die  neuere  Zeit 
eines  Fortschrittes  sich  zu  erfreuen:  die  therapeutischen  Anspriiche 
der  Complicationen  gewiirdigt  zu  haben.  Es  ist  hicr  nicht  der 
iOrt  das  bekannte  Verfahren  gegen  Bronchitis,  Pneumonie  etc. 
zu  exponiren:  nur  daran  werde  erinnert,  dass  die  Handhabung 
der  antiphlogistischen  Mittel,  zumal  der  Blutentleerungen , durch 
das  Vorhandensein  des  Keichhustens  kerne  Beeintrachtigung  er- 
lleiden  darf:  je  friiher  und  reichlicher  sie  unter  diesen  Umstiinden 
angewandt  werdeu,  desto  rascher  und  reiner  tritt  der  krampfhafte 
iKarakter  der  Anfalle  und  die  Integritat  der  Intervalle  hervor, 
\wodurch  allein  schon  die  Identificirung  der  Krankheit  mit  Ent- 
/mndung  der  Bronchien  widerlegt  werden  kann.  Und  nicht  bloss 
' len  Complicationen,  auch  dem  eigenthiimlichen  Karakter  der  herr- 
ichenden  Epidemic  ist  rnehr  Aufmerksamkeit  zugewandt  worden, 
wo  von  nicht  bloss  die  Gegen\yart  Nutzen  hat,  sondern  auch  die  cri- 
ischeDeutung  der  Yergangenheit.  Sydenham’s  und  Huxham’s  Lob 
Her  Aderliisse,  Stoll’s  Anpreisung  der  ausleerenden  Mittel  erschei- 
! oen  nur  dadurch  in  ihrem  gehorigen  Lichte.  Dagegen  ist  die 
I jUr  des  einfachen  Keichhustens  nicht  vorgeschritten,  und  Unreife 
j ler  Erfahrung  hat  die  Zahl  der  empfohlenen  Mittel  urn  ein  Be- 


370 


KEICHHUSTEN. 


deutendes  vcrmehrt.  Eine  Mcthode,  die  im  Standc  sei  die  Krank- 
hcit  in  ilirem  Verlaufe  aufzuhalten,  ihre  Dauer  al)zukiirzen,  kennt 
man  bis  auf  den  heutigen  Tag  noch  nicht.  Vergebens  hat  man 
auf  die  yerschiedenen  organischen  Apparate  einzuwirken  gesucht: 
nicht  einmal  einc  Vcrschlimmerung  hat  sich  so  beslimmt  heraus- 
gestellt,  dass  man  dadurch  zu  bessrer  Einsicht  liatte  gelangen 
konnen.  Wenn  Marcus  von  der  strengen  Befolgung  der  anti- 
phlogistischen  Methode,  Lombard  (Biblioth.  univers.  de  Geneve. 
1838.  p.  119)  von  dem  dreisten  Gebrauche  des  Ferrum  carboni- 
cum,  zu  18 — 36  Gran  in  24  Stunden,  Erfolg  verheisst,  wird  wohl 
Keiner  an  der  so  oft  der  arztlichen  Technik  spottenden  Gleich- 
gultigkeit  des  Qrganismus  zweifeln,  und  uns  nicht  verargen,  hier 
die  Aufzahlung  der  einzelnen  Mittel  zu  unterlassen,  welche  die 
Compcndien  und  Encyclopadieen  dem  Suchenden  in  grosser  Fulle 
an  die  Hand  geben. 

Auf  andre  Heilcinflusse  war  man  schon  in  altern  Zeiten  be- 
dacbt.  So  erzahlt  Thomas  Willis,  der  zuerst  den  Namen  Tussis 
convulsiva  puerorum  fur  diese  Kranklieit  eingefuhrt  hat  , dass  zu 
seiner  Zeit  der  Schreck  fur  die  Cur  benutzt  wurde  — Hinc 
cum  medicamenta  minus  afficiunt,  apud  vulgus  in  praxi  familiari 
est  ut  pro  terriculamento,  dum  molendinum  ingens  cum  stridore 
et  rotarum  aspectu  horribili  circumagitur,  affectus  grani  sive  fru- 
menti  receptaculo  imponatur,  indeque  morbi  hujus  subila  curatio 
nonnunquam  contingit  (De  medicamentorum  operationibus  in  cor- 
pore  humano.  Op.  omn.  ed.  Genev.  Yol.  II.  p.  63).  Die  Ycr- 
anderung  der  Luft  und  des . Bodens  wird  vorgescldagen , ohnc 
dass  jedoch  der  Erfolg  cntspricht,  wie  ich  mich  mehreremal  iiber- 
zeugt  babe.  Noch  sind  die  kalten  Uebergiessungen  des  Kopfes 
und  Riickens  nicht  zur  Anwendung  gekommen.  Schon  Huxham 
hatte  das  kalte  Bad  bei  Abwesenheit  von  Ficber  und  Blutspeien 
empfolilen:  die  neueren  Versuche  mit  diesem  Verfahren  im  Croup, 
wo  cs  hauptsaehlich  den  kramplhaften  Antheil  zu  beseitigen  scheint, 
erwecken  einige  HofFnung  seiner  Wirksamkeit  im  Keichhusten. 


LACHKRAMPF. 


371 


Risus  convulsivus. 


Der  Lachkrampf  hat  in  den  die  exspiratorischen  Bewegun- 
gen  vermittelnden  Spinalnerven  seinen  Sitz,  so  wie  auch  das  ge- 
vvohnliche  Lachen  mit  dem  Ausathmen  verbunden  ist.  Das  Zwerch- 
fell,  dem  selbst  Haller  noch  eine  wichtige  Rolle  lieim  Lachen 
zuschreibt  (Elem.  physiol,  corp.  hum.  T.  III.  p.  305),  hat  keinen 
Antheil  daran,  da  es  Einathmungsmuskel  ist. 

Der  Scliall  des  Lachens,  schon  im  gesunden  Zustande  nach 
Alter  und  Gcschlecht  verschieden  (nach  Hamberger  lachen  die 
Manner  in  a und  o,  die  Frauen zimmer  in  i und  e,  vgl.  Haller 
1.  c.),  ist  ini  Lachkrampfe  sehr  laut,  wahrend  der  vom  Antlitz- 
nerven  abhiingige  mimische  Ausdruck  meistens  kalt  erscheint.  Ihm 
entspricht  die  psychische  Stimmung,  die  der  Contrast  von  jenem 
beim  gewohnlichen  Lachen  ist,  ernst  und  deprimirt. 

Entstehung  durch  Rellexreiz  ist  die  haufigste.  Das  Kitzeln 
gewisser  Hautstellen,  der  Fusssohle,  der  Achselhohle  u.  s.  f.  ruft 
den  Lachkrampf  leicht  lienor.  Seine  uberwiegcnde  Frequenz  beim 
weiblichen  Geschlecht  und  auf  hysterischer  Basis  bekundet  den 
Zusammenhang  mit  Reizung  im  Uterinsystem.  Ein  merkwiirdiger 
Fall,  wo  er  sich  als  Vorlaufer  einer  Miliaria  zeigte,  und  mit  de- 
ren  Eruption  aufhorte,  ist  von  Zwinger  in  den  Act.  helvet.  1750 
mitgetheilt  worden.  In  den  Anfallen  der  Manie  stellt  er  sich 
zuweilen  ein. 

Abwechslung  mit  andern  Athemkriimpfen,  zumal  Wein-  und 
Schreikrampfen,  und  Uebergang  in  allgemeine  Convulsionen  fin- 
det  statt.  Tbdtlicher  Ausgang  ist  bei  grosser  Intensitiit  und  Lin- 
gerer Dauer  beobachtet  worden.  Haller  citirt  einige  Beispiele, 
und  ein  neueres  wild  von  Reydellet  (Diet,  des  scienc.  medic.  Vol. 
49.  p.  38)  erwalint. 


Romberg’s  Ncrrenkrankb.  I.  2. 


25 


372 


STOTTERN. 


Stiininkriimpfc. 


Die  krampfhaften  Zustiinde  der  Stimmbewegungen  haben  ei- 
nen  zwiefachen  Ausdruck:  Unterbrechung  der  Stimme  und  ab- 
normes  Tonen. 

Die  Unterbrechung  der  Stimme  ist  entweder  absolut  (Apho- 
nia), oder  zeigt  sich  in  einer  bestimmten  Bezielmng  zur  Articu- 
lation der  Sprache,  Ischnophonia  (Mogilalia).  Im  Allgemeinen 
ist  convulsivischer  Ursprung  der  Aphonie  seltner  als  paralytischer, 
und  giebt  sich  sowohl  durch  die  Verbindung  mit  andern  convul- 
sivischen  Bewegungen,  zumal  der  Respiration  und  Deglutition,  als 
auch  durch  haufige  Wechsel  und  schnelle  Uebergange  in  den 
normalen  Zustand  kund.  So  kommt  Stimmlosigkeit  im  Gefolge 
hysterischer  Anfalle  und  'vicariirend  fur  epileptische  vor.  Darm- 
reizung,  z.  B.  in  der  Helminthiasis,  giebt  Anlass. 

Die  beim  Aussprechen  einzelner  Laute  oder  Silben  eintretende 
Unterbrechung  der  Stimme  ist  es,  welche  man  unter  dem  Namen 
Stottern  zu  yerstehen  hat.  Gewohnlich  trifft  sie  die  Verbin- 
dung eines  Consonanten  mit  einem  darauf  folgenden  Vocale  zu 
Anfang  oder  in  der  Mitte  eines  Wortes,  zuweilen  aber  auch  den 
isolirten  Vocal  oder  Consonannten.  Wiederholung  des  vorher- 
gehenden  Lautes  oder  der  Silbe,  bis  das  Hinderniss  voriiber  ist, 
findet  slatt  bei  explosiven  Lauten  (b,  d,  g,  k etc.),  fehlt  bei  Stre- 
pitus  continuus  (f,  s,  r etc.).  Zuweilen  wird  auch  die  Luftsaule 
aus  der  Slimmritze  jahe  lierausgepresst,  ohne  cinen  Ton  zu  er- 
zeugen.  Mit  dem  temporaren  Versagen  der  Stimme  verbinden 
sich  andre  krampl’hafte  Erscheinungen  im  Gebiete  dcr  respirato- 
rischen,  mimischen  und  articulirenden  Bewegungen.  Das  Aus- 
athmen  wird  mehr  oder  minder  verhindert,  die  inspiratorischen 


STOTTERN. 


373 


Hals-  und  Brust.muskeln  sind  in  grosser  Anstrengung,  die  Ge- 
sichtsmuskeln  verziehen  sich,  die  Augenlider  schliessen  und  ofFnen 
sich  gewaltsam,  die  Nasenfliigel  spielen,  die  Lippen  schnellen  auf 
und  nieder,  die  Zunge  bewegt  sich  krampfhaft,  drangt  sich  gegen 
die  ohere  oder  untere  Zahnreihe.  Zuweilen  geht  der  Zuckkrampf 
in  Starrkrampf  uber : die  Stimme  verstummt,  der  Mund  ist  fest- 
geschlossen,  die  Zunge  steif,  das  Gesicht  dunkelroth,  die  Venen 
angesclnvollen  — ein  fast  sufFocatorischer  Zustand,  bis  der  Krampf 
sich  losct,  und  die  Laute  wieder  intoniren.  Nur  bei  der  tonen- 
den  Ausspracbe  stellt  sich  das  convulsivische  Hinderniss  ein;  die 
Bildung  der  Laute  als  tonloses  Gerausch,  beim  Flustern  (vox 
clandestina),  geht  gehorig  vor  sich. 

Hierdurch  unterscheidet  sich  das  Stottern  wesentlich  vom 
Stamm  ein,  von  der  Ungewandtheit  und  Hemmung  der  articu- 
lirenden  Bewegungen,  womit  es  noch  jetzt  ofters  verwech- 
selt  \vird,  obgleich  Arnott,  (Elements  of  physic  or  natural  philo- 
sophy) und  nach  ihm  Schulthess  (das  Stammeln  und  Stottern.  Zue- 
rich  1830)  und  Muller  (Handb.  der  Physiol.  2.  Bd.  S.  242)  eine 
momentane  Schliessung  der  Glottis  als  Bedingung  des  Stotterns 
physiologisch  motivirt  haben.  J§doch  kommt  das  Stottern  nicht 
immer  als  einfacher  Zustand  vor,  sondern  auch  complicirt  mit 
AfFectionen  krampfhafter  und  andrer  Art,  mit  Stammeln,  mit 
Schielen,  mit  Chorea. 

Erblichkeit,  mannliches  Geschlecht,  kindliches  und  jugendliches 
Alter  setzen  die  Anlage.  GemiithsafFecte,  Darmreizung,  Molimina 
haemorrhagica , Safteverlust , zumal  spermatischer  durch  Onanie, 
Pubertat-Entwickelung  sind  als  Anliisse  beobachtet  worden.  Ge- 
legentlich  wird  das  Stottern  verschlimmert  durch  die  Tageszeit: 
des  Morgens  pllegt  es  starker  zu  sein  als  am  Abend:  durch  nass- 
kalte  Wittcrung,  durch  den  Eintritt  der  Catamcnien,  besonders 
aber  durch  Verlegenheit  und  Angst.  Wahrend  des  Verlaufs  an- 
drer Krankheiten  pausirt  es  zuweilen.  Eine  psychische  Riickwir- 

25* 


374 


STOTTERN. 


kung  ist  unverkennbar:  die  Stottcrnden  sind  empfmdlich,  leichl 
reizbar. 

In  der  Behandlung  ist  die  Beachtung  der  causalen  Indication 
in  neuestcr  Zcit  zu  sehr  durch  die  Gymnastik  der  Zunge  ver- 
drangt  worden,  und  es  stellt  sich  auch  hier -die  Erfolglosigkeit 
oder  selbst  der  Nacbtheil  des  curirenden  Dilettantismus  heraus. 
Je  nach  Erforderniss  sind  Blutentleerungen,  allgemeine  oder  ort- 
liche,  anzuwenden,  oder  integrirende  Reize,  der  Gebrauch  der 
Kalte,  der  Seebiider  etc.,  besonders  ist  es  die  Einwirkung  auf 
den  Darmkanal  durch  ausleerende  Mittel,  welche  sich  am  hiilf— 
reichsten  gezeigt  hat,  selbst  in  hartnackigen  Fallen,  wovon  Bo- 
stock  ein  merkwurdiges  Beispiel  mitgetheilt  hat:  so  oft  auch  das 
Stottern  recidivirte,  stets  wurde  es  durch  den  Gebrauch  von  Pur- 
girmitteln  in  Yerbindung  mit  einer  strengen  entziehenden  Diat 
beseitigt  (History  of  a case  of  Stammering  successfully  treated 
by  the  long  continued  use  of  cathartics  in  Med.  chirurg.  transact. 
Vol.  XVI.  P.  I.  p.  72).  Yon  einer  psychischen  Cur,  sei  es  durch 
Ableitung  der  Aufmerksamkeit  auf  andre  Gegenstiinde,  oder  durch 
Scharfung  des  Widens  bei  der  Articulation,  oder  durch  Andro- 
hung  von  Strafe  u.  s.  f.,  hatte  man  sich  mehr  versprochen , als 
erlangt.  Arnott  gab,  gestiitzt  auf  seine  Ansicht  vom  Sitze  des 
Stotterns,  den  Rath  das  temporare  Schliessen  der  Glottis  durch 
Intonation  der  Stimme  zwischen  den  einzelnen  Wortern,  z.  B. 
durch  eingeschobenes  e,  zu  verhuten,  wozu  ihn  auch  die  Beob- 
achtung  gefiihrt  haben  mag,  dass  beim  Singen  das  Stottern  auf- 
hort.  Miiller  (I.  c.  S.  243)  gla.ubt  die  Idee  der  Cur:  die  Stimm- 
ritze  obne  Unterbrechung  olFen  zu  erhalten : durch  eine  bestiindig 
mit  Intonation  verbundene  Articulation  sicberer  zu  erreicben.  Die 
zu  Leseiibungen  bestimmtcn  Scripturen  sollen  koine  stumme  Buch- 
staben,  b,  d,  g,  p,  t,  k enthalten,  sondern  nur  Siitze,  die  ausser 
den  Vocalen  bloss  aus  Buchstaben  bestehen,  welche  der  beglci- 
tenden  Intonation  fahig  sind,  f,  x,  sell,  s,  r,  1,  m,  n:  dieselben 


STOTTERN. 


375 


miissen  intonirt  ausgesprochen,  und  sehr  lang  ausgezogen  werden. 
Wo  das  Stoitern  mit  Stammeln  verbunden  ist,  findet  die  Zun- 
gengymnastik  ihre  Stelle,  deren  griindliche  Wirksamkeit  beim 
cinfachen  Stottern  sehr  Libertrieben,  und  iiberhaupt  noch  in  Zwei- 
fel  zu  ziehen  ist.  Nur  fur  solche,  alien  andern  Heilversuchen 
widerstehende  Fade  von  sehr  starker,  den  Lebensberut  storen- 
der  Intensitat  dlirfte  sich  auch  das  von  Dieffenbach  eingefuhrte 
chirurgische  Verfahren,  die  horizontale  transverselle  Durchschnei- 
dung  der  Zungenwurzel,  mit  oder  ohne  Excision  eines  Queerkeils 
aus  derselben,  eignen,  zu  deren  Anwendung  Dieffenbach  durch 
das  mit  dem  Stottern  gleichzeitige  krampfhafte  Schielen  bestimmt 
worden  ist  (die  Heilung  des  Stotterns  durch  eine  neue  chirur- 
gische Operation.  Berlin  1841).  Eine  offne  Darlegung  der  Hei- 
lungen  und  missgluckten  Ergebnisse  dlirfte  uber  die  Zulassigkeit 
dieser  Operation,  gegen  welche  gewichtige  Einwurfe  erhoben 
worden  sind,  am  besten  entscheiden. 


Nicht  bloss  durch  Unterbrechung  der  Stimme,  auch  durch  ab- 
normes  Tonen  giebt  sich  die  krampfhafte  Affection  der  Stimm- 
nerven  zu  erkennen. 

Auf  die  Veranderungen  der  Stimme  in  Nervenkrankheiten, 
besonders  convulsivischen , hat  man  bisher  noch  zu  wenig  geach- 
tet.  Starke,  Umfang,  Reinheit,  Timbre  weichen  von  der  Norm 
ab,  temporar  oder  andauernd.  In  der  Hysterie  und  Epilepsie 
hat  man  am  haufigsten  Gelegenheit  sich  hiervon  zu  iiberzeugen, 
beim  gewohnlichcn  Sprechen,  und  noch  auffallender  beim  Ge- 
sange.  Ueberdiess  giebt  es  krampfhafte  Affectionen  der  die  Span- 
nung  der  untern  Stimmbander  vermittelnden  Muskeln,  wodurch 
eigenthiimliche  Tone  hervorgebracht  werden,  die  an  Hohe  ohne 
lntervalle  wachsen  und  fallen,  z.  B.  Heulen,  Schreien,  oder  mit 


376 


STIMMKRAMPF. 


Bewegungen  dor  Lippen,  und  selbst  dor  Zunge  vcrbunden  siud, 
und  dadurch  einen  zisohenden  odor  schnalzenden  Boilaut  erhalton. 

Dicse  Stimmkrampfe  kommen  hauptsachlich  beim  weiblichen 
Geschlechte  vor,  in  der  Entwickelungsperiodc,  bei  gestorten  Ca- 
tamenien,  auf  hysterischer  oder  epileptischer  Basis,  bei  Spinalneu- 
ralgie,  und  befallen  fast  immer  nur  wahrend  des  Wachseins,  mit 
kurzen  Pausen.  Sie  haben  grosse  Neigung  zu  Recidiven  und 
zur  Combination  mit  andern  Athemkrampfen , Spasmus  glottidis, 
Schluchzen,  Niesen,  Husten,  auch  Eructatio,  womit  sie  zuweilen 
abwechseln  (S.  Gairdner  appendix  to  a former  paper  on  anoma- 
lous affections  of  the  respiratory  organs,  in  Edinburgh  medic,  and 
surg.  Journal.  July  1840.  p.  77). 

So  habe  ich  vor  achtzehn  Jahren  mit  unserm  verewigten 
Heim  einen  Fall  bei  eincm  neunzehnjahrigen  Madchen  beobach- 
tet,  das  im  wachen  Zustande  fast  alle  zehn  Minuten,  mit  betracht— 
licher  Anstrengung  der  Athemmuskeln , Tone  ausstiess,  die  dem 
Gerausche  einer  Sagemuhle  sehr  ahnlich,  und  so  laut  waren,  dass 
man  sie  schon  auf  der  Treppe  horen  konnte.  Ihre  Stimme  beim 
Sprechen  war  normal.  — Bell  wurde  bei  einem  funfzelinjahrigen 
Madchen  zu  Rathe  gezogen,  welches  ein  convulsivisches  bellendes 
Gerausch  horen  liess,  wobei  der  Kehlkopf  allein  afficirt  war,  und 
die  ubereinstimmende  Action  im  Schlunde,  im  Gaumenseegel  und 
in  den  Lippen  fehlte.  Zuweilen  hustete  sie  natiirlich  in  den  In- 
tervallen  ibrer  Anfalle,  allein  dieser  Husten  verhinderte  nicht  die 
Riickkehr  des  unaugenehmen  grellen  Gerausches,  welches  sie 
zehn  Mai  in  einer  Minute  horen  liess:  wahrend  des  Schlafes 
horte  es  auf,  allein  im  Augenblick  des  Erwachens  stellte  cs  sich 
wieder  ein.  So  hielt  es  vier  Wochen  an,  und  kclirte  nocli  drei 
Winter  hintereinander  zuruck  (Physiol,  u.  pathol.  Untersuch.  des 
Nervensyst.  S.  322). 

Die  Prognose  ist  bei  den  Stimmkrampfen  giinstig.  Hat  man 
sich  vor  Mystification  und  Uebertreihung  von  Scitcn  der  Ivran- 


I 


STIMMKRAMPF.  377 

ken  sicher  gestellt  — denn  auch  mit  Kriimpfen  coquettirt  das 
Weib  gern  — so  erwarte  man  am  meisten  von  den  ableitenden 
Mitteln,  so wohl  auf  den  Darmkanal  als  auf  die  Haut.  Gairdner 
empfiehlt  vorzugsweise  ein  Vesicatorium  in  den  Nacken.  Der 
Erfolg  kalter  Uebergiessungen , der  Douche,  der  Moxa,  deren 
blosses  Androhen  schon  eine  giinstige  Umstimmung  in  einzelnen 
Fallen  hervorbrachte,  ist  von  Mehreren  beobachtet  worden. 


¥ 


2.  Gattung. 

\ 

Krampfe  im  Muskelgebiete  der  sjmpatliisclien  lialincu. 


Krampf 

im  Gebiete  der  Herznerven. 


Experimentelles.  Die  Versuche  uber  Abhangigkeit  der 
Herzbewegung  von  den  Nerven  sind  nur  dann  entscbeidend,  wenn 
sie  an  frischgetodteten  noch  reizbaren  Thieren  angestellt  werden, 
da  wahrend  des  Lebens  die  Einwirkung  des  Schmerzes,  der  Angst 
und  der  Bewegung  anderer  Muskeln  das  Resultat  triiben.  War 
bei  galvanischen  Yersuchen  der  Ram.  cardiaci,  wie  sie  Alexander 
v.  Humboldt  zuerst  versuchte,  noch  der  Einwurf  zu  machen,  dass 
diese  hierbei  als  feuchte  Leiter  wirken  konnen,  so  batte  das  Expe- 
riment von  Hurdach , der  mittelst  Betupfen  des  Halsstiickes  des 
Sympathicus  mit  Kali  oder  Ammon,  caust.  den  Herzschlag  be- 
schleunigte,  mehr  Beweiskraft,  und  durch  die  neuesten  Versuche 
von  Valentin  und  Volkmann  sind  noch  andere  Nervenbahnen  er- 
mittelt  worden,  deren  Reizung  einen  motorischcn  Einfluss  auf 
das  Herz  ausubt.  Es  sind  ausser  dem  Plexus  cardiacus , dcm  un- 
tersten  Hals  - und  dem  obersten  Brustganglion  des  Sympathicus, 
noch  die  Wurzeln  des  N.  accessorius  (nach  Valentin  und  lolk- 
mann ),  der  obern  Cervicalnerven  und  dcs  Stammes  des  Vagus 
zwischen  Kehlkojtf  und  Brusthohle.  Unter  den  Centralorganen 


HERZKRAMPF. 


379 


sollen  es  besonders  die  vordre  JFlache  des  verliingerten  Markes 
nach  Budges  Experimenten  (in  seinen  Untersuchungen  fiber  das 
Nervensystem.  2.  Heft.  1842.  S.  1 — 26.),  und  das  Corpus  callo- 
sum nach  Valentin  (Versuche  iiber  die  Thatigkeit  des  Balkens 
im  Repertorium  fur  Anatomie  und  Physiol.  6.  Band.  S.  359 — 379) 
sein , deren  Reizung  die  Herzaction  bei  • frischgetodteten  Thieren 
anfacht  und  beschleunigt.  Die  Contraction  des  Herzens  erfolgt  nicht 
unmittelbar  auf  den  angebrachtenJReiz,  sondern  einige  Zeit  nachher, 
und  ist  nicht  momentan  und  abgebrochen,  sondern  kehrt  in  einer 
kiirzeren  oder  langeren  Reihe  periodischer  Schlage , init  gestdrtem 
Rhythmus,  zuriick.  Wenn  das  Herz  eines  Thieres  lange  Zeit  alle 
4 — 5 Secunden  geschlagen  hat,  so  schlagt  es  nach  Anwendung 
eines  voriibergehenden  Reizes  lange  Zeit  nach  einer  andern  Pe- 
riode,  z.  B.  alle  Secunden  oder  alle  zwei  Secunden,  und  wenn 
es  ganz  zu  schlagen  aufgehort  hat,  so  bewirkt  ein  voriibergehen- 
der  Reiz,  dass  es  nicht  ein  Mai,  sondern  viele  Male  in  einer  Pe- 
riode  sich  zusammenzieht  ( Muller , Handb.  d.  Phys.  1.  Th.  S.  740). 
Auch  ist  die  Aufeinanderfolge  der  einzelnen  Acte  der  Herzbewe- 
gung  abnorm:  die  Pause  zwischen  Contraction  der  Ventrikel  und 
der  Vorhofe  fallt  weg,  und  die  Kammern  ziehen  sich  zuweilen 
mehrere  Male  zusammen,  ehe  eine  Contraction  der  Vorhofe  er- 
folgt. Beim  lebenden  Thiere  hat  die  Reizung  des  Herzens  ge- 
waltsame  Bewegungen  zur  Folge. 

Aehnliche  Erscheinungen  zeigen  sich  in  krampfhaften  Zustiin- 
den  des  Herzens,  welche  man  bisher  unter  dem  Namen  Palpita- 
tio  cordis  zusammengefasst  hat. 

Verstarkte,  beschleunigte  und  unrhythmische  Herzbewegungen 
stellen  sich  anfallsweise  ein,  und  werden  vom  Kranken  empfun- 
den.  Der  Herzstoss  ist  jahe,  abgebrochen,  doch  nur  selten  so  kraft- 
voll,  dass  er  die  aufgelegte  Hand  und  das  aufgelegte  Ohr  in  die 
Hohe  liebt.  Blasebalggerausch  schliesst  sich  zuweilen  den  Herz- 
tonen  an,  oder  maskirt  sie.  Der  Arterienpuls  ist  meistens  klein 
und  unterdriickt.  Dyspnoe  begleitet  haufig.  Plotzlich  oder  all- 


380 


HERZKRAMPF. 


mahlig  liort  cimsolcher  Anfall  auf  und  das  freie  Intervall  beginnt, 
in  welchem  die  Herzaction  von  der  Norm  nicht  abweicht. 

Zuweilen  wird  nur  der  Rhythmus  der  Rewegung  durch  den 
Ivi  *ampf  gestort.  Der  Kranke  empfindet  eine  rollende  oder  gleich- 
sam  aufstosscnde.  Bewegung  im  Herzen  und  glcich  darauf  einen 
Stillstand,  der  sich  durch  die  Intermission  des  Herz-  und  Arte- 
rienpulses  kund  giebt,  worauf  mehrcre  ungleiche  und  unregel- 
miissige  Schliige  folgen.  Ein  Gefuhl  von  Angst  ist  davon  unzer- 
trennlich.  In  andern  Fallen  lolgen  die  Contractionen  des  Her- 
zens in  ungehoriger  Frequenz  auf  einander,  ohne  dass  die  Suc- 
cession der  einzelnen  Momente  der  Herzbewegung  beeintrachtigt 
ist.  Dabei  ist  die  Kraft  der  Muskelzusammenziehung  vermehrt 
oder  geschwacht.  Im  letzteren  Falle  ist  es  eine  fortlaufende  Reihe 
schneller,  haufiger,  schwacher,  flatternder  Herzschlage , denen  eine 
bebende  und  zitternde  Empfindung  in  der  Ilerzregion  entspricht. 
Endlich  giebt  es  Anfalle,  wo  Kraft  und  Frequenz  und  Rhythmus 
zugleich  gestort  sind,  das  Gefuhl  von  Angst  und  erloschendem 
Leben  iiberwaltigt,  und  die  Beklemmung  zur  Orthopnoe  steigt. 

Die  Dauer  des  Paroxysmus  ist  verschieden,  von  einigen  Se- 
cunden  bis  zu  einer  halben  oder  ganzen  Stunde  und  dariiber. 
Sie  kehren  oft  wieder,  in  regelmassiger  oder  unregelmassiger 
Zeitfolge,  oder  machen  langere  Pausen  von  Wochen  undMonaten. 

Unter  den  Lebensalfern  disponiren  jugendliches  und  mittleres: 
unter  den  pathischen  Prozessen,  Arthritis,  besonders  uncntwik- 
kelte,  seltener  Haemorrhois.  Das  Blut,  der  specifische  Reiz  fur 
die  peripherischen  Enden  der  sensiblen  Herznerven,  setzt  durch 
Mangel  und  abnorme  BeschafFenheit  ofter  als  durch  Ueberfluss 
eine  Anlage.  Hopes  Untersuchungen  haben  nicht  bloss  die  Be- 
ziehung  der  Aniimie  zum  Herzkrampfe,  sondern  auch  die  Dia- 
gnose dieser  Form  festgestellt.  Der  Herzstoss  ist  abgebrochen, 
hupfcnd.  Ein,  bfters  allgemeincs  Klopfen  der  Artcricn  findct 
statt,  daher  fur  den  Kranken  diesc  Palpitation  fuhlbarer  ist  als 
jede  andere.  Bei  der  Auscultation  vernimmt  man  ein  sanftcs, 


HERZKRAMPF. 


/ 


381 


weiches  Blasebalggerausch  in  der  Aortenmundung , welches  den 
ersteri  Ilerzton  begleitet.  Ein  ahnliches  oder  summendes  Ge- 
rausch  liisst  sich  in  den  grosseren  Artcrienstammen  liorcn.  Der 
Puls  ist  frequent  und  schnellend,  wie  er  sich  auch  nach  gros- 
seren Blutverlusten  zeigt.  (Hope  a treatise  on  the  diseases  ol 
the  heart  and  great  vessels.  3.  edit.  London  1839.  p.  509). 
Reflexeinfliisse  wirken  oft  als  Ursache  ein;  ihre  Statte  ist  am 
haufigsten  in  den  Digestionsorganen  und  im  Uterus.  So  geben 
Leber-  und  Magenaffectionen,  besonders  biliose  Ansammlung 
und  Verhaltung,  Dyspepsie  Anlass.  Stdrungen  der  Catamenien, 
sowohl  in  ihrer  Entwickelung  als  in  ihrem  regelmiissigen  Gange 
haben  oft  Herzkrampf  zur  Folge,  zumal  wenn  sie  mit  Anamie 
verbunden  sind,  wie  es  bei  Chlorosis  der  Fall  ist.  Auch  beim 
mannlichen  Geschlecht  hat  Reizung  der  Genitalien  einen  atiolo- 
gischen  Conn  ex,  um  so  mehr,  wenn  Safteverlust  hinzutritt:  bei 
Onanisten  sind  Palpitationen  gewohnlich.  Centralanliisse  sind  nicht 
selten.  Es  ist  bekannt,  wie  oft  Gcmiithsaffecte , besonders  unge- 
stillte  Sehnsucht,  sei  es  der  Liebe,  sei  es  der  Heimath  (Nostal- 
gia), den  Herzkrampf  zur  Folge  hat,  und  in  der  Schil derung  der 
psychischen  Hyperasthesie  (S.  185)  habe  ich  den  Einfluss  der  In- 
tention hervorgehoben.  Die  Hypochondrie  der  Studirenden  ruft 
sehr  oft  Palpitationen  hervor,  und  um  selbst  ein  Beispiel  aus 
spiiterem  Lebensalter  anzufiihren,  so  verfiel  Peler  Frank,  wah- 
rend  er  in  Pavia  die  Lehre  der  llerzkrankheiten  fur  seine  Vor- 
lesungen  ausarbeitete,  in  so  heftige  Palpitationen  mit  intermitti- 
rendem  Pulse,  dass  er  an  einem  Aneurysma  zu  leiden  iiberzeugt 
war,  und  nur  durch  Beendigung  der  Arbeit  und  durch  Zer- 
streuung  auf  einer  Reise  wieder  hergestellt  wurde.  (Jos.  Frank , 
prax.  med.  univ.  praec.  P.  II.  Vol.  II.  Sect.  II.  p.  373.).  Krank- 
heiten  des  Ruckenmarks , besonders  entzundliche  des  Cervical  - nnd 
Dorsaltheils,  haben  zuweilen  anhaltendc  und  heftige  Palpitatio- 
nen in  ihrer  Begleitung,  die  den  Verdacht  einer  Hypertrophic 
des  Herzens  rege  haltcn.  (S.  Serres  anat.  comp,  du  cerveau. 


382 


HERZKRAMPF. 


T.  II.  p.  234).  Der  specifische  Einfluss  der  Digitalis,  die  nach 
meincr  Beobachtung  weit  haufiger  cine  Unregelmassigkeit  des 
Rhythmus  als  cine  Vermindcrung  der  Frcqucnz  der  Ilerzbewe- 
gungen  hervorbringt,  liisst  sicli  durch  Vcrmittelung  der  Central- 
apparate  deuten. 

Die  Unterscheidung  des  Herzkrampfes  von  andern  Zustiinden 
dieses  Organs,  welche  abnorme  Bewegungen  in  ihrem  Gefolge 
haben,  ist  jelzt  durch  Beihulfe  der  Percussion  und  Auscultation  zu 
einer  grossern  Zuverlassigkeit  als  friiher  gediehen.  Die  bisher 
benutzten  Criterien  sind:  das  freie  Intervall;  das  Verhaltniss  der 
Anfalle  zur  Bewegung  und  Rulie  des  Korpers:  wahrend  Palpita- 
tionen  bei  organischen  Herzkrankheiten  durch  Bewegungen  zu- 
nehmen,  lassen  sie  beim  Herzkrampfe  nach  und  entstehen  mehr 
in  der  Ruhe,  besonders  nach  dem  Essen  und  beim  Einschlafen; 
die  Combination  mit  Storung^n  andrer  Nervenenergieen;  Erleich- 
terung  durch  Verbesserung  der  Digestion.  Aliein  diese  Merkmale 
sind  mit  Ausnahme  der  Integritat  in  den  Intervallen  unsicher, 
dagegen  der  bei  der  Percussion  sich  ergebende  normale  Umfang 
des  Herzens,  das  Aufhoren  des  Blasebalggerausches  bei  ruhiger 
Circulation,  die  Yerbmdung  dieses  Gerausches  mit  einem  ahnli- 
chen  in  den  grossern  Arterien,  die  Beschrankung  desselben  auf 
die  Aortenmundung , die  Abwesenheit  rauher,  starktonendcr  Af- 
tergerausche  an  dieser  und  an  andern  Stellen  des  Herzens,  be- 
ruhigen  kdnnen.  Doch  darf  in  prognostischer  Beziehung  der  Ue- 
bergang  des  Herzkrampfes  bei  langerer  Dauer  in  Hypertrophie 
der  Muskelsubstanz , wie  er  auch  in  andern  Muskeln  bei  Kram- 
pfen  stattfin.den  kann,  nicht  ausser  Aclit  gelassen  werden. 

Die  Naturheilung  kommt  am  haufigsten  durch  Ausbruch 
der  Arthritis  zu  Stande;  die  technische  durch  sorgfaltigc  Be- 
riicksichtigung  der  Ursachen.  So  wirkt  das  Eisen  specifisch, 
wo  Aniimie  zu  Grunde  liegt,  und  mit  der  Wiederkehr  der  Wan- 
genrothe  fallt  das  Schwinden  der  Ilerz-  und  Arteriengerausche 
zusammen.  Die  Cur  wird  durch  kraftige  Diat , durch  Laud- 


HERZKRAMPF. 


383 


aufenthalt,  durch  Bewegung  olme  Anstrengung  gefordert.  Bei 
Plethora  ist  das  entgegengesetzte  Verfahren  an  seiner  Stelle, 
Blutentzieliung  durch  Aderliisse,  der  Gebrauch  vegetabilischer 
Siiuren,  des  Creinor  tart.  u.  s.  f. : die  Diat  stimme  damit  iiber- 
ein,  und  es  werde  besonders  bei  denen  daranf  geachtet,  die,  an 
reizende,  nahrende  Kost  bei  reicblicher  Bewegung  gewohnt, 
dieselbe  auch  bei  veranderter,  sitzender  Lebensweise  fortsetzen. 
Die  artbritische,  hamorrhoidalische  und  dyspeptische  Basis  er- 
fordern  ihre  eigenthumliche  Behandlung.  In  Bezug  auf  die  letz- 
tere  sei  man  auch  des  atonischen  Ursprungs  eingedenk,  wo  re- 
solvirende  Mittel  verschlimmern  und  der  Gebrauch  von  Eisenpra- 
paraten  und  Aloetic.  (in  Form  der  Pilul.  aper.  Stahl.)  bessert. 
Forderung  des  Stuhlgangs  muss  bei  alien  diesen  Kranken  be- 
zweckt  werden.  Das  psychische  Regimen  unterstutze  das  soma- 
tische.  Palliativ  sind  Digitalis  und  Mineralsauren  wirksam. 

Man  hat  auch  von  Arterien-Palpitationem  gesprochen, 
welche  mit  dem  Pulse  des  Herzens  heterochronisch  sein  sollen. 
So  fiihrt  Albers  (uber  Pulsationen  im  Unterleibe.  Bremen  1803. 
S.  44  u.  47)  ein  Paar  Falle  von  Melaena  an,  wo  heftige  Pulsa- 
tionen der  Bauchaorta  mit  dem  Radial-  undHerzpulse  nicht  gleich- 
zeitig  waren,  und  Morgagni  theilt  (de  sed.  et  caus.  morbor. 
cpist.  XXXIX.  art.  18.)  die  Beobachtung  einer  stiirmischen  Pul- 
sation in  der  ^pigastrischen  Gegend  mit,  die  mit  ungleicher 
Starke  und  in  ungleichen  Intervallen,  zuweilen  doppeltschlagig, 
stattfand,  wahrend  der  Radialpuls  sich  normal  verhielt.  Allein 
zugleich  war  eine  grosse  harte  Geschwulst  zu  fuhlen,  welche 
sich  hob  und  senkte,  und  am  folgenden  Tage  mit  der  Palpita- 
tion, nach  einem  angestelltcn  Aderlasse  wieder  verschwunden 
war.  So  mag  dieselbe  Ursache,  welche  so  oft  starkc  isochroni- 
sche  Pulsationen  im  Unterleibe  hcrvorruft,  namlich  Gasansammlung 
imMagen,  duoden.,  colon  transvers.,  durch  stiirkern  Druck  tem- 
porar  comprimiren  und  die  Disharmonie  in  den  Pulsen  veranlas- 
sen.  Denn  zu  lest  steht  der  physiologische  Satz,  dass  mit  Aus- 


384 


HERZKRAMPF. 


nahme  des  Herzens  und  dcs  Anlangs  der  Hold-  und  Lungeri- 
venen  kein  Theil  des  blulluhrenden  Gefasssystems  cigerith'umlidier 
Bewegungen  durch  Muskelcontraction  fahig  ist,  als  dass  durch 
einige  isolirte  pathologische  Wahrnehmungen , die  noth  iiberdies 
der  Critik  nicht  geniigen,  ein  Krampf  der  Arterien  angenomrnen 
werden  durfte. 


<3 


O 


)Qg@gg@00@^S9gg^OT 

g8^^S2@S8E58g;5g 


^@2S®S2®§2®§2®S@§S®8S®22®82@SS9K 


Krampf 

im  Bereiche  der  Nerven  des  Darmkanals. 

<* 

S>@3©<3 

Experimentcllcs.  Wie  fur  das  Hcrz,  so  haben  auch  fur 
den  Darmkanal  die  neueren  Versuche  an  frischgetodteten,  nocli  reiz- 
baren  Thieren  zuverlassigere  Resultate  ergeben,  als  die  friiher  an 
lebenden  Geschopfen  angestellten.  Man  hat  sich  iiberzeugt,  dass 
Anfang  und  Ende  des  beweglichen  Schlauches  von  spinaler,  die 
Mitte  von  sympathiseher  Herrschaft  abhangig  ist,  und  dass  fur 
alle  Theile  das  Ruckcnmark  als  Centralorgan  eine  Quelle  motori- 
sclien  Einflusses  hergieht.  Um  die  fur  die  Bewegung  einzelner 
Muskelpartieen  bestimmten  Nerven  zu  ermitteln,  sind  Versuche 
ai'  den  centralen  Inscrtionsstiitten  erforderlich , da  im  weiteren 
Verlaufe  die  Nervenbahn  aus  heterogenen  Elementen  zusammen- 
gesetzt  ist.  So  hahen  Volkmanris  Experimente  gelehrt,  dass  der  , 
Vagus  die  Contraction  des  obern  Tlreils  des  Schlundes  vermittelt: 
bei  Durchschneidung  jeder  einzelnen  Wurzel  wurde  eine  Bewe- 
gung sichtbar,  entweder  im  weichen  Gaumen,  der  sich  zuweilen 
hob,  zuweilen  nach  vorn  zog,  oder  im  Schlunde,  dessen  ober- 
ster  Theil  bald  gehobcn,  bald  zusammengeschnurt  wurde.  Vom 
'Glossopharyngeus  hatten  bereits  Mayo  und  Muller  eine  Einwir- 

ikung  auf  die  Schlundmuskeln  beobachtet:  nach  Volkmann  ist  es 

* 

i nur  die  Reizung  der  diinneren , friiher  ubersehenen  Wurzel,  wel- 
che  knillige  Bewcgungen  des  Constrictor  faucium  mcdius  und  des 
\Stilopharyngeus  hervorbringt,  wahrend  die  dickere  Wurzel  keincn 


386 


DARMKRAMPF. 


solchen  Einfluss  hat.  Die  Bewegung  der  Speiserdhre  isl  vom 
Vagus  abhangig:  werden  dessen  Wurzeln  gereizt,  so  erfol- 
gen  gewaltsame  Contractionen  im  Lange-  und  Breitedurchmesser 
his  zur  Cardia  bin.  Auf  den  Magen  bat  der  Vagus,  mechanisch 
oder  galvaniscb  gereizt,  keinen  motorischen  Einfluss.  ( Muller , 
Handbuch  der  Physiol.,  1.  Theil.  S.  505  und  Volkmann  in  Mul- 
ler’s Archiv  etc.  1840.  S.  493).  Der  Widerspruch  in  Valentins 
Versuchen,  wonach  Reizung  der  Brust-  und  Bauchbahn  des  Va- 
gus starke  Zusammcnziehungen  des  Magens  bervorbringt,  (De 
function,  nervor.  cerebr.  p.  63.  §.  148)  lasst  sich  dadurch  losen, 
dass  sympathische  Fasern  dort  anlagern,  denn  Reizung  der  Brust- 
ganglien  des  Sympathicus  veranlasst  Bewegungen  des  Magens.  So 
steht  auch  die  peristaltische  Action  der  Gedarme  unter  dem  Einflusse 
des  Sympathicus,  wie  Muller  zuerst  durch  den  auf  das  Ganglion  coe- 
liacum  und  auf  denN.  splanchnicus  angewandtengalvanischenund  che- 
mischen  Reiz  im  Allgemeinen  bewiesen,  und  Valentin  im  Speciel- 
len  die  Beziehung  der  einzelnen  Geflechte  und  Bahnen  des  Sym- 
pathicus zur  Bewegung  bestimmter  Partieen  das  Darmkanals  dar- 
gethan  hat.  Ueber  die  Centralfaserung  der  Darmnerven  im  Riik- 
kenmarke  und  Gehirne  haben  in  neuester  Zeit  Valentins  und 
Budges  Versuche  einiges  Licht  verbreitet.  Ausser  den  vordern 
Strangen  des  Riickenmarkes  sind  es  besonders  das  Cerebellum, 
durcli  dessen  R.eizung  die  Bewegungen  des  Darmkanals,  auch 
des  Rectum  am  lebhaftestcn  angefaclit  werden,  und  im  grossen 
Gehirne  die  Vierhiigel,  Seh-  und  Streifenhugel.  (Budge,  Unter- 
suchungen  etc.  S.  145 — 158  und  Valentin , Repertorium  etc.  6. 
Bd.  S.  326.) 

Mit  Ausnahme  des  Em-  und  Ausgangs  tragt  die  Bewegung 
des  Darmschlauches  den  peristaltischen  Karakter  an  sich,  das 
langsame  Fortschreiten  der  Contractionen  in  einer  gewissen  Folge 
vorwiirtslaufender  Wellen.  Die  Veriinderungen  dieses  Modus  und 
. ihre  Bcdingungen  sind  es,  welche  in  pathologischcr  Hinsicht  von 
Wichtigkeit  sind.  Verstiirkung  und  Bcschleunigung  der  wurm- 


SCHLUNDKUAMPF. 


387 


formigen  Bcwegung  auf  Nervenreiz  wird  (lurch  Muller  $ instrnc- 
tiven  Versuch  erwiesen.  ,,  1st  der  blossgelegle  Darm  eines  Kanin- 
chens,  dessen  Bewegungen  sicli  an  der  Luft  anfangs  sehr  ver- 
stiirken,  wieder  ruhig  geworden,  und  wird  dann  das  Ganglion 
coeliacum  mit  Kali  causticum  betupft,  so  verstarkt  sich  sehr 
sehnell  darauf  die  Bewegung  wieder.  Die  Bewegung  des  Darms 
erreicht  erst  nach  einiger  Zeit  ihr  Maximum  und  dauert  sehr  lange 
fort.  “ (Handb.  d.  Physiol.  2.  Bd.  1.  Abth.  S.  65.).  Abnormer 
Tvpus,  veriinderte  Reihenfolge  der  Contraction  mit  riickwarts 
laufenden  Wellen  entsteht  zwar  bei  gesteigerter  Reizung  oder 
bei  gehemmtem  Nerveneinflusse  unter  Ilirnzufallen , allein  die 
physiologische  Bedingung  ist  noch  unermittelt. 


Krampf  des  Schlundes  und  der  Speiseiohre* 

Dysphagia  spastica. 


Plotzlich  befallt  Schwierigkeit  oder  Unmoglichkeit  des  Schlin- 
gens,  mit  dem  Gefuhle  eines  im  Schlunde  eingekeilten  fremden 
Korpers,  welche  ebensojahe,  meistens  unter  Ausstossen  der  ein- 
gesperrten  Luft,  wieder  aufhort.  Gewohnliche  Begleiter  sind 
Beklemmung  des  Athems,  Angst,  Erstickungszufalle.  Zuweilen 
sind  die  Halsmuskeln,  Sternocleidomastoideus,  Trapezius,  starr 
contrahirt.  Am  haufigsten  wahlt  der  Krampf  den  unteren  Theil 
des  Pharynx  oder  der  Speiserohre  zu  seinem  Sitze.  In  dem  letz- 
teren  Palle  bleibt  das  ohne  Hinderniss  Geschluckte  in  der  Niihe 
der  Cardia  stecken,  es  entsteht  zusammenschnurender  Schmerz 
zwischen  den  Schultern,  reichlicher  Ausfluss  von  Schleim  und 
Speichel  aus  dem  Munde,  Wiirgen  und  Regurgitiren  v bis  der 
Anfall  voriiber  ist,  und  der  Kranke  selbst  das  Hinabgleiten  des 
Bissens  in  den  Magen  fiihlt. 

Romberg’s  Nervcnkrankh.  I,  2. 


jSCIILUNDKRAMPF. 


388 

Der  Schlundkrampf  veranlasst  eine  transitorische  Contraction 
der  Muskelfasern , oder  hinterliisst  eine  Strictur  als  selbststiindige 
chronische  Affection  der  Muskelsubstanz , welche  mit  dcm  Namen 
Strictura  spastica  oesophagi  bezeichnet  wird,  jedoch  bisher  nocli 
nicht  naher  durch  Messer  und  Mikroskop  untersucht  worden  ist. 

Mittleres  Alter  und  weibliches  Geschlecht  sind  am  haufigsten 
clem  Schlundkrampfe  ausgesetzt.  Arthritischer  und  impetiginbser 
Prozess  disponiren.  Reflexeinfliisse  kommen  von  nahen  und  ent- 
fernten  Tbeilen.  Zu  grosse  Bissen,  jalie  verschluckt,  wirken  oft 
gelegentlich.  Ulcerationen  des  Kehlkopfes  rufen  zuweilen  Schlund- 
krampf hervor  ( Mayo , outlines  of  human  pathology.  London  1836. 
p.  280).  Am  haufigsten  wird  er  durch  Uterinreiz  erregt  und  zeigt  sich 
als  Begleiter  der  Hysterie,  Globus  hystericus,  unter  welchem 
Namen  aber  auch  eine  neuralgische  Affection  nicht  selten  ver- 
standen  wird.  (Vgl.  S.  102.).  Centralanlasse  haben  sowohl  im 
Riickenmark  als  Gehirn  ihren  Sitz.  Im  Gefolge  des  Tetanus  zeigt 
sich  der  Schlundkrampf  sehr  oft,  und  Krankheiten  des  Cervical- 
theils  des  Ruckenmarkes  und  seines  Knochenkanals  verrathen  sich 
am  haufigsten  durch  krampfhafte  Schlingbeschwerden , die  mit 
dem  Fortschritte  der  Desorganisation  in  paralytische  ubergehen. 
Bei  der  Ilydrophohie  ist  der  Schlundkrampf  steter  Begleiter  und 
wird  selhst  durch  den  Reiz  der  Vorstellung  rege.  Friedrich  Hoff- 
mann, dem  man  die  erste  genauere  Darstellung  der  convulsivi- 
schen  Schlundaffectionen  verdankt,  (Op.  omn.  ed.  Genev.  T.  III. 
p.  130.)  erwahnt  eines  Falles,  wo  psychische  Intention  die  An- 
falle  weekte.  Der  Einfluss  von  GemiUhsaffecten  ist  bekannt. 
Epilepsie  ist  der  Entstehung  von  Schlundkrampfen  gdnstig. 

Zur  Lnterscheidung  der  krampfhaften  Dysphagie  von  andern, 
besonders  von  Yerengerung  und  Anschwellung  des  Oesophagus 
abhangigen,  ist  die  Untersuchung  mit  der  Schlundsonde,  die 
mit  einem  dicken  Knopfe  versehen  sein  muss,  am  zuverl.is- 
sigsten.  Schon  wiilirend  des  AnfaHs  liisst  sic  sich  nach  einigem 


SCHLUNDKRAMPF. 


389 


Ilindernisse  durchbringen , und  in  den  Intervallen  hat  das  Einfuh- 
ren  koine  Schwierigkeit.  Weniger  kann  man  sich  auf  periodi- 
selie  Zu-  und  Abnalime  der  Erscheinungen,  als  ein  diagnostisches 
Criterium,  veranlassen,  da  aucli  zu  organischer  Entartung,  zumal 
in  der  Entwickelung,  krampfhafte  Contraction  von  Zeit  zu  Zeit 
hinzutritt. 

In  der  Behandlung  ist  die  Erfullung  der  Causalindication 
offers  erfolgreicli.  Joseph  Frank  erzahlt,  dass  zu  seinem  Vater 
in  Pavia  ein  Kranker  gekommen  sei,  welcher  nach  Unterdruk- 
kung  eines  habituellen  Nasenblutens  seit  neun  Tagen  an  krampf- 
h after  Dysphagie  lilt.  Nach  Application  einiger  Blutegel  an  die 
Nase  kehrte  das  Schlingvermogen  bald  wieder  zuriick.  (Prax.  med. 
univ.  praec.  P.  III.  Vol.  I.  Sec.  II.  p.  144.).  Brodie  stellte  eine 
Frau,  die  seit  drei  Jahren  an  Dysphagie  litt,  Festes  gar  nicht, 
Fliissiges  nur  mit  grosser  Miihe  schluc'ken  konnte,  durch  die  Be- 
seitigung  innerer  Hamorrhoidalknoten  wieder  her,  welclie  von 
Zeit  zu  Zeit  betrachtliche  Hamorrhagieen  veranlasst  hatten.  ( Mayo 
1 c.  p.  281.).  Wo  die  Ermittelung  oder  Entfernung  der  Ursache 
unmoglich  ist,  wirke  man  auf  die  periphcrischen  sensibeln  Ner- 
ven  oder  auf  den  Centralapparat  ein.  In  ersterer  Beziehung 
diirfte  das  oftere  Einfiihren  von  geknopften  Schlundsonden  zu  em- 
pfehlen  sein.  Abercrombie  wurde  bei  einer  vierzigjahrigen  Kran- 
ken  consultirt,  die  seit  langer  als  einem  Jahre  an  einer  Strictur 
der  Speiserohre  behandelt  worden  war.  Statt  der  gewohnlichen 
Bougie  rietli  er  eine  an  einem  Drathe  befestigte  eiformige  Kugel 
von  Silber  einzufnhren;  kaum  war  dieses  vier  bis  funf  Mai  gesche- 
hen , so  war  das  Hinderniss  verschwunden.  Ein  nach  einem  Jahre 
eingctretenes  Recidiv  wurde  auf  dieselbe  Weise  beseitigt.  (Patho- 
log.  and  practic.  researches  on  diseases  of  the  stomach,  the  in- 
test. canal,  the  liver  and  other  viscera  of  the  abdomen.  Edin- 
burgh 1828.  p.  96.).  Der  Ccrvicalthcil  dcs  Biickgraths  werde 
fur  ableitende  und  blutcnziehcnde  Mittcl,  besonders  Schropfko- 
jipfe,  benutzt.  Enter  den  innern  Mitteln,  die  auf  die  Centralor- 

26  # 


390 


SCHLUNDKRAMPF. 


organe  wirken  , verdient  die  Belladonna  (das  Extract  in  Kirschlor- 
beerwasser  aufgelost)  den  Vorzug.  Tode  und  Wichmann  (Idcen 
zur  Diagnostic.  Bd.  3.  S.  189.)  riihmen  den  Gebrauch  der  Quas- 
sia. Kranke  dieser  Art  sind  stets  zu  Obstructionen  geneigt,  doch 
miissen,  wie  bereits  Hoffmann  rath , Drastica  vermieden  werden. 


AntSperistaltiseher  Krampf  der  Speiserohre, 


Es  sind  die  Bewegungen  der  Speiserohre  im  gesunden  Zu- 
stande  erst  in  neuerer  Zeit  bekannt  geworden.  Nach  Magendies 
und  Muller’s  Beobachtung  finden  ausser  dem  Schlingen  rhythmische 
Contractionen  des  untersten  Theils  der  Speiserohre  statt,  welche 
ungefahr  dreissig  Secunden  und  um  so  langer  dauern,  jevollerder 
Magen  ist.  Die  Zusammenziehung  geht  allmahlich  in  ErschlafFung 
iiber,  worauf  wieder  die  Contraction  folgt,  so  dass  die  Cardia 
nicht  zu  jeder  Zeit  gleich  stark  geschlossen  ist  ( Muller , Hand- 
buch  d.  Physiol.  1.  Th.  S.  499).  Auch  hat  man  den  wiehtigen 
Antheil  der  Speiserohre  am  Erbrechen  kennen  gelernt.  Die  Ver- 
suche  von  Magendie , Legallois , Beclard  und  die  neueren  von 
J.  W.  Arnold  (Das  Erbrechen,  die  Wirkung  und  Anwendung 
der  Brechmittel.  Stuttgart  4840.  S.  84.)  haben  gezeigt,  dass  die 
Speiserohre  beim  Erbrechen  antiperistaltischc  Bewegungen  macht, 
welche  selbst,  nachdem  sie  vom  Magen  getrennt  worden,  bei 
dem  auf  Einspritzungen  von  Tart.  emet.  in  die  Venen  folgenden 
Erbrechen  sichtbar  sind. 

Der  antiperistaltische  Krampf  der  Speiserohre,  welcher  ohne 
Theilnahme  der  Bauchmuskeln  und  des  Zwerchfells  statlfindet,  zeigt 
sich  entweder  als  Whrgen,  als  Vomiturition,  die  fur  sich  be- 
stehen  kann,  ohne  alle  Entleerung,  mit  dem  eigenthiimlichen  Ge- 


RUMINATIO. 


391 


fiilile  der  Uebelkeit  (Nausea),  gleichsam  S chi un dwell en,  oder 
als  Regurgitation,  sei  es  des  Schlundinhalts,  bei  Dysphagieen, 
oder  des  Mageninhalts , wie  es  in  der  Eructation  und  in  der 
Rumination  der  Fall  ist. 


Ruininatio,  IHerycismus. 


Kiirzere  oder  langere  Zeit  nach  dem  Essen,  eine  viertel  bis 
fiinf  und  sechs  Stunden  kehrt  ein  Theil  des  Genossenen,  das 

i 

Flussige  schneller  als  das  Consistente,  vegetabilische  Stoffe  leich- 
ter  als  animalische,  in  den  Schlund  zuriick,  ohne  Ekel  und  Wiir- 
gen,  ohne  widrigen  Geschmack,  und  wird  nach  einigem  Yerwei- 
len  in  der  Mundhohle  wieder  heruntergeschluckt , worauf  von 
Neuem  ein  Theil  aufsteigt.  Dieses  wiederholt  sich  mehr  oder  min- 
der oft  in  einem  Zeitraum  von  verschiedener  Dauer,  von  1 — 6 
Stunden.  Wiederkauen,  wie  bei  Thieren  mit  gespaltenem  Hufe, 
fand  in  den  von  mir  verglichenen  Beobachtungen  aus  der  neuern 
Zeit  nicht  statt:  der  aufgestiegene  Bissen  unterliegt  nicht  von 
Neuem  der  Einwirkung  der  Zahne.  Gewohnlich  sind  Digestions- 
beschwerden,  Pneumatose,  Stuhlverstopfung,  Heisshunger  und 
Gefrassigkeit,  abwechselnd  mit  Anorexie,  vorhanden.  Obgleich  in 
der  Mehrzahl  der  Falle  unwillkuhrlich,  war  in  einzelnen,  z.  B.  in 
dem  von  Peter  Frank  (de  curand.  homin.  morb.  epitome.  Lib.  V.  P. 
II.  p.  352.),  und  in  einem  andern  von  Blvmenbach,  (Handb.  d. 
vergl.  Anat.  Gottingen  1805.  S.  137)  beobachteten  Falle  die  Ein- 
leitung,  in  dem  letzteren  auch  die  Ilemmung  der  Rumination 
'vom  Widen  abhangig.  Bei  einigen  geben  Druck  der  Magenge- 
gend,  oder  Erschiitterungen  des  Korpers  Anlass.  Eschke  erzahlt 
(Huf eland's  Journal  der  prakt.  Heilk.  1810.  Octbr.  S.  27)  von 
einem  Taubstummen  im  Berliner  Institut,  welcher  jede  Speise 


392 


RUM1NAT10. 


bissenweise  verschluckte , und  nacli  Yerlauf  einer  halben  Stunde 
durch  starken  Druck  mil  beiden  geballten  Handen  auf  die  Stelle 
des  Magens  wieder  heraufholte.  Dr.  Heiling  (Ueber  das  W ie- 
derkauen  bei  Menschen.  Niirnbcrg  1823.  S.  13)  fuhrt  einen  Pro- 
fessor Westendorf  in  Giistrow  an,  welcher  jedesmal  wiederkauen 
konntc,  wenn  er  wolltc,  doch  auch  durch  Yu  starke  Bewegungen, 
besonders  durch  Fahren  nach  der  Mahlzeit,  dazu  genothigt  wurde. 
Wahren4-^fitercurrenter  Krankheiten  soli  die  Rumination  pausi- 
ren.  Percy  erwahnt  (Diction,  des  sc.  medic.  T.  XXXII.  p.535), 
dass  ein  Kranker,  den  er  selbst  beobachtet  hat,  wahrend  eines 
heftigen  Gichtanfalls  nicht  ein  einzigesmal  ruminirte,  obgleich  er 
sich  keiner  strengen  Diiit  befleissigte. 

Frank,  Vater  und  Sohn , haben  sie  jeder  nur  einmal  wahrend 
ihrer  langjahrigen  Laufbahn  beobachtet.  Mir  ist  ein  Fall  bei  ei- 
nem  Studenten  yorgekommen.  Doch  mag  das  Ruminiren  ofters 
yerheimlicht  werden.  Alle  bisher  beschriebenen  Fiille  betrafen, 
einen  ausgenommen,  das  mannliche  Geschlecht,  und  nahmen  im 
jugendlichen  Alter  ihren  Anfang.  Die  Ursachen  sind  unbekannt; 
begleitende  Krankheiten  der  Digestionsorgane  hat  man  mit  Un- 
recht  als  Anliisse  betrachtet.  Dass  der  Willenseinfluss  einen  atio— 
logischen  Antheil  hat,  ist  mir  nicht  unwahrscheinlich.  Peter  Frank 
vermuthet,  dass  bei  Menschen,  die  yiel  an  Ructus  leiden  und 
gefrassig  sind,  die  Rumination  durch  schlechte  Angewohnung  ein- 
geleitet  werde,  indem  der  nicht  unangenehmc  Geschmack  der  ru- 
minirten  StofFe  die  oftere  Wiederholung  des  Versuchs  begun- 
stigt.  (I.  c.  p.  358). 

Arnold  hat  bei  drei  ruminirenden  Menschen  (ebenfalls  miinn- 
lichcn  Gcschlechts),  deren  Geschichte  jedoch  nicht  miller  mitge- 
theilt  ist,  an  der  Einmundungsstelle  des  Oesophagus  in  den  Ma- 
gen  eine  betrachtliche  Erweitcrung  gefunden,  und  oberhalb  der- 
selben  eine  Einschniirung,  ein  wahres  Antrum  cardiacurn.  Die 
Muskelschichten  des  Magens  und  der  Speiserohre  waren  stark 
ausgebildet,  und  in  zwei  Fallen  waren  Magen  und  Speiserohre 


ERBRECHE1N. 


393 


grosser  und  weiter  als  gewohnlich.  In  dem  ersten  Falle  war 
der  innere  Ast  des  Accessor.  Willis,  viel  starker  als  gewohnlich, 
so  dass  cr  an  Dicke  fast  dem  aussern  Aste  gleichkam,  ein  tihn- 
lichcs  Verhaltniss  wiebei  wiederkauenden  Thiercn  ( Friedr . Arnold , 
Bemerkungen  liber  den  Bau  des  Hirns  und  Riickenmarks.  S.  211). 
Die  maiinichfaltigen  Vorschliige  zur  Behandlung  sind  erfolglos  ge- 
blieben. 


firampf  des  Hagens. 


Unter  alien  Theilen  des  Darmkanals  hat  der  Magen  im  ge- 
sunden  Zustande  die  schwachste  Bewegung,  selbst  nach  Oeffnung 
der  Bauchhohle  beim  lebenden  Thiere,  wo  auf  den  Reiz  der  at- 
mospharischen  Luft  die  Gedarme  in  so  lebhafte  Bewegung  gera- 
then.  Ndr  wahretid  der  Yerdauung  finden  Contractionen  des 
Pfortners  und  der  Portio  pylorica  des  Magens  statt,  wie  sie  Ma- 
gendie  von  Thieren,  und  Beaumont  vom  Menschen  beschrieben 
hat.  ( Midler , Handb.  der  Physiol.  1.  Bd.  S.  500).  Ob  der  Ma- 
gen fur  sich  allein  eine  convulsivische  Action  eingehen  kann,  ist 
noch  nicht  festgestellt.  Von  dem  Erbrechen , dessen  Mechanis- 
mus  durch  Budges  Untersuchungen  (Die  Lehre-  vom  Erbrechen. 
Bonn  1840)  naher  aufgeklart  worden  ist,  Weiss  man,  dass  der 
angranzende  Darm,  die  Speiseriihre,  und  besonders  die  Bauch- 
muskcln  einen  wesentlichen  Antheil  haben.  Sclion  hieraus  geht 
die  Bcdingung  combinirter  Nervenwirkungen  fur  das  Erbrechen 
hervor,  und  es  reihet  sich  dasselbe,  da  es  nur  beim  Ausathmen 
stattfindet,  den  exspiratorischen  Convulsionen  an. 

Hier  kommt  dasjenige  Erbrechen  in  Betracht,  welches  durch 
Reizung  peripherischcr  Nervenbahnen,  durch  Reflexreiz,  und  durch 
Affectionen  der  centralen  Nervenapparate  entsteht.  Es  giebt  einige 
Beobachtungen,  wrelche  organische  E^ntartungcn  der  Nerven  als  Ur- 
sache  chronischen  Erbrechcns  wahrscheinlich  machen.  Jos.  Frank 


394 


ERBRECHEN. 


(Prax.  medic,  univ.  praec.  P.  II.  Vol.  II.  Sect.  II.  p.  292) 
theilt  den  Fall  eines  Professors  in  Wilna  mit,  der  seit  ein  Paar 
Jaliren  an  Angst,  Uebelkeit  und  Erbrechen  in  den  Morgenstun- 
den  litt,  und  eines  Tages  nacli  einem  sehr  hefligen  Brechen  un- 
ter  Iiinzulritt  von  Ohnmacht  starb.  Bei  der  Section  land  sich 
Bluterguss  im  Pericardium,  ein  Riss  im  linken  Yentrikel  und  Er- 
weichung  des  Herzens.  Her  Vagus  war  auf  beiden  Seiten,  von 
seinem  Eintritte  in  die  Brusthohle  An,  von  steatomatosen  Ge- 
schwiilsten  umg'urtet.  Eine  ahnliche  Geschwulst  von  der  Grosse 
eines  Hiihnereies  nahm  die  rechte  Seite  des  Halses  ein.  Lobstein 
fand  bei  einer  schwangern  Frau,  die  an  einem  durch  kein  Mittel 
zu  besanftigenden  Erbrechen  litt,  welches  sich  taglich  dreissig- 
mal  wiederholte  und  drei  Monate  anhielt,  die  Ganglia  semiluna- 
ria  in  einem  stark  entziindeten  Zustande,  den  er  durch  eine  Ab- 
bildung  erlautert  hat.  Der  Magen  hatte  eine  gesunde  Beschaf- 
fenheit.  (De  nervi  sympathetic  humani  fabrica,  usu  et  morbis. 
Paris  1823.  p.  148.).  Unter  den  Reflexreizen  nehmen  die  von 
den  sensibeln  Fasern  des  Vagus  ausgehenden  die  erste  Stelle  ein. 
Von  Interesse  erscheint  hier  der  Ramus  auricularis  des  Vagus, 
dessen  Reizung  nicht  bloss  Ilusten,  sondern  mich  Erbrechen  zur 
Folge  hat.  Pechlin  (Observ.  phys.  med.  L.  II.  Obs.  45.)  hat  ei- 
nen  Mann  beobachtet,  bei  welchem  die  Beriihrung  des  aussern 
Gehorganges  heftiges  Brechen  erregte,  und  Arnold  erwahnt  ei- 
nes Falles  von  einem  Madchen,  welches  langere  Zeit  an  starkem 
Ilusten  und  Auswurf  litt,  sich  ofters  erbrach  und  abmagerte. 
Bei  niiherer  Pr'ufung  ergab  sich,  dass  in  jedem  Ohre  eine  Bohne 
steckte,  die  vor  geraumer  Zeit  bei  dem  Spielen  in  den  aus- 
sern Gehorgang  gerathen  war.  Das  Ausziehen  war  von  hefti- 
gem  Husten,  starkem  Erhrechen  und  von  ofterem  Niesen  be- 
gleitet.  Die  Zufiille  horten  sofort  auf,  und  das  Kind  genas 
vollig  (Bemerkungen  uber  den  Bau  des  Dims  etc.  S.  169.).  Die 
Beispiele  von  Erbrechen  in  Folge  einer  Reizung  der  respiratori- 
schen  Bahn  des  Vagus  sind  zu  haufig , als  dass  hier  einzelne  an- 


ERBRECHEN. 


395 


jrefuhrt  zu  werden  brauchen.  Nachstdem  sind  es  besonders  die 
hepatischen,  die  renalen  und  die  Uterinnerven,  letztere  zumal  in 
den  ersten  Monaten  der  Graviditat,  welche  Reflexeindrucke  fur 
das  Erbrechen  vermitteln;  unter  den  Sinnesne'rven  der  Geruchs-, 
der  Geschmacks-  und  der  Sehnerv.  Mechanische  Reizung  derje- 
nigen  Theile,  wo  sensible  Fasern  des  Glossopharyngeus  sich  ver- 
breiten,  Ivitzeln  der  Zungenwurzel,  des  Gaumenseegels  erregt  an- 
tiperistaltische  Bewregungen , Wiirgen  und  Erbrechen,  wahrend 
-die  Beriilirung  des  Pharynx  peristaltische  Bewegungen  des  Schlun- 
des,  Deglutition  hervorruft:  Marshall  Hall  (Lectures  on  the  ner- 
vous system  and  its  diseases  p.  23.)  fuhrt  Beispiele,  an,  dass  bei 
Kranken,  die  sich  zum  Brechen  reizen  wollten,  und  dem  Schlunde 
zu  nahe  mit  dem  Federbarte  kamen,  derselbe  eine  Schlingbewe- 
gung  veranlasste  und  hinab  in  den  Oesophagus  gezogen  wurde. 
So  bringt  in  selbst  nahe  aneinander  granzenden  Gebieten  sensible 
Reizung  verschiedene  Reflexwirkung  hervor.  Unter  den  Central- 
apparaten  steht  das  Riickenmark  nur  selten  in  einem  atiologischen 
Verhaltnisse  zum  Erbrechen.  Seine  Verletzungen  und  Krankhei- 
ten  haben  so  oft  Lahmung  der  exspiratorischen  Muskeln  in  ih- 
rem  Gefolge,  dass  schon  daraus  die  Seltenheit  des  Erbrechens 
erklart  werden  kann.  In  der  grossen  Zahl  von  Beobachtungen 
welche  Ollivier  gesammelt  hat,  finden  sich  nur  sehr  wenige  Falle, 
und  diese  beziehen  sich  mehr  auf  die  ersten  Stadien  der  Myeli- 
tis, als  auf  andere  Affectionen  des  Riickenmarkes.  Dagegen  sind 
die  cerebralen  Beziehungen  zum  Erbrechen  sehr  haufig.  Schon 
der  Reiz  der  Yorstellung  kann  es  erregen,  und  wenn  auch  die 
Beispiele  von  willkuhrlichem  Brechen  selten  sind  ( Bichat  hat  diese 
Fahigkeit  gehabt,  und  noch  ein  Fall  wird  von  Richer  and  ange- 
fiihrt.  S.  Jos.  Frank  1.  c.  p.  471.),  so  giebt  die  Anschauung  und  Erin- 
nerung  eines  ekelhaften  Gegenstandes  oft  genug  Anlass.  Erschi'it- 
terung  und  Verletzungen  sind  haufige  Ursachen.  Von  einer  Er- 
schiitterung  des  Gehirns  leiten  auch  Einige  das  nautische  Erbre- 
chen her,  so  wie  uberhaupt  den  Verein  von  Erscheinungen,  den 


396 


ERBRECHEN. 


man  unter  dein  Nafnen  Seckrank licit  begreift.  Doch  ist  man 
bier  wolil  zu  exclusiv  verfahren,  und  hat  den  Eirdluss  der  schwan- 
kenden  Bewegungen  ties  Schiffes  auf  die  peripherischen  Ner- 
ven  iibersehen.  Schon  das  Gehen  auf  der  bcwcglichen,  sich  ver- 
schiebenden  Flache  des  Schiffes  ist,  wie  v.  Walther  in  seinen 
geistreichen  Reisebemerkungcn  (Journal  dcr  Chirurgie  und  Au- 
genheilkunde  von  v.  Grdfe  und  v.  Wallher.  1831.  15.  Bd.  S.  183) 
erinnert,  fur  den  Ungeiibten  ein  Anlass  des  Taumels  und  Erbre- 
chens,  wenn  er  die  ersten  misslingenden  Versuche  zu  lange  fort- 
setzt.  Und  so  hat  man  iiberhaupt  bei  dem  Erbrechen,  welches 
durch  schwingende  und  drehende  Bewegungen  des  Korpers,  Fah- 
ren,  Schaukeln  etc.  entsteht,  nicht  das  Gehirn  allein  zu  beschul- 
digen.  Die  Concussion  des  Gehirns  ist  gewohnlich  von  Erbre- 
chen begleitet  und  jede  jahe  Veranderung  des  Gefuges  in  diesem 
Organs  hat  es  leicht  zur  Folge.  So  sah  Brodie  das  Erbrechen 
beim  Heben  deprimirter  Schadelknochen  sofort  sich  einstellen 
(Pathological  and  surgical  observations  relating  the  injuries  of 
the  brain  in  Med.  chir.  transact.  Vol.  XIY.  P.  II.  p.  355.).  Auch 
die  der  Concussio  cerebri  analoge  Ohnmacht  (vgl.  die  4.  Abthei- 
lung  dieses  Lehrbuches)  beginnt  sehr  oft  mit  Erbrechen.  Unter 
den  pathischen  Zustanden  des  Gehirns  sind  Meningitis  und  He- 
micranie  die  am  haufigsten  von  Erbrechen  begleiteten:-  doch  giebt 
es  iiberhaupt  keine  Krankheit  des  Gehirns,  in  deren  Gefolge  es 
nicht  vorkommen  konnte,  und  Abercrombie  hat  das  Verdienst, 
darauf  aufmerksam  gemacht  zu  haben,  class  es  organische  Ilirn- 
krankheiten  giebt,  die  sich  zuerst  und  hingere  Zeit  hindurch  hin- 
ter  Symptomen  verbergen,  welche  den  Magen  als  Sitz  der  Krank- 
heit andeuten  (Pathol,  and  pract.  researches  on  diseases  of  the 
brain  and  the  spinal  cord.  3.  edit.  p.  321.).  - 

Um  so  wichtiger  sind  diagnostische  Criterion,  welche  das 
vom  Gehirn  eingcleitete  Erbrechen  zu  erkennen  geben.  Es  sind 
nach  meiner  Beobachtung  folgende:  1)  dcr  Einfluss  der  Stellun- 
gen  des  lvopfcs;  bei  niedriger  horizonlaler  Lage  liisst  das  Erbre- 


ERBRECHEN. 


397 


chen  nach,  bei  aufrechter  Haltung  tritt  es  eiii  und  wiederholt 
sicli  biters.  Audi  Bewegungen  des  Kopfes,  Schwingen,  Sch'ut- 
teln,  Biickeii,  sdinelles  Aufriehten  bringen  es  leicht  hervor. 
2)  Mangel  vorhergehender  Uebelkeit  in  den  meisten  Fallen.  3)  Ei- 
genthiimlichkeit  des  Brediactes:  ohne  Anstrengung,  ohne  Wiir- 
gen  stiirzt  der  Mageninhalt  aus  der  Mundhohlc  lieraus,  auf  ahn- 
liclie  Weise  wie  die  Mildi  bei  Sauglingen.  4)  die  Yerbindung 
mit  andern  Erscheinungen , unter  denen  Schmerz  im  Kopfe,  Stulil— 
verstopfung  und  Ungleichheit  des  Ilerz-  und  Arterienpulses , die 
sicli  wahrend  und  nach  dem  Erbrechen  steigert,  die  haufigcren 
sind.  — Die  Dauer  des  Erbrechens  ist  bei  den  entzundlichen 
Ilirnaffcctioneii,  Meningitis,  Cephalitis,  Hydroc.  acut.,  auf  die  er- 
sten  Stadien  der  Kranklieit  beschrankt,  und  im  Allgemeinen  lasst 
sicli  behaupten,  dass  mit  Zunahme  der  paralytischen  und  so- 
porosen  Zufalle  das  Erbrechen  nachliisst  und  aufhort. 

In  therapeutischer  Beziehung  ist  die  bei  Hirnalfectionen  oft 
erleichternde  Wirkung  des  Brecliens  wichtig.  Chirurgische  No- 
tabilitaten  [Bessaull , Richter)  liaben,  darauf  gestutzt,  den  Ge- 
brauch  des  Brechweinsteins  bei  Erschutterungen  und  Verletzun- 
gen  des  Gehirns  empfohlen,  und  unser  unvergesslicher  Heim  hat 
mieh  einst  versichert,  dass  er  in  seiner  langen  Laufbahn  von  kei— 
nem  andern  Mittel  eine  so  erfolgreiche  Wirksamkeit  in  apoplec- 
tischen  Zustiinden  beobachtet  babe,  wie  vom  Brechmittel.  Jc- 
denfalls  wird  die  Furcht  davor  iibertrieben. 


Uannkriimpfe. 

Es  lassen  sicli  zwei  Formen  von  Kriimpfen  des  Darmkanals 
unterscheiden : 1)  der  wcllenartig  in  peristaltischer  oder  antiperi- 
staltischer  Richlung  fortschreitende , und  2)  der  in  ringformiger 
Contraction  eines  Darmstiickes  beharrende  Krampf.  Beide  kom- 
men  isolirt  oder  in  Verbindung  mit  cinandcr  vor,  und  werden 
von  Empfindungen  schmerzhafter  oder  andcrer  Art  bcgleitet. 


-398 


DARMWEHEN. 


Peristaltisclicr  Krampf,  Darmwelien, 

Von  welcher  Stelle  des  Darmkanals  der  Krampf  auch  aus- 
gehen  mag,  nur  die  letzten  schnell  ablaufenden  Wellen  der  Darm- 
bewegung  geben  sicli  durch  ein  haufiges  Driingen  zur  Entleerung 
des  Stuhlgangs  kund,  durch  ein  peinliches  Gefiihl  von  Pressen 
auf  den  Mastdarm,  welches  nach  erfolgter  Enlleerung  nachlasst, 
eine  nur  kurze  Ruhe  gestattet,  und  dann  von  neuem  beginnt.  Je 
weniger  entleert  wird,  urn  so  starker  und  schmerzhafter  ist  der 
Drang,  den  man  mit  einem  eignen  Namen,  Tenesmus,  bezeichnet 
hat.  Von  der  Intensitat,  womit  der  peristaltische  Darmkrampf 
statt  finden  kann,  giebt  der  zuweilen  dadurch  entstehende  Vor- 
fall  sammtlicher  Haute  des  Mastdarms  Zeugniss,  so  wie  auch  der 
analoge  Zustand  der  Intussusception  der  Gedarme,  welche  sicli 
von  jenem  nur  darin  unterscheidet,  dass  der  invertirte  Darm  von 
einem  nicht  invertirten  Stiicke  umgeben  wird,  statt  dass  er  dort 
frei  liegt  [Meckel,  Handb.  der  patholog.  Anat.  2.  Bd.  1.  Abth. 
S.  325).  So  lassen  sich  durch  einen  auf  den  Darm  applicirten 
Reiz  Intussusceptionen  kunstlich  erzeugen.  (Ita  didici  in  ranis 
hunc  morbum  producere.  Tangitur  aliqua  sedes  intestini  veneno: 
ea  constringitur , neque  longe  abest,  quin  sensim  proxima  sedes 
intestini  adscendat,  et  earn,  quae  constricta  fuit,  mediam  compre- 
hendat.  Haller  opusc.  pathol.  Lausann  1768.  p.  66.) 

Unter  den  atiologischen  Verhaltnissen  der  Darmwehen  ziehen 
hier  diejenigen  unsre  Aufmerksamkeit  auf  sich,  welche  auf  einer 
abnormen  Energie  motorischer  Nerven  beruhen : denn  die  durch 
Reizung  der  Darmhiiute  in  Folge  veranderter  Beschaffenheit  der 
Contenta,  der  Absonderungen,  der  Structur  hervorgebrachten  Be- 
wegungen  sind  nur  ein  Glied  in  der  Kette  anderer  pathischer 
Vorgiinge,  deren  Schilderung  nicht  hierher  gehort,  z.  B.  der  Dy- 
senteric, der  Diarrhoe,  des  Carcinom  des  Colon  und  Mastdarms  etc. 
Betrachten  wir  den  Reflexreiz  zuerst,  so  bietet  er  sich  ofters  als 
Anlass  dar,  und  erregt,  wenn  er  ira  Bereichc  der  Sacral-  und 


DARMWEHEN. 


399 


untern  Lumbarnerven  seinen  Heerd  hat,  nicht  nur  Darm-,  son- 
dern  auch  Blasen-  und  Uterin-Wehen.  So  wirken  Blasenstein, 
Reizung  des  Blasenhalses,  Reizung  der  Gebarmutter.  Interessant 
ist  die  von  Valentin  an  Thieren  gemachte  Beobachtung,  dass  selbst 
Reizung  des  N.  Quintus  an  der  Schiidelbasis  stets  peristaltische 
Bewegungen  des  Dunndarms,  besonders  des  Duodenum  und  obern 
Theils  des  Jejunum,  hervorruft  (de  funct.  nervor.  cerebr.  p.  63). 
In  BetrefF  der  von  AfFectionen  des  Ruckenmarks  und  Gehirnes 
abhangigen  Darmkrampfe  besitzen  wir  noch  zu  wenige  genugende 
pathologische  Thatsachen.  Nach  Budge  soil  nicht  bloss  Reizung 
des  Ruckenmarks,  besonders  seiner  vordern  Strange,  sondern  auch 
der  Vierhugel  und  gestreiften  Korper  die  Darmbewegung  bei 
frisch  getodteten  Thieren  anregen  und  beschleunigen  (Beitrag  zur 
Lehre  von  den  Sympathieen  in  Mullers  Archiv  fiir  Anat.,  Phys. 
und  wissenschaftl.  Medic.  Jahrg.  1839  S.  392).  Der  Einfluss  der 
GemuthsafFecte,  zumal  des  Schreckens  auf  vermehrte  Darmbewe-, 
gung  ist  bekannt,  obgleich  auch  die  veriinderte  Secretion  dabei 
eine  Rolle  spielt.  Die  spezifische  Wirkung  einiger  Arzneistoffe, 
z.  B.  der  Nux  vomica  auf  die  Contractionen  des  Dickdarms,  zu- 
mal des  Rectum,  kommt  nur  durch  den  spinalen  Centralapparat 
zu  Stande. 

Spastische  Darmstrlctur. 

Schon  aus  alteren  Versuchen,  besonders  den  von  Haller  ange- 
stellten,  war  es  bekannt,  dass  auf  Reizung  der  inneren  Darmflache 
ringformige  Contractionen  entstehen,  als  wiirde  der  Darm  mit 
einem  Faden  zusammengeschniirt  (. Haller  opera  minora  T.  I.  p. 
395.  Exper.  CCCLXXVII.  CCCLXXVIII.  etc.).  Henle  fand  in 
neuester  Zeit  ein  der  Starke  des  angebrachten  Reizes  entspre- 
chendes  Resultat.  Bei  gelindem  Reize,  z.  B.  leisem  Beruhren 
und  Ritzen  der  iiussern  und  innern  Darmflache,  Betupien  mit 
Salzsiiure,  folgt  eine  schwache  ringformige  Contraction,  die  eine 
langere  oder  klirzere  Slrecke  weit  peristallisch  fortschreitet.  War 


400 


KRAMPFHAFTE  DARMSTRICTUR. 


die  Reizung  starker,  so  bleibt  oft  an  der  getroffhen  Stelle,  auch 
wenn  in  der  Umgegend  pcristaltische  Bevvcgung  eintritt,  eine 
Stricter  zuriick.  Wenn  man  aber  den  Darm  heftig  kneift,  zerrt, 
sticht , so  tritt  alsbald  cine  lieftige,  entweder  einseitige,  oder 
auch  ringformige  Contraction  ein,  die  den  Darm  ganz  unwegsam 
machen  kann,  nicht  weiter  schreitet,  und  selbst,  wenn  sonst  die 
Reizbarkeit  liingst  crloschen  ist,  nocli  fortbesteht  (. Henle  patholo- 
gische  Untersuchungen  S.  93).  Solclie  Zusammenschnurungen  fin- 
den  sich  sehr  haufig  bei  Leichenoffnungen  an  vcrschiedenen  Stel- 
len  des  Darmkanals,  und  mogen  oft  nach  dem  Tode  entstehen, 
vielleicht  selbst  Wirkungen  des  Rigor  mortis  sein.  Allein  es 
giebt  unstreitig  auch  krampfhafte  Darmstricturen  wiihrend  des 
Lebens,  die  lange  Zeit  bestehen  konnen,  entweder  als  Begleiter 
andrer  Krankheiten,  oder  selbststandig,  wovon  Mayo  eine  erwah- 
nungswerthe  Beobachtung  mitgetheilt  hat  (Outlines  of  human  pa- 
thology. London  1836.  p.  351).  Der  Kranke,  selbst  Arzt,  erin- 
nerte  sich  nur  zweimal  seit  zwanzig  Jahren  auf  kurze  Zeit  von  den 
Beschwerden  frei  gewesen  zu  sein,  einmal  wiihrend  des  Gebrauchs 
von  Injectionen  warmen  Wassers,  und  das  andrcmal  wiihrend  des 
Gebrauchs  von  weissem  Senfe.  Jahrelang  gingen  nur  Excremente 
von  der  Grosse  einer  Pferdebohne,  wenn  sie  hart  waren,  und 
von  der  Lange  des  kleinen  Fingers,  bei  weicher  Consistcnz  ab. 
Zuweilen  konnte  nur  eine  Harnrohrenbougie  durch  den  Mastdarm 
dringen,  zu  andern  Zeiten  hatte  die  Contraction  so  hocli  im  Darme 
ihren  Sitz,  dass  eine  Bougie  von  drei  Fuss  Lange  sie  kaum  er- 
reichen  konnte.  Die  Leiden  stiegen  aufs  iiusserste  — da  cnt- 
schloss  sich  der  Kranke  alle  Arzneimittel,  Bougies  etc.  aufzugeben, 
luhrte  beharrlich  eine  strenge  Diiit  mit  Yermeidung  aller  reizcn- 
den  Nahrungsstoffe,  und  hberliess  die  Diirme  ihrer  eignen  Action. 
Anfangs  kam  er  dann  und  wann,  wegen  lastigen  Gefuhls  von 
Vollsein  in  den  Barmen  und  im  Ivopfe,  mit  Wasserklystiren  zu 
Iliilfe.  Auf  diese  Weisc  wurde  cr  nach  zwci  Jahren  vollkommen 
von  seinen  Leiden  befreit.  — Nach  Tanquerel  Des  Planches  sind 


ILEUS. 


401 


in  den  heftigen  Anlallen  der  Bleicolik  Mastdarm  und  Sphincter 
ani  in  eineni  Zustande  starrer  Contraction  (Traite  des  maladies 
de  plomb.  Paris  1839.  T.  I.  p.  209). 


Antiperistaltischer  Dannkranipf. 

Ileus. 


Niemals  ist  bei  Thieren  mit  geoffnetem  Bauclie  die  Darm- 
bewegung  eine  bloss  peristaltische;  an  einzelnen  Stellen  ist  stets 
antiperistaltische  Windung  sichtbar,  wie  bereits  Haller  beobach- 
tet  hat  (ejus  directionis  aliqua  etiam  cum  perfectissimo  motu  pe- 
ristal tico  miscela  est,  neque  unquam  longc  aut  aer  procedit,  aut 
cibus,  quin  aliquo  usque  retrorsum  redeant:  Elem.  physiol,  corp. 
hum.  T.  VII.  ed.  II.  p.  90).  Bei  starkerem  Reizc  als  dem  der 
atmospharischen  Luft  werden  auch  die  riickgangigen  Wellen  der 
Bewegung  starker,  anhaltend,  und  erlangen  das  Uebergewicht. 
Magen  und  Oesophagus  nehmen  Theil,  und  der  Darminhalt  wird 
in  einer  der  normalen  entgegengesetzten  Bichtung  ausgeleert. 
Gleichzeitig  linden  starke  Contractionen  der  Bauchmuskeln  statt, 
und  Erscheinungen  in  der  sensibeln  Sphare  von  der  Art,  wie  sie 
dem  Sympathicus  eigenthumlich  sind  (S.  122),  denn  nicht  bloss 
Schmerz  in  verschiedenem  Grade  und  Ausdehnung  wird  rege, 
auch  Gefuhl  der  Ohnmacht,  der  drohenden  Lebensvernichtung, 
welche  sich  nicht  minder  in  den  gesunknen  Kraften,  in  den  ver- 
fallenen  Gesichtsziigen,  in  dcr  kuhlen  Temperatur,  in  dem  kleinen 
schnellen,  ungleichen  Pulse  ausdriickt. 

Der  antiperistaltische  Krampf  gesellt  sich  Icicht  zu  jedcm  Hin- 
dernisse  der  Permeabilitat  des  Darmkanals,  sei  es  Folge  einer 
spastischen  Action  (Strictur,  Intussusception),  oder  einer  entziind- 
fichen,  oder  mcchanischen , welche  dem  Bilde  der  Krankheit  ei- 
genthiimliche  Ziige  beimischen,  deren  genaue  und  ausfuhrliche 
1 Exposition  in  Naumanns  Handbuch  der  medicinischen  Klinik  4. 


402 


ILEUS. 


Bd.  1.  Abth.  S.  755—820)  zu  vergleichen  ist.  Ob  (lurch  Rei- 
zung  und  Krankheiten  der  Cenlralorgane  des  Nervensyslems  der 
Ileus  urspriinglich  entstehen  kann,  ist  vveder  durch  Versuche, 
noch  durch  pathologische  Beobachtungen  bisher  ermittelt. 

Es  giebt  nur  wenige  krampfhaftc  Affcctionen,  wo  das  der 
Idee  von  der  Natur  der  Krankheit  entsprechende  Heilverfahren 
eines  so  gunstigen  Erfolges  in  den  von  Complication  freien  Fal- 
len gewiss  ist,  wie  der  Ileus.  Narcotisation  des  Darmkanals 
durch  Opium,  in  grossern  Dosen,  entweder  fur  sich,  oder  ab- 
wechselnd  mit  Purgantien  gereicht,  und  durch  Tabakklystire  (15 
bis  20  Gran  hb.  Nicot.  infundirt  mit  4 — 6 Unzen  Wassers)  wird 
von  den  Erfahrensten  empfohlen  (vgl.  z.  B.  Abercrombie  in  sei- 
nen  Patholog.  and  pract.  researches  on  diseases  of  the  stomach, 
the  intestinal  canal,  the  liver,  and  other  viscera  of  the  abdomen. 
Edinburgh  1828  p.  144).  Befordert  wird  der  jahe  Nachlass  der 
spastischen  Contraction  durch  die  Anwendung  des  warmen  Bades 
und  des  Aderlasses,  d'er  auch,  nach  Erforderniss  wiederholt,  und 
in  Verbindung  mit  ortlichen  Blutentleerungen  den  Hinzutritt  der 
Entz'undung  verhiitet.  Zu  demselben  Zwecke,  und  um  die  tym- 
panitische  Ausdehnung  der  oberhalb  der  Zusammenschnurung  be- 
findlichen  Darmpartie  zu  beschranken,  ist  der  ortliche  Gebrauch 
der  Kalte  geeignet.  Auch  die  endermatische  Application  der  Pur- 
girmittel  ist  zu  erwahnen.  Mir  ist  ein  Fall  bekannt,  wo  ein  seit 
achtzehn  Tagen  andauernder  Ileus  durch  das  Aufstreuen  von  6 
Gran  Aloeextract  auf  ein  in  der  Magengrube  gelegtes  Vesicatc- 
rium  gehoben  wurde. 


Wie  der  Eingang  des  Darmkanals,  der  Schlurid,  so  ist  auch 
der  Ausgang,  der  After,  mit  Muskeln  versehen,  die  lediglich  un- 
ter  der  Herrschaft  des  Spinalnervensystems  stehen,  und  deren 
Contraction  nicht  nach  dem  peristaltischen  Typus,  sondcrn  schnell, 
augenblicklich  auf  den  angebrachten  Rciz  erfolgt. 


AFTERKRAMPF. 


403 


Krampf  der  Afterimiskeln- 

Bisher  war  in  den  Schriften  nur  von  einem  Krample  des 
Sphincter  ani  die  Rede,  obgleich  auch  der  Afterheber  und  selbst 
die  queeren  Dammmuskeln  in  den  Kreis  der  convulsivischen  Af- 
fection gezogen  werden  konnen.  Bei  dem  Afterkrampfe  befallt 
ein  auf  das  Orificium  ani  beschrankter  Schmerz,  von  gewaltiger 
Intensitat  wie  beim  Wadenkrampfe,  mit  starrer  Zusammenziehung 
des  Scbliessnmskels,  welche  vom  Kranken  deutlich  gefiihlt  wird, 
und  dem  untersuchenden  Finger  das  Eindringen  erschwert  oder 
versperrt.  Solche  Anfalle  treten  meistens  plotzlich  ein,  und  ho- 
ren  eben  so  jjahe  auf,  nach  kurzer  Dauer , oder  lassen  allmahlich 
nach,  nachdem  sie  mehrere  Tage  liistige  Beschwerden  verur- 
sacht  haben. 

Ausser  dieser  transitorischen  Affection  giebt  es  noch  eine 
Contractur  des  Schliessmuskels,  welche  zuerst  von  Boyer  genau 
beschrieben  worden  ist  (Remarques  et  observations  sur  quelques 
maladies  de  l’anus,  im  Journ.  complem.  du  dictionn.  des  sciences 
medicales.  Paris  1818.  T.  II.  p.  24).  Die  pathognomonischen 
Symptome  sind:  Contraction  des  Sphincter,  Verschliessung  der 
Aftermiindung , so  dass  das  Einbringen  des  Fingers  oder  einer 
Bougie  sehr  schwierig  ist,  intensiver  Schmerz  am  Afterrande,  wel- 
cher  wahrend  und  nach  dem  Stuhlgange  aufs  ausserste  steigt, 
Verstopfung,  Mangel  eines  Ausflusses  aus  dem  Mastdarme,  bei 
langerer  Dauer  gestortes  Allgemeinbefinden , grosse  Reizbarkeit, 
Yerstimmung  des  Gemuths. 

Reflexeinflusse  von  dem  Rectum  und  den  angriinzenden  Or- 
:ganen  veranlassen  zuweilen  den  Afterkrampf.  So  hat  Boyer  die 
• Contractur  ofters  in  Verbindung  mit  einer  Fissur  am  After  be- 
obachtet,  welche  bei  der  Untersuchung  sichtbar  wird,  und  durch 
IBeriihrung  und  Druck  iiusserst  heftige  Schmerzen  erregt.  Bei 
mehreren  Kranken  waren  Hamorrhoidalknoten  vorhcrgegangen, 
welche  man  bei  einigen  exstirpirt  hatte.  Das  kindliche  und  ju- 

K oinberg’g  JXervcnkrankh.  T.  2. 


27 


404 


AFTERKRAMPF. 


\ 

gendliche  Alter  sind  verschont.  Das  weibliche  Geschlecht  scheint 
melir  unterworfen  zu  sein  als  das  mannliche. 

Gewohnlich  wird  die  Krankheit  verkannt,  und  ortliche  und 
allgemeine  Curen  in  Voraussetzung  von  Stricturen  des  Mastdarms, 
von  Hamorrhois  etc.  vers$hlimmern  das  Uebel.  Purgirmittel  und 
Clystire  lindern  anfangs,  allein  nach  einer  gewissen  Zeit  werden 
sie  ganz  unwirksam,  und  bringen  nicht  einmal  momentane  Er- 
leichterung.  Narcotische  Sitzbader  und  Salben,  besonders  von 
Belladonna  (nach  J 'foyer:  Axung.  pore.,  Succ.  semperv.  tect.,  Succ. 
Belladonn.,  01.  araygd.  dulc.  ^ §jj)  haben  sich  in  einzelnen  Fal- 
len wirksam  gezeigt.  In  der  Regel  ist  aber  nur  Yon  der  Myo- 
tomie  des  Sphincter  ani,  am  besten  auf  beiden  Seiten,  Ileil  zu 
erwarten,  sowohl  bei  -der  Contractur,  als  auch,  nach  der  Analogie 
zu  urtheilen,  bei  dem  transitorischen  Ivrampfe. 


I 


Krampf 

ira  Bereiche  cler  den  Muskelapparat  cler  Harnausleerang  ver- 

sorgenden  Nerven. 

g>@8§xs 

/ 

Die  Kenntniss  der  Bewegungen  dieses  Muskelapparats  im  ge- 
sunden  Zustande  ist  noch  wenig  vorgeruckt,  und  bedarf  neuer 
Untersuchungen.  Hatte  Haller  (Op.  min.  T.  I.  p.  383)  den  Ure- 
teren  die  Fahiekeit  auf  mechanische  Reize  sich  zu  contrahiren 

o 

abgesprochen , so  ist  dagegen  in  neuerer  Zeit  von  Valentin  (de 
function,  nerv.  cerebr.  p.  64.)  sehr  starke  peristaltische  Bewegung 
in  diesen  Schlauchen  beobachtet  worden,  so  oft  die  Bauchgan- 
glien  und  die  Wurzeln  der  N.  spinales  abdomin.  bei  frisch  ge- 
todteten  Thieren  gereizt  wurden,  und  zwar  jedesmal  an  dem 
Ureter  der  Seite,  wo  der  Versuch  vorgenommen  wurde.  Auch 
im  krankhaften  Zustande,  z.  B.  bei  Forderung  von  Nierensteinen 
findet  diese  peristaltische  Action  unleugbar  statt,  und  offenbart 
sich  als  Wehen.  Der  Bewegung  der  Harnblase  kommt  zwar 
nach  Haller  (1.  c.)  kein  peristaltischer  Typus  zu:  exemplo  est 
contractionis  perpetuae,  quae  nullis  alternis  relaxationibus  inter- 
polatur  (nach  Budge  erfolgt  eine  fast  auf  das  §fanze  Organ  sich 
erstreckende  Contraction  mit  Runzeln  und  Fallen:  die  Blase  sieht 
wie  eine  gefaltete  Ilemdeskrause  aus):  allein  zuckende  Bewegun- 
gen, wie  bei  den  animalischen  willkubrlicben  Muskeln  sind  noch 
niemals  wahrgenommen  worden.  Valentin  fand,  dass  bei  Rei- 
zung,  sowohl  des  Lumbar-  und  Sacraltheils  des  Sympathicus  als 

27  * 


406 


BLASENKRAMPF. 


dcr  N.  spinal,  lumbar,  ct  sacral.,  die  Contractionen  der  Blase  vom 
fundus  bis  zum  cervix,  und  von  beiden  Seiten  aus  stattfinden, 
am  starksten  bei  Reizung  des  siebenten  Gangl.  lumb.  und  des 
ersten  Gangl.  sacr.  Die  Bewegung  fangt  auf  jener  Seite  an,  wo 
der  Nerv  gereizt  ward,  und  theilt  sich  hierauf  der  andern  Seite 
mit.  Untcr  den  Centralapparaten  sind  es  vorzugsweise  Cerebellum, 
Medulla  oblongata  und  Rfickcnmark,  deren  Reizung  Blasenbewe- 
gung  hervorruft.  Was  die  II ar nr 6 lire  betrifft,  so  sind  bisher 
noch  keine  selbststandige  Bewegungen  an  ihr  beobachtet  worden, 
und  es  stimmt  dieses  mit  ihrem  von  den  Meisten  angenommenen 
Mangel  an  Muskelfasern  iiberein  (vgl.  Schaw  on  the  membranous 
part  of  the  urethra  in  Med.  chirurg.  transact.  Yol.  X.  P.  II.  p. 
339).  Eben  so  wenig  wie  fiber  die  Bewegungen  des  harnaus- 
leerenden  Muskelapparats  im  Allgemeinen,  herrscht  auch  fiber 
Antagonisinus  des  Schlauches  und  des  Sphincter  Uebereinstim- 
mung.  Noch  immer  wird  die  am  untersten  Theile  der  Urinblase 
befindliche  Schicht  von  Muskelfasern,  deren  erste  genauere  Be- 
schreibung  man  Carl  Bell  in  seinem  durch  physiologische  Eror- 
terungen  ausgezeichneten  Werke  verdankt:  a treatise  on  the 
diseases  of  the  urethra,  vesica  urinaria,  prostata  and  rectum.  Lon- 
don 1820.  p.  10.,  ausschliesslich  als  Sphincter  gedeutet,  wahrend 
bereits  einige  Aeltere  (Winslow,  Santorini),  und  unter  den  Neu- 
eren  Carl  Bell  (1.  c.  p.  86)  und  Guthrie  (on  the  anatomy  and 
diseases  of  the  neck  of  the  bladder  and  of  the  urethra.  London 
1834.  p 16.)  den  an  dem  hintern  Theile  der  Harnrohre  hefind- 
lichen  Muskeln,  unter  denen  der  von  Wilson  entdeckte,  von  Gu- 
thrie und  Muller  (fiber  die  organischen  Nerven  der  erectilen 
mannlichen  Gescldechtsorgane  des  Menschen  und  der  Saugethiere. 
Berlin  1836.  S.  14)  genau  beschriebene  Constrictor  isthmi  ure- 
thralis  selir  wichtig  ist,  einen  wesentlichen  Antheil  an  der  Sphin- 
cteren-Verrichtung  vindiciren.  Auch  spricht  sich,  wie  am  After, 
der  Antagonismus  schon  im  Ban  der  Muskeln  aus:  denn  die  urn 
die  Pars  membranacea  der  Harnrohre  gehenden  rolhen  Muskel- 


BLASEPsKRAMPF. 


407 


biindel  enthalten  Querstreifen,  dagegen  die  Fasern  der  Urinblase 
ohne  Querstreifen  der  primitiven  Biindel  mit  denen  des  Darms 
und  Uterus  iibereinstimmen.  Und  nicht  bloss  in  der  Muskelstruc- 
tur,  auch  in  den  Nerven  macht  sich  der  Gegensatz  geltend:  sym- 
pathise!^ versehen  die  Fasern  der  Blase,  cercbrospinale  diese 
Muskeln. 

In  pathisclien  Zustiinden  besteht  entweder  der  Antagonismus 
noch:  Krampf  befallt  z.  B.  nur  die  Blasenmuskeln  (detrusor  uri- 
nae),  oder  er  ist  aufgehoben:  auch  die  Scldiessmuskeln  sind  zu- 
gleich  davon  ergrifFen,  und  ein  Verein  von  Harndrang  und  Harn- 
zwang  ist  die  Folge. 


K lasenwehen, 

Dysuria  spastica. 

Wie  bei  den  Darmwehen,  so  Findet  auch  hier  ein  haufiger 
und  heftiger  Drang  zur  Entleerung  des  Inhalts  der  Ilohle  statt, 
mit  pressender,  schmerzhafter  Empfindung  in  der  Gegend  des 
Blasenmundes.  Drang  und  Schmerz  nehmen  in  demselben  Ver- 
haltnisse  zu,  je  weniger  Ilarn  ausgeleert  wird,  und  verbreiten 
sich  oft  auf  die  benachbarten  After-  und  Dammmuskeln,  wahrend 
die  Bauchmuskeln  keinen  Antheil  nehmen.  Der  Durchgang  der 
Sonde  durch  die  Urethra  ist  in  den  nicht  complicirten  Fallen  un- 
gehindert.  Schmerzhafte  EmpFindungcn  im  Kreuze  und  in  den 
Oberschenkeln  sind  haufig.  Freie  Intervalle  von  kiirzerer  oder 
langerer  Dauer  sind  karakteristisch. 

Krampf  der  Schliessinuskelo. 

Ischuria  spastica. 

Harnverhaltung  mit  heftigem  zusammenschnurendem  Schmerze 
in  der  untern  Blasengegend  tritt  gewohnlich  jiihe  ein.  Die  Ac- 
tion der  Bauchmuskeln  wird  verstarkt,  urn  das  llindcrniss  zu 


I 


40S  BLASENKRAMPF. 

iiberwinden.  ])er  Krampf  nimmt  nicht  selteu  die  Aftermuskeln 
in  Anspruch.  Eine  eingebrachte  Sonde  wird  in  der  Pars  mem- 
branacea  der  Harnrohre  am  weiteren  Fortgange  gehemmt.  Iiierzu 
treten  die  Symptom e derlschurie:  Ausdehnung  der  Blase,  Angsl- 
gefiihl,  Unruhe,  kalter  Schweiss,  Meteorismus,  Singultus.  Plotz- 
lich  offnet  sich  die  Schleuse,  der  Urin  lliesst,  ein  Gefuhl  von 
ausserordentlicher  Euphorie  stellt  sich  ein.  Wo  zu  gleicher  Zeit 
die  austreibenden  Muskelfasern  der  Blase  vom  Krampfe  befallen 
sind,  ist  wehenartiger  Harndrang  zugegen,  und  die  Qual  des 
Anfalls  aufs  iiusserste  gesteigert. 

Als  Ursachen  der  Blasenkriimpfe  sind  Reflexeinlfusse  haufig, 
spinale  und  cerebrale  selten.  Jene  werden  sehr  oft  durch  die 
sensibeln  Nerven  der  Blase  und  Harnrohre  eingeleitet.  Bell  (a. 
a.  0.  S.  11)  hat  nachgewiesen,  dass  die  empfindlichste  Stelle  der 
Blase  sich  in  der  Nahe'  der  Miindungen  der  Ureteren  befindet, 
wo  auch  die  innere  Membran  gefassreicher  ist  als  an  andern 
Stellen.  Von  hier  aus  wird  die  Action  der  Blasenmuskeln,  welche 
im  gesunden  Zustande  eine  antagonistische  ist,  Contraction  der 
Blase  und  Erschlaffung  ihrer  Sphincteren,  so  wie  umgekehrt 
Zusammenziehung  der  Schliessmuskeln  und  Erschlaffung  des  De- 
trusor urinae,  eben  so  sicher  angeregt,  wie  das  Spiel  der  Athem- 
muskeln  durch  Reizung  der  Glottis.  So  unangenehm  und.schmerz- 
haft  auch  das  Catheterisiren  sein  mag,  der  Kranke  empfindet  erst 
dann  den  Drang  zum  Harnlassen,  wenn  das  Instrument  jene  Stelle 
beriihrt,  selbst  bei  ganzlicher  Leere  der  Blase.  Daher  kommt 
es  auch,  dass  der  Blasenstcin,  obgleich  er  an  jeder  Stelle  Schmer- 
zen  verursachen  kann,  doch  nur,  bei  Beruhrung  des  Blasenhalses 
den  qualenden  Harndrang  hervorruft,  welcher  beim  Fortriicken 
des  Steines  mittelst  einer  Sonde,  oder  bei  veriinderter  Stellung 
des  Korpers,  z.  B.  mit  den  Fiissen  in  die  Hohe  und  dem  Kopfe 
abwarts,  augenblicklich  gelindert  werden  kann.  Auf  ahnliche 
Weise  wirkt  nun  jcdc  andre  Reizung  der  Blase,  werde  sie  durch 
arthri tischc,  durch  rheumatische,  dftrc-h  cntzundliche  etc.  Affection 


BLASENKRAMPF. 


409 


oder  durch  veriindcrte  scharfe  BeschafFenheit  des  Urins  veranlasst. 
Andrerseits  bewirkt  Reizung  der  Harnrohre,  besonders  ihres  mitt- 
leren  und  hinteren  Theils,  Contraction  der  Schliessmuskeln.  Das 
Einfiihren  einer  diinnen  Sonde  bis  zu  einer  gewissen  Tiefe  ist 
nicht  selten  Anlass,  und  der  Krampf  der  um  die  Pars  membra- 
nacea  gelegenen  Muskeln,  welcher  sich  zu  Stricturen  der  Harn- 
rohre von  Zeit  zu  Zeit  gesellt,  ist  auf  diese  Weise  zu  deuten, 
denn  die  Verengerung  selbst  ist  nicht  krampfhafter  Art,  wie  man 
aus  dem  ublichen  Namen  Strictura  spastica  im  Gegensatze  zur  per- 
manenten  Strictur  zu  scbliessen  verleitet  sein  konnte  (vgl.  Bell, 
p.  88,  Guthrie  p.  86  und  Brodie  lectures  on  the  diseases  of  the 
urinary  organs.  London  1832.  p.  6).  Auch  von  andern  Orga- 
nen  kann  der  Reflexreiz  zu  Blasenkrampfen  ausgehen.  So  hat 
Brodie  in  seinem  gehaltvollen  Werke  (p.  303)  auf  die  Nieren 
aufmerksam  gemacht,  in  deren  Krankheiten  (Lithiasis,  Entzundung, 
Eiterung)  die  Symptome  offers  nur  die  Blase  hetheiligen,  und 
heftige  Blasenwehen  hervorrufen.  Der  Darmkanal,  besonders  das 
Rectum  (varices,  zumal  unterbundene),  und  die  Gebarmutter  sind 
noch  offer  Heerde  des  Reflexreizes:  Harndrang  und  Harnzwang 
zeigen  sich  als  haufige  Begleiter  der  Hysteric.  Selbst  die  Denti- 
tion ist  nicht  selten  Anlass.  Auch  scheint  die  Haut  an  gewissen 
Stellen  der  Oberllache  einen  solchen  Einlluss  zu  uben : Kalt-  und 
Nasswerden  der  Fiisse,  zumal  der  Sohlen,  erregt  oft  augenblick- 
lich  Blasenkrampf.  Unter  den  Centralorganen  giebt  das  Riicken- 
mark,  im  Beginne  seiner  entziindlichen  Krankheiten,  zuweilen 
Anlass  zum  krampfhaften  Harndrange,  der  sich  auch  bei  Gehirn- 
affectionen  einFindet,  als  Prodrom  apoplectischer,  als  Folge  epi— 
leptischcr  Anfalle  und  iiberwaltigender  Gemiithsaffecte,  des  Schrek- 
kes  und  grosser  Angst,  zumal  der  Todesangst.  Ein  Criminalrichter 
erziihlte  mir,  dass  ein  hier  vor  einigen  Jahren  hingerichteter 
Raubmorder,  ehe  er  das  Schalfot  bestieg,  ihn  noch  um  die  Er- 
laubniss  bat,  dem  qualvollen  Drange  zum  Ilarnlasscn  geniigen  zu 
diirfen.  Selbst  durch  gewisse  Vorstellungen  kann  ein  grosseres 


410 


BLASENKRAMPF. 


Bediirfniss  zu  wiederholten  Contractionen  der  Blasenmuskeln , so 
wie  dcr  Mastdarmmuskeln  in  andern  Fallen,  eintreten.  Man  stdsst 
aui'  Hypochondristen,  deren  gauze  Intention  auf  den  Stuhlgang 
concentrirt  ist:  ich  liabe  lange  Zeit  einen  solchen  behandelt,  der 
stets  beim  Spatzierengehen  in  der  Nahe  seiner  Wohnung  blieb, 
um  dem  Bedurfnisse  sofort  geniigen  zu  kbnnen.  Ein  Anderer 
hatte  davon  gehort,  dass  durch  haufige  Entleerung  des  Urins  der 
Steinbildung  vorgebeugt  werdcn  konne:  spiiter,  nachdem  die  Vor- 
stellung  langst  verschwunden  war,  mahnte  ein  Iiistiger  Harndrang 
ihn  noch  oft  daran. 

Prognostische  Momente  werden  den  Ursachen,  den  begleiten- 
den  AfFectionen,  und  den  Folgewirkungen  der  Blasenkriirapfe  ent- 
nommen.  Die  letzteren  zeigen  sich  entweder  unmittelbar,  z.  B. 
die  Gefahr  der  Harn-Metastasen,  oder  bilden  sich  langsam  aus, 
wie  es  mit  der  Ilypertrophie  und  Contractur  der  Muskelsubstanz 
der  Fall  ist.  Und  nicht  bloss  die  Muskelfasern  der  Harnblase 
sind  ihr  unterworfen,  es  lasst  sich  auch  vermuthen,  dass  der  um 
den  hiiutigen  Theil  der  Harnrohre  gelegene  Muskelapparat  bei 
andauernder  Reizung  der  Urethra  in  eine  permanente  Zusammen- 
ziehung,  in  eine  Contractur  gerathen  kann,  die  eine  grossere 
Schuld  an  den  peinlichen  Zufallen  tragt,  als  die  Strictur  selbst. 

In  der  Behandlung  ist  die  Beseitigung  des  Reflexreizes  die 
wichtigste  Indication.  Hat  derselbe  in  der  Harnblase  seinen  Sitz, 
so  muss  ausser  der  durch  seine  Eigenthiimlichkeit  bedingten  Cur 
(Antiphlogistica  bei  entzundlichem  Process,  Camphor,  Bader  bei 
rheumatischem  etc.)  Rucksicht  auf  den  bei  der  gesteigerten  Reiz- 
barkeit  als  Irritament  einwirkenden  Harn  genommen  werden,  und 
die  von  Bell  (1.  c.  p.  22)  als  niitzlich  empfohlene  Injection  von 
lauwarmem  Wasser  in  die  Blase  findet  bier  ihre  Anwendung,  da 
die  innern  diluirenden  Mittel  Fur  diesen  Zweck  nicht  ausreicken. 
Auch  aus  Beachtung  dcr  zuvor  crwahnten  empfindlichsten  Stelle 
der  Harnblase  liisst  sich  einiger  Nutzen  Fur  die  Therapie  ziehen. 
So  erfolgt  Beschwichtigung  der  Blascnwehcn  durch  chirurgische  I)is- 


BLASENKRAMPF. 


411 


location  des  Steins,  oder  durch  Lage-Veranderung,  welche  bei  Bla- 
senkrampfen  aus  andern  Ursachen  ebenlalls  zu  versuchen  ist.  Die 
sogenannte  Enuresis  nocturna  habitualis,  die  so  oft  im  kindlichen 
Alter  stattfindet,  ist  spastischer  Natur,  und  von  Reizung  der  Harn- 
blase  (wie  schon  Peter  Frank  de  cur.  homin.  morb.  epitome  L. 
V.  de  profluviis  P.  I.  p.  72  annimmt),  und  des  Darmkanals  ab- 
liiingig.  In  der  irrigen  Yoraussetzung  von  Schwache  und  Lah- 
mung  werden  Roborantia  verscbwendet  — ohne  alien  Erfolg  — , 
dagegen  schon  die  einfache  Vcranderung  der  Riickenlage  in  die 
Bauch-  oder  Seitenlage  oft  hulfreich  ist,  indem  sie  den  angesam- 
melten  Harn  gleichmassiger  in  der  Blase  verbreitet,  und  den  Ein- 
druck  auf  die  empfindlichste  Stelle  vermindert.  Hat  der  Reflex- 
reiz  in  der  Urethra  seinen  Sitz,  wodurch  die  Schliessmuskeln 
vorzugsweise  zum  Krampfe  angeregt  werden,  so  ist  vom  chirur- 
gischen  Verfahren  am  meisten  zu  erwarten,  hauptsachlich  von 
der  gehorigen  Behandlung  der  Stricturen.  Hier  kommt  auch  die 
Wirksamkeit  dicker  Bougieen  oder  Catheter  bei  transitorischer 
Harnverhaltung  in  Betracht.  Wahrend  das  Einbringen  einer  di'in- 
nen  Sonde  den  Krampf  steigert,  beschwichtigt  ihn  eine  dicke 
Sonde  durch  Compression  der  gereizten  sensibeln  Nerven,  von 
denen  die  Reflexaction  ausgeht,  auf  ahnliche  Weise  wie  die 
Schlundsonde  mit  dickem  Knopfe  spastische  Dysphagie  hebt.  Aus- 
ser  dem  Harnapparate  sind  in  therapeutischer  Beziehung  Darm- 
kanal  und  Uterus  als  Heerde  des  Reflexreizes  wichtig,  und  es 
fehlt  nicht  an  Beispielen,  wo  nach  jahrelangem  nutzlosem  und 
nachtheiligem  Gebrauche  von  Sonden,  Cauterisiren  etc.  die  aus- 
Ieerende  Methode  griindliche  Heilung  noch  herbeigefiihrt  hat. 

Von  palliativer  Wirksamkeit  sind  warme  Halbbader,  ortliche 
Blutentleerungen,  Fomentationen  des  Dammes,  Clysmata  anodyna, 
auch  aus  Infus.  hb.  Nicotianae,  und  der  innere  Gebrauch  des 
Opium  und  Camphor. 


/ 


Kraiiijif 

im  Bereiche  der  den  Bewegungsapparat  der  Genitalien  ver- 

sorgenden  Nerven. 


Ausser  dem  durch  das  Geschlecht  bedingten  Unterschiede  giebt 
es  auch  eine  Verschiedenheit  dieser  Krampfformen  in  einem  und 
demselben  Geschlechte,  dem  weiblichen,  je  nachdem  der  Organis- 
mns  innerhalb  der  Griinzen  des  einzelnen  Individuums,  fur  Erhaltung 
der  Art,  oder  iiber  diese  Granzen  hinaus,  zur  Erhaltung  der  Gat- 
tun  g,  wirkt. 

Bei  Thieren  lasscn  sich  im  ungeschwangerten  und  geschwan- 
gerten  Zustande  peristaltische  Bewegungen  der  Tuben  und  des 
Uterus  durch  Reizung  sowohl  der  untern  Lumbar-  und  obern 
Sacralganglien  des  Sympathicus,  als  auch  der  N.  spinal,  lumb.  und 
sacral,  hervorbringen,  schwacher  in  der  Mitte  der  Schwangerschaft, 
als  kurz  vor  der  Entbindung.  ( Valentin  de  funct.  nerv.  cereb. 
p.  65  u.  153.).  Interessant  ist  die  von  Budge  ( Untersuchungen 
iiber  das  Nervensystem.  2.  Heft  S.  82.)  entdeckte  und  von  Valen- 
tin (Repertorium.  6.  Bd.  S.  327.)  bestatigte  Einwirkung  der  Rei- 
zung des  kleinen  Gehirns  auf  Bewegung  der  Uterinhorner  und 
Tuben,  so  wie  die  von  ersterem  (1.  c.  Heft  1.  S.  163.)  gemachte 
Beobachtung,  dass  nach  Reizung  der  Clitoris  Bewegung  der  Cor- 
nua uteri  entsteht,  auf  ahnliche  Weise  wie  nach  Reizung  der 
Urethramlindung  Bewegungen  des  Blasengrundes  erfolgen.  Auch 
die  unmittelbare  Reizung  der  Tuben  und  der  Gebarmutter  hat 
Bewegungen  zur  Folge.  Reil  beobachtete  bei  trachtigen  frisch- 


UTERINWEHEN. 


413 


getodteten  Kaninchen  nach  Application  des  Galvanismus  auf  die 
Gebarmutter,  und  zwar  des  negativen  Poles  auf  das  Orificium, 
des  positiven  auf  eins  der-  Horner,  so  lebhafte  wurmformige  Be- 
wegungen  zwischen  beiden  Polen  in  der  Gebarmutter,  wie  sie 
niemals  in  den  Gedarmen  vorkommen:  die  Frucht  war  in  weni- 
ger  als  einer  halben  Minute  geboren.  (Ueber  das  polarische 
Auseinanderweichen  der  urspriinglichen  Naturkrafte  in  der  Ge- 
barmutter zur  Zeit  der  Schwangerschaft  und  deren  Umtauschung 
zur  Zeit  der  Geburt,  als  Beitrag  zur  Physiologie  der  Schwan- 
gerschaft und  Geburt  in  Rett's  und  Autenrietlis  Archiv  fur  die 
Physiologie.  VII.  Bd.  S.  434.) 

Hie  Geschichte  der  normalen  Wehen  muss  fur  die  Beurthei- 
lung  der  krampfhaften  zu  Grunde  gelegt  werden.  Obschon  kein 
anderer  organischer  Muskel  ( denn  die  Muskelsubstanz  des  schwan- 
gern  Uterus  ist  durch  das  Microscop  unwiderlegbar  dargethan, 
und  zeigt  dieselben  Entwicklungsreihen  neuer  Muskelfasern  wie 
der  Embryo)  so  zuganglich  der  unmittelbaren  und  mittelbaren 
Exploration  ist,  obgleich  seit  Rett’s  anregenden  Untersuchungen, 
die  ein  unvergangliches  Denkmal  geistvoller  Auffassung  und  Dar- 
stellung  bleiben  werden , die  Kenntniss  der  Uterinbewegungen 
im  Entbindungsacte  besonders  durch  Wigand  vorgeschritten  ist, 
so  sind  dennoch  Lucken  fuhlbar.  Selbst  gegen  die  friihere  Annahme 
vom  Anfange  der  Contractionen  im  Grunde  der  Gebarmutter  hat 
Wigand  Zweifel  erhoben,  nach  dessen  Beobachtung  (Die  Geburt 
des  Menschen  in  physiol.,  diatet.  und  pathol.  therapeut.  Bezieh. 
2.  Aufl.  Berlin  1839.  2.  Th.  S.  140.)  jede  Wehe  mit  einer  Zu- 
sammenziehung  im  Muttermunde  anfangt,  welche  alsdann  auf  den 
Fundus  ubergchl.  Auch  wird  zu  einseitig  die  antagonistische 
Thiitigkeit  auf  den  obern  und  untern  Theil  der  Gebarmutter  al- 
lein  bezogen.  Bauch-  und  Dammuskeln  stehen  bei  den  Wehen 
ebenfalls  in  dem  Verhiiltnisse  des  Antagonismus,  und  selbst  die 
Sphincteren  des  Afters  und  der  Blase  nehmen  Theil. 


414 


KRAMPF  WEHEN. 

Krampfwclien. 


Wie  die  Blasenwehen,  haben  auch  die  convulsivischen  Ute- 
rinwehen  eine  zwiefache  Form,  entweder  Steigerung  der  expul- 
siven  Thatigkeit  ohne  Widerstand  der  Sphincteren  oder  Simulta- 
neity der  ContracLionen  sowohl  im  Grunde  und  Halse  als  in  den 
Bauch-  und  Dammuskeln,  Geburtsdrang  und  Geburtszwang  im 
Vereine.  Gemeinschaftlicher  Karakter  beider  Formen  ist  Veran- 
derung  der  zeitlichen  und  raumlichen  Yerhaltnisse  der  normalen 
Wehen. 

In  der  ersten  Form  treten  die  Wehen  von  Anfang  an  mit 
der  grossten  Heftigkeit  auf,  folgen  in  sehr  kurzen  Zwischenrau- 
men  oder  machen  gar  keine  Pausen , dehnen  schnell  und  gewalt-  *. 
sam  die  Geburtswege  aus  und  treiben  das  Kind  rasch,  sturzweise 
hervor.  Die  Schmerzen  sind  heftig,  und  der  Gebarmuttergrund 
ist,  so  weit  er  ausserlich  zu  ffihlen  ist,  in  einer  fast  fortdauern- 
den  Spannung.  Vom  Kinde  sind  keine  Bewegungen  zu  fuhlen. 

Die  andere  Form  (fiber  welche  Kiliaris  Abhandlung:  Die  Ivrampf- 
wehen,  ein  Beitrag  zur  Lehre  von  den  dynamischen  Geburtssto- 
rungen  im  Organon  fur  die  gesammte  Heilkunde.  \ . Bd.  2.  Heft. 

S.  167 — 199  naher  zu  vergleichen  ist)  hat  eine  Verhinderung 
des  Geburtsverlaufes  mit  Wehendrang  zur  Folge.  Der  Wehen- 
-cyclus  ist  abnorm:  die  Wehe  steigt  jahlings  auf  ihren  Gipfel, 
hat  ein  sehr  langes  Stadium  der  Hohe  und  ein  sehr  kurzes  der 
Abnahme.  Die  Contraction  ist  partiell,  ungleichmassig,  oder  es 
fehlt,  wo  sie  allgemein  ist,  das  nothige  Uebergewicht  des  Mut- 
tergrundes  fiber  den  Muttermund,  so  dass  dieser,  unuberwaltigt, 
sich  eben  so  stark  verkleinert  wie  jener,  und  bei  der  inneren  Ex- 
ploration sich  schwer  erreichen  lasst,  hoch  steht,  verzogen  oder 
elliptisch  ist.  Die  Lage  und  Form  des  Uterus  ist  verandert:  er 
ist  mehr  oder  weniger  nach  einer  Seite  gezogen,  stellt  sich  bald 
wie  eine  gerade  aufgerichtete,  bald  wie  eine  querliegende  grosse 
Sanduhr  dar.  ( Wigand  1.  c.  S.  158.).  Der  Grad  der  Spannung 
und  die  Richtung  der  Fruchtblase  sind  ebenfalls  verandert.  Und 


KRAMPFWEHEN. 


415 


nicht  bloss  auf  den  Uterus,  auch  auf  die  benachbarten  Sphincte- 
ren  und  selbst  auf  andere  Muskeln , z.  B.  auf  die  Schenkelmus- 
keln  fixiren  sich  die  Contractionen  (die  abspringenden  Wehen). 
Die  Empfindlichkeit  der  Gebarmutter  ist  gesteigert,  und  ver- 
rath  sich  schon  bei  der  Untersuchung  durch  die  Bauchdecken, 
besonders  aber  bei  Beruhrung  des  Muttermundes.  Der  Wehen- 
schmerz  ist  oft  von  ausserordentlicher  Intensitat  und  nimmt  einen 
ungewohnlichen  Lauf,  iiussert  sich  auch  ausserhalb  der  Becken- 
hohle,  in  der  Bahn  des  Ischiadicus  etc.  Den  hochsten  Grad  er- 
reicht  er  in  den  Fallen,  wo  durch  den  Krarapf  eine  Strictur 
des  Uterus  entstanden  ist.  Schon  Wigand  erwiihnt  derselben 
als  einer  tetanischen  Affection  (1.  c.  S.  159.),  und  Kilian  schil— 
dert  ihren  Sitz  im  untern  Gebarmutterabschnitte , im  innern  Mutter- 
munde,  wo  eine  eigene  Muskelschicht  von  Kreisfasern  vorhanden 
sein  soil,  Nach  der  Beobachtung  meines  vielerfahrenen  Freun- 
des,  des  Herrn  Sanitatsrathes  Dr.  C-  Mayer , ist  es  jecloch  der 
iiussere  Muttermund,  der  sich  am  haufigsten  contrahirt.  Die  Ein- 
schniirung  bildet  sich  sehr  schnell,  und  wird  von  einem  jahe  auf 
die  grosste  Hohe  steigenden  Wehenschmerz  begleitet,  der  tief 
im  Kreutze  oder  in  der  Harnblase  bohrt  und  w'uhlt,  und  das  Ge- 
fuhl  eines  gewaltsamen  Herabdrangens,  als  sollte  das  Kind  augen- 
blicklieh  heraussturzen , verursacht.  Als  karakteristisch  betrach- 
tet  Kilian  auch  schnell  wachsende  Geschwulst  des  vorliegenden 
Kindestheiles,  bei  vollkommener  Unbeweglichkeit  desselben,  selbst 
wahrend  des  heftigsten  Wehendranges.  Yon  der  Nervensphiire 
des  Uterus  und  der  angriinzenden  Theile  breitet  sich  bei  den 
Krampfwehen  die  Affection  leicht  und  oft  auf  andere  Nervenge- 
biete  aus.  Erbrechen  und  Pracordialschmerz , Buctus,  Singultus, 
Athemkriimpfe  gesellen  sich  hinzu.  Auch  die  Centralapparate 
nehmen  nicht  selten  Theil.  Veriinderte  Gemuthsstimmung , Deli— 
rien,  Ohnmacht,  Collapsus,  Schwindel,  Kopfschmerz,  Bewusstlo- 
sigkeit,  Sopor,  allgemeine  Convulsioncn  treten  ein,  zuweilen  mit 
Nachlass  und  Aufhoren  des  Gebarmutterkrampfes. 


4 1 G 


KRAMPFWEHEN. 


Die  Ursachen  der  grosstentheils  nach  vollendeter,  selten  bei  un- 
terbrochener  Schwangerschaft,  bei  Friihgeburten,  hiiufiger  bei  Erst- 
gebarenden,  oder  bei  solchen,  die  schon  sehr  oft  geboren  haben,  cin- 
tretenden  Krampfwehen  sind  meistens  Reflexeinfliisse , vom  Ute- 
rus selbst , oder  von  seinem  Inhalt  ausgehend.  Erhohte  Empfind- 
lichkeit  der  Gebarmutter  durch  rheumatischen,  entziindlichen,  ga- 
strischen  etc.  Reiz  erzeugt,  und  durch  unnutze,  rohe  Manipulalio- 
nen  .gesteigert,  liegt  offers  zu  Grunde:  nicht  selten  auch  abnorme 
Kindeslagc,  zu  fruher  Abfluss  des  Fruchtwassers , Zerrung  zu 
kurzer  Nabelschnur , auch  zuruckbleibende  Blutklumpen,  wodurcli 
die  Nachweben  ein  convulsivisches  Geprage  bekomraen.  Ob  durch 
Reflexreize,  die  in  den  benachbarten  Organen,  im  Mastdarm,  in 
der  Urinblase  ihren  Sitz  haben,  Krampfwehen  hervorgerufen  wer- 
den  kbnnen,  steht  noch  nicht  durch  genaue  Beobachtungen  fest. 
Unter  den  centralen  Anlassen  sind  Gemiithsaffecte  die  haufigsten. 

Die  Prognose  betrifFt  zwei  Individuen,  Mutter  und  Kind.  Im 
Allgemeinen  sind  fiir  beide  die  Krampfwehen  bedenklich,  in  hoch- 
stem  Grade  die  mit  Strictur  verbundenen,  welche  fur  das  Kind 
durch  Einschniirung  des  Halses  bei  vorangehendem,  tiefstehen- 
dem  Kopfe,  oder  bei  Steisslage  durch  Compression  der  Leberge- 
gend  (in  einem  von  Kilian  beobachteten  Falle,  mit  Ruptur  der 
Leber  1.  c.  S.  177)  todtliche  Wirkung  herbeifiihren , und  der 
Mutter  durch  Erschbpfung  der  Krafte,  durch  leicht  folgende  Rup- 
tur und  Entzimdung  des  Uterus  grosse  Gefahr  drohen.  Nachst 
der  Strictur  ist  es  die  Affection  der  Centralorgane , welche  die 
Gefahr  des  Zustandes  steiger t.  In  der  zuerst  beschriebenen  Form, 
der  von  Wigand  genanntcn  Uebersturzung  der  Gebarmutter,  sind 
verderbliche  Hiimorrhagieen  am  meisten  zu  befurchten. 

Die  richtige  Erkenntniss  der  Krampfwehen  ist  fur  die  Behand- 
1 un  g derKreissenden  von  der  (iussersten  Wichtigkeit,  undverhiitet  am 
sichersten  den  in  der  iiblichen  Voraussetzung  mcchanischcr  Hinder- 
nisse  so  oft  begangenen  Unfug  mit  der  operativen  Hiilfe,  welcher, 


KRAMPFWEHEN. 


417 


fur  Mutter  uiid  Kind  gefahrlich,  um  so  verderblicher  ist,  weil 
dureh  Manipulationen  des  Uterus  der  Krampf  an  Intensitat  zu- 
nimmt.  Es  leite  die  Causalindication  und  die  R'ucksicht  auf  die 
individuellen  Verhaltnisse  der  Constitution.  Nicht  selten  geht  ga- 
strische  Reizung  voran,  und  ein  zu  Anfang  gereichtes  Brechmit- 
tel  stimmt  die  convulsivischen  Wehen  zu  normalen  um.  Bei  voll- 
saftigen,  gutgenahrten  Frauen  mit  rigider  Faser,  welche  in  der 
Schwangerschaft  bei  starkem  Appetit  an  Fleisch  zugenommen  ha- 
ben  , welche  haufig  an  Anschwellungen  der  Hiinde  und  Fiisse,  an 
Congestionen  nach  dem  Gehirn  und  den  Rrustorganen  gelitten 
haben,  deren  ganzer  Habitus  wahrend  der  Wehen  die  Plethora 
bekundet,  glanzende  Augen,  rothes,  livides  Gesicht,  erhohte  Tem- 
peratur,  beschleunigter,  voller  oder  harter  Puls  — muss  sofort 
die  antiphlogistische  Behandlung  in  ihrem  vollen  Umlange  ange- 
wandt  werden , wogegen  hysterische , an  schmerzhafter  Menstrua- 
tion oder  friiher  an  Chlorosis  leidende,  zu  Krampfen  geneigte 
Frauen,  mit  bleichem  Gesicht,  kiihler,  trockner  Ilaut,  ktemem, 
sclmellem,  fadenformigem  Pulse,  grosser  Angst  und  Jactation, 
krampfstillender  und  beruhigender  Mittel  bedurfen  (kleiner  Gaben 
Opium,  Ipecacuanha,  Kalibad,  oblige  Einrcibungen , warme  Fo- 
mentationen  des  Unterleibes  und  der  Genitalien,  Clysmata).  Zu- 
niichst  wird  die  Cur  durch  Intensitat  und  Form  des  Krampfes 
modificirt.  Wo  die  Contraction  zur  Strictur  sich  steigert,  ist 
ein  schneller  CoIIapsus  nothwendig,  und  sicherer  wird  dieser  nicht 
herbeigefuhrt,  als  durch  einen  reichlichen  Aderlass  in  sitzender  Stel- 
lung,  dem  eine  voile  Dosis  Opium  folgen  muss.  Yon  den  ge- 
riihmten  Einreibungen  des  Muttermundes  mit  Belladonnasalbe  ha- 
ben die  hiesigen  erfahrenen  Geburtshelfer  keinen  Nutzen  wahr- 
genommen.  Mein  geehrter  Freund,  Herr  Dr.  C.  Mayer,  sah  ill 
den  Fallen , wo  der  Uterus  nach  vollstandig  abgellossenem  Frucht- 
wasser  das  ganze  Kind  test  umschliesst,  grossen  Erfolg  von  vor- 
sichtiger  und  langsamer  Injection  von  lauwarmem  Haferschleim 
oder  lauem  Wasser  mit  Oelil  in  die  Gebarmutterhohle.  Gegen 


. 418 


KRAMPFWEHEN. 


die  pracipitirten  Wehen,  die  besonders  durch  die  folgende  Hij- 
morrhagie  gefahrlich  werden,  empfiehlt  Wigand  (1.  c.  S.  50)  aus- 
ser  horizontaler,  ruhiger  Lage  im  Bette  den  Gebrauchdes  Opium, 
| gr.  p.  dos.  mit  5 — 8 gr.  Nitrum,  und  wo  zugleich  ungewohn- 
liche  Rigiditat  des  Muttermundes  oder  dcr  iibrigen  Geburtswege 
vorhanden  ist,  eine  starke  Venasection,  seJbst  bis  zur  Ohnmaclit. 


Ueber  krampfhafte  Bewegungen  des  ungeschwiingerten  Ute- 
rus fehlt  es  an  Thatsachen.  Werden  jene  auch  durch  den  Man- 
gel an  Muskelfasern  im  jungfraulichen  Zustande  ausgeschlossen, 
so  ist  bisher  weder  anatomisch  noch  microscopisch  bestimmt,  ob 
bei  solchen,  die  geboren  haben,  die  Muskelsubstanz  wieder  ganz 
schwindet,  sowohl  im  Parenchym  der  Gebarmutter,  als  auch  in 
den  runden  Mutterbandern , deren  Muskelbau  und  Verrichtung 
durch  die  trefflichen  Untersuchungen  des  zweiten  Meckel  festge- 
stellt  sind  (in  Rosenberger  dissert,  de  viribus  partum  efficien- 
tibus  generatim  et  de  utero  speciatim , ratione  substantiae  muscu- 
losae  et  vasorum  arteriosorum.  Halae  1791.).  Reil  erwahnt: 
„beim  weiblichen  Geschlecht  steigt  die  Gebarmutter  zuweilen 
krampfhaft  in  die  Scheide  herab,  mit  dem  unausstehlichen  Ge- 
fiihle,  als  wenn  ein  heisser  Korper  mit  Gewalt  aus  der  Geburt 
gepresst  werden  sollte,  und  steigt  wieder  aufwarts,  wenn  der 
Krampf  nachlasst“  (Archiv  fur  die  Physiologie.  Bd.  VII.  S.  437.). 
Es  liisst  sich  kaum  anders  denken,  als  dass  durch  eine  ortliche 
Untersuchung  diese  Behauptung  gerechtfertigt  war,  denn  das  Ge- 
fuhl  der  Kranken  kann  leicht  tauschen,  wie  es  z.  B.  in  der  Neu- 
ralgia hypogastrica  der  Fall  ist,  wo  trotz  der  Empfindungen  von 
Druck  und  Pressen  auf  Gebarmutter  und  Scheide  keine  Veran- 
derung  in  der  Lage  und  Richtung  dieser  Thcile  stattfindet  (Vgl. 
S.  140). 

Ausser  dcr  Muskulatur  des  Uterus  gicbt  es  noch  einen  Mus- 
kel  im  Bereiche  der  weiblichen  Pudenda,  welcher  von  Krampf, 


KRAMPFWEHEN. 


419 


^venn  auch  selten , befallen  wircl.  Es  ist  tier  Constrictor  cunni, 
dessen  Contraction  nnter  cerebro-spinalem  Einllusse  stcht  nnd 
willkiihrlich  stattfinden  kann.  Die  dadurch  bewirkte  Verenge- 
rung  des  Scheideneingangs  kann  zur  wirklichen  Einschnurung 
sich  steigern,  wie  es  in  einzelnen  Fallen  beim  Coitus  sich  ereignet. 


lirainpf  im  Muslidapparat  der  mannllcben 
Ciesclileclitstlieile. 


Durch  Valentins  Versuche  ist  der  Einfluss  des  Nervenreizes 
auf  die  Contraction  des  Vas  deferens  und  der  Samenblasen 
nachgewiesen.  Werden  die  unteren  Lumbar-  und  oberen  Sacral- 
ganglien  des  Sympathicus  gereizt,  so  erfolgen  starke  peristalti- 
sche  Bewegungen  der  Samenblasen  mit  Expulsion  ihrcs  Inhalts 
(de  function,  nervor.  cerebr.  p.  G4.).  Auch  im  mannlichen  Gc- 
schleclite  ist  die  Einwirkung  des  Cerebellum  auf  die  Bewegung 
der  Iloden  und  Samenleiter  durch  Budge  nachgewiesen  und 
durch  Valentin  vollkommcn  bestatigt  worden.  Der  Versuch  ist; 
interessant  genug,  um  ihn  bier  mit  den  Worten  des  Verb  mit- 
zutheilen.  „ Durch  einen  gliicklichen  Zufall  machte  ich  die  schone 
Beobachtung,  dass  sich  bei  einem  alten  Kater,  dessen  Hoden  in 
der  Bauchhohle  lagen,  gleich  nach  dem  Tode  des  Thieres  diesc 
Tlieile  jedesmal  bewegten,  wenn  ich  mit  dem  Messer  oder  Kali 
causticum  das  kleine  Gehirn  reizte.  Die  Wirkung  war  der  Art, 
dass  auf  Reizung  des  rechten  Lappens  des  kleinen  Gehirns  und 
der  rechten  Hiilfte  des  sogenannten  Wurms  jedesmal  Bewegung 
des  linken  Hodens  folgte  und  umgekehrt.  Die  Reizung  brauchte 
nur  ganz  oberflachlich  zu  geschehen.  Die  Bewegung  dcr  Hoden 
war  bald  bei  diesem  Thiere  so  unzweideutig,  dass  kcin  Gedanke 
sein  konnte,  daran  zu  zweifeln.  Die  Hoden  lagen,  nachdem  ich 

Korn  berg’s  Ncrvenkrankb.  I.  2. 


28 


4 20  KRAMPF  DER  MAENNL,  GESCHLECHTSTHEILE. 

rasch  den  ganzen  Schlidel  und  die  Bauchhohle  gcoffnet  hallo, 
ganz  ruhig  da,  zeigtcn  nicht  die  geringste  Bewegung.  Als  ich 
nun  die  eine  Seite  des  kleinen  Gehirns  reizte,  schwoll  der  cnt- 
gegengesetzte  Iloden  aul',  verliess  seine  Stelle,  und  richtete  sicli 
so  in  die  Hohe,  dass  er  mit  dem  Samenstrange  einen  recliten 
Winkel  bildete,  dessen  eine  Linie  nach  vorn  stand.  Horte  ich 
auf  zu  reizen,  so  legte  sich  der  Hoden  wieder  hin;  reizte  ich 
von  neuem,  so  sah  ich  dieselbe  Bewegung — der  Versuch  wurde 
eine  halbe  Stunde  mit  gleichem  Erfolge  fortgesetzt.  Nach  der 
ersten  Reizung  dauerte  es  noch  nicht  drei  Secunden,  ehe  Bewe- 
gung folgte,  spater  ward  der  Zeitraum  immer  langer,  nach  wel- 
chem  sich  Bewegung  einstellte.  Auch  dauerte  die  Bewegung 
nur  kiirzere  Zeit,  und  nahm  immer  mehr  ah.  Abwechselnd  mit 
dem  kleinen  Hoden  reizte  ich  das  grosse  Gehirn,  die  Vierhiigel, 
die  Sehhiigel,  die  gestreiften  Korper  — aher  ich  habe  nie  gese- 
hen,  dass  die  geringste  Bewegung  erfolgte,  wenn  ich  diese  Theile 
reizte.  Am  Ductus  deferens  sah  ich  auf-  und  absteigende  Be- 
wegungen,  ein  Aufschwellen  und  Zusammensinken  eines  ganzen 
Stiickes,  am  Hoden  gewohnlich  ein  Aufblahen  des  ganzen  Or- 
gans, zuweilen  jedoch  sah  ich  auch  Vertiefungen  hier  und  dort 
entstehen.“  (Budge,  Untersuchungen  etc.  1.  Heft.  S.  160.)  Zum 
Gelingen  des  Versuches  mussen  nach  Valentin  (Repertorium  etc. 
6.  Bd.  S.  327.)  altere  Tliiere  gewahlt  werden,  hesonders  solche, 
die  sich  der  Geschlechtsreife  naher  oder  in  der  Brunst  hefmden, 
was  auch  von  den  Yersuchen  an  weiblichen  Thieren  gilt.  Bei 
jungen  Thieren  experimentirt  man  vergeblich.  Volkmann  hat 
in  funf  Versuchen  niemals  dergleichen  Erscheinungen  heobachtet, 
nur  in  einem  Falle  sah  er  heftig  zuckende  Bewegungen  des  Pe- 
nis (Handworterbuch  der  Physiologie  mit  Rucksicht  auf  physiolo- 
gische  Pathologie.  Herausgegeben  von  Bud.  Wagner.  4.  Liefer. 
S.  .592.).  Ob  in  pathischen  Zustanden  eine  convulsivische  Stei— 
gerung  dieser  Action  stattfinden  kann,  lasst  sich  nur  vermuthen: 
die  bei  Reizunsen  in  benachbarten  Orsanen,  Mastdarm,  Harn- 


KRAMPF  DER  MAENNL.  GESCHLECHTSTHEILE.  421 


blase  etc.  so  oft  erscheinenden  Pollutionen  konnen  auf  diese 
Weise,  nach  der  Reflexnorm,  die  schon  im  gesunden  Zustande 
die  Ejaculation  des  Samens  nach  Reizung  der  Gians  erfolgen 
lasst,  gedeutet  werden.  Nicht  minder  unvollstiindig  ist  unsere 
Kenntniss  von  den  krampfhaften  Contractionen  derjenigen  Mus- 
keln  mannlicher  Zeugungstheile,  welche  zu  den  willkuhrlichen 
oder  animalischen  gehorig,  ihren  Impuls  von  cerebrospinalen  Ner- 
ven  erhalten.  Manche  Zufalle,  die  bisher  unter  andere  Catego- 
rieen  gebracht  worden  sind  (Satyriasis,  Chorda),  diirften  mit 
mehr  Recht  hier  ihre  Stelle  finden,  so  wie  auch  die  spastische 
Verhaltung  der  Samenejaculationen , wovon  Sauvages  ein  paar  Bei- 
spiele  mitgetheilt  hat  ( Dyspermatismus  hypertonicus  und  epilepti- 
cus.  Nos.  meth.  ed.  Daniel.  T.  IV.  p.  667.). 

Nicht  bloss  die  begattenden,  auch  die  bildenden  Theile  der 
mannlichen  Geschlechtswerkzeuge  konnen  vom  Ivrampfe  heimge- 
sucht  werden.  Die  Testikel  werden  unter  einem  eigenthumlichen 
Schmerzgefuhl , selten  auf  beiden  Seiten,  gewohnlich  auf  einer, 
in  die  Hohe  gezogen,  und  nehmen,  nachdem  der  Anfall  voriiber 
ist,  ihre  normale  Lage  wieder  ein.  Diese  convulsivische  Action 
des  Cremaster,  in  dessen  Gewebe  ebenfalls  Fasern  von  den 
Bauchmuskeln,  wie  in  die  runden  Mutterbiinder,  eingehen,  gesellt 
sich  vorzugsweise  zu  Krankheiten  der  Nieren,  zuweilen  auch  zu 
Haemorrhoi's,  zu  Colica  saturnina.  Dass  sie  sich  durch  Rellexac- 
tion  auf  Reizung  sensibler  Fasern  der  Bahn  des  N.  cruralis  ein* 
findet,  habe  ich  bereits  S.  289  bemerkt. 


Zweite  Ordnung. 


Krampfe  von  Erregnng  der  Central- 

apparate. 

s>@S©<s 

1.  Gattung. 

Krampfe  von  Erregung  ties  Rii  eke  inn  arks. 


Der  physiologische  Standpunkt,  von  welchem  aus  das  Ruk- 
kenmark  eines  Theils  als  cerebraler  Leitungsapparat,  anderntheils 
als  Centralorgan  des  Nervensystems,  begabt  mit  eigenthiimlichen 
Kraften,  betrachtet  wird,  ist  derjenige,  welcher  fur  die  Auffas- 
sung  und  Deutung  seiner  krankhaften  Zustande  festgehalten  wer- 
den  muss.  Nur  dem  Mangel  des  physiologiscben  Princips  ist  es 
zuzuschreiben , dass  die  Kenntniss  der  Motilitatneurosen  des  Riik- 
kenmarkes,  obgleich  Muller’s  und  Marshall  Hall’s  Untersuchun- 
gen  die  Bahn  gebrochen  haben,  nocb  zuriickgeblieben  ist. 

I.  Kriiinpfe  vom  ItUckeninarke,  als  Iieitungsappnratc, 

ablianglg. 

Experimen telle s.  Aus  alien  bisher  an  Thieren  vorgenom- 
mcnen  Yersuchen  stcllt  sich  das  Ergebniss  heraus,  dass  die  vor- 
deren  Strange  des  Ruckcnmarks  Leiter  der  Motilitat  sind.  Nicht 


SPINALE  KRAEMPFE. 


423 


ausser  allem  Zweifel  ward  der  Mangel  motorischer  Leitung  fur 
die  hinteren  Strange  angenommen,  und  sowohl  die  Schwierigkeit, 
in  denselben  die  Reizung  zu  isoliren,  als  auch  die  sich  einmi- 
schende  Reflexlahigkeit  erschwerten  die  Erzielung  genauer  Resul- 
tate.  In  neuester  Zeit  ist  jedoch  durch  van  Deeris , Kiirschners, 
und  Stillings  Experimente  ein  sichrerer  Halt  gewonnen  worden. 
Schon  in  den  Bewegungen  selbst  macht  sich  eine  Verschiedenheit 
beraerkbar,  je  nachdem  die  vorderen  oder  hinteren  Strange  gereizt 
werden.  Die  ersteren  verhalten  sich  hierbei  wie  peripherische 
Babnen;  es  entstehen  auf  derselben  Seite  Zuckungen  derjenigen 
Muskeln,  deren  Nerven  unterhalb  der  gereizten  Stelle  vom  Riik- 
kenmarke  abgehen , wahrentj  bei  der  Reizung  der  hinteren  Strange 
der  Erfolg  weder  auf  die  gereizte  Seite,  noch  auf  die  gereizte 
Stelle  beschriinkt  ist:  man  kann  diese  Theile  fast  nicht  beruhren, 
oline  Bewegungen  in  alien  Extremitiiten  zu  erhalten.  Andere 
Versuche,  wobei  die  Reflexerscheinungen  vermieden  wurden, 
sind  noch  entscheidender.  An  entbaupteten  Thieren  wurde  in 
den  Riickenmarkskanal  die  Spitze  eines  sehr  scharfen  Staarmes- 
sers  eingeluhrt,  und  nachdem  die  Membranen  eine  Strecke  weit 
von  den  hintern  Strangen  abgelbst  waren , wurden  in  der  Mittel- 
Jinie  und  zur  Seite  Einschnitte  in  die  hinteren  Strange  gemacht, 
ohne  die  anderen  Strange  zu  zerren  oder  zu  beruhren:  es  ent- 
stand  keine  Bewegung  oder  Zuckung,  die  sogleich  erfolgte,  als  die 
Spitze  des  Messers  sich  senkte  und  die  vorderen  Strange  streifte. 
{Marshall  Hall’s  Abhandl.  iib.  d.  Nervensyst.  Aus  dem  Engl,  mit  Er- 
lauterungen  und  Zusatzen  von  Kurschner.  Marburg  1840.  S.  195 
— 202.).  Das  physiologische  Criterium  der  vom  Riickcn- 
marke  als  Conductor  abhangigen  Convulsionen  ist  die  dem  Sitze 
der  Krankheit  auf  derselben  Seite  entsprechende  Topik  der  krampf- 
halten  Erscheinungen.  Das  gereizte  Riickenmark  reagirt  mit  ei- 
ner  Summe  motorischer  Fasern,  welche  der  Raumlichkeit  des 
reizenden  Anlasses  entspricht,  und  ruft  Convulsionen  derje- 
nigen Muskeln  liervor,  die  von  dieser  Stelle  ihren  Impuls 


424 


SPINALE  KRAEMPFE. 


erhalten.  Hierauf  basirt  die  Diagnose  des  Sitzes  der  Krank- 
heit  in  den  verschiedenen  Bezirken  des  Riickenmarkes. 

Chirurgische  Beobachtungen  wurden  unstreitig  das  reinste 
Bild  von  diesen  Spinalkrampfen  geben,  allein  die  Verletzungen 
des  Ruckenmarks  haben  fast  immer  nur  Verlust  der  Bewegung 
zur  Folge,  wie  ich  es  bereits  in  Bezug  auf  Empfindung  erwahnt 
habe  (S.  149.).  OUivier’s  und  Anderer  Werke,  die  ich  zu  die- 
sem  Zwecke  verglichen  habe,  enthalten  kein  geniigendes  Beispiel. 

In  krankhaften  Zustanden,  die  das  Riickenmark  als  Leitungs- 
apparat  betheiligen  und  Convulsionen  mit  sich  fiihren,  ist  ausser 
der  motorischen  Sphare  die  sensible  gewohnlich  auch  betroffen, 
welche  ihre  Theilnahme  durch  Steigerung  oder  Abnahme  der 
Empfindung  kundgiebt. 

Die  im  Blute  wurzelnden  Vorgange  nehmen  nicht  selten  das 
Riickenmark  als  Conductor  in  Anspruch.  Bietet  auch  die  Lehre 
der  Congestionen  noch  immer  der  Kritik  Blossen  und  Liicken 
dar,  so  sind  doch  die  Falle  nicht  zu  leugnen,  welche  das  Ent- 
stehen  von  Convulsionen,  allgemeinen  oder  ortlichen,  bei  einer 
durch  unterdriickte  Blutflusse,  zurnal  Haemorhois  und  Menstrua, 
bedingten  Plethora  des  Ruckenmarks  darthun.  Noch  gewichtiger 
sind  die  Beobachtungen  von  Krampfen  durch  Congestion  und  Blut- 
erguss  zwischen  den  Membranen  des  Ruckenmarks , deren  Sitz  von 
dem  Sitze  des  Extravasats  abhangig  ist.  ( Ollivier,  traite  des 
maladies  de  la  moelle  epini^re.  Si^me  edit.  T.  II.  p.  119.)  Allein 
nicht  bios  gegen  Blutfiille,  auch  gegen  Anamie  reagirt  das  Riik- 
kenmark  durch  Convulsionen,  die  als  Folge  von  Verblutung  oder 
jaher  Entziehung  von  Blut  schon  von  Hippocrates  gewurdigt  wor- 
den  sind.  Dass  das  Gehirn  hierbei  nicht,  wie  man  gewohnlich 
annimmt,  die  Krampfe  bedingt,  geht  aus  einem  Versuche  von 
Marshall  Hall  hervor,  welcher  bei  Thieren,  die  beim  Schlachten 
verblutend  unter  Convulsionen  sterben,  zuvor  das  Ruckenmark 
an  einer  Stelle  durchschneiden  und  dann  das  Blut  aus  den  Ge- 
fassen  ausfliessen  liess.  Dcr  Tod  erfolgte  unter  heftigen  Zuckun- 


SPIN  ALE  KRAEMPFE. 


425 


gen  (on  the  diseases  'and  derangements  of  the  nervous  sy- 
stem. p.  96.). 

Ausser  den  quantitativen  Verhaltnissen  sind  die  qualitativen 
Veranderungen  der  Blutmasse  als  Anlasse  der  Spinalconvulsionen 
in  Envagung  zu  ziehen.  Hieruber  haben  in  neuerer  Zeit  die  toxi- 
cologischen  Experimente  Aufschluss  gegeben.  Die  allgemeinen 
Zuckungen  in  Folge  einer  per  os  bewirkten  Vergiftung  mit  Strych- 
nin kommen  nur  durch  Einwirkung  des  vergifteten  Blutes  auf, 
das  Riickenmark  zu  Stande,  denn  wird,  wie  Stannius  nachge- 
wiesen  hat,  bei  einem  Frosche  die  hintere  Halfte  der'Wirbel- 
saule  und  des  Riickenmarkes  mit  sammtlichen  ihm  angehorigen 
Nerven  ausser  alien  Zusammenhang  mit  den  Gefassen  gesetzt,  so 
erfolgen  nach  der  Application  des  Strychnins  keine  Convulsionen 
in  den  Hinterbeinen,  wahrend  in  der  vorderen  Korperhalfte  die 
Erscheinungen  der  Vergiftung  in  voller  Kraft  auftreten  ( Stannius 
uber  die  Einwirkung  des  Strychnins  auf  das  Nervensystem , in 
Mullers  Archiv.  1837.  S.  229.).  Eben  so  instructiv  und  noch 
entscheidender  sind  Stilling’s  Versuche  fiber  die  Mittheilung  des 
Giftes  durch  den  Blutumlauf  im  Riickenmarke,  so  lange  dasselbe  an 
einer  Stelle  noch  ein  Continuum  bildet,  vermoge  des  innerhalb 
seiner  Substanz  zusammenhangenden  Netzes  von  Capillargefiissen. 
( Stilling , Untersuchungen  fiber  die  Functionen  des  Rfickenmarks 
und  der  Nerven.  Leipzig  1842.  S.  50  u.  ffg.)  Backer  hatte  be- 
reits  frfiher  nachgewiesen , dass  auch  nach  Durchschneidung  des 
Ruckenmarks  bei  Hunden  starkere  Dosen  der  verschluckten  Nux 
vomica  Convulsionen  in  den  unterhalb  des  Schnittes  gelahmten 
Theilen  hervorbringen,  was  nur  aus  dem  Zuflusse  des  vergifteten 
Blutes  erklart  werden  kann,  und  dass  bei  Hunden  die  Zufalle  um 
so  rascher  eintraten,  wenn  man  sie  vorher  hatte  fasten  lassen, 
so  wie  auch  schneller  nach  dem  in  fliissiger,  als  in  fester  Form 
gereichten  Pulver  ( Backer , commentatio  ad  quaestionem  physio- 
logicam  a facultate  medica  academ,  Rheno-Traject.  anno  1828 
propositam  etc.  p.  139 — 154.).  Auf  ahnliche  Weise  wirken  nun 


I 


426 


SPINALE  KRAEMPFE. 


aucli  andere  Gil'te,  und  so  diirfte  der  jctzt  niilier  zu  betrachtenden 
Kribbelkrankheit,  als  ciner  durch  vergiftetes  Blut  erzeugten  Spi- 
nalconvulsion,  dcr  passende  Standpunkt  angewiesen  sein. 

Convulsio  cerealls, 

morbus  epidemicus  convulsivus , Raphania. 

Man  war  schon  der  Meinung,  class  diese  Krankheit  der  Ge- 
schiclite  angehore,  als  in  den  letzten  Dccennien  ihr  Erscheinen 
in  einzelnen  Bezirken  Deutschlands,  wenn  auch  nicht  in  der  epi— 
demischen  Extensitiit,  wie  im  aclitzehnten  Jahrhunderte  und  frii- 
her,  von  Neuem  die  Aufmerksamkeit  spannte. 

Nach  den  Beobacbtungen  von  Wichmann  (Kleine  medicinische 
Schriften  S.  12),  Taube  (Die  Geschichte  der  Kriebelkrankheit. 
Gottingen  1782.),  und  des  Schlesischen  Kreisphysikus  Dr.  Wagner 
( Huf eland’ s und  Osanris  Journ.  der  prakt.  Heilkunde  1831.  1832. 
1839.)  sind  die  karakteristischen  Ziige  der  Krankheit  folgende: 

Oft  zeigen  sich  Vorboten,  lastiger  Druck  in  der  Magengrube, 
Eingenommenheit  des  Kopfes,  Schwindel,  Beklemmung,  Mattig- 
keit  und  Schwache  der  Beine.  Bei  andern  beginnt  die  Krankheit 
sofort  mit  Formication  und  Haut-Anasthesie  in  den  Fingerspit- 
zen,  dann  in  den  Armen,  Beinen,  zuweilen  auch  im  Gesichte 
unci  in  der  Zunge.  Hande  unci  Fusse  werden  von  Beugekram- 
pfen  befallen.  An  beiden  Hiinden  sind  die  Finger  hakenformig 
einwarts  geschlagen,  der  Daumen  ist  schrage  unter  dem  Zeige- 
und  Mittelfinger  geschoben,  das  Hanclwurzelgelenk  stark  nach  in- 
nen  gekriimmt,  sp  dass  die  Hand  dadurch  die  Form  eines  Adler- 
schnabels  bekommt.  Auch  die  Zehen  sind  einwarts  in  die  Fuss- 
sohle  gebogen.  Der  Krampf  verbreitet  sich  iiber  Vorder-  und 
Oberarm,  welche  in  eincm  spitzen  Winkcl  an  einander  gebogen  wcr- 
den,  iiber  Unter- und  Oberschenkel , zuweilen  auch  fiber  Nacken- 
und  Kaumuskcln:  Trismus  und  Opisthotonus  stellen  sich  ein.  Die 
Krampfe,  die  gewohnlich  vom  Morgen  bis  Mittag  am  starksten  sind, 


KRIBBELKRANKHEIT. 


427 


dann  abnehmen  oder  ganz  aussetzen,  sind  von  helligem  Schmerz- 
gefuhle  begleitet,  welches  bei  der  Extension  nachlasst,  daher  die 
Kranken  dringend  bitten,  ihre  gekrummten  Glieder  auszustrek- 
kcn.  Bewnsstsein  und  Sinnesthdtigkeit  sind  meisten^  ungestort. 
Die  Pupille  ist  fast  imraer  erweitert.  Bulimic  fehlt  selten.  Harn- 
und  Darmausleerungen  gehen  gehorig  vor  sich.  Die  Haut  ist 
erdfald,  trocken,  und  wahrend  der  Convulsionen  mit  Schweiss 
Sbedeckt.  Pulsschlage  und  Athemzuge  sind  von  normaler  Fre- 
quenz.  Die  Krankkeit  bleibt  auf  dieser  Stufe  stehen  oder  nimmt 
an  Intensitat  zu:  die  Convulsionen  werden  heftiger,  nehmen  den 
tepileptischen  Karakter  an,  Delirien  linden  sich  ein,  ofters  auch 
tein  blodsinniger  Zustand.  Die  unteren  Extremitaten  werden  ge- 
llalimt,  die  Arme  zittern.  Die  Anasthesie  ist  so  betrachtlich,  diass 
( die  Kranken  in  die  Lichtflamme  greifen , gliihende  Kohlen  halten 
ikonnen,  ohne  eine  Spur  von  Empfindung  zu  verrathen.  Nicht 
immer  bildet  sich  jedoch  die  Krankheit  allmahlich  zu  einer  sol- 
cchen  Hohe  aus,  zuweilen  befallt  sie  auch  jahlings  mit  heftigen 
(Convulsionen,  Tetanus,  Orthopnoe,  Ischurie,  Erbrechen,  Sopor. 

Bei  Complication  mit  andern  Krankheiten,  Pocken,  Brech- 
mhr,  Entzundungen , wie  sie  von  Wichmann,  Wagner  und  An- 
llern  beobachtet  worden  sind,  bleibt  der  Verlauf  der  Kribbel- 
kirankheit  ungestdrt. 

Die  Dauer  der  gelinden  Form  der  Krankheit  belauft  sich 
uuf  drei  Wochen  und  druber,  die  Dauer  des  heftigeren  Anfalls 
uuf  ein  Paar  Tage.  Genesung  erfolgt  unter  Ausbruch  von  Fu- 
•unkeln  und  Ecthymata,  oder  mit  Ausleerung  vieler  Wiirmer, 
Ascaris  lumbricoid.  oder  Oxyuris  vermicul.,  auf  deren  schnelle 
ind  reichliche  Erzeugung  im  Laufe  der  Kribbelkrankheit  Taube 
merst  aufmerksam  gemacht  hat  (S.  431.).  Derselbe  erwahnt 
iuch  einer  merkwurdigen  Veranderung  der  Nagel  bei  mehreren 
Aranken.  „Die  Glatte  der  Nagel  machte  rauhe  und  dunkelbraune 
,erhabene  Absiitze,  eine  halbe  Linie  breit,  dann  waren  sie  glatt 
,und  verwechselten  zu  viermalen.  Ich  konnte  nachher,  wenn  ich 


428 


SP1NALE  KRAEMPFE. 


„dergleichen  Geschiebe  zahlte , den  Kranken  daraus  beschreiben, 
„ wie  oft  sie  heftige  Krampfe  gehabt  batten , und  es  traf  jedes- 
„mal  richtig  zu.  Nach  erfolgter  Besserung  schob  der  Wuchs 
„der  Nagel  das  Rauhc  fort,  und  sie  wurden  wieder  glatt,  wie 
„vor  der  Krankheit.“  ( S.  110.).  Riickfalle  und  Nachkrankheiten 
sind  haufig.  Die  ersteren  werden  durch  Erkiiltung,  durch  nass- 
kalte  Temperatur,  und  durch  Gemuthsaffecte , selbst  nach  Mona- 
ten,  veranlasst.  Unter  den  Nachkrankheiten  sind  Blodsinn,  Epi- 
lepsie,  Paraplegie  die  haufigsten ; zuniichst  Affectionen  des  Darm- 
kanals,  chronische  Diarrhoe,  Leiden  der  Reproduction,  Tabes, 
hydropische  Zustande.  Der  Tod  tritt  in  den  heftigen  Anfallen 
zuweilen  schnell  ein,  oder  in  den  Recidiven,  apoplectisch,  suffo- 
catorisch. 

Leichenoffnungen,  die  auch  nur  massigen  Anspriichen 
geniigen  konnen,  fehlen.  In  der  Bemerkung  schnellen  Ein- 
tritts  der  Putrescenz  nach  dem  Tode  stimmen  die  Beobachter 
iiberein. 

Durch  genaue  Untersuchungen  ist  unzweifelhaft  erwiesen,  dass 
der  Genuss  eines  durch  Mutterkorn  (Secale  cornutum)  verdor- 
benen  Roggens  die  erzeugende  Ursache  der  Kribbelkrankheit  ist. 
Schon  unter  den  iilteren  Beobachtern  stimmte  die  Mehrzahl  darin 
uberein,  und  in  der  neueren  Zeit  hat  man  diese  Krankheit  nur 
da  zum  Vorschein  kommen  sehen,  wo  eine  solche  Intoxication 
stattgefunden  hatte.  (Ygl.  Lorinser , Versuche  und  Beobachtun- 
gen  uber  die  Wirkung  des  Mutterkorns  auf  den  menschlichen 
und  thierischen  Korper.  Berlin  1824.  S.  47 — 60  und  Wagner 
I.  c.).  Um  noch  grdssere  Gewissheit  zu  erhalten,  wmrde  der 
experimentelle  Weg,  sowohl  bei  Menschen  als  bei  Tliieren,  ein- 
geschlagen,  und  wenn  auch  bei  jenen  die  Versuche  nicht  lange 
genug  fortgesetzt  werden  konnen,  bei  diesen  die  Erscheinungen 
nicht  ganz  mit  denen  der  Kribbelkrankheit  ubereinstimmen , so 
iiberzeugt  man  sich  doch  zur  Geniige,  dass  die  durch  Entwicke- 
lung  von  Entophyten,  von  kleinen  pilzahnlichen  Gewachsen  (Spha- 


KRIBBELKRAlNKHEIT. 


429 


celia  Nees.),  herbeigefuhrte  Degeneration  des  Samenkorns,  wel- 
die  den  Namen  Mutterkorn,  Kornzapfen  erhalten  hat,  und 
nnter  unsern  Getreidearten  fast  nur  dem  Roggen  zukommt  (Vgl. 
\Meyen , einige  Mittheilungen  iiber  das  Mutterkorn  in  Mullers 
Archiv  etc.  1838.  S.  356.)  einen  verderblichen , auf  das  Gehirn 
and  besonders  auf  das  Riickenmark  specifischen  Einfluss  aussert. 
Doch  kommt  es  hierbei  sehr  darauf  an,  in  welcher  Dosis  und 
Form  der  Stoff  in  den  Organismus  gelangt.  So  ergiebt  sich  aus 
len  mit  musterhafter  Genauigkeit  von  Wright  an  Thieren  veran- 
:talteten  Yersuchen  (an  experimental  incpiiry  into  the  physiologi- 
cal action  of  ergot  of  rye  in  Edinburgh  med.  and  surg.  journal 
ol.  LII.  p.  293 — 334.  vol.  LIII.  p.  1 — 35.  vol.  LIY.  p.  51 — 62), 
11)  dass  bei  unmittelbarer  Aufnahme  in  das  Blut  dnrch  Injection  in 
lie  Venen  oder  Arterien  Hirn  und  Riickenmark  direct  betheiligt 
'verden,  wahrend  beim  innern  Gebrauche  die  Symptome  ortli- 
her  Reizung  des  Magens  oder  des  Rectum  vorangehen,  2)  dass 
ilie  spinalen  Symptome,  Zuckungen  und  Paraplegie,  den  cerebra- 
en,  Sopor  etc.  entweder  vorangehen  oder  folgen,  3)  dass  con- 
entrirte  Dosis  die  Thatigkeit  des  Nervensystems  augenblicklich 
>aralysirt,  wahrend  geringere  zuerst  Aufregung,  dann  Abnahme 
Iter  Energieen  hervorbringt , und  eine  sehr  verdiinnte  Auflosung 
llmahliche  sedative  Action  hat  und  die  Lebenskrafte  erschopft. 
) dass  die  Verschiedenheit  der  Thiere  eine  Verschiedenheit  der 
Ueaction  bedingt,  pflanzenfressende  weniger  afficirt  werden  als 
iarnivoren.  So  zeigt  sich  auch  beim  Menschen  ein  Unterschied 
i der  Wirkung  des  Mutterkorns,  - je  nach  Quantitat  und  Form, 
a je  reichlicherer  Menge  und  je  frischer  das  Mutterkorn,  beson- 
ers  zu  Brod  oder  Kuchen  gebacken,  genossen  wird,  um  so  sich- 
-sr  ist  Kribbelkrankheit  die  Folge,  wahrend  ein  wassriger  Auf- 
iuss  des  Secale  cornutum  keine  solche  Wirkung  hat,  dagegen 
■ Bine  specifische  Action  auf  die  motorischen  Nerven  des  Uterus 
eltend  macht,  welche  bei  dem  Genusse  des  Mutterkorns  als 
1 lahrungsstoffes  nicht  beobachtet  wird.  Taube  (I.  c.  S.  112.)  er- 


430 


SPINALE  KRAEMPFE. 


wahnt  ausdriicklich , class  die  Graviditiit  ungehindert  ihren  Fort- 
gang  nimmt.  Der  Nachweis  des  Secale  cornutum  im  Blute  der 
vergifteten  Thiere  ist  yon  Wright  gegeben  worden,  welcher  bei 
der  Behandlung  des  Blutcs  mit  Schwefelather  das  von  ihm  ent- 
deckte  atherische  Oel  des  Mutterkorns  aull'and  (Edinb.  med.  and 
surg.  Journ.  1840.  Yol.  LIII.  p.  5),  welches  als  eins  der  wirk- 
samsten  Mittel  sowohl  zur  Beforderung  der  Wehen  und  zur  llem- 
mung  starker  Metrorrhagieen,  als  auch  in  andern  Zustiinden,  na- 
mentlich  Gastrodynie,  in  der  Dosis  von  20 — 50  Tropfen,  empfoh- 
len  wird  (T.  LIV.  p.  60). 

Die  deletere  Einwirkung  des  Mutterkorns  auf  den  mensch- 
lichen  Korper  wird  durch  gewisse  Einllusse  begunstigt.  Dahin 
gehort  das  Alter:  Wagner  land  das  kindliche  und  jugendliche  Al- 
ter am  meisten  der  Kribbelkrankheit  unterworfen ; vom  funfzig- 
sten  Jahre  an  wurde  keiner  befallen.  Nocli  fruchtbarer  ist  die 
Lebensweise,  wovon  Wichmann  ein  Bilcl  bei  den  Bewohnern  der  I 
Liineburger  Ilaide  gegeben  hat:  „Ausser  Buchwaitzen,  Honig 
und  sehr  wenig  oder  gar  keiner  Milch  besteht  ibre  einzige  Nah- 
rung  in  Roggen.  Bei  dem  grossten  Theil  war  der  alte  Roggen 
des  vorigen  Jahres  so  genau  verzehrt,  dass  sie  nicht  Zeit  hatten 
oder  sich  nahmen  zu  clreschen,  sondern  sich  desselben  Tages,  da 
der  frische  Roggen  in  die  Scheune  gebracht  war,  des  ausgefalle- 
nen  oder  sogenannten  Krumelkorns  bedienten.  Aus  diesem  wurde 
nicht  nur  sogleich  Brocl,  sondern  nach  einer  abscbeulichen  Ge- 
wohnheit  eine  Art  unverdaulicher  Kuchen  gebacken,  auch  Klosse, 
Mehlsuppen  etc.  bereitet,  so  dass  den  ganzen  Tag  uber  Roggen- 
melil  die  einzige  Speise  war.  Das  Getriink  war  Wasser  allein, 
oder  mit  Honig  vermischt,  zuweilen  ein  Glaschen  Brandtwein. 
Butter  ersetzte  der  IIonig.“  — Dass  iiberdiess  endcmische  und 
epidemische  Verhaltnisse  einwirken,  liisst  sich  aus  der  weiteren  Ver- 
breitung  der  Kribbelkrankheit  im  1G.  und  17.  Jahrhundert  ver- 
muthen.  Endlich  ist  der  Einlluss  der  Gemuthsan'ecte  und  der 


KRIBBELKRANKHEIT. 


431 


lErkaltung  auf  schnelleren  Ausbruch  und  oftere  Riickkehr  der 
IKrankheit  unleugbar. 

Das  M or  tali  tat  - Verb  alt  niss  betragt  nach  den  Berichten 
der  Aerzte  des  vorigen  Jahrhunderts  G — 9 Procent.  Von  GOO 
Kranken,  welche  Taube  behandelte,  starben  97,  von  429,  welche 
Dr.  Evers  in  seiner  Behandlung  hatte,  45  [Taube  1.  c.  S.  827). 
iDie  grossle  Sterblichkeit  fiel  in  beiden  Geschlechtern  zwischen 
dem  zweiten  und  zehnten  Jahre,  die  geringste  zwischen  dem 
zwanzigsten  und  dreissigsten.  Die  grosste  Gefahr  droht  in  den 
Iheftigen  Anfallen  der  Krankheit.  Nach  Wagner  sind  mangelnde 
(Reaction  des  Darmkanals,  Trismus,  und  weitverbreitete  Anaesthe- 
^ie  von  sehr  schlimmer  Vorbedeutung. 

Ohne  Hi’ilfe  der  Sanitatpolizei  misslingt  die  Behandlung  im  All— 
igemeinen.  Den  armen  auf  ihr  frisches  Korn  angewiesenen  Fa- 
imilien  gebe  die  Behorde  reifes  altes  Korn,  und  confiscire  die 
'Vorrathe  des  frischen  ungesunden  Getraides.  Es  schreite  selbst 
! die  Gewalt  ein,  denn  Grunde  sind  beim  Bauern  in  einer  von 
iHeisshunger  begleiteten  Krankheit  unzureichend.  In  der  Cur  lei- 
« sten  Ausleerungen  des  Darmkanals,  sowohl  durch  Brech-  als  Pur- 
:girmittel,  am  meisten;  doch  ist  auf  die  vorhandne  Torpiditat  Ruck- 
^sicht  zu  nehmen:  nach  Taube  s Beobachtung  mussten  oft  zwanzig 
'Gran  Brechweinstein  gereicht  werden,  ehe  die  beabsichtigte  Wir- 
ikung  erfolgte.  Zum  Purgiren  eignete  sich  Calomel  am  besten, 
in  Dosen  von  10 — 30  Gran,  und  war  um  so  wirksamer,  wenn 
Wurmer  in  grossen  Massen  abgingen.  Nach  den  Ausleerungen 
empfiehlt  Wagner  das  Opium,  welches  um  so  hulfreicher  bei  ein- 
tretender  Transpiration  ist.  Bleibt  diese  aus,  soli  man  durch 
'Camphor  zu  Hiilfe  kommcn.  Zu  gleichem  Zwecke  wurden  von 
Taube  warme  Bader  empfohlen.  Die  Schmerzen  der  Krampfe 
werden  durch  Frottiren  mit  erwarmter  Hand,  und  besonders 
durch  starkes  Extendircn  und  Zusammendriicken  der  Glieder  ge- 
lindert.  Bei  ComplicatioA  mit  congestiven  und  entz’undlichen  Af- 
fectionen  lasse  man  sich  nicht  von  Blutentleerungen  abhalten. 


432 


SPINALE  KRAEMPFE. 


Taube  giebt  den  brtlichen  den  Vorzug,  und  macht  die  Bemer- 
kung  (S.  214),  dass  Blutegel,  die  einmal  an  einerri  solchen  Kran- 
ken  gesogen  hatteri,  sammtlich  starben. 


Unter  den  pathischen  Processen  ist  die  Entzundung  derje- 
nige,  der  am  haufigsten  das  Riickenmark  als  Leitungsapparat  in 
Anspruch  nimmt,  und  sich  durch  entsprechende  Symptome  kund 
giebt.  Convulsivischer  Ausdruck  kommt  der  Entzundung  der  Mem- 
branen  zu,  auf  deren  ausfuhrlichere  Schilderung  icb  in  der  Beschrei- 
bung  der  Krankheiten  der  Bildungssphare  der  Nervenapparate  zu- 
riickkommen  werde. 

Die  Riicken-  und  Nackenmuskeln  werden  in  der  Meningitis 
spinalis  hauptsachlich  vom  Krampfe  befallen,  in  verschiedenem 
Grade,  von  der  blossen  Muskelsteife  bis  zur  starrsten  Contraction, 
wodurch  Rumpf  und  Kopf  riickwarts  gebogen  werden.  Der  Krampf 
ist  selten  anhaltend,  gewohnlich  remittirend,  stellt  sich  nach  kur- 
zem  Nachlasse  von  selbst  ein,  oder  sobald  man  den  Kranken  eine 
Bewegung  mit  dem  Rumpfe  vornehmen  lasst.  Steter  Begleiter 
ist  heftiger  Schmerz,  der  auch  in  den  Intervallen  der  Krampfe, 
auf  einer  Stelle  fixirt,  oder  den  Riicken  entlang  bei  Bewegun- 
gen  des  Kranken  den  hochsten  Grad  erreicht.  Bei  kleinen  Kin- 
dern  habe  ich  die  Meningitis  mehreremal  auf  den  Cervicaltheil, 
auf  das  verlangerte  Mark  und  auf  das  Cerebellum  verbreitet,  und 
den  Muskelkrampf  auf  eine  anhaltende  Riickwartsbiegung  des 
Kopfes  beschrankt  gesehen,  eine  Form  der  Meningitis,  welche 
noch  nicht  genau  heschrieben  mit  beginnender  Spondylarthrocace 
cervicalis  verwechselt  werden  kann. 

Am  17.  Juli  1832  wurde  ich  zu  einem  halbjahrigen  Knaben 
gerufen,  der  von  einer  kraftigen  Mutter  gesiiugt,  seit  vierzehn 
Tagen  erkrankt  war,  was  einem  Falle  vom  Arme  der  Kinderfrau 
zugeschrieben  wurde.  Das  Kind  lag  in  der  Wiege  sehlummernd, 
mit  riickwarts  gebogenem  Kopfe,  so  dass  es  ausser  Stande  war, 


SPINALE  KRAEMPFE. 


433 


0 


diese  Haltung  des  Kopfes  willkiihrlich  zu  verandern.  Machte  ich 
mit  einiger  Gewalt  den  Versuch,  so  wurde  es  dunkelroth  im  Ge- 
sicht,  und  erhob  ein  heftiges  Geschrei.  Die  Cervicalmuskeln  wa- 
ren  steif  und  gespannt.  Die  Hirnfunctionen  ungestort;  das  Auge 
lebhaft,  mit  contractiler  Pupille.  Die  Ernahrung  ging  gut  von 
statten.  Yon  Zeit  zu  Zeit  fanden  sich  leichte  Zuckungen  der 
Extremitaten  ein,  zuletzt  tiefer  Sopor.  Enter  heftigen  anhalten- 
den  Convulsionen  erfolgte  der  Tod  nach  vierwochentlicher  Dauer 
der  Krankheit.  Bei  Untersuchung  der  Schadelhohle  fand  ich  be- 
deutende  Bhitiiberfullung  auf  der  Aussenflache , und  im  Innern 
des  Gehirns  albuminose  Exsudate  langs  der  Sichel,  enorme  Er- 
weiterung  und  Wasseransammlung  in  den  Ventrikeln,  so  dass 
beim  zufalligen  Einschneiden  eine  zwei  Tassenkopfe  voll  betra- 
gende  Quantitiit  heller  seroser  FUissigkeit  wie  aus  einer  Fontaine 
hervorspritzte.  Die  vierte  Stirnhohle  hatte  einen  sehr  betracht- 
lichen  Umfang.  Das  Septum  und  die  Wande  der  Seitenhohle 
waren  erweicht.  Die  Pia  mater  und  Arachnoidea  der  untern 
Flache  des  kleinen  Gehirns  waren  fest  mit  einander  verwachsen, 
und  in  ein  dichtes  korniges  Gewebe  verwandelt,  welches  sich 
rauh  anfiihlen  liess:  eine  grosse  Menge  hirsekorngrosser  Tuberkel 
waren  hier  abgelagert,  und  bildeten  die  wulstige  Masse.  Diese 
Beschaffenheit  der  Pia  mater  und  Arachnoidea  erstreckte  sich  so 
weit  in  die  Wirbelhohle  hinab,  als  ich  mit  dem  Finger  reichen 
konnte.  Aus  dem  Riickgrathskanal  floss  beim  Senken  des  Kop- 
fes eine  Menge  heller  seroser  Flussigkeit. 

Ich  hatte  vor  der  Section  mehreren  Collegen  den  Sitz  der 
Krankheit  vorherbestimmt,  gestutzt  auf  die  Analogie  eines  kurz 
zuvor  beobachteten  Fades.  Im  Monat  Marz  1832  wurde  mein 
Rath  fur  ein  halbjahriges  Kind  weiblichen  Geschlechts  begehrt, 
welches  seit  neun  Wochen  an  einer  starren  Ruckwartsbiegung 
des  Kopfes  litt.  Es  war  unmoglich  denselben  vorwarts  oder  nach 
der  Seite  zu  wenden.  Die  Cervicalmuskeln  waren  sehr  steif  und 
hart.  Dabei  fast  immer  soporoser  Zustand,  erweiterte  Pupillen, 


434 


SPIN  ALE  KRAEMPFE. 


jedoch  dauerte  die  Fiihigkeit  zu  saugen  fort.  Die  oberen  nud 
unteren  Extremitiiten  waren  gelahmt,  abgemagert  und  weik.  ]jei 
der  Leichenoffnung  fand  ich  eine  sehr  betrachtliche  Ansammlung 
seroser  Fliissigkeit  in  den  Hirnhohlen,  die  um  das  Dreifache  ih- 
res  gewohnlichen  Lumen  erweitert  waren.  Das  Monrosche  Loch 
hatte  den  Umfang  des  crsten  Daumengliedes.  Die  Adergeflechte 
waren  hydatidds.  Beim  Aufheben  des  kleinen  Gchirns  kam  auf 
der  Basis  eine  Wasserblase  von  dem  Umfange  eines  kleinen  Ap- 
fels  zum  Vorschein,  welche  beim  Herausnehmen  einriss,  und 
eine  Menge  heller  seroser  Flussigkeit  entleerte.  Bei  der  mit 
meinem  verehrten  Freunde  Ilerrn  Prof.  Schlemm  angestellten 
Untersuchung  ergab  sich,  dass  die  Arachnoidea  an  der  Stelle,  wo 
sie  sich  vom  kleinen  Gehirn  uber  die  obere  (hintere)  Flache  des 
verlangerten  Markes  zuriickschlagt,  zu  einem  blinden  Sacke  er- 
weitert war,  welcher  mit  einer  stumpfen  Spitze  endete.  Die 
Arachnoidea  selbst  war  sehr  verdickt,  und  von  fester  Consistenz. 
(Das  Priiparat  befindet  sich  auf  dem  anatomischen  Musaum  der 
hiesigen  Universitiit.) 

Diese  beiden  Falle  sind  noch  unter  einem  andern  Gesichts- 
punkte  beachtungswerth.  In  dem  ersteren  war  trotz  der  zugleich 
vorhandenen  Hirnhohlenwassersucht  weder  Sopor,'  noch  sonst  eine 
erhebliche  Stoning  der  Hirn-  und  Sinnesverrichtungen  bis  kurze 
Zeit  vor  dem  Tocle  bemerkbar;  in  dem  zweiten  Falle  zeigte  sich 
nebst  der  fast  bestiindigen  Betaubung  Liilimung  dcr  Rumpfglieder. 
Es  ist  mir  diese  Verschiedenheit  der  Symptome  erklarbar  aus 
der  bei  dem  einen  Ivinde  freien,  und  durch  die  Riickwartsbie- 
gung  des  Kopfes  begiinstigten  Communication  des  Hirnwassers 
mit  der  Wirbelhohle,  wahrend  diese  bei  dem  andern  durch  die 
zu  einem  geschlossenen  Sacke  erweitcrte  Arachnoidea  gehemrat 
war,  wovon  ein  starker  Druck  auf  das  Gehirn  und  den  oberen 
Theil  des  Riickenmarks  die  Folge  sein  musste. 


435 


SPINALE  KRAEMPFE. 

Das  Riickenmark  untcrschcidct  sicli  als  Leitungsapparat  von 
den  peripherischcn  Bahnen  dadurch,  dass  cs  niclit  nur  die  Summe 
der  einzelnen  Primitivfasern  der  Nerven  enthalt,  sondcrn  auch 
mit  Anordnungen  der  Fasern  zu  Gruppen  versclicn  ist,  wodurch 
die  Errcgung  zu  bestimmten  Arten  der  Bewegung  moglich  ge- 
maclit  wird.  Als  solche  sind  die  antagonistischen  und  combinirten 
zu  betrachten,  die  der  cerebralen  Mitwirkung  niclit  bcdiirfen,  wie 
es  dieVersuclie  an  enthaupteten  Thieren  beweisen.  Nach  Wegnahme 
des  Gehirns  kommen  nicht  nur  Flexion  und  Extension,  Abduction 
und  Adduction,  Pronation  und  Supination  der  Glieder  zu  Stande, 
sondern  auch  ganze  Reihen  von  Bewegungen,  die  den  normalen 
durch  die  Vorstellung  fur  einen  gewissen  Zweck  angeregten  ahnlich 
sind:  so  sielit  man  decapitirte  Giinse  mit  den  Fliigeln  schlagen, 
gekopfte  Frosche  ihre  gestreckte  liegende  Stellung  gegen  cine 
sitzende  vertauschen,  ihre  Pfoten,  wenn  man  sie  reizt,  unter  den 
Bauch  verstecken  u.  s.  f.  ( Volkmann  iiber  Reflexbewegungen  in 
Mullers  Archiv  etc.  1838.  S.  22).  Diese  combinirte  Bewegun- 
gen  entstehen  sowohl  auf  Reizung  peripherischer  sensibler  Ner- 
ven, als  auf  Reizung  der  Durchschnittsllachen  des  Ruckenmarkes, 
und  selbst  der  Sitz  der  Reizung  scheint  zu  den  Combinationen 
der  motorischen  Nerven  und  den  dadurch  angeregten  Formen  der 
Bewegung  in  naherer  Beziehung  zu  stehen.  Nach  Valentin  (de 
funct.  nerv.  cerebr.  p.  134)  bringt  Reizung  der  oberen  Flache  des 
Riickenmarks  Streckbewegungen  der  entsprechenden  Extremitiit, 
Reizung  der  unteren  Flache  Flexionsbewegungen  hervor.  Nach 
Budges  Yersuchen  (Untersuchungen  ub.  das  Nervensystem.  1841, 
4.  Heft.  S.  45)  sind  die  Nerven,  welche  die  Streckung  erzeugen, 
in  den  vorderen  (unteren),  die  Nerven  fur  die  Beugung  dagegen  in 
den  ohersten  (hintersten)  Schichten  vorherrschend.  Aus  cinigen  an- 
dern  Experimenten  ergiebt  sich,  dass  man  an  gekopften  Froschen 
absichtlich  Bewegungen  der  Abduction  und  Extension  erregen 
kann,  wenn  man  die  Riickenhaut  der  ganzen  Lange  nach  reizt, 
und  wiederum  Bewegungen  der  Adduction  und  Flexion,  wenn 

Romberg’s  Tiervenkrankh.  I.  2.,  gg 


43G 


SPIN  ALE  KRAEMPFE. 


man  die  Haut  dcs  Bnuclics  znm  Sitze  dcr  Reizung  nimmt  ( Va- 
lentin I.  c.  p.  10.1).  Aehnliche  Erscheinungen  zeigten  sidi  in  ei- 
nem  von  Marshall  Hall  (on  the  diseases  and  derangements  of 
the  nervous  system.  London  1841.  p.  237)  angefuhrten  Falle  von 
Paraplegic  und  Anasthesie  in  Folge  einer  Kyphosis.  Durch  Fric- 
tion der  des  Gcfuhls  verlustigen  Haut  des  Bauches  und  des  Os 
ilium  auf  der  rechten  Seite  entstand  sofort  starke  Extension 
des  rechten  Beins  (dasselbe  war  auch  in  der  weiter  unten  mit- 
getheilten  Beobachtung  von  Budd  der  Fall.  Ygl.  auch  S.  272), 
dagegen  das  Reiben  der  Sacralgegend  augenblicklich  Flexion 
des  Kniees  und  Oberschenkels  hervorbrachte. 

Die  Wurdigung  dieser  die  Bewegungen  gruppirenden  Mecha- 
nik  und  Thatigkeit  des  Riickenmarks  wirft  auf  einen  Krankheits- 
zustand  Licht,  fiber  welchen  bisher  Yerwirrung  geherrscht  hat. 
Es  ist,  dm  mich  des  allgemein  gebrauchlichen  Ausdrucks  zu  be- 
dienen,  die 

Chorea  St.  Viti. 

Combinirte  Bewegungen  einzelner  oder  mehrerer  Muskelgrup- 
pen,  unabhiingig  von  cerebralem  Einllusse,  durch  die  vom  Willen 
intendirten  Bewregungen  an  Heftigkeit  zunehmend  und  deren 
Vollziehung  mehr  oder  minder  storend,  sind  die  Grundzuge  die- 
ser Affection.  Ihre  verschiedenen  Formen  sind  zur  Zeit  noch  nicht 
genugend  erforscht.  Am  bekanntesten  ist  man  mit  der  im  kind- 
lichen  Lebensalter  vorkommenden,  deren  Bild  zum  Prototyp  die- 
nen  mag. 

Die  Krankheit  beginnt  meistens  allmahlich,  mit  gelinden  Sym- 
ptomen,  die  gewohnlich  unbeachtet  bleiben  oder  gemissdeutet  wer- 
den,  mit  Unsicherheit  der  willkuhrlichen  Bewegungen,  deren  Aus- 
fuhrung  ungeschickt  und  hastig  geschieht,  mit  unstater  Haltung, 
so  dass  die  Kranken  nicht  lange  stille  sitzen  konnen,  ohne  aul 
dem  Stuhle  hin  und  her  zu  riicken,  ohne  Arme  und  Beine  zu 
bewegen.  Schon  jetzt  zeigt  sich  dann  und  warm  schnell  abweeh- 


CHOREA. 


437 


selnd  Supination  und  Pronation,  Adduction  und  Abduction  der 
Hand,  wobei  das,  was  sie  halt,  entgleitct.  Im  wciteren  Verlaufe 
nehmen  diese  Bewegungen  an  Extensitiit  und  Intensitat  zu.  Der 
Arm  wird  ruckweise  in  die  Hohe,  nach  vorn  oder  hinten  oder 
seitwarts  gescldeudert,  das  Bein  dreht  sich  nach  innen  und  eben 
so  schnell  nach  aussen.  Hals-  und  Gesichtsmuskeln  nehmen  Theil. 
Der  Kopf  wendet  sich  blitzesschnell  nach  einer  oder  anderen 
Seite,  der  Mund,  das  Auge  offnet  und  schliesst  sich,  die  Lippen- 
fuge  verzerrt  und  stellt  sich  wieder  grade,  der  Bulbus  rollt,  schielt, 
die  Zunge  wird  hervorgeschnellt.  Spiiterhin  nehmen  die  Rumpf- 
muskeln,  mit  Ausnahme  der  respiratorischen,  Theil,  und  alle  Be- 
wegungen, obgleich  noch  immer  in  combinirten  Ziigen,  arten  in 
gewaltsames  Werfen  und  Schleudern  aus.  Selbst  der  Rumpf 
schnellt  in  die  Hohe,  der  Kranke  kann  kaum  mehr  auf  dem  La- 
ger gehalten  werden.  Mehrentheils  sind  beide  Seiten  afficirt, 
seltner  nur  eine,  und  zwar  die  linke  starker  und  ofter  als  die 
rechte,  nach  Rufz  und  Andrer  Beobachtung.  Niemals  sind  die 
unteren  Extremitaten  allein  befallen,  die  oberen  zuweilen.  Ka- 
rakteristisch  ist  das  Verhaltniss  zu  den  willkuhrlichen  Bewegun- 
gen: die  Ietzteren  gehen  fast  immer  in  die  ebengeschilderten 
uber,  um  so  mehr,  wenn  sie  eines  hoheren  Grades  von  Associa- 
tion bediirfen.  So  ist  schon  das  Stehen  und  Gehen  erschwert: 
noch  mehr  wird  das  Handhaben  gewisser  Gegenstande  verhindert, 
und  selbst  unmoglich.  Bereits  Sydenham , der  mit  Meisterschaft 
auch  von  dieser  Krankheit  die  Umrisse  entworfen,  hat  die  Be- 
merkung  gemacht:  si  vas  aliquod  potu  repletum  in  manus  porri- 
gatur,  antequam  illud  ad  os  possit  adducere,  mille  gesticulationes, 
circulatorum  instar  exhibebit;  cum  enim  poculum  recta  linea  ori 
admovere  nequeat,  deducta  a spasmo  manu,  hue  illuc  aliquamdiu 
versat,  donee  tandem  forte  fortuna  illud  labris  propius  apponens, 
liquorem  derepente  in  os  injicit  atque  avide  haurit,  tanquam  mi- 
sellus  id  tantum  ageret  ut  dedita  opera  spectantibus  risum  mo- 
veret  (Schedula  monitoria  de  novae  febris  ingressu  in  Op. 

29  * 


omn. 


438 


SPINALE  KRAEMPFE. 


ed.  Genev.  T.  f.  p.  301).  Soil  der  Krankc  die  Zunge  heraus- 
strecken  und  halten,  so  geschieht  es  mit  grosser  Schwierigkeil: 
gcwohnlich  wird  sie  jiilie  zuriickgezogen.  Endlich  ist  es  die 
combinirte  Action  des  Sprechens,  des  Sclduckens,  welche  sehr 
erscliwert  und  unterbroclicn  wird:  undeutliche  Aussprache,  Stam- 
meln,  Sto.ttern  sind  sehr  haufige  Begleiter.  Andrerseits  ist  der 
Einfluss  des  Widens  auf  die  krampfhaften  Bewegungen  in  der 
Mehrzahl  der  Fade  sehr  beschriinkt.  Trotz  hiiufigcr  und  ernster 
AulForderungen  von  meiner  Seite  ihren  Arm  in  einer  bestimmten 
Stellung  zu  erhalten,  vermochten  die  moisten  Kranken  es  nur  auf 
kurze  Zeit,  so  wie  auch  das  Stiitzen  und  Festhalten  der  Glieder 
nicht  ausreicht.  Dagegen  fiihrt  der  ruhige  Schlaf  Nachlass  und 
Pause  der  Bewegungen  mit  sich,  wahrend  in  dem  von  Traumen 
begleiteten,  nach  Marshall  Hall's  Beobachtung,  die  Bewegungen 
fortdauern.  Das  Verhaltniss  der  Empfindung  zur  Bewegung  ist 
nicht  minder  beachtungswerth : wie  heftig  und  oft  diese  sich  auch 
wiederholen  mag,  ein  Gefiihl  von  Ermudung  oder  iiberhaupt  von 
Beschwerde  wird  nicht  rege.  Die  Production  motorischer  Kraft 
ist  fast  immer  verringert,  daher  die  Schlaffheit  der  Gliechnassen 
und  die  Unfahigkeit  zur  Ausdauer  und  zu  Anstrengungen.  Psy- 
chische  Storungen  machen  sich,  ausgenommen  bei  Complicationen, 
nicht  bemerkbar.  Die  unter  sympathischen  Nerveneinlliissen  ste- 
henden  Bewegungen  sind  in  der  Regel  ungestort:  niemals  hat 
sich  mir,  obgleich  ich  meine  Aufmerksamkeit  in’sbesondre  darauf 
richtete,  die  Gelegenheit  dargeboten,  in  den  Bewegungen  des 
Herzens  eine  Abweichung  von  der  Norm  wahrzunehmen.  Addison 
und  Babington  haben  in  einer  grossen  Zahl  von  Fallen  den  ersten 
Ilerzton  von  einem  sanften  Blasebalggerausche  begleitet  gefunden 
(. Babinglon  on  chorea  in  Guys  hospital  reports.  1841.  Vol.  VI. 
p.  415).  Nach  demselben  Beobachter  soil  Abmagerung  liiiulig 
sich  einstellen.  Schnelles  Wachsthum  in  und  nach  der  Krank- 
heit  findet  nicht  selten  statt. 

Mit  jenen,  meistens  ohne  Intermissionen,  und  gewohnlich  mit 


CHOREA. 


439 


nur  kleinen  Nachlassen  in  der  Zeit  des  Wachens  obwaltenden 
Symptomen  pflegt  der  Veitstanz  die  Dauer  von  einem  oder  meh- 
reren  Monaten  zu  haben.  Selten  nimmt  er  einen  langwierigen 
Verlauf,  und  dehnt  sich  auf  eine  Reihe  von  Jahren  aus,  list  als- 
dann  minder  intensiv,  und  auf  einzelne  Muskelgruppen  beschrankt. 

Complication  mit  andern  Krankheiten  findet  statt,  ohne  dass 
dadurch  der  Gang  der  Chorea  unterbrochen  oder  modificirt  wird. 
Gehirnleiden  gesellen  sich  ofters  hinzu:  Aufgeregtheit , Delirien 
oder  Stumpfsinn,  zuweilen  auch  entziindliche  Zustande.  Nach 
Bright’s  Erfahrung  (Reports  of  medical  cases  etc.  Yol.  II.  P.  II. 
p.  493.  und  Med.  chirurg.  transact.  Vol.  XXII.  p.  10)  gehoren 
rheumatische  Affectionen,  sowohl  Gelenkrheumatismus  als  Pericar- 
ditis rheumatica,  zu  den  haufigeren  Complicationen  und  Anlassen, 
womit  meine  Beobachtungen  nicht  ubereinstimmen.  Die  Com- 
plication mit  acuten  Exanthemen,  mit  Entziindung  der  Lungen, 
des  Darmkanals,  mit  Keichhusten  bring!  keine  Veranderung  in 
den  Symptomen  der  Chorea  hervor,  dagegen  nach  Guersant  die 
hinzugetretene  Krankheit  leicht  einen  asthenischen  Karakter  an— 
nimmt  (vgl.  Rufz  Untersuchungen  uber  den  Veitstanz,  aus  dem 
Franz,  der  Archives  gener.  de  medec..  Fevr.  1834  ubers.  in  den 
Analekten  uber  Ivinderkrankheiten.  8.  Heft.  S.  99). 

Unter  den  disponirenden  Ursachen  steht  ein  bestimmtes  Le- 
bensalter  oben  an,  von  der  zweiten  Dentition  bis  zur  Entwicke- 
, lung  der  Pubertiit,  besonders  vom  zehnten  bis  zum  funfzehnten 
Jahre.  Demnacbst  das  weibliche  Geschlecht,  auf  welches  die 
mehr  als  doppelte  Zahl  der  Kranken  fallt,  wie  sich  aus  folgender 
Uebersicht  von  Rufz  ergiebt.  In  das  Pariser  Kinclerhospital  sind 
im  Laufe  von  10  Jahren  (1824—1833)  32976  Kranke  aufgenom- 
men  wordcn,  darunter  warcn  17213  Knaben  und  15763  Madchen. 
Von  dicsen  litten  189  an  Chorea: 


/ 


440 


SPINALE  KRAEMPFE. 


J a h r e : 

K n a b e n : 

M ii  d c hen: 

S u m m a : 

1—4 

3 

2 

5 

4—6 

2 

3 

5 

6 — 10 

16 

45 

61 

10—15 

30 

88 

118 

51 

138 

180 

In  den  nordlichen  Breiten  scheint  die  Krankheit  weit  haufiger 
vorzukommen,  als  in  den  siidlichen.  In  den  Tropen  ist  sie  von 
Aerzten,  die  lange  Zeit  dort  gelebt  haben  ( Rochoux  u.  A.)  gar 
nicht  beobachtet  worden.  Erbliche  Anlage  ist  selten.  Eines  Fal- 
les  von  angeborner  Chorea  und  Blodsinn  erwahnt  Maxjo  (outlines 
of  human  pathology,  p.  170).  Unter  den  gelegentlichen  Anlassen 
sind  Gemiithsaffecte,  vorzuglich  Schreck  und  Furcht  am  wirksam- 
sten,  so  wie  auch  durch  den  Einfluss  der  Emotion,  durch  blosse 
Yerlegenheit  schon  beim  Beobachtetwerden  von  Andern  die  krampf- 
haften  Bewegungen  an  Intensitat  zunehmen.  Mimische  Ueber- 
tragung  lasst  sich  kaum  nachweisen  Reflexreize  haben  am  hau- 
figsten  im  Digestions-  und  Geschlechtsapparat  ihren  Sitz.  Doch 
hat  man  Helminthen  hierbei  eine  wichtigere  Rolle  zugeschrieben, 
als  ihnen  bei  genauer  Prufung  zukommt.  Der  Uterus  giebt  sich 
als  Heerd  der  Reizung  durch  die  oftere  Erscheinung  der  Chorea 
vor  dem  ersten  Eintritte  der  Catamenien,  oder  bei  Amenorrhoe, 
oder  selbst  wahrend  der  Graviditat  (nach  Beobachtungen  engli- 
scher  Aerzte)  kund.  Bei  Knaben  hat  sowohl  die  Entwickelung 
der  Pubertat  als  die  onanistiscbe  Ueberreizung  eine  unverkenn- 
bare  Einwirkung.  Unmittelbare  Reizung  des  Riickenmarkes  und 
seiner  Hiillen  ist  von  Einigen  als  Ursache  ang'enommen  worden. 
So  betrachtet  Stiebel  eine  Anschwellung,  und  beim  Drucke  mit 
dem  Finger  oder  beim  Hinuberfahren  mit  dem  heissen  Schwamme 
schmerzhafte  Empfmdlichkeit  des  siebenten  Ilalswirbels  als  Grund 
der  Chorea  (Kleine  Beitrage  zur  Heilwissenschaft.  Frkfrt.  a.  M. 
4823.  S.  50),  und  hat  dieselbe  niemals  vcrmisst.  In  dem  gross*- 
ten  Theil  der  von  mir  in  einer  nicht  geringen  Zahl  untersuchten 


CHOREA. 


441 


Fiille  babe  ich  cine  solche  Veranderung  nicht  entdccken  kbnnen, 
so  wie  iiberhaupt  cine  Verglcichung  mit  gesundcn  Individuen 
mich  gelehrt  hat  auf  diese  Hervorragung  des  siebenten  Halswir- 
bels  kein  erhebliches  Gewicht  zu  legen.  Froriep  hat  zuerst  aid' 
die  Anschwellung  des  Proc.  odontoideus  aufmerksam  gemacht. 
Nur  ein  Mai  hahe  ich  die  Chorea  aus  einer  entzundlichen  Affec- 
tion des  Riickenraarks  sich  hervorbilden  gesehen,  bei  einem  drei- 
zehnjahrigen  scrofulosen  Knaben,  der  in  seinem  fiinften  Jahre  eine 
starke  Kopfverletzung  erjitten  hatte,  wovon  noch  eine  Narbe  am 
Hinterhaupte  fdhlbar  war.  Heftiges  Fieber,  Schmerzhaftigkeit  der 
ganzen  Oberflache,  welche  besonders  in  der  Nacken-  und  Dor- 
salgegend  am  starksten  war,  und  dnrch  jede  Bewegung  gesteigert 
wurde,  unveranderte  Riickenlage,  Unffihigkeit  zu  stehen,  haufiger 
Harnclrang,  Stuhlverstopfung,  Delirien,  abwechselnd  mit  Somno- 
lenz  — diese  Zufalle  erheischten  ein  kraftiges  antiphlggistisches 
Verfahren,  welehes  auch,  zumal  die  Wiederholung  der  ortlichen 
Blutentleerungen  am  Kopf  und  langs  der  Wirbelsaule,  binnen  acht 
Tagen  den  erwiinschten  Erfolg  hatte.  Eine  Woche  darauf  stell- 
ten  sich  convulsivische  Bewegungen  des  Mundes,  der  oberen  und 
unteren  Extremitaten  ein,  Unsicherheit  beim  Stehen  und  Gehen, 
Aufregung  der  psychischen  Thatigkeit,  welche  sich  auch  zur  Nacht- 
zeit  durch  lautes  irres  Sprechen  und  unruhige  Traume  ausserte. 
Nach  ein  Paar  Tagen  beschriinkten  sich  die  krampfhaften  Bewe- 
gungen auf  den  Mundwinkel,  Arm  und  Fuss  der  rechten  Seite, 
und  die  in  der  Chorea  sich  geltendmachende  Beeintrachtigung 
der  willkiilirlichen  Bewegung  gab  jenen  Anstrich  von  Verkehrt- 
heit,  wclcher  von  Laien  so  oft  als  Possirlichkeit  oder  Angewoh- 
nung  der  Kinder  gedeutet  wird. 

Der  Tod  erfolgt  in  der  Chorea,  wenn  nicht  in  Folge  von 
Complication  mit  andern  Krankheiten,  sehr  selten,  und  auch  dann 
nur  uriter  Hinzutritt  typhoser  odor  entzundlicher  Affection  des 
Gehirns.  Die  anatomischen  Untersuchungen  haben  bisher  nega- 
tive Resultate  gegeben,  Mangel  organischer  Verandcrungcn  des 


442 


SPINALE  KRAEMPFE. 


Riickenmarks , die  in  eincr  bestimmtcn  Beziehung  zur  Krankheit 
stehen  ( Rufz  1.  c.  S.  100).  Eine  gcnaue  Beobachtung  ist  von 
Bright  mitgetheilt.  Bci  einem  17 jiihrigen  Miidchen  iialte  die 
Chorea  zum  zweitenmale  rccidivirt,  und  einen  hohen  Grad  von 
Intensitat  erreicht.  Der  Tod  trat  unter  typhosen  Erscheinungen 
ein.  Bei  der  Section  fanden  sich  ausser  betrachtlicher  Ueberful- 
lung  des  grossen  Gehirns  mit  Blut  5 — 6 kleine  Knochenlamellen 
an  der  Pia  mater  der  unteren  Ilalfte  des  Riickenmarks,  welches 
iibrigens  vollkommen  normal  war.  Das  rcchte  Ovarium  enthielt 
eine  mit  rothcr  zither  Suhstanz  gefiillte  Cyste  von  der  Grosse  einer 
Haselnuss,  und  an  den  Fimbrien  der  rechten  Tuba  Fallop.  hatten 
knocherne,  balbdurchsichtige  Concremente  sich  abgelagert,  von 
dem  Ansehen  grosser  Sandkorner,  und  unregelmiissiger  Form. 
Aehnliche  Concremente  hatten  auf  der  iiusseren  Flache  des  Ligam. 
lat.  ihren  Sitz  (Reports  of  medical  cases  p.  489).  Froriep  ver- 
dankt  man  folgenden  interessanten  Fall:  August  S.,  10  Jahr  alt, 
hatte  bcreits  seit  einem  Jahre  fortwiihrend  an  Zuckungen  der 
willkuhrlichen  Muskeln  gelitten,  welche  zwar  ofters  freie  Zwi- 
schenraume  eintreten  licssen,  allein  alien  iirztlichen  Bemuhungen 
trotzten.  Am  8ten  Juli  1834  wurde  der  Knabe  in  das  Charite- 
Krankenhaus  aufgenommen.  Die  Zuckungen  zeigten  das  vollstiin- 
digste  Bild  des  Veitstanzes,  und  hetrafen  sammtliche  willkuhrliche 
Muskeln,  mit  hesonderer  Heftigkeit  aber  die  der  oberen  Extremi- 
tiiten  und  des  Gesichts.  Es  mussten  befestigcnde  Zwangmittel 
angewendet  werden,  um  den  Kranken  vor  Beschiidigung  zu  be- 
wahren.  Er  bewegte  den  Kopf  bestiindig  von  einer  Seite  zur 
andern,  hatte  fortwiihrende  Zuckungen  und  Verzerrungen  im  Ge- 
sichte.  Dieses  war  dunkelroth,  und  iiberhaupt  konnten  die  Zei- 
chen  hcftiger  Congestionen  nach  dem  Kopfe  nicht  verkannt  wer- 
den. Das  Bewusstsein  war  indess  frei.  Das  Zucken  horte  kaum 
in  der  Nacbt  auf  kurze  Zeit  auf;  sclbst  wiihrend  des  Sclilafes 
bewegte  sich  der  Kranke  fast  fortwiihrend,  und  nach  kurzem  un- 
ruhigem  Schlummer  wurde  er  durcb  auf’s  Neuc  ausbrechende 


CHOREA. 


443 


heftigere  Krampfanfalle  bald  wieder  geweckt.  Auch  das  Schluk- 
ken  war  sehr  erschwert:  die  Stuhlverstopfung  hartnackig.  Am 
13ten  Juli  trat,  nachdem  in  der  Nacht  die  Convulsionen  in  im- 
mer  grdsserer  Heftigkeit  ununterbrochen  angehalten  hattcn,  der 
Tod  apoplectisch  ein.  — Bei  der  Section  zeigten  sich  sowohl 
die  grosseren  Yenen  auf  der  Oberflache  des  Gehirns,  als  auch  die 
Gelasse  der  Gehirnsubstanz  sehr  stark  mit  Blut  angeiullt.  Das 
grosse  und  kleine  Gehirn,  so  wie  die  Varolsbriicke  waren  normal 
beschaffen.  An  der  unteren  vordercn  Flache  der  Medulla  oblon- 
gata war  ein  platter  grubenartiger  Eindruck  bemerkbar,  wie  wenn 
mit  dem  kleinen  Finger  dagegen  gedriickt  worden  wiire.  Die 
Haute  dieses  Theils  waren  undurchsichtig , und  gegen  die  Seiten 
hin  verdickt.  Diesem  Eindrucke  entsprechend  zeigte  sich  das 
Foramen  magnum  an  der  Basis  cranii  auffallend  veriindert,  indem 
dasselbe  nicht  mehr  die  normale  quer- ovale  OefFnung  bildete, 
sondern  eine  bohnenformige  Gestalt  hatte,  mit  nach  vorn  gerich- 
tetem  hilus.  Bei  weiterer  Untersuchung  ergab  sich,  dass  diese 
Formyeranderung  einzig  und  allein  von  Anschwellung  des  Proc. 
odontoideus  epistrophei  abhing.  Dieser  Knochenfortsatz  hatte  voll- 
• kommen  die  Grosse  und  Dicke  wie  bei  einem  erwachsnen  Manne, 
zeigte  aber  ubrigens  nur  ungewohnlichen  Reichthum  der  spon- 
igiosen,  etvvas  derben  Substanz,  ohne  irgend  eine  andre  krankhafte 
'Veriinderung.  Die  Knochen  des  Hinterhauptbeins , des  Atlas,  so 
wvie  des  Korpers  und  Bogens  des  Epistropheus  waren,  so  weit 
sich  dieses  erkennen  liess,  durchaus  normal  beschaffen  (Neue  No- 
l tizen  aus  dem  Gebiete  der  Natur-  und  Heilkunde  No.  224.  S.  57). 
'Mir  selbst  bat  sich  bisher  in  drei  Fallen  von  Chorea  die  Gele- 
-^enlieit  dargebotcn  die  Untersuchung  nach  dem  Tode  vorzuneh- 
uen,  doch  konnte  nur  in  einem  die  Wirbelhohle  geoffnet  werden. 

Ein  76jahriges  unverheirathetes  Frauenzimmer  litt  seit  ihrcm 
;echsten  Jahre  an  Chorea.  Ihre  intellectuellen  Fahigkeiten  blie- 
oen  bis  zum  letzten  Jahre  vor  ihrem  Tode,  zu  welcher  Zeit  eine 
Dementia  senilis  sich  cntwickclte,  ungestort.  Die  Sprache  war 


444 


SPINALE  KRAEMPFE. 


das  gauze  Leben  hindurch  undeutlich  und  erschwert.  Die  combinir- 
ten  Zi'ige  krampfhafter  Bewegungen  der  Extremitiiten,  besonders 
der  oberen,  waren  bei  dieser  Kranken  noch  nach  70jahriger  Dauer 
so  karakteristisch , wie  beim  frischen  Yeitstanz.  Auch  nahmen 
die  Kumpfmuskeln  Theil,  so  dass  der  Korpcr  oft  nadi  einer  oder 
andern  Seite  gesdileudert  wurde.  Beide  Halften  des  Gesidits 
waren  vom  mimischen  Krampfe  befallen.  Die  Muskelkraft  der 
Beine  hatte  in  den  letzten  Jahren  sehr  abgenommen,  wahrend 
die  Sensibilitat  sicb  ungestort  erhielt.  Chronisdier  Catarrh  und 
Lungenemphysem  waren  seit  langerer  Zeit  vorhanden.  Der  Tod 
erfolgte  am  15ten  Februar  1841  asphyctisdi.  Das  grosse  Gehirn 
war  atrophisch.  Die  Windungen  waren  sehr  dlinn  und  standen 
weit  von  einander  ab.  In  diesen  Zwischenraumen  und  zwisfchen 
den  Membrenen  auf  der  Aussenflache  stagnirte  eine  betrachtliche 
Quantitiit  seroser  Fliissigkeit.  Beide  Grossbirnschenkel  waren 
dergestalt  erweicht,  dass  beim  Herausnehmen  aus  dem  Schadel 
das  Gehirn  an  diesen  Stellen  durchriss.  Ihre  Farbe  war  durch- 
gangig  braunlich,  daher  der  Contrast  der  weissen  und  scbwarzen 
Substanz  nicht  bemerkbar.  Das  Riickenmark  wurde,  so  tief  man 
es  vermochte,  durchschnitten  und  herausgenommen,  allein  in  sei- 
ner Consistenz  und  Beschaffenheit  unverandert  befunden.  Auch 
floss  beim  Senken  des  Kopfes  nur  wenig  Fliissigkeit  aus  der 
Wirbelhohle. 

Der  andre  Fall  betraf  einen  zehnjahrigen  Knaben,  der  von 
einer  so  intensiven  Chorea  befallen  war,  wie  ich  sie  bis  daliin 

noch  nicht  beobachtet  hatte.  Beide  Seiten  waren  der  Sitz:  die 

/ 

Muskeln  des  Gesichts,  der  Extremitiiten,  des  Rumpfes  agirten 
bei  Tage  mit  nur  geringen  Remissioncn,  die  letzteren  mit  solcher 
Gewalt,  dass  der  Korper  vom  Sopha  erhoben  und  auf  die  Erde 
geworfen  wurde.  Die  Ausfiihrung  jeder  willkiihrlichen  oder  an- 
befohlenen  Bewegung  ward  vereitelt.  Der  Schlaf  war  sehr  kurz, 
unruhig,  so  dass  auch  zur  Nachtzeit  eine  nur  gcringe  Untcrbre- 
diung  stattfand.  Die  Sprache  war  sehr  erschwert,  zuletzt  ganz 


CHOREA. 


445 


verhindert.  Ausser  hartnackiger  Obstruction  bot  sich  keine  Sto- 
ning dar.  An  diesem  Kranken  stellte  ich  zu  wiederholten  Malen 
Versuche  an,  um  zu  ermitteln,  ob  die  Reizung  der  Haut  an  ver- 
schiedenen  Stellen  Einfluss  auf  den  Modus  der  Bewegung  babe, 
fand  aber  durchaus  keine  solche  Beziehung:  selbst  bei  der  kit— 
zelnden  Beriihrung  der  Volar-  und  Palmarflache  traten  weder 
verstarkte  noch  veranderte  Bewegungen  ein.  Eben  so  wenig 
zeigten  sich  andre  Einwirkungen  von  Einfluss  auf  den  Gang  und 
die  Aeusserung  der  Krankheit.  Nur  Begiessen  des  Kopfes  und 
Riickens  mit  kaltem  Wasser  hatte  eine  Steigerung  der  Krampfe 
zur  Folge.  Nach  vierwochentlicher  Dauer  begann  eine  entziind- 
liche  Hirnaffection.  Mit  Eintritt  der  Bewusstlosigkeit  liess  die 
Heftigkeit  der  Bewegungen  nach.  Auffallend  war  eine  rasche 
excessive  Abmagerung,  besonders  des  Gesichts,  dessen  Ziige  das 
iGeprage  der-.Decrepiditiit,  wie  in  der  Tabes  mesenterica,  annah- 
men.  In  den  letzten  zwolfStunden  hatten  die  Zufalle  der  Chorea 
.ganz  aufgehort. — Bei  der  am  16ten  Mai  1841  angestellten  Sec- 
tion fand  ich  ein  im  Verhiiltniss  zur  Schadelhohle  sehr  volumi- 
noses  Gehirn,  welches  wie  zusammengepresst  nach  Abnahme  der 
■ Schadelknochen  in  die  Hohe  stieg.  Die  Gefassinjection  der  Ober- 
iflache  war  betrachtlich.  Die  Arachnoidea  war  triibe  und  mit 
i einer  Menge  exsudirter  albuminoser  Stofie  langs  dem  innern  Rande 
der  Hemisphare  bedeckt.  Durch  eine  zufallige  Verletzung  beim 
Durchsagen  war  eine  Menge  heller  seroser  Fliissigkeit  aus  dem 
Ventrikel  ausgeflossen.  Die  Centraltheile  des  Gehirns,  Fornix, 
Septum,  und  die  Wandungen  der  Seitenhohle  waren  zu  einer 
breiartigen  Consistenz  erweicht.  Auch  die  Vierhugel  waren  so 
weich,  dass  sie  bei  der  Beruhrung  zerflossen.  Die  normalc  Fe- 
stigkeit  der  iibrigen  Theile  des  grossen  und  kleinen  Gehirns  con- 
itrastirte  mit  dieser  Beschaflenheit.  Medulla  oblongata  und  spi- 
nalis, so  weit  sie  untersucht  werden  konnte,  boten  keine  Ab- 
wechslung  dar. 

Der  dritte  Fall  betrifft  ein  neunjahriges  Madchen,  welches  seit 


44  G 


SPINALE  KRAEMPFE. 


ein  Paar  Monatcn  von  einem  hohen  Grade  der  Chorea  befallen 
war,  mit  Bewegungen  der  Gesichtsmuskeln , des  Kopfes,  Rum- 
ples, der  Extremitaten , besonders  der  oberen.  Scit  drei  Wochen 
liatte  sich  eine  schleimige  Diarrhoe  hinzugesellt.  Der  Bauch  war 
aufgetrieben , bei  der  Percussion  tympanitisch,  und  beim  tiefen 
Drucke  in  der  Cocalgegend  schmerzhaft.  In  diesem  Zustande 
wurde  das  Kind  am  19.  November  1841  in  die  Kinderclinik  des 
Charite-Krankenhauses  aufgenommen.  Die  Intcnsitat  der  Chorea- 
Erscheinungen  nahm  trotz  des  taglich  mehreremal  sich  wieder- 
holenden  Durchfalls  nicht  ab.  Das  Bewusstsein  war  frei,  die 
Sprache  erschwert,  unverstandlich.  Die  Abmagerung  erheblich. 
Die  Haut  rauh,  die  Zunge  rein  und  feucht.  Bei  dieser  Compli- 
cation nahm  ich  auf  die  entz'undliche  Affection  der  Darmschleim- 
haut  zuerst  Rucksicht.  (Blutegel,  Cataplasmata , Mucilaginosa.) 
Der  Durchfall  verminderte  sich  in  den  nachsten  Tagen.  Am 
22.  trat,  nachdem  ein  breiiger  Stuhlgang  erfolgt  war,  zu  der  noch 
fortdauernden  Auftreibung  des  Unterleibes  eine  so  grosse  Schmerz- 
haftigkeit,  dass  auch  nicht  der  leiseste  Druck  vertragen  wurde. 
In  der  Bauchhohle  liess  sich  deutlich  Fluctuation  fiihlen , und  die 
Fiisse  schwollen  odematos  an.  Diese,  so  wie  auch  die  Hande 
und  Nasenspitze  waren  kalt.  Der  Puls  war  klein,  schwach,  von 
120  Schlagen.  Der  Durst  sehr  stark,  (8  Blutegel,  Fomentation 
des  Bauches  mit  Chamillenabsud,  Calomel  mit  Digit.,  aa  i gr. 
alle  2 St.)  Die  Peritonitis  stieg  an  Intensitat,  wahrend  die  Cho- 
reabewegungen  sich  sehr  verminderten.  Entstellung  des  Gesich- 
tes,  unbewusster  Stuhl-  und  Harnabgang,  unverruckte  R'ucken- 
lage,  odematose  Anschwellung  der  Lumbargegend  (01.  tereb.  aeth. 
zu  5 Tropfen  zweistiindlich  in  Emulsion,  und  zur  Einreibung  in 
den  Bauch).  Am  25.  war  der  Leib  etwas  eingesunken,  die 
Quantitat  des  Urins  vermehrt,  ’allein  die  Schmerzhaftigkeit  in 
glcichem  Grade  vorhanden.  Bei  jeder  Beriihrung  ein  schwacher 
Schrei,  dcr  schnell  in  Wimmern  iiberging.  (Fortsetzung  des  01. 
terebint.,  dessen  iiusserer  Gebrauch  ein  leichtcs  Erv them  hervor- 


CHOREA. 


447 


gebracht  hatte.)  Am  folgenden  Tage  Zunahme  der  Auftreibung 
und  Fluctuation,  Oedem  der  Unter-  und  Oberschenkel,  unbe-  - 
wusster  Abgang  von  Urin  und  fliissigen,  gelblichen  Excremen- 
ten,  kurzer,  beengter  Atliem,  trocknes  Iliistehi.  Am  27.  Agonie 
und  Tod  gegen  Abend.  Bei  der  am  folgenden  Tage  vorgenom- 
menen  Leichenoffnung  wurde  das  Gehirn  gesund  gefunden,  das 
iR’uckenmark  im  Cervical-  und  Dorsaltheile  etwas  erweicbt,  wall- 
rrend  die  Lumbargegend  eine  feste  Consistenz  darbot.  In  der 
IPeritonaalhohle  war  eine  selir  betrachtliche  Mengc  triiber,  braun- 
:gelbcr  Flussigkeit  enthalten.  Der  Beckentlieil  des  Baucbfells 
war  der  Sitz  einer  intensiven  Entzundung,  und  in  demselben  fand 
>sich  zwischen  Blase,  Uterus  und  Mastdarm  eine  ziemlich  grosse 
(Quantitat  dicken,  gelblicli  grunen  Eiters.  Die  Bauch  wand  und 
i das  Peritonaum  boten  keine  Abnormitat  dar.  Im  Diinndarm,  un- 
wveit  des  Coecum  fanden  sich  partielle  Injectionen  und  Narben 
ifriiherer  Geschwiire.  Der  Blinddarm  und  ein  Theil  des  aufstei- 
^genden  Colon  waren  im  hohen  Grade  entz'iindet,  die  Schleimliaut 
war  aufgewmlstet  und  an  mehreren  Stellen  erodirt.  — Ich  muss 
i bedauern,  aus  Unbekanntschalt  mit  Frorieps  Beobachtung,  auf 
i lie  Anschwellung  des  Process,  odontoid,  in  diesen  drei  Fallen 
nicht  aufmerksam  gewresen  zu  sein. 

Im  Allgemeinen  ist  die  Prognose  der  Chorea  gunstig,  nur 
eine  Neigung  zu  Recidiven,  einmaligen  oder  wiedcrholten,  nach 
lingerer  oder  kiirzerer  Frist,  waltet  ob.  Ein  achtjiihriger  Knabe 
i'var  von  mir  an  der  Chorea  behandelt  worden  und  meldete  sich 
in  dem  Alter  von  funfzehn  Jahren  von  neuem  mit  dieser  Krank- 
aeit.  Wo  die  Intensitlit  betrachtlich  war,  bleiben  zuwreilen  ein- 
elne  convulsivische  Grimassen  und  Gesticulationen  das  ganze  Le- 
»en  hindurch.  Blodsinn  als  Folge  wird  von  Einigen  angefiihrt, 
it  mir  jedoch  bisher  nicht  vorgekonnnen. 

Die  Heilung  der  Chorea  kommt  zuweilen  spontan  durch  Aus- 
•ruch  der  Catamenien  und  impetiginoser  Aflectionen  zu  Stande. 
tuch  bei  thcrapeutischem  Eingreifen  gebiihrt  der  Naturheilung 


448 


SPINALE  KRAEMPFE. 


in  der  Mehrzahl  dear  Falle  ein  grosserer  und  wichtigerer  Antheil, 
als  man  anzuerkennen  bereit  ist.  Davon  giebt  die  meistens 
gleichmassige , auf  vicr  Wochen  und  druber  sich  hinziehende 
Dauer  bei  den  verschiedensten  Methoden  Zeugniss.  Nur  selten 
gelingt  ein  Abbrechen  der  Krankheit.  Die  von  mir  beobachte- 
ten  Falle  dieser  Art  betrafen  Kranke  weiblichen  Geschlechts  in 
der  Pubertat-Entwickelung,  mit  Aufregung,  kdrperlicher  und 
psychischer.  Ableitung  auf  den  Darmkanal  durch  taglichen  Ge- 
brauch  der  Purgirmittel  hatte  hier,  ohne  dass  pathische  Stoffe  ent- 
leert  wurden,  die  grbsste  Wirksamkeit.  Stiebel  (I.  c.  S.  54.)  ver- 
spricht  viel,  indem  er  sagt:  „Die  Curmethode  ist  sehr  einfach 
und  sicber.  Blutegel  an  den  siebenten  Halswirbel;  Calomel  in- 
nerlich,  graue  Quecksilbersalbe  in’s  Riickgrath  eingerieben,  be- 
seitigen  diesen  Zustand  sehr  rasch:  Fontanellen  an  beiden  Sei- 
ten  der  Wirbelsaule  heben  die  Anschwellungen  der  Knochen  und 
somit  auch  die  daherruhrenden  Zuckungen  wunderbar  schnell.“ 
Meine  Erfahrung  hat  diesen  Ausspruch  nicht  bestatigt. 

Causale  Indication  lasst  sich  selten  geniigend  stellen,  oder 
wenn  auch  motivirt,  nicht  immer  ausfuhren,  z.  B.  bei  vorangegan- 
genen  GemuthsafFecten.  Storungen  in  den  Uterinfunctionen  miis- 
sen  vorsichtig  ausgeglichen  werden,  da  ein  gewaltsames  Verfah- 
ren  den  Evolutionsprocess  beeintrachtigt. 

Eine  Aufzahlung  der  empfohlenen  Heilmittel  ist  unfruchtbar: 
die  meisten  sind  des  Yertrauens  gar  nicht  wiirdig.  Nennen  wir 
wenige,  aber  zuverlassigere.  Fiir  den  Gebrauch  des  Eisens,  in 
seinen  verschiedenen  Praparaten  erheben  sich  die  meisten  bewahr- 
ten  Stimmen.  Das  kohlensaure  Eisen  wird  von  England  her  ge- 
priesen : nur  ist  die  Dosis  zu  4 Unze  und  druber,  nach  Elliotson 
u.  A.  iibermassig.  In  Deutschland  hat  das  Ferrum  hvdrocyani- 
cum  in  neuerer  Zeit  Eingang  gefunden,  und  auch  mir  in  meh- 
reren  Fallen  seinen  Nutzen  bewahrt,  zu  3 — 8 Gran  pr.  do s.  nach 
Massgabe  des  Alters.  Die  Eisentincturen  zeigten  sich  auf  chlo- 
rotischem  Boden  wirksam.  Nothig  ist  es,  mit  dem  Eisen  stuhl- 


CHOREA, 


449 


befbrdernde  Mittel  zu  verbinden,  Rheum,  Aloe.  Ausser  demEisen 
sind  noch  Zink,  salpetersaures  Silber,  besonders  Arsenik  (die  Tinct. 
Fowler,  verdiinnt  und  in  kleiner  Dosis  zu  1 — 2 Troplen,  zwei- 
mal  taglich ) geriihmt  worden.  Vom  Zinkoxyd,  auch  von  dem  von  - 
Bright  und  Babington  empfohlenen  Zinkvitriol  in  steigender  Gabe 
bis  zu  einem  halben  Scrupel  und  druber  habe  ich  bei  keinem  ein- 
zigen  meiner  Kranken  eine  erhebliche  Wirkung  gesehen.  Blut- 
entlerungen,  sowohl  allgemeine  als  ortliche,  mussen,  wenn  nicht 
durch  dringende  Umstande  indicirt,  vermieden  werden.  Dage- 
.gen  spricht  die  Erfahrung  fur  den  fortgesetzten  Gebrauch  der 
Purgirmittel,  zumal  bei  vollsaftigen  Individuen.  Unter  den  Bii- 
idern  wird  den  mit  Kali  sulphuratum  bereiteten  (4  Unzen  auf  16 
Trachten  Wasser)  der  Vorzug  von  Baudelocque  zuerkannt,  und 
der  Erfolg  hat  sich  im  Pariser  Kinderhospitale  bewahrt.  Die  mitt- 
lere  Dauer  der  Cur  war  24  Tage,  wahrend  sie  sonst  31  betragt. 

( Bufz  1.  c.  S.  106.).  Auch  die  gewohnliche  Electricitat  und  der 
iEIectromagnetismus  ist  zu  empfehlen  (Vgl.  Guy’s  Hospital  re- 
ports. 1841.  vol.  VI.  p.  87.).  Bei  Anwendung  der  ersteren  ist  es 
am  zweckmassigsten , F unken  aus  dem  Riickgrate  zu  ziehen.  Un- 
iter 36  auf  diese  Weise  behandelten  Fallen  kam  bei  35  entwe- 
der  vollkommene  Heilung  oder  bedeutende  Besserung  in  kurzer 
/ Zeit  zu  Stande  (I.  c.  p.  97.).  Die  Diat  sei  nicht  zu  dunn  und 
tentziehend,  selbst  der  massige  Genuss  des  Weins  zeigt  sich 
Iheilsam.  Anstrengungen,  besonders  geistige,  schaden.  Zur  Nach- 
cur  eignen  sich  Seebader. 


Ausser  den  an  die  Entwickelungsepochen  der  zweiten  Den- 
tition und  der  Pubertiit  gebundenen  Chorea  giebt  es  einen 
IKrankheitszustand,  unter  dessen  iibrigen  Erscheinungen  auch 
die  karakteristischen  Bewegungen  des  Veitstanzes  ofters  beobach- 
tet  werden.  Es  ist  der  Tremor  mer curialis , »von  dem  weiter 
unten  die  Bede  sein  wird.  Jedoch  auch  ohne  alles  Zittern 


SPINALE  KRAEMPFE. 


4 50 


zelgt  sicli  zuweilcn  bei  tier  Mercurial -Vcrgiftung  das  eigen- 
thiimliche  Verhaltniss  der  Chorea -Bewegung  zu  dcr  durch  den 
Willen  beabsichtigten.  So  erziihlt,  uni  ein  Ceispiel  anzufiihren, 
Travers  den  Fall  eines  Spiegelarbeiters , der  niclit  an  den  ge- 
wohnlichen  Sympiomen  des  Tremor,  sondern  an  jalien,  krampf- 
haften  Bewegungen  dcr  Glieder  litt,  so  oft  er  cine  willkuhrliche 
Bewegung  derselben  intendirte.  Der  Kranke  konnle  ruhig  auf 
dem  Stulde  sitzen,  allein  sobald  er  aufstand  und  in  einer  bestimm- 
ten  Richlung  zu  gehen  versuchtc,  geriethen  die  Bcine,  gegen 
seinen  Widen,  in  so  schnelle  und  unregelmassige  Agitation, 
dass  er  fast  umgeworfen  wurde.  Auf  ahnliche  Weise  verhielt  es 
sich  mit  den  oberen  Extremitiiten , wodurch  er  ausser  Stande  war, 
ein  Glas  an  den  Mund  zu  bringen.  Auch  die  Sprache  war  un- 
deutlich.  Durcli  psychische  Aufregung,  durch  Verlegenheit  nalim 
die  krampfhafte  Bewegung  selir  zu,  so  dass  selbst  bei  Untersu- 
chung  des  Pulses,  wenn  die  Aufmcrksamkcit  des  Kranken  darauf 
gerichtet  war,  heftiges  Sehnenliupfen  entstand.  (Travers  a fur- 
ther inquiry  concerning  constitutional  irritation  and  the  pathology 
of  the  nervous  system.  London  1835.  p.  399.). 


i 


REFLEXKRAEMPFE. 


451 


II.  Krlimpfc  vorn  Sitckcnmarke  als  Ccntralapparate 

abhanglg. 


Es  sind  die  dem  Riickenmarke  als  Centralorgane  des  Ncr- 
vensystems  immanenten  Krafte  der  Reflexaction  und  der  Erzeu- 
gung  motorischer  Potenz,  welche  in  normwidriger  Stcigerung  und 
Impulse  die  Quelle  von  Kriimpfen  abgeben,  deren  Deutung  noch 
unlangst  aus  Mangel  eines  pliysiologischen  Standpunktes  unvoll- 
kommen  war. 


Krainpfe  bedingt  durcli  gc§teigerte  Keftexerregbarkeit. 

Die  Versuehe  an  Thieren  lehren\  dass  die  Reflexbewegungen 
niclit  bloss  von  der  Art,  dem  Sitze  und  der  Intensitat  des  ange- 
brachten  Reizcs,  sondern  auch  von  dem  Stande  der  Reflexreiz- 
barkeit  abhangig  sind.  Im  Anfange  des  Versuches  erregt  sclbst 
die  leiseste  Beruhrung  Bewegungen,  allein  bei  langerer  Dauer 
werden  immer  starkere  Reize  erforderlich.  Gonnt  man  einige 
Rube,  so  lassen  sich  nachher  mit  schwachen  Reizen  die  Erschei- 
nungen  wieder  hervorrufen  ( Kiirschner  I.  c.  S.  134.).  Je  gerin- 
ger  die  Reizbarkeit  ist,  um  so  beschriinkter  werden  die  Bewe- 
gungen bei  iibrigens  gleichbleibender  Intensitat  der  Reize.  So  ge- 
lingt  es  geraume  Zeit  nach  dem  Kopfen  des  Thieres  nicht  mehr 
durch  Reizung  eines  Gliedes  Bewegungen  auch  in  andern  Thei- 
len,  als  in  dem  gereizten  hervorzubringen  ( Volhnann  iiber  Re- 
lllexbewegungen  in  Muller  s Archiv  etc.  1838.  S.  23.).  Je  jiin- 
iger  das  Thier,  um  so  grosser  ist  seine  Reflex erregbarkeit,  die 
auch  im  Fruhjahr  und  Herbst  betrachtlicher  ist,  als  im  Som- 
imer  und  Winter.  Von  grossem  Einflusse  auf  die  Stcigerung  der- 
^selben  scheint  der  Verlust  der  cerebralen  Leitungstahigkeit  zu 
sein.  Nach  der  Decapitation  bedingt  jeder  Reiz  Reflexbewegun- 

Homberg's  Xervenbrankb,  I.  2. 


30 


452 


SPIN  ALE  KRAEMPFE. 

gen,  welcher  vor  tier  Wegnahme  des  Gehirns  sie  nicht  hervor- 
brachte  ( Volkmcmn  S.  32).  Endlich  giebt  es  gewisse  Stoffe,  wel- 
che  die  Reflexerregbarkeit  erhohen:  als  solche  haben  sicli  Strych- 
nin und  Opium  erwiesen.  Audi  steigert  die  Verwundung  des 
Riickenmarkcs  bei  der  Decapitation  die  Errcgbarkeit  fur  Re- 
flexreize. 

Bei  dem  Mcnschen  finden  ahnliche  Bcdingungen  fur  die  Stei— 
gerung  der  Reflexerregbarkeit  wie  bei  Thieren  statt.  Es  treten 
bei  Unterbrechung  des  Cerebral -Impulses,  bei  gehemmter  Wil- 
lensleitung  die  Reflex -Erscheinungen  nicht  nur  deutlicher,  son- 
dern  auch  mit  grosserer  Macht  hervor.  Die  von  Marshall  Hall 
(on  the  diseases  and  derangements  of  the  nervous  system.  Lon- 
don 1841.  p.  230 — 239.)  und  von  Budcl  (contributions  to  the 
pathology  of  the  spinal  cord  in  Med.  chir.  transact,  vol.  XXII. 
p.  153.)  gesammelten  Beobachtungen  sind  hieriiber  zu  vergleichen. 
Enter  den  letzteren  ist  besonders  folgende  instructiv. 

Nach  Verletzung  der  untersten  Halswirbel  war  bei  einem  27jah- 
rigen  Mcnschen  Paraplegie  entstanden.  Die  Sensibilitat  der  ge- 
lahmten  Theile  zeigte  sich  sehr  vermindert,  besonders  in  den  Fiis- 
scn.  Die  Motilitat  der  Hande  stellte  sich  am  30.,  der  Fiisse  am 
69.  Tage  wieder  ein.  In  der  ersten  Woche  erfolgten  auf  das 
Kitzeln  der  Plantarflache  nur  schwache  Bewegungen  des  Fusses, 
und  auch  diese  nicht  jedesmal.  Am  neunten  Tage  waren  die 
Bewegungen  schon  starker,  und  bis  zum  26.  nahmen  sie  an  Ex- 
tensitat  und  Intensitat  zu.  Zuerst  riel  das  Kitzeln  einer  Sohle 
bloss  die  Bewegung  des  entsprechenden  Fusses,  nachher  die  Be- 
wegung  beider  Fiisse,  und  am  26.  Tage  nicht  nur  der  unteren 
Extremitaten , sondern  auch  des  Rmnpfes  und  der  Arme  hervor. 
Kitzeln  der  linken  Fusssohle,  wo  die  Epidermis  durch  eine  Blase 
abgelost  war,  bewirkte  stiirkere  und  verbreitetere  Zuckungen, 
als  an  der  rechten  Sohle.  Vom  26.  bis  29.  Tage  wurden  die 
Rellexbewegungen  durch  folgende  Anliisse  erregt:  in  den  unteren 
Extremitiiten  bei  dem  Durchgange  von  Flatus  durch  die  Gedarme 


\ 

REFLEXKRAEMPFE.  , 453 

oder  bei  Beriihrung  des  Penis  mit  dem  kalten  Uringlase.  Con- 
vulsionen  der  oberen  Extremitaten  und  des  Rumpfes  entstanden 
durch  Ausraufen  eines  Haares  aus  dem  Schaamberge.  Am  41. 
Tage  wurde  eine  heisse  Metallplatte  auf  die  Fusssohle  applicirt, 
und  erregte  stark  ere  Bewegungen,  ais  alle  fruheren  Reize;  sie 
dauerten  so  lange,  als  die  Platte  an  den  Fuss  gehalten  wurde, 
yon  deren  Hitze  der  Kranke  keine  Empfindung  hatte,  obgleich 
dieselbe  Blasen  bildete.  Eine  Platte  von  gewohnlicher  Tempe- 
ratur  erregte  nach  dem  ersten  Contakt  keine  Bewegungen  mehr. 
Auch  Eis  auf  die  Fussohlen  applicirt  hatte  keine  starkere  Be- 
wegungen zur  Folge,  alstein  Korper  von  gewohnlicher  Tempe- 
ratur.  Stechen  der  Beine  oder  Ausreissen  der  Haare  an  denselben 
hatte  gleiche  Wirkung  mit  dem  Kitzeln.  Das  Einbringen  des  Ca- 
theters verursachte  Convulsionen  im  Rumpfe  und  in  den  Glie— 
dern.  Diese  traten  auch  vor  und  wahrend  des  Stuhlgangs  ein. 
(Bei  den  andern  Kranken  waren  die  Reflexbewegungen  und  Zuk- 
kungen  ebenfalls  wahrend  der  Stuhl-  und  Harnentleerung  am 
starksten.)  Oft  brachen  ohne  aussere  Erregung  Convulsionen  in 
den  Muskeln  der  Beine , der  Arme  und  des  Rumpfes  aus.  — Bei 
der  ersten  Riickkehr  der  cerebralen  Leitung  vermochte  der  Kranke 
schon  einigermassen  die  Reflexbewegungen  zu  beschranken,  al- 
lein  dieses  erforderte  grosse  Anstrengung  der  Willenskraft.  Die 
ersten  Versuche  des  Kranken  zu  gehen  batten  wegen  der  noch 
fortdauernden  Tendenz  zu  unwillkuhrlichen  Bewegungen  etwas 
Auffallendes,  und  auch  beim  Stehen  bogen  sich  anfangs  die  Kniee 
gewaltsam.  Am  95.  Tage  zeigte-  sich  diese  Erscheinung,  sobald 
ein  Paar  Schritte  gegangen  waren.  Dann  fmgen  die  Beine  an, 
sich  in  die  Hohe  zu  biegen,  was  jedoch  der  Kranke  durch  Rei- 
ben  der  Bauchdecke  verhindern  konnte,  wodurch  die  Fiisse  sich 
ruckweise  extendirten.  Am  141.  Tage  konnte  er,  indem  er  sich 
auf  der  Lehne  eines  Stuhles  stiitzte  und  diesen  vorwarts  schob, 
gehen,  doch  war  der  Gang  unsicher  und  Choreaahnlich. 

Allein  auch  bei  unverletzter  Hirnleitung  wird  die  Reflexer- 

30* 


4 54 


SPINALE  KRAEMPFE. 

regbarkeit  des  Mcnschen  (lurch  Anliisse  gesteigert,  die  entweder 
mittelst  des  Blutcs  oder  (lurch  Reizung  des  Riickenmarkes  oder 
periphcrischer  scnsihler  Ncrven  dicsen  Einfluss  liahen.  Zu  den 
ersteren  gehoren  zwei  Gifte,  ein  vegctabilisches,  das  Slrychnos- 
Alcaloid,  und  ein  animalisches,  das  hydrophobische.  Unter  den 
letzteren  isL  die  traumatische  Reizung,  die  Genitalienreizung,  die 
rheumatische  Reizung  u.  a.  zu  beachten.  Auch  organische  Krank- 
heiten  des  Riickenmarkes  konnen  von  Exaltation  der  Rellexerreg- 
barkeit  begleitet  werden,  wie  folgender  merkwiirdige  Fall  von 
Hutin  erweiset.  ( Untersuchungen  und  Beobachtungen  zur  Patho- 
logic des  Riickenmarkes  in  Nasses  Sammlung  zur  Kenntniss  der 
Gehirn-  und  Ruckenmarkskrankheiten.  Stuttgart  1837.  2.  Heft. 
S.  21.).  „J.  V.,  31  Jahr  alt,  wurde  1819  in  das  Hospital  Bi- 
cetre  in  folgendem  Zustande  aufgenommen:  solche  lebhafte  Stei— 
gerung  des  Allgemeingefuhls , dass,  wenn  man  die  Fingerspitze 
auf  irgend  einen  Theil  seines  Korpers  applicirte,  man  daselbst 
ein  eigenthiimliches,  schmerzhaftes  Erzittern  und  ahnliche  Mus- 
kelc.ontractionen  bemerkte,  wie  man  sie  durch  das  Medium  einer 
electrischen  Entladung  hervorbringt.  Wenn  man,  um  die  ge- 
wohnlichen  Lcbensbediirfnisse  zu  befriedigen,  seinen  Korper  im 
Allgemeinen  ber’uhrte  oder  bewegte,  wie  z.  B.  beim  Wechsel  der 
Wasche,  so  wurde  der  Kranke  von  allgemeinen,  epileptischen 
Convulsioneu  befallen,  seine  Glieder  erstarrten  und  zogen  sich 
zusammen,  er  kriimmte  sich  gewissermassen ' in  sich  selbst,  die 
Augen  wurden  in  ihren  Holden  umhergewalzt  und  sein  Gesicht 
war  der  Sitz  der  scheusslichsten  Verzerrungen;  der  Puls  war 
klein,  frequent  und  hart,  die  Respiration  langsam  und  tief,  der 
Appetit  ziemlich  lebhaft,  die  organischen  Functionen  regelmassig. 
Der  Gang  des  jungen  Mannes  war  selir  sonderhar : er  sprang  be- 
standig  und  auf  die  bizarrste  Weise;  er  fiirchtete  sich  die  Fiisse 
auf  die  Erde  zu  setzen,  wegen  des  schmerzhaften  Eindruckes, 
der  ihn  alsbald  ausser  sich  brachle.  Die  Bewegungen  geschahen 
iiusserst  unruhig,  der  Muskelapparat  vermochte  jedoch  koine  Kraft  zu 


REFLEXRRAEMPFE. 


455 


entfalten.  In  den  letzten  vierzelin  Lebenstagen  kam  oine  sehr  starke 
Diarrhoe  und  fast  bestandiges  Erbrechen  hinzu.  Die  partiellen  und 
allgemeinen  Convulsionen  entwickelten  sich  unter  dem  Einflusse  der 
leichtesten  Ursache:  die  Sensibilitiit  war  in  einem  Zustande  so  &us- 
serordentlieher  Stcigerung,  dass  die  Bcriihrung  yon  Bettdeckcn  oder 
Kleidungsstucken  schmerzhaft  war,  die  Aufregung  liess  keinen  Au- 
genblick  Ruhe.  Endlich  starb  der  Kranke  geschwacht  und  er- 
schopft  in  den  scbrecklichsten  Convulsionen.  Leichenbefund. 
Das  kleine  Gehirn  erschien  merklich  atrophisch;  sein  Medullar- 
centrum  war,  verglichen  mit  dem  einer  anderen  Leiche,  um  ein 
Drittel  weniger  voluminos  in  beiden  Hemispharen.  /Die  weisse 
Substanz,  die  im  normalen  Zustande  den  Mittelpunkt  des  Corpus 
rhomboidale  einnimmt,  war  niclit  mehr  vorhanden,  so  dass  die  ge- 
franzten  Riinder  dieses  Theiles,  dem  Mittelpunkte  genahert,  nur 
noch  einen  kleinen  erbsenformigen,  sehr  harten,  graubraunlichen 
Korper  bildeten.  Das  Ruckenmark  zeigte  vom  Hinterhauptsloche 
bis  zur  Dorsalgegend  eine  solche  Iiypertrophie,  dass  es  vollstan- 
dig  die  Hoble  der  Dura  mater  ausfullte;  in  seiner  ubrigeii  Aus- 
dehnung  war  sein  Volumen  gleicher  Weise,  aber  weniger  merk- 
lich vermehrt.  Sein  Gewebe  hatte  eine  ansehnliche  Dichtheit 
und  glich  genau  hollandischem  Kase;  in  seinem  unteren  Theile 
war  es  weit  weniger  hart,  jedoch  viel  mehr  als  im  normalen  Zu- 
stande, denn  seine  Consistenz  kam  wenigstens  der  des  Pons  Ya- 
rolii  gleich.  Die  innere  Flache  der  Arachnoidea  war  mit  dem- 
selben  fast  in  ihrer  ganzen  Ausdelmung  yerwachsen;  unterhalb 
zeigte  sie  breite,  knorplige  Platten.  Die  Riickenmarksneryen  bat- 
ten eine  geringe  Dichtheit  erlangt.  Im  Magen  und  untern  Ende 
des  D’unndarms  fanden  sich  deutliche  Spuren  von  Entzundung  der 
Schleimhaut.“ 

Wclcher  Einlluss  es  aber  auch  sei,  der  die  Rcflexer- 
rcgbarkeit  erhoht , wie  mannichfach  die  dadurch  bedingten 
Kriimpfe  auch  sein  mogcn,  der  gemcinschaftliche  Zug  ist  Ue- 
bcrwaltigung  des  ccrebralcn  Einllusses  auf  Bewegungen,  wo- 


456 


SPINALE  KRAEMPFE. 


durch  eigenthumliche  psychische  Verhaltnisse  sich  gestalten,  und 
die  Abhangigkeit  der  krampfhalten  Erscheinungen  von  ausseren 
Reizen  um  so  unbeschrarikter  hervortritt.  Hierzu  kommt  das 
Attribut  der  Centralkrankheit:  Theilnahme  sammtlicher  Neryen- 
energieen  des  Riickenmarkes , nicht  bloss  der  motorischen,  son- 
dern  auch  der  sensibeln  und  trophischen , in  verschiedenem  Grade. 

Betrachten  wir  zuerst  die  von  Genitalienreizung  ausge- 
hende  Reflexneurose , welche  man  unter  dem  umfassenden  Namen 

Hysteria 

zu  begreifen  pflegt,  ein  Namen,  der  zugleich  das  Geschlecht  andeu- 
tet,  welches  vorzugsweise  von  dieser  Krankheit  heimgesucht  wird. 

Karakteristische  Ziige  sind  im  Allgemeinen:  krampfhafte  Be- 
wegungen  in  den  sowohl  von  cerebrospinalen  als  sympathischen 
Fasern  versorgten  Muskeln:  Ilyperasthesieen , beide  in  leicht  er- 
regbaren , zeitlich  und  raumlich  sehr  veranderlichen  Anfallen : Ue- 
berwaltigung  der  geistigen  Intention  durch  die  physische  Reflex- 
herrschaft:  reizbare  Schwache,  korperliche  und  psychische  in  den 
Intervallen:  Abhangigkeit  der  Krankheit  von  dem  Walten  der 
Sexualorgane. 

Den  Anfallen  gehen  nicht  selten  Vorboten  voran:  am  hau- 
figsten  Hinfalligkeit,  veranderte  Gemuthsstimmung,  peinliches 
Gefiihl  von  Unruhe  in  den  Beinen  (S.  S.  85.),  wiederhol- 
tes  Drangen  zum  Harnlassen , Gefiihl  von  Druck  und  Zusammen- 
schnurung  in  der  Magengrube  und  in  der  Kehle.  Oft  aber  bricht 
der  Paroxysmus  plotzlich  aus  mit  Symptomen,  die  entweder  auf 
einzelne  Nervenheerde  concentrirt  oder  allgemeiner  verbreitet 
sind.  Jene  Gruppen  bilden  sich  am  haufigsten  im  Gebiete  des 
Vagus  und  der  Athemnerven  iiberhaupt,  welche  in  alien  hyste- 
rischen  AfFectionen  mehr  odcr  minder  ihre  Theilnahme  kundge- 
ben.  Krampf  der  Glottis,  der  Bronchien,  des  Schlundes,  mit  Be- 
klemmung,  mit  drohender  Suffocation  ( strangulatio  hysterica),  mit 
dem  Gcfuhle,  als  rolle  cine  Kugel  von  der  Brust  aufwarts  in  den 


HYSTERIE. 


457 


Hals  (Globus  hystericus),  kurzer , rastlos  schallender  Ilusten  mit 
metallischem  Klang,  Schrei-,  Lach-,  Weinkrampfe,  Paroxysmen 
von  Giilinen , von  Singultus.  Zunachst  sind  die  Herznerven  der 
Heerd:  jahe  Anfalle  von  Palpitation  mit  gestortem,  unregelmassi- 
gem  Rkythmus  und  Angstgefiild.  Auch  im  hypogastrischen  Ge- 
llechte,  besonders  in  den  Blasennerven,  nimrnt  der  Krampf  oft 
seinen  Sitz:  es  befallt  Harndrang  oder  Ischurie.  In  weiteren 
Kreisen  dehnt  sich  die  Reflexaction  auf  die  Muskeln  aus,  die 
von  cerebrospinalen  Nerven  ihren  Impuls  erhalten.  Zuck-  und 
Starrkrampfe  der  Glieder,  einer  oder  gewohnlich  beider  Seiten, 
der  Riicken-,  Brust-  und  Bauclimuskeln  treten  in  verschiedenen 
Formen  und  Stufen  auf,  vom  Zittern  und  Beben  bis  zu  den  er- 
schiitterndsten  Bewegungen  und  Verdrehurigen.  Die  masticato- 
rischen  und  mimischen  Gesichtsnuiskeln  nehmen  Tlieil:  Trismus, 
Zahneklappern  wie  im  Fieberfroste,  sardonisches  Lachen,  Auf- 
wartsrollen  der  Augapfel.  Gleichzeitig  mit  den  Convulsionen  sind 
Hyperasthesieen,  in  denselben  oder  aucli  in  anderen  Statten,  moi- 
stens neuralgischer  Art,  in  der  Hautdecke  des  Kopfes,  Gesichtes, 
des  Riickens  (besonders  der  Cervical-  und  Dorsalwirbel),  der 
Brust,  des  Unterleibes , der  Extremitiiten , zuweilen  auf  einen  klei- 
nen  Raum  beschrankt,  bei  oberfliichlicher  Beruhrung  jahe  gestei- 
gert,  bei  starkerem  Drucke  nachlassend:  der  hysterische  Bo  den 
ist  fur  Spinalneuralgie  am  fruchtbarsten.  (S.  15B).  Storungen 
in  den  Absondcrungen  finden  statt,  am  haufigsten  Gaserzeugung 
im  Darmkanal,  und  Secretion  Jarblosen,  wasserhellen  Urins,  der 
des  Harnstoffes  und  dcr  organischen  Bestandtheile  verlustig,  nur 
die  gewohnlichen  Salze  enthalt. 

Plotzlich  sind  die  Uebergange  der  Paroxysmen  ilirem  Sitze  und 
Grade  nacli,  und  was  nicht  minder  karakteristisch  ist,  jahe  dasUm- 
schlagen  in  den  Contrast,  der  Sprung  von  Excess  der  Beweglichkeit 
und  Empfindlichkeit  in  Immobilitiit  und  Abstumpfung,  von  profuscr 
Absonderung  in  unterdriicktc.  So  reihen  sich  Absterben  dcr  Hande 
und  Fiisse  (S.  270.)  Ohnmachten,  Aphonic,  und  nach  dcr  Angabe  al- 


458 


►SPINALE  KRAEMPFE. 


terer  Bcobachter  sclbst  Asphyxic  den  hysterischen  Zugeri  an.  Nadi 
einer  kiirzeren  oder  langeren  Dauer  von  einer  viertel  bis  mehreren 
Stunden  endet  der  Anfall  oft  plotzlich  mit  Thranenerguss  oder 
reichlichem  Harnabgang,  nicht  selten  aber  auch  allmahlich. 

In  den  Intervallen  der  Anfalle  stellt  sich  der  hvsterische  Zu- 

J 

stand  unzweideutig  heraus,  und  diese  Merkmale  sind  es,  welche  der 
physiologischen  Ansicht  von  dieser  Krankheit  zur  Stiitze  dienen.  Zu- 
vorderst  kommt  die  Steigcrung  der  Rellexerregbarkeit  in  Be- 
tracht,  welche  sich  bei  Einwirkung  der  Reize  geltend  macht. 
Den  hochsten  Grad  sail  ich  bei  Uysterie  auf  trichomatdser  Basis: 
bei  einer  achtundzwanzigjahrigen  Polin,  die  fruhzeitig  in  Hyste- 
ric verfallen  durch  zweimaliges  Abschneiden  des  critisch  sich  erit- 
wickclnden  Weichselzopfes  die  Intensitat  und  Extensitat  der 
Krampfe  bedeutend  vermehrt  hatte,  war  eine  leichte  oberflachli- 
che  Beruhrung  der  Haut  hinreichend,  die  convulsivischen  Paro- 
xysmen  mit  Blitzesschnelle  hervorzurufen , auf  ahnliche  Weise  wie 
die  Zuckungen  bei  einem  narcotisirten  Frosche.  Kaum  hatte  ich 
den  Finger  aufgelegt  um  den  Puls  zu  untersuchen,  so  fingen 
die  Augenlider  an  zu  blinzeln , die  Brust  hob  sich  sturmisch,  Sin- 
gultus trat  ein,  und  die  Zunge  walzte  und  drehte  sich  und  scknalzte. 
Brodie  theilt  ein  Paar  Fade  mit,  wo  die  convulsivischen  Paroxys- 
men  durch  einen  Fingerdruck  auf  das  Brustbein  sofort  ausbra- 
chen  ( Lectures  illustrative  of  certain  local  nervous  affections.  Lon- 
don 1837.  p.  62.).  Es  bedarf  hierzu  durchaus  keines  schmerz- 
haften  Eindrucks,  wohl  aber  scheint  die  jlihe  Rcizung  starker  zu 
wirken.  Und  nicht  hloss  der  fur  Erregung  der  Reflexbewegungen 
gunstige  Hautreiz , auch  andere  Reize  hringen  dergleichen  Wirkun- 
gen  hervor,  z.  B.  gastrischc.  Ich  beobachtete  auch  ofters,  dass 
sclbst  der  Act  der  Entleerung  der  Excremente,  zumal  dcs  Stuld- 
gangs,  die  hysterischen  Zufalle  erregt  und  steigert,  was  mit  der 
obenangefuhrten  Beobachtung  von  Budd  ubercinstimmt.  Von  bc- 
sonderem  Intercsse  sind  die  Reflexerscheinungen  in  der  organi- 
schen  Sphare.  Ein  nicht  seltenes  Beispiel  zeigt  sich  in  dem  Ein- 


HYSTERIE. 


459 


flusse  der  Beruhrung  und  Reibung  der  Haut  auf  Gas-Erzeugung 
und  Entleerung.  Peter  Frank  erwahnt  in  seiner  meisterhaften 
Abhandlong  iiber  Pneumatosis  (de  curand.  homin.  morb.  epitome 
Lib.  VI.  De  retention,  p.  50.)  unter  mehreren  Fallen  auch  eines 
hvsterischen  Madchcns,  welches,  so  oft  sie  selbst  oder  ein  Anide- 
rer  irgend  eine  Stelle  ibrer  Ilaut  rieb,  deutlich  fiihlte,  dass  Lult 
in  ilirem  Magen  sich  ansammelte,  die  sofort  mit  lautem  Sehalle 
durch  den  Oesophagus  entleert  wurde,  und  Rudolphi  erzalilt  „von 
einem  altlichen  Frauenzimmer , das  immer  von  Zeit  zu  Zeit  Bla- 
hungen  aufstiess,  allein  wenn  sie  mit  einem  Finger,  gleichviel 
.gegen  welchen  Theil  des  Leibes  druckte,  so  gingen  sie  in  unun- 
terbrochener  Folge  auf  das  schnellste  ab.“  (Grundriss  der  Phy- 
•siologie.  2.  Bd.  2.  Abth.  S.  239.). 

Nachst  der  gesteigerten  Reflex -Erregbarkeit  ist  das  psychische 
Verhalten  bemerkungswerth.  Willenssckwache  bis  zur  giinzlichen 
'Willenslosigkeit  ist  der  vorwaltende  Zug:  dalier  ein  Mangel  an  geisti- 
.gem  Widerstande,  ein  Hingeben  und  Ueberwaltigtwerden  von  kor- 
j perlichen  und  psychischen  Eindriicken,  wie  in  keiner  andern  Krank- 
heit,  daher  auch  niemals  ein  geflissentliches  Verbergen  oder  Un- 
iterdrucken  der  Anfalle.  Der  hysterische  Wahlspruch:  „Ich  kann 
inicht  dagegen  an,“  driickt  es  treffend  aus.  Nach  jeder  andern 
iRichtung  ist  das  geistige  Walten  in  der  von  Complication  freien 
IKrankheit  ungestort,  und  nie  fmdet,  selbst  in  den  keftigsten  Pa- 
iroxysmen,  Verlust  des  Bewusstseins  und  der  Perception  statt. 
Ausser  diescm  psychichen  Karakter,  den  die  Krankheit  aufdriickt, 
imischt  sich  der  Karakter  des  Geschlechts  ein,  mit  Eitelkeit,  Co- 
■ juetterie,  Launenhaftigkeit,  Lust  zur  Uebertreibung  und  Tiiu- 
'schung,  redseliger  schwazhafter  Mittheilung. 

In  den  Verrichtungen  der  anderen  organischen  Systemc  bie— 
(ten  sich  ebenfalls  Veriinderungen  dar.  Abnorme  Absonderungen 
Jes  Uterinapparates  und  Storungen  der  normalen  sind  haufig: 
vSchleimlluss,  unregelmassiger  Eintritt  und  Verlauf  der  Catamenicn, 
ler  Lochien  etc.  Verminderung  der  Warmecrzcugung,  unglciche 


460 


SPIN  ALE  KRAEMPFE. 


Vertheilung  tier  Temperatur  fehlt  selten:  Kiilte  der  Fiisse,  dcr 
Iliinde,  Algor  circumscriptus , iibergiessende  Hitze  des  Gesichts. 
Welke,  schlaffe  Beschaffenheit  der  Ilaut  und  der  Muskeln  ist  oft 
bemerkbar.  Brodie  (1.  c.  p.  71.)  macht  auf  eine  besondere  Er- 
schlaffung  der  Gelenke  bei  Hysterischen  aufmerksam,  wodurch 
leicht  Subluxation  entsteht.  Eine  Neigung  zu  Blutflussen , Hae- 
moptysis, Vomitus  cruentus,  ist  ofters  vorhanden.  Die  Harnab- 
sonderung  ist  vermehrt,  zuweilen  gering,  mit  haufigem  Grange 
zur  Entleerung.  Trotz  wenigen  Essens,  besonders  bei  Abneigung 
gegen  Fleischkost,  nimmt  die  Corpulenz  haufig  zu.  Die  Schild- 
driise  schwillt  nicht  selten  temporar  an. 

Pathognomonisch  ist  die  reizbare  Schwache,  somatische  und 
psychische,  in  den  Intervallen.  Milde  Arzneistoffe  rufen  leicht 
starke  und  ungewohnliche  Reaction  hervor.  Ein  grosser  Theil 
der  sogenannten  Idiosyncrasieen  wurzelt  auf  hysterischem  Boden. 
Der  Einfluss  von  Sinneseindrucken  und  Emotionen  zeigt  sich  fast 
nirgends  so  jahe  und  pragnant  wie  hier.  Schreckhaftigkeit  und 
Geneigtkeit  zu  schneller  Riihrung  werden  nur  selten  vermisst. 
Schwiichende  Potenzen  sind  die  feindseligsten,  und  die  Anfalle 
brechen  sofort  hervor,  wenn  die  Krafte  unter  ihren  Stand  sinken. 
Daher  die  Neigung  der  Hysterie,  in  andere  Krankheiten  sich 
einzudrangen , und  geht  aucli  Baglivi  in  seiner  Behauptung  zu 
weit:  quando  morbus  aliquis  remediis  debite  praescriptis  cedere 
nolit,  insolitisque  quibusdam  modis  atque  a sui  natura  valde  remo- 
tis  progreditur,  suspicandum  erit  de  occultis  animi  passionibus, 
(interdum  suspicabitur  de  lue  gallica)  vel  si  mulieres  sint  de  fo- 
mite  hysterico  (Op.  omn.  edit.  Norimberg.  p.  154.),  so  hat 
man  doch  oft  genug  Gelegenheit,  sich  zu  uberzeugen,  dass  diese 
Geselligkeit  der  Hysterie  Verwirrung  in  den  Gang  anderer  Krank- 
heiten, zumal  acuter,  bringt,  und  den  Unerfahrencn  unter  der 
Maske  wichtiger,  Iebensgefahrlicher  Zustiinde  tausclit.  So  man- 
che  schnell  coupirte  Nervosa,  odor  Pericarditis,  odor  Peritonitis 
ist  niclits,  als  cine  zu  cinem  catarrhalischen  odcr  rheumatischeu 


HYSTERIE. 


461 


Fieber,  oder  zum  Puerperium  hinzugetretene  hysterische  Sympto- 
mengruppe.  — Endlich  sei  noch  eine  Eigenthumlichkqit  erwlihnt, 
der  Einfluss  des  Sonnenlaufes  auf  Hysterische:  der  Morgen  stei- 
gert,  der  Abend  beruhigt  ihre  Leiden. 

Wenn  es  von  Wichtigkeit  ist,  die  complicirende  Hysterie  zu 
kennen,  so  muss  man  auch  mit  der  complicirten  bekannt  sein, 
urn  die  cfer  Hysterie  fremden  Ziige  richtig  wiirdigen  zu  konnen: 
denn  nur  zu  geneigt  ist  man  alle  accessorische  Erscheinungen  in 
das  Bild  der  Hysterie  selbst  aufzunehmen.  Am  haufigsten  bilden 
psychische  Zustande  Complicationen , besonders  Monomanie  und 
Ecstasis,  deren  Anfalle  sich  mit  den  hysterischen  Convulsionen 
and  Hyperasthesieen  verbinden  oder  abwechseln.  Seltner  sind 
3S  die  Zustande  aufgehobenen  oder  pausirenden  Bewusstseins, 
Eclipsis,  morbus  attonitus  (vgl.  die  Abtheilung  der  Logoneurosen), 
Epilepsie,  die  alsdann  eine  hysterische  Schattirung  annimmt.  Pa- 
■alytische  Affectionen  gesellen  sich  zuweilen  hinzu,  besonders  Pa- 
raplegic. Auch  Krankheiten  anderer  Organe  konnen  mit  der 
Hysterie  Verbindungen  eingehen,  und,  was  nicht  zu  ubersehen 
■•st,  durch  die  Symptome  der  letzteren  langere  Zeit  maskirt  wer- 
Iden.  Dieses  ist  am  haufigsten  mit  der  Lungen-,  seltner  mit  der 
Darmphthisis,  ofters  mit  Herzkrankheiten  der  Fall. 

Ursachen.  Bedingung  fur  die  Entstehung  der  Hysterie  ist 
die  Geschlechtsreife  des  Weibes,  sei  es  im  Erscheinen,  oder  im 
I3estehen,  oder  beim  Scheiden,  zumal  dem  fruhzeitigen.  Die 
/^ahl  der  Jahre  triigt  hierzu  nichts  bei,  denn  in  den  Tropen  und 
n gewissen  Liindern  Europa’s,  z.  B.  Polen,  wo  im  Allgemeinen 
he  Pubertat  friih  eintritt,  kann  schon  ein  zwolfjaliriges  Madchen 
tuysterisch  sein.  Erbliche,  und  durch  iippige,  schlaffe  Lebensweise 
i! 'Jrworbene  Anlag'e  ist  unleugbar.  Am  fruchtbarsten  sind  schwa- 
rhende  Einflusse,  durch  ^Ueberreizung,  oder  durch  Siifteverlust, 
ocsonders  der  Geschlechtsorgane,  onanistischc  Excesse,  aufrei- 
ender,  nicht  befriedigender  Coitus,  wiederholte  Fehlgeburten, 
■chnell  auf  einander  folgende  Schwangerschaften  und  Lactationen, 


4G2 


SPINALE  KRAEMPFE. 


Leucorrhoen,  Metrorrhagiecn , gehoren  dahin.  Audi  enthaltener 
Geschlechtsgenuss,  besonders  nach  friiherer  Befriedigung,  diirftige 
oder  unterdriickte  Catamenien  sind  nicht  seltene  Ursachen.  En- 
ter den  schwachenden  Anlassen  sind  auch  ungehorige  oder  iiber- 
triebene  Blutentleerungen  zu  nennen.  Die  Beschaffenheit  des 
Blutes,  vor  Allcm  die  Anamie,  iibt  einen  wichtigen  Einiluss:  die 
der  Chlorosis  sich  beigesellende  llysterie  zeugt  davon,  so  wie 
der  Erfolg  der  die  Blutcrasis  verbessernden  Eisenmittel.  Audi 
anderweitige  pathische  Processe,  vorzuglich  der  trichomatose,  be- 
schleunigen  die  Entstehung  und  Steigerung  der  llysterie.  Unter 
den  psychischen  Ursachen  steht  verfehlte  Erziehung  oben  an:  so- 
wohl  die  schlaffe  und  frivole,  die  jedem  Eindrucke  eine  zugellose 
Herrschaft  einraumt,  als  die  despotische,  die  des  Widens  Ent- 
ausserung  ganz  unterdriickt.  Audi  das  Beispiel  einer  hysterischen 
Mutter  bildet  die  Tochter  zu  dieser  Krankheit  heran.  Sehnsuch- 
tige  Liebe,  Eifersucht,  Krankung  zumal  der  Eitelkeit,  begiinsti- 
gen  unter  den  Gemiithsaffecten  am  meisten.  Als  gelegentlidie 
Anliisse  zeichnen  sich  diejenigen  aus,  welche  korperliche  und  gei- 
stige  Langeweile  schaffen:  anhaltende,  gestreckte  Lage  einzelner 
Glieder  oder  des  ganzen  Rumpfes  bei  Fracturen,  Luxationen,  oder 
in  orthopadischen  Anstalten;  langweilige  Handarbeiten,  Stricken, 
Nahen  etc.,  Isolirung,  Mangel  an  gewohnten  Zerstreuungen.  Emo- 
tion, atmospharische  Einfliisse,  besonders  grosse  Hitze,  electrische 
Spannung,  stiirmisches  Wetter  rufen  leicht  Anfalle  hervor;  Sto- 
rungen  der  Digestion  nicht  minder. 

Nosologisches  und  Diagnostisches.  Es  lasst  sich  in 
den  seit  Jahrhunderten  producirtcn  Theorieen  eine  zwiefache  An- 
sicht  von  der  Hysterie  nachweisen:  nach  der  einen  ist  sie  Affec- 
tion des  Uterinapparats,  nach  der  andern  cin  Leiden  des  Gehirns. 
Beide  entnehmen  die  naheren  Bestimmungen  aus  dem  zur  Zeit 
giiltigen  Systeme:  so  bietet  sich  eine  Reihenfolge  von  Vermu- 
thungen  und  Hypothesen  dar,  von  dem  Aufsteigen  und  \Y andern 
der  Gebarmutter  oder  ihrer  Diinste  bis  zur  Voraussclzung  einer 


IIYSTERIE. 


463 


VIetritis,  von  den  Wirrcn  tier  animalischen  Geister  bis  zum  Kampfe 
Her  Leidenschaften.  In  diesen  warnenden  Spiegel  der  Geschichte 
)licke  die  Gegenwart,  und  hute  sich  vor  Anmassung  eincr  Un- 
erganglichkeit  ihrer  Ansichten.  Auch  die  Reflextheorie,  die  jezt 
ibter  Gebhhr  sich  ausbreitet,  wird  in  ihre  naturlichen  Schranken 
erwiesen  werden:  um  so  gewissenhafter  prufe  man  in  unseren 
Tagen.  Die  Entstehung  der  Hysteric  in  dem  Lebensalter  der 
leschlecbtsreife  zeugt  fur  die  Abhangigkeit  dieser  Krankheit  von 
einem  bestimmten  Zustande  des  Sexualsystems  — nur  werde  das 
etztere  nicht  nach  einem  einzelnen  Organe,  dem  Uterus,  beur- 
Iheilt,  sondern  in  seiner  Gesammtheit  aufgefasst,  da  die  Ovarien 
owohl  nach  den  haufigen  Yersuchen  der  Excision  an  Thieren, 
Is  nach  einigen  wenigen  Beobachtungen  beim  Menschen,  einen 
ntschiedneren  Einfluss  auf  Organisation  und  Triebe  haben  als 
or  Fruchthalter  (vgl.  Laycock  a treatise  on  the  nervous  diseases 
t'f  women.  London  1840.  pag.  11).  Schon  in  der  Breite  der 
iesundheit  ist  dieses  System  eine  Quelle  von  Reizen  fur  die 
servenapparate,  deren  Eindruck  sich  auf  verschiedene  Weise 
uundgiebt,  wie  die  psychischen  Veranderungen,  die  Reflexphano- 
aene,  die  Storungen  in  der  Circulation  und  Absonderung  bei 
en  Catamenien,  in  der  Schwangerschaft,  bei  der  Entbindung,  im 
'Yochenbette  zur  Geniige  beweisen.  Auch  bietet  sich  ein  Um- 
Itand  bei  diesen  hygianen  Uterinreizungen  dar,  welcher  fur  die 
leoretische  Wiirdigung  der  Hysterie  benutzt  werden  kann:  es 
■^t  der  oft  vorhandene  Mangel  ortlicher  Empfindungen  trotz  star- 
■er  und  mannichfaltiger  Riickwirkungen.  Man  hat  hieraus  einen 
linwurf  gegen  den  Sexualursprung  dieser  Krankheit  entnehmen 
. /ollen , allein  abgesehen  von  den  nicht  seltenen  Sensationen  in  der 
' ypogastrischen  Region  bei  Hysterischen  hat  man  nicht  bedacht, 
ass  es  gar  keiner  be wusstwerdenden  Empfindungen  bcdarf, 
:m  Reflexactionen  zum  Yorschein  zu  bringen,  ja  class  sclbst  der 
'chmcrz  den  letzteren  hinderlich  zu  s'ein  schcint,  so  wie  bei  nar- 
otisirten  Thieren  leise  Beriihrung  der  Haut  leichter  und  in  star- 


464 


SPINALE  KRAEMPFE. 


kerom  Grade  Bewegungen  hervorruft  als  Reissen  und  Zerren. 
Welcher  Art  auch  die  der  Ilysterie  den  Ursprung  und  Un- 
terhalt  gebende  Reizung  der  Sexualorgane  sei,  woriiber  Tiefer- 
blickende  entscheidcn  mogen  — eine  auf  Desorganisation  be- 
ruhende  ist  es  keinesfalls,  was  sowohl  die  Lebensdauer  der 
Ilysterischcn  bezeugt,  als  auch  der  Umstand,  dass  mit  sicht- 
und  fuhlbarer  Ausbildung  von  Afterorganisation en  in  den  Ova- 
rien  und  der  Gebarmutter,  mit  dem  Eintritte  von  heftigen 
Schmerzen,  Zehrfieber  u.  s.  f.  die  friiher  vorhandene  Hysterie 
in  den  Hintergrund  tritt  und  verschwindet.  Diese  Reizung 
des  Uterinsystems , wrelche  sich  oft  genug  durch  abnorme  ve- 
getative Vorgange  kundgiebt,  durch  Blutfliisse,  Schleimabson- 
derungen,  durch  verzogerte  oder  bescldeunigte  Catamenien, 
durch  Menostasie,  wirkt  analog  andrer  Reizung,  z.  B.  der  trau- 
matischen,  mittelst  der  sensibeln  oder,  wenn  man  den  Ausdruck 
vorzieht,  centripetalen  Nerven  auf  das  Riickenmark,  und  bedingt 
eine  periodisch  zu-  und  abnehmende  Steigerung  seiner  Reflex- 
Erregbarkeit,  die  sich  nicht  bloss  wahrend  der  Paroxysmen,  son- 
dern  auch  in  den  Intervallen  durch  unverkennbare  Merkmale  of- 
fenbart.  Dieses  ist  das  Element  der  Hysterie,  wodurch  sie  sich 
von  jenen  Krampfzustanden  unterscheidet,  welche,  wenn  auch  durch 
Reflexaction,  doch  bei  gewohnlichem  Stande  der  Reflexerregbarkeit 
zum  Yorscheine  kommen,  und  wo  sich  nach  beendigtem  Krampfe 
das  normale  Verhaltniss  in  den  Nervenactionen  wieder  herstellt, 
wovon  bei  den  Affectionen  der  motorischen  Nervenbalmen  als 
Conductoren  zahlreiche  Beispiele  gegeben  worden  sind,  wahrend 
hier  durch  die  Steigerung  der  Reflexerregbarkeit  ein  verandertes 
Sein  des  Menschen  begriindet  und  unterhalten  wird,  zu  dessen 
Karakteristik  die  zuvor  mitgetheilten  Ziige,  obgleich  sie  der  Voll- 
standigkeit  noch  ermangeln,  beitragen  mogen.  Fortan  behalt  die 
Reflexpotenz  im  Organismus  das  Uebergewicht,  und  bedingt  da- 
durch  die  grossere  Abhangigkeit  der  Kranken  von  iiussern  Rei- 
zen.  Ihre  Iierrschaft  unterwirft  sich  die  geistige  Kraft  der  In- 


HYSTERIE. 


465 


tention,  daher  die  Widerstandlosigkeit,  die  Willensohnmacht.  Man 
I hat  dieses  psycliische  Yerhaltniss  gemissdeutet , und  ist  selbst  so 
weit  gegangen,  die  Lacli-  und  Weinkrampfe  als  Symbole  prado- 
minirender  Affecte  gelten  zu  lassen,  uneingedenk,  dass  wie  in  der 
iparalytischen  Affection  liinter  dem  regungslosen  Antlitze  Freude 
oder  Trauer  erstehen,  andrerseits  durch  Reflexeinfluss  mimischer 
Ausdruck  der  Gemiithsbewegung  und  Leidenschaft  sich  gestalten 
Ikann,  ohne  dass  das  psycliische  Motiv  zu  Grunde  liegt,  wie  schon 
die  gewohnliche  Erscheinung  der  Lachbewegung  beim  Kitzeln  lehrt. 

Yon  diesem  Standpunkte  aus  erhalt  die  Hysterie  nicht  nur 
inosologische,  sondern  auch  diagnostische  Bestimmung,  wodurch 
>sie  sich  von  andern  Krankheiten,  namentlich  Hypochondrie,  Irre- 
■sein  und  Epilepsie  unterscheidet.  In  Betreff  der  ersteren  ver- 
weisen  wir  auf  die  S.  189  festgestellten  Criterien,  und  erin- 
tnern  nur  daran,  dass  bei  den  Hypochondristen  die  geistige  In- 
tention den  physischen  Zustand  erregt  und  unterhalt,  wiihrend 
•sie  bei  den  Hysterischen  durch  denselben  unterdriickt  wird.  Von 
dem  Irresein  ist  diese  Krankheit  dadurch  verschieden,  dass  die 
‘Subjectivitat  der  herrschende  Genius  in  alien  Acten 
der  Intelligenz  bleibt,  dass  niemals  das  Selbstbewusstsein 
■sich  an  den  Empfindungen , Vorstellungen  und  Begierden  ent- 
Ifremdet,  wie  es  in  der  Erotomanie  und  Nymphomanie  oder  in 
der  Complication  des  Irreseins  mit  Hysterie  der  Fall  ist.  In  der 
ISpilepsie  endlich  sind  Bewusstlosigkeit  und  Aniisthesie  stets  Be- 
:gleiter  der  convulsivischen  Paroxysmen,  wiihrend  in  der  Hysterie 
auch  wiihrend  der  hcftigsten  Anfiille  die  Perception  nicht  erlischt, 
und  starke  Reizung  der  Gefuhls-  und  Sinnesnerven  Eindruck 
imacht,  und  die  Intensitiit  der  Kriimpfe  vermehrt:  eine  Ilysterische 
fahrt  auch  im  Anfalle  bei  Getose  zusammen,  und  schliesst  vor 
esinem  blendenden  Lichtstrahle  die  Augen.  Eben  so  deutlich  mar- 
Airt  sich  der  Unterschied  in  den  Intervallen:  hier  die  Merkmale 
-gesteigcrter  Reflexerregbarkeit,  dort  der  Ausdruck  psychischen 
Verfalls,  Abstumpfung,  Schwiiche  des  Gediichtnisses,  und  bei  Vie- 


4 06  SPINALE  KRAEMPFE. 

len  im  weiteren  Vcrlaufe  Blodsinn,  worin  die  von  Complication 
freie  Hysteric  niemals  iibergeht. 

Verlauf  und  Ausgang.  — Die  Krankheit  als  Totalitiit 
nimmt  gewohnlich  einen  chronischen  Verlauf  mit  allmiihlicher 
Entwickelung,  mit  Stcigerungen  und  Nachhissen,  die  niclit  selten 
im  Anfange  der  Krankheit  an  den  Calamenialcyclus  sicli  halten. 
Bisweilen  ist  jedoch,  zumal  bei  der  die  Pubertiit- Entwickelung 
begleitenden  Hysteric,  der  Ausbruch  jahe  und  dcr  Verlauf  rascli. 
Todtlich  wird  die  Hysterie  an  und  fur  sich  nicht:  lethaler  Olm- 
machten  und  Asphyxicen  in  ihrem  Verlaufe  geschieht  nur  in  den 
alteren  Werken  und  Sammlungen  Erwlihnung.  Wo  der  Tod 
durch  Hinzutritt  einer  anderen  Krankheit  erfolgt,  hat  man  ouch 
bei  der  sorgfaltigsten  Untersuchung  keine  augenfalligen  Verande- 
rungen  in  den  Nervenapparaten  yorgefunden  (vgl.  einige  Beob- 
achtungen  yon  Brodie  1.  c.  p.  07 — 09).  Selbst  die  Gefahr  an- 
derer  Zutalle  ist  auf  hysterischem  Boden  geringer,  und  es  gilt 
dieses  nicht  bloss  von  Nervenzufallen,  yon  Erscheinungen  des  Col- 
lapsus  und  Immobilitiit,  von  Aphonie,  von  Ischurie,  von  den  ge- 
storten  Absonderungen  und  Retentionen,  Tympanites  u.  s.  f.,  son- 
dern  selbst  an  drohende  Ivrankheiten  darf  bei  Hysterischen  nicht 
derselbe  Massstab  gelegt  werden,  wie  bei  andern  Individuen. 
Uebergang  der  Hysterie  in  andere  Neurosen,  in  Irresein,  in  Epi- 
lepsie,  in  Ecstasis  kommt  zuweilen  vor,  dagegen  in  chronisclie 
Entzundung  und  Desorganisation  der  Theile,  die  Sitz  der  hy- 
sterischen  Erscheinungen  sind,  z.  B.  des  Kehlkopfes,  des  Schlun- 
des  beim  Globus,  der  Bronchien  und  des  Lungenparenchvms  beim 
Asthma  etc.  von  den  Autoren  zwar  angefuhrt  wird,  allein  ohne 
Gewahrleistung  treuer  Beobachtung,  und  insbesondere  ohne  Bc- 
statigung  durch  die  physicalischen  Untersuchungs-Methoden , die 
in  vielen  Fallen  schon  friih  aul  die  Spur  der  durch  Hysterie  ver- 
deckten  organischen  Verandcrungen  leiten  konnen.  Genesung  er- 
folgt selten  vollstandig,  mehrentheils  in  der  Zeit  der  Dccrepidit.it, 
und  allmahlich,  in  Form  der  Lysis,  ohne  deutliche  Crisen,  ausscr 


HYSTERIE. 


4G7 


wo  andere  pathische  Processe,  Trichoma,  Impetigo  etc.  im  Spiel 
sind,  und  durcli  die  ihnen  eigenthumlichen  Ausscheidungen  ge- 
hoben  werden.  Eine  Pause  der  Hysterie  tritt  ofters  wahrend 
der  Schwangerschaft  ein. 

Behandlung.  Der  Arzt,  der  in  der  Behandlung  Hysterischer 
Erfolg  liaben  will,  bewahre  Geduld,  Theilnahme,  Festigkeit.  Bei 
solcher  Unterdriickung  geistiger  Intention,  wie  in  dieser  Krank- 
beit,  imponirt  schon  die  Willenskraft  eines  Andern:  nur  iibe  man 
sie  scbonend,  gewandt,  sei  nachgiebig  bei  Unerheblichem , um 
desto  strenger  und  beharrlicher  die  Idee  der  Cur  auszufuhren. 
Andererseits  stelle  man  sich  vor  Simulation  sicher.  Mulieri,  et 
ne  mortuae  quidem  credendum  est,  passt  besonders  auf  Hyste- 
rische.  Wenn  es  auch  nicht  yon  forensischer  Wichtigkeit  ist,  wie 
bei  Epileptischen,  die  Tauschung  herauszustellen , so  darf  doch 
die  Kranke  nicht  ungeahndet  den  Arzt  mystificiren  wollen.  Cri- 
Terien  sind:  Abwesenheit  der  gesteigerten  Keflex -Erregbarkeit, 
Mangel  der  Kiilte  der  Hande  und  Fiisse  in  den  Paroxysmen,  des 
1 krampfhaften,  kleinen  Pulses,  des  wasserhellen  Urins,  der  Veriin- 
derlichkeit  und  des  schnellen  Uebergangs  der  Erscheinungen. 

Das  Princip  der  Behandlung  ist:  die  Bedingung  der  Krank- 
heit,  die  Steigerung  der  Reflex -Erregbarkeit,  aufzuheben.  Drei 
Wege  bieten  sich  hierzu  dar:  1)  Beseitigung  des  Reflexreizes, 
idessen  Heerd  das  Uterinsystem  ist,  2)  Einwirkung  auf  die  Re- 
iflexpotenz  selbst,  3)  Anregung  und  Bethatigung  der  Willenskraft. 

Die  erste  Indication  zu  erfullen  ist  die  schwierigste  Aufgabe, 
weil  man  von  der  Uterinaflection  selbst,  die  als  Reflexreiz  wirkt, 
'keine  nahere  Kenntniss  hat.  Wo  Vorgange  in  der  organischen 
'Sphare  zugegen  sind,  welche  eine  abnorme  Thatigkeit  der  Se- 
xualorgane  bekunden,  ist  das  Verfahren  minder  unsicher.  Ilier 
geben  die  Unregelmassigkeiten  der  Catamenien,  die  vorhandene 
'Medorrhoe  Heilregulative,  die  mit  steter  Riicksicht  auf  die  Ur- 
sachen  und  auf  die  individuelle  Constitution  befolgt  werden  miis- 
sen.  Allein  wo  jene  Erscheinungen  nicht  vorhanden  sind,  oder 

HomLerg’s  N«rveiikrankb.  I.  2.  q| 


4GS 


SPINALE  KRAEMPFE. 
wenigstens  nicht  in  cinem  Grade,  um  darauf  die  Behandlun^ 

D 

griinden  zu  kdnncn,  wie  liisst  sich  da  aid'  das  Sexualsystem,  als 
Stiitte  des  Reflexrcizes , einwirken?  Man  hat  es  auf  zwielache 
Weise  versucht,  durch  allgemeine  und  ortliche  Behandlung.  Es 
giebt  gewisse  Stoffe,  die  mit  specifischer  Tendenz  auf  den  Ule- 
rinapparat  cine  krampfstillende  Wirkung  verbinden,  die  Gummi- 
harze,  untcr  denen  Asa  foetida  und  Galbanum  als  die  wirksamsten 
sich  bewahren.  Das  andere  Yerfahren,  das  ortliche,  bildete  bei 
den  alien  Aerzten  den  Haupttheil  in  der  Cur  der  Hysterie,  und 
wenn  auch  ilire  Technik  nicht  durchgangig  Nachahmung  verdient, 
(es  sagt  schon  der  alte  Sennert  naiv  von  dem  Ritzeln  des  Ge- 
barmutterhalses:  frictio  ista  a christiano  medico  suadenda  non  vi- 
detur)  so  liisst  sich  doch  die  ganzliche  Vernachlassigung  in  neu- 
erer  Zeit  nicht  rechtfertigen.  Die  unmittelbare  Einwirkung  auf 
die  Sexualorgane  kann  bei  Verheiratheten  und  denen,  die  schon 
geboren  haben,  durch  Vaginal-Injection  von  Auflosungen  der  Fe- 
rulacea,  der  excitirenden  und  narcotischen  Mittel  (Chamomilk, 
Ruta,  Belladonna,  oder  durch  Suppositorien  (fp  Gi  Asae  foetid., 
oder  Galban.  oder  Castor.  3jjj,  Extr.  Chamom.  3j  F.  1.  a.  mass., 
ex  qua  form,  supposit.  tria,  Ung.  rosac.  oblinenda.  D.  in  ch.  cer.) 
bewerkstelligt  werden.  Bei  Virginitat  geben  Clystire  und  Sitz- 
biider  einen  schvvachen  Ersatz.  Auch  die  ortliche  Anwendung 
der  Ivalte  ist  auf  diese  Weise  zu  versuchen.  Yon  besonderer 
Wichtigkeit  ist  die  Kiicksicht  auf  den  geschlechtlichen  Umgang, 
und  verbietende,  in  andern  Fallen  gebietende  Rathschliige  leisten 
oft  mehr  als  die  gepriesensteq  Droguen. 

Die  zweite  Indication,  welche  die  Herabstimmung  der  Rellcx- 
erregbarkeit  zum  Zwecke  hat,  vvird  ausgefuhrt,  mittelbar  durch 
Berucksichtigung  und  Ausgleichung  der  Missverhaltnisse  anderer 
Systeme  zum  Nervensystem,  unmittelbar  durch  Einwirkung  auf 
das  Riickenmark  selbst.  In  ersterer  Beziehung  verdient  das  Ge- 
feisssystem  die  ernsteste  Aufmerksamkeit,  sowohl  an  und  fiir  sich, 
als  auch  bei  den  wichtigen  Sexualvorgangcn  der  Evolution  und 


HYSTERIE. 


469 


Decrepiditat.  Auf  seinen  plethorischen  Zustand  war  und  ist  man 
im  Allgemeinen  mehr  bedacht  als  auf  die  Aniimie,  obgleich  die 
letztere  bei  Hysterischen  mehr  vorwaltet,  und  diesen  Einfluss  auch 
in  der  Chlorose  durch  Erscheinungen  hysterischen  Gepriiges  dar- 
thut.  Ist  vielleicht  die  Zeit  nicht  mehr  fern,  wo  zum  vollgultigen 
Beweise  die  Analyse  des  Blutes  selbst  gefordert  wird,  so  gcnugt 
fiir  jetzt  noch  dem  Praktiker  das  Argument  ex  juvantibus,  und 
dieses  ist  die  durch  die  zuverhissigsten  Beobachter  anerkannte 
Wirksamkeit  des  Eisens  in  der  Hysterie.  Durch  anhaltenden 
Gebrauch,  bei  kunstgemasser  Verabreichung  in  den  verschiedenen 
Priiparaten,  schafft  Eisen  das  Blut  zu  einem  integrirenden  Reize 
fur  den  Nerven  um.  Die  natiirlichen  und  kiinstlichen  Eisenwasser, 
zum  inneren  Gebrauche,  und  als  Bader  eignen  sich  vorzugsweise. 
Zu  vermeiden  ist  die  Ueberladung  mit  grossen  Dosen,  zumal  der 
Limatura  martis,  und  die  obstruirende  Nebenwirkung,  der  man 
durch  die  Pilul.  aperient.  Stahl.  (1 — 3 Pillen  Abends  zu  nehmen) 
entgegnen  kann.  Ich  habe  von  der  Forteetzung  des  Spaaer-,  des 
Pyrmonterwassers,  auch  wahrend  des  Winters  zu  1 — 2 Weingla- 
sern  Morgens  niichtern  getrunken,  in  mehreren  Fallen  inveterirter 
Hysterie  dauernde  Besserung  gesehen.  Wo  Plethora  zu  Grunde 
liegt,  bemiihe  man  sich  mehr  durch  diatetische  und  pharmaceu- 
; tische  Massregeln  als  durch  Blutentleerungen  das  normale  Ver- 
haltniss  herzustellen.  Starke  Aderlasse  werden,  wie  iiberhaupt 
schwachende  Potenzen,  von  Hysterischen  nicht  vertragen,  und 
wenn  auch  zuweilen  unmittelbar,  so  zeigt  sich  noch  ofter  spater— 
hin  der  Nachtheil:  am  meisten  sind  noch  in  der  Decrepiditiit-Pe- 
riode  massige  Blutentleerungen,  von  Zeit  zu  Zeit  wiederholt,  bei 
Plethorischen  nutzlich.  Milch-  und  Molkencuren  (Ser.  lact.  tama- 
rindin.  etc.)  Weintraubencur,  Siiuren,  (Acid,  sulph.,  phosphor.,  elix. 
acid.  Hall.,  elix.  vitr.  Myns.)  erfullen  jenen  Zweck  sichrer.  Aus- 
ser  dem  Gefasssystem  ist  der  Digestionsapparat  in  der  Hysterie  < 
zu  beriicksichtigen:  denn  gastrische  und  hepatische  S/5rungen  sind 
nicht  seltene  Begleiter,  deren  Beseitigung  von  dem  Gebrauche 

3t  * 


470 


SPINALE  KRAEMPFE. 

f 

Maricnbacls,  Kissingcns,  dor  Emscrthermcn,  der  Alcalien  in  Vcr- 
bindung  mit  den  Gummiliarzcn  und  der  Visceralclystire  zu  er- 
warten  ist.  Haufiger  bietet  sicli  eine  atonische  Dyspcpsie  zum 
Gcgenstande  dcr  Behandlung  mittclst  Amara,  Eel  taur.  rec„  Quas- 
sia, lib.  Trifol.  u.  s.  f.  dar.  — Es  giebt  noch  einen  organischen 
Apparat,  der  ausser  seinen  wichtigen  Yerrichtungen  der  Secretion 
in  der  Behandlung  der  Hysteric  deshalb  voile  Beachtung  verdient, 

weil  er  vermoge  des  Reichthums  sensibler  Nerven  in  der  niich- 

♦ 

sten  Beziehung  zur  Rellexpotenz  steht  — die  Haut.  Bader  neh- 
men  sie  am  umfassendsten  in  Anspruch,  und  eine  nach  dem  Stande 
der  Reizbarkcit  getroffene  Wahl  des  Modus,  der  Temperatur,  und 
zugesetzter  Stoffe  wird  den  Heilzweck  in  der  Iiysterie  unter- 
stutzen.  So  eignen  sich  bei  Erethismus  die  Bader  von  Ems, 
Schlangenbad,  Milchbader,  bei  Torpiditiit  das  Sprudelbad  zu  Fran- 
zensbrunn,  das  Plongirbad  zu  Spaa,  Seebiider,  Soolbiider.  Die 
Wirksamkeit  der  Kalte  ist  besonders  in  neuerer  Zeit  anerkannt 
worden,  wenn  auch  Uebertreibungen  an  der  Tagesordnung  sind. 
Inunctionen  und  Frictionen  sind  schwacher  in  ihrer  Wirkung. 
Magnetische  und  electromagnetische  Versuche  bedurfen  der  Wie- 
derholung. 

Von  Mittcln,  denen  die  Kraft  einwohnt  die  Reflexerregbar- 
keit  zu  deprimiren,  als  Gegensatz  anderer,  z.  B.  der  Nux  vomica, 
welche  die  Wirksamkeit  besitzen  sie  zu  erhohen,  haben  wir  noch 
keine  geniigende  Kenntniss.  Marshall  Hall  hielt  nach  einigen 
Experimenten  an  Thieren  die  Blausaure  fur  ein  solches,  und  viele 
Aerzte  ruhmen  die  Wirkungen  der  Aqua  laurocerasi  in  der 
Iiysterie. 

Die  dritte  Indication,  die  psychische,  ist  von  solcher  Wichtig- 
keit,  dass  oline  sie  die  ubrigen  misslingen.  Nur  stelle  man  sich, 
um  zum  Ziele  zu  gelangen,  auf  den  richtigen  Standpunkt.  Wer 
bei  einer  Hysterischen  mit  der  Tliur  in's  Iiaus  fallt , sehon  von 
fern  ihr  zuruft,  wie  man  so  oft  hurt,  „sie  miisse  sich  herausreis- 
sen,  sich  und  Andere  niclit  quiilen,“  hat  gewohnlich  das  Vertrauen 


HYSTERIE. 


471 


verscherzt,  und  nicht  mit  Unrecht.  Denn  wie  soil  wolil  die  Kranke 
eine  Einsicht  haben  ihren  Willensimpuls  dem  Refleximpulse  ent- 
gegenzusetzen?  Der  Arzt  zeige  ilir  die  Wege  zur  spontanen 
Excitation  motorischer  Nerven.  Man  erzahlt  von  Tronchin,  dem 
Schuler  Boerhaave  s , welcher  in  Paris  die  Clientel  der  hoheren 
Stiinde  hatte,  dass  er  die  hysterischen  Damen  mit  grossem  Er- 
folge  den  Fussboden  ihrer  Stuben  bohnen  liess.  Damit  w’urde 
man  zwar  heutigen  Tages  nicht  glucken,  allein  es  stehen  noch 
andere  Hiilfsmittel  zu  Gebote.  Unter  diesen  ist  nach  meiner  Er- 
fahrung  auf  das  laute  Lesen  grosses  Gewicht  zu  legen.  Schon 
die  Alten  hielten  dasselbe  fur  einen  Theil  der  Gymnastik  ( Celsus 
de  medic.  L.  I.  ed.  Targa  T.  I.  p.  21 : Commode  vero  exercent 
clara  lectio,  arma,  pila,  cursus,  ambulatio  etc.),  und  kannten  sei- 
nen  Einfluss  auf  die  Verdauung  (1.  c.  p.  25.:  Si  quis  vero  sto- 
macho  laborat,  legere  clare  debet.  Si  laxius  intestinum  dolere 
consuevit,  quod  colum  nominant,  indagandum  est  ut  concoquat 
aliquis,  ut  lectione  aliisque  generibus  exerceatur  etc.  Prodest 
etiam  adversus  tardam  concoctionem  clare  legere.).  Dazu  kommt 
die  psycbische  Reaction.  Selbst  in  palliativer  Hinsicht  leistet  es 
treffiiche  Dienste,  und  ich  kenne  kein  Mittel,  welches  so  schnell 
die  Gahn-  und  andere  Athemkrampfe  der  Hysterischen  verscheucbt. 
Ferner  sind  Turnen,  Schwimmen,  Reiten,  Bergsteigen,  schnelles 
Laufen  nach  einem  bestimmten  Ziele  (auch  bei  Annaberung  des 
Anfalls),  wirksam.  Nur  sei  man  des:  Yariatio  delectat  bei  hyste- 
rischen Frauenzimmern  eingedenk.  Selbst  starke  Emotionen  sind 
oft  sehr  hulfreicb,  an  und  fur  sich  und  durch  ibre  Folgen,  ver- 
anderte  Lebensweise  etc. 

Fur  die  Verkiirzung  der  Paroxysmen  und  Beseitigung  einzel- 
ner  liistiger  Symptome  ist  die  Palliativcur  bestimmt.  Auch  diese 
nehme  stets  auf  die  gclegcntlichcn  Ursachen  Rucksicht:  ein  Emc- 
ticum  wird  sich  oft  wirksamer  zcigen  als  die  geruhmtesten  An- 
tihysterica.  Zu  den  letztcren  gcborcn  die  durch  einen  widrigen 
Geruch  ausgezeichneten  krampfstillcnden  Mittel:  Asa  foetida,  Ca- 


472 


SPINALE  KRAEMPFE. 


storeum,  Ambra,  Valeriana,  cihige  Ammon  iumpraparatc  (z.  B. 
$ aq.  antihyst.  Prag.,  aq.  But.,  Syr.  Croci  ™ %j.  MDS  Zur  Zeit  ei- 
nen  Essloffel  voll  zu  nehmen),  zum  inneren  Gebrauche  und  in 
Clystiren.  Als  schnell  lindernd,  zumal  bei  iiberwaltigendcm  Ge- 
fuhle  von  Schwache  und  in  den  Athemkrampl'en  haben  sich  mir 
Inhalationen  von  Essigather  bewiihrt  (S.  120).  Das  Opium,  zu- 
mal das  Morphium,  ist  bei  den  mannichfaltigen  Schmerzempfm- 
dungen  Hysterischer  unentbehrlich.  Auch  der  sensible  Contact, 
das  unter  dem  Namen  des  animalischen  Magnetismus  von  Betrii- 
gern  und  Betrogenen  gemissbrauchte  Verfahren,  bewiihrt  sich  nicht 
selten  als  Reflexlinderung.  Zu  versuchen  ist  noch  bei  heftigen 
Krampfen  die  Entziehung  des  Lichtreizes  durch  Verbinden  der 
Augen.  Eine  allgemeine  Regel,  sowohl  in  der  Radical-  als  Pal- 
liativcur  der  Hysterie  ist  Vermeidung  schwachender  Potenzen, 
besonders  jaher  Safte-Entleerungen,  weil  dadurch  die  Reflexaction 
gesteigert  wird,  und  beunruhigende  Erscheinungen  die  Folge  sind. 
Was  man  aber  auch  zum  inneren  Gebrauche  fur  rathsam  findet, 
mafi  verordne  es  in  gefalliger  Form  und  in  geringen  Quantitaten. 
Acht  Unzen  haltige,  dunkle  Mixturen,  angepfropfte  Pillenschach- 
teln,  deren  Anblick  dem  Hypochondristen  wohlgefallig  ist,  machen 
die  Hysterische  stutzig,  bang,  schaffen  Langeweile. 


Ist  auch  das  mannliche  Geschlecht  der  Hysterie  ausgesetzt? 
Diese  Frage  wird  von  Einigen  bejaht,  von  Anderen  verneint,  und 
noch  Andere  glauben  sie  dadurch  zu  entscheiden,  dass  sie  der 
Hypochondrie  bei  dem  mannlichen  Geschlechte  die  Bedeutung 
der  Hysterie  bei  dem  weiblichen  zuschreiben,  eine  Meinung,  die 
bereits  (S.  191)  ihre  Widerlegung  gefunden  hat.  Nach  dem  fest- 
gestellten  BegrilFe  der  Hysterie  als  einer  von  Genitalienreizung 
abhangigen  Reflexneurose  liisstj  sich  im  Voraus  vermuthen,  dass 
wenn  eine  solche  Reizung  bei  dem  mannlichen  Geschlechte  ob- 
waltet,  ahnlichc  Erscheinungen  hervortreten  wcrdcn,  und  die  Fr- 


HYSTERIE. 


473 


fall  rung  bestiitigt  cs.  In  dem  Zustande  von  Aniimie,  der  zuwei- 
lcn  die  Pubertiit- Entwickelung  der  Knaben  begleitet,  und  wie 
die  Cldorosc  der  Madchen  sicb  in  das  jugendliche  Alter  hinein- 
ziehen  kann,  w/rd  man  selten  Symptome  hysterischen  Geprages 
vermissen.  Noch  hiiufiger  ist  dieses  bei  onanistischer  Aufreizung 
und  bei  Sexualausschweifungen  der  Fall.  Nur  geht  bier  wegcn 
des  Safteverlustes  die  reizbare  Schwache  mehr  oder  minder  sclinell 
in  eine  torpide  liber,  und  Verfall  dcr  dem  Ruckenmarke  imrna- 
nenten  Krafte  macht  sich  geltend.  Darin  zeigt  sich  der  erlieb- 
lichste  Unterscbied  der  Hysterie  in  den  beiden  Gesclilechtern : bei 
dem  miinnlichen  ist  sie  eine  transitorische  Affection,  die  kaum  so 
festen  Fuss  fasst,  um  das  wichtige  psycliische  Verhiiltniss  zu  be- 
griinden,  abgesehen  von  den  ubrigen  durch  das  Uterinsystem  be- 
dingten  Modificationen.  Bei  dem  weiblichen  Geschlechte  dagegen 
ist  die  Quelle  der  Krankheit  eine  perennirende. 


/ 


474 


SPINALE  KRAEMPFE. 


Nachst  der  von  Genitalienreizung  entstehenden  Reflexneurose 
kommt  diejenige  in  Betracht,  welche  entweder  von  Verletzung 
und  krankhafter  Veranderung  peripherischer  sensibler  Nerven  oder 
von  unmittelbarer  Betheiligung  des  Riickenmarkes  abhangig  ist, 
und  unter  dem  Namen 


Tetanus 

begriffen  wird. 

Im  Allgemeinen  sindfolgeude  Merkmale  karakteristisch:  Kram- 
pfe  in  den  von  cerebrospinalen  Nerven  versorgten  Muskeln;  an- 
haltende  Steigerung  der  Reflexerregbarkeit , wodurch  jedem  an- 
gebrachten  Reize  ein  unumschrankter  Einfluss  auf  Erregung  von 
Convulsionen  eingeraumt  wird;  andauernde  Contraction  der  vom 
Krampfe  befallenen  Muskeln,  einzelner  oder  mehrerer;  rascher 
Verlauf;  drohende  Lebensgefahr. 

Unter  den  verschiedenen  Formen  tetanischer  Affection  ist  der 

Wundstarrkrampf,  Tetanus  traumaticus 

diejenige,  deren  Geschichte  am  vollstandigsten  vorliegt. 

Zwischen  Verletzung  und  Ausbruch  der  Krankheit  verlauft  ein 
Intervall  von  verschiedener  Dauer,  in  welcbem  oft  Vorboten  sich 
melden,  deren  Kenntniss  um  so  wichtiger  ist,  weil  ihre  Gering- 
fugigkeit  sie  leicht  ubersehen  lasst.  Es  sind:  Eintritt  von  schmerz- 
hafter  Empfindung  in  dem  verwundeten  Theile,  selbst  nach  des- 
sen  Heilung  und  Vernarbung.  Morgan , einer  der  treuesten  Be- 
obachter  des  Tetanus,  erwahnt  eines  Falles  von  Verletzung  der 
Hand,  wo  zwei  Monate,  nachdem  bereits  die  Wunde  vollstandig 
geheilt  und  weder  der  Gebrauch  der  Hand,  noch  ausserer  Druck 
empfindlich  war,  ein  neuralgischer  Sclimerz  in  den  Daumenmus- 
keln  dem  Eintritte  des  Slarrkrampfes  voranging.  Bei  der  Section 
fanden  sich  zwei  Ilolzsplitter  in  dem  M.  abduct,  pollic.,  welche 
auf  einen  Zweig  des  N.  radialis  driickten.  (A  lecture  on  tetanus. 
London  1833.  p.  7.).  Ilautschauer , die  gewohnlich  als  Fieber- 


TETANUS. 


475 


frosteln  gedeutet  werden,  stellen  sich  dfters  ein,  und  kdnnen  bis 
zum  Schiittelfroste  steigen,  wie  es  bei  einem  meiner  Kranken 
der  Fall  war.  Halsschmerzen  und  Schlingbeschwerden  bestarken 
in  der  Annahme  einer  leichten  Erkaltung.  Daraul  erfolgt  der 
Ausbruch  des  Krampfes  in  dem  Sitze  der  Verletzung  oder  ent- 
fernt  davon.  In  dem  ersten  Falle  ziehen  sich  die  Muskeln  des 
verwundeten  Theils  starr  zusammen,  oder  zucken  gewaltsam  von 
Zeit  zu  Zeit,  und  dieser  ortliche  Krampf  geht  wie  eine  Aura 
dem  allgemeinen  voran.  (Ygl.  Dupuytren  traite  theor.  et  pract. 
des  blessures  par  armes  de  guerre,  p 51.  p.  54.,  und  Key  in 
Guy’s  hospital  reports  vol.  I.  p.  119.).  Bei  weitem  haufiger  aber 
nimmt  der  Krampf  in  den  Kau-  und  Schlundmuskeln  seinen  An- 
fang  und  breitet  sich  auf  die  Muskelschichten  des  Nackens,  des 
Riickens,  der  vorderen  Rumpfflache , seltner  der  Extremitiiten  aus, 
wodurch  Schwierigkeit  und  Unfahigkeit  zu  schlingen,  die  Kiefer  ' 
von  einander  zu  entfernen,  erschwerter  Athem,  Ruckwartsbiegen 
des  Kopfes  und  Rumpfes,  Streckung  der  Glieder  bedingt  wer- 
den.  Yon  Anfang  an  ist  die  Retlexspannung  excessiv:  theils  er- 
folgen  von  selbst  motorische  Entladungen  in  die  Muskeln,  und 
convulsivische  Erschiitterungen  des  Rumpfes  und  Athemkrampfe 
wechseln  mit  Nachlassen  ab,  theils  werden  dieselben  durch  jeg- 
lichen  Reiz  angeregt,  durch  Druck  auf  die  verwundete  Stelle, 
Beruhrung  der  Haut,  Erschiitterung  des  Bettes,  des  Fussbodens, 
der  umgebenden  Luft,  Getose,  Schlingversuche , ja  selbst  durch 
den  Reiz  der  Vorstellung:  schon  bei  der  Intention  zu  trin- 
ken,  oder  irgend  eine  Bewegung  vorzunehmen,  bebt  und  fahrt 
der  Kranke  zusammen,  und  wird  an  der  Ausfuhrung  verhindert. 
Ausser  dem  Wechsel  zwischen  Contraction  und  Erschlaffung,  zwi- 
schen  Krampfanfallen  und  ruhigen  Intervallen  beharrt  die  moto- 
irische  Spannung  in  einzelnen  Muskeln  auf  einem  ausserordentli- 
'chen  Grade,  sogar  bis  zur  Zerreissung  der  Muskelfasern.  Schon 
'die  Gesichtsziige  bekunden  eine  Spannung:  die  Scharfe  der  Con- 
ture  giebt  den  eigenthiimlichen  tetanischen  Ausdruck  und  ein  al- 


476  ' 


SPINALE  KRAEMPFE. 


terndes  Ausselien.  In  den  Masseteren  und  Temporalmuskeln, 
in  den  Nacken-  und  Bauchmuskeln  ist  die  Contraction  am  stii- 
tigsten  und  stiirksten.  Peinigender  Muskelschmerz,  vvie  im  Waden- 
krample,  begleitet  gewohnlich  die  Paroxysmen  und  den  Versuch 
die  contrahirten  Muskeln  auszudehnen,  den  Mund  zu  offnen,  den 
Kopf  zu  bewegen.  Auch  hort  man  viele  iiber  heftigen  Schmerz 
klagen,  der  sich  von  der  Magengrube  unter  dem  Process,  ensi- 
formis  nach  dem  Riicken  zieht,  und  den  Kriimpfen , besonders 
der  Bauch-  und  Athemmuskeln  vorangeht.  Angstgefuhl  und  Be- 
klemmung  begleiten  haufig.  Bewusstsein  und  Sinnestbiitigkeit 
sind  ungestort,  Schlaf  ist  selten,  zuweilen  mit  Nachlass  der  Mus- 
kelspannung,  die  beim  Erwachen  zuruckkehrt.  [Curling,  a trea- 
tise on  Tetanus.  London  1836.  p.  20.).  Die  Stimme  ist  oft  ver- 
iindert,  rauh,  schwach.  Die  Herzaction  mehrentheils  beschleu- 
nigt,  am  betrachlichsten  wahrend  der  Paroxysmen,  wo  die  ZabI 
der  Herz-  und  Pulsschlage  auf  120 — 140  Schlage  und  dariiber 
steigt.  In  denselben  ist  auch  die  Haut  mit  starkem  Schweisse 
bedeckt,  -bei  meist  gesunkener  Temperatur.  Harn  ist  sparsam, 
von  blasser,  heller  Farbe,  die  Ausleerung  ofters  verhindert.  Der 
Stuhlgang  hartniickig  verstopft,  zuweilen  durch  einen  Krampf 
des  Schliessmuskels  gehemmt. 

Unter  diesen  Erscheinungen  nimmt  die  foankheit  einen  jaben 
oder  minder  acuten  Verlauf,  am  haufigsten  von  zwei  bis  vier  Ta- 
gen , selbst  nur  von  einigen  Stunden : doch  fehlt  es  nicht  an  Bei- 
spielen,  wo  der  Tetanus  seine  Dauer  auf  zwei  bis  vier,  selbst 
funf  Wochen  ausgedehnt  hat.  Der  Tod  erfolgt  entweder  sufFo- 
catorisch  unter  heftigen , convulsivischen  Stossen , oder  was  selte- 
ner  der  Fall  ist,  in  Folge  hochster  Erschopfung,  in  der  Remis- 
sion, nach  trugcrischem  Scheme  von-Ruhe  und  Erschlaffung.  Sein 
Eintritt  fallt  meistens  auf  die  ersten  vier  Tagc,  unter  128  Todes- 
fallen  83  mal.  (S.  Dr.  Friedrich’ s lobenswerlhe  Dissertation:  de 
tetano  traumatico.  Berolini  1837.  p.  17.).  Die  Gcncsung  kommt 
langsam,  mehrentheils  von  der  zweiten  his  vierten  Wochc,  unter 


TETANUS. 


477 


aUmatdichem  Nachlasse  der  tetanischen  Spannung  in  den  einzel- 
nen  Muskelgruppen,  ohne  augenf allige  Crisen,  zu  Stande. 

Nach  dem  Tode  hort  gewohnlich  die  Contraction  der  Muskeln 
auf,  und  der  Korper  bleibt  einige  Stunden  schlafF,  ehe  der  Rigor  mor- 
tis eintritt:  einmal  sab  jedoch  Sommer  den  tetanischen  Krampf  an 
den  Kicfern,  wo  auch  die  Leichenstarre  zu  beginnen  pllegt,  un- 
mittelbar  in  dieselbe  sicli  fortsetzen  ( Muller  Handbuch  d.  Physio- 
.gie.  2.  Bd.  S.  44.).  Ruptur  der  Muskelfasern  mit  Blutextravasat 
ist  in  mehreren  Fallen  angetroffen  worden:  von  Larrey  (Clinique 
chirurgic.  T.  I.  p.  122)  und  Carling  (I.  c.  p.  75.)  im  Muse.  rect. 
abdom.,  von  Dupuytren  (1.  c.  p.  55.)  in  den  Nackenmuskeln , von 
lEarle  (Med.  cbirurg.  transact,  vol.  YI.  p.  93)  in  dem  Psoas  ma- 
1 jor  und  rectus.  xAndere  Befunde  in  dem  Muskelgewebe  sind  be- 
ireits  S.  290  erwahnt  worden.  Vcranderungen  in  den  peripheri- 
>5chen  Nerven  wurden  bei  genauer  Untersuchung  oft  aufgefunden 
rand  sind  von  Wichtigkeit.  In  dem  Sitze  der  Verletzung  hafte- 
ten  fremde  Korper  in  dem  Nerven  selbst,  so  in  einem  Falle  von 
I Dupuytren  (1.  c.  p.  57.)  der  Ivnoten  eines  Peitschenstrickes  im 
VN.  ulnaris,  in  einem  anderen  von  Beclard  der  Knoten  einer  Li- 
-gatur  im  N.  ischiadicus  ( Descol  dissert,  sur  les  affect,  locales  des 
aerfs.  p.  98.).  Auf  dem  hiesigen  anatomischen  Museum  wird  die 
Ifland  eines  Tetanischen  bewahrt,  in  deren  Volarlliiche  das  ab- 
.gebrochene  Stuck  eines  kleinen  Baumzweiges  gefunden  wurde. 
IPartielle  Durchschneidung  eines  Nerven  ( Swan  a treatise  on  di- 
seases and  injuries  of  the  nerves,  new  edit.  p.  343.),  Entziin- 
dung,  Verdi ckung  und  Verhartung  ( Curling  1.  c.  p.  G7.)  fan- 
den  sich  in  der  Niihe  der  Wunde,  und  nicht  bloss  hier,  auch 
mtfernt  davon  in  dem  Laufe  der  Nervenbahn  bis  zum  Riicken- 
narke  hin  sind  Vcranderungen  beobachtet  worden.  Lepdlelier 
lat  im  Jahre  1826  der  Pariser  Academie  mehrere  Falle  mitge- 
theilt,  wo  sich  Entziindung  vom  verletzten  Theile  das  Ncurilemm 
entlang  bis  zu  den  Mcmbranen  des  Riickenmarkes  ausgebreitet 
datte.  (Rdvue  m(5dic.  1827.  T.  IV.  p.  183.).  Bei  einem  funfzehn- 


478 


SPINALE  KRAEMPFE. 


jahrigen  Knaben  stellte  sich  drei  Tage  nach  der  Amputation  des 
Unterschenkels,  als  die  Wunde  schon  verlieilt  war,  grosse  Em- 
pfmdlichkeit  des  Stumpfes  mit  Zuckungen  der  Muskeln  ein,  am 
sechsten  Tage  der  Trismus  und  Athemkrampfe , am  achten  der 
Tod.  Ein  ldeiner  Abscess  liatte  sich  im  Stumpfe  gebildet  mit 
Entziindung  der  umgebenden  Theile.  Der  N.  ischiad.  war  ari 
dieser  Stelle  erweicht,  von  violetter  Farbe,  mit  Blut  stark  inji- 
cirt,  und  hatte  dieses  Ansehen  8 — 10  Zoll  aufwarts  bis  zur  Hiifte. 
Die  Pia  mater  des  Riickenmarkes  war  in  der  Nahe  des  Ursprungs 
dieses  Nerven  sehr  injicirt,  ein  rothliches  Extravasat  land  sich 
zwischen  den  Membranen,  und  das  Riickenmark  selbst  war  in 
der  Mitte  der  Dorsalregion  erweicht.  Curling  fiihrt  zwei  Fiille 
an,  wo  die  Entziindung  in  dem  Nerven  kleine  Inseln  mit  zwi- 
schenliegender  gesunder  Substanz  gebildet  hatte.  (1.  c.  p.  73.). 
Froriep  hat  in  neuerer  Zeit  musterhafte  Untersuchungen  bekannt 
gemacht  (Ueber  die  Ursache  des  Wundstarrkrampfes  und  die  Be- 
handlung  desselben  in  „Neue  Notizen  aus  dem  Gebiete  der  Na- 
tur-  und  Heilkunde  1837.  1.  Bd.  No.  1.),  aus  welchen  hervor- 
geht,  dass  der  Tetanus  nach  directer  Verletzung  der  Nerven  ein- 
trat,  sowohl  durch  Druck  mittelhar  durch  die  umgebenden  Weich- 
theile  hindurch,  so  wie  unmittelbar  auf  den  Nervenast  allein,  als 
auch  durch  Stich,  Zermalmung  und  Zerreissung,  und  dass  in  al- 
ien diesen  Fallen,  sieben  an  der  Zahl,  die  gereizten  Nerven  auf 
gleiche  Weise  eine  eigenthiimliche  entziindliche  Verand'erung, 
knotige  Anschwellung  und  Rothung  an  einzelnen,  durch  unver- 
anderte  Strecken  von  einander  getrennten  Stellen , von  der  Wunde 
bis  zum  Riickenmarke  zeigten,  welche  sich  in  andern  Fallen,  und 
namentlich  wo  kein  Tetanus  vorhandcn  ist,  nicht  findet.  — In- 
jection und  Entziindung  der  Semilunarganglien  hatte  bereits  Lob- 
stein  im  traumatischen  Tetanus  beobachtet  (de  nervi  sympathetici 
humani  fabrica,  usu  et  morbis  p.  152.),  und  Siccui  hat  von  neuem 
die  Aufmerksamkeit  darauf  geleitet  (1.  c.  p.  333.).  Ueber  die 
Befunde  im  Ruckenmarke  und  Gehirne  liisst  sich  im  Allgemeinen 


TETANUS. 


479 


festsetzen,  class  sie  durchaus  unbestiindig  sind.  Dahin  gehoren 
Blutstasis,  Injection,  Entzundung,  Exsudate,  Erweichung,  Ver- 
Ihartung.  Die  beschrankte  Erfalirung  des  Einzelnen  hat  oft  zu 
voreiligen  Folgerungen  und  Missdeutungen  verleitet.  Dasselbe 
:gilt  von  den  Veranderungen  anderer  Organe,  der  Lungen,  des 
Darmkanals,  welche  entweder  von  der  asphyctischen  Todesart  oder 
von  Complicationen  oder  von  Einwirkung  der  in  Gebrauch  ge- 
zogenen  Mittel  abhiingig  sind. 

In  der  Aetiologie  ist  zuvorderst  das  traumatische  Moment 
zu  wiirdigen.  Es  giebt  zwar  keine  Verletzung,  noch  so  verschie- 
den  der  Art  und  dein  Sitze  nach,  welche  nicht  den  Ausbruch 
des  Tetanus  zur  Folge  gehabt  hiitte,  allein  vorzugsweise  sind  es 
'Stich-  und  gerissene  Wunden,  durch  Holzsplitter,  Nagel  etc.  (un- 
ter den  in  der  oben  angefuhrten  Dissertation  zusammengestellten 
176  Fallen  71),  Contusionen,  Fracturen  mit  vielen  Knochen- 
splittern  (61),  Schusswunden  (33),  Amputationen  (11),  seltener  an- 
dere  chirurgische  Operationen,  Brandwunden,  Frost  etc.  Bei 
dem  haufigeren  Sitze  aller  Yerletzungen  in  den  Extremitaten,  be- 
■ sonders  in  den  Handen  und  Fussen , ist  die  grossere  Frequenz 
des  Starrkrampfes  nach  Yerwundungen  dieser  Theile  nicht  auf- 
fallend:  so  kommen  unter  128  von  Curling  verglichenen  Fallen 
110  auf  die  Gliedmassen,  und  unter  diesen  69  auf  die  Hande 
und  Fiisse.  Meistentheils , zumal  bei  Stichwunden,  ist  die  Ver- 
inarbung  bereits  eingeleitet  oder  zu  Stande  gekommen,  so  dass 
der  Kranke  sich  offers  der  Verletzung,  wenn  sie  unbedeutend 
war,  nicht  mehr  erinnert,  und  eine  genaue  Untersuchung  zu  ih~ 
rer  Entdeckung  erfordert  wird.  In  einem  Falle  von  Tetanus, 
welchen  ich  im  Jahre  1824  beobachtet  habe,  liiugnete  der  Kranke, 
ein  Tagelohner,  jegliche  Verwundung,  die  erst  nach  vorgenom- 
menem  Abwaschen  der  Extremitaten  auf  dem  Riicken  des  rech- 
ten  Fusses  aufgefunden  wurde:  es  war  eine  harte  Narbe  einer 
zehn  Tage  zuvor  durch  das  Auffallen  einer  Mistgabel  erhaltenen 
Stichwunde.  Nicht  selten  entsteht  aber  auch  wahrend  der  Eite- 


480 


SPINALE  KRAEMPFE. 

rung  tier  Tetanus,  in  dessen  Yerlauf  nach  Travers  Arigabe  so- 
gar  der  Ileilungsprocess.  der  Wunde  seinen  Fortgang  nehmen 
kann  (a  further  inquiry  concerning  constitutional  irritation  etc. 
p.  301.).  Der  Zeitpunkt  des  Eintritts  der  Krankheit  nach  der 
Vrerletzung  ist  vcrschieden,  ausnahmsweise  unmittelbar  oder  in 
den  ersten  Stunden,  gewohnlich  im  Laufe  von  vierzehn,  seltner 
von  ein  und  zwanzig  Tagen,  am  seltensten  nach  dieser  Frist:  die 
grosstc  Zahl  der  Erkrankungen  fallt  auf  den  Zeitraum  zwischen 
dem  dritten  und  zehnten  Tage,  unter  208  Fallen  bei  112. 

Von  den  Ursachen,  welche  die  Entstehung  des  Tetanus  nach 
einer  Verwundung  begiinstigen,  hat  man  noch  keine  genugende 
Kenntniss.  Im  Alter  und  Geschlecht  trifTt  man  zwar  auf  einige 
Vcrschiedenheiten  — so  waren  1G6  Erkrankte  im  Alter  von  5 
bis  40  Jahren,  wahrend  nur  32  in  dem  Alter  vom  lten  bis  5ten 
und  vom  40ten  bis  70sten  Jahre  sich  befanden  — so  waren  un- 
ter 252  Kranken  210  mannlichen,  42  weiblichen  Geschlechts  — 
allein  hier  ist  die  Dilferenz  auch  auf  die  mehr  oder  minder  hau- 
fige  Gelegenheit  zu  Verletzungen  zu  beziehen,  so  wie  dieses  in 
Betreff*  der  verschiedenen  Stande  und  Gewerbe  auch  der  Fall  ist. 
Weniger  zweifelhaft  sind  gewisse  atmospharisc'he,  climatische  und 
psychische  Verhaltnisse.  Es  stimmen  alle  Chirurgen,  besonders 
die  auf  Schlachtfeldern  und  in  Lazarethen  ihre  Beobachtungen 
im  Grossen  gesammelt  haben,  in  der  Anerkennung  einer  auf  heisse 
und  trockne  Temperatur  schnell  folgenden  Kalte  und  Feuchtigkeit 
als  des  giinstigsten  Moments  iiberein  ( Schmucker  chirurg.  Wahr- 
nehmungen.  Bd.  2.  Beob.  6.  Larrcij  clinique  chirurgic.  T.  I. 
p.  90.).  Der  jahe  Eindruck  eines  kalten  Luftstromes  oder  Luft- 
zuges  lasst  sich  oft  als  Anlass  nachweisen  ( Hennen  principles 
of  military  surgery.  3.  edit.  vol.  I.  p.  244.).  Dupuytren  (1.  c. 
p.  51.)  sah  in  Hospitalern  den  Wundstarrkrampf  am  leichtestcn 
bei  schlechtem  Luftungssystem  ausbrechen,  wenn  kalte  Luftziige 
auf  die  Krankenbctten  stiessen.  Das  tropische  Clima  ist  dem  Te- 
tanus gunstig,  und  der  farbige  Menschenstamm,  besonders  in  der 


TETANUS. 


481 


•Sclaverei,  weit  hiiufiger  ausgesetzt  als  die  Europiier.  Die  Wirk- 
samkeit  endemischer  Einfliisse  kann  aus  dem  verschiedenen  Ver- 
haltnisse  der  Krankheit  in  den  verschiedenen  Gegenden  vermu- 
thet  werden.  So  gehort  in  Berlin  der  Tetanus,  aucli  in  deti  Ho- 
spitalern,  zu  den  seltensten  Krankhciten.  Gemuthsaffecte  sind  von 
wichtigcm  Einllusse,  zumal  Schreck  durch  plotzliches  Gerausch, 
Kanonenschusse , Sturmgelaute  in  der  Nacht,  wodurch  Dupuytren 
in  der  Julirevolution  bei  vielen  Verwundeten  im  Hotel -Dieu  den 
Tetanus  mit  grosser  Intensitat  entstehen  sah.  Gastrischen  Rei- 
zen,  Entzundung,  abnormer  Secretion  des  Darmkanals,  ITelmintben 
ist  von  Einigen  ( Abeniethy , Swan ) ein  wichtigerer  Antheil  zuge- 
'Schrieben  worden,  als  sich  aus  den  vorliegenden  Thatsachen  ent- 
inelnnen  liisst.  Am  seltensten  ist  der  Tetanus  in  Folge  schwerer 
;Entbindungen  beobachtet  worden  ( Curling  \ c.  p.  116.).  Von 
;grossem  Belang  erscheint  in  atiologischer  Beziehung  die  Abnahme 
der  Frequenz  des  Wundstarrkrampfes  in  neueren  Zeiten  durch 
verbesserte  und  r'ucksichtsvollere  Behandlung  der  Verwundeten. 
'Wenn  Lind  noch  in  der  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  anfiihrt, 
dass  nacb  Amputationen  fiinf  Falle  unter  sechs  todtlich  enden 
(an  essay  on  the  most  effectual  means  of  preserving  the  health 
oof  seamen  in  the  Royal  Navy  1757.),  wenn  Gilbert  Blane  in 
j-seinen  Diseases  of  Seamen  p.  3.  erwahnt,  dass  unter  810  im 
April  1782  in  Westindien  Verwundeten  30  vom  Tetanus  befal- 
i ten  wurden,  wovon  17  starben,  so  weiset  Dickson  (on  tetanus 
bn  Medic,  chirurg.  transact.  1816.  vol.  VII.  p.  461)  die  auffallende 
Abnahme  in  den  neueren  Seekriegen  aus  seinen  und  Anderer  Be- 
irichten  nach,  so  dass  unter  der  Zahl  von  23  Amputationen  nur 
ein  Fall  von  Wundstarrkrampf  sich  ereignete. 

Diagnostisches  und  Nosologischcs.  — Die  auf  den 
hochsten  Grad  gesteigertc  Reflexerregbarkeit  ist  das  Criterium, 
welches  den  Tetanus  von  andern  krampfliaften  Affectioncn,  deren 
IHeerd  das  Riickenmark  ist,  unterscheidet.  Aehnliche  motorische 
lEntladungen,  ahnliche  spastische  Attit'uden  kommen  aucli  bei  Me- 


482 


SP1NALE  KRAEMPFE. 


ningitis  spinalis  vor,  allein  es  felilt  dcr  Despotismus  (wenn  icli 
niicli  so  ausdriicken  darf)  der  Rellexpotenz,  welcher  den  Muskel- 
apparat  eines  Athleten  in  die  Abhiingigkeit  von  einer  schwacli 
gereizten  Hautstelle  setzt.  Dieses  ist  auch  der  Unterschied  von 
den  Krampfen  einzelner  Muskelgruppen,  z.  B.  der  masticatorischen, 
selbst,  wenn  sie  durch  analoge  Einfliisse,  wie  die  tetanische  Af- 
fection erregt  werden,  worauf  bereits  bei  der  Schilderung  des  Ge- 
sichtskrampfes  (S.  314)  aufmerksam  gemacht  worden  ist.  In  den 
bisherigen  Eintheilungen  des  Tetanus  ist  dieses  Element  ausser  Acht 
gelassen  worden,  und  so  konnte  es  nicht  fehlen,  dass  sie  weder 
wissenscliaftlich  noch  technisch  ergiebig  waren,  und  selbst  die 
Verwirrung  steigerten.  Am  unbedeutendsten  ist  die  Eintheilung 
nach  der  Yerschiedenheit  der  vom  Krampfc  befallenen  Muskel- 
schichten  in  Trismus,  Orthotonus,  Opisthotonus,  Emprosthotonus, 
Pleurosthotonus:  die  beiden  letzteren  Formen  gehoren  zu  den 
grossten  Seltenheiten,  der  Trismus  kann  fehlen  ( Dupuytren  1.  c. 
p.  54),  und  uberhaupt  ist  es  nicht  die  Contraction,  noch  die  durch 
dieselbe  hervorgerufene  Stellung,  welcke  den  Tetanus  karakteri- 
siren.  Eben  so  wenig  wie  die  raumliche  bietet  die  zeitliche  Dif- 
ferenz  (Tetan.  acutus  und  chronicus)  einen  Halt  dar:  es  liegt  die- 
selbe Bedingung  zu  Grunde,  mogen  die  Erscheinungen  der  Krank- 
heit  in  eben  so  viel  Stunden  oder  Tagen  ihren  Verlauf  nehmen: 
zudem  ist  der  Ausdruck  chronisch  fur  einen  Cyclus  von  einigen 
Wochen  nicht  gerechtfertigt.  Unstatthaft  ist  der  nosologische 
Gegensatz  des  Wundstarrkrampfes  als  eines  symptomatischen  Te- 
tanus zum  idiopathischen:  denn  die  centripetale  Erregung  durch 
traumatische  Nervenreizung  ist  nichts  als  ein  atiologisches  Moment 
fur  die  Bedingung  der  Krankheit,  fur  die  Steigerung  der  Rellex- 
spannung.  Ganz  irrig  ist  endlich  die  Eintheilung  in  entzundlichen 
und  krampfhaften  Tetanus,  oder  wie  Curling  (I.  c.  p.  203)  vor- 
schlagt,  in  einen  acuten,  in  einen  acuten  entzundlichen,  und  in 
einen  chronischen  Tetanus.  Wir  haben  hier  wieder,  wie  an  so 
vielen  anderen  Beispielen  den  Beweis,  dass  der  Mangel  pathologi- 


TETANUS. 


483 


scher  Wahrheit  (lurch  scholastisches  Schematisiren  nicht  ergiinzt 
werden  kann.  Fruclitbarer,  wenn  auch  noch  nicht  erschopfend, 
ist  die  physiologische  Untersuchung  der  tetanischen  Affection.  Es 
ist  bereits  zuvor  erinnert  worden,  dass  es  keiner  bewussten 
Empflndung  bedarf,  um  Reflexactioncn  zum  Yorschein  zu  brin- 
gen,  und  so  sieht  man  in  dem  Tetanus  oft  die  Reflexerregbar- 
keit  zum  Excesse  steigen,  ohne  dass  die  Verletzung  von  erheb- 
licher  Schmerzempfindung  begleitet  ware,  ja  die  Falle  sind  nicht 
selten,  wo  die  Wunde  bereits  ganz  und  gar  vergessen  war.  Ein 
Intervall  zwischen  Verletzung  und  Ausbruch  der  Krankheit  ist 
nothwendig,  damit  das  Ruckenmark  in  denjenigen  Grad  von  Re- 
flexspannung  versetzt  werde,  den  wir  bei  decapitirten  Thieren 
durch  Yerwundung  des  Riickenmarks  oder  in  anderen  Fallen  durch 
Vergiftung  sofort  hervorbringen  kdnnen.  Man  hat  zwar  Beispiele 
angefuhrt , wo  die  Entstehung  des  Starrkrampfes  mit  der  Wunde 
coincidirt  haben  soil,  allein  entweder  sind  blosse  Reflexzuckun- 
gen  mit  tetanischer  Affection  verwechselt  worden,  oder  die  letz- 
tere  war  schon  vorbereitet,  wie  z.  B.  in  folgendem  von  Swan 
(1.  c.  p.  341)  mitgetheilten  Falle.  Blizard  nahm  an  einer  Frau 
die  Operation  des  Aneur.  poplit.  nach  der  alteren  Methode  vor, 
durch  Oeffnen  des  Sackes  und  Anlegen  einer  Ligatur  ober-  und 
unterhalb  der  Geschwulst.  Alles  ging  erwiinsekt,  bis  eines  Ta- 
ges  das  Glied  aus  der  flectirten  Stellung  gebracht  und  extendirt 
wurde,  da  schrie  die  Kranke  plotzlich  fiber  furchterlichen  Schmerz 
auf,  verfiel  bald  darauf  in  Tetanus,  und  starb.  Bei  der  Section 
fand  man,  dass  der  Hautnerv,  der  die  kleinere  Ven.  saphen.  be- 
gleitet, bei  der  Operation  durchschnitten  zu  sein  schien,  und  dass 
das  obere  angeheftete  Stuck  in  dem  Streckversuche  jahlings  ge- 
zerrt  worden  war.  — Die  peripherische  nach  dem  Ruckenmarke 
sich  ausbreitende  Reizung,  wofiir  ein  materieller  Ausdruck  in 
der  inselformigen  Propagation  der  Entziindung  des  Neurilemms 
gegeben  ist,'  bleibt  auch  nach  Ausbruch  der  Krankheit  in  ihrem 
bestimmten  Verhaltnisse  zur  Centralpotenz,  ein  Umstand,  der  fur 

Romberg’s  Nerrenkrankb.  I.  2, 

1 • 


484 


SPINALE  KRAEMPFE. 

die  Therapie  von  Wichtigkeit  ist.  Travers  erziihlt,  dass  ein 
Mann  nacli  Amputation  des  Schenkcls  von  heftigen  tetanischen 
Krampfen  befallen  wurde.  Bei  Untersuclmng  des  Stumpfes  fand 
man  den  Cruraln erven  in  einer  Ligatur  eingeschlossen , nach  deren 
Losung  die  Krampfe  allmahlich  aufhortcn  (1.  c.  p.  321.).  Die 
Plianomcnc  der  gesteigerten  Rcflexerregbarkeit  selbst  bieten  Ei- 
genthumlichkciten  dar,  nicht  bloss  in  der  motorischen,  sondern 
auch  in  der  sensibeln  Sphare.  Schon  aus  den  von  Stannius  sinn,- 
reich  angestellten  Yersuchen  (Ueber  die  Einwirkung  des  Strych- 
nins  auf  das  Nervensystem  in  Mullers  Archiv.  1837.  S.  231.) 
liatte  sich  ergeben,  dass  bei  dem  Tetanus  der  Frosche  in  Folge 
von  Strychnin  -Vergiftung  die  sensibeln  Nerven  vom  Riickenmarke 
aus  eine  ungewohnliche  Steigerung  ihrer  Erregbarkeit  erfahren 
oder  gleichzeitig  selbst  gereizt  werden,  und  dass  sie  nun , so  ver- 
iindert,  auf  das  Riickenmark  zuriickwirkend  erst  mittelst  dieses 
zu  den  eigentbiimlichen  Krampfen  Anlass  geben.  Diese  erhohte 
Reizbarkeit  der  peripherisclien  sensibeln  Nerven  lasst  sich  bei  je- 
dem  Tetanuskranken  beobachten,  mag  auch  die  cerebrale  Sensi- 
bilitat  wie  bei  den  Individuen  bbotischen  Schlages  auf  dem  Null- 
punkt  stehen..  Jener  Mensch,  der  bei  der  schmerzhaftesten  Yer- 
letzung  oder  Operation  stumpf  bleibt,  fcihrt,  vom  Tetanus  befal- 
len, zusammen,  wird  convulsivisch  erschiittert,  sobald  man  seine 
Haut  beriihrt.  Allein  nicht  auf  alle  motorischen  Bahnen  er- 
folgt  der  Refleximpuls  gleichmassig:  die  cerebrospinalen  wer- 
den bei  weitem  haufiger^  und  starker  betheiligt,  als  die  sympa- 
thischcn,  ob  aussschliesslich,  wie  einige  annehmen,  ist  unent- 
schieden:  denn  um  iiber  die  Action  des  Herzens  in  dieser  Krank- 
heit  ein  Urtheil  zu  fallen,  reicht  der  Puls  als  Masstab  nicht  aus,  es 
bedarf  noch  einer  sorglaltigen  auscultatorischen  Untersuchung.  Die 
blosse  Zunahme  der  Pulsfrequenz  wahrend  der  convulsivischen 
Paroxysmen  kann  keinesfalls  bei  dem  grossen  Einflusse  der  Mus- 
kelcontractionen  auf  die  Bewegunger.  des  Herzens  als  Beweis  fur 
eine  krampfhafte  Action  desselben  gelten.  Eine  Beobachtung 


TETANUS. 


485 


von  How  ship,  so  interessant  sie  auch  ist,  steht  noch  zu  isolirt 
da:  bei  einem  Tetanischen,  der  iiber  heftige  Scbmerzen  in  der 
Herzgegend  geklagt  hatte,  mid  dessen  Section,  elf  Stunden  nach 
dem  Tode,  bei  noch  warraem  Korper  vorgenommen  wurde,  war 
das  ITerz,  besonders  im  Langedurchmesser  so  sehr  verkurzt,  dass 
es  nur  den  vierten  Theil  des  Raumes  in  der  Hohle  des  Pericar- 
dium einnahm.  Der  Widerstand  beim  Drucke  war  iiberaus  fest, 
wie  von  einem  hornartigen  Korper.  Vorhofe  und  Kammern  wa- 
ren  betrachtlich  contraliirt:  die  Wandungen  des  linken  Ventrikels 
lagen  dicht  auf  einander,  so  dass  auf  einem  Durchschnitte  die 
Iiolile  kaum  sichtbar  war.  Ungefahr  eine  lialbe  Unze  Blut  war 
im  rechten  Ventrikel,  eine  Unze  im  reclrten  Vorhof,  weit  weni- 
ger  im  linken.  AIs  das  herausgenommene  ITerz  ein  Paar  Stun- 
den darauf  untersucht  wurde,  zeigte  es  sich  in  einem  vollkommen 
erschlafften  Zustande,  war  grosser  und  weicher  ( Curling  1.  c. 
p.  11).  Und  nicht  bloss  die  sympathischen  Bahnen  werden  vom 
Refleximpulse  verschont,  auch  unter  den  cerebrospinalen  giebt  es 
einzelne,  die  vorzugsweise  getroffen  werden,  die  masticatorischen, 
die  respiratorischen , wahrend  die  Nerven  der  Bumpfglieder  oft 
frei  bleiben.  Selbst  halbseitig,  und  zwar  auf  der  Seite  der  Wunde, 
sollen  in  einigen  Fallen  die  tetanischen  Erscheinungen  sich  ge- 
zeigt  haben. 

Prognose  und  Behan dlung.  Obschon  der  Wundstarr- 
krampf  zu  den  am  haufigsten  todtlichen  Krankheiten  gezahlt  wird, 
so  scheinen  doch  bisher  zur  Begrimdung  des  prognostischen  Ur- 
theils  die  begleitenden  Umstande  (Clima,  Pflege,  Anstrengungen, 
Gemiithsalfecte  etc.)  noch  zu  wenig  beriicksichtigt  worden  zu 
sein.  Man  iiberzeugt  sich  hiervon,  wenn  man  die  Beobachtungen 
der  Aerzte  in  der  heissen  Zone,  wenn  man  die  Erfahrung  der 
Militiirchirurgen  mit  den  Ergebnissen  der  von  Curling  und  Dr. 
Friederich  gegebenen  Tabellen  vergleicht.  ITier  fast  die  Halfte 
der  Kranken  gerettet,  dort,  z.  B.  in  Macgrigors  Bericht  von  dem 
englisch-spanischeri  Feldzuge  (on  diseases  of  the  army  in  Med. 

32  # 


486 


SPJNALE  KRAEMPFE. 


chirurg.  transact.  Vol.  VI.  p.  449)  nntcr  einigen  Hundert  Er- 
krankungcn  nur  iiusserst  wenige  Beispicle  von  Ileilung.  An  si- 
cheren  prognostischen  Criterien  fur  die  einzelnen  Falle  fehlt  es 
annoch.  Der  zuverlassigstc  Masstab  scheint  der  Vcrlauf  und 
die  Dauer  der  Intervalle  zwischen  den  convulsivischen  Paroxys- 
mcn  zu  sein.  Folgen  diese  jahe  auf  einander,  ist  die  Reflexspan- 
ming  ununterbrochen,  bietet  der  Tetanus  das  Bild  eines  morbus 
acutissimus  dar,  so  schwindet  fast  jede  Hoffnung:  „es  ist,  wie 
Cams  treffend  sagt,  gleichsam  „ein  Ausstromen  der  Innervation, 
„wodurch  dieser  wesentlichste  Lebensquell  eben  so  erschopft  wird 
„als  das  Bildungsleben  durch  Ausstromen  des  Blutes  aus  einer 
„grosseren  Schlagader  und  durch  ungemessene  Absonderungen  wie 
„in  der  Cholera“  (System  der  Physiologie  3.  Tbl.  S.  394).  Wo 
Heilung  stattgefunden , war  der  Verlauf  grdsstentheils  trage , auf 
Wochen  ausgedehnt,  und  die  Zwischenraume  der  Paroxysmen 
liinger.  Unter  den  einzelnen  Svmptomen  hat  Parry  (Cases  of 
tetanus  and  rabies  contagiosa  1814  p.  18)  auf  die  Pulsfrequenz 
das  grdsste  Gewicht  gelegt,  und  die  Behauptung  aufgestellt,  dass 
wenn  beim  Erwacllsnen  am  4ten  oder  5ten  Tage  der  Puls  nicht  die 
Zahl  von  100  oder  110  Schliigen  hat,  die  Genesung  meistens  zu  er- 
warten  steht,  dagegen  bei  einer  schon  am  ersten  Tage  auf  120  und 
druber  steigenden  Frequenz  fast  immer  der  Ausgang  todtlich  ist. 
Andere  Beobachtiuigen  haben  diesen  Ausspruch  nicht  gerechtfer- 
tigt  ( Curling  p.  15.).  Wichtiger  fur  die  Prognose  ist  die  respi- 
ratorische  Action:  friiher  Eintritt  und  Wiederholung  suffocatori- 
scher  Zufalle  bekunden  die  grosste  Gefahr. 

Beobachtungen  von  Naturheilung,  selbst  unter  sehr  mis- 
liclien  Umstanden,  sind  mitgetheilt.  Macgrigor  (1.  c.)  erzahlt  von 
einem  Soldaten,  der  auf  dem  Marsche  nach  einer  leichten  Ver- 
wundung  am  Finger  von  hcftigem  Tetanus  befallen  wurde.  Man 
mochte  ihn  nicht  in  einem  elcnden  spanischen  Gebirgsdorfe  zu- 
r'ucklassen,  und  liess  ihn  auf  einem  mit  Ochsen  bespannten  Kar- 
ren  hinter  dem  Regimente  nachfahren.  Von  6 Uhr  Morgens  bis 


TETANUS. 


487 


10  Uhr  Abends  blieb  er  dem  Regen,  dem  Sclinee  und  einem 
Wechsel  der  Temperatur  von  52  bis  30°  F.  ausgcsetzt,  kam  cr- 
starrt  an,  allein  frei  von  tetanischcn  Symplomen.  — Audi  Mor- 
gan, Aslley  Cooper  u.  A.  sahen  in  einzclnen  Fallen  oline  alle 
Kunsthiilfe  Genesung  crfolgen,  dodi  betrafen  diese  die  trager 
verlaufende  Form  der  Krankheit.  Hiermit  stimmen  auch  die  Er- 
folge  des  tedinischen  Verfahrens  iiberein,  weldie  man  in  dem 
trostlosen  Resultate  zusammenfassen  kann,  dass,  wo  der  Tetanus 
als  morbus  acutissimus  auftritt,  keine  Heilmethode  fruchtet,  da- 
gegen  in  der  milder  und  langsamer  verlaufenden  Form  die  Ilei- 
Iung  nach  dem  Gebraudie  der  vcrsdiiedenartigsten  Mittel  ofters 
zu  Staude  kommt. 

Als  Aufgabe  der  Behandlung  stellt  sidi  Beseitigung  des  Re- 
flexreizes  und  Herabstimmung  der  Reflexerregbarkeit.  Fjir  den 
ersten  Zweck  werden  besonders  chirurgisdie  Hulfsleistungen  em- 
pfolilen,  unter  denen  Amputation  und  Durchschneidung  des  Ner- 
ven  zu  wiederholtenmalen  ausgefiihrt  worden  sind.  Jedodi  stim- 
men im  Widerrathen  der  Amputation  nach  Ausbruch  cles  Teta- 
nus, welche  an  und  fur  sich  und  durch  ihre  Folgezustande  Ent- 
ziindung,  Eiterung,  die  Reflexerregbarkeit  nodi  mehr  steigert, 
die  beriihmtesten  Wundiirzte  unserer  Zeit  iiberein,  und  Dupuy- 
trcn  (1.  c.  p.  51)  sah  selbst  in  jenen  Fallen  keinen  Erfolg  davon, 
wo  die  Krampfe  vom  verletzten  Theile  ausgingen.  Zur  Durch- 
schneidung der  durch  die  Verletzung  gereizten  Nervenfasern  for- 
dern  einige  Beispiele  gelungenen  Erfolges  auf,  z.  B.  der  von 
Murray  beobachtete  Fall  eines  funfzehnjahrigen  Schiffsjungen,  der 
sich  im  Monat  August  1832  auf  einer  Reise  nach  Madras,  9 Uhr 
Abends  einen  rostigen  Nagel  in  die  linke  Fusssolde  getreten  hatte. 
Die  Nacht  hindurch,  welche  kalt  und  sturmisch  war,  blieb  er  auf 
der  Wache,  und  hatte  starke  Schmerzen  im  Fusse.  Am  folgen- 
dcn  Morgen,  8 Uhr,  klagte  er  liber  Steiflieit  in  den  Kiefer-  und 
Halsmuskeln,  welche  schnell  an  lntensitat  zunahm.  Das  Gcsicht 
driickte  Angst  aus,  die  Lippen  waren  geschwollen  und  livide. 


488 


SPINALE  KRAEMPFE. 


Die  Kinnladen  standen  nalie  an  einander,  so  dass  sich  ein  Stuck— 
clien  Holz  mit  Schwierigkeit  zwischen  die  Zahne  schieben  liess. 
Zvvei  Stunden  darauf  breitete  sich  dcr  Krampf  auf  die  Rucken- 
muskeln  aus,  das  verletzte  Glied  fuhlte  sich  kalt  an,  und  war 
schmerzhaft  in  der  Nahe  der  Wunde.  Der  Puls  war  von  120 
Schliigen,  und  der  gauze  Zustand  deutete  die  hochste  Gefahr  an. 
Bei  der  Unwirksamkeit  der  in  Gebrauch  gezogenen  Mtttel  ent- 
schloss  sich  Dr.  Murray  zur  Durchschneidung  des  N.  tibialis  po- 
sterior. Der  zum  Doppelten  seines  gewohnlichen  Umfangs  an- 
geschwollene  Nerv  wurde  mit  einer  Aneurysmanadel  in  die  Hohe 
gehoben,  und  schnell  durchschnitten,  was  von  heftigem  Schmerze 
begleitet  war,  nllein  gleich  darauf  offnete  der  Kranke  den  Mund, 
schrie  laut  vor  Freude  auf,  und  sagte,  dass  sein  Bein  wieder 
auflebe.  Nach  drei  Tagen  waren  alle  tetanischen  Zufalle  ver- 
schwunden,  es  zeigten  sich  keine  Beschwerden  beim  Gehen,  nur 
blieben  die  Ferse  und  kleine  Zehe  gefuhllos  ( Grainger  ob- 
servations on  the  structure  and  functions  of  the  spinal  cord.  p. 
97).  In  einigen  anderen  unvollstandig  mitgetheilten  Fallen  bleibt 
es  zwar  zweifelhaft,  ob  der  Trismus  Symbol  der  tetanischen  Af- 
fection war  (vgl.  S.  314),  allein,  wie  dem  auch  sei  — die  Durch- 
schneidung des  Nerven  von  geubter  Hand,  mit  gleichzeitiger  An- 
wendung  ortlicher  Blutentleerungen  ist  jedenfalls,  sowohl  im  An- 
fange  als  im  Yerlaufe  der  Krankheit,  obgleich  auch  sie  offers 
erfolglos  geblieben  ist,  zu  versuchen. 

Den  Excess  der  Reflexerregbarkeit  zu  mindern  sei  schon  das 
diatetische  Regimen  bestimmt.  Der  Tetanische  liege  in  einern 
dunkeln  Zimmer,  entfernt  von  Gerausch  und  von  storenden  Be- 
suchen,  verschont  mit  jeder  unniitzen  Berubrung  und  Bewegung, 
besonders  mit  gewaltsamen  Schlingversuchen,  worauf  fast  unaus- 
bleiblich  convulsivische  Ausbriichc  folgen.  Rathschlage  wie  etwa 
Larrcys  zum  Einbringen  einer  diinnen  biegsamen  Rohre  durch 
die  Choanen  in  den  Schlund,  odcr  zum  Auszichcn  einiger  Zahne 
um  die  Mdicamcntc  bcizubringcn,  sind  verwerllich.  Die  Tern- 


TETANUS. 


489 


peratur  sei  erhoht,  die  Warme  nach  Dupuijtren’s  Vorschlag  feucht, 
erschlaffend  vermittelst  Wasserdampi'e.  Ambroise  Pare  hat  einen 
Kranken,  der  vierzehn  Tage  nach  der  Amputation  des  Yorderarms 
von  Tetanus  befallen  worden  war,  durch  Einhullen  in  Mist  ge~ 
heilt.  „Or  je  ne  puis  obmettre  h raconter  que  quinze  jours  apres 
suruint  au  pauure  soldat  un  spasme,  lequel  j’auois  prognostique 
a cause  du  froid,  et  qu’il  estoit  mal  couchd  en  vn  grenier,  la  ou 
non-seulement  auoit  peu  de  couuerture  mais  aussi  estoit  expose 
h tous  les  vents,  sans  feu  et  autres  choses  ndcessaires  h la  vie 
humaine;  en  le  voyant  en  tel  spasme  et  retraction  des  membres, 
les  dents  serrees^  les  l&vres  et  toute  la  fasse  tortiie  et  rdtiree, 
comme  s’il  eust  voulu  rire  du  ris  sardonic,  qui  sont  signes  ma- 
nifestos de  conuulsion,  emeu  de  pitie,  et  desirant  faire  le  deu  de 
mon  art,  ne  pouuant  autre  chose  luy  faire  pour  lors,  le  fis  mettre 
en  une  estable  en  laquelle  estoit  un  grand  nombre  de  bestail  et 
grande  quantite  de  fumier,  puis  trouuay  inoyen  d’avoir  du  feu 
en  deux  rechauds  pr£s  lesquels  luy  frottay  la  nucque,  bras  et 
jambes,  euitant  les  parties  pectorales,  avec  liniments,  ci-devant 
escrits  pour  les  retractions  et  spasmes.  Aprhs  enueloppay  ledit 
patient  en  vn  drap  chaud,  le  situant  audit  fumier,  l’ayant  pre- 
mikrement  garny  et  couuert  de  paille  blanche ; puis  fut  dudit  fu- 
mier trks-bien  couuert,  ou  il  demeura  trois  jours  et  trois  nuicts 
sans  se  leuer  dedans,  lequel  lui  suruint  un  petit  flux  de  ventre 
et  une  grosse  sueur  etc.  Par  ces  moyens  fut  guary  dudit  spasme“ 
(Oeuvres  d’ Ambroise  Pare  L.  XII.  C.  XXVII).  — Bei  der  gros- 
sen  Erschopfung  der  Nervenkraft,  welche  im  Tetanus  von  Beginn 
an  oder  in  seinem  Verlaufe  eintritt,  ist  eine  antiphlogistische,  ent- 
ziehende  Diat  ungehorig,  und  die  neuere  Erfahrung,  besondcrs 
brittischer  Aerzte  stimmt  fur  den  reichlichen  Gebrauch  des  Weins, 
kraftiger  Br'uhen  etc.,  um  dem  Collapsus  entgegen  zu  wirken. 

Fiir  die  Anwendung  einzclner  Mittel  bestimmtc  Indicationen 
aufzustellen  geben  die  bisherigen  Bcobachtungcn  kein  Reclit,  mag 
auch  Mancher  auf  pedantische  Weisc  sich  darin  ergehen.  Es 


% 


490 


SP1NALE  KRAEMPFE. 


giebt  kcine  andere  Krankheit,  wo  dcr  Mangel  einer  reinen  Er- 
fahrung  so  driickend  ist.  Die  drohende  Lebensgefahr  liisst  selten 
Beruhigung  in  einem  Mittel  finden,  und  sclbst  therapeutische 
Contraste  werden  oline  Scheu  an  einandcr  gereihet.  Dennoch 
erhiilt  sich  seit  liingerer  Zeit  die  Anhiinglichkeit  an  ein  Mittel, 
das  Opium,  welches  man  in  den  Verordnungen  fur  Tetanische 
hochst  selten  vermisst,  daher  auch  bei  den  glucklichen  Fallen  er- 
wahnt  findet.  Schon  das  mit  seiner  Dosis  getriebene  Spiel  er- 
weckt  Misstrauen,  urn  so  mehr,  wenn  man  an  den  Gebrauch 
der  monstrosen  Gaben  yon  3£  Unze  in  24  Stunden,  11  Tage 
hindurch,  oder  von  mehr  als  4 Pfund  Tt.  Opii,  und  6 Unzen, 
4f  Drachmen  Opium  in  Substanz  binnen  10  Tagen  die  Beob- 
achtung  von  Abernethy  halt , der  im  Magen  eines  Tetanischen 
dreissig  Drachmen  unaufgeloseten  Opiums  antraf  ( Curling  1.  c. 
p.  152).  Ueberhaupt  scheint  die  Toleranz  des  Magens,  die  Em- 
pfanglichkeit  fur  medicamentose  Eindriicke  und  Resorbtion  im 
Tetanus  verringert  zu  sein:  Travers  erwahnt  eines  Kranken  mit 
stark  contrahirten  Pupillen,  die  durch  das  bis  zu  einem  Scrupel 
gereichte  Extract.  Belladonn.  nicht  erweitert  wurden  (I.  c.  p.  318). 
Um  so  nothiger  ist  es  die  Heilmittel  auf  anderen  Wegen  beizu- 
bringen:  Dupuytren  hatte  bereits  gegen  Tetanus  die  Anwendung 
des  Opium  in  Clystiren  vorgeschlagen  (memoire  sur  la  fracture 
de  l’extremite  inferieure  du  perone  im  Annuaire  des  hopitaux), 
und  endermatische,  so  wie  auch  nach  Percy’s  und  Laurent’s  Vor- 
gang  Infusions -Versuche  sind  zu  wiederholen  ( Curling  p.  201). 
Zuverlassiger  noch  scheint  die  Wirkung  des  Tabaks  zu  sein: 
3j  oder  3/3  hb.  Nicotian,  auf  4—6  Unzen  infundirt  zum  Clystire, 
und  nach  Massgabe  der  Kriifte  und  der  Intensitat  der  Spasmen 
wiederholt.  Durchaus  nothwendig  ist  die  darauf  einzuleitende 
Starkung  und  Belebung  durch  kraftige  Briihe,  Wein,  fliichtige 
Stoffe,  Ammonium,  Alcohol,  Rum  etc.,  denn  die  Prostration  durch 
das  Mittel  ist  gewaltig,  und  momentan  erschlafft  die  motorische 
Spannung  in  den  Kau-  und  Bauchmuskeln.  — Von  andern  Mit- 


TETANUS. 


491 


teln  ist  der  Erfolg  zu  ungewiss,  urn  hier  erwiihnt  zu  werden. 
Selbst  den  warmen  Badern,  den  kalten  Begiessungen  lasst  sich 
das  Wort  nicht  reden,  da  jede  uberfliissige  Handhabung  des  Kran- 
ken  den  Ausbruch  der  Krampfe  befordert,  und  Beispiele  vorhan- 
den  sind,  wo  im  kalten  Bade  plotzlich  der  Tod  eingetreten  ist. 
Wichtiger  ist  die  Sorge  fur  Oeffnung  des  Stuhlgangs  durch  Cly- 
stire  und  Drastica.  Blutentleerungen , zumal  allgemeine  und  co- 
piose  sind^im  Wundstarrkrampfe  nicht  angemessen,  indem  sie  die 
Exaltation  der  Reflexpotenz  steigern,  und  den  Collapsus  vermeil-- 
ren.  — In  den  Fallen  giinstigen  Ausgangs  ist  der  Kranke  noch 
langere  Zeit  vor  Erkaltung  und  Gemiithsaffecten  zu  schiitzen. 
lEin  von  Key  mit  Erfolg  behandelter  Kranke  starb  auf  der  Stelle 
durch  einen  Gemuthsaffect  ( Travers  1.  c.  p.  302). 

In  der  Behandlung  der  Hysterie  ist  die  Wichtigkeit  der  psy- 
ichischen  Indication  hervorgehoben  worden.  Lasst  sich  auch  im 
Tetanus  die  Opposition  des  cerebralen  Impulses  gegen  den  Re- 
fleximpuls  therapeutisch  benutzen?  Folgender  Fall  von  Cruveil- 
/uer,  einem  zu  gewissenhaften  Beobachter,  urn  Zweifel  an  seiner 
Wahrheit  zu  hegen,  diirfte  dazu  auffordern.  In  Folge  einer 
1 Quetschung  des  Daumens  wurde  ein  zwanzigjahriger  Mensch  von 
Tetanus,  mit  kramplhaften  Erschiitterungen  der  Athemmuskeln, 
ibesonders  des  Zwerchfells  befallen.  Alle  Mittel  blieben  unwirk- 
'sam,  die  Gefahr  stieg  am  zehnten  Tage  aufs  hochste  — da  (ver- 
suchte  Cruveilhier  der  unwillkiihrlichen  Muskelcontraction  eine 
willkuhrliche  entgegen  zu  setzen.  In  der  Voraussetzung,  dass 
der  Muskel  nicht  zugleich  zweien  Reizen  willfahren  konne,  und 
dass  der  starkere  den  Sieg  iiber  den  schwiicheren  davon  tragen 
wurde,  rieth  er  dem  Kranken  tiefe  Inspirationen  zu  machen,  in 
raschen  rhythmischen  Ziigen,  und  um  ihm  diese  Bewegungen  zu 
• erleichtern,  gab  er  selbst  durch  abwechselndes  Aulheben  und 
kSenken  der  Arme  den  Takt  an.  Der  Erfolg  iibertraf  die  Er- 
wartung:  die  convulsivischen  Stosse  der  Rumpf-  und  Athemmus- 
keln, welche  zuvor  jede  Minute  sich  eingestellt  hatten,  kamen 


492 


SPINALE  KRAEMPFE. 


erst  nach  Verlauf  einer  halben  Stunde  wieder,  als  der  Krarike 
iiusserst  ermattet  mit  dem  taktmassigen  Einathmen  inne  gehallen 
hatte.  Wiederholung  des  Versuchs  mit  demselben  Resullate. 
Endlich  schlummerte  der  Kranke  ein,  und  schlief  zwei  Stunden 
lang.  Am  folgenden  Tage  zeigte  sich  merkliche  Besserung:  die 
Zuckungen  kehrten  nur  nach  langen  Intervallen  wieder,  und  ver- 
schwanden , sobald  der  Kranke  zu  dem  taktmassigen  Athmen  seine 
Zuflucht  nahm.  Dieses  geschah  auch  an  den  folgenden  Tagen,  und 
am  26.  war  die  Genesung  vollstandig.  (Observation  sur  le  traite- 
ment  du  tetanos  traumatique  in  der  R6vue  m£dic.  franc,  et  etrang. 
1834.  T.  II.  p.  83.). 


Tetanus  (Trismus)  neonatorum, 

Es  gehen  gewohnlich  Vorboten  voran:  Aufschreien  im  Schlafe, 
Zusammenfahren , Verziehen  des  Mundes,  bleigrauer  Ring  um 
die  Lippen  (J.  P.  Frank  interpret,  clinic:  de  trismo  infantum  Ter- 
gesti  endemico  p.  372),  grelles,  eigenthumlich  tonendes  Geschrei, 
wobei  das  Kind  heftig  mit  Armen  und  Fiissen  zappelt,  den  Kopf 
nach  hinten  bohrt,  die  Brustwarze  mit  grosser  Gier  fasst,  eben 
so  schnell  wieder  loslasst  und  von  neuem  schreiet.  ( Finckh  uber 
den  sporadischen  Krampf  der  Neugebornen,  mit  einer  Vorrede 
von  Elsasser.  Stuttgart  1835.  S.  6.).  Der  Eintritt  der  Ivrankheit 
wird  durch  gesteigerte  Reflexerregbarkeit,  durch  convulsivische 
Paroxysmen.  durch  beharrende  Sparmung  einzelner  Muskelgrup- 
pen  bezeichnet.  Unter  diesen  ist  es  die  masticatorische,  die  zu- 
erst  befallen  wird,  den  Unterkiefer  in  einer  unbeweglichen  Stel- 
lung,  ein  Paar  Linien  vom  Oberkiefer  entfernt,  etwas  nach  vorn 
geschoben,  halt,  und  das  Saugen  verhindert.  Die  mimischen  Ge- 
sichtsmuskeln  nehmen  haufiger  als  im  Starrkrampfe  der  Erwaeh- 
senen  Theil:  die  Stirnhaut  bildet  einzelne  grosse  Querfalten,  wel- 
che  sich  bis  zu  den  Schlafen  erstrecken,  die  Augenlider  sind 
krampfhaft  geschlossen,  der  Mund  spitzt  sich,  umgeben  von  strah- 
lenformigen  Hautfalten  (Finckh).  Auch  auf  die  Nacken-  und 


TETANUS. 


493 


Ri'ickenmuskeln  breitet  sich  der  Krampf  aus,  und  der  Kopf  wird 
gewohnlich  ruckwarts  gezogen.  Die  Reflexspannung  ist  so  gross, 
dass  jeder  Reiz  Zuckungen  hervorruft.  Schon  Hillary  sah  die 
Krampfe  plotzlich  entstehen,  wenn  der  Puls  der  Kinder  gefuhlt 
oder  ihre  Kleider  beruhrt  wurden.  Ich  sah  in  einem  jiingst  be- 
obachteten  Falle  die  heftigsten  Krampfe  ausbrechen,  sobald  ich 
den  Nabel  beruhrte.  Helles  Licht,  starkes  Geriiusch,  Schlingver- 
suche  nach  dem  Einflossen  von  Milch  etc.  haben  dieselbe  Wir- 
kung.  Doch  auch  ohne  alle  aussere  Einfliisse  brechen  convulsi- 
vische  Erschiitterungen  aus:  es  droht  Suffocation,  die  Gesichts- 
farbe  wird  blaulich,  die  Extremitaten  werden  steif.  Diese  An- 
falle  wechseln  mit  ruhigen  Intervallen  ab,  in  welchen  das  Kind 
ruhig  daliegt,  gewohnlich  auf  der  Seite,  mit  gelblich  gefarbtem 
Gesichte,  ruhigerem  Pulse,  von  108 — 115  Schlagen  in  der  Mi- 
nute. Stuhlgang  und  Urin  sind  sparsam,  zuweilen  ganzlich  ge- 
hemmt.  Im  weiteren  Verlaufe  der  Krankheit  tritt  der  Collapsus 
mehr  und  mehr  hervor,  das  Gesicht  schrumpft  ein,  der  ganze 
Korper  magert  schnell  ab , Sudamina  am  Halse  und  auf  der  Erust 
kommen  zum  Yorschein,  die  Temperatur  sinkt,  Herz-  und  Puls- 
schlag  werden  unregelmassig,  die  Zuckungen  haufiger,  der  Tod 
erfolgt  in  einem  Krampfanfall  oder  in  der  hochsten  Erschopfung 
ruhig,  unbemerkt,  selbst  nach  Nachlass  des  Trismus. 

Der  Verlauf  ist  acut,  die  Dauer  zuweilen  auf  acht  bis  vier 
und  zwanzig  Stunden  beschrankt,  gewohnlich  auf  zwei  bis  vier 
Tage,  selten  langer,  funf  bis  neun  Tage  sich  hinziehend.  Ein  Fall 
von  ein  und  dreissigtagiger  Dauer  mit  todtlichem  Ausgange , welchen 
Elsasser  an  einem  neun  Tage  alten  Knaben  beobachtet  hat,  ge- 
hort  zu  den  Ausnahmen.  Bei  sehr  kurzer  Dauer  bleibt  der  Starr- 
krampf  offers  nur  auf  die  Kiefermuskeln  beschrankt,  und  dehnt 
sich  nicht  weiter  aus. 

Selten  finden  Complicationen  mit  andern  Krankheiten  statt: 
was  man  friiher  vom  Icterus  neonat.  behauptet  hat,  bezieht  sich 
mehrentheils  auf  die  normale  Veranderung  der  Hautfarbe  in  den 


494 


SPINALE  KRAEMPFE. 


ersten  Lebenstagen.  Unter  fiinf  und  zwanzig  Fallen  sail  Els'dsser 
den  Trismus  nur  zweimal  mil  Aphthen  und  zweimal  mil  Blepha- 
rophthalmie  complicirt,  welche  letztere  nach  dem  Ausbruche  des 
Trismus  plotzlich  verscbwand.  Dr.  Scholler  beobachtete  mehrere- 
mal  eine  Complication  mit  Icterus,  mit  Blepharophthalmia , und 
einmal  mit  Stomatitis  exsudativa. 

Nach  dem  Tode  fanden  Elsasser  und  Finlih  die  Spannung  der 
Gesichtsziige  noch  fortdauernd,  und  eine  holzartige  Steifheit  der 
in  ibren  Umrissen  scharf  markirten  Muskulatur,  die  Arme  und 
Fiisse  waren  gegen  den  Rumpf  angezogen,  die  Finger  und  Ze- 
hen  im  hochsten  Grade  flectirt.  Die  Centralapparate,  Gehirn  und 
Riickenmark  wurden  von  denselben  Beobachtern  zuerst  in  dieser 
Krankheit  untersucht.  In  sechszehn  Fallen  unter  zwanzig  zeigte 
sich  in  der  Wirbelhohle  ein  Erguss  von  theils  fl'ussigem , theils  ge- 
ronnenem,  dunkelrothem  Blute  in  dem  zelligen  Raume  zwischen 
der  ligamentosen  Auskleidung  des  Wirbelkanals  und  der  Dura  ma- 
ter, am  starksten  auf  der  hintern  Flache,  obgleich  die  Leichen 
auf  dem  Bauche  liegend  aufbewahrt  worden  waren.  Die  Mem- 
branen  verhielten  sich,  Gefassinjection  in  mehreren  Fallen  ausge- 
nommen,  normal.  Das  Riickenmark  selbst  war  in  Betreff  seiner 
Farbe,  Textur,  Consistenz  gesund.  In  der  Schadelhohlfe  wurde 
Blutiiberfiillung  in  den  Membranen,  Sinus  und  Adergeflechten  ge- 
funden,  und  in  acht  Fallen  Blutextravasate  sowohl  auf  der  Ober- 
flache  des  grossen  und  kleinen  Gehirns,  als  in  den  Ventrikeln.  — 
Ohne  irgend  einen  Zweifel  in  diese  Befunde  zu  setzen,  ist  es 
doch  nothwendig,  zu  ihrer  Beurtheilung  an  die  in  den  ersten  Le- 
benstagen betrachtliche  Blutiiberfullung  sowohl  in  den  knocher- 
nen  als  membranosen  Hiillen  des  Gehirns  und  Riickenmarks  zu 
erinnern,  welche  durch  die  convulsivischen  und  besonders  suffo- 
catorischen  Anfalle  noch  vermehrt  wird.  Vor  Kurzem  habe  ich 
bei  einem  sechstagigen , an  Tetanus  verstorbenen  Iiinde  eine  so 
starke  Injection,  zumal  der  Venen  und  Sinus  angetroffen,  dass 
bei  geringer  Verletzung  und  durch  die  Wegnahme  der  Knochen 


TETANUS. 


495 


Extravasate  des  zum  Theil  geronnenen,  zum  Theil  fliissigen  Blu- 
tes  sich  bildelen.  Auch  hat  Dr.  Schuller  unter  achtzehn  Fallen 
nur  bei  einem  kleine  Blutextravasate  im  Ruckenmarke  angetrof- 
fen.  Wichtiger  und  bestiindiger  sind  die  Befunde,  auf  welche 
Dr.  Scholler  in  neuester  Zeit  die  Aufmerksamkeit  geleitet  hat 
(Neue  Zeitschrift  fur  Geburtskunde,  herausgegeben  von  Busch, 
d’ Outrepont  und  Ritgen.  Bd.  V.  S.  477.),  die  Entziindung  der 
Nabelarteri  en.  Ich  entnehme  seiner  mir  gefalligst  mitgetheil- 
ten,  nodi  ungedruckten  Abhandlung  folgende  Bemerkungen:  Un- 
ter achtzehn  an  Trismus  gestorbenen  und  nach  dem  Tode  unter- 
suchten  Kindern  zeigte  sich  diese  Entziindung  bei  funfzehn.  Die 
Nabelarterien  waren  in  der  Gegend,  wo  sie  an  die  Urinblase  tre- 
ten,  angeschwollen.  Die  olivenformige  Geschwulst  war  in  einem 
Falle  von  Lange  und  4"  Dicke,  wahrend  im  Normalzustande 
die  Art.  umbilic.  kaum  eine  Linie  dick  sind.  Die  Aussenflache 
der  Arterien  erschien  injicirt,  gerothet.  Nachdem  sie  geoffnet 
worden , fand  sich  in  einer  kleineren  oder  grosseren  Strecke  deut- 
licher  Eiter:  die  innere  Membran  war  erodirt  oder  mit  albumino- 
sem  Exsudat  bedeckt.  Nicht  immer  waren  beide  Arterien  gleich- 
miissig  entziindet:  in  drei  Fallen  war  es  nur  die  eine.  Es  war 
mir  interessant,  diesen  Befund,  der  auch  bei  den  Untersuchungen 
i von  Dr.  Levi  in  Copenhagen  sich  herausstellte  (vgl.  der  angefuhr- 
ten  Zeitschrift  Bd.  VII.),  in  einem  Fade,  dessen  ich  zuvor  er- 
« wahnt  habe,  bestatigt  zu  sehen.  Derselbe  betraf  einen  von  ei- 
ner gesunden  Mutter  leicht  gebornen  Rnaben,  der  neun  und  zwan- 
zig  Stunden  darauf  an  einer  Blepharophthalmia  erkrankte.  Am 
4.  Tage  fiel  der  Rest  der  Nabelschnur  ab:  gegen  Abend  wurde 
das  Kind  unruhig  und  nahm  nicht  mehr  die  Brust.  In  der  Nacht 
brach  der  Trismus  aus.  Am  5.  Tage  fand  ich  ade  Ziige  dieser 
| Krankheit.  Die  convulsivischen  Paroxysmen  folgten  gegen  Abend 
und  wahrend  der  Nacht  schnell  auf  einander,  und  am  nachsten 
Morgen  starb  das  Kind.  Acht  und  zwanzig  Stunden  darauf,  am 
27.  October  1841 , wurde  die  Section  von  der  Meisterhand  un- 


49G 


SPINALE  KRAEMPFE. 


scrs  Professors  Schlemm , im  Beisein  von  Dr.  Schuller  und  meh- 
reren  anderen  Aerzten  vorgcnommen.  Der  Nabel  war  unverletzt. 
Die  Nabelarterien  waren  dunkelgerothet,  und  in  dcr  Niihe  des 
Nabels  angeschwollen:  die  rechte  enthielt  mehr  Eiter  als  die  linker 
die  innere  Membran  war  mit  einem  rothlichcn  Exsudat  bedcckt. 
Am  Gehirn  und  Riickenmarke  fand  sich  eine  betrachtliche  Ueber- 
fiillung  mit  Blut.  — In  ein  Paar  Fallen  wurde  auch  Entziindung 
der  Vena  umbilicalis  und  Phlebitis  hepatica,  in  einigen  anderen 
Entziindung  der  vorderen  Flache  des  Bauchfells  beobachtet.  Bei 
alien  an  anderen  Krankheiten  gestorbenen  Neugeborenen  fand 
Dr.  Scholler  bei  der  genauesten  Untersuchung  niemals  eine  Ent- 
ziindung  der  Nabelarterien , einigemal  indessen  in  dem  subperito- 
nealen  Zellgewebe  gelbes  exsudirtes  Serum  neben  den  Gefassen. 
Bereits  friiher  hatte  Colles  (Dublin  hospital  reports  vol.  I.  p.285) 
bei  zahlreichen  Leichenoffn  ungen  Entziindung  des  Bauchfelles  in 
der  Nahe  der  Umbilicalvene  und  Arterien , so  wie  coagulable  Lvm- 
phe  im  Innern  dieser  Arterien  und  Yerdickung  ihrer  Wande  ge- 
funden,  was,  als  eine  dem  Trismus  neonat.  eigenth'umliche  Er- 
scheinung,  spiiterhin  von  Labatt  (Edinb.  med.  and  surg.  journal, 
vol.  XV.  p.  216)  und  Thomson  (vol.  XVIII.  p.  41)  bestritten 
wurde. 

Ursachen.  Scholler  sah  Knaben  haufiger  als  Madchen  vom 
Trismus  befallen  werden : unter  neunzehn  Fallen  waren  funfzehn 
Knaben  und  vier  Madchen.  Andere  haben  diesen  Untersckied 
nicht  beobachtet.  Die  Gesundheit  der  Mutter  war  im  Allgemei- 
nen  gut  und  die  Entbindung  leicht.  Fast  immer  sind  es  reife, 
ausgetragene  Kinder.  Zuweilen  werden  in  derselben  Familie  meh- 
rere  Kinder  befallen.  Der  Ausbruch  der  Krankheit  erfolgt  vom 
funften  bis  neunten  Tage.  Riecke  in  Stuttgart  hat  unter  zwei- 
hundert  ihm  in  zwei  und  vierzig  Jahren  vorgekommenen  Fallen 
den  Eintritt  niemals  vor  dem  fiinften,  selten  nach  dem  neunten, 
und  niemals  nach  dem  elften  Tage  beobachtet.  ( Finckh  1.  c.  S.  7.). 
Der  Zeitpunkt  des  Abfalls  des  Nabelschnurrestes  ist  derjenige,  in 


TETANUS. 


497 


welchen  gewbhnlich  der  Ausbruch  ties  Trismus  fallt.  Naeh  Finckh’s 
Beobachtung  war  unter  funf  unci  zwanzig  Fallen  bei  zehn  der 
Nabel  im  Beginne  der  Krankheit  trocken  oder  vernarbt,  bei  den 
iibrigen  tlieils  noch  niissend,  theils  geschwollen,  mit  blaurothem, 
entzundetcm  Rande  an  der  Griinze  der  abgefallenen  Nabelschnur, 
und  die  kleine  ovale  Vertiefung  in  der  Mitte  war  mit  schmutzi- 
gem,  zahem  Eiter  bedeckt.  In  alien  Fallen,  wo  der  Nabel  nicht 
schon  vollig  geheilt  war,  bekain  derselbe  mit  dem  Ausbruche  oder 
imVerlaufe  der  Krankheit  ein  auffallend  missfarbiges  Ansehen  (1.  c. 
,'S.  13.).  Colies  land  eben falls  oberflachliche  Exulceration  und  Ab- 
>satz  einer  weichen  gelben  Substanz  in  der  Mitte  des  Nabels. 
Allein  auch  hinsichtlich  dieser  Befunde  ist  wie  bei  der  Blutiiber- 
fiillung  des  Gehirns  und  Riickenmarks  critische  Umsicht  nothig, 
da  nach  Billard’s  Untersuchungen  (traits  des  maladies  des  enfans 
nouveaux-nes  et  k la  mamelle.  Paris  1828.  p.  25.)  mehr  als  das 
'Drittheil  der  Neugeborenen  im  gesunden  Zustande  Entzundung  und 
iEiterung  des  Nabels  vor  dessen  Abfalle  darbietet,  dagegen  Dr.  Schol- 
ler  fast  bei  alien  Trismus-Kindern  den  Nabel  selbst  unverletzt 
fand,  und  bei  einem  Kinde,  welches  ein  Nabelgeschwiir  von  8" 
Durchmesser  hatte,  weder  Trismus  noch  iiberhaupt  Convulsionen 
sah.  So  haben  einige  Autoren  die  grossere  Frequenz  des  Tris- 
lmus  neonatorum  bei  den  Negerkindern  in  Westindien  der  Mis- 
ihandlung  der  Nabelschnur  zugeschrieben  (vgl.  Curling  a treatise 
<on  tetanus  p.  215.),  ohne  den  climatischen  Einlluss  in  Anschlag 
,zu  bringen.  Auch  andere  Verletzungen  der  Neugeborenen  sind  als 
iursachliche  Momente  angefuhrt  worden:  Aufreissen  des  Zungen- 
biindchens  mit  den  Nageln  (P.  Frank  1.  c.  p.  375),  Beschneidung 
der  Judenkinder. (Ackermann  Abhandl.  iiber  die  Kenntniss  und  Hei- 
lung  des  Trismus.  Nurnberg  1778.  S.  64.),  Stechen  der  Ohrld- 
cher  u.  s.  f.,  allein  ohne  Gewlihrsleistung  treuer  Beobachtung  und 
i mit  Nichtbeachtung  des  Umstancles,  dass  auch  bei  Neugeborenen 
ein  masticatorischer  Gesichtskrampf  ohne  tetanische  Basis  stattfm- 


408 


SPINALE  KRAEMPFE. 


den  kann.  Zuverliissiger  ermittelt  sind  die  climatischen  und  en- 
demischen  Beziehungen.  Im  Westindischen  Archipelugus  stirbt 
nach  Maxwell  ein  Viertheil,  in  den  Colonieen  Essequebo  und 
Demerara  nach  Hancock  (Observations  on  Tetanus  infantum,  or 
Lock-jaw  of  infants  in  Edinb.  med.  and  surg.  Journ.  vol.  XXV. 
p.  343.)  die  Halfte  der  Neugeborenen  an  Trismus.  Und  nicht 
bloss  in  den  Tropen,  auch  in  den  arctischen  Breiten  richtet  diese 
Krankheit  grosse  Verheerungen  an.  Nach  Dr.  Holland’s  Bericht 
sterben  in  Heimaey,  einer  der  Isliindischen  Inseln,  auf  der  Sud- 
kiiste,  mit  Lavaboden,  fast  alle  Kinder  am  Trismus,  so  dass  die 
Bevolkerung  durch  Einwanderung  von  Island  erganzt  werden  muss 
(Travels  in  the  Island  of  Iceland,  by  Sir  G.  S.  Mackenzie,  Edin- 
burgh 1811.).  In  St.  Ivilda,  einer  der  Westinseln  Schottlands, 
herrscht  er  ebenfalls  endemisch,  so  wie  dieses  auch  von  Triest, 
Minorka  etc.  behauptet  wird.  Im  siidlichen  Deutschland  scheint 
er  haufiger  vorzukommen,  als  im  nordlichen.  Nach  Dopp’s  An- 
gabe  ist  diese  Krankheit  in  Petersburg  so  selten,  dass  er  sie  jahr- 
lich  unter  4500  Findelkindern  nur  ungefahr  bei  zwanzig  beobach- 
tet.  Doch  mogen  wohl,  wie  es  bei  uns  der  Fall  ist,  viele  Falle 
gar  nicht  zur  Kenntniss  des  Arztes  gelangen,  sondern  in  den  nie- 
cleren  Stiinden  den  Hebammen  anvertraut  bleiben.  Lufteinfliisse 
sind  unter  den  Ursachen  des  Trismus  von  Bedeutung:  dahin  ge- 
hort  der  jiihe  Zug  einer  kalten  Luft.  Heim  erzahlt  (vermischte 
medicinische  Schrifteu.  Leipzig  1836.  S.  193.),  dass  einem  Ber- 
liner Burger  zwei  Kinder  nach  einander  am  Trismus  den  sieben- 
ten  Tag  nach  der  Geburt  starben.  Als  das  zweite  Kind  er- 
krankte,  bemerkte  Heim , dass  die  Wiege  desselben  der  Zug- 
luft  ausgesetzt  war.  Nachdem  die  Mutter  zum  drittenmal  ent- 
bunden  worden,  setzte  man  die  Wiege  an  eine  andere  Stelle, 
und  das  Kind  blieb  Yerschont  von  der  Krankheit.  Noch  merk- 
wurdiger  ist  Bajons  Mittheilung:  an  einem  Orte  auf  der  Insel 
Cayenne,  welcher  von  Bergen  und  dichten  Waldern  umgeben, 
zwei  Meilen  von  der  Seekustc  entfernt  ist,  zeigte  sich  der  Tris- 


TETANUS. 


499 


mus  so  seltcn,  (lass  von  zwolf  bis  funfzehn  Kindern  kaum  cins 
befallen  wurde.  Nachdem  abcr  ein  grosser  Theil  dcs  Wal- 
des  gelallt  worden,  und  den  kalten  Seewinden  der  Zutritt 
erofFnet  war,  fielen  fast  allc  Neugeborene  dem  Tetanus  als  Opfer. 
(Abhandl.  von  den  Krankheiten  auf  der  Insel  Cayenne.  Aus 
dem  Franzosisch.  Stendal  1781.).  In  katholischen  Landern,  wo 
die  Taufe  in  den  ersten  Lebenstagen  stattfindet,  ist  es  nickt  un- 
wahrscheinlicb , dass  das  Hintragen  der  Neugeborenen  nach  ent- 
fernten  Kirchen,  zumal  bei  rauher,  widriger  Witterung,  den  Aus- 
bruch  der  Krankheit  begiinstigt.  So  berichten  Wurtembergische 
Kreisarzte,  dass  der  Trismus  eine  iiberwiegende  Krankheit  in  je- 
nen  Gemeinden  sei,  die  als  Filialicn  in  grosser  Entfernung  von 
der  Mutterkirche  wohnen,  wohin  die  Neugeborenen  bei  Hitze  und 
Kalte  getragen  wiirden.  ( Finckh  1.  c.  S.  29.).  Auch  unreine 
verdorbene  Luft  in  Wochenstuben  und  besonders  in  Gebiiranstal- 
ten  kann  Anlass  geben.  Clarke  berichtet,  dass  im  Dubliner  Ent- 
bindungshause  am  Scblusse  des  Jahrcs  1782  von  17650  Kin- 
dern 2944  in  den  ersten  vierzehn  Tagen  am  Trismus  gestorben 
waren.  Nachdem  er  eine  bessere  Ventilation  eingefuhrt,  erlagen 
von  8033  Kindern  nur  419  an  dieser  Krankheit.  ( Curling  1.  c. 
j).  212.).  — Ob  Gemiithsaffecte  der  saugenden  Mutter  ocler  Amme 
die  Entstehung  des  Trismus  begiinstigen,  wie  Einige  annehmen, 
ist  nocli  zweifelhaft.  Werlhof  (problema  de  tenellorum  convul- 
sione  maxillae  inferioris  in  Commerc.  noric.  1734.  hebcl.  VI.  p.  42.) 
sah  drci  Kinder  ein  er  Mutter,  die  selbst  nahrte,  am  neunten  Tage 
nach  der  Geburt  am  Trismus  sterben.  Das  vierte  Kind  wurde 
mehrere  Wochen  eincr  Amme,  dann  der  Mutter  iibergeben  und 
blieb  gesund.  * 

Werfen  wir  auf  die  obengenannten  Ursachen  einen  Riickblick, 
so  konnen  wir  nicht  umhin,  den  Tetanus  neonatorum  als  einen 
traumatischen  zu  betrachten.  Er  entsteht,  wenige  Ausnahmen 
abgerechnet,  nach  Ahfall  des  Nabelschnurrestes , am  haufigsten  am 
funften  oder  sechsten  Tage,  zu  einer  Zcit,  in  welcher  noch  ein 

Romberg’s  Nervenkrankli.  T.  2. 


33 


500 


SPINALE  KRAEMPFE. 

anderer  Vorgang,  die  Exfoliation  dor  Epidermis,  nach  Hillard’s 
Untersuchungen  (1.  c.  p.  3G.)  aid'  seiner  Ilohe  ist.  Diese  beiden  Mo- 
mente  setzen  bei  jedcm  Neugeborenen  die  Disposition  zum  Teta- 
nus, dor  durch  die  in  ncuercr  Zeit  aufgefundene  Entz'undung  der 
Nabelarterien , und  die  dadurch  gesteigerte  peripherische  Keizung 
der  Umbilical  -Nerven  (vgl.  dercn  Darstellung  in  dem  Werke: 
die  Controverse  iiber  die  Nerven  des  Nabelstranges  und  seiner 
Gefiisse,  einer  sorgfaltigen  Priifung  unterworfen  von  Schott. 
Frankfurt  1836.  S.  39  u.  fg.)  um  so  sicherer  zum  Ausbruch 
kommt.  So  wie  im  Wundstarrkrampfe  alle  Ursachen  vielleicht 
unschadlich  bleiben,  wenn  nicht  die  Propagation  der  cntzimdlichen 
Keizung  bis  zum  Riickenmarke  bin  stattfmdet,  so  mag  auch  bei 
den  Neugeborenen  jeder  Einfluss  unwirksam  sein,  wenn  nicht  die 
Entziindung  der  Nabelgefiisse  zu  Stande  kommt,  woraus  sich  die 
Seltenheit  der  Krankheit  trotz  der  Frequenz  der  Ursachen  deu- 
ten  liisst. 

Der  Trismus  dcr  Neugeborenen  ist  die  am  unbedingtesten  todt- 
liclie  Kinderkrankheit.  Falle  von  gelungener  Ileilung  sind,  wo- 
fern  nicht  authentische  Krankengeschichten  die  Richtigkeit  der 
Diagnose  vcrbiirgen,  verdachtig.  Das  prophylactische  Yerfahren 
in  Bezug  auf  die  Behandlung  des  Nabcls  und  auf  die  Vermei- 
dung  schiidlicher  Einflusse  ist  das  Sicherste.  Hancock  erwahnt, 
dass  die  Indianischen  Hebammen  zur  Verhutung  des  Trismus  das 
Ende  des  Nabelstranges  zwischen  den  Fingern  ein  Paar  Minulen 
comprimiren  und  alsdann  ein  gliihendes  Eisen  oder  eine  bren- 
nende  Kolde  appliciren.  Auch  von  wiederholten  Immersionen  des 
Neugeborenen  in  kaltes  Wasser  vernahm  er  gunstige  Wirkung. 
Ob  drtliche  Blutcntleerungen  in  der  Nabelgegend  den  Ausbruch 
des  Trismus  verhuten,  oder,  wenn  er  erfolgt  ist,  noch  hiilfreich 
sein  konncn,  miissen  kiinftige  Beobaclitungen  entscheiden.  In 
letzterem  Falle  haben  bisher  alle  Mcthoden  fast  immcr  fchlgc- 
schlagen.  Oerlliche  Blutcntziehungcn  am  Kopfe  schicnen  nach 
den  Resultatcn  in  dcr  Stuttgartcr  Gcbaranstalt  das  Fortschreitcn 


TETANUS. 


501 


der  Krankheit  zu  bcschleunigen , Moschus  dagegen  ihren  Verlauf 
auffallend  in  die  Lange  zu  zielien  bis  zum  siebenten,  selbst  bis 
zum  neunten  Tage;  lauwarme  Bader  beschwichtigten  auf  kurzc 
Zeit  die  Ivrarap fan falle  und  erleichterten  den  Kindern  das  Schlucken 
der  eingeflossten  Muttermilch.  Dr.  Rieke  rettete  einen  vom  Te- 
tanus befallenen  Neugeborenen  durch  stiindliches  Darreichen  eines 
Tropfens  Opiumtinctur.  Das  Kind  bekam  auf  diese  Weise  unge- 
fahr  eine  halbe  Drachme,  worauf  ihm  noch  eihen  Tag  hindurch 
alle  zwei  bis  drei  Stunden  ein  Tropfen  gegeben  wurde,  bis  allc 
Zufalle  yerschwunden  waren  ( Finckh  I.  c.  S.  52).  Ein  ahnlicher 
Fall  mit  glucklichem  Erfolge  der  innern  und  iiussern  Anwendung 
des  Laudanum  ist  vom  Dr.  Furlonge  im  Edinb.  med.  and  surg. 
journ.  1830.  p.  57  mitgetheilt. 


Die  tetanisehe  Affection  durch  Reizung  peripherischer  in  den 
innern  Organen  und  in  den  Hoblen  verlaufender  Nerven  ist  bis— 
her  noch  nicht  Gegenstand  sorgfaltiger  Untersuchungen  gewesen. 
Auf  die  traumatische  Irritation  der  Ilautnerven  hatte  man  haupt- 
sachlich  das  Augenmerk  gerichtct,  ohne  zu  bedenken,  dass  jede 
gereizte  sensible  Faser  im  Stande  ist,  durch  centripetale  Action  die 
Reflcxpotenz  des  Riickenmarkes  zu  steigern.  Curling  (I.  c.  p.  66.) 
citirt  aus  Ploucquel’s  Literatura  medica  digesta  ein  Paar  Fade, 
wo  in  dem  einen  die  Entsteliung  des  Tetanus  von  einer  Ossifi- 
cation der  Pleura  hergeleitet  wurde,  die  den  N.  splanchnicus 
reizte,  in  dem  andern  von  der  scharfen  Spitzc  einer  verknocher- 
ten  Druse  in  der  Niihe  der  Trachea,  welche  denselben  Einfluss 
auf  den  Vagus  gehabt  haben  soli.  Vollstiindiger  ist  folgcnde  Be- 
obachtung  von  Bright  (Cases  of  spasmodic  disease  accompany- 
ing affections  of  the  pericardium  in  Medic,  chirurg.  transact.  Lon- 
don 1839.  vol.  XXII.  p.  5.).  Der  Kranke  war  nach  einer  Er- 
kiiltung  von  Schmerzen  in  dcr  rechten  Brusthalfte  und  von  rheu- 
matischer  Geschwulst  mchrerer  Gelenke  befallen  worden  Am 


502 


SPINALE  KRAEMPFE. 

funffcen  Tage  wurde  arzlliche  ITuife  nachgesucht.  Der  plcuritische 
Schmerz  undi  die  Dyspnoe  nalimcn  trotz  der  wiederholten  Ader- 
lasse  zu,  der  Puls  wurde  selir  bcschleunigt,  unrcgelmiissig  und 
gegen  Abend  stellten  sicli  Schlingbeschwerden  ein.  Rem  Kran- 
ken  ficl  es  selir  schwcr,  den  Mund  zu  offhen.  Ausser  einer  vor 
einem  balben  Jahre  erlittenen  Yerwundung  oberhalb  der  liuken 
Augenbraue,  welclie  zur  Zeit  gebdrig  geheilt  war,  liess  sicli 
kcine  iiussere  Verletzung  crmitteln.  Das  Sclducken  war  nur  mit 
grosser  Anstrcngung  moglich,  unter  Hinzutritt  von  Convulsionen. 
Das  Herz  agirte  selir  schncll  und  krampfhaft,  ohne  Reibungs- 
oder  sonst  ein  krankhaftes  Geriiuscli.  In  der  Naclit  nabm  dcr 
Trismus  zu:  gegen  Morgen  waren  die  Ziihne  fest  an  einander  ge- 
sclilossen.  Der  Kranke  konnte  seinen  Speichel  nicht  herunter- 
schlucken.  Das  Gesicht  dr'uckte  die  grdsste  Angst  aus.  Die  Nak- 
ken-  und  Riickcnmuskeln  wurden  vom  Krampfc  befallen.  Ein 
pleuritiscber  Erguss  mit  Frictions-  und  Crepitations -Gerausch 
gab  sicli  im  untersten  Theil  der  linken  Lunge  zu  erkennen.  lm 
Verlaufe  des  Tages  stellten  sicli  zu  wiederholten  Malen  allgemeine 
Zuckungen  ein,  und  der  Tod  erfolgte  zwanzfg  Stunden  nacli  dem 
Ausbruche  des  Trismus.  — Die  Lungen  waren  mit  Bint  uberfullt 
und  permeabel , ein  kleines  Stuck  dcr  rechten  Lunge  in  der  Niilie 
des  Zwerchfells,  und  eine  nocli  kleinere  Portion  des  unteren 
Lappens  der  linken  Lunge  ausgenommen.  Die  untere  Halite  der 
rechten  Pleura,  wo  sie  sicli  von  den  Rippen  iiber  das  Diaphragma 
hinzieht,  war  in  hohem  Grade  cntz’midet,  und  mit  einer  diinnen 
Schicht  Fibrine  bedeckt.  Noch  starker  war  die  Entziindung,  wo 
sie  aufwarts  nach  der  rechten  Seite  des  Hcrzbeutels  steigt.  Dcr 
Nerv.  phrenicus  nahm  seinen  Lauf  durch  diesen  Heerd  der  Ent- 
zi'mdung  und  war  auf  dem  Zwerchfell  mit  frischen  exsudirten 
Flocken  bedeckt.  Die  linke  Pleura  war  cbcnfalls  entz'undet  und 
ein  Abscess  land  sicli  am  unteren  Theil,  in  dcr  Niilie  des  Dia- 
phragma  vor.  Kopf-  und  Wirbelhohle  wurden  leider  nicht'Un- 
tersucbt.  — Hierah  reihen  sicli  die  Untersucliungen  von  Swan 


TETANUS. 


503 


der  die  Ganglia  semilunaria  und  thoracica  dcs  Sympathies  in  ei- 
nem  sehr  gefassreichen  und  entziindeten  Zustande  bei  Tetanischen 
antral’  (a  treatise  on  diseases  and  injuries  ol  the  nerves,  a new 
edit.  London  1834.  p.  334  et  seq.).  Aelmliclie  Beobachtungcn 
sind  von  Aronssolin  und  bei  Pferden  von  Dupuy  gemacht  \vor~ 
den.  (Curling  1.  c.  p.  65.) 


Audi  ohne  Rcizung  peripherischer  Bahnen  kann  der  Tetanus 
durch  primare  Affection  des  spinalen  Gentralapparates  entstehen, 
und  wird  gewohnlich  unter  dem  Namen  des  idiopathischen  Starr- 
krampfes  begriffen.  Es  giebt  zweiFormen,  die  rheumatische  und 
toxische. 

1)  Der  Tetanus  rheumaticus  kommt  in  den  Tropen  haufiger 
vor  als  in  unsern  Breiten,  bei  dem  farbigen  Menschenstamme 
offer  als  bei  dem  weissen,  und  zeigt  sich  in  Folge  schnel- 
len  Wechsels  von  Hitze  und  Kalte , besonders  der  Tages- 
warme  und  Nachtkiihle , seffener  nach  Gemuthsaffecten.  Die  Sym- 
ptome  unterscheiden  sich  nicht  von  denen  des  Wundstarrkram- 
pfes,  nur  ist  nach  Thomsons  Erfahrung  der  Yerlauf  minder  acut 
(Remarks  on  tropical  diseases  in  Edinb.  med.  and  surg.  journ. 
vol.  XVIII.  p.  40.).  Die  Gefahr  ist  eben  so  gross,  die  Bchand- 
lung  grosstentheils  unwirksam,  wenn  auch  einzelne  Falle  gelun- 
gener  Heilung  durch  Diaphoretica,  Camphor,  Ammonium,  Dampf- 
bader  angefuhrt  werden.  Verwechslung  mit  entzundlichen  Zu- 
stiinden  des  Ri'ickenmarkes  findet  offers  statt,  daher  die  geriihm- 
len  Erlblge  der  antiphlogistischen  Cur.  Die  Mcrkmale  der  ge- 
steigerten  Rellexpotenz  sind  diagnostische  Criterien:  ihr  Mangel 
in  folgendem  Falle  lasst  micli  denselben  trotz  mehrerer  tctanischer 
Symptome  als  Myelitis  deuten: 

Ein  66jahriger  gesundcr  Mann  wurde  in  der  Naclit  vom  10. 
zum  20.  April  1827  von  schmerzhaffcr  Spannung  im  Unterkiefer 
und  Beschwerden  beim  Oeffiien  dcs  Mundes  befallen.  Am  20. 


504 


SPINALE  KRAEMPFE. 


nahmen  diesc  zu,  der  Bauch  wurdc  hart,  gespannt,  die  Nacken- 
muskeln  steif , unbewegliche  Lage  auf  dem  Riicken.  Am  21. 
ward  ich  hinzugerufcn : die  Masseteren  und  Temporalmuskeln 
waren  gespannt,  hart,  die  Kiefer  an  einander  gepresst,  docli 
konnten  durch  kraftige  Willensanstrengung  die  Zahnreihen  etwas 
von  einander  entfernt  werden,  Die  Nackenmuskeln  waren  stair 
contrahirt,  und  der  Kopf  etwas  nach  hinten  ubergebogen.  Der 
Kranke  war  ausser  Stande,  sich  in  die  Hohe  zu  richten  oder 
umzudrehen,  und  als  dieses  mit  Hiilfe  der  Umstehenden  vgeschah, 
schrie  er  taut  iiber  Schmerz  auf.  Die  oberen  und  unteren  Extre- 
mitiiten  waren  nach  alien  Richtungen  leiefit  beweglich,  ilire  Mus- 
keln  schlaff,  besonders  die  Gastrocnemii,  dagegen  die  Bauchmus- 
keln  sich  wie  ein  Brett  anfuhlen  liessen.  Die  Temperatur  war 
erhoht,  der  Puls  voll,  stark,  von  112  Schlagen,  der  Athem  er- 
schwert,  der  Stuhlgang  yerstopft,  die  Ilarnausleerung  normal. 
Die  genaueste  Untersuchung  ergab  weder  eine  Yerletzung,  noch 
den  bestimmten  Nachweis  einer  Erkaltung  (Reichlicher  Aderlass, 
Calomel  und  Opium  pur.  .]-  gr.  zweistundlich).  Locomotive  oder 
Schlingbewegungen  batten  keine  Convulsionen  zur  Folge,  so  wie 
iiberhaupt  die  Reflex  - Erregbarkeit  keine  Steigerung  verrieth.  Un- 
ter  Zunahme  der  Dyspnoe,  bei  ungestortem  Bewusstsein,  erfolgte 
am  22.,  3 Uhr  Morgens,  der  Tod.  — • Am  23.  Mittags,  bei  ei- 
nem  Thermometerstande  von  + 13,3  R.  wurde  die  Section  vor- 
genommen.  In  den  Hirnhohlen  fand  sich  sehr  wenig  Fliissigkeit, 
auf  der  Basis  cranii  eine  grossere  Quantitat  von  rdthlicher  Farbe. 
Die  Harte  des  verliingertcn  Markes  erschien  in  starkem  Contraste 
zur  betriichtlichen  Erweichung  des  Cervicaltheils , der  bei  gelin- 
dem  Drucke  aus  den  Ilullen  hervordrang.  Die  Dorsalpartie  war 
fest,  der  Lumbartheil  beinahe  lliissig. 

II.  Der  Tetanus  toxicus  entsteht  durch  Vergiftung  mit  den 
Pllanzenalcaloidcn  Strychnin  und  Brucin,  welche  in  mehreren  Ve- 
getabilicn  in  Ycrschiedenen  Verhaltnissen  enthalten  sind:  das 
Strychnin  vorzugsweise  mit  nur  geringer  Quantitat  Brucin  in  der 


TETANUS. 


505 


Strychnos  Nux- vomica,  S.  St.  Ignatii  (die  am  meisten  Strychnin 
enthiilt),  S.  Colubrina,  S.  Ticute,  ( Pelletier  und  Cavmtou  in  den 
Ann.  de  Chim.  ct  de  Pliys.  XXVI.  56.),  das  Brucin  in  der  fal- 
schen  Angusturarinde  ( Christison  a treatise  on  poisons.  3.  edit. 
Edinburgh  1836.  p.  806.).  Das  Strychnin  iiussert  seinen  tetani- 
schen  Einfluss  auf  alle  Thierclassen , selhst  auf  die  Infusorien, 
nach  einer  mundlichen  Mittheilung  unscres  heruhmten  Ehrenberg , 
welcher  die  dnrch  eine  wassrige  Strychninsolution  starr  gestreck- 
ten  Infusorien  fur  besonders  geeignet  zur  Demonstration  halt. 
In  physiologischer  Beziehung  sind  die  neueren  Yersuche  von  Slit- 
ling  sehr  interessant,  wonach  auch  ohne  Blutcirculation  das  Strych- 
nin unmittelbar  auf  das  Ruckenmark  angewandt  die  Function  die- 
ses Organs  so  veriindert,  dass  die  von  ihm  entspringenden  Ner- 
ven  die  entsprechenden  Muskeln  zu  tetanischen  Bewegungen  ver- 
anlassen.  Stilling  nahm  einer  grossen  Zahl  von  Frdschen  sammt- 
liche  Eingeweide,  Ilerz,  Lungen,  Magen,  Gedarme  etc.  heraus 
(wonach  das  Nervensy stem  noch  eine  kurze  Zeit,  etwa  eine  halbe 
his  eine  Stunde  seine  Thatigkeit  ausiibt),  legte  Gehirn  und  Riik- 
kenmark  vom  Riicken  her  bios,  indem  er  die  Wirbelbogen  und 
Schadeldecken  wegnahm,  und  brachte  auf  irgend  einen  Tlieil  des 
Riickenmarks  einen  einzigen  Tropfen  einer  Solution  von  essigsau- 
rem  Strychnin.  Etwa  funf  Minuten  darauf  entstand  bei  alien  so 
behandelten  Froschen  ohne  Ausnahme  ein  Anfall  von  allgemei- 
nem  Tetanus,  so  heftig,  wie  man  ihn  nur  bei  unverlctzten  Frd- 
schen sehen  kann.  Leise  Beruhrung  einer  Hinterzehe  brachte 
nach  dem  Aufhoren  der  ersten  Kriimpfe  einen  eben  so  allgemei- 
nen  Tetanus -Anfall  von  neuem  hervor,  wie  leise  Bcruhrung  ei- 
ner Vorderzehe  denselben  erzeugt,  ganz  so  wie  bei  unverlctzten 
Frdschen,  die  man  durch  Strychnin  vergiftet  hat.  Das  Strych- 
nin, an  irgend  eine  Stelle  des  Riickenmarks  gebracht,  wirkt, 
auch  ohne  durch  die  Blutcirculation  in  demselbcn  verbreiteb  zu 
sein,  auf  das  gesammte  Ruckenmark  und  Gehirn,  sofern  sic  mil 
der  urspriinglich  mit  dem  Giltc,  befeuchteten  Stelle  noch  in  Ver- 


506  SPIN  ALE  KRAEMPFE. 

bindung  siiid.  Es  darf  niclil  bczweifelt  wcrden,  dass  die  cinlache 
Imbibition  hicrvon  die  Ursaehe  is(.“  ( Stilling , Untersuchungen 
liber  die  Functionen  des  Riickcnmarks  und  der  Nerven.  Leipzig 
1842.  S.  40.).  Schon  bei  kleincren  Galien  Strychnins  zu  thera- 
peulischem  Zvvecke  liisst  sicli  die  Stcigerung  der  Reflexpotenz  be- 
obachten.  Dr.  Kohler  bemerkt  (Jahresbericht  liber  das  Charile- 
krankenhaus  zu  Berlin  vom  Jalirc  1833  in  Rust’s  Magazin  fur  die 
gesammte  Ileilkunde.  Bd.  4(5.  S.  48),  dass  bei  einigen  Individuen, 
die  Strychnin  einnahmen,  die  Empfanglichkeit  fur  liussere  Ein- 
driicke  so  erholit  war,  dass  sic,  wenn  man  sie  auch  nur  mit  ei- 
nem  Finger  beriihrtc,  sofort  in  ein  unbezwingbares , schallendes 
Gclachter  ausbrachen.  Die  durch  grossere  Dosen  hervorgebrachte 
Vergiftung  hat  nach  kurzem  Intervall  von  5 — 10 — 30Minuten  den  Te- 
tanus in  seiner  starksten  Intensitat  und  acutestem  Verlaufe  zur  Folge. 
So  schildert  der  um  die  physiologische  Toxicologie  sehr  verdiente 
Professor  Emmcrt  einen  todtlichen  Fall  von  Tetanus  nach  dem 
Gebrauche  cines  Decocts  der  falschen  Angustura.  (Uebcr  die  gif- 
tige  Wirkung  der  uniicliten  Angustura  in  Hufeland’s  Journal  der 
praktischen  Ileilkunde.  XLL  Bd.  2.  St.  S.  73.).  Nach  dem  drit— 
ten  Essloffel  beschwertc  sich  der  funfjiihrige  Knabe  liber  Zittern 
und  fragte  die  Mutter,  warum  cr  denn  immer  zittern  miisste. 
Dieses  Zittern  ging  bald  in  heftige  Ixrampfe  liber.  Als  Emmcrt 
scinen  Arm  ber’uhrte,  um  den  Puls  zu  fiihlen,  trat  plotzlich  ein 
heftiger  Starrkrampf  ein,  wobci  sich  die  Augenlidspalte  weit  oil— 
nete,  die  Augen  starr  und  unbeweglich  hervortraten , der  Unter- 
kiefer  sich  fest  an  den  oberen  andriickte,  beide  Lippei>  sich  weit 
von  einander  entfernten,  so  dass  die  vorderen  Zahne  ganz  ent- 
blosst  wurden,  die  einzelnen  Gesichtsmuskeln  sich  anspannten,  die 
Extrcmitaten  sich  auf  das  stiirkstc  ausstreckten  und  steif  wurden, 
und  die  Wirbelsaule  gcwaltsam  mit  dem  Ivopfc  riickwarts  gezo- 
gen  wurde.  Der  Rumpf,  besonders  scin  untercr  Theil,  wurdc 
von  Zeit  zu  Zeit  durch  ein  heftiges  Zucken  liings  der  Wirbcl- 
saule,  wie  durch  electrische  Schlage,  ersekiittert  und  elwas  in 


TETANUS. 


507 


die  Hohe  gchoben,  die  Respiration  sctztc  ganz  aus,  auch  farbten 
sich  Wangen  und  Lippen  blau.  Nach  clem  Anfalle,  der  etwa 
cine  halbe  Minute  dauerte,  athmete  der  Kranke  mit  vielcr  An- 
strengung,  schnaufend,  was  sich  zwar  nach  einiger  Zeit  vermin- 
derte,  aber  eben  so  wenig,  wie  die  blauliche  Farbc  der  sonst 
rothen  Theile  des  Gcsichts , vollig  verlor.  Die  Frage,  ob  er  ir- 
gendwo  Schmerzen  leide?  verneinte  er  wiederholt  mit  aller  Be- 
stimmtheit.  Jeder  Versuch  zu  Irinken  rief  den  Starrkrampf  her- 
vor.  So  mochten  funf  Anfalle  eingetreten  sein,  theils  oline  Ver- 
anlassung,  theils  auf  Gerausch,  theils  auf  Beruhrung  irgend  einer 
Stcllc  des  Rorpers;  man  durfte  ihn  deswegen  ausser  den  Anfal— 
len  nicht  anriihren:  auch  bat  er  hierum  flehentlich,  indem  er  bei 
blosser  Annaherung  bestiindig  rief:  nur  nicht  anriihren!  Nach  ei- 
nem  neuen  Versuche  zu  trinken  trat  der  letzte  heftige  Paroxys- 
mus  ein,  der  iiber  eine  Minute  anhielt  und  damit  endigte,  dass 
der  ganze  Korper  welk  und  schlalf  wurde,  und  nur  in  grossen 
Pausen  schwache  convulsivische  Athembewregungen  eintraten. 
Fiinf  und  sechzig  Mihuten  nach  Eintritt  der  Zufiille  war  die  Spur 
des  Lebens  verschwunden.  Aehnliche  Falle  durch  Vergiftung  mit 
Strychnin  sincl  von  Christison  (1.  c.  p.  800.)  mitgetheilt  worden. 
Stark  erwahnt  der  Strychninvergiftung  eines  Mannes,  wo  ausser 
den  heftigsten  spontanen  Starrkriimpfen , vorziiglich  einem  von 
Zeit  zu  Zeit  eintretenden  Opisthotonus  und  Brustkrampf,  die  auch 
leiseste  Beruhrung  jeglicher  Stelle  der  Korperllache,  selbst  durch 
die  Kleiclungsstucke  hinclurch,  so  wie  jeder  durch  Oeffnung  der 
Tliiir  oder  durch  Gehen  im  Zimmer  erregte,  den  Umstehcnclen 
kaum  bemerkbare  Luftzug  eim  krampfhaftes , wie  durch  den  Sclilag 
einer  Leidncr  Flasche  bewirktes,  stossweises  Zusammenfahren 
des  ganzen  Rorpers  hervorbrachtc.  (Allgemcine  Pathologic  oder 
allgemcinc  Naturlehrc  der  Krankheit.  2.  Abth.  S.  121G.).  Der 
Tod  erfolgt,  wie  bcim  traumatischcn  Tetanus,  in  einem  convul- 
isivischen  Anfalle  durch  Aspliyxie  oder  in  hochster  Erschopfung; 
nach  Segalas  ist  selbst  die  Rcizbarkeit  des  Herzens  ganz  ersehopft, 


508 


SPI1NALE  KRAEMPFE. 


so  (lass  bei  Thieren  keinc  Contractioncn  mehr  auf  Reize  erfol- 
gen,  und  das  Leben  dureh  kunstliches  Athmen  niclit  erhalten  war- 
den kann  ( Magendie  Journ.  de  phys.  T.  II.  p.  361.).  Je  schnel- 
Ier  der  Tod  cintritt , um  so  geringfugiger  sind  die  Ergcbnissc  der 
Section.  In  dem  Falle  von  Emmert  und  in  einem  anderen  von 
Ollier  fand  sicli  nichts  Bemerkenswerthes . vor.  Zuweilen  batman 
Entziindung  des  Magens  und  des  Darmkanals  angetroffen.  Orpla 
und  Ollivier  fanden  einmal  serosen  Erguss  auf  der  Oberflache 
des  kleinen  Gehirns  und  Erweichung  der  ganzen  Corticalsubstanz 
des  Gehirns,  besonders  des  Cerebellum.  (Arch,  g^ner.  de  med, 
T.  VIII.  p.  18.).  Die  Behandlung  ist  noch  sehr  unsicher.  Auf 
frischer  That  ist  von  Entleerung  des  cleleteren  StotFes  aus  dem 
Magen  (lurch  Brechmittel  und  durcli  die  Magenpumpe  am  meisten 
zu  erwartcn.  Auch  will  Donne  in  dem  Jodin,  Bromin  und  Cldo- 
rin  sichere  Antidota  der  Stryclmosalcaloide  gefunden  haben,  doch 
nur  wenn  sie  in  den  ersten  zehn  Minuten  naeli  der  Vergiftung 
genommen  werden.  Ein  Gran  Strychnin  war  Thieren  unschiid- 
lich,  wenn  gleich  darauf  Jodtinctur  gegebeti  wurde;  2£  gr.  der 
Strychninjodiire  hatten  keine  nachthcilige  Wirkung  ( Christison 
I.  c.  p.  804.).  Yon  grossem  Interesse  sind  die  sinnreichen  Yer- 
suche,  welche  Morgan  mit  dem  amerikanischen  Pfeilgifte  (Ticu- 
nas,  Woorara,  das  die  entgegengesetzte  Wirkung  des  Strychnins, 
eine  jahlings  paralysirende,  hat,  und  hinsichtlich  dessen  Emmerts 
Abhandlung  uber  das  amerikanische  Pfeilgift  in  Meckel’s  Deutsch. 
Archiv  f.  d.  Physiol.  Bd.  IV.  S.  165  zu  vergleichen  ist)  als  Anti- 
dotum  des  ostindischen  Giftes  (des  Javanesischen  Chetik,  Upas 
Tieutd,  welches  nach  Pelletier  und  Caventou  Strychnin  enthiilt, 
Ann.  de  Chim.  et  de  phys.  XXVI.  p.  44)  angestellt  hat.  (A  lec- 
ture on  tetanus.  London  1833.  p.  32.).  Hunden  wurde  cine  todt- 
liche  Dosis  des  Javanesischen  Giftes  beigebracht,  und  so  wie  sich 
die  ersten  tetanischen  Symptome  ausserten,  das  Woorara  inocu- 
lirt,  mit  solchcm  Erfolge,  dass  das  Thier  vollkommcn  hergestellt 
wurde,  doch  musstc  von  Zcit  zu  Zeit  eine  Ligalur  oherhalb  der 


TETANUS. 


509 


Wunde,  in  welcher  das  Woorara  applicirt  worden,  angelegt  wer- 
den,  da  dieses  als  das  raiichtigere  Gift  in  mehreren  Fallen  binnen 
zwei  Minuten  todtete  Fine  analoge  Wirkung  zeigte  das  Woo- 
rara in  den  Versuchen,  welclie  mit  demselben  in  der  Londoner 
Yeterinarschule  an  Pferden,  die  vom  idiopathiscben  Starrkrampfe 
befallen  waren,  angestellt  wurden.  So  ward  an  einem  tetanischen 
Pferde,  dessen  Kiefer  so  fest  geschlossen  waren,  dass  weder  Nah- 
rungsstoffe  noch  Arzeneien  beigebracht  werden  konnten,  das  Woo- 
rara mit  der  Spitze  eines  vergifteten  Pfeils  in  dem  fleischigen 
Theile  der  Schulter  inoculirt.  Nach  zelin  Minuten  fiel  es  wie 
todt  hin:  die  kiinstliche  Respiration  wurde  augenblicklich  insti— 
tuirt,  und  vier  Stunden  hindurch  fortgesetzt.  Das  Thier  stand 
auf,  dem  Ansehen  nach  ganz  hergestellt,  und  frass  mit  Gier  sein 
Futter,  welches  man  ihm  die  Nacht  hindurch  leider  zu  reichlich 
gab,  Die  Folge  davon  war  eine  Ueberfullung  und  Ausdehnung 
des  Magens,  woran  es  am  folgenden  Tage  starb,  jedoch  ohne 
dass  irgend  eine  Spur  des  Tetanus  sich  wieder  eingefunden  hatte 
(1.  c.  p.  40).  „Meine  Absicht  kann  es  nicht  sein,  so  schliesst 
Morgan , tetanische  Menschen  mit  Ticunas  inoculiren  zu  wollen, 
allein  ob  nicht  in  der  Folge  einer  oder  der  andere  jener  Stoffe, 
die  Ingredienzen  dieses  Giftes  sind,  erfolgreich  gegen  den  Starr- 
krampf  zu  benutzen  sein  diirfte,  liegt  nicht  ausser  den  Granzcn 
der  Moglichkeit.“ 


510 


SPINALE  KRAEMPFE. 


Habcn  wir  in  den  bisher  geschilderten  tetanischen  Affectionen 
die  Rellexpotenz  des  Riickenmarks  in  ihrer  Steigerung  kennen 
gelernt,  und  wissen  wir,  dass  ahnliche  Erscheinungen  auch  an 
decapitirten  Thieren  hervorgerufen  werden  konnen,  so  wenden 
wir  uns  jetzt  zur  Betrachtung  eines  Krankheitszustandes  derselben 
Categoric,  dcssen  Symbole  vorzugsweise  in  dem  Bereiche  der 
Medulla  oblongata,  in  dem  Nervengebiete  der  Respiration  und 
Deglutition  liervortreten.  Es  ist  die  unter  dem  Namcn 

Hydrophobia 

( Wasserscheu) 

l 

bekannte  Krankheit,  welche  im  Menschcngeschleehte  als  Toxoneu- 
rose,  nach  der  Mittheilung  des  Wuthgiftes  vorkommt. 

Ihrem  Ausbruche  gcht  sehr  haufig  zwei  bis  sechs  Tage  schmerz- 
liafte  Empfmdung  in  der  bereits  vernarbten  Biss-Wunde  voran, 
welche  einen  centripetalen  Lauf  nimmt,  selten  ein  Gefuhl  von 
Erstarrung,  noch  seltcner  Rothung  und  Geschwulst  der  Narbe. 
Horripilationen,  Schreckhaftigkeit,  Yerstimmung,  unrulnger  Schlaf, 
Kopfsehmerz,  Fieberbewcgungen  melden  sicli  als  Yorboten.  Doch 
auch  ohne  sie  befallt  plotzlich,  wenn  der  Mensch  trinken  will, 
cine  Schlingbeschwerde  eigenthumlicher  Art,  wrelche  weniger  in 
Unlahigkeit  zu  schlucken,  als  in  Verhinderung  dieser  Action  durch 
Athembeschwerde  bestcht:  die  Krankcn  kommen  in  der  Schilde- 
rung  uberein,  dass  sie  beim  Schlucken  ein  Gefuhl  von  Erwiirgung 
und  Suffocation  mit  grosser  Angst  cmptinden,  welches  sicli  bei 
jeder  Wiederholung  des  Versuches  steigert.  Scufzende  Inspira- 
tionen  gehen  vorher,  die  Schultern  lieben  sicli,  die  epigastrische 
Gegend  wird  hervorgetrieben , wie  in  cinem  asthmatischen  An- 
falle.  Von  Aniang  an  offenbart  sich  ein  Excess  der  Rcllcx- 
spannung,  und  convulsivische  Erschutterungen  folgen  auf  die  ge- 
ringfugigsten  Rcize.  Insbesondere  sind  cs  die  unentbehrlichen 
Lebensreizc,  Luft  und  Wasscr,  gcgen  welche  die  iiusserstc  Em- 
pfindlichkeit  obwaltct,  und  welche  fortan  I’eindselig  einwirken. 


HYDROPHOBIA. 


5!  S 

Nicht  nur  das  Anwelien  des  Windes,  das  Fachcrn,  das  Liiften 
dor  Bettdecke , das  Oeflhen  einer  Th'ur,  eincs  Fensters,  sondem 
aucli  geringere  Oscillationen  dor  Luftscliiclit  durch  Bewegungen 
anderer  Personeh  und  Thiere,  wclche  dem  gesunden  Menschen 
unmerkbar  sind,  erregen  Athemkrampfe  und  allgcmeinc  Zuckun- 
gen.  Ja,  die  Atbembewcgungen  selbst  feonnen  Rcflexreize  wer- 
den.  Youatt  (on  canine  madness  London  1830.  p.  10)  bemerkt, 
dass  starke  Inspirationen,  ohne  Anblick  oder  Bcr’uhrung  des  Was- 
sers,  Krampfe  liervorrufen,  und  Bright  (report  of  medical  cases 
vol.  II.  Part.  II.  p.  583)  fiilirt  ausdriicklich  von  einem  seiner 
Kranken  an,  dass  cr  cs  sorgfaltig  vermied  mit  vollem  Zuge  die 
Luft  einzuathmen.  Andrerseits  ist  es  dcr  Contact  der  Lippen- 
und  Mundholile  mit  Fliissigkeit,  vorzugsweise  mit  Wasser,  wel- 
ch er  sofort  Athem-  und  Schlingkrampf  erweckt,  mit  Auffahren 
des  ganzen  Korpers,  mit  Zuckungen  des  Antlitzes,  des  Armcs 
und  der  Hand,  die  das  Gcfiiss  dem  Munde  nahe  bringt,  und  wie 
die  respiratoriscben , so  agircn  auch  die  Scldingbewegungen  als 
Reize,  daher  die  Versuche  den  Speicbel  oder  feste  StolFe  zu 
schlucken  oft  dieselben  Folgcn  baben.  Wasser  und  Luft  von 
kalter  Temperatur  bcwirken  es  um  so  starker.  Jedocli  auch  olinc 
alle  iiussere  Reizung  stcllen  sich  von  Zeit  zu  Zeit  Anfalle  von 
Beklemmung,  von  Zuschniirung  des  Schlundcs  und  Kehlkopfes 
ein.  Gleichzcitig  ist  die  Reflex -Errcgbarkeit  der  ganzen  Ober- 
flache  gesteigert,  so  dass  unvermutlietes  Anfassen,  Beriihrung  der 
Schenkel  mit  dem  Rande  des  Nachtgeschirres , Auftriiufeln  von 
etwas  Urin,  Bespritzen  der  Haul  mit  einigen  Tropfen  Wassers 
ein  Zusammcnscliaudcrn  und  Yersagen  des  Athems  hervorbringen, 
wie  man  es  bei  einem  Menschen  sieht,  der  zum  erstenmal  in  ein 
kaltes  Bad  springt,  oder  mit  einem  Eimcr  Wasser  begosscn  wird. 
Karakteristisch  ist  das  psychische  Yerhaltniss  zur  Redexaction. 
Her  bei  den  crsten  misgliickten  Schlingversuchen  durch  den  lie- 
glcitenden  Athemkrampf  crrcgte  Eindruck  ist  so  rhachtig,  dass 
der  Kranke,  selbst  trotz  einer  verzebrenden  Begierde  seincn  Hurst 


512 


SPINALE  KRAEMPFE. 


zu  loschcn,  die  Wiederholung  gar  nicht  oder  nur  mit  dem  ge- 
waltigsten  Widerstreben  unternimmt,  und  hei  jeglichem  die  Yor- 
stelluiig  daran  erweekenden  Anlasse,  sinnlichem  und  geistigem,  von 
dem  Athcm-  und  Schlingkrampfe  erschiittcrt  wird.  In  demselben 
Grade  gilt  dieses  von  dem  Anwehen  der  Luft.  Eigenthiimlich 
ist  die  Hast  und  Aufregung,  womit  willkiihrliclie  Bewegungen 
vollzogen  werden.  Es  scheinen  die  Muskeln,  wie  Parry  treffend 
sich  ausdriickt,  die  Intention  zur  Bewegung  zu  uberlliigeln  (Cases 
of  tetanus  and  rabies  contagiosa.  London  1814.  p.  77).  Jiihes 
Aufrichten,  rascher  Sprung  aus  dem  Bette,  uberstiirzende  Eilc 
beim  Gehen,  ungestiimes  Ergreifen  eines  Gefiisses,  wilde  Gesti- 
culationen,  heftige  Jactation  geben  davon  Zeugniss.  Auch  ist 
cine  psychische  Aufgeregtheit  unverkennbar,  welche  sich  durch 
lautes  heftiges  Sprechen  offenbart.  Das  Gemiith  wird  durch  Arg- 
wohn  drohender  Gefahren  beunruhigt.  Schlaf  fehlt  ganz,  oder 
wird  von  schreckhaften  Traumen  oder  krampfhaften  Bewegungen 
wie  bei  den  Trinkversuchen  unterbrochen.  Eine  unsagliche  Angst 
spiegelt  sich  in  den  Augen  und  auf  dem  Gesichte  ab,  so  wie  die 
innere,  kaum  rastende  Unruhe  in  den  Gcberden  und  Bewegun- 
gen. Der  Krankc  klagt  liber  brennenden  Schmerz  in  der  Brust- 
liohle  und  Ilerzgrube,  die  Puls-  und  Athemfrequenz  nimmt  aus- 
serordcntlich  zu,  bei  sinkender  Temperatur  und  Turgor  der  Ilaut, 
die  Absonderungen  der  Nieren  und  des  Darmkanals  sind  sparsam, 
wahrend  die  Speichelsecretion  vermehrt  ist,  und  dicker,  zaher 
schaumiger  Speichel  sich  in  der  Mundhohle  und  an  den  Lippen- 
fugen  ansammelt,  und  mit  grosser  Anstrengung  und  Vehemenz 
ausgespieen  wird.  Erbrechcn  stellt  sich  oft  ein,  seltener  Priapis- 
mus  und  Satyriasis.  Die  Unruhe  crreicht  den  hochsten  Grad,  zu 
den  Schling-  und  Athemkrampfcn  gesellt  sich  zuweilen  Trismus, 
Opisthotonus,  die  Aufregung  steigt  zur  Tobsucht,  Delirien  spie- 
geln  dcm  Kranken  Gefahren  vor,  wogegen  er  mit  alien  Kraften 
ankiimpft,  doth  wird  seine  Aufmerksamkeit  durch  Fragen  der 
Umgebungen  lcicht  rege,  cr  kommt  zu  sich,  und  zeigt  ein  un- 


HYDROPHOBIA. 


513 


gestdrtes  Selbstbcwusstsein.  Von  Stunde  zu  Stunde  nimmt  die 
Gewalt  der  Krankheit  zu.  Der  Tod  erfolgt  apoplectisch , oder 
asphyctisch  in  eincm  heftigen  Anfalle  von  Zuckungen,  oder  in  der 
hochsten  Erschopfung,  ruliig,  selbst  unter  dem  triigerischen  Scheine 
eingetretener  Besserung,  nachdem  die  Fahigkeit  zu  trinken  wic- 
dcr  zuri'ickgekehrt  war. 

Diese  Ziige  der  Hydrophobic  werden  durch  Alter,  Geschlecht, 
Individualitat,  Behandlung  der  Kranken  raodificirt.  Im  kindlichen 
Alter  gestattet  die  Unbekanntscliaft  mit  den  Folgen  der  Verlet- 
zung  und  mit  der  Lebensgefabr  eine  Sorglosigkeit,  die  mit  der 
verzweifelnden  Stimmung  Erwacbsener  contrastirt,  und  um  so 
irciner  den  durch  die  Krankheit  bedingten  Zustand  hervortreten 
liisst.  Tobsucht  ist  bier  ein  seltener  Begleiter.  Beim  weiblichen 
Geschlccbte  iiussert  sicli  die  psychische  Reaction  minder  heftig  als 
beim  mannlichen.  Beispielc  von  Hydrophobischen , die  bis  zum 
letzten  Augenblicke  besonnen  bleiben,  mit  dem  todtlichen  Aus- 
gange  der  Krankheit  bekannt  sind,  und  ihre  Umgebungen  vor 
sich  sclbst  warncn,  kommen  vor.  Endlich  hat  die  Behandlung 
cinen  unverkennbaren  Einlluss.  Durch  gewaltsamen  Zwang  steigt 
die  Wuth  aufs  ausserste,  so  wic  andererseits  durch  unmassige 
Blutcntleerungen  ein  jaher  Verfall  der  Ivrafte  herbeigefiihrt  wird, 
wie  er  der  Krankheit  selbst  nicht  eigenthumlich  ist. 

Die  Dauer  der  ausgebrochnen  Ilydrophobie  ist  sehr  kurz,  von 
36 — 96  Stunden,  selten  von  5 und  6,  am  hiiufigsten  von  3 Tagcn. 

Nach  dem  Tode  tritt  schnell  Putrescenz  ein,  die  sich  beson- 
ders  durch  Gasentwickelung  im  Blute  und  im  Zellgewebe  verrath. 
Trolliet  (nouveau  traite  de  la  rage.  Lyon  1820.  p.  121)  land  be- 
trachtliche  Luftansammlung  in  der  Brustaorta,  in  der  rechtcn  und 
linken  Herzkammer,  so  dass  beim  Einstechcn  Lufthlasen  mit  dem 
Blute  hcrausdrangen.  Froriep  traf  viele  und  grosse  Lufthlasen 
in  dem  Blute  der  Jlerzhohlcn,  der  Aorta  und  Lungengefasse  an 
(Medicin.  Zeitung  d.  Vereins  f.  Heilk.  1836.  S.  236).  Morgagni 
hatte  bercits  ahnliche  Bcohachtungen  gemacht  (de  scd.  et  cans.  morh. 


514 


SPINALE  KRAEMPFE. 

Epist.  VIII.  Art.  23.  27.),  und  Parry  sail  (1.  c.  p.  65)  hoi  einem 
fiinljahrigen  Knabcn  funf  Stunden  nach  dem  Tode  das  Zcllgewebe 
der  Caucbdcckcn  dcrgcstalt  cmphysematos,  dass  beim  Drucke  die 
Epidermis  zwci  Zoll  und  dariiber  von  den  Muskeln  abzustelien  schien. 
Das  Blut  ist  yon  dunkler  Farbe,  dunnfliissig,  rieselt  leicht  und  er- 
giebig  aus  den  angeschnittenen  Gefassen,  und  wird  schnell  von  den 
Geweben  imbibirt,  daher  die  dunkelrothe  Farbung  der  Muskelfa- 
sern,  auch  des  Herzens,  selbst  nachdem  viel  Blut  wahrcnd  des  Lc- 
bens  entzogen  worden,  daher  die  dunkelrothe  Farbe  dcr  inneren 
serosen  Herzmembran,  der  Klappen,  der  inneren  Wand  der'  gros- 
seren  Arterien,  besonders  der  Aorta.  — Aus  den  Untersuchungen 
der  Nervenapparate  ist  bisher  nur  ein  negativer  Befund  hervorge- 
gangen,  Mangel  erheblicher  oder  dcr  Hydrophobie  eigenthumlicher 
Veranderungen.  In  den  peripherischenBahnen  ist  bisweilen  unter  der 
ausseren  Haut-Wunde  Entzundung  der  Nerve®  beobachtet  worden 
(s.  eine  Untersuchung  von  Rosenthal  in  Horns  Arclhv  f.  med.  Erfahr. 
Jahrg.  1815.  S.  539),  allein  es  fand  keine  Fortpflanzung  dersel- 
ben  auf  die  iibrige  Balm  statt,  und  es  bleibt  uberhaupt  zweifel- 
liaft,  ob  die  Scarification  und  anderes  reizendes  Verfabren  nicht 
mehr  die  Schuld  getragen  als  die  urspriingliche  Bisswunde.  Die 
Spuren  von  Entzundung  im  Vagus  und  anderen  Nerven,  worauf 
i iulenrielh  zuerst  aufmerksam  gemacht,  sind  von  andern  genauen 
Beobachtern  nicht  angetrofiTcn  worden,  und  Krukenberg  bat  in 
einem  schon  besebriebenen  Falle  [Horns  Archiv  1817.  S.  365.) 
nachgewiesen,  dass  es  durchaus  keine  Neuritis,  sondern  Imbibition 
war,  welche  dem  gerotheteten  Ansehen  der  Nerven,  des  Vagus, 
Pbrenicus,  Sympathicus  zu  Grunde  lag.  Jedocb  bat  in  neuerer 
Zeit  Froriep  (vgl.  den  Leicbenbefund  zu  ciner  treffiicbcn  Kran- 
kengeschicbte  von  Wolff  in  dcr  Med.  Zeitung  etc.  1836.  S.  236) 
bci  Integritat  des  Vagus,  Glosso-pharvngeus,  der  Cervicalnerven 
und  der  beiden  oberen  Halsganglicn  des  Sympathicus  das  dritte 
Ganglion  ccrvicale  auf  beiden  Seitcn  des  Halses  von  dunkelrotber 
Farbe,  grosscrer  Festigkeit  und  mit  starker  Gefassentwickelung 


HYDROPHOBIA. 


515 


gefunden.  Nach  ilircr  Durchschncidung  zoigten  diese  Ganglien 
obcnfalls  eincn  grdssercn  Blutreichthum  und  cin  korniges  Anse- 
hen  der  Schnittflachen.  Ihr  Umfang  war  betrachtlich  vcrgrossert, 
ubertraf  den  des  Ganglion  supremum,  und  belief  sich  auf  die 
Grosse  eines  Pflaumenkernes.  Hierauf  beschrankten  sich  die 
krankbaften  Veranderungen  im  Sympathicus : denn  schon  sein 
oberster  Brustknoten  war  eben  so  wie  sein  unterer  Theil  normal 
beschaffen.  In  den  Centralapparaten,  im  Gehirne  und  Riicken- 
marke,  ist  ausser  Gefass-Anfiillung  in  den  Membranen  und  Ader- 
geflechten,  Austretung  seros-albuminoser  Stoffe,  Injection  der 
Rinden-  und  Marksubstanz , nichts  bemerkenswerthes  gefunden 
worden,  und  die  meisten  Beobachter  stimmen  in  der  ausdriick- 
lichen  Erwahnung  normaler  Beschaffenheit  iiberein.  Einer  be- 
sonders  starken  UeberfuIIung  des  Plex.  choroid,  der  vierten  Hirn- 
hohle  und  seiner  Fortsatze  in  der  Nahe  der  Insertionsstatte  des 
Vagus  gedenkt  Trolliet  (1.  c.  p.  135).  — Die  Athmungsorgane 
boten  nach  dem  Zeugnisse  der  Mehrzahl  folgende  Veranderungen 
dar:  Injection,  partielle  und  allgemeine  Rothung  der  Schleimmcm- 
bran,  von  der  Glottis  bis  in  die  feinsten  Bronchien,  Ansammlung 
mucoser,  schaumiger  Stoffe,  UeberfuIIung  der  Lungen  mit  dun- 
kelem,  fliissigem,  viele  Luftblasen  cnthaltendem  Blute,  lobuliires  " 
Emphysem.  In  dem  Herzen  und  den  grossen  Gefassen  wurde 
ausser  der  zuvor  angefuhrten  Imbibition  der  inneren  Membran 
und  der  Muskelsubstanz  nichts  Auffallendes  gefunden.  Die  Mund- 
hohle  enthielt  gewohnlich  vielen  zahen  wcissgelblichen  Schleim. 
Die  Papillen  der  Zunge  und  die  Schleimdrusen  der  Mund-  und 
Rachenhohle  zeigten  sich  oft  sehr  entwickelt  und  hervorstehend. 
Rothung  und  Injection  der  Gefasse  waren  an  einzelnen  Stellen 
des  Schlund-  und  des  Darmkanals,  besonders  des  Magens,  mit 
Auflockerung  der  Schleimhaut  sichtbar. 

Trotz  der  nicht  durftigen  Casuistik  der  Ilydrophobie  besitzen 
vwir  nur  wenige  kritische  Bcobachtungcn  dieser  IHankheit.  Zu 
den  ausgezcichnetsten  gehoren  die  von  Parry  (1.  c.)  Marcet  (med. 

Romberg’s  Nerrcnkrankb.  I.  2.  g4 


5 1 G 


SPINALE  KEAEMPFE. 


chirurg.  transact.  Vol.  I.  p.  132),  Marshal  (Untcrsuch.  des  Ge- 
hirns  im  Wahnsinn  und  in  der  Wasserscheu.  Uebers.  und  mil 
Anmerkungcn  begleitct  von  Romberg.  Berlin  1820.  S.  19), 
Bright  (1.  c.  p.  582  — 604),  Clarus  (der  Krampf  in  palholog. 
und  therapeut.  Hinsicht  systematisch  erlautert.  S.  303 — 325),  dc- 
nen  cinige  von  Horn  (dessen  Archiv  Fur  medic.  Erfalirung.  Jahrg. 
1814.  S.  461.  Jahrg.  1815.  S.  529),  und  die  zuvor  erwabnteu 
sicli  anreihen.  In  meinem  Wirkungskreise  ist  mir  nur  cin  Fall 
bishcr  vorgekommen,  den  ich  mit  Horn  im  Jahrc  1820  beobach- 
tet  babe. 

Friedrich  L.,  sechs  Jalir  alt,  von  gesundem  Korperbau,  bekam 
im  Monat  Juni  1820  ein  Nervenfieber,  welches  sieben  Wochen 
anliielt.  Bei  seinem  ersten  Ausgange  wurdc  er  in  dcm  Hause 
eines  Verwandten  von  cinem  Hunde  gebissen.  Das  Kind  sass 
ruhig  auf  einem  Stuhle,  spielte  mit  Schreibfedern,  und  als  er 
eine,  die  auf  der  Erde  gefallen  war,  wieder  aufnehmen  wollte, 
sprang  der  Hund  des  Gartners  herbei,  biss  mitten  in  den  Nagel 
des  Mittelfmgers  der  linken  Hand,  blieb  einige  Secunden  mit  den 
Zahnen  in  demselben  haften,  und  liess  erst  auf  Herzueilen  seines 
Herrn  los.  Dieser  beschloss,  den  Hund,  Weil  er  schon  mchrere  an- 
dere  Kinder  gebissen,  fortzujagen,  nahm  ihm  das  mit  der  Wohnung 
und  dem  Namen  des  Eigenthumers  versehene  Halsband  ab,  offnete 
die  Gartenthur,  und  so  entkam  das  Thier,  ohne  dass  man  etwas 
Naheres  von  ihm  erfuhr.  Zuvor  hatte  man  ihm  einige  Haare 
abgeschnitten,  um  sie  auf  die  Wunde  zu  legen,  die  in  acht  Ta- 
gen  zuheilte.  Der  Knabc  blieb  in  der  Zwischenzeit  vollkommen 
gesund,  ausser  dass  sich  auf  der  Nasenspitze  eine  Pustel  zeigte, 
welche  ein  Paar  Tage  stand,  und  wieder  ablrocknete.  Seine 
Munterkeit  und  Lebhaftigkeit  waren  nicht  im  geringsten  gestort, 
als  er  am  30sten  August  (26  Tage  nacli  der  Ycrwundung)  zuerst 
fiber  Sclimerzen  in  dem  gebissenen  Finger  klagte,  welche  am 
nachsten  Tage  auch  die  Hand  einnahmen.  Zugleich  merkte  der 
Yater,  dass,  als  der  Knabe  ruhig  in  das  Zimmer  trat,  der  Athem 


HYDROPHOBIA. 


517 


desselbcn  beklommcn  war.  Die  Nacht  vom  31sten  August  zum 
lten  September  verbrachte  er  unruhig,  unter  bestandigem  Um- 
herwerfen,  so  class  seincm  Brudcr,  der  mit  ihm  in  einem  Bette 
schlief,  ein  anderes  Lager  bereitet  werden  musste.  Darauf 
schlief  cr  bis  scchs  Uhr.  Statt  des  gewdhnlichen  Fruhstiick-Kaf- 
fees  forderte  er  von  der  Mutter  Wasser  zum  Trinken,  allein  schon 
bei  dem  blossen  Anblicke  sol!  er  geschaudert,  und  es  gewaltsam 
von  sich  gestossen  haben.  Er  war  nicht  im  Stande  irgend  eine 
andere  Flussigkeit  oder  festc  Speisc  hcrunterzubringen,  deren  An- 
blick  ilirn  zuwider  war,  weshalb  er  auch  die  Eltern  und  Ge- 
schwister  bat,  sie  mochteu  in  einem  ancleren  Zimmer  zu  Mittag 
essen.  Ein  ihm  verordnetes,  und' mit  grosser  Anstrcngung  ge- 
nommenes  Brechmittcl  war  nur  von  geringer  Wirkung.  In  der 
Nacht  verrieth  er  die  grosste  Unruhe,  und  klagte  bestandig  uber 
starken  Durst,  und  uber  die  Unmoglichkeit  das  Getriink  herun- 
terzubringen.  Am  zweiten  September  stellten  sich  Schmerzen  in 
dem  ganzen  linken  Arme  und  Ohre  ein.  Anwchen  der  Lult, 
z.  B.  durch  Aufhebcn  der  Bettdecke,  Benetzen  der  Haut  mit  ei- 
nigen  Tropfen  Urins  brachten  dieselben  Zufalle  wie  die  Trink- 
versuche  hervor.  Das  Bewusstsein  war  ungestort:  er  antwortete 
besonnen  auf  die  an  ihn  gerichteten  Fragen,  und  ausserte  ofters, 
dass  er  gern  sterben  mdehte,  wenn  er  sich  nur  noch  einmal  satt 
trinken  konne.  Nachmittags  5 Uhr  sah  ich  den  Knaben:  er  lag 
auf  dem  Riickcn,  mit  glanzenden  hin-  und  hcrrollenden  Augen 
und  rothem  Gesichtc,  dcssen  Ziigc  angstigende  Unruhe  ausdruck- 
ten.  Die  Zungc  war  weiss  Ivclegt,  die  Haut  trocken,  im  Gesicht 
und  an  den  ExtrcmiUitcn  kl’ild,  auf  der  Brust  am  warmsten,  der 
Puls  voll,  schncll,  sehr  frequent,  von  160  Schlagen  in  der  Mi- 
nute, der  Ilcrzstoss  stark,  der  Athcm  beschleunigt  im  Yerhaltniss 
zum  Pulse,  der  Urin  von  blassgelber  Farbe,  die  Bewegungen  ge- 
schahen  mit  Encrgie  und  Hast.  Ich  hiclt  ihm  eine  Untertasse 
mit  Bier  vor,  und  forderte  zum  Trinken  auf:  allein  der  blosse 
Anblick  machte  das  Kind  schon  stutzig:  so  wie  ich  die  Tasse 

34  0 


518 


SPINALE  KRAEMPFE. 


seinem  Munde  nahc  brachtc,  entstand  schhichzcnder  Athern,  Zu- 
sammenfahren  des  ganzen  Korpers,  Wcgwcnden  des  Gcsiclitcs 
nacli  dcr  cntgegengcsctzten  Scite,  wildes  Uollcn  der  Augen  — 
dieselbcn  Ersclicinungen  bci  drcimaligcr  Wiedcrholung  des  Vcr- 
suches.  Beim  Anblicke  eines  Glases  mit  Wasscr  war  die  Un- 
ruhe  wcit  grosser,  der  Schauder  nocli  heftiger.  Jetzt  gab  ich 
die  Tassc  dem  Knaben  selbst  in  die  Hand,  und  forderte  ihn  drin- 
gcnd  auf  zu  trinken,  indem  ich  ihm  vorstellte,  dass  cr  sterben 
rniisse,  wenn  er  nicht  folgsam  sei.  Mit  zitternder  Hand  ergriff 
er  die  Tasse,  und  fiilirte  sie  an  den  Mund:  als  er  jetzt  zusam- 
menschauderte , und  mir  die  Tasse  zuriickgeben  w^ollte,  rief  ich 
ihm  mit  drohendcr  Stimme  zu:  Trinke!  da  fasste  er  Muth,  und 
obgleich  Singultus  eintrat,  schluckte  er  mit  Gicr,  jedoch  mit  aus- 
serster  Anstrengung  ungefahr  einen  halben  Theeloffel  voll  herun- 
ter.  Darauf  tauchte  ich  den  Griff  eines  Loffels  in  das  Wasser,  und 
traufelte  davon  mehrere  Minuten  lang  auf  die  Zunge.  Diesc  gc- 
ringe  Quantitat  schlang  er  ohne  sonderliche  Mulie  und  Schaudern. 
Ich  liess  ein  mit  Wasser  gefulltes  Waschbecken  auf  das  Bett 
setzen,  und  befahl  dem  Kranken  sich  die  Hande  zu  waschen. 
Bei  dem  Anblicke  dieses  Wassers  verhielt  er  sich  ruhig,  und 
wusch  die  Hande , ohne  dass  in  den  Gesichtszugen  und  in  der 
Haltung  eine  Veriinderung  sichtbar  wurde.  Dasselbe  war  der 
Fall  bei  dem  Anblicke  glanzerider,  vorgehaltener  Gegenstiinde, 
eines  Spiegels,  der  hell  polirten  Riickseite  einer  Uhr,  welclie  er 
sogar  mit  Yergniigen  ansah.  Dagegen  war  ihm  das  Anwehen 
einer  kuhlen  Luft,  zumal  wenn  es  mit  einiger  Gewalt  geschah, 
durch  schnelles  L’uften  der  Bcttdecke  etc.  sehr  empfindlich,  und 
hatte  ahnliche  Wirkungen  wie  die  Trinkyersuche.  Das  Rauschen 
des  Regens  bei  offenem  Fenster  war  ihm  gleichgidtig,  allein  grosse 
Angst  verricth  er,  sobald  sich  Fliegen  auf  sein  Gesicht  und  seine 
Hande  odcr  auf  das  Bett  setzten,  dann  rief  er  mit  grosser  Un- 
rulier Vatcr,  Vater,  jage  die  Fliegen  fort.  Die  Sinnesthatigkeit 
und  intellectuellen  Kraft e waren  ungestort.  Auf  die  Frage,  oh 


HYDROPHOBIA. 


519 


or  irgendwo  Schmerzen  empfinde,  gal)  er  zu  wicderliolten  Malcn 
cine  verneinende  Antwort,  aucli  verzog  er  keine  Miene  beim 
Druck  auf  die  Brust  oder  auf  den  IJnterleib.  — Die  bier  enl- 
worfenen  Ziige  der  Krankheit  blieben  unveriindert  dieselben  wah- 
rend  der  anderthalb  Stunden,  die  ich  vor  dem  Bette  des  Kindcs 
zubrachte.  Behandlung:  Adcrlass  von  einem  Pfunde  Blut,  Sca- 
rification der  Narbe  und  Auflegen  von  Cantharidcnsalbe,  Einrei- 
bung  stiindlick  von  einem  Quentchen  Ung.  Merc,  ciner.  in  die  in™ 
ncre  Flache  des  linken  Arms,  und  Calomel  zu  2 Gran  stundlich.) 
Nach  dem  Aderlasse,  wahrend  dessen  der  Knabe  still  auf  dem 
Scboossc  seines  Yaters  gesessen  liatte,  trat  cine  grosscre  Rube 
ein;  die  Hast  in  alien  Bewegungen  minderte  sich;  das  Zusam- 
menschaudern  bei  dem  Vorhalten  cines  Glases  Wasser  war  nicht 
mehr  so  stark  wie  zuvor,  doch  geschah  das  Schlucken  des  Calo- 
mclpulvers  nur  mit  der  grossten  Anstrengung,  und  auf  dringen- 
des  Aufiordern  sowohl  der  Eltern  als  meinerseits.  Um  7 Uhr 
Abends  besuchte  Herr  Geheime  Rath  Horn  den  Knaben,  und 
schildertc  seinen  Zustand  folgendermassen:  Die  Gesichtsziigc 

druckten  die  hochste  Angst  aus,  die  Augen  beurkundeten 
ein  unnennbares  Leiden.  Er  warf  sich  stets  im  Bette  kin  und 
her,  und  konnte  nirgends  Ruhe  finden.  Die  Augen  rollten;  in 
alien  Bewegungen  zeigte  sich  eine  gewisse  Heftigkcit  und  Kraft. 
Er  klagtc  liber  nichts,  doch  fuhr  er  gleich  zusammen,  wenn  man 
sich  ihm  naherte,  schnell  auf  ihn  zuging,  oder  ilirn  zu  trinken 
rcicken  wollte.  Als  man  ihm  Arznei  geben,  und  Mercurialsalbe 
einreiben  wollte,  strliubte  er  sich,  und  bat  llehcnd  ihn  nicht  zu 
beriihren,  und  ilirn  nicht  wieder  Ader  zu  Iassen:  er  wiinschtc 
sehnlichst  ruliig  liegen  bleiben  zu  diirfcn.  Seine  Hautwarmc  war 
etwas  vermindert,  namentlich  am  Kopje , an  den  Handen  und  an 
den  Beinen.  Dicse  Untersuchung  schien  ihm,  wie  jede  Beriih- 
rung  und  Annahcriing,  unangenchme  Empfindungen  zu  erregen. 
Ein  haufiges  Auswcrfen  des  Spcichcls  fand  nicht  statt.  Der  Puls 
war  hart,  schnell  und  ausserordentlieh  haufig.  Mit  der  Secundcn- 


520 


SPIN  ALE  KRAEMPFE. 


uhr  genau,  unci  zu  wiedcrliolten  Malen  uutersuclit,  zeigte  sich 
eine  Frcquenz  von  180 — 100,  unci  zuletzt  200  Schliigen  in  einer 
Minute,  wobei  in  clerselben  Zeit  45 — 50  Inspirationen  erfolgtcn. 
Glanzende  Gegenstande,  Uhr,  Spiegel,  konnte  er  auch  jetzt  sehen 
unci  beruliren,  ohne  dass  dadurch  unangenehme  Empfindungen 
hervorgebracht  wurden.  Aber  es  war  ihm  unmbglich  Wasser, 
Thee  odcr  Bier  zu  trinken.  Bei  der  Annaherung  des  Trinkge- 
iasses  wcndete  er  das  Gesicht  scbnell  weg,  und  stiess  mit  der 
Hand  dasselbe  fort.  Ein  Stuck  weichen  Pllaumcnkuchens  ver- 
suchte  er  zum  Munde  zu  bringen,  doch  spie  er  dasselbe  sogleich 
wieder  weg,  als  er  kaum  angefangen  hatte  dasselbe  auszusaugen. 
Andere  Erquickungen,  die  ihm  gereicht  wurden,  liess  er  auf  die 
Seite  stellen,  mit  der  Aeusserung,  class  er  sie  bis  Morgen  auf- 
heben  wolle.  — Der  Knabe  zeigte  noch  Kraft  genug  in  seinen 
Bewegungen,  seiner  Haltung  und  Sprache.  Es  ward  deshalb  der 
Aderlass  wieclerholt,  und  die  Gabe  des  Calomel  verdoppelt.  Kaum 
waren  zwei  Obertassen  voll  Blut  abgeflossen,  so  wurden  das  Ge- 
sicht und  clie  Hande  merklich  kuhler,  der  Puls  kleiner,  die  Stimmc 
schwacher;  allein  der  Blick  blieb  munter,  das  Auge  glanzend  und 
beweglich,  und  eine  Ohnmacht,  die  ich  erwartete,  trat  nicht  ein  — 
doch  bestimmten  mich  jene  Veranclerungen  mit  dem  Blutlassen 
inne  zu  halten.  Die  Erscheinung  der  Wasserscheu  dauerte  in 
gleicher  Starke  fort,  wahrend  der  Puls,  obwohl  viel  schwacher, 
dieselbe  ausserordentliche  Frequenz  wie  zuvor  behauptete.  Nach- 
dem  ich  beinah  eine  Stunde  das  ungluckliche  Kind  beobachtet 
hatte,  entfernte  ich  mich.  Eine  halbe  Stunde  darauf  verschied  es. 

Die  Section  wurde  am  4 ten  September,  fiinf  und  zwanzig 
Stunden  nach  dem  Todc,  im  Beiscin  unseres  vcrewigten  Heim 
und  mehrerer  Aerzte  von  dem  damaligcn  Stadtphysicus  Dr.  Mertz- 
dorf  vorgenommcn.  — Die  Farbe  der  Leiche  war  von  einem  sa- 
turirten  Gelb,  auf  den  Wangen  mit  livicler  Rothe  untermischt. 
Obcrc  und  untere  Extremitaten  waren  schlaff  und  biegsam.  Die 
Augen  waren  nicht  so  welk  und  glanzlos  wie  gcwdhnlich.  Friih- 


HYDROPHOBIA. 


521 


zeitig  hallo  sieli  trotz  <Jer  ziomlich  kalten  Temperatur  tier  Geruch 
der  Fiiulniss  entwickelt.  Die  Muskeln  hatten  ein  dunkelrothes 
Ansehen.  Die  Lungen  warcn  stark  mil  Blut  uberfullt.  Beim  Oell- 
nen  ties  Kehlkopfcs,  der  Lull-  und  Speiserohrc  zeigte  sich  nichts 
Abnormes:  das  Gewebe  dieser  Thcile  war  von  blasser  Farbe. 
Auffallend  erschien  dagegen  die  Rothe  des  Herzens,  auf  des- 
sen  Aussenflache  sammtliche  Gcfasse,  Arterien  und  Venen,  wie 
injicirt  waren.  Die  Mitral-  und  Aortenklappen  waren  von 
scbarlaclirother  Farbe,  die  trotz  des  bfteren  Abwischens  mit  ei- 
nera  Sehwamme,  unverandert  blieb ; die  Flcischbalken  und  Seh- 
nen  waren  dunkeler  gefarbt  als  gewohnlich.  Die  innere  Flaehe 
der  Aorta  war  bis  zuin  Bogen  von  hcllrother  Farbe.  Das  in  den 
Geliissen  enthaltene  Blut  hatte  eine  dunkele  und  fliissige  Beschaf- 
fenheit.  Die  innere  Flaehe  des  Magens  war  von  eben  so  blasser 
Farbe  wie  die  des  Schlundes.  In  den  iibrigen  Organen  des  Un- 
terleibes  fand  sich  keine  krankhafte  Veranderung.  — Den  Bitten 
tier  Eltern,  die  Schadelhohle  nicht  zu  offnen,  wurde  nachgegeben. 

Aetiologie.  — Die  bedingende  Ur s ache  der  geschilderten 
Kranklieit  ist  Intoxication  mit  clem  Wu-thgifte,  welches  in  dem 
Hunde  und  in  den  verschiedenen  Arten  des  Hundegeschlechts 
(VYolf,  Fuchs,  Schakal)  erzeugt,  auf  antlere  Thiere,  Katzen,  Wie- 
tlcrkauer,  Pferde,  Schweine  (ob  auch  auf  Vogel  und  Amphibien 
ist  unbekannt),  und  auf  den  Menschen,  entweder  unmittelbar 
oder  mittelbar  (lurch  ein  vom  Hunde  angestecktes  Tliier  uber- 
tragen  werden  kann.  Dieses  Gift  ist  fixer,  nicht  lliichtigbr  Na- 
tur,  und  in  jeder  Periotic  tier  Kranklieit,  selbst  noch  cinige  Zeit 
nacli  dem  Todc  ties  Thieres,  so  lange  das  Cadaver  noch  nicht 
ganz  erstarrt  ist,  ansteckungsfahig,  dagegen  niemals  (lurch  Aus- 
diinstung  der  Haul  oder  Lungen  mittelst  atmospharischer  Lull 
mittheilhar.  Das  gewohnliche  Vehikel  ist  Speichel  und  Schlcim 
im  Maule  wuthkrankcr  Hunde,  doch  vergiften  auch,  wie  Hertwig 
bcobachtetc  (s.  Dcsscn  vcrdienstvolle  Beitriigc  zur  naheren  Kcnut- 
niss  tier  Wuthkrankhcit  oder  Tollheit  der  Hunde  im  Supplement- 


522 


SPINALE  KRAEMPFE. 


liel'tc  von  Huf eland’s  Journal  etc.  1828), .unvcrmischtc  Spcichel- 
H'ussigkeit  aus  dem  Spcichclkanal,  die  Substanz  der  Speicheldru- 
sen,  wovon  Stiickchen  in  Wunden  gelegt  wurden,  und  endlich 
das  Blut  selbst,  venoses  und  arteriellcs  (1.  c.  S.  1G8).  Zur  Ueber- 
tragung  des  Giftes  bedarf  cs  ciner  Verletzung  der  Haul:  sowohl 
Cutis  als  Schleimmcrnbran  mussen  des  Epitheliums  verlustig  sein, 
mag  die  Mittheilung  durch  blossen  Contakt  (z.  B.  Bcgeifern  ex- 
eoriirter  Stellen)  oder  durch  Impfung  (Bisswunden  etc.)  stattfinden. 
Die  Wirksamkeit  des  aufgenommenen  Giftes  wird  durch  die  Rc- 
ceptivitat  des  Organismus  bedingt.  Im  Allgemeinen  ist  die  Em- 
pfanglichkeit  fur  dieses  Contagium  nicht  gross,  scheint  jedoch  bei 
Hunden  starker  zu  sein  als  beim  Menschen  und  bei  andern  Tliie- 
ren.  Nach  Her  twig s Versuchen  an  Ilunden  ist  das  Yerhaltniss 
etwas  liber  23  pCt. : unter  59  geimplten  Hunden  brach  bei  14 
die  Wuth  aus  (1.  c.  S.  166).  Bei  einigen  fand  die  Ansteckung 
nach  der  ersten  Impfung  statt,  andere  iiberstanden  zwei,  drei, 
auch  vier  Impfungen,  und  wurden  erst  bei  der  folgenden  inficirt, 
einer  leistete  selbst  drei  Jahre  hindurch  alien  Impfungen,  deren 
Zahl  sich  auf  neun  belief,  Widerstand,  wahrend  sieben  andere 
bei  verschiedenen  Versuchen  gleichzeitig  mit  ihm  geimpften  Hunde 
angesteckt  wurden.  Nach  Youait  (I.  c.  p.  22)  ist  das  Verhalt- 
niss  der  Vergiftungen  nach  der  natiirlichen  Impfung  durch  Biss- 
wunden betrachtlicher:  von  drei  durch  einen  tollen  Hund  ge- 
bissenen  Hunden  werden  nach  seiner  Erfahrung  zwei  von  der 
Krankheit  befallen.  Bei  Pferden  ist  die  Frequenz  noch  ziemlich 
gross,  beim  Rinde  und  bei  Schaafen  am  geringsten.  Audi  beim 
Menschen  scheint  dieses  der  Fall  zu  sein:  von  21  Menschen,  die 
von  einem  Hunde  gebissen  waren,  und  keincr  Prophylaxis  sich 
unterworfen  hatten,  sah  John  Hunter  nur  einen  erkranken  ( Parry 
1.  c.  p.  84).  Aehnlichc  Beobachtungen  werden  von  Vaughan 
u.  A.  ( Andry , recherclies  sur  la  rage  p.  189)  mitgetheilt.  In 
andern  Fallen  ist  das  Verhaltniss  betrachtlicher:  so  wurden  un- 
ter 23  von  einer  tollen  Wolfin  gebissenen  Menschen,  deren  Ge- 


i 


HYDROPHOBIA. 


523 


schichte  von  Trolliet  beschricben  1st,  dreizehn  von  dcr  Hydro- 
phobic befallen.  Man  hat,  um  diese  Differenz  zu  crklliren,  be- 
. giinstigenden  Umstandcn  cine  Bedeutung  zugescliricben,  die  jedoch 
grosstentheils  der  Kritik  nicht  gen'ugt.  So  soil  dcr  Biss  eines 
lollen  Wolfes  sicherer  vergiften  als  der  eines  Hundes  ( Trolliet 
p.  170).  Einigc  haben  behauptet,  dass  die  vom  Ilundegeschlechte 
auf  Menschen,  Einhufer  und  Wiederkauer  iibertragene  Wuth 
1 nicht  ansteckungsfahig  sei,  und  fuhren  zum  Beweise  Dupuy’s 
Versuche  an,  welclie  stets  mislangen,  so  oft  die  Wuth  an  Ochsen 
und  Schaafen  von  anderen  Thieren  derselben  Gattung  inoculirt 
'\vurde,  dagegen  die  Impfung  mit  dem  Geifer  eines  wuthkranken 
iHundes  fasste  (s.  den  Art.  Rage  im  Diction,  des  scienc.  mtfdic. 
T.  47.  p.  46),  allein  Youatt  (1.  c.  p.  22)  sah  die  Hydrophobie 
:bei  einem  Stallknechte  ausbrechen,  der  sich  die  Hand  in  der 
Mundholde  eines  wuthkranken  Pferdes  beim  Eingeben  der  Arznei 
aufgeritzt  hatte,  und  Magendie  und  Breschet  trugen  die  Wuth 
worn  Menschen  auf  den  Hund  iiber.  Sie  impften  am  19tcn  Juni 
'1813  mit  dem  Speichel  eines  Hydrophobischen  zwei  Hunde.  Der 
cine  wurde  am  27 sten  Juli  toll , und  biss  zwei  andere  Hunde, 
wvovon  der  eine  am  26sten  August  von  der  Wuth  befallen  wurde 
(( Trolliet  I.  c.  p.  172).  Schon  hierdurch,  und  noch  griindlicher 
ddurch  Her  twig’s  Yersuche  wird  eine  andere  Behauptung  wi- 
(derlegt,  dass  das  mitgetheilte  Wuthgift  in  der  zweiten  und 
i n den  folgenden  Gencrationen  an  Kraft  verliere.  Sichereren 
'Schutz  gewahrt  die  das  Gift  aulfangendc  Bedeckung  des  ge- 
ibissenen  Theils  clurch  dickes,  behaartes  Fell,  Wolle,  Klcidungs- 
wtiicke  etc.,  womit  die  seit  alten  Zeiten  gemachte  Beobachtung 
'.ler  grosseren  Gefahr  bei  Wunden  im  Gesichte  und  an  den  Han- 
illen  iibcreinstimmt. 

Zwischen  der  Aulnahme  des  Giftes  und  dem  Ausbruche  dcr 
tKrankheit  licgt  ein  Interval!,  dessen  kurzcste  Dauer  bei  dem 
'Menschen  (naeh  ciner  Vergleichung  von  sechzig  authentischen 
ifleohachtungen)  14  Tage,  dessen  langste  Dauer  7 — 9 Monatc 


524 


SPINALE  KRAEMPFE. 


betriigt , gewbhnlich  auf  4 — 7 Wochcn  sieh  belauft.  Nach  einer 
unci  derselben  Ansteckung  bietet  dieses  Inlcrvall  Verschiedenhei- 
ten  dar,  die  unabhiingig  von  Alter,  von  Gesclilecht,  vom  Sitz 
der  Wunde  sind.  So  brach  unter  den  von  Trollict  beschriebe- 
nen  13  Kranken,  die  an  einem  Tage  von  einer  lollen  Wolfin 
gebissen  worclen  waren,  die  Hydrophobie  bei  seclis  vom  15. — 30. 
Tage,  bei  vier  vom  30. — 40.  Tage,  bei  zvvei  vom  40. — 53.  Tage, 
und  bei  einem  drci  Monate  und  achtzchn  Tage  nach  der  Ver- 
wundung  aus.  Bei  Hunden  erfolgt  nach  Hertwigs  Beobachtung 
der  Ausbruch  der  Krankheit  innerhalb  50  Tage,  mag  die  Ver- 
giftung  durch  Biss  oder  durch  Inoculation  stattgefunden  haben. 

Auf  die  zeitlichen  Yerhaltnisse  beschrankt  sicli  unsere  Kennt- 
niss  des  Intervalls,  oder  wic  man  es  auch  genannt  hat,  der  An- 
steckungsperiode : durchaus  unzuvcrlassig  und  irrig  sind  die  An- 
gaben  von  Erscheinungen , welche  die  zu  Stande  gekommene  An- 
steckung beweisen  sollen:  eine  eigenthumliche  BeschafTenheit  der 
Bisswunde,  die  Entstehung  eines  Wulstes  im  Umkrcise,  die  Bil- 
dung  von  Bliischen  und  Pusteln  sowohl  in  der  nachsten  Umgc- 
bung  (S.  v.  Lenhossck  die  Wuthkrankheit  nach  bishcrigen  Beob- 
achtungen  und  neueren  Erfahrungcn  pathologisch  und  therapeu- 
tiscli  dargestellt.  Pesth  1837.  S.  280.),  als  auch  entfernt  von  der 
Wunde  unter  der  Zunge  in  den  Ausfiihrungsgangen  der  Sub- 
maxillardrusen  zwischen  dem  dritten  und  neunten  Tage  nach  dei 
Vervvundung,  die  sogenannten  Wuthblaschen , die  sicli  als  My- 
stification durch  einen  Ukrainer  Bauern  bcurkund^t  haben.  Ein 
negatives  Merkmal  jecloch  diirfte,  wenn  cs  durch  kimftige  Beob- 
achtungen  bestiitigt  wird,  beacbtenswerth  scin,  der  Mangel  cnt- 
zundlicher  Anschwellung  naher  Lymph-Gelasse  und  Druscn  nach 
der  Verwundung,  auch  nach  Inoculation  an  Thicren. 

Nach  erfolgter  Aul’nahme  des  Wuthgiftes  scheint  der  Aus- 
bruch der  Krankheit  durch  gclcgentliche  Einflusse  gefordert  zu 
werden:  durch  korperliche  Anstrengung,  Gcmuthsaffectc,  zumal 
Schreck,  durch  ausserc  Verlctzungcn,  wovon  diejenigen  Fallc  ein 


HYDROPHOBIA. 


525 


zuvcrlassigcs  Zeugniss  geben,  wo  die  Hydrophobic  nach  einer 
iiber  die  gewbhnliche  Dauer  des  Intervalls  sich  hinziehenden  Frist 
ausbraeh.  So  waren  bci  cinem  von  den  Kranken,  deren  Ge- 
schichte  Trolliet  besclirieben  hat  (1.  c.  S.  G5.)  bereits  3^  Monate 
mach  dein  Bisse  vergangen,  als  derselbe  sich  Excessen  nach  einer 
bis  dahin  ruhigen  Lebensweise  hingiebt  und  eines  Tages  aid 
der  Riickkehr  vom  Jahrmarkte  einem  Hunde  begegnet,  der  j idl- 
ings sein  Pferd  anfallt:  alle  Details  seiner  eigenen  Verwundung 
ttauchen  in  seincm  Gedachtnisse  wieder  auf  — ein  Paar  Tagc 
■ larauf  wird  er  von  der  Hydrophobie  befallen , nnd  stirbt  am  drit— 
i:en  Tage.  Ein  Paar  Beispiele  aus  iilteren  Schriften,  welche  je- 
ll loch  einer  genauen  Schilderung  der  Zulalle  ermangeln,  werden 
' /on  Lenhossek  angefuhrt  (1.  c,  S.  273.),  wonach  bei  dem  einen 
i ) in  Fusstritt,  bei  dem  andern  der  Wurf  eines  Stuckes  Holz  an 
lie  Narbe  der  Bisswunde  sechs  und  neun  Monale  nach  der  Yer- 
etzung  durch  wuthkranke  Thiere , die  Hydrophobie  sofort  hervor- 
•iefen.  Youatt  bemerkt  (p.  26),  dass  auch  bei  Thieren  durch 
Aufregungen  der  schlummernde  Keim  geweekt  wird.  Bei  der 

• N 

.riichtigen  Hundin  bricht  die  Krankheit  erst  2 — 3 Tage  nachdem 
;ie  geworfen  hat,  aus:  bei  andern  haufig  wahrend  der  Brunst. 

Comparatives.  Die  Bestatigung  der  Wuthkrankheit  andern 
i erletzenden  Thiere  erganzt  die  Erkenntniss  der  Hydrophobic 
und  motivirt  die  Behandlung.  Diese  diagnostischen  Erfahrungen 
initzutheilen,  ist  hier  der  geeignete  Ort,  obschon  die  ausfuhrli- 
here  Betrachtung  der  fur  die  Lehre  der  Nervenkrankheiten  iiber- 
naupt  wichtigen  Ergebnissc  der  vergleichenden  Pathologie  fur 
;ine  besondere  Abhandlung  am  Schlusse  dieses  Werkes  bestimmt 
'St.  Auch  in  die  Nosologie  der  Hundswuth  hatten  sich  so  vicle 

Irrthumer  eingeschlichen  und  durch  Tradition  erhalten , dass  man 
die  Bcmiihungen  ausgezcichneter  Veterinararzte  zur  Ausmerzung 
lies  Truges  dankbar  anerkennen  muss.  Unter  den  Deulschen  gc- 
uuhrt  Hertwig  dieses  Vcrdienst,  unter  den  Engliindern  Meyndl 
md  Youatt , deren.  Beobachtungcn  einen  auffallenden  Unterscbied 


520 


SPINALE  KRAEMPFE. 


in  (len  Erscheinungen  der  Krankhcit  bei  dcm  Menschen  und  dcm 
Ilunde  nachweisen.  Die  Vorboten  fehlen  nach  Hertwig  entwe- 
der  ganz  odor  zcichrien  sich  durcli  keine  Eigenthiimlichkeit  aus: 
nach  Youatt  ist  stetes  Lecken  und  Kratzen  des  verwundeten 
und  mit  cinem  Schorfe  verseliencn  Theils  bemerkungswerlh,  wel- 
ches von  dcm  Ilunde  mit  der  aussersten  Heftigkeit  bis  zum  Zer- 
fleischen  fortgesetzt  wird.  Die  ausgebrochcnc  Wuth  zeigt  sich 
nach  Her  twig  unter  zwei  Formcn,  der  rasenden  und  stillen  Wuth: 
Karaktere  der  ersteren  sind  psychische  Aufregung,  Beisswuth  und 
Lauftrieb,  wahrend  bei  der  andern  Depression,  und  paralyti- 
sche  Schwache,  besonders  des  Unterkiefers  sich  geltend  machen. 
AIs  pathognomonische  Merkmale  werden  hervorgehoben : 1)  Ei- 
genthiimliche  Veriinderung  in  der  Stimme  und  in  der  Art  des 
Bellens.  Die  Stimme  klingt  rauh,  heiser,  angstlich:  das  Bellen 
geschieht  nicht  in  einzelnen  kurz  -auf  einander  folgenden,  deut- 
lich  von  einander  getrennten  Schlagen,  sondern  der  erste  An- 
schlag  geht  jedesmal  in  ein  kurzes  Geheul  liber,  so  dass  das 
Ganze  weder  ein  gehoriges  Bellen  noch  Heulen,  sondern  ein 
Mittelding  zwischen  beiden  darstellt.  Dabei  heben  die  Hunde 
meistens  das  Maul  in  die  Hohe.  Einige  lassen  diese  Tone  ohne 
alien  Anlass  sehr  oft,  fast  ununterbrochen  durch  mehrere  Tage 
horen,  andere  nur  selten  und  nach  einer  Reizung.  2)  Nach 
Youatt  (p.  3.)  ist  die  Respiration  stets  betheiligt:  das  Athmen 
ist  oft  sehr  erschwert  und  die  Inspiration  von  einem  rasselnden 
Gerausche  begleitet.  3)  Psychische  Storungen  geben  sich  durch 
Veriinderung  des  Benchmens  und  der  Gewohnheitcn  kund,  und 
sind  nach  Race , Temperament,  Lebensweise  des  Ilundes  vcrschie- 
den.  Doch  iiussert  sich  im  Allgemeinen  sowohl  cine  innere 
Angst  durch  rastloses  Din-  und  Herlaufen,  stetes  Ilindraugen 
nach  dcr  Thiire,  Veranderung  dcs  Lagers,  Entweichen  aus  dcm 
Ilause  und  Umhcrschweifen  auf  den  Strassen  und  im  Freicn,  als 
aucli  cine  Neigung  zum  Anfallen  und  Beissen,  welche  sich  bei 
wildcn,  boshaften  Ilmiden  znr  Zcrslorungsvvulh  und  Mordsuchl, 


HYDROPHOBIA. 


527 


sowohl  gcgen  lebendige  Geschopfc,  zumal  Katzcn,  als  auch  gc- 
gen  lcblosc  Dingc  steigert.  Bei  clem  Beissen  anderer  Ilunde  wali- 
Uen  sie  gewohnlich  das  Maul  und^die  Genitalicn.  (Her twig).  Phan- 
tasmcn  unci  Deliricn  machen  sicli  nach  Youatt’ s Erfahrung  be- 
mcrkbar.  Dcr  Hund  starrt  einen  Fleck  an  der  Wancl  an,  fahrt 
iplotzlich  darauf  los,  schliesst  das  Auge  und  lasst  den  Kopf  han- 
_gcn , sielit  darauf  wilden  Blickes  um  sich  oder  folgt  der  Spur  ei~ 
mes  ihm  vorschwebenden  Gegenstancles,  schreckt  leicht  auf — al- 
lein  das  Bewusstsein  ist  nicht  aufgehoben,  er  hort  auf  die  Stimme 
seines  Herrn,  und  ist  selbst  noch  folgsam.  4)  Verlust  des  Ap- 
ipetites  zu  festen  consistenten  NabrungsstofFen  bei  starker  Neigung 
zu  heterogenen  Dingen,  Holz,  Stroh,  Leder,  Wollc,  Glasscher- 
ben  und  den  eigenen  Excrementen.  5)  Vcriindertes  Aussehen: 
IRothung  der  Bindehaut  unci  Photophobie,  bei  vielen  ein  geringer 
(Grad  von  Schielen  ( Youatt ),  rauhe,  struppige  Ilaut,  sclinelle  Ab- 
lmagerung.  6)  Ausfluss  von  Speichel  um  den  zweiten  Tag  der  Krank- 
1 heit,  welcher  nur  zelm  bis  zwolf  Stunden  anhalt,  und  worauf  ein 
unausloschlicher  Durst  folgt  (Youatt).  Nach  Her  twig  fcillt  sich  nur 
bei  Entzunclung  des  Pharynx  clas  Maul  mit  Speichel  und  Scldeim. 
'7)  Im  weiteren  Verlaufe  der  Krankheit  gesellt  sich  paralytische 
Affection  der  Kiefcrmuskeln  und  der  Hinterbeine  hinzu.  8)  Ein 
inegatives,  nicht  minder  wichtiges  Symptom  ist  Mangel  der  Was- 
>serscheu.  Die  wuthkranken  Huncle  kdnnen  Wasser  und  andere 
IFliissigkeitcn  sehcn  und  zu  jeder  Zeit  saufen,  einzelne  lecken 
das  Wasser,  konnen  es  aber  wegen  Geschwulst  der  Zunge,  des 
Rachens  oder  Schlundes  nicht  schlucken.  — Die  Krankheit  endet 
liramer  todtlich,  binnen  vicr  bis  acht  Tagen,  meistens  durch  all- 
imahliche  Zunahme  der  Erschdpfung , zuwcilen  auch  plotzlich,  apo- 
iplectisch.  Bei  der  Leichenoffnung  findet  man  clas  Blut  dunkel 
i und  von  theerartiger  Beschalfenheit,  den  Pharynx  und  besonclers 
'die  Tonsillen  angeschwollen  und  entzundct,  die  Epiglottis  in jicirt, 
und  die  hintere  Fliiche  des  Larynx  entziindet  (Youatt).  Am  hau- 
'figsten  ist  die  Schleimhaut  des  Magens  entziindet,  und  der  Ma- 


528 


SPIN  ALE  KRAEMPFE. 


gen  enthiilt  cine  Menge  unvcrdaulicher  Slofl'e,  Stroh,  Ilaare, 
Pferdemist,  Erde  etc.,  was  man  bei  keiner  andern  Krankheit  der 
Ilunde  antrifft.  I)ic  Entziindung  dehnt  sicli  nicht  selten  auf  Duo- 
denum und  Diinndarm  aus.  Gehirn  und  Riickenmark  sind  mil  BIul 
iiberlullt,  allein  so  wie  die  peripherischen  Ncrvenbahnen  frei  von 
sichtbarer  Veranderung  ( Herlwig ).  Nach  Youcitt  (p.  G.)  ist  das 
verlangerte  Mark,  besonders  die  Corpora  olivaria,  in  schr  hobem 
Grade  injicirt. 

Die  Symptome  der  auf  anderc  Thiere  iibertragenen  Hunds- 
wuth  sind  in  den  Schriften  von  Youait  (p.  7.)  und  Lenhosseh 
(S.  113—^24.)  zu  vergleichen. 

Diagnostic  lies  und  Nosologisches.  Die  diagnostisclien 
Vorziige  einer  physiologischen  Auffassung  der  Krankheiten  machen 
sich  auch  bier  geltend;  Excess  der  Reflexspannung  in  dem  Wur- 
zelhcerde  der  Ncrven  des  Athem-  und  Schlingapparats  ist  der 
wesentliche  Karaktcr  der  Wuthkrankheit  des  Menschen:  gestei- 
gerte  Errcgbarkeit  fur  die  unentbehrliehen  integrirenden  Lebens- 
reize,  fur  die  Ingestion  von  Luft  undWasser,  und  entsprechende 
motorische  Entladungcn  durch  die  Nerven  der  Inspiration  und 
Deglutition  sind  die  Symbole.  Darauf  beruht  der  Unterschied 
von  der  als  Symptom  anderer  Krankheiten  auftretenden  Wasser- 
seheu,  die  entweder  aus  blossem  Widerwillen,  oder  in  Folge  ir- 
rer  Yorstellungen  oder  durch  Schlund-  und  Glottiskrampf  ent- 
steht.  Dergleichen  Kranke  konnen  den  Mund  voll  Wasser  neh- 
mcn,  ohne  Manifestation  der  Reflex -Erregbarkeit:  nur  das  Schluk- 
ken  ist  verhindert,  daher  sie  sofort  beruhigt  sind,  wenn  sie  die  Fliis- 
sigkeit  wieder  ausspeien  konnen.  Wie  anders  bei  dem  Wutli- 
kranken,  wo  schon  das  Benetzen  der  Lippe  oder  das  Wehcn  der 
Luft  den  convulsivischen  Schaudcr  und  den  eigenthumlichen  Athem- 
krampf  anfacht,  wo  daher  das  Verbinden  der  Augen,  um  den  Anblick 
des  dargebotenen  Wasscrs  zu  entziehen , von  gar  keinem  Ein- 
llusse  ist!  Schwieriger  ist  die  Entscheidung  in  den  Fallen,  wo 
nach  dem  vorhergegangenen  Bisse  cines  Hundes  oder  anderen 


HYDROPHOBIA. 


52<) 


Thieres  (lurch  Entwickelung  ciner  HirnafTection,  gewohnlich  acuter 
Hypochondrie  (S.  S.  188.),  sellcncr  Meningitis,  hydrophobischc 
Zufalle  herbcigcfiihrt  wcrden.  Dcr  schnclle  Eintritt  dieser  Er- 
scheinungen  nach  der  Yerletzung,  der  Mangel  ties  gewohnlichen 
Intcrvalls,  die  Abwescnbcit  der  Reflex -Steigerung,  dcr  wohltha- 
tige  Eindruck  psychischcr  Beruhigung  bei  Hypochondrie,  dcr  Ka- 
rakter  der  Deliricn  in.  der  Phrenitis,  die  Tobsucht  mit  Neigung 
zu  beissen,  zu  zerstbren,  welche  in  der  Wuthkrankheit  fehlt, 
-sindhief  als  Criterien  zu  benutzen.  Auch  ist  dcr  Unterschied  des 
hydrophobischen  Paroxysmus  in  der  Wuthkrankheit  von  der  Was- 
■ serscheu  als  Beglciterin  anderer  Krankheiten  festzuhalten.  Jener 
kelirt  auch  spontan,  ohne  Anblick  des  Wassers,  ohne  Yersuch 
zu  trinken  im  Wachen  und  im  Schlummer  zuruck,  und  das 
Hinderniss  selbst  wire!  mehr  durch  einen  Athem-,  als  durch  ei- 
nen  Schlingkrampf  bedingt. 

Der  iiblichen  Maxime,  ignotum  exponere  per  ignotius,  abhold 
vermeide  ich  in  Bezug  auf  die  Pathogenic  der  Wuthkrankheit 
Analogieen  mit  andern  contagiosen  Krankheiten  aufzustellen.  Es 
wire!  nicht  durch  Vermuthungen  die  Liicke  unscrer  Kenntniss  von 
der  Wirkungsweise  des  rabiosen  Giftes  erganzt  werden:  nur  von 
sorgfaltigen  Yersuchen  an  geimpften  Thieren,  wobei  die  Erfah- 
rungen  uber  Ufiterbrechung  der  Intoxication  durch  Ligaturen, 
Schropfkbpfe  etc.  benutzt,  Excisionen  dcr  inoculirten  Stelle  in 
verschiedenen  Zeitraumen  vorgenommen  werden,  von  solchen  Ver- 
suchen  in  grosserem  Masstabc,  wegen  der  mbglichen  Nichtem- 
pfanglichkeit  fur  das  Contagium,  angestellt,  diirfte  einiger  Auf- 
schluss  zu  erwarten  sein.  Der  nosologische  Standpunkt  die- 
ser Krankheit  ist  auf  vcrschiedcne  Wcise  aufgefasst  worden. 
Man  hat  sie  bald  dem  Irrcsein,  bald  den  Convulslonen  angerci- 
het,  odcr  wegen  des  traumatischen  Anlasses  mit  dem  Wundstarr- 
krampfe  zusammengestellt.  Allein  die  Thatsache,  dass  auch  ohne 
alle  iiussere  Verletzung,  z.  B.  durch  Leckcn  aufgesprungener 
Hande  odcr  excoriirter  Lippcn  von  einem  tollen  llunde  die  Wutli- 


530 


SP1NALE  KRAEMPFE. 


krankheit  cntstehen  kann,  dient  zur  Widerlegung.  Dagcgen  dcr 
Excess  dcr  Reflexaction  diesc  Krankheit  in  die  Categoric  der 
tetanischen  Alfectionen  stellt,  unter  welchen  ihr  durch  den  be- 
stimmten  Sitz  in  dcr  Medulla  oblongata  cin  eigenthiimlickes  Ge- 
prage  der  Symptome  und  der  Unterschicd  yon  den  zuvor  besebrie- 
benen  Starrkrampfen  gesichert  wird. 

Ilierin  liegt  auch  die  prognostische  Bedeutung.  Die  aus- 
gebrochene  Wutkkrankheit  ist  bei  den  uns  bislier  zu  Gebote  ste- 
henden  Mitteln  unbedingt  todtlich.  Beobachtungcn  vom  Gegcn- 
theil  sind  unzuverlassig,  entsprechen  nicht  den  Anforderungen 
dcr  Critik.  In  Bezug  auf  die  Incubationsperiode  ist  zwar  bei 
friiher  Hiilfe  eine  giinstigere  Prognose  zu  stellen,  indess  auch  die 
in  so  vielen  Fallen  mangelnde  Emphinglichkeit  fur  das  Contagium 
nicht  ausser  Acht  zu  lassen. 

Wo  die  Wissenschaft  keinen  Halt  giebt,  wuchcrt  der  Abcr- 
glaube.  Die  therapeutische  Literatur  der  Hydrophobie  ist  voll 
davon.  Aus  alien  Versuchen  stellen  sich  nur  zwei  trostende  Er- 
gebnisse  heraus,  1)  die  Zuvcrlassigkeit  einer  allgemeinen  Pro- 
phylaxis und  2)  die  Mogliclikeit  einer  individuellen.  Der  Staat 
verraag  die  erstere  auszufuhren,  durch  ein  Yerbot  unnutzer  Ilunde, 
und  wo  dieses  zu  grosse  Ilindernisse  findet,  durch  Besehrankung 
einer  zu  grossen  Anzahl  mittelst  einer  besondcren  Steuer,  wie 
sie  in  Berlin  mit  dem  grossten  Erfolge  eingefiihrt  ist.  Wuth- 
kranke  Ilunde  gehoren  jetzt  hier  zu  den  Seltenhciten,  und  nur 
yon  den  umliegenden  Dorfern  wird  dann  und  wann  ein  Hydro- 
phobischer  nacli  dem  allgemeinen  Krankenhause  gebracht.  Nicht 
bloss  auf  Hunde,  auch  auf  Katzen  und  auf  die  Ausrottung  der 
Wolfe  mussen  die  olfentlichen  Massregeln  ausgcdehnt  werden. 

Die  individuelle  prophylaxis  findet  nach  geschehener  Yerletzung 
statt,  und  hat  den  Zweck,  das  in  die  Wunde  aufgenommcne 
Contagium  zu  entfernen.  Das  Ausschneiden  des  gebissenen  Tlieils 
bis  in  das  Gesunde  hinein  unmittelbar  nach  dcr  Vcrwundung  ist 
am  sichersten,  doch  liisst  es  sich  bei  einer  grossen  Zalil  von  Wun- 


HYDROPHOBIA, 


531 


den,  und  in  dcr  Niilie  lebenswichtiger  Organe  nicht  immer  aus- 
fuliren.  Ligaturen  und  Saugapparate  (Schropfkopfe)  sind,  ob- 
gleich  sie  mit  benutzt  werden  konnen,  nocli  zu  wenig  gepriift, 
um  sich  darauf  allein  zu  verlassen.  Fast  alle  Stimmen  yereinigen 
sich  in  der  Nothwendigkeit,  die  organische  Stattc,  in  welche  das 
Gift  eingedrungen  ist,  zu  zersetzen.  Das  Gluheisen  wiirde  die- 
sen  Erfolg  am  sichersten  haben,  wenn  man  iiberzeugt  sein 
konnte,  die  Wunde  in  ihrer  ganzen  Ausdehnung  seiner  Ein- 
wirkung  blosszustellen.  Man  hat  deshalb  die  Verbindung  der 
Excision  mit  seiner  Anwendung  yorgeschlagen.  Unter  den  Aetz- 
mitteln  wird  von  dem  beruhmten  Londoner  Yeteriniirarzte  Youait 
das  Argentum  nitricum  alien  andern  vorgezogen;  er  selbst  stellte 
sich  dadurch  sicher,  nachdem  er  viermal  von  tollen  Hunden  ge- 
bissen  worden  war,  und  hat  es  bei  mehr  als  vierhundert,  von 
unzweifelhaft  wuthkranken  Hunden  verwundeten  Individuen  in 
Gebrauch  gezogen,  mit  solchem  Erfolg,  dass  nur  bei  einem  ein- 
zigen  die  Hydrophobie  zum  Ausbruch  gekommen  ist  (1.  c.  p.  33.). 
Rust  war  der  eifrige  Lobredner  des  Kali  causticum  in  Solution, 
\ Drachme  in  einem  Pfunde  destillirten  Wassers,  womit  die  Wunde 
nach  der  Excision  angefeuchtet  wird  (Theoret.  prakt.  Ilandb.  d. 
Chirurg.  in  alphabetischer  Ordnung.  Bd.  IX.  S.  286.).  Fiir  die 
Unterhaltung  einer  ergiebigen  Eiterung  bis  iiber  die  gewdhnliehe 
Dauer  des  Intervalls  entscheiden  sich  die  meisten.  Je  friiher  nach 
der  Yerwundung  das  Yerfahren  instituirt  werden  kann,  desto  gros- 
ser ist  seine  Schutzkraft,  doch  versaume  man  es  auch  dann  nicht, 
wenn  bereits  liingere  Zeit  oline  alle  Hiilfe  verstrichen  ist. 

Man  hat  sich  nicht  mit  einer  ortlichen  Vorbauungscur  be- 
gniigt,  sondern  auch  eine  allgemeine  empfohlen.  Hier  verlasst 
die  sichere  Grundlage,  und  Zweifel  driingen  sich  auf,  ob  der  topi— 
schen  Behandlung  der  Wunde,  ob  den  andern  Mitteln  der  pro- 
phylactische  Antheil  zugeschrieben  werden  muss,  z.  B.  bei  dem  von 
Wendt  beschriebcnen  Verfahren  im  Brcslauer  Hospital  (Darstcllung 
einer  zweekmassigen  und  durch  die  Erfahrung  erprobten  Methode 

Romberg’s  Tfervenkrankh,  I.  2.  35 


532 


SPRNALE  KRAEMPFE. 


zur  Verh'utung  der  Wasserscheu.  Breslau  1824.  S.  45.),  wonacli 
die  Wundc  mil  Cantharidenpulver  angefullt  und  in  Eiterung  er- 
lialten,  und  durch  Calomel  und  Einreibungen  mil  Ung.  neapolit. 
cine  starke  Salivation  erzcugt  wird.  — Es  giebt  kein  Antilyssum, 
dessen  Wirksamkeit  bisher  constatirt  ist,  und  wcder  Canthariden, 
noeh  Belladonna , noch  Mcloc  majalis  etc.  haben  angeregte  lloflf- 
nungen  erfullt. 

Unentbehrlich  ist  die  psychische  Prophylaxis:  beruhigende 
Motive,  Vermeidung  jeder  Erinnerung  an  die  vorangegangene 
Verletzung , Aufheiterun'g. 

Nach  dem  Ausbruche  der  Hydrophobie  bleibt  uns  nur  die  ge- 
wissenhafte  Erfullung  aller  Pllichten,  welche  die  Humanitat  ge- 
bietet.  Fern  sei  korperlicher,  mit  Strcnge  ausgefuhrter  Zvvang, 
da  olmehin  die  Ungliicklichcn  von  dem  Wahne  gefoltert  werden, 
als  Opfer  der  Cur  zu  fallen:  alle  Handhabungen , welche  die  ge- 
steigerte  Reflexaction  erregen,  mussen  unterbleiben,  besonders  die 
Wiederholung  der  Trinkversuche,  wobei  der  Anblick  und  die 
Beriihrung  der  Flussigkeit  mit  den  Lippen  gestattet  wird:  durch 
Auftriiufeln  auf  die  Zunge,  durch  Einziehen  des  Wassers  aus  ei- 
ner  Rolire  (in  einem  Falle  von  Bright  aus  einer  thonernen  Ta- 
bakspfeife)  lasst  sich  der  Zweck  besser  erreichen.  Bis  zum  letz— 
ten  Augenblicke  gewahre  man  den  Trost  freundlichen  Zuspruches, 
und  meide  den  Namen  der  Ivrankheit. 

Die  bisher  befolgten  therapeutischen  Massregeln  haben  sich 
leider  nur  als  Meditationes  mortis  erwiesen.  Einige  von  Ostin- 
dien  iiberkommene  Berichte  von  giinstiger  Wirkung  profuser  Blut- 
entleerungen  batten  zwar  HolTnung  angeregt,  allein  die  Mitthei- 
lungen  selbst  entsprcchcn,  wic  bereits  Barry  treffend  gezeigt 
hat  (1.  c.  p.  04  etc..),  so  wenig  der  Kritik,  dass  die  Nachahmung 
kaum  sich  rechtfertigen  lasst : auch  ist  noch  kein  erfolgreiclier 
Fall  beobachtet  worden,  auf  den  man  sich  mit  Vcrtrauen  verlas- 
sen  konnte.  Dasselbe  gilt  vom  Opium,  dessen  Dosis  bier  eben 
so  iibertriehen  wurde  wie  beim  Tetanus,  (Bahington  hat  einen 


HYDROPHOBIA. 


533 


Krankcn  180  Gran  Opium  in  11  Stunden  nehmcn  lassen,  ohne 
dass  cine  narcotische  oder  iiberhaupt  eine  Wirkung  erfolgt  war) 
von  den  Canthariden,  Belladonna,  Mercur,  von  den  Begiessun- 
gen  und  Eintauchen  in  kaltes  Wasser  u.  s.  f.  Youatt  erwahnt 
eines  Versuehes  von  Inoculation  des  Ticunasgiftes  bei  einem  wuth- 
kranken  Ilunde,  wonach  Beseitigung  der  Aufregung  und  grosse 
Rulie  eingetreten  war,  allein  der  todtliche  Ausgang  nicht  verh'u- 
tet  werden  konnte.  (1.  c.  p.  51.). 

Man  hat  auch  eine  im  Menschen  urspriinglich  entwickelte 
Wuthkrankheit  angenommen  (Hydrophobia  idiopathica  spontanea 
im  Gegensatze  zur  communicata  und  zur  symptomatica),  allein 
obgleich  die  Analogic  des  Tetanus  die  Moglichkeit  einraumt,  so 
sind  die  der  Kritik  geniigenden  Beobachtungen  ( vgl.  eine  in  der 
’ Wochenschrift  fiir  die  gesammte  Heilkunde.  1839.  S.  373.)  so 
uberaus  selten,  dass  man  sie  nur  als  Ausnahmen  gelten  lassen 
und  sich  selbst  bei  ihrer  Beurtheilung  niemals  der  Vermuthung 
erwehren  kann,  ob  niclit  eine  Uebertragung  des  Wuthgiftes,  wel- 
cbe  der  Bisswunde  nicht  bedarf,  und  deshalb  clem  Kranken  selbst 
nicht  mehr  erinnerlich  ist,  dennoch  stattgefunden  hat. 


35* 


534 


SPINALE  KRAEMPFE. 


Ausscr  der  Reflexpotcnz  kommt  dcm  Riickenmarke  als  Cen- 
stalapparat  aucli  die  Production  des  motorischen  Agens  zu,  wel- 
ches im  gesunden  Zustandc  ununterbrochen  und  gleichmiissig  durch 
die  Bewegungsnerven  in  die  Muskclfasern  einstromt,  und  diesel- 
ben  bestandig  in  einem  gewissen  Grade  yon  Thatigkeit  wahrend 
des  Wachens  und  Schlafes  erhiilt.  Davon  geben  das  Gleichge- 
wicht  der  Antagonistcn,  die  Action  der  Sphincteren,  die  aucli  in 
der  Ruhe  hervortretende  Form  der  Muskeln  den  Beweis.  Wird 
der  Zusammenhang  des  motorischen  Nerven  mit  dem  Riicken- 
marke  aufgchoben,  so  erschlafFt  der  yon  ihm  yersorgte  Muskel. 
In  paralytischen  Zustiinden  bekundet  die  Contractur  des  Antago- 
nisten,  z.  B.  des  Beugers  bei  Liihmung  des  Streckers,  so  wie 
auch  die  Verzerrung  der  gesunden  Gesichtshalfte  bei  Hemiplegia 
facialis  das  fortdauernde  Einstromcn  des  motorischen  Agens,  wor-  ' 
auf  wir  spiiter  bei  Bctrachtung  der  Lahmungen  zuriickkommen 
werden. 

firiimpfc  bedingt  durch  almonne  Production  motorischer 

Potenz. 

Die  Steigerung  dieser  Potenz  ist  gewohnlich  mit  Steigerung 
der  Reflex -Erregbarkeit  verbunden,  und  bedingt  die  anhaltenden 
Contractionen  der  Muskelgruppen  in  der  tetanischen  Affection, 
welche  die  Nosologen  unter  dem  Namen  tonischer  Krampfe  be- 
griffen  haben.  Allein  nicht  bloss  in  der  Intensitiit  der  Produc- 
tion motorischer  Kraft  zeigen  sich  Abweichungen,  sie  scheinen 
auch  in  den  zeitlichen  Verhaltnissen  derselben  vorzukommen. 
Statt  der  Norm  aqual  fortdauernder  Production  finclet  eine  Un- 
gleichmassigkeit,  eine  Unterbrechung , und  dann  wieder  ein  Ein- 
trromen  in  Impulsen  statt,  wodurch  Oscillationen  und  ErschiU- 
terungen  der  Muskeln  bedingt  werden,  welche  den  Namen 

Tremor,  5Ritterkraiupf 

iihren. 


ZITTEKK1UMPF. 


535 


Bebende  Bewegungen  musculoscr  Theile  finden  in  verschiede- 
ncr  Starke  und  Extensitiit  statt,  nicht  selten  in  rhythmischer, 
schneller  Aufeinanderfolgc , mit  Nachlass  und  Pausen  wahrend 
des  Schlafes  und  bei  gestiitzter  Lage,  mit  Verstarkung  bei  will- 
kuhrlicher  Bewegung  und  bei  Emotion,  mit  Abnahme  motorischer 
Kraft  und  Ausdauer.  Die  Muskeln  der  Rumpfglieder,  die  Nak- 
ken-  und  Zungenmuskeln  sind  am  haufigsten  Sitz  des  Zitterns, 
das  entweder  auf  einzelne  Gruppen  beschriinkt  bleibt,  oder  auf 
mehrere  zugleich  verbreitet  ist.  So  ist  der  Nystagmus  oft  nichts 
anderes , als  ein  auf  den  Muse.  rect.  intern,  und  extern,  beschrank- 
tes  Zittern,  und  im  unteren  Augenlidmuskel  hat  man  nicht  sel- 
ten Gelegenheit  in  einzelnen  Muskelschichten  den  Tremor  zu 
beobachten. 

Complicationen  mit  anderen  pathischen  Zustanden  des  Nerven- 
systems  werden  ofters  beobachtet,  mit  Irresein  im  Delirium  tre- 
mens , mit  abnormer  Statik  der  Bewegungen  in  der  Paralysis  agi- 
tans,  mit  Yerlust  der  cerebralen  Leitungsfahigkeit  motorischer 
Nerven  in  Lahmungen. 

Anlage  wird  durch  das  holiere  Lebensalter  gesetzt.  Specifische 
Ursachen  sind  Quecksilberdiimpfe,  seltener  Bleiintoxication  ( Tan - 
querel  des  Planches  traite  des  maladies  de  plomb  ou  saturnines. 
Paris  1839.  T.  II.  p.  32.),  Alcohol,  Erschopfung  durch  Excessus  in 
venere  und  Onanie.  Gelegentlich  wirken  Fieber,  Gemiithsaffecte, 
Schwache  in  der  Reconvalescenz  und  nacli  Profluvien. 

Tremor  mercarialis. 

Meral , memoire  sur  le  tremblemcnt  auquel  sont  sujets  les 
doreurs  sur  mi^taux,  et  les  autres  ouvriers  qui , comme  eux,  cm- 
ploient  le  mcrcurc,  in  dessen  Traite  de  la  coliquc  metallique 
2.  edit.  Paris  1812.  p.  273 — 301. 

Die  Krankheit  beginnt  selten  plotzlich,  meistens  allmahlich, 
zuerst  in  den  Armen,  befallt  dann  die  Beine,  spater  die  Zunge, 
sowohl  in  ihrer  masticatorischen  als  articulircnden  Action.  Das 


53G 


SP1NALE  KRAEMPFE. 


Bebtfn  unci  Zittcrn  artet,  bcsomlers  bci  Fortdaucr  dcr  Ursachen, 
in  erschiitternde  Slosse  aus,  welche  die  Vollzichungen  willkiihr- 
liclicr  Bevvegungen  storen  und  verhindern.  Will  cin  soldier 
Kranker  den  Arm  biegen,  so  vermag  er  es  nidit  mit  einem  Male, 
sondern  nur  in  zwei  oder  drei  Absiitzcn:  macht  er  den  Versuch 
zu  trinken,  so  verschiittet  er  das  Getriink,  er  ist  ausser  Stande, 
die  Nahrungsmittel  in  den  Mund  zu  stecken,  und  muss  wie  ein 
Kind  gefiittert  werden.  Die  Spracbe  wird  unverstiindlich,  lal- 
Iend.  Gemuthsbewegungen  vermehren  das  Zittern.  Die  Ge- 
siditsfarbe  spielt  in’s  Graue:  die  Haul  ist  trocken  und  etwas 
Iieiss.  Abmagerung  finclet  nur  selten  statt.  Der  Leib  ist  weich, 
der  Stuldgang  ungehindert.  Gas  wird  im  DarmkanaJ  betracht- 
lich  abgesondert,  und  nach  oben  und  unten  entleert.  Der  Ap- 
petit  nimmt  ab.  Der  Puls  ist  dem  Pulse  in  der  Bleicolik  ahn- 
lich,  hart,  Iangsam,  selten. 

Die  Dauer  ist  meistens  lang.  Die  Heilung  gelingt  selten  ganz 
^vollstandig:  ein  gelindes  Zittern  bleibt  gewohnlich  zuriick.  Com- 
plication mit  anderen  Krankheiten  ist  sehr  selten,  und  der  Aus- 
gang  fast  niemals  todtlich. 

Quecksilberdunst,  schon  bei  der  gewohnlichen  Temperatur  der 
Atmosphare  (nach  Faraday  wird  ein  Goldpliittchen,  welches  an 
der  Mundung  einer  auf  dem  Boden  mit  etwas  Quecksilber  verse- 
henen  Flasche  befestigt  ist,  schnell  amalgamirt:  Chrisiison , a 
treatise  on  poisons.  3.  edit.  p.  391.),  und  in  noch  starkerem  Grade 
bei  Verdampfung  durch  Feuer  bringt  diese  Ivrankheit  hervor:  da- 
her  Vergolder  und  Arbeiter  in  Quecksilber -Bcrgwerken  am  mei- 
sten  ausgesetzt  sind,  demnachst  Verfertiger  von  Spiegcln  und  me- 
teorologischen  Instrumenten , Juvelire.  Der  iiussere  oder  innerc 
arzneiliche  Gebrauch  des  Mcrcurs  hat  nur  ausnahmsweise  eine 
solche  Wirkung , so  wie  andererseits  dcr  Tremor  mercurialis  sehr 
selten  von  Salivation  beglcitet  wird. 

Die  Prophylaxis  des  Tremor  mercurialis  hat  durch  die  von 
Darcet  in  Bronce-  und  anderen  Fabrikcn  cingcfuhrtcn  Zugdfcn 


l 


I 


ZITTERKRAMPF. 


537 


an  Sichcrheit  gewonnen.  Der  Genuss  frisclier  Lull  unci  Reinlich- 
keit  schiitzen;  bcim  Arbciten  selbst  muss  das  Gesiclit  so  vied  wie 
moglieh  von  den  Diimpfen  abgewandt  werden.  1st  die  Krankheit 
einmal  ausgebrochen,  so  ist  Vermeidung  der  Ursacbc  die  Gruncl- 
bedingung  der  Cur:  das  Handwerk  muss  fur  immer  ©der  fur  lan— 
gere  Zeit  aufgegeben  werden.  Von  der  Electricitat  hat  De  Haen 
den  entschiedensten  Erfolg  gesehen,  und  neun  Falle  mitgetheilt, 
wo  die  Heilung  ohne  Beihiilfe  eines  andern  Mittels  erfolgt  ist. 
(Ratio  medendi  T.  III.  p.  201 — 209.).  Der  Genuss  der  Landluft, 
warmer  Beider,  ties  Opium  und  Sarsaparillen- Decocts  werden  von 
Herat  empfolden.  Audi  cignet  sicli  der  Schwefel  zum  inneren 
Gebrauehe  und  als  Zusatz  zu  Badern,  so  wie  der  Gcbrauch  des 
Eisens  und  der  China. 

Tremor  potatorum. 

Hattde,  Zunge  und  Lippen  zittern  vorzugsweisc  bei  Saufern, 
am  starksten,  fast  convulsivisch  beim  Erwachen  aus  dem  Schlafe 
und  im  niichternen  Zustande.  • — Die  Heilvcrsuche  scheilern  fast 
immer  an  der  Trinksuclit  der  Ivranken. 

Tremor  senilis. 

Ausser  den  Extremitiiten  ist  es  vorzugsweise  der  Kopf,  wel- 
dier  dem  Zittern  bei  Greisen  unterworfen  ist,  und  zwar  liaufi- 
ger  beim  weiblichen  Geschlechte,  als  beim  mannlichcn. 

Tremor  febrilis. 

Im  Fieberschauder  und  Frost,  besonders  der  intermittirenden 
Fieber,  beben  und  erzittern  ausser  den  Muskeln  des  Rumples 
und  der  Gliedmassen  auch  die  masticatorischen  Muskeln.  Nach 
Magendie's  Vcrsuchcn  bringt  Entziehung  des  Wirbelwassers  bei 
lebenden  Thieren,  und  Injection  dcsselbcn  in  kulderer  Tcmpera- 
tur  ein  iilinliclics  Zittern  und  Beben  hervor  (Lemons  sur  les  fonc- 
tions  cl  les  maladies  du  systeme  nerveux  T.  I.  p.  111.). 


53S 


SPIN  ALE  KRAEMPFE. 


Paralysis  agitans. 

Parkinson  essay  on  the  shaking  palsy.  London  1817. 

Todd  in  The  Cyclopaedia  ol'  practical  medicin.  art.  Paralysis 
p.  259. 

„Die  Krankheit  schleicht  sich  alhnahlich,  fast  unmerkbar  ein, 
und  beginnt  gewohnlich  mit  Gcfiihl  von  Schwache  und  gelindera 
Zittern  der  Handc  und  Arme,  zuweilen  des  Kopfes.  Nach  liin- 
gerer  Zeit,  etwa  einem  Jahre,  verliert  der  Ivranke  das  Gleichge- 
wiclit  heim  Gehen,  und  muss  sich  nach  vorne  uberbiegen.  Die 
Fiisse  sind  kraftlos  und  zittern.  Der  Tremor  wird  anhaltend, 
iiberwiegend,  lasst  selbst  durch  festes  Stiitzen  der  Theile  nicht 
mehr  nach.  Kopf,  Hande,  Fiisse  sind  in  bestiindiger,  tremulirender 
Bewegung.  Beim  Versuche  zu  gehen  wirft  sich  der  Kranke  auf 
die  Zehen  und  den  Vordertheil  des  Fusses,  gehthastig,  unsicher, 
in  Gefahr  bei  jedem  Schritte  auf  das  Gesicht  zu  fallen.  Auch  im 
Schlafe  dauert  jetzt  das  Zittern  fort  und  wird  so  stark,  dass  die 
Bettstelle  erschiittert  wird  und  der  Kranke  davon  aufwacht.  Er 
ist  ausser  Stande  zu  schreiben,  zu  lesen,  zu  essen  und  muss  ge- 
futtert  werden.  Das  Kauen  wird  erschwert:  der  Speichel  fliesst 
aus  dem  Munde.  Verstopfung  ist  fast  imrner  vorhanden.  Der 
Rumpf  ist  nach  vorne  ubergebogen,  das  Kinn  gegen  das  Sternum 
gestemmt.  Zuletzt  ganzlicher  Yerlust  der  Sprache  und  Degluti- 
tion, unwillkiihrliche  Secessus,  Sopor,  Tod.“ 

Die  Krankheit  kommt  im  vorgeriickten  Lebensalter  vor.  Ihrc 
Ursachen  sind  unbekannt.  Parkinson  fand  in  einem  Falle  nach 
dem  Tode  das  verliingerte  Mark,  den  Pons  Varoli  und  den  Cer- 
vical theil  des  Riickenmarkes  verhartet. 

Ich  habe  bis  jetzt  dreimal  Gelegenhcit  gehabt,  diese  Form 
des  Zitterns  zu  beobachten.  Die  cine  Kranke,  eine  Frau  von 
53Jahren,  litt  seit  mehreren  Jahrcn  daran.  Das  rhvthmische  Be- 
ben  der  Ilande , Arme,  des  Unterkiefers , der  Schenkcl  war  ge- 
waltig.  Fast  taktmassig  stiessen  die  Knice  mit  solcher  Kraft  an 


ZITTERKRAMPF. 


539 


Zander,  class  ein  Verband  zur  Vcrhutung  der  Sclimcrzen  unci 
•Sxcoriationen  angclegt  werden  musste.  Das  Zittern  nalim  zu,  so- 
>ald  die  Kranke  eine  aufrechte  Stellung  annahm.  Bei  Tage 
auertc  es  ununterbrochen  fort,  und  in  der  Nacht  trat  wahrend 
iniger  Stunden  Schlafes  Ruhe  ein.  Arme  und  Beine  waren  kraft- 
ds,  doch  niclit  gelahmt.  Die  Sphinctcren  hatten  ihre  Kraft  bei— 
•ehalten.  Alle  Mittel  blieben  fruchtlos:  die  von  einem  anderen 
Arzte  verordneten  Exutorien  am  Ruckgrath  mit  endermatischer 
Application  des  Strychnin  hatten  die  Intensitat  der  Krankheit  ge- 
teigert.  Bei  einer  andern  54jahrigen  Kranken  nahm  das  Zittern 
auptsachlich  den  Kopf  und  die  unteren  Extremitiiten  ein,  und 
yar  mit  der  Neigung  nach  vorne  iiberzulallen  verbunden.  Der 
ritte  Kranke,  ein  65jahriger  Mann,  leidet  seit  zehn  Jahren  am 
itterkrampfe , mit  der  Neigung  riickwarts  zu  gehen.  In  einem 
alle  hat  Elliotson  durch  den  fortgesetzten  Gebrauch  des  Ferrum 
abcarbonicum  Genesung  bewirkt  ( Behrend  neueste  medic,  chirurg. 
ournalistik  des  Auslandes.  Bd.  XI.  S.  309.). 


S.  Crattuilg. 

Krampfe  von  Erregung  des  Gchirns. 


Wie  uber  die  sensibeln,  so  hat  auch  liber  die  motorischen 
Apparate  des  Gehirns  die  neuere  Experiraentalphysiologie 
mehr  Aufscliluss  gegeben  als  die  iiltere.  Ihr  verdankt  man  nicht 
nur  die  topische  Bestimmung  der  Ilirngebiete,  auf  deren  Ver- 
letzung  beim  lebenden  Thiere  iiberhaiipt  motorische  Erscheinun- 
gen  folgen,  sondern  auch  den  Nachweis  zweier  Formen  dieser 
krampfhaften  Bewegungen,  der  Zuckungen  und  der  Schwindel- 
J)evvegungen. 

Zuckungen  entstehen  nach  Flourens  Versuchen  nur  durcb 
Reizung  des  verlangerten  Markes  und  dcr  Yierhiigel,  niemals 
durch  Reizung  der  Hemispharen  des  grossen  odcr  kleinen  Ge- 
hirns.  Die  Reizung  der  Medulla  oblongata  bringt  auf  derselben 
Seitc  Convulsionen  hervor,  die  Reizung  dcr  Yierhiigel  auf  der 
cntgegengesetzten,  in  gekreuzter  Richtung. 

Die  a Itesten  chirurgischen  Beobachtungen  schildern  die 
Convulsionen  als  Begleiter  von  Ilirnverletzungen , und  scit  Hip- 
pocrates blieb  der  bekannte  Satz,  dass  die  Convulsion  auf  der 
verwundeten  Seitc,  die  Paralyse  in  dcr  cntgegengesetzten  stalt- 
findc,  bci  den  Meisten  giiltig,  obgleich  bercits  Morgagni  (de  scd. 
ct,  caus.  morb.  Epist.  LI.  Art.  4G.  47.  48.  und  Epist.  anat.  13. 
Art.  14.  17.  18.)  mit  dem  Einvvurfc  unvollstandiger  Untersuchung 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 


541 


ioeider  Hemispharen  des  Gehirns  dagegen  aufgeireten  war,  und 
f Flourens  die  iibersehene  Combination  dcr  Verletzungen  des  gros- 
en  oder  kleinen  Gehirns  mit  denen  des  verlangerten  Markes  und 
!er  Yierliugel  als  Erkliirung  fur  jene  Erscheiiiungen  aufstcllte. 

Unter  den  Krankheitszustanden  des  Gehirns  sind  es  vorzugs- 
weise  Meningitis,  Cephalitis,  Erweichung,  Hypertrophic,  After- 
. ;ebilde,  welche  Krampfe,  entweder  clonische  oder  tonische,  halb- 
eitige  haufiger  als  bilaterale,  in  ihrer  Begleitung  haben.  Ge- 
\rohnlich  findet  Theilnahme  der  Augen-  und  Antlitznerven , und 
7orwalten  der  Convulsionen  in  den  oberen  Rumpfgliedern  statt. 
warakteristisch  ist  das  Verhaltniss  zur  Lahmung,  deren  Eintritte 
ie  voranzugehen  ptlegen,  seltener  folgen,  ofters  in  der  anderen 
uorperhalfte  mit  ihr  coexistircn.  Fiir  die  cerebralen  Zuckungen 
ilt  im  Gegensatze  zu  den  peripherischen  und  spinalen  die  Norm 
er  gekreuzten  Leitung.  Scheinbare  Ausnahmen  riihren  von  Mis- 
eutung  der  an  der  Basis  cerebri  aufgefundenen  Yeranderungen 
er,  welche  die  dort  abtretenden  motorischen  Nerven  als  peri- 
■herische  Bahnen  treffen,  und  Convulsionen  an  der  entsprechen- 
:en  Seite,  im  Muskelgebiete  des  Facialis,  Oculomotorius  u.  s.  f. 
eranlassen. 

Der  Widerspruch  zwischen  den  pathologischen  und  experi- 
lientellen  Ergebnissen,  in  Bezug  auf  die  convulsible  Action  der 
llirnhemispharen,  ist  niiher  zu  pr'ufen.  Unter  den  unzweifclhaf- 
m Beobachtungen  von  halbseitigen  Zuckungen  durch  Reizung 
inzelner  Stellen  des  grossen  oder  kleinen  Gehirns  (vgl.  Aber- 
! rombie  pathol.  and  practic.  researches  on  diseases  of  the  brain. 

edit.  p.  73  etc.)  geniige  es  einen  von  Andral  (Clinique  me- 
icale  T.  V.  p.  427)  mitgetheilten  Fall  ciner  27jahrigen  Frau 
nzululiren,  welche  nach  iibermassigen  Anstrcngungen  von  Stirn- 
:hmerz  und  Schwindel  befallen  wurde.  Vicrzehn  Tagc  darauf 
■aten  plotzlich  heftige  Zuckungen  dcs  linken  Armcs  ein,  welche 
nfallsweise  zuriickkehrten , und  ungefahr  zwanzig  Minulcn  an- 
auerten.  In  den  Intcrvallcn  war  die  Bcweglichkeit  dcs  Gliedcs 


542 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 


ungestort.  Bald  darauf  nahm  auch  die  linke,  und  noch  an  dem- 
selben  Tage  die  reclite  Gesichtshalfte  an  den  Zuckungen  Theil. 
Nach  24  Stunden  stelltcn  sich,  bei  freiem  Bewusstsein  die  Krampfe 
liaufiger  ein,  und  befielen  bald  eine,  bald  beidc  Seiten,  die  obe- 
ren  Extremitaten  starker  als  die  unteren.  Mit  Eintritt  dcs  So- 
por horten  sie  auf.  Blutiger  Schaum  fullte  die  Mundhohle,  und 
der  Tod  crfolgte  asphyctisch.  In  der  rechten  llemisphare  des 
grossen  Gehirns  fand  man  im  vorderen  Lappen,  zwei  Zoll  unter 
den  Hirnwindungen,  in  der  Niihe  der  Fiss.  interlob.  eine  betracht- 
liche  Erweichung  der  Marksubstanz  von  dunkeler  Rothe  und 
ungefahr  einem  Cubikzoll  Umfang.  Im  Umkreise  zeigte  sich  starke 
Injection.  An  der  entsprechenden  Stelle  der  linken  Hemispbiire 
war  eine  so  bedeutende  Injection  vorhanden,  dass  sie  das  An- 
sehen  einnr  Ekchymose  hatte,  allein  die  Consistenz  war  unver- 
lindert.  — Bei  dem  lebenden  Thiere  mag  man  die  vorderen  Hirn- 
lappen  noch  so  sehr  reizen  — niemals  entstehen  Convulsionen. 
Der  Grund  ist  derselbe  wic  fur  die  Schmerzen  bei  Entzimdung 
und  Desorganisation  der  gegen  Verletzungen  und  Wunden  un- 
empfindlichen  Ilirnsubstanz  (S.  175).  Der  Orgasmus  des  von 
unnachgiebigen  Knochenwanden  eingeschlossenen  Gehirns  begiin- 
stigt  die  Propagation  des  Reizes  von  den  fernsten  Stellen  nach 
dem  verlangerten  Marke  hin.  Daher  auch  von  Hypertrophie  des 
Gehirnes  Convulsionen  die  gewohnlichen  Begleiter  sind  (Andral 
I.  c.  p.  599),  und  bei  penetrirenden  Schiidelwunden  nicht  seiten 
auf  Hemmung  des  Eiterausflusses  Zuckungen  der  entgegengesetz- 
ten  Seite  ausbrechen  ( Lallemancl  recherches  anat.  pathol.  sur  l’en- 
cephale  et  ses  dependances  T.  II.  p.  122).  So  erwahnt  auch 
Abercrombie  (1.  c.  p.  57)  cincs  acht  Monat  alten  Ivindes,  dcssen 
Fontanelle  in  Folge  von  Exsudaten  in  der  Schadelholde  betracht- 
lich  angcschwollen  war,  und  welches,  so  oft  man  dicselbe  com- 
primirte,  von  Convulsionen  befallen  wurde. 

Die  Zuckungen  der  Muskeln  selbst  bei  Ilirnkrankheiten  sind 
in  nichts  von  den  Zuckungen  bei  Afl'ectioncn  der  periphcrischen 


543 


STATISCHE  KRAEMPFE. 

Verven  und  dcs  Riickenmarkes  yerschieden.  Anders  verhalt  es 
i eli  mit  den  Krampfen,  die  bei  Icbenden  Thieren  durch  Versuche 
n bestimmten  Hirntheilen,  bcim  Mcnschen,  so  wie  auch  bei 
diieren  im  krankhal’ten  Zustande  cntstehen,  und  wovon  die  eine 
orm  mit  dem  Namen 

Statische  Hriimpfe,  Scliwimtellieweguiigen, 

Motus  vertiginosi 

asscnd  bezeichnet  werden  kann. 

Experimentelles.  Aeltere  Autoren,  Zinn,  Saucer otte,  Me - 
ee  de  la  Touche  (vergl.  uber  den  Letzteren  Gama  Traite  des 
laies  de  tete  p.  15),  Arnemann,  erwahnen  zwar  schon  beilaufig 
er  rotatorischen  Bewegungen,  die  bei  Thieren  nach  Verletzun- 
en  des  Gehirnes  eintreten,  jedoch  physiologisch  gewurdigt  wur- 
en  sie  zuerst  durch  den  Forscher,  dessen  Blick,  wohin  er  drang, 
debt  verbreitet  bat,  durch  Alexander  von  Humboldt  (Versuche 
ber  die  gereizte  Muskel-  und  Nervenfaser.  Berlin  1797.  2r  Bd. 
>.  352).  „ Dieses  Drehen  von  Thieren,  denen  der  Ivopf  abge- 
chnitten,  und  das  Riickenmark  noch  nicht  zerstort  ist,  gehdrt.  zu 
en  wunderbarsten  yitalen  Erscheinungen , die  durch  Herrn  Ar- 
emanns  schauderhafte  Versuche  aufgeklart  worden  sind.  Ich 
abe  bemerkt,  dass  besonders  solche  Frosche  in  engem  Kreise 
mherhiipften , an  deren  Rumpf  noch  etwas  vom  kleinen  Gehirn, 
as  bei  dicser  Thiergattung  sehr  lang  und  platt  ist,  zuriickbleibt. 
Is  scliien,  als  wenn  das  Rechts-  und  Linksdrehen  dadurch  be- 
;immt  wurde,  dass  jene  Medullarportion  an  der  linken  oder  rcch- 
3n  Scite  grosser  war.  Wurde  dieselbe  ganz  weggenommen,  so 
orte  das  Drehen  auf,  konnte  aber  bisweilen  durch  chemische 
leize  wieder  erregt  werden,  welche  man  an  dem  Axillaris  oder 
jympathicus  der  rechten  oder  linken  Seitc  anbrachte.  Das  Dre- 
en  deutete  also  immer  auf  ein  gestortes  Gleichgewicht  in  der 
1 Iedullarsubstanz  des  Nervcnsystems  hin“.  — In  neuerer  Zeit  ha- 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 


544 

ben  uber  Sitz  unil  Modalitiit  dicser  Erscheinungen  Magendies 
und  Flour  ens  Versuche  wichtige,  durch  Krauss  und  Her  twig  be- 
stiitigtc  Resullate  crgebcn,  von  denen  folgende  anzufuliren  fur  un- 
seren  Zweck  hinreicht. 

4)  Auf  Wegnahmc  beider  gestreiften  Korper  folgt  ein  un- 
widerstehlicher  Trieb  vorwiirts  zu  laufen:  das  Thier  flieht  wie 
ein  Pfeil  gradeaus.  Die  Wegnahme  eines  gestreiften  Korpers 
hat  keine  solclie  Wirkung  ( Magendie  legons  sur  les  fonctions 
et  les  maladies  du  systeme  nerveux.  T.  I.  p.  198.  p.  248.  p.  280). 
2)  Nach  Quersclinitten  durch  die  Varolsbriicke  frndet  eine  Nei- 
gung  nach  vorne  iiberzufallen  statt  (Krauss  u.  Hertwig).  3)  Nach 
Theilungen  des  kleinen  Gehirns,  horizontalen , verticalen,  erfolgt 
Riickwartsgehen  ( Krauss , Hertwig,  Magendie).  4)  Durchschnei- 
dung  der  Vierhiigel  einer  Seite,  eines  Pedunculus  cerebelli  ad 
pontem,  und  eines  Seitentheils  der  Varolsbriicke  erregt  Kreisbe- 
wegungen  und  Herumwiilzen  des  Thieres  nach  der  verletzten 
Seite  hin,  mit  verandertem  Stande  und  Verdrehung  der  Augiipfel, 
wovon  der  eine,  welcher  der  verwundeten  Seite  entspricht,  nach 
unten  und  vorn,  der  andere  nach  oben  und  hinten  gerichtet  ist 
(Flourens,  Magendie).  5)  Durchschneiden  des  gleichnamigen  Tlieils 
der  anderen  Seite  stellt  in  diesen  Fallen  das  Gleichgewicht  wie- 
der  her  ( Magendie , Hertwig). 

Als  krankhaften  Zustand  lernte  man  die  Schwindelbewegungen 
zuerst  durch  die  Veterinararzte  in  der  durch  den  Coenurus  cere- 
bralis  veranlassten  Drehkrankheit  der  Schafe  kennen  ( Rudolphi 
entozoorum  sive  vermium  intestinalium  historia  natimalis  Vol.  II. 
P.  II.  p.  243 — 246),  von  dessen  Sitze  in  verschicdenen  Thcilen 
des  Gehirns  die  Verschiedenheit  der  Bewegungen  hergeleitet 
wird  [Hertwig  Art.  Drehkrankheit  im  Encyclo'p.  Worterbuch  der 
medicin.  Wissenschaften.  Berlin  1833.  IX.  Bd.  S.  458.,  und  Auers 
die  drei  wichtigsten  Jugendkrankhciten  der  Schafe:  die  Traber- 
krankheit,  Drehkrankheit  und  Lammerlahme.  Berlin  1840.  S.  01 ). 
In  den  gewohnlichen  Fallen,  wo  der  Blasenwurm  in  einer  Hemi- 


STATISCHE  KRAEMPFE. 


545 


phare  des  grosscn  Gchirpcs  sich  befindet,  scheint  mir  nach  wie- 
erholten  Beobachtungen  auf  dem  Landgute  cines  Freundes  das 
>rehen  nicht  in  einer  Kreisbewegung  zu  bestehen,  sondern  in 
-Vendungen  dcr  halbseitig  schwachen  oder  gelahmten  Thiere  nach 
er  gesunden  Scite  bin,  so  wie  dieses  auch  bei  Thieren  der  Fall 
■ ;t,  denen  man  eine  Hemisphare  des  grossen  Gehirns  weggenom- 
nen  bat;  jedoch  soil  sich  nach  Kuers  im  weiteren  Verlaufe  der 
urankheit  der  Korper  in  immer  kleinerem  Kreise,  endlich  auf 
er  Stelle  selbst  umwenden,  so  dass  im  Stalle  die  Fusse  sich  mit 
troh  fest  umwickeln.  Seltener  sind  die  Falle,  wo  das  Thier  vorn- 
;ber  fallt,  oder  wo  beim  Sitze  des  Coenurus  in  der  Nahe  des 
ieincn  Gehirns  und  verlangerten  Markes  Schwindelbewegungen 
lit  Iialtung  des  Kopfes  und  Halses  nach  hinten  stattfinden. 

Bei  dem  Menschen  konnnen  die  statischen  Krampfe  selten 
olirt,  meistens  in  Begleitung  anderer  Ilirnaffectionen  vor,  daher 
e kaum  beachtet  wurden,  bis  durch  die  Experimentalphysiologie 
ie  Aufmerksamkeit  auf  sie  rege  ward.  Die  Bewegungen,  die 
ine  interessante  Parallele  zu  den  Schwindel-Empfindungen  dar- 
ieten  (vgl.  S.  94 — 97),  erfolgen  nach  vorn  oder  hinten,  nach 
?chts  oder  links,  wobei  die  Storung  zwischen  den  im  hygienen 
ustande  sich  das  Gleichgewicht  haltenden  Kraften  entweder  durch 
chwache  und  Unthatigkeit  des  Antagonisten , oder  durch  Rei- 
ung  und  krampfliaften  Impuls  bedingt  werden  kann.  Einige 
eispiele  aus  eigener  und  fremder  Erfahrung  mogen  zur  Erliiu- 
:rung  dienen. 

chwimlelbewegungen  mit  Impuls  nacli  der  Liingenaxe. 

1.  Nach  vorn. 

Professor  B.,  71  Jahr  alt,  hatte  lifters  in  den  letzten  Jahren 
ber  Kopfschmerz,  leichten  Schwindel  und  Sausen  vor  den  Oh- 
en  geklagt.  In  der  Mitlc  Februars  1830  wurde  er  des  Abends 
iJf  der  Strasse  von  so  heftigem  Schwindel  ergrillen,  dass  er  zur 
rde  Del,  einige  Minuten  bewusstlos  liegen  blie’b,  und  nur  mit 


540 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 


Hi'ilfe  cincs  Voriibergehenden  sich  wieder  aufrichten,  und  iangsam 
nach  Ilausc  gehen  konnte.  Unmittelbar  darauf  war  die  Sprache 
erschwert,  und  das  Gedachtniss  fur  einzelne  Namen  und  Worte 
erloschen.  Anfangs  Miirz  kam  dcr  Kranke  in  die  Behandlung 
des  Herrn  Dr.  Friedheim,  dessen  giitiger  Mittheilung  ich  diese 
Notizen  verdanke.  Die  Anfiille  des  Schwindels  hatten  sich  hiiu- 
figer  wiedcrholt,  zumal  beim  Gehen.  Ueberdiess  war  eine  merk- 
lichc  Schwache  in  den  unteren  Extremitaten  eingetreten,  so  dass 
beim  Gehen  der  Kranke  die  Fiisse  nicht  in  die  Hohe  hob,  son- 
dern  nur  yorwarts  zu  schieben  vermochte.  Die  Gesichtsziige  wa- 
ren  auffallend  erschlafft,  entsprechend  einer  psychischen  Tragheit, 
die  sich  in  der  Unterhaltung  deutlich  verrieth.  Ableitende  Mit- 
tel,  vegetabilische  Diat  und  der  Gebrauch  des  Marienbader-Kreuz- 
brunnens  im  Monate  Juni  hatten  einen  sehr  vortheilhaften  Ein- 
fluss  auf  den  Schwindel  und  die  Beweglichkeit  und  Kraft  der 
Fiisse.  Allein  im  Monate  Juli  trat  ein  neuer  apoplectischer  An- 
fall  mit  Lahmung  der  linken  Gesichtshalfte  und  Paresis  des  lin- 
ken  Reins  ein,  und  bald  darauf  eine  auffallende  Neigung  des  Ivor- 
pers  nach  vorne  iiberzustiirzen.  Um  dieselbe  genauer  zu  beob- 
achten,  begleitete  Dr.  Friedheim  den  Kranken  ofter  auf  den 
Spatziergangen : sie  schritten  funf,  auch  zehn  Minuten  ruhig  ne- 
beneinander,  plotzlich  fing  der  letztere  an  schneller  zu  gehen, 
und  gerieth  zuletzt  in  einen  so  heftigen  Schuss  mit  zunehmender 
Neigung  des  Korpers  nach  vorne  liber,  dass  man  ihn  schnell  er- 
greifen  und  festhalten  musste.  In  den  letzten  Monaten  seines 
Lebens  trat  dieser  Zufall  weit  haufiger  ein,  auch  beim  Auf-  und 
Abgehen  in  der  Stube,  und  der  Kranke  erzahlte,  was  seine  Uin- 
gebungen  aus  eigener  Anschauung  bestatigten,  dass  wenn  er  in 
dem  Augenblicke,  wo  er  das  Gleichgewicht  des  Korpers  verloren, 
einen  Gegenstand,  z.  B.  einen  Baum  odcr  Stuld  ergrcifen  wollte, 
um  sich  festzuhalten , er  oft  unwillkuhrlich  zwei  bis  dreimal  im 
Krcise  um  denselben  herumgedreht  wurde,  bevor  er  seinen  Zweck 
erreichen  konnte.  Die  psychische  Energie  sank  immer  melir,  und 


STATISCHE  KRAEMPFE. 


547 


die  Sprache  blieb  erschwert,  Iallend.  Am  15  ten  Marz  wurde  er 
gegen  Abend  von  dem  drittcn  apoplectischen  Anfalle  getroffen, 
mit  Lahmung  des  rechten  Armes  und  Beines,  schnarchendem 
Atliem,  Iangsamcm  Pulse,  erweiterten  Pupillen,  unwillkuhrlichem 
Stuhl-  und  Urinabgange.  Bei  Anwendnng  der  geeigneten  Mittel 
trat  am  vierten  Tage  eine  kurze  Besserung  ein.  Der  Kranke 
zcigte  mehr  Bewusstsein,  streckte  die  Zunge  hervor,  bemuhte 
sicli  zu  antworten,  fing  an  den  rechten  Arm  zu  bewegen,  allein 
am  folgenden  Tage  kehrten  die  Symptome  mit  erneuerter  Heftig- 
keit  zuriick,  und  am  24sten  Miirz  1837  erfolgte  der  Tod.  — Die 
von  Herrn  Dr.  Henle  vorgenommene  Untersuchung  des  Gehirns, 
bei  welcker  die  Herren  Dr.  Barez,  Dr.  Friedheim  und  icli  zu- 
gegen  waren,  ergab  eine  feste,  derbe,  mit  Blut  uberfullte  Hirn- 
substanz,  und  im  linken  Seitenventrikel  ein  ziemlich  betrachtliches 
Extravasat  von  frischem,  klumpigem  schwarzem  Blute,  das  durch 
einen  Riss  zwischen  Thai.  opt.  und  corp.  striat.  aus  der  angriin- 
zenden  Hemisphere  eingedrungen  war.  Im  rechten  Corpus  striat. 
fand  sich  eine  longitudinale  schmale  ITohle,  mit  einer  dunkel- 
braunen  Membran  ausgekleidet,  und  von  einer  etwas  liarten  Ilirn- 
!*Substanz  umgeben.  Das  Gefiissnetz  an  der  Basis  cerebri  war 
igrosstentheils  incrustirt. 

Auf  dem  hiesigen  anatomischen  Museum  wird  das  Gehirn  ei- 
iner  Frau  aufbewahrt  (No.  5763)  welche  an  Kriimpfen  litt,  und 
i in  denselben  stets  nach  vorne  iiberfiel.  Mitten  in  der  Varols- 
!brucke  hat  eine  steatomatdse  Geschwulst  ihren  Sitz. 

2r  Nach  h in  ten. 

Ilierher  gehoren  die  Fiille  von  Riickwartsbewegungen  des  Kor- 
pers.  Friedrich  Hoffmann  (Consultationes  et  responsa  medici- 
inalia,  Cent.  II.  Sect.  IV.  Cas.  CLI.)  erwahnt  eines  dreissigjahri- 
igcn  Epileptischen,  der  vor  den  Anf'allen  riickwarts  lief:  „dum  ad- 
liliuc  sibi  constant  sensus,  junguntur  vehementes  praecordiorum 
inxietatcs  et  vomendi  conatus,  turbatis  vero  jam  sensibus,  discur- 

Romberg’s  Nervcnkraukb.  I.  2. 


548 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 


rit  cancrorum  in  morcm  relrorsum,  atquc  lum  subito  in  terram 
concidit“.  Auch  Sevres  fiihrt  cin  zwolfjiihriges  cpileptisches  Miid- 
chen  an,  desscn  Anfiille  schr  schncll  auf  einandcr  folgten,  urid 
wobei  die  Krankc  von  eincrn  unwiderstchlichen  Triebe  ruckwarts 
zu  gchen,  mil  Retroversion  des  Kopies,  befallen  war.  Setzle 
man  der  Ruckwartsbiegung  des  Kopfcs  einen  Widerstand  entge- 
gen,  so  hielt  das  Gehcn  nach  dieser  Richtung  inne;  sic  wurde 
vollstandig  geheilt  (Anatomic  comparee  du  cerveau  T.  II.  p.  628). 
Taube  erziihlt  in  seiner  Geschichte  der  Kricbelkrankheit  S.  121 
„von  einem  Kranken,  dessen  Korper  wiihrend  des  Krampfanfalles 
zwei-  und  dreimal  zuruckgeschoben  wurde.  Wenn  ihn  das  Uebcl 
uberfiel,  so  ward  er  nicht  eigentlich  mit  dem  Kopfe  und  Glie- 
dern  ruckwarts  gebogen  oder  gedehnt,  sondern  der  ganze  Kor- 
per ward  geschwind  hinter  einander  etliche  Male,  als  gesckehe 
es  durch  eine  ausserliche  Gewalt,  zuruckgeschoben,  so  dass  er 
ganz  auf  eine  andere  Seite  seines  Lagers  fortruckte.  Dieses  habe 
ich  gar  oft  bei  ihm  gesehen.  Der  Kranke  kam  jedesmal  mit  der 
Frage  wieder  zu  sich  selbst,  was  man  von  ihm  wolle?  Er  wusste 
sich  auf  keine  Zeit  zu  entsinnen,  was  unter  der  Zeit  geschehen 
war.“  In  Casper’s  Wochenschrift  f.  d.  ges.  Heilk.  1837.  S.  264 
theilt  Herr  Dr.  Schubert  den  Fall  ernes  17jahrigen  Bauern,  von 
gesundem  Ansehen  mit,  der  plotzlich  grosse  Angst  und  Beklem- 
mung  bekotnmt,  sehr  roth  und  heiss  im  Gesichte  wird,  Sprache 
und  Besinnung  verliert,  und  dann  ruckwarts  zu  gehen  anfangt. 
1st  er  eine  kiirzere  oder  liingere  Strecke  ruckwarts  gegangen, 
so  bleibt  er  plotzlich  wieder  stehcn,  wird  leichenblass  und  be- 
kommt  Sprache  und  Besinnung.  wieder.  Allgemeine  und  ortliche 
Blutentziehungen,  kalte  Begiessungen  des  Kopfes,  Abhihrungs- 
mittel  und  Einreibungen  von  Brechweinsteinsalbc  in  den  Nacken 
bewirkten  die  Ileilung.  In  der  letzten  Zeit  wurde  er  nur  bin 
und  wieder  von  leichtcn  und  schncll  vorubergehcndcn  Anfallen, 
und  zwar  jedesmal  nach  Sonnenuntergang  heimgesucht.  Die  in 
Magendies  Journal  de  physiologic  T.  VI.  p.  162.  bekanntgemachte 


STATISCHE  KRAEMPFE. 


549 


Beobachtung  mit  dem  Sectionsbcfunde  eincr  Eitcrung  im  kleinen 
Gehirne  ist  bereits  S.  95  erwiihnt  worden.  Mir  selbst  hat  sich 
ausser  dem  S.  539  angefuhrten  noch  folgender  Fall  dargeboten: 

C.  B.,  62  Jahr  alt,  cin  Silberarbeiter,  wurde  vor  sechs  Jahren 
von  reissenden  Schmerzen  und  Schwache  der  Motilitat  im  Dau- 
men  und  Zeigefinger  der  rechten  Hand  befallen,  welche  sich 
nach  dem  Vorder-  und  Oberarme  verbreiteten,  und  ihn  nothigten 
sein  Gewerbe  aufzugeben.  Ein  Jahr  darauf  iiberstand  er  cine 
Dysenterie,  wonach  die  Paresis  des  Armes  zunahm,  und  auch  das 
Bein  der  rechten  Seite  schwacher  wurde.  Es  fanden  sich  Schmer- 
zen im  Hinterkopfe  ein  und  im  Riickgrath,  von  den  Nacken-  bis 
zu  den  Lendenwirbeln,  und  mit  diesen  eine  Neigung  nach  liinten 
uberzufallen.  Die  Schmerzen  im  Arme  machten  einer  Anasthesie 
Platz,  die  besondcrs  in  der  Hand  und  in  den  Fingern  einen  sol- 
chen  Grad  erreichte,  dass  tiefes  Einstechen  und  Yerbrennen  nicht 

i 

mehr  gefuhlt  wurden.  Die  Haut  wurde  dunkelroth,  livide.  Die 
linke  Hand  blieb  noch  frei,  mit  Ausnahme  von  Formication  in 
den  Spitzen  des  Zeige-  und  Mittelfingers.  Im  niichsten  Jahre 
suchte  der  Kranke  bei  mir  HLilfe.  Was  mir  zuerst  aufficl,  war 
die  gezwungene  nach  vorn  gerichtete  Haltung  des  gross  gcwach- 
senen  Mannes,  und  die  Unmoglichkeit  Kopf,  Hals  und  Rumpf  in 
eine  gerade  vertikale  Stellung  zu  bringen,  ohne  sofort  riickwarts 
taumeln,  und  wenn  ihm  kein  Beistand  geleistet  wurde,  auf  den 
Hinterkopf  fallen  zu  miissen.  Dieser  steten  Schwindel-Empfm- 
dung  und  Bewegung  suchte  er  mit  aller  Kraft  durch  jene  Stel- 
lung und  durch  einen  gleichsam  seegelnden  Gang  auf  der  Strasse 
entgegenzuwirken.  Die  Sinnesthatigkeit  und  psychische  Action 
waren  ungestort.  Auch  in  den  egestiven  Functionen  zeigte  sich 
keine  Abweichung  vom  normalen  Zustande,  allein  die  genitale 
Energie  war  erloschen,  und  bei  dcr  angestellten  Untersuchung 
'ergab  sich  cine  Alrophie  der  Hoden,  besonders  des  linken,  welche 
dem  Kranken  selbst  seit  einiger  Zeit  aufgefallen  war.  Alle  Ilei- 
! lungsversuche  blieben  erfolglos.  Die  Schwindelbcwegung  nahrn 

36  # 


550 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 


dergestalt  zu,  class  cr  sich  clurch  den  Fall  ofters  Verletzungen 
am  Riickcn  und  Hinterkopfe  zuzog,  nncl  dass  er  mehrcrcmale 
vom  Fcnster  tier  Stube  bis  nacli  dor  gegen'ubcrstehenden  Thiir 
ruckwarts  getaumelt  und  umgesunken  war.  In  dieser  Zeit  stellte 
ich  ibn  zu  wiederboltenmalen  in  meinen  academischen  Vortriigen 
vor,  und  viele  meiner  damaligen  Zuhorer  werden  sich  seiner  nocli 
deutlich  erinnern.  In  den  beiden  letzten  Lebensjahren  nahm  die 
Lahmung  immer  mehr  und  melir  iiberhand,  und  gestaltete  sich 
zur  Paraplegie,  mit  starkem  Zittern  der  Hiinde  und  Contraction 
der  Flexoren,  zumal  der  Fingerbeuger.  Der  Yerlust  der  Sensi- 
bilitat  betraf  mehr  die  oberen  als  unteren  Extremitiiten.  Kopf 
und  Rumpf  waren  nach  vorne  gekrummt,  das  Kinn  beriihrte  fast 
das  Brustbein,  und  grosse  Kralt  war  erforderlich , um  den  Kopf 
in  die  Hohe 'zu  richten.  Es  entwickelte  sich  Fatuitat:  die  ganz- 
liche  Unbehulflichkeit  und  der  Hinzutritt  von  Secessus  involunt. 
machten  bei  der  grossen  Armuth  des  Kranken  die  Aufnahme  in 
das  Charite-Krankenhaus  nothwendig,  wo  sein  Tod  nach  einigen 
Wochen  durch  brandigen  Decubitus  am  Kreuzbein,  an  den  Schul- 
terblattern  und  an  den  Trochanteren  beschleunigt  wurde.  Die 
Section,  bei  welcher  icb  zugegen  war,  ergab  seros-albuminose 
Exsudate  zwischen  Arachnoiclea  und  Pia  mater,  serose  Ansamm- 
lungen  in  den  Ventrikeln,  Incrustationen  einzelner  Hirngefasse, 
ein  zum  grossen  Gehirn  betrachtliches  Cerebellum,  dessen  Ober- 
flache  deprimirt,  wie  eingesunken  erschien,  Hydrorrhachie , und 
erweichte  Consistenz  der  Wirbelknochen  an  mehreren  Stellen. 
Wenn  auch  die  von  mir  auf  eine  Geschmdst  an  der  Basis  des 
kleinen  Gehirns  in  der  Nahe  des  verliingerten  Markes  gestellte 
Diagnose  durch  diesen  Leichenbefund  niclit  bestlitigt  worden  ist, 
so  wurde  sich  doch  wahrscheinlich  bei  feinerer  anatomischer  Un- 
tersuchung,  die  wegen  Abwescnheit  des  Prosectors  des  Kran- 
kenhauses  Hrn.  Prof.  Froriep , zu  meinem  Bedauern  unterblieh, 
noch  mancher  aufklarende  Umstand  berausgestellt  haben. 


/ 


STATISCHE  KJ1AEMPFE. 


551 


Scliwindelliewegung  mit  Impuls  nacli  der  <&ueeraxe. 

Rotationen  im  Kreise  oder  Halbkreise  sind  sowohl  nach  Kopf- 
verletzungen , als  bei  Hirnkrankheiten  beobachtet  worden.  Petit 
berichtet  (Prix  de  1’acad.  roy.  de  Chir.  T.  IV.  p.  549)  den  Fall 
eines  Soldaten,  der  noch  43  Stunden  am  Leben  blieb,  nachdem 
eine  Flintenkugel  durch  die  linke  Hemisphere  des  Cerebellum 
bis  zum  hinteren  Lappen  des  grossen  Gehirns  gedrungen  war. 
Er  delirirte  lifters,  und  wiilzte  sich  bestandig  im  Bette  yon  einer 
Seite  nach  der  anderen,  wobei  er  Arm  und  Beine  in  die  Hohe 
hob.  Einen  ahnlichen  Fall  erzahlt  Saucer otte  (1.  c.  p.  423)  von 
einem  Soldaten,  der  yon  einer  steilen  Treppe  riicklings  herunter- 
gefallen  sich  eine  Fractur  des  linken  Scheitelbeines  zugezogen 
hatte,  und  im  Bette  ohne  Unterbrechung  dergestalt  sich  herum- 
walzte,  dass  es  unmoglich  war  den  Verband  zu  befestigen.  Bei 
der  Leicheuoffnung  fand  man  das  Tentorium  der  rechten  Seite 
erodirt,  und  eine  betrachtliche  Menge  Eiter  auf  dem  kleinen  Ge- 
liirne  angesammelt.  Herr  Dr,  Krieg  theilt  in  Casper’s  Wochen- 
schrift  fur  die  ges.  Ileilk.  1840.  S.  37  die  Beobachtung  einer 
Verletzung  der  linken  Iialfte  des  Stirnbeins  durch  den  Hufschlag 
eines  Pferdes  bei  einem  elfjahrigen  Knaben  mit,  der  noch  sieben 
Tage,  bewusst-  und  sinnlos  lebte.  Am  dritten  Tage  nach  der 
Verletzung  bemerkten  die  Eltern  folgende  auffallende  Erschei- 
nung,  die  sich  auch  in  der  Gegenwart  des  Herrn  Dr.  Krieg  un- 
zahlige  Mai  wiederholte.  So  oft  die  Kopfwunde  beriihrt  wurde, 
oder  der  Kranke  mit  einer  der  durch  Vesicatore  (im  Nacken) 
und  Sinapismen  (an  den  Schenkeln)  in  Entzundung  gesetzten 
Steilen  gegen  irgend  etwas  ansticss,  sehr  oft  aber  auch  ohne 
eine  solclic  Veranlassung,  begann  er  laut  und  klaglich  zu  wim- 
mern,  zog  dann  die  Fusse  ruckwarts  an  den  Leib,  Iegtc  die 
Iliinde  mit  weit  ausgespreitztcn  Fingern  bald  iiber  die  Brust, 
bald  iiber  den  Riicken,  und  drehtc  sich  mit  schwebcndem  Rumple, 
bloss  aul  Ellenbogen  und  Knie  sich  stiitzend,  mchrercmal  von 


552 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 


der  Linken  zur  Rochtcn  um  seine  cigenc  Axe,  und  zwar  mit 
solcher  Gewalt,  dass  zwei  Personen  ihn  kaum  anzuhalten  ver- 
mochten,  und  so  rasch,  dass  er  einmal  in  acht  Minuten  neunzehn 
Ilotationen  machte.  Wurde  er  mit  Gewalt  zuruckgehalten , so 
schrie  er  laut  und  angstvoll,  und  fuhr  fort  in  den  begonnenen 
Drehungen,  so  wie  das  Hinderniss  nachliess.  Bei  der  gericht- 
lichen  Section  ergab  sich  Folgendes:  die  verhaitnissmassig  starken 
Knochen  der  Calvaria  waren  unverletzt,  zwischen  Pia  mater  und 
dem  Gehirne  waren  an  den  beiden  hinteren  Lappen  und  an  der 
rechten  Hemisphare  des  Cerebellum  einzelne  kleine  Blutextra- 
vasate  bemerkbar.  Nach  Ablosung  der  Dura  mater  von  der  Ba- 
sis des  Schadels  fanden  sich  die  vorderen  Rander  beider  kleinen 
Fliigel  des  Keilbeins  von  dem  Orbitaltheil  des  Stirnbeins  durch 
Trennung  der  Sutur  losgerissen,  beide  etwa  eine  halbe  Linie 
weit  klaffend,  und  die  aussersten  Spitzen  beider  kleinen  Fliigel 
abgebrochen. 

Herrn  Dr.  Belhomme  (Considerations  sur  Ie  tournis  chez  les 
animaux  et  chez  1’homme,  in  dessen  Troisieme  memoire  sur  la 
localisation  des  fonctions  cerebrales  et  de  la  folie.  Paris  1839. 
p.  424)  verdankt  man  folgende  interessante  Beobachtung  rotato- 
rischen  Krampfes: 

Die  unverheirathete  G...,  60  Jahr  alt,  wurde  in  ihrem  47sten 
Jahre,  nach  einem  heftigen  Gerniithsaffecte  von  Schwindel  und 
Schwache  in  den  unteren  Extremitaten  befallen;  eines  Tages  be- 
kam  sie  an  einem  offentlichen  Orte  einen  Anfall  mit  Drang  zur 
Drehbewegung , welcher  eine  halbe  Stunde  dauerte.  Im  Jahre 
1830  erlitt  sie  in  Folge  der  politischen  Calamitat  von  Neuem 
solche  Anfalle,  mit  Neigung  nach  der  rechten  Seite  zu  drehen, 
welche  anfangs  alle  acht  Tage,  spaterhin  taglich  vier  bis  fiinfmal 
wiederkehrten.  Ihr  Bewusstsein  wurde  gestort:  sie  glaubte  eine 
Schlange  im  Bauche  zu  haben,  und  fur  das  Schaffot  bestimmt  zu 
sein.  Die  Heilversuchc  hatten  kcincn  Erfolg.  Im  Jahre  1837 
kam  sie  in  die  Behandlung  des  Dr.  Belhomme.  Die  Anfalle  tra- 


STATISCHE  KRAEMPFE. 


553 


ten  mit  folgenden  Erscheinungen  ein : plotzlicher  Bewusstlosigkeit, 
Zusammenziehen  der  Glieder,  und  da  die  Flexoren  das  Ueber- 
gewicht  uber  die  Extensoren  haben,  Niederkauern  der  Kranken. 
In  dieser  sitzenden  Stellung  walzt  sie  sich  selbst  auf  der  Ecke 
eines  Stulils,  meistens  nach  rechts,  mit  ausserordentlicher  Ge- 
schwindigkeit,  bis  ein  Hinderniss  ihr  aufstosst.  Zuweilen  fmdet 
die  Rotation  nach  links  statt,  allein  nicht  so  anhaltend.  Die  Ge- 
sichtsmuskeln  sind  contrahirt,  die  Augen  stehen  offen,  die  Pu- 
pillen  sind  erweitert,  unbeweglich,  Strabismus  divergens,  kein 
Blinzeln  beim  Vorhalten  des  Fingers.  Die  Dauer  der  Anfalle 
ist  von  funfzehn  bis  zwanzig  Minuten,  wonach  die  Kranke  mit 
einem  Gescbrei  dem  Laute  Ahua  ahnlich,  zu  sich  kommt.  In 
den  letzten  Jahren  wiederholten  sich  die  Anfalle  sehr  haufig,  selbst 
zwanzig  mal  taglich  mit  grosser  Heftigkeit.  Schlundkrampfe  ge- 
sellten  sich  hinzu.  Das  Irresein  nahm  ab,  je  starker  die  Dreh- 
bewegungen  wurden,  nahm  zu,  sobald  diese  an  Intensitat  verloren. 
Im  April  1838  stellte  sich  ein  Catarrhus  bronchialis  ein,  und  am 
18ten  April  erfolgte  der  Tod  plotzlich.  — Bei  der  Section  fan- 
den  sich  auf  der  inneren  Flache  des  ITinterhauptbeines,  an  den 
Seiten  der  Fossa  medull.  spinal,  (gouttiere  basilaire  de  l’occipital) 
zwei  Exostosen,  von  der  Grosse  einer  kleinen  Haselnuss,  wodurch 
die  Grube  verengt  war.  Die  Geschwulst  der  linken  Seite  war 
grosser  als  auf  der  rechten.  Nach  Ablosung  der  an  diesen  Stel- 
len  verdunnten  Dura  mater  boten  sie  ein  runzligcs  Ansehen  dar. 
An  den  Kleinhirnschenkeln  zeigte  sich  auf  jeder  Seite,  besonders 
aul  der  linken,  ein  starker  Findruck,  welcher  genau  den  Exosto- 
sen entsprach.  Ihre  Farbe  fiel  in’s  Graue,  und  ihre  Consistenz 
war  in  der  Niihe  dcr  Varolsbriicke  weicher.  Diese  selbst  war 
um  ein  Drittheil  kleiner  als  gewohnlich,  und  zeigte  auf  der  Durch- 
schnittsflache  cine  halbmondformigc  Injection,  deren  beide  Enden 
nach  dem  kleinen  Gehirne  gerichtet  waren.  Die  Vierhugel  wa- 
ren  sehr  klein,  besonders  die  vorderen,  und  von  erweichtem  Ge- 
luge.  Die  Wandungen  des  vierten  Yentrikcls  waren  von  grauer 


554 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 


Farbe,  erweicht  und  desorganisirt:  der  Calamus  scriptorius  liess 
sich  kaum  untcrscheiden.  Die  Thalam.  opt.  waren  normal,  die 
Corpora  striata  klein  und  abgellacht.  Der  linkc  mittlere  Lappen 
des  grossen  Gehirns  war  voluminoser  als  derrechtc,  dagegen  die 
rechte  Hemisphare  des  Cerebellum  grosser  als  die  linke.  Die 
Sehnerven  hatten  ein  atrophischcs  Ansehen.  Dcr  Quintus  der 
linken  Seite  war  erweicht:  seine  Fasern  liessen  sich  an  der  In- 
sertionsstatte  leicht  abloscn. 

Alcohol -Intoxication  ist  nicht  selten  Anlass  statischer  Kriim- 
pfe,  besonders  der  Schwindelbewegungen  mit  Impuls  nach  vorn. 

Nachst  den  an  besonderen  Hirntheilen  gebundenen  statischen 
Kraften,  deren  Storungen  sich  als  Schwindelbewegungen  offenbaren, 
hat  die  Experimentalphysiologie  den  Sitz  der  die  Bewegun- 
gen  coordinir enden  Kraft  im  Gehirne  nachgewiesen.  Flou- 
rens  gebiihrt  das  Verdienst,  im  Cerebellum  die  Kraft  entdeckt 
zu  haben,  welche  das  Gleichgewicht  und  die  Uebereinstimmung 
in  den  zu  den  Ortsbewegungen  erforderlichen  Actionen  vermit- 
telt.  Durch  Yerletzungen  und  Zerstorung  des  kleinen  Gehirns 
erlischt  bei  den  Thieren  die  Fahigkeit  zu  gehen,  springen,  hii- 
pfen,  fliegen,  klettern  etc.  Die  Wegnahme  der  oberflachlichen 
Schichten  hat*bei  einer  Taube  Schwache  und  Mangel  an  Ueberein- 
stimmung in  den  Bewegungen  zur  Folge.  Bei  den  mittleren  La- 
gen  zeigt  sich  der  Gang  schwankend,  nur  mit  Hulfe  der  Fliigel 
moglich.  Nach  Wegschneiden  der  letzten  Schichten  verliert  das 
Thier  die  Fahigkeit  zum  Springen,  Fliegen,  Gehen,  Stehen  durch- 
aus.  Es  gelingt  ihm  nur,  sich  aufrecht  zu  erhalten,  indem  es 
sich  auf  Fliigel  und  Schwanz  stiitzt.  Es  macht  wold  Versuche 
zum  Fortfliegen  oder  Gehen,  allein  es  ist  nur  ein  Flattern,  keine 
bestimmte  zweekmassige  Bewegung,  und  erinnert  an  die  er- 
sten  Versuche,  welche  die  jungen  Vogel  beim  Verlassen  des 
Nestes  machen.  Zuletzt  verliert  es  auch  die  Kraft,  mit  Bcinen, 
Schwanz  und  Flugelgelcnken  stehen  zu  bleiben:  es  fallt  immer* 


COORDINIRTE  KRAEMPFE. 


555 


uber  sicli  selbst  bin.  Auf  den  Riicken  gclegt,  erschopft  es  sich 
in  vergeblichcn  Bemiihungen  aufzustehen.  Die  Sinne  und  die 
Empfindung  sind  ungestort:  in  dcr  Ruhe  erncuert  das  geringste 
Gerausch,  der  schwiichstc  Reiz  den  unruhigen  Auftritt  seiner  An- 
strengungcn,  es-sicht  den  Streich,  den  man  nach  ihm  fuhrt  und 
will  ihn  vermeiden,  es  strengt  sich  an,  ihm  zu  entgehen,  und 
vermeidet  ihn  doch  nicht.  Die  Mdglichkeit  gemeinsame  Bewe- 
.gungen  zu  machen  ist  da,  aber  die  Verknupfung  dieser  zu  re- 
.gelmassigcn,  mit  einem  bestimmten  Zwecke  verbundenen  ist  dahin. 

[ Flourens  Versuche  und  Untersuchungen  iiber  die  Eigenschaften 
und  Verrichtungen  des  Nervensystems  bei  Thieren  mit  RLicken- 
vwirbeln.  Aus  dem  Franz.  Leipzig  1824.  S.  34 — 39.).  Dicse 
:Ergebnisse  sind  bei  Wiederholung  der  Versuche  von  Hertwig 
md  Andcren  aufs  Entschiedendste  bestiitigt  worden.  Nur  fehlte 
2S  noch  an  Beweisen  vom  Gegentheil,  von  Steigerung  dieser  ei- 
.genthiimlichen  Kraft  der  Coordination.  Experimente  an  Thieren 
gebcn  hieriiber  keinen  Aufschluss,  allein  im  krankhaften  Zustande 
bieten  sich  Erscheinungen  dar,  die  physiologisch  auf  dicse  Weise 
gedeutet  werden  konnen,  und  sie  sind  es,  die  ich  mit  dem  Namen 

Coordinirte  Kriiinpfc 

)ezeichne. 

Es  sind  gesticulirendc  und  ortsveriindcrnde  Bewegungen  in 
Anflillen,  den  zeitlichen  und  riiumlichen  Verhiiltnissen  und  der 
ntensitat  nach  verschieden,  seltcn  isolirt,  gcwohnlich  mit  ande- 
en  AfTectionen  des  Gehirns  verbunden. 

Die  Formen  sind  mannigfaltig,  wic  es  die  Combinationen  der 
notorischen  Fasern  im  Centralapparale  zur  Incitation  der  Mus- 
:elgruppen  fiir  den  Bewegungsact  gestatten,  und  alio  nur  mogli- 
hen  durch  Willensimpuls  anzuregenden  Bcwegungsformen  wie- 
! lerholen  sich  in  den  coordinirten  Kriimpfen:  dcnn  ob  der  Reiz 
Ter  Vorstellung  die  Action  einleitet  oder  cin  abnormer  Impuls  — 
lie  Wirkung  ist  dieselbe,  so  wie  auch  die  Sinnes-Encrgieen  un- 
tbhiingig  ,von  alien  objectiven  Reizen  in  Folgc  vcriindcrtcr,  in- 


556 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 


nerer  Zustiindc  sicli  offenbarcn.  (S.  108.).  Man  sieht  die  Fran- 
ker!, wie  ungeschickt  und  ungclenk  sie  auch  ausser  den  Anfullen 
sind,  in  denselben  mit  ungestortem,  ja  selbst  auf  die  Spitze  ge- 
stelltem  Gleichgewichte,  springen,  hiipfen,  klettern,  schweben,  in 
viclfacher  Abwechslung  und  mit  ausscrordentlicher  Schnelligkeit, 
wovon  glaubwiirdige  Beobachter  (denn  niclit  alle  haben  sich  vor 
Uebertreibung  in  Acht  genommen)  auffallende  Beispiele  schil- 
dern.  (Vgl.  Wichmann  Ideen  zur  Diagnostik.  2.  Aufl.  1.  Bd. 
S.  144  und  Thilenius  Medic,  und  chirurg.  Bemerkungen.  2.*  Th. 
S.  10.).  Wie  gross  auch  die  Anstrengungen  sind,  ein  Geiuhl 
yon  Ermudung  pflegt  nicht  zu  folgen,  und  die  Dauer  iibertrifft 
die  aller  durch  den  Willen  combinirten  Bewegungen. 

Oft  sind  die  coordinirten  Krampfe  mit  statischen  verbunden 
oder  gehen  in  einander  uber,  was  bei  Affection  desselben  Sub- 
strats  nicht  befremden  kann.  Ein  solcher  Fall  ist  von  Dr.  Walt 
mit  grosser  Genauigkeit  beobachtet  worden  (Medic,  chirurg.  trans- 
actions. Vol.  V.  p.  3 — 19.).  Die  Krankheit  begann  im  Januar  bei 
einem  zehnjahrigen  Madchen  mit  heftigen  Kopfschmerzen , Erbre- 
chen,  Verlust  der  Sprache,  und  Unfahigkeit  eine  andere  Stellung 
des  Korpers  als  die  aufrcchte  vom  Erwachen  bis  zum  Einschla- 
fen  anzunehmen.  Anfangs  Februar  stellten  sich  rotatorische  Be- 
wegungen ein,  wobei  sie  wie  ein  Kreisel  vom  Morgen  bis  Abend  mit 
grosser  Schnelligkeit  sich  nach  einer  Richtung  drehte  und  unwolil 
fuhlte,  sobald  man  diese  Bewegungen  unterhrach.  Ende  Februar 
horte  sie  auf,  und  das  Kopfweh  kehrte  mit  grosser  Heftigkeit 
zuriick.  Nach  vierzehn  Tagcn  befiel  eine  solche  Schwache  dcr 
Halsmuskeln , dass  der  Kopf , wenn  er  nicht  gest'utzt  wurde , scit- 
wiirts,  auch  vorwiirts  und  riickwarts  fiel.  Darauf  liess  der  Schmcrz 
im  Kopfe  nach,  und  die  Sprache  stellte  sich  wieder  ein,  allein 
Ende  Miirz  begann  cine  ncue  rotatorische  Bewegung:  wie  cine 
Walzc  rolltc  sie  von  einem  Bcttcnde  zum  andern,  selbst  cine 
ganze  Alice  im  Garten  herunter,  ununterbrochen  beim  plotzlichen 
Uebergiesscn  mit  kaltem  Wasser,  und  als  sie  einmal  am  seich- 


COORDINIRTE  KRAEMPFE. 


557 


,en  Ufer  eincs  Baches  hingclegt  wurde,  wo  das  Wasser  sie  be- 
;piilte , machte  sie  keinen  Versuch  zu  entkommen,  sondern  setzte 
lire  Schwingungen  wie  im  Bade  fort.  Die  Arme  nahmen  keinen 
lfheil  daran,  sondern  waren  oft  starr  extendirt,  wie  im  Tetanus. 
/£uweilen  wurde  momentan  der  ganze  Korper  steif,  dann  horten 
lie  Drehbewegungen  auf,  kehrten  aber  sofort  zuriick.  Yon  Zeit 
u Zeit  ward  der  Athem  sehr  erschwert,  und  zuweilen  machte 
> ie  12 — 20  Schwingungen,  ohne  zu  inspiriren.  So  vergingen  an- 
lerthalb  Monate.  Ende  April  anderten  sich  die  Anlalle.  Sie  lag 
uf  dem  Riicken,  bog  Kopf  und  Fersen  fast  aneinander,  kriimmte 
iich  wie  ein  Bogen,  losete  dann  mit  einem  Male  diese  Stellung, 
iel  mit  grosser  Gewalt  auf  das  Bett  zuriick,  verhielt  sich  einen 
'augenblick  ruhig  und  begann  von  neuem.  Dieses  wiederholte 
ich  10 — 12  Mai  in  der  Minute,  anfangs  sechs,  zuletzt  vierzehn 
ii'tunden  taglich.  Nach  Verlauf  von  fiinf  Wochen  trat  wieder 
ine  Veranderung  ein.  Auf  Kniee  und  Ellenbogen  gestiitzt, 
temmte  sie  den  Scheitel  auf  dem  Bette  auf,  hob  dann  Rumpf 
und  Beine  bis  zum  Betthimmel  und  liess  die  Last  des  Korpers 
uf  Nacken  und  Schultern  ruhen.  Sobald  dieses  geschehen,  hortc 
ide  Muskelanstrengung  auf  und  sie  fiel  wie  ein  Leichnam  herab. 
rleich  (darauf  nahm  sie  von  neuem  diese  Stellung  ein,  und  so 
'iederholte  es  sich  12 — 15  Mai  in  einer  Minute,  taglich  funfzehn 
ttunden  lang,  von  acht  Uhr  Morgens  bis  eilf  Uhr  Abends;  dann 
ahm  sie  der  Vater  aus  dem  Bette  und  hielt  sie  fest  auf  seinem 
choosse.  Anfangs  straubte  sie  sich  heftig,  wurde  allmahlich  ru- 
ng, und  nahm  etwas  Nahrung  zu  sich,  so  wie  dieses  auch  am 
Uorgen  vor  dem  Eintritte  der  Anlalle  geschah.  Auf  Verlangen 
ar  Aerzte  wurde  sie  vom  Vater  auch  im  Laufe  des  Tages  aus 
'3m  Bette  genommen  und  festgehalten , allein  sie  kiimpfte  dage- 
:3n  mit  grasslicher  Wuth  an;  auch  hatten  friihere  Yersuche  die- 
■r  Art  mit  Drohungen  und  Ziichtigungen  nicht  das  mindeste  ge- 
uchtet.  Sich  selbst  iiberlassen , setzte  sie  ihre  Bcwegungen  liber 
e gewohnte  Zeit  fort,  selbst  die  ganze  Nacht  hindurch.  Um 


558 


CEREBEALE  KEAEMPFE. 


jeden  Verdacht  von  Simulation  zu  heben,  wurde  das  Zimmer  am 
Morgen  verfinstert,  mil  Kerzcn  erleuchtet,  als  ware  es  Nacht, 
die  Umgebungen  mussten  sich  entfernen,  sie  blieb  allein,  jedoch 
oline  alien  Einlluss.  Bei  einem  Besuche,  den  Dr.  Walt  des  Mor- 
gens zwischen  sieben  und  aelit  Uhr  machte,  fand  er  sie  auf  dem 
Schoosse  des  Yaters  sitzend:  sie  war  ruhig,  jedoch  so  schiichtern,  < 
dass  er  ihr  Gesicht  nicht  sehen  konnte.  Der  Puls  war  regelmas- 
sig  und  ungefahr  von  neunzig  Schlagen.  Einige  Minuten  vor  der 
gewohnlichen  Zeit  des  Eintritts  der  Bewegungen  wurde  sie  un- 
ruhig,  drehte  den  Kopf  nacb  verschiedenen  Seiten,  die  Ziige  ver- 
zerrten  sich,  die  unteren  Extremitaten  zuckten  und  zogen  sich 
zusammen,  zuletzt  fing  sie  an  zu  zappeln  und  sich  gegen  den 
Vater  zu  strauben,  welcher  sie  aufs  Bett  legte,  wo  sofort  der 
Anfall  seinen  Anfang  nahm.  — Stuhlverstopfung  war  hartniickig,  der 
Korper  sehr  abgemagert,  die  Haut  rauh  und  trocken,  die  Tem- 
peratur  der  Extremitaten  kalt.  Obgieich  das  Bewusstsein  in  den 
Paroxysmen  fortdauerte,  boten  die  intellectuellen  Fahigkeiten 
clen  Karakter  dar,  wie  in  der  Chorea.  — Die  bisher  versuchten 
Heilmittel  (kalte  Biider,  Blutegel,  Haarseil  etc.)  hatten  keinen 
Erfolg.  Jetzt  stellte  sich  eines  Tages  Diarrhoe  ein,  und  mit  ihr 
eine  Besserung  des  Zustandes,  welche  durch  den  fortgesetzen  Ge- 
brauch  von  Purgirmitteln  sich  immer  mehr  und  mehr  heraus- 
stellte.  Nachdem  sie  ganzlich  genesen,  zeigte  sie  zwar  einen  Wi- 
der'willen  von  ihrer  Krankheit  zu  sprechen , allein  mehrere  Aeus- 
serungen  bekundeten , dass  sie  sich  der  Ereignisse , aucli  wiilirend 
der  schlimmsten  Zeit,  deutlich  erinnerte. 

Zuweilen  gelit  der  coordinirte  Krampf  eine  Verbindung  mit 
Chorea  ein,  wovon  ich  gegenwartig  ein  Beispiel  an  einem  sechs- 
jiihrigen  Knaben  vor  Augen  babe,  der  anfallsweisc  von  einem 
unwiderstehliehen  Drange  zu  klettern,  trotz  aller  Hindernisse, 
befallen  wird,  und  in  den  Intervallen  die  Erscheinungen  der  Cho- 
rea darbietet.  Es  ist  interessant  in  solchen  Fallen  den  Unter- 
chicd  zu  beobachten  der  dem  Ruckenmarke  zukommenden  und 


COORDINIRTE  KRAEMPFE. 


559 


inch  bei  Thieren  nach  dcr  Decapitation  noch  einige  Zeit  anzure- 
renden  Fiiliigkeit  die  Muskelgruppcn  zu  den  einfachen  antagoni- 
tisclien  und  associirten  Bewegungen  zu  comb  in  ire  n (welche  vor- 
;ugsweise  in  der  Chorea  betheiligt  ist)  von  der  dem  kleinen  Ge- 
lirne  immanenten  Kraft  alle  jene  Bewegungsacte  zu  bestimmten 
7ormen  und  Successionen  zu  coordiniren. 

Nur  selten  ist  das  Bewusstsein  bei  diesen  Krampfen  unge- 
riibt,  so  dass  die  Kranken  von  dem  durch  den  Widen  nicht  zu 
lemmenden  Drang  zu  den  Bewegungen  Rechenschaft  geben  kon- 
ien:  meistens  sind  psychische  Storungen  vorhanden,  besonders 
£5cstasis. 

Das  weibliche  Geschlecht  wird  fast  ausschliesslich  befallen, 
im  haufigsten  in  der  Entwickelung  der  Pubertat,  doch  auch  spa- 
er  bei  hysterischer  Grundlage.  Das  Alter  der  Decrepiditat  bleibt 
erschont.  Gemiithsaffecte  geben  oft  den  Ausschlag.  Intestinal- 
eize  lassen  sich  zuweilen  nachweisen. 

Die  Prognose  ist  gunstig.  Uebergang  in  Epilepsie  und  Irre- 
;ein  kommt  sehr  selten  vor.  Die  Naturheilung  wird  gewohnlich 
lurch  unbesonnene  Eingriffe  oder  unniitze  Geschaftigkeit  von  Sei- 
en  der  Aerzte  oder  noch  haufiger  der  curirenden  Dilettanten  ver- 
:ogert.  In  der  psychischen  Cur  hiite  man  sich  vor  Terrorismus: 
Mine  vorsichtige  Isolirung,  wodurch  der  Eitelkeit,  der  Simulation, 
innd  der  Neugierde  Abbruch  gethan  wird,  ist  zweckmiissig.  Die 
i^chtsamkeit  sei  auf  critische  Yorgiinge,  uterine,  intestinale,  cu- 
ane  gerichtet.  Ableitungen  auf  den  Darmkanal  haben  sich  in  meh- 
'eren  Fallen  als  hiilfreich  bewahrt.  Mit  dem  sogenannten  anima- 
ischen  Magnetismus  hat  man  mehr  modische  Kurzweil  getrieben 
ds  zuverlassige  Resultate  erzielt. 


Nicht  bloss  die  Ortsbewegungen,  auch  die  Sprach-Bewe- 
.^ungen  bediirfcn  der  Coordination,  einer  Einrichtung  im  Cen- 
tralapparate,  wodurch  die  gruppenweise  Erregung  der  Nerven  und 


560 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 


Muskeln  zur  Ilcrvorbringung  der  Laute  moglich  wird.  Dieses 
ist  die  praslabilirtc  Harmonic  zwischen  der  subjectiven  Intelii- 
genz  und  den  Spracliorgancn , welche  im  krankhaften  Zustande 
auf  mannichfache  Weisc  unterbrochcn  wird,  durch  convulsivischen 
oder  durch  paralytischen  Einfluss  oder  durch  abnorme  Erregung 
der  Coordination,  durch  welche  letztere  articulirende  Bewe- 
gungen  auf  ahnliche  Weise  wie  locomotive,  einzeln  als  blosse 
Laute  oder  in  gewisser  Folge  als  Silben,  Worter  etc.  ohne  den 
Reiz  der  Vorstellung  und  selbst  gegcn  den  Widen  des  Kranken 
producirt  werden.  So  habe  ich  bei  Hiimorrhagieen  des  Gehirns 
oftmals  die  Erscheinung  beobachtct,  dass  der  Kranke  ein  be- 
stimmtes  Wort  intendirt,  allein  ein  anderes  ertbnen  lasst.  Ein 
durch  Bildung  und  Stand  ausgezeichneter  Mann  versicherte  mich 
einst,  dass  unter  alien  Beschwerden  nach  einem  iiberstandenen 
apoplectischen  Anfalle  dicse  ilirn  die  lastigste  gewesen  sei,  die 
richtigen  BegrilFe  durch  ungehorige  Symbole  zu  bezeichnen , z.  B. 
fur  Wasser  Holz  etc.  sagen  zu  mussen,  und  dadurch  bei  seinen 
CJmgebungen  den  Argwohn  einer  Geistesstorung  zu  erweckeri. 
Bright  beschreibt  den  Fall  eines  achtzehnjahrigen  Madchens,  wel- 
ches nach  deprimirenden  Gcmiithsaffecten  unwillkuhrlich  und  selir 
oft  tief  seufzen  musste.  Dieses  ging  in  einen  Krampf  iiber,  wo- 
bei  sie  in  regelmassigen  Intervallen  von  drei  Secunden  unaufhdr- 
lich  einen  Laut  hervorbrachte , der  wie  Heigh-ho  klang  und  sich 
zuweilen  in  Heigh  verwandelte.  Nur  auf  kurze  Zeit  konnte  sie 
diesen  Ton  beherrschen,  wenn  sie  z.  B.  einen  kurzen  Satz  aus- 
sprechen  wollte,  allein  es  war  ihr  niclit  moglich,  zwei  oder  drei 
Siitze  zu  vcrbinden,  ohne  durch  jenen  Laut  unterbrochen  zu  wer- 
den. (Reports  of  medical  cases.  Vol.  II.  Part.  II.  p.  458.). 


PSYCHISCHE  KRAEMPFE. 


5G1 


Von  Betrachtung  der  cerebralen  Kriimpfe,  die  als  Zuckungcn 
durch  die  raittelbare  Einwirkung  einer  Hirnreizung  auf  die  mo- 
torischen  Bahnen  sich  kundthun,  oder  als  coordinirte  und  Schwin- 
del-Bewegungen  durch  unmittelbarc  Erregung  bestimmter  Hirn- 
gebilde  in  die  Erschcinung  treten,  wenden  wir  uns  zu  den  Kriim- 
pfen,  die  unter  dem  Einflusse  des  Gehirns  als  psychischen  Organs 
•stehen.  Die  Verleiblichung  des  Geistes  durch  Bewegung  erfolgt 
im  krankhaften  Zustande  wie  im  gesunden,  und  nur  das  Ueber- 
>sehen  dieser  Gesetze  liisst  dort  Wunder  oder  Trug  vcrmuthcn. 
Es  konnen  durch  den  Reiz  der  Vorstellungen  Kriimpfe  hervor- 
gebracht  werden,  welche  wir  mit  dem  Namen 

EPsycIiisclie  Krampfe 

bezeichnen. 

Die  Vorstellung  krampfliafter  Bewegungen,  mag  sie  durch 
.Sinnbsempfindung,  oder  durch  Erinnerung,  durch  das  gegcnwiir- 
ttige  oder  als  gegenwiirtig  gedachte  Object,  angefacht  und  un- 
tterhalten  werden,  erzeugt  bei  gleichzeitiger  Aufregung,  korper- 
licher  und  geistiger,  Krampf,  der  sich  als  zuckende  oder  als  co- 
(ordinirte  Bewegung  aussert. 

Ohne  und  selbst  gegen  die  willkuhrliche  Intention  erfolgen 
Ibcim  Ansehen  krampfliafter  Zustande,  oder  beim  Anhoren  ihrer 
.'Schilderung  Bewegungen  derselben  Art.  Des  nachahmen den 
Singultus,  Oscedo  und  Hustens  ist  bereits  erwahnt  worden:  Bei- 
spiele  von  Uebertragungen  in  grosserem  Massstabe  finden  sich 
in  Hecher’s  trefflichcr  Monographic:  die  Tanzwuth,  eine  Volks- 
krankheit  im  Mittelalter  (Berlin  1832),  welche  uberhaupt  eine  er- 
giebige  Quelle  fiir  diesen  Gegenstand  ist.  Um  ein  Beispiel  anzu- 
Ifuhren,  so  verfiel  in  einer  englischen  Spinnerei  ein  Madchen  in 
iheftige  Zuckungen,  welchem  ein  andercs  aus  Muth widen  eine 
'Maus  in  den  Busen  gesteckt  hatte.  Die  Kranke  litt  unter  ihren 
Mitarbeiterinnen  vicr  und  zwanzig  Stunden  lang  ohne  Nacldass. 
Am  folgenden  Tagc  verlielen  drei  andere  Madchen  in  dieselben 


562  CEREBII ALE  KRAEMPFE. 

Krampfe , und  am  dritten  Tagc  wiedcr  seclis  andere.  l)ic  iirzt- 
liche  Ilulfe  dcs  Dr.  Clare  wurde  am  vicrtcn  Tage  in  Anspruch 
genommen;  zuvor  liattc  sich  die  Zald  der  Krankcn  wieder  um 
drei,  und  die  Nacht  darauf  um  elf  vermehrt,  so  dass  also  nun 
schon  vier  und  zwanzig  von  Zuckungen  befallen  waren.  Untcr 
diesen  waren  cin  und  zwanzig  Madchen,  die  jiingsten  beiden  erst 
zehn  Jalire  alt,  und  nur  ein  Mann,  der  den  Erkrankten  mit  vie- 
ler  Thatigkeit  beigestanden  hattc.  Drei  von  den  erkrankten  Mad- 
chen wohnten  eine  halbe  Stunde,  und  noch  drei  andere  andert- 
halb  Stunden  von  dem  Orte  entfernt,  wo  die  Krankheit  ausbrach. 
Diese  drei  letzten  und  noch  zwei  andere  hatten  die  Kranken  gar 
nicht  gesehen,  sondern  die  Krampfe  nur  nach  der  Erziihlung'  des 
Vorfalls  bekommen.  Ausser  den  Zuckungen,  die  von  einer  Vier- 
telstunde  bis  zu  vier  und  zwanzig  Stunden  unausgesetzt  fortdau- 
erten,  und  bei  einigen  so  heftig  waren,  dass  sie  von  vier  oder 
funf  Leuten  gehalten  werden  mussten,  damit  sie  sich  nicht  die 
Haare  ausrissen,  oder  den  Kopf  an  den  Wanden  zerstiessen,  lit- 
ten  die  Kranken  noch  an  Angst,  Beklommenheit  und  Erstickungs- 
zufallen.  Die  Heilung  gelang  sehr  bald  durch  Electricitat,  die 
Krankheit  verbreitete  sich  seit  der  Ankunft  des  Arztes  nicht  wei- 
ter,  und  schon  sechs  Tage  nach  dem  Ausbruche  des  Uebels,  das 
unter  geeigneten  Umstanden  grosse  Fortschritte  hatte  machen 
konnen,  waren  alle  genesen.  Dieser  Vorfall  zeichnet  sich  da- 
durch  aus,  dass  bei  den  erkrankten  Madchen  keine  erhebliche 
Vorbereitung  zu  Krampfubeln  stattfand,  wenn  man  nicht  ihr  ver- 
k'ummertes  Leben  in  den  Arbeitssalen  einer  Spinnerei  in  Anschlag 
bringen  will.  Schwarmerei  lag  nicht  zum  Grunde,  auch  wird 
nicht  bemerkt,  dass  die  Erkrankten  mit  andern  Nervenkrankheiten 
schon  behaftet  gewesen  waren“  (1.  c.  S.  04). 

Wo  noch  andere  Einflusse  obwalten,  am  machtigsten  religio- 
ser  Fanatismus  und  unterdriickte  geistige  Entwickelung  dcs  Vol- 
kes,  da  zeigen  sich  die  psychischen  Krampfe  in  epidemischem 
Zuge  oder  in  endemischcr  Bcharrlichkeit.  So  verbreitete  sich 


PSYCH ISCHE  KRAEMPFE. 


563 


im  Jahre  1374  von  Aachen  und  Colin  aus  der  St.  Johannistanz, 
und  dauerte  unter  dem  Namen  des  St.  Veittanzes  bis  zu  Anfang 
des  sechzehntcn  Jahrhunderts  fort  ( Hecker  1.  c.  S.  1 — 25).  Im 
achtzehnten  Jahzhundert  erschienen  die  Convulsionairs  in  Frank- 
reich  (Le  natuialisme  des  convulsions  dans  les  maladies  de  Fepi- 
demie  convulsionnaire,  wovon  Hecquet  der  Verfasser  ist.  Soleure 
1733),  und  selbst  im  Jahre  1814  befiel  in  Cornwallis  eine  Epidemie 
von  Zuckungen,  angeregt  durch  Rebgions-Schwarmerei,  und  be- 
gleitet  von  ecstatischen  Zufallen,  binnen  kurzer  Zeit  an  viertau- 
send  Menschen,  und  Hess  kein  Alter,  kein  Geschlecht  unverscbont : 
Kinder  von  lunf  und  sechs  Jahren,  Greise  von  achtzig  wurden 
ergriffen,  dock  vorzuglich  Madchen  und  junge  Frauen  (s.  die  Be- 
schreibung  von  Cornish  in  Nasse  Zeitschrift  f.  psychische  Aerzte. 
lr  Bd.  S.  255).  Ein  Beispiel  von  endemischer  Yerbreitung  und 
Erhaltung  psychischer  Krampfe  findet  sich  in  den  nordlichen  Stri— 
chen  Schottlands,  wo  die  Krankheit  unter  dem  Namen  Spring- 
fieber  (leaping  ague)  bekannt  ist.  Der  Anfall  bcginnt  mit  Kopf- 
oder  Kreuzschmerz : darauf  brecben  die  Krampfe  aus,  mit  hup— 
fender,  springender  Action.  Zuweilen  laufen  die  Kranken  mit 
erstaunlicher  Schnelligkeit  uber  gefahrliche  Stellen  weg,  und  sin- 
ken  dann  crschdpft  nieder.  In  den  Hiitten,  wo  sie  wohnen, 
klettern  sie  an  den  Wanden  empor,  scbwingen  sich  um  die 
Querbalken  der  Decke,  oder  springen  von  einem  zum  anderenr 
mit  der  Behendigkeit  einer  Katze  (Edinburgh  medical  and  surgi- 
! cal  journal  Yol.  III.  p.  435). 

Unter  den  Sinnesempfindungen,  welche  die  psychischen  Krampfe 
anregen,  ist  noch  in’sbesondere  des  Gehors  zu  gedenkcn:  so  zeigt 
■sich  der  Einfluss  der  Musik  auf  krampfbafte  Bewegungen  mit 
1 1 dem  Rhythmus  des  Tanzes.  Die  Geschichte  giebt  uns  hiervon 
hein  Beispiel  im  Grossen  am  Tarantismus , einer  Volkskrankheit, 
i die  in  Italien  im  siebzehnten  Jahrhunderte  ihre  Uohc  erreichte, 
und  wovon  Hecker  eine  eben  so  geistrciche  als  kritische  Darstel- 
lung  gegebcn  bat,  auf  welche  hier  verwiescn  werden  muss  (1.  c. 

Romberg’s  Nervcukrankb,  T.  2.  or- 


5G4 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 


g 2G 55).  Unter  den  in  neuerer  Zeit  beschriebenen  sporadi- 

sehen  Fallen  (vgl.  Nasse  Zeitsehrift  fur  psych.  Aerzte.  3.  Jahrg. 
S.  GOO)  zeichnet  sich  durch  Gcnauigkeit  der  Beobachtung  der 
von  Wood  in  den  Medic,  chirurg.  transact,  vol.  VII,  p.  236 — 256 
mitgetheilte  aus  (iibersetzt  in  Huf eland’s  Journal  d.  pract.  Heilk. 
B.  XLIV.  5.  Sf.  S.  83). 

Die  nachahmenden  articulirenden  Bewegungen  in  Krankheiten 
sind  bisher  noch  nicht  Gegenstand  der  Untersuchung  gewesen. 
Eine  merkwurdige  Erscheinung,  welche  ich  das  Eccho  nennen 
mochte,  bat  sich  mir  mehreremal  in  verschiedenartigen  Krank- 
heitszustanden  des  Gehirns  dargeboten.  Der  Kranke  wiederholt 
monoton  die  von  einer  Person  in  seiner  Niihe  gesprochenen 
Worte  und  Satze,  ohne  eine  angeregte  Aufmerksamkeit  zu  be- 
zeugen,  und  iiberhaupt  ohne  einen  Begriff  damit  zu  yerbinden. 
Eine  an  Hirnerweichung  gestorbene  Frau  sprach  jedesmal  meine 
Fragen  nach,  z.  B.  zeigen  Sie  die  Zunge,  heben  Sie  den  Arm 
auf  etc.,  ohne  das  Geforderte  zu  thun.  Bei  einem  elfjahrigen 
Fatuus  ist  diese  Nachaffung  in  der  tonenden  Mimik  sehr  auffal- 
lend.  Auf  der  Hohe  eines  typhosen  Fiebers  habe  ich  bei  zwei 
jungen  Madchen  dasselbe  Phanomen  wahrgenommen. 


PSYCHISCHE  KRAEMPFE. 


505 


Die  Iielirseite  der  bisher  betrachteten  cerebralen  Krampfe 
sind  die  bewusstlosen  Krampfe,  ein  Namen,  der  obgleich 
sprachlich  unstatthaft  zur  Bezeichnung  derjenigen  Zustande  die- 
nen  soli,  wo  durch  eine  Pause  der  cerebralen  Energie  die  mo- 
torische  Kraft  gleichsam  entfesselt  wird,  und  zu  zugelloser  Herr- 
. sckaft  gelangt. 

Man  hatte  in  der  Physiologic  dem  Gehirne  fast  ausschliesslich 
einen  anregenden  und  fordernden  Impuls  fur  die  motorische  Ac- 
tion zuerkannt,  ohne  auf  einen  beschrankenden  und  hemmenden 
Einlluss  die  gebuhrende  Aufmerksamkeit  zu  richten,  was  erst  in 
neuerer  Zeit  durch  Flourens  (Recherches  experimental  sur  les 
proprietes  et  les  fonctions  du  syst&me  nerveux  dans  les  animaux 
vertebras.  2.  edit,  p,  496)  und  durch  Budge  (Untersuchungen  iib. 
das  Nervensystem.  1.  Heft.  1841.  S.  51 — 88)  geschehen  ist.  Die 
motorische  Kraft  wird  im  verlangerten  und  Ruckenmarke  er- 
zeugt,  und  wirkt  ununterbrochen  fort,  so  wie  auch  die  sensible 
Kraft  ohne  Stillstand  thatig  ist.  Ruhe  findet  nicht  statt:  das 
rmotorische  Agens  stromt  fur  und  fur  durch  die  Nerven  in  die 
Muskeln,  und  wenn  es  nicht  zu  steten,  sicht-  und  fiihlbaren  Be- 
' wegungen  kommt,  so  beruht  dieses  auf  eigenthiimlichen  hemmen- 
Uiden  Anordnungen,  unter  denen  die  symmetrische  Statik  (daher 
< die  Muskelcontractionen  der  gesunden  Seite  bei  Hemiplegie)  und 
(die  Opposition  der  Hirnkrafte  die  wichtigsten  sind.  In  den 
'Schwindelbewegungen  haben  wir  das  einseitige  Uebergewicht 
einer  solchen  kennen  gelernt:  von  der  Hemmung  der  Reflexbe- 
'wegungen  durch  die  Macht  des  Widens  war  schon  ofter  die 
IRede:  dass  selbst  die  optische  Sinnesenergie  einen  Einfluss  aui 
i die  motorische  Action  ausiibt,  ist  nachgewiesen  worden  (S.  228 
i mnd  S.  295),  und  keinem  Zweifel  ist  es  unterworfen,  dass  das 
IBewusstsein  der  Empfindungen  und  die  Vorstellungen  selbst,  auch 
laei  mangelnder  Intention,  wie  es  im  Schlafe  und  haufig  genug 
m Wachen  der  Fall  ist,  das  Uebergewicht  und  die  Entladung 
* ier  motorischen  Kraft  verhindert.  Dieser  Widerstand  fiillt  in 


37  * 


5G6 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 


den  Pausen  psychischer  Encrgie  lort,  und  ungehemmt  bricht  das 
motorische  Element  in  convulsivischen  Stdssen  hervor,  welche 
man  unter  dem  uralten  Namcn  Epilepsia  begreift.  Selbst  Lah- 
mungen  durch  Unterbrechung  der  cerebralcn  Leitungsfahigkeit 
verhindern  nicht  den  Ausbruch  der  epileptischen  Zuckungen.  So 
ist  folgender  von  dem  jimgeren  Pinel  beobachtete  Fall  in  phy- 
siologischer  Beziehung  von  grossem  Interesse.  „Eine  achtzehn- 
jahrige  Idiotinn  ist  von  Hemiplegie  der  linken  Seite  befallen:  die 
Hand  ist  stark  gegen  den  Vorderarm  gebogen,  und  kann  nicht 
ausgestreckt  werden:  beim  Gehen,  das  sehr  erschwert  ist,  schleppt 
das  linke  Bein  nach.  Epileptische  Anfalle  stellen  sicli  nach  In- 
tervallen  von  ungefahr  25  Tagen  ein,  und  dauern  dann  fast  ohne 
Aufhoren  30 — 40  Stunden.  Am  24sten  Dezember  1821  befiel 
ein  solcher  Paroxysmus,  der  am  vierten  Tage  todtlich  endete, 
und  in  welchem  auch  die  paralytischen  Glieder  der 
linken  Seite  an  den  heftigen  Convulsionen  Theil  nah- 
men.  Leichenbefund.  Die  gelahmten  Theile  sind  betrachtlich 
abgemagert:  die  Schadelknochen*  verdickt,  von  elfenbeinartigem 
Gefuge.  Die  rechte  Hemisphere  des  grossen  Gehirns  ist  atro- 
phisch:  die  Hirnwindungen  sind  sehr  klein  und  an  einander  ge- 
drangt,  besonders  in  der  Stirn-  und  Occipitalgegend.  Die  Cor- 
ticalsubstanz  bildet  eine  dickere  Schicht  als  gewohnlich.  Der 
Seitenventrikel  ist  sehr  klein  und  trocken.  Die  Ilirnsubstanz  der 
rechten  Hemisphere,  zumal  unter  dem  Ventrikel  zeigt  eine  auf- 
fallende  Herte,  wehrend  die  linke  Hemisphere  ihre  normale  Con- 
sistenz  hat.  Im  Buckenmarke  findet  sich  in  der  Gegend  des 
achten  und  neunten  Dorsal wirbels,  eine  Stelle  von  breiweicher 
Consistenz,  welche  oben  und  unten  durch  einen  rothlichen  Strich 
von  der  gesunden  Substanz  geschieden  ist.  Der  Nervus  ischia- 
dicus  des  linken  Beins,  das  seit  langer  Zeit  von  paralytischer 
Contractur  befallen  war,  ist  rother  und  voluminoser  als  auf  der 
rechten  gesunden  Seite“  ( Lallemand  rechcrchcs  anat.  patliol.  sur 
1 encGphale  et  ses  dependances.  T.  III.  p.  288).  — Ein  ahnlicher 


EPILEPTISCHE  ZUSTAENDE. 


567 


Fall  von  Convulsionen  tier  in  den  Intervallen  der  cpileptisclien 
Anfalle  gelahmten  und  contrahirten  Muskeln  ist  von  Esquirol  (des 
maladies  mentales  T.  I.  p.  332)  beobachtet  worden. 

Die  epileptischen  Zustiinde* 

Experimentelles.  Durch  Yersuche  am  Gehirn  und  Riicken- 
marke  ist  es  bisher  noch  nicht  gclungen  einen  epileptischen  An- 
fall  bei  einem  lebenden  Thiere  kiinstlich  zu  erregen.  Schon 
Saillant,  der  im  vorigen  Jahrhundert  im  Auftrage  der  Konigl. 
Societat  der  Medicin  zu  Paris  Studien  der  Epilepsie  machte,  sagte 
am  Schlusse  seines  Aufsatzes:  experiences  f elites  sur  les  animaux 
pour  decouvrir  le  siege  et  la  cause  prochaine  de  V epilepsie  (in 
Histoire  de  la  societe  royale  cfe  medecine  ann.  1782  et  1783. 
2.  Part.  p.  88 — 9G).  „Nous  nous  contentons  de  conclure  aujour- 
d’hui  qu’il  est  plus  facile  de  produire  un  acc&s  dpileptique  arti— 
ficiel  en  agissant  sur  le  sang  que  sur  les  nerfs  et  le  cerveau“; 
indessen  sein  Yersuch  mit  Injection  atmospharischer  Luft  in  die 
Jugularvene  eines  Pferdes  ist  ungeniigend,  da  nur  todtliehe  Con- 
lvulsionen  davon  die  Folge  waren.  Eine  grossere  Bedeutung  ha- 
ben  Astley  Cooper’s  Experimente  (Some  experiments  and  obser- 
vations on  tying  the  carotid  and  vertebral  arteries  etc.  in  Guy’s 
hospital  reports  Yol.  I.  London  1836  p.  465.)  Einem  Kaninchen 
wvurden  beide  Carotiden  unterbunden.  Der  Athem  ward  etwas 
ibeschleunigt,  die  Herzaction  verstarkt,  allein  es  zeigte  sich  keine 
andere  Wirkung.  Fi’inf  Minuten  darauf  wurden  die  Vertebral- 
arterien  mit  den  Daumen  comprimirt,  wobei  die  Luftrohre  vom 
Drucke  frei  blieb.  Die  Athembewegungen  hielten  fast  augen- 
i blicklich  inne,  es  erfolgtcn  convulsivische  Ausbruche,  das  Thier 
'verlor  das  Bewusstsein,  und  schien  dem  Tode  nahe.  Der  Druck 
\wurde  entfernt,  es  kam  zu  sich  mit  einer  convulsivischen  Inspi- 
ration, lag  auf  der  Seite,  machte  heftige  zuckcndc  Anstrcngungcn, 
athmetc  schwer,  das  Herz  schlug  stark.  Nach  zwei  Stunden 
batte  es  sich  erholt,  nur  war  die  Respiration  noch  miihsam.  Die 


568 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 


Wirbelarterien  wurden  zum  zvveitonmal  comprimirt.  Der  Athem 
stockte:  darauf  Convulsionen,  Aulhoren  der  Bewegungen,  und 
scheinbarer  Tod.  Losgelasscn  kam  es  mit  einer  lauten  Inspira- 
tion wieder  zu  sich,  athmete  aber  noch  sehr  schwer.  Nach  vier 
Stunden  ging  es  herum  und  frass  einige  Blatter.  Fiinf  Stunden 
darauf  wurden  die  Vertebrales  zum  drittenmale  comprimirt,  mit 
demselben  Erfolge.  Nach  sieben  Stunden  putzte  es  schon  das 
Gesicht  mit  den  Pfoten.  Nach  Yerlauf  von  neun  Stunden  com- 
primirte  man  die  Yertebralarterien  zum  viertenmal,  und  die  \Vir- 
kung  war  dieselbe.  Dreizehn  Stunden  darauf  war  es  schon 
wieder  lebhaft.  Nach  24  Stunden  Wiederholung  des  Versuches: 
Hemmung  des  Athems,  Convulsionen,  Bewusstlosigkeit:  nach  Weg- 
nahme  des  Druckes,  heftige,  erschwerte  Respiration,  und  nachher 
sehr  schnelle  Athemziige.  Nach  48  Stunden  wurde  zum  sechsten 
Male  die  Compression  vorgenommen,  und  die  Erscheinungen  wa- 
ren  dieselben.  So  scheint  also  nach  Unterbindung  der  Carotiden 
ein  einfacher  Druck  auf  die  Vertebral arterien  hinreichend  zu  sein 
um  die  Thatigkeiten  des  Gehirns  vollstandig  zu  hemmen,  und, 
setzen  wir  hinzu,  die  motorische  Kraft  des  Riickenmarks  frei  zu 
machen.  Der  Versuch  wurde  nun  umgekehrt,  und  die  Ligatur 
zuerst  um  die  Wirbelarterien  gelegt.  Der  Athem  wurde  augen- 
blicklich  erschwert,  das  rechte  Ohr  hing  herab,  und  das  rechte 
Vorderbein  war  zum  Theil  gelahmt.  Eine  Stunde  darauf  wollte 
sich  das  Thier  noch  nicht  bewegen:  der  Athem  war  langsam  und 
miihsam,  das  rechte  Vorderbein  beinah  wieder  beweglich.  Die 
Empfindung  war  unverletzt,  allein  beim  Vorhalten  des  Futters 
roch  es  nur  daran,  mochte  aber  nicht  davon  essen.  Nach  drei 
Stunden  gab  man  ihm  etwas  Kraut  in  das  Maul,  welches  es  frass. 
Nach  funf  Stunden  lief  es  herum,  das  Ohr  hing  noch  herunter. 
Am  folgenden  Tage  war  der  Athem  langsam,  und  das  Thier  be- 
taubt.  Die  Carotiden  wurden  comprimirt,  der  Larynx  frGigc- 
lassen.  Es  fiel  auf  die  Seite,  verlor  Gefiihl  und  Bewusstsein, 
und  die  Augen  wurden  riickwarts  gezogen.  Sobald  der  Druck 


EPILEPTISCHE  ZUSTAEJNDE. 


596 


aufhbrte,  kam  es  wieder  zu  sich.  Am  zweiten  Tage  war  die 
Respiration  beschleunigt,  das  Ohr  stand  wieder  in  die  Hohe,  es 
sass  auf,  und  bewegte  sich.  Zum  zweitenmal  wurden  die  Caro- 
tiden  comprimirt,  es  verkebrte  die  Augen  nach  hinten,  und  ver- 
fiel  in  Convulsionen.  Am  dritten  Tage  war  der  Athem  auf  150 
Ziige  beschleunigt.  Der  Versuch  wurde  mit  demselben  Erfolge 
wiederholt.  Am  vierten  Tage  nahm  die  Betaubung  sehr  zu,  und 
am  funften  wurde  es  todt  gefunden.  Am  Halse  fanden  sich  in 
der  Umgegend  der  Ligaturen  Abscesse:  die  Carotiden  waren  er- 
weitert,  die  Vertebralarterien  fest  zugeschniirt.  Die  Injections- 
masse  war  durck  die  Carotiden  in’s  Gehirn  gedrungen,  allein  die 
Art.  basilaris  war  leer.  — Auf  Unterbindung  beider  Carotiden 
und  beider  Vertebralarterien  folgt  der  Tod  unter  13 — 14  con- 
vulsivischen  Zusammenziehungen  des  Zwerchfells  und  Zuckungen 
der  Hinterbeine.  Werden  mit  beiden  Daumen  die  Arterien  bloss 
comprimirt,  bei  unbetheiligter  Trachea,  so  hort  das  Athmen  in 
ein  Paar  Secunden  auf,  das  Thier  macht  einige  Bewegungen,  und 
scheint  dann  todt  zu  sein.  Wird  der  Druck  aufgehoben,  so  bleibt 
die  Respiration  noch  gehemmt,  allein  bei  kunstlichem  Heben  und 
Senken  der  Rippen  schnappt  das  Thier,  holt  schnell  Athem,  und 
kommt  wieder  zu  sich.“  — 

Der  neuropathische  Process  der  Epilepsie  erscliopft  sich  in  ei- 
nem  Anfalle,  oder  setzt  das  Bediirfniss  periodischer  Wiederholung. 
Die  dadurch  bedingte  Verschiedenheit  der  Erscheinungen  wird 
mit  dem  Namen  Eclampsia  und  Epilepsia  bezeichnet. 

Eclampsia. 

Criterium:  Anfall  von  Convulsionen  mit  Bewusstlosigkeit 
und  Unempfindlichkeit,  nach  dessen  Aufhoren  das  Befinden  der 
Norm  des  Individuums  entspricht. 

Kindliches  Alter  und  weibliches  Geschlecht,  zumal  im  Zustande 
der  Graviditiit  disponiren.  Die  haufigsten  Anlassfe  sind  Vergif- 


570  CEREBRALS  KRAEMPFE. 

tung,  Entbindung,  jahe  Reizung  sensibler  Theile,  Inanition  dutch 
Safteverlust. 

Eclampsia  toxica. 

(Vgl.  Wepfer  historia  cicutae  aquaticae.  Basil.  1716.  und  Chri- 
stison  a treatise  on  poisons.  3.  edit.  Edinburgh  1836.  p.  617  etc.) 
Unter  den  narcotischen  Stoffen  sind  es  vorzuglich  Oenanthe  cro- 
cata  (I.  c.  p.  781),  Conium  maculatura,  Cicuta  aquatica,  seltner 
kohlensaures  Gas  und  Blausiiure,  welche  epileptische  Zufalle  bei 
dem  Menschen  hervorbringen.  Auch  Blutvergiftung  hat  sie  zu- 
weilen  zur  Folge,  mag  sie  durch  Contagien,  z.  B.  Pocken,  Schar- 
lach  im  Eruptionsstadium,  oder  durch  Retention  auszuscheidender 
Stoffe  zu  Stande  kommen,  wie  es  bei  Harnverhaltung  und  Nie- 
renkrankheiten  der  Fall  ist  (Acldison  on  the  disorders  of  the 
brain  connected  with  diseased  kidneys  in  Guy’s  Hospital  reports 
vol.  IV.  p.  1 — 7). 

Eclampsia  parturientiuin. 

Wie  mit  einem  Schlage  brechen  Convulsionen  aus,  geht  das 
, Bewusstsein  verloren.  Gesicht  und  Hals  treiben  auf,  rothen  sich, 
werden  livide.  Die  Carotiden  und  Temporalarterien  pulsiren  hef- 
tig,  die  Jugularvenen  schwellen.  Die  Augenlider  sind  weit  offen, 
die  Augapfel  stehen  in  die  Hohe  oder  glotzen  starr,  mit  injicir- 
ten  Gefassen,  oder  rollen  unter  den  geschlossenen  Augeqlidern 
hin  und  her.  Die  Zunge  hangt  hervor,  wird  von  den  knirschen- 
den  Ziihnen  gebissen,  schwillt  auf,  lasst  blutigen  Schaum  hervor- 
quellen.  Die  Gesichtsmuskeln  zucken,  die  Glieder  krtimmen  sich, 
strecken  sich,  ziehen  sich  blitzesschnell  wieder  zusammen.  Der 
ganze  Rumpf  ist  bald  starr,  unbeweglich,  nach  hinten,  zur  Seite 
gekrummt,  0(ler  wird  von  den  heftigsten  Zuckungen  und  Erschiit- 
terungen  hin-  und  hergeschleudert,  kann  kaum  gehalten  werden. 
Die  Athemmuskeln,  zumal  das  Zwerchfell,  nehmen  Theil:  es  droht 
Erstickungsgefahr.  Erbrechen  gesellt  sich  hinzu,  Excremente  und 


EPILEPTISCHE  ZUSTAENDE. 


571 


und  Harn  entweichen.  Die  Temperatur  ist  erhoht,  das  Gesicht 
trieft  von  Schweiss.  Der  Puls  ist  selir  frequent,  voll,  stark  oder 
klein,  hart.  Der  Bauch  ist  aufgetrieben.  Der  Uterus  hart,  und 
diese  Harte  nimmt  zu,  so  oft  die  Convulsionen  mit  erneuerter 
Heftigkeit  eintreten.  Das  Orificium  uteri  ist  geschlossen  oder 
unbedeutend  geoffnet. 

Die  Dauer  eines  solchen  Anfalls  ist  selten  kiirzer  als  funf  Mi- 
nuten,  fast  immer  langer,  eine  viertel,  halbe  Stunde,  oft  auf 
mehrere  Stunden,  zuweilen  selbst  auf  vier  und  zwanzig  ausge- 
dehnt,  wobei  die  Zuckungen  nachlassen,  clann  wieder  zunehmen, 
oder  mit  apoplectischem  Zustande  abwechseln,  oder  sich  mit 
demselben  verbinden.  Endet  der  erste  Ausbruch  nicht  todtlich, 
'So  erfolgt  eine  Remission.  Das  Bewusstsein  kehrt  allmahlich  zu- 
! ruck , doch  entsinnt  sich  die  Kranke  gewohnlich  nicht  des  Vor- 
Lgefallenen,  selbst  nicht  der  Entbindung,  wenn  sie  wiihrend  der 
lEntbindung  stattgefunden  hat.  Der  Puls  bleibt  beschleunigt,  ein- 
zelne  Muskelgruppen  oscilliren  noch,  der  Kopf  ist  wiist,  schmerzt, 
der  Unterleib  ist  empfmdlich,  grosse  Erschopfung  macht  sich 
.geltend  — dann  fangen  die  Augenlider  wieder  an  zu  zucken, 
die  Lippen  beben,  das  Gesicht  rothet  sich,  der  Kopf  wird  ruck- 
vvvarts  gezogen,  bin  und  hergeworfen  — es  erfolgt  ein  neuer 
it  Ausbruch,  gewohnlich  mit  vermehrter  Intensitat,  und  so  kbnnen 
|i  s selbst  uber  zwolf  Anfalle  sich  an  einem  Tage  wiederholen,  ob- 
igleich  mehrentheils  mit  dem  zweiten  oder  dritten  Genesung  oder 
irod  erfolgt. 

Vorboten  zeigen  sich  seltener  als  jaher  Ausbruch.  Es  sind: 
IKopfschmerz,  Flimmern  vor  den  Augen,  Erbrechen,  Gahnen, 
< Grefuhl  von  Druck  und  Schmerz  in  der  epigastrischen  und  hypo- 
i .^astrischen  Gegend,  Erstarrung  einzelner  Gliednr. 

Die  bisher  mitgetheilten  Leichenbefunde  sind  wegen  feh- 
: l ender  Untersuchung  des  Riickenmarkes  unvollstandig.  In  der 
'Schiidelhohle  findct  sich  gewohnlich  starke  Blutanfullung,  dichtere 
'Consistenz  der  Ilirnsubstanz , seros-albuminose  und  blutige  Extra- 


572 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 


vasate  zwischen  den  Membranen  und  in  den  Ventrikeln,  die  letztc- 
ren  besonders  in  den  Fallen,  wo  apoplectische  Zulalle,  tiefer  Sopor, 
schnarchender  Athem  etc.  mit  den  convulsivischen  yerbunden  sind 
(vgl.  Hciuck:  Einig.  a.  d.  Gebiete  d.  prakt.  Geburtsh.  in  Casper’s 
Wochenschr.  der  gesammten  Heilkunde.  1833.  1.  Th.  S.  188  etc., 
und  Velpeau  die  Convulsionen  der  Schwangerschaft  wiihrend  und 
nach  der  Entbindung.  Uebers.  von  Bluff.  Koln  1835.  S.  86.). 
So  land  ich  ein  kleines  Blutcoagulum  auf  der  Basis  des  vorderen 
Hirnlappens  der  linken  Hemisphiire  bei  einer  im  achten  Monate 
mit  dem  dritten  Kinde  schwangeren  Frau  von  neun  und  zwanzig 
Jahren,  welche  in  der  Nacht  plotzlich  von  heftigem  Kopfschmerz, 
Bewusstlosigkeit,  Convulsionen  befallen,  binnen  zwolf  Stunden  starb. 
Die  Gebarmutter  ist  gewohnlich  von  normaler  Beschaffenheit. 

Zur  Zeit  bevorstehender  Entbindung  und  in  den  beiden  letz- 
ten  Monaten  der  Schwangerschaft  befallt  die  Eclampsie  am  hau- 
figsten , seltener  nach  der  Entbindung  und  am  seltensten  vor  dem 
sechsten  Monate  der  Graviditat,  wo  man  gewohnlich  hysterische 
Paroxysmen  damit  verwechselt  hat.  Erstgebarende  sind  mehr  dis- 
ponirt,  als  solche,  die  schon  wiederholte  Schwangerschaften  und 
Entbindungen  iiberstanden  haben.  So  waren  unter  acht  und  vier- 
zig  Kranken,  welche  Merriman  beobachtet  hat,  sechs  und  dreis- 
sig  primiparae:  zehn  von  Champion  Behandelte  waren  ebenfalls 
Erstgebarende  ( Velpeau  1.  c.  S.  17.).  Doch  kann  auch  die  Eclam- 
psie in  der  zweiten,  dritten  oder  spiiteren  Schwangerschaft  ein- 
treten:  Dumont  erwahnt  einer  Frau,  die  in  ilirer  elften  Schwan- 
gerschaft  zum  erstenmale  davon  befallen  wurde  (1.  c.  S.  57.). 
Nach  Hamilton  soli  Zwillingsschwangerschaft  ein  disponirendes 
Moment  sein:  nach  Anderen  Graviditat  im  vorgeriickten  Lebensal- 
ter.  Plethorische,  woblgenahrte,  robuste  Korper  disponiren,  und 
nach  Osiander,  Hamilton  u.  A.  Oedem  und  Anasarca.  Unter  den 
gelegentlichen  Ursachen  sind  Gemiithsaffecte,  besonders  Schreck 
und  Aerger,  die  haufigsten.  Demnachst  gastrische  Reize,  Uebcr- 
ladungen  des  Magens,  verhinderte  Ilarnentleerung  durch  Druck 


EPILEPTISCHE  ZUSTAENDE. 


573 


ties  schwangeren  Uterus  auf  die  Urinblase,  ortliche  Hinder- 
nisse  in  den  Genitalien,  in  deren  Folge  die  erschwerte  Ent- 
bindung  nur  durch  Kunst  beendigt  werden  kann,  starke  Hamorr- 
hagieen,  Zuriickbleiben  der  Placenta.  — Allein  trotz  des  haufigen 
Vorkommens  und  Einwirkens  der  genannten  Ursachen  gehort 
diese  Eclampsie  zu  den  seltenen  Krankheiten.  So  hat  sie  mein 
Freund,  der  vielbeschaftigte  Accouchor  Hr.  Sanit.  R.  Dr.  Mayer , 
in  funfzehn  Jahren  unter  2500  Geburten  nur  fiinf  Mai  beobach- 
tet,  die  beruhmte  Hebamme  Lachapelle  in  Paris  unter  38000  Ent- 
bindungen  68  Mai.  Anderen  ist  sie  haufiger  vorgekommen,  z.  B. 
Merriman  unter  2000  Geburten  48  Mai. 

Die  Gefahr  bedroht  zwei  Individuen,  Mutter  und  Kind. 
Ueber  die  Halfte  der  befallenen  Frauen  stirbt  binnen  12 — 24 — 36 
Stunden.  In  den  letzten  Monaten  der  Schwangerschaft  ist  die 
Gefahr  grosser,  als  wahrend  und  nach  der  Entbindung.  Die  mit 
tiefem  Sopor  und  schnarchendem  Athem  verbundene  oder  ab- 
wechselnde  Eclampsie  ist  in  der  Regel  lethal.  Vollblutige,  ro- 
buste  Frauen  sind  mehr  gefahrdet,  als  hysterische  und  epilepti— 
sche.  Wo  die  Intervalle  sehr  kurz  sind  oder  unmerklich  wer- 
den, droht  der  Tod.  Uebergang  in  andere  Krankheiten  ist  sehr 
selten.  Nur  in  einzdnen  Fallen  bildete  sich  Metritis  und  Perito- 
nitis aus,  und  blieben  in  Folge  von  Hamorrhagie  partielle  Lah- 
mungen  zuriick.  ( Velpeau  1.  c.  S.  80.).  Bei  giinstigem  Ausgange 
kehrt  die  voile  Gesundheit  des  Individuums  zuriick.  — Fur  das 
Kind  ist  die  Prognose  noch  schlimmer,  als  fur  die  Mutter:  bei 
Eclampsie  in  den  letzten  Monaten  der  Schwangerschaft  stirbt  es 
gewohnlich,  bei  Eclampsie  wahrend  der  Entbindung  wird  es  zu- 
weilen  am  Leben  erhalten. 

In  der  Behandlung  stimmen  die  Erfahrensten  in  dem  Lobe 
starker,  wiederholter  Aderliisse  iiberein.  Die  englisch-amerika- 
nische  Schule,  die  so  dreist  das  Mass  iiberschreitet,  hat  auch  in 
dieser  Krankheit  einen  Beweis  gegeben , welche  ungeheure  Blut- 
entleerungen  der  weibliche  Organismus  ertragen  kann.  Dewees 


574 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 


(compcnd.  of  midwifery,  p.  502 — 505)  spricht  von  einer  Kran- 
ken,  die  in  sieben  Aderlassen  97  Unzen  Blut  verlor,  und  von  ei- 
ner anderen,  die  nach  der  Entziehung  von  120  Unzen  in  der  er- 
sten  Stunde  und  140  Unzen  in  den  folgenden  Stunden  genas. 
Die  Armvenen  sind  den  Fussvenen  vorzuziehen,  da  sich  aus 
diesen  die  erforderliche  Quantitat  Blut  schwieriger  und  sel- 
ten  rasch  genug  entleeren  lasst.  Zunachst  muss  die  Entbindung, 
auf  welche  Weise  es  auch  sei,  gefordert  werden.  Unsere  Auf- 
gabe  ist  es,  die  Mutter  zu  retten,  und  wir  konnen  dieses  mit  ru- 
higerem  Gewissen,  weil  das  Kind  in  der  Regel  schon  todt  ist 
oder  stirbt.  In  der  Schwangerschaft  ist  *das  Accouchement  forcd, 
in  dem  Gebaract  sind  die  Zange,  die  Wendung  und  alle  jene  in 
der  Geburtshulfe  fur  diesen  Zweck  bestimmten  Operationen  indi- 
cirt.  Welche  es  aber  auch  sei,  gesaumt  darf  nicht  damit,  noch  die 
Zeit  mit  dem  Gebrauche  unwirksamer  Mittel  vergeudet  werden. 
Freilich  werden  nicht  alle  gerettet,  es  stirht  die  Halfte,  doch 
der  Trost  hleibt,  dass  in  den  Fallen,  wo  sie  gerettet  wurden, 
es  lediglich  durch  die  beschleunigte  Entbindung  geschah.  Cliaus- 
sier  (considerations  sur  les  convulsions  qui  attaquent  les  femmes 
enceintes..  Paris  1823.)  empfiehlt  zwar  statt  derselben  ein  Un- 
guent. Belladonnae  (aus  2 3 extr.  Bellad.  mit  eben  so  viel  Was- 
ser  verdiinnt  und  mit  einer  Unze  Axungia  triturirt),  welches  mit- 
telst  einer  eigenen  Spritze  an  das  Orificium  uteri  gebracht  wird 
und  dasselbe  binnen  einer  halben  Stunde  erschlaffen  soli,  allein 
Andere  ( Velpeau  1.  c.  S.  94.)  haben  diesen  Nutzen  nicht  bestiitigt. 

Nach  der  Entbindung  und  den  vorangegangenen  Blutentlee- 
rung  versiiume  man  nicht,  auch  wenn  die  Convulsioncn  aufgehort 
haben,  eine  Dosis  Opium  zur  Beruhigung  des  Centralapparates  zu 
geben.  Dauert  trotz  dieser  Mittel  die  Eclampsie  fort,  so  ver- 
suche  man  starke  Ableitungen  (zumal  den  heissen  Hammer  in  den 
Nacken),  ortliche  Blutenziehungcn,  die  Kalte  in  Umschliigen  und 
Begiessungen  des  Kopfcs,  wahrend  Bauch  und  Beine  warm  fo- 
mentirt  werden,  kraftige  Clysmata  aus  01.  tereb.  acth.,  Asa  foe- 


EPILEPTISCHE  ZUSTAENDE. 


575 


tida  etc.,  allein  selteri  wird  es  mit  Erfolg  geschehen,  zumal  wenn 
die  Entbindung,  natiirliche  oder  kiinstliche,  keinen  Nacldass  be- 
wirkt  hat.  Denman  empfiehlt  das  Bespritzen  des  Gesichtes  mit 
kaltem  Wasser,  wovon  er  in  mehreren  Fallen  guten  Erfolg  ge- 
sehen  hat.  Bei  einer  Kranken,  die  bereits  zu  Ader  gelassen  und 
andere  Mittel  gebrancht  hatte,  nahm  er  ein  Becken  mit  kaltem 
Wasser  vor  sich,  und  spritzte  mit  einem  Federbiischel,  so  oft  die 
Convulsionen  drohten,  kaltes  Wasser  in’s  Gesicht.  Jedesmal  wur- 
den  die  Krampfe  verhutet,  nur  einmal  brachen  sie  heftig  aus, 
als  das  Anspritzen  versaumt  wurde.  Die  Entbindung  von  einem 
lebenden  Kinde  erfolgte  funfzehn  Stunden  darauf  (. Marshall  Hall 
on  the  diseases  and  derangements  of  the  nervous  system,  p.  331.). 

Die  Cansalindication  lasst  sich  selten  erfullen,  ausser  bei  ga- 
strischen  Reizen,  wo  von  Mehreren  d^r  Gebrauch  eines  starken 
Emeticum  empfohlen  wird,  und  bei  Metrorrhagieen  nach  der 
Entbindung,  wo  Hemmung  des  Blutflusses  die  nachste  Pflicht  ist, 
und  allgemeine  Blutentleerungen  nur  selten  in  Gebrauch  gezogen 
werden  konnen. 

Eclampsia  puerornm. 

Niclit  selten  melden  sich  Yorboten,  ein  Paar  Tage  oder  kiir-< 
zere  Zeit  vorher.  Die  haufigsten  sind:  Unmuth,  Verlust  des  kind- 
lichen  Frohsinns,  unruhiger  Schlaf  von  kurzer  Dauer  mit  Auf- 
schrecken,  Hasenauge,  sardonischem  Lacheln,  Beben  und  Zusam- 
menfahren  bei  Beruhrung  des  Korpers  oder  bei  Sinneseindriicken, 
Kopfschmerz,  wechselnde  Rothe  und  Blasse  des  Gesichts,  stiere 
Blick  oder  Rollen  der  Augen.  Jedoch  auch  ohne  alle  Prodro- 
malzufalle  bricht  der  Anfall  jahe  aus,  oft  mit  einem  Schrei.  Die 
1 Gesichtsmuskeln  zucken,  der  Rumpf  ist  starr,  unbeweglich,  kurz 
darauf  wieder  in  zuckender  Bewegung,  Kopf  und  Nacken  ziehen 
sich  riickwarts,  die  Glieder  strecken,  beugen  sich  gewaltsam,  die 
IBeine  werden  gegen  den  Leib  gezogen.  Zuweilen  sind  die  Zuk- 
kungen  nur  auf  einzelne  Muskeln,  oder  in  selteneren  Fallen  auf 
cine  Seite  beschrankt,  oder  sie  gehen  von  den  Bauchmuskeln  aus, 


576 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 


und  steigen  aufwiirts.  Dabei  ist  wcder  Bewusstsein,  nodi  Em- 
pfindung  vorhanden.  Das  stiere  Auge  sieht  nicht,  beim  Voruber- 
fahren  des  Fingers  kein  Blinzeln,  die  Pupille  unbeweglich,  erwei- 
tert  oder  contrahirt,  das  Ohr  unempfindlich  gegen  lauten  Schall. 
Der  Puls  ist  klein,  sehr  frequent,  olt  unzablbar,  dcr  Athem  stiir- 
misch,  die  Temperatur  erhoht. 

Nachdem  der  Anfall  eine  viertel,  lialbe  Stunde  und  daruber 
gedauert,  lassen  die  Zuckungen  allmahlich  nach,  seltener  plotz- 
lich.  Die  Gesichtsmuskeln,  die  Muskeln  der  Extremitaten  vibri- 
ren  von  Zeit  zu  Zeit,  wahrend  der  physiognomische  Ausdruck  die 
Riickkehr  der  Perception  andeutet.  Das  Rind  liegt  erschopft  da, 
verfallt  oft  in  einen  Schlaf,  der  entvveder  tiefer  oder  loser  als  im 
gesunden  Zustande  ist.  Die  Excretionen  sind  meistens  abnorm, 
zumal  die  intestinalen.  Dunne,  griinlich  - gelbe  Excremente  Yon 
stinkendem  oder  sehr  saurem  Gerucke  gehen  spontan  oder  auf 
den  Gebrauch  ausleerender  Mittel,  ofters  unter  schmerzhaften  Em- 
pfindungen  ab.  — Gewohnlich  folgen  mehrere  Anfalle  auf  einan- 
der:  bei  einem  meiner  Kinder  kehrten  sie  eine  Nacht  hindurch 
alle  halbe  Stunden  punktlich  mit  dem  Glockenschlage  wieder. 
Je  haufiger  sie  kommen,  urn  so  heftiger  werden  sie,  lassen  fast 
kein  Intervall  mehr,  und  enden  alsdann  kaufig  mit  dem  Tode; 
je  seltener,  um  so  deutlicher  das  Intervall,  um  so  sicherer  und 
schneller  die  Ruckkehr  zur  Gesundheit,  so  dass  man  das  Rind 
schon  wieder  spielend  findet,  welches  ein  Paar  Stunden  zuvor 
dem  Tode  verfallen  zu  sein  schien.  Zuweilen  haben  sie  auch, 
zumal  in  der  Dentition,  einen  regelmassig  periodischen  Verlauf, 
und  erscheinen  nacb  dem  Quotidian-,  seltner  nach  dem  Tertiantypus. 

Ein  bestimmtes  Lebensalter  disponirt,  von  der  Geburt  bis  zum 
siebenten  Jabre,  vorzugsweise  die  erste  Dentitionsperiode.  Ange- 
borene  Anlage  ist  unleugbar:  in  einzelnen  Familien  werden  fast 
alle  Kinder  von  Eclampsie  befallen.  Vollsaftige,  beleibte  Kinder 
sind  der  Krankheit  haufiger  ausgesetzt,  als  magere,  bleiche,  ca- 
chectische.  Gelegentliche  Ursachen  sind:  der  Reiz  durchbrechen- 


EPILEPTISCHE  ZUSTAENDE. 


577 


der  Z aline , die  Nahrung  des  Kindes,  bei  Sauglingen  die  durcli 
(GemuthsafFecte,  Leidenschaften  und  andere  Anlasse  veriinderte 
Muttermilch , bei  alteren  Kindern  der  friihzeitige  Genuss  reizen- 
der  spiritudser  Dinge,  der  Missbrauch  narcotischer  Medicamente, 
in  unserer  Zeit  seltener  als  in  friiherer.  Intestinalreize,  entwe- 
der  Eeberladung  des  Magens  mit  schwerverdaulichen  Stoffen  oder 
Wurmreiz,  in  den  beiden  ersten  Jahren  seltener,  als  in  den  fol- 
.genden,  oder  verschluckte  fremde  Korper,  wovon  ich  unlangst 
ain  Beispiel  bei  einem  dreijahrigen  Kinde  gesehen,  das  wahrend 
des  Spiels  mit  seinen  Geschwistern  plotzlich  von  heftiger  Eclam- 
1 asie  befallen  wurde,  die  eine  halbe  Stunde  anhielt.  Nachdem  es 
wieder  zu  sicli  gekommen,  entleerte  es  nach  einer  Dosis  Rici— 
:nusol  eine  der  zum  Spielzeuge  dienenden  Thonkugeln,  welche  es 
:uvor  in  den  Mund  gesteckt  und  heruntergeschluckt  batte.  Aehn- 
i ich  wirkt  manchmal  bei  Erwachsenen  der  Durchgang  von  Gal- 
en- und  Nierensteinen.  Eindruck  starker  Kiilte  und  Hitze  wird 
:uweilen  Anlass,  so  wie  auch  GemuthsafFecte,  die  bei  Kindern 
)ft  iibersehen  werden,  nicht  bloss  Schreck,  Zorn,  Furcht,  son- 
lern  auch  Eifersucht,  Neid,  Gram.  (Vgl.  Corvisart  in  seiner  Ue- 
wers.  von  Auenbruggers  Werk:  nouvelle  methode  pour  recon- 
naitre  les  maladies  internes  de  la  poitrine.  Paris  1808.  p.  178., 
und^  Bracket  memoire  sur  les  causes  des  convulsions  chez  les  en- 
ans.  Paris  1824.  p.  104.).  Metastatische  Vorgange  und  Kopf- 
erletzungen  sind  selten  von  atiologischem  Einflusse. 

Der  todtliche  Ausgang  erfolgt  meistens  apoplectisch,  in  wel- 
hem  Falle  sich  nach  dem  Tode  starke  Turgescenz  der  Hirnmasse 
md  Ueberfullung  mit  Blut  vorfindet,  seltener  hydrocephalisch. 
)ie  Genesung  wird  durch  die  Hirncrisis,  durcli  Schlaf  eingeleitet, 
(uweilen  auch  durch  Darmausleerungen. 

In  der  Behandlung  verhutet  die  richtige  Unterscheidung  der 
eclampsia  puerorum  von  den  entzundlichen  HirnafFectionen  oft  ge- 

Eliiane  FehlgrifFe:  denn  in  unseren  Tagen  ist  Hirnentzundung 
4ollectiYnamenr  wie  es  fr'uher  der  Namen  Kr ample  war.  Mit  Ilin- 


578 


CEREBIIALE  KRAEMPFE. 


weisung  auf  die  ausfuhrlichere  Scliilderung  der  Hirnentziindung 
(S.  die  Krankheiten  des  Bildungslebens  der  Nervenapparate  in 
der  V.  Abtheilung)  deute  ich  hier  nur  die  beiden  Ilauptformcn 
an,  die  sicli  an  karakteristischen  Merkmalcn  erkennen  lassen. 
Bei  der  eincn,  von  vorn  herein  stiirmische  Storung  der  Hirnfun- 
ction:  Schmerz,  Convulsionen,  Delirien  auf  soporosem  Grunde, 
der  nicht  selten  starker  hervortritt,  und  dem  Bilde  der  Krankheit 
apoplectische  Zuge  einmischt.  In  der  anderen,  allmahliche  Ent- 
wickelung  und  Progression;  einzelne  Spharen  der  Hirnthatigkeit 
leiden  zuerst:  es  beginnt  mit  Schmerz,  oder  mit  Convulsion,  oder 
mit  Lahmung,  auf  einzelne  Theile  beschriinkt:  dann  gesellt  sicli 
Storung  des  psychischen  Antheils  hinzu,  die  Combination  der 
Symptome  wird  grosser  und  mannigfaltiger:  es  endet  mit  Sopor. 
(Vgl.  meine  diagnostische  und  therapeutische  Bemerkungen  uber 
Hirnentziindung  im  kindlicben  Alter  in  der  Wochenschrift  fiir  die 
gesammte  Heilkunde  1834.  S.  473  etc.).  Freie  Intervalle,  wie 
bei  der  Eclampsie,  sind  nicht  gegeben,  ein  stetiges  Fortschrei- 
ten  macht  sicli  geltend,  und  selbst  wo  man  der  Krankheit  Herr 
wird,  findet'  kein  jaher  Abbruch,  kein  rascher  Uebergang  in  Ge- 
sundheit  statt. 

Die  causale  Indication  zu  erfiillen,  beachte  man  vor  Allem  den 
Antheil,  welchen  das  Blut  nimmt.  Bei  zuvor  gesunden,  rojiu- 
sten,  vollbliitigen  Kindern,  in  der  Dentitionsperiode,  im  Verlaufe 
acuter  Exantheme,  sind  Blutentziehungen  an  ihrer  Stelle,  bei  jun- 
geren  ortliche,  bei  alteren  allgemeine.  Doch  auch  der  entgegen- 
gesetzte  Zustand,  Anamie,  kann  stattfmden,  nach  profusem  Siifte- 
verlust,  bei  atrophischen  Kindern,  wo  dann  excitirende  Mittel  ihre 
Anwendung  linden.  Nicht  minder  wichtig  ist  die  Riicksicht  auf 
die  gastrischen  Anlasse.  Bei  Ueberladungen  des  Magens,  Inge- 
stion schiidlicher  StolTe  etc.  ist  das  Emeticum  dringend  erfordcr- 
lich,  von  dessen  Gebrauch  man  sich  nicht  durch  Scheingefahr 
einer  moglichen  Congestion  nach  dem  Gehirne  abhalten  lassen 
darl.  Darmausleerungcn  sind  scliou  als  Ableitung  von  Nutzen: 


epileptische  zustaende. 


579 


Calomel,  01.  Ricini  eignen  sich  am  besten,  in  Verbindung  mit 
Clystireu  aus  kaltem  Wasser  und  Essig  etc.  Allein  nicht  selten 
macht  die  Gcwalt  der  Kriimpfe,  die  Yerhinderung  des  Schluckens 
es  unmoglich  der  Causalindication  zu  geniigen:  es  bedarf  eines 
machtigen  Eindruckes,  um  die  Unterbrechung  der  Hirnenergieen 
aufzuheben,  und  keinen  kenne  ich  aus  eigener  Erfahrung,  wel- 
cher  diesen  Zweck  besser  erfullte , als  kalte  Uebergiessungen  des 
Kopfes  in  warmem  Bade,  oder  wenn  dieses  nicht  schnell  zu  be- 
schafFen  ist,  auf  dem  Schoosse  der  Warterin,  indem  der  Kopf 
des  Kindes  uber  eine  leere  Wanne  gehalten  wird.  Die  Wieder- 
holung  muss  nacli  Umstiinden  stiindlich  oder  in  langeren  Interval- 
len  geschehen.  Nachdem  die  Convulsionen  nachgelassen  haben, 
wende  man  die  zuvor  erwahnten  Mittel  an,  hiite  sich  vor  Narco- 
tica,  und  lege  keinen  zu  grossen  Werth  auf  Medicamente,  die 
dem  Kufe  der  Wirksamkeit  nicht  entsprechen,  wohin  besonders 
die  Zinkpraparate  gehoren.  Nach  Aufhoren  der  Convulsionen  ist 
der  noch  einige  Zeit  fortzusetzende  Gebrauch  von  Purgantien  von 
Nutzen.  In  der  Eclampsie  mit  intermittirendem  Typus  ist  der 
' Gebrauch  des  Chinins  indicirt.  Bei  Sauglingen  muss  das  Begi- 
lmen  der  Mutter  oder  Amme,  korperliches  urtd  psychisches,  einer 
strengen  Controlle  unterworfen  werden. 

Epilepsia. 

Criterium:  Anfalle  von  Convulsionen  mit  Bewusstlosigkeit 
und  Unempfindlichkeit,  in  deren  Intervallen  der  Zustand  des  Men- 
schen  der  Norm  der  Krankheit  entspricht. 

Fur  das  Bild  der  Epilepsie  sind  demnach  die  Ziige  des  Inter- 
valls  nicht  minder  erforderlich , als  die  Ziige  des  Paroxysmus. 

Schilderung  des  Anfalls.  Es  melden  sich  oft  Vorbo- 
ten,  sensible,  motorische,  psychische:  unter  den  ersteren  am  hau- 
iligsten  Hyperasthesieen  der  Sinnesnerven,  zumal  des  Opticus  und 
Acusticus,,  selten  des  Geruchsnerven , Schwindel,  schmerzhafte, 
abnorme  EmpFindungcn  am  Kopfe  und  an  entfernten  Theilen. 
'Diese  sind  es,  wclche  man  gewohnlich  unter  dem  Namen  Aura 

Romberg’s  Jferrenkrankb.  I,  2. 


38 


580 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 


epileptica  begreift  und  als  Gefuhl  eines  kuhlen  oder  warmen  Hau- 
ches,  Luftzuges  etc,  schildert,  welches  von  den  Extremitaten  nach 
Brust  und  Hals  aufsteigt  und  am  Kopfe  angelangt,  in  den  Anfall 
iihcrgeht.  Allein  nui'  selten  entspricht  die  Aura  ihrem  Namen, 
wie  es  bereits  einer  der  genauesten  Beobachter  der  Epilepsie, 
Prichard , bemerkt  (I  have  met  with  a great  number  of  patients 
who  have  perceived  the  affection  alluded  to,  but  I never  once 
heard  it  described  in  this  way,  though  I have  been  very  minute 
in  my  inquiries,  in  dem  vortrefflichen  Werke:  a treatise  on  di- 
seases of  the  nervous  system.  London  1822.  p.  88.)  und  ich  selbst 
bei  einer  nicht  geringen  Zahl  von  Kranken  bestatigt  gefunden  habe. 
Fast  immer  ist  es  die  Empfindung  eines  reissenden,  ziehenden 
Schmerzes,  oder  der  Formication,  der  Erstarrung,  halbseitig  oder  an 
einem  Gliede  etc.,  beim  weiblichen  Geschlechte  auch  die  Em- 
pfindung  des  Globus.  Haufiger  als  die  sensible  ist  die  motori- 
sche  Aura:  Hautschauer,  Zittern,  Crampus,  Zuckung  oder  Con- 
traction der  Finger,  Zehen,  oder  einer  Hand,  eines  Fusses,  eines 
Arms , eines  Beins : bei  einem  Kranken  sah  ich  Zuckungen  in 
den  vom  Facialis  versorgten  Muskeln  des  rechten  Nasenflugels 
und  der  Oberlippe,  bei  einem  andern  Zuckungen  der  Ohren. 
Zuweilen  geht#plotzliche  Erschlaffung  und  Verlust  der  Motilitat 
voran.  Auch  statische  Zufalle  sind  beobachtet  worden,  Herum- 
drehen  im  Kreise,  Riickwartsgehen  ( Friedr . Hoffmann),  Vor- 
wartslaufen  (Jos.  Wenzel,  Beobachtungen  fiber  den  Hirnanhang 
fallsiichtiger  Personen.  S.  50.).  Psychische  Prodrome  sind  Ver- 
stimmung,  Traurigkeit,  Schlafrigkeit,  Unfahigkeit  zu  geistiger 
Anstrengung,  Gedankenflucht,  selten  ungewohnliche  Euphorie. 
Auf  die  Erscheinungen  in  der  Bildungssphare  ist  bisher  noch  we- 
nig  geachtet  worden.  Schonlein  theilte  mir  unlangst  mit,  dass 
er  bei  mehreren  Kranken,  die  Yesicatore  trugen,  kurz  vor  dem 
Anfallc  eine  Veranderung  der  Fliissigkcit  in  eine  scharfe  atzende, 
wie  in  Humboldt’s  galvanischem  Yersuche,  beobachtet  hat. 

Allein  auch  ohne  alle  Warnung  bricht  der  Anfall  plotzlich 


EPILEPTISCHE  ZUSTAE3NDE. 


581 


aus.  Der  Kranke  stiirzt,  wenn  er  steht,  hin,  entweder  auf  den 
Hinterkopf,  oder  nach  der  Seite,  oder,  was  seltener  der  Fall 
ist,  nach  vorne  iiber,  oft  mit  einem  grellen,  Menschen  und  Thiere 
entsetzenden  Schrei.  Zuckungen  befallen,  meistens  allgemeine, 
seltener  auf  einer  Seite,  oder  auf  einen  kleinen  Raum  beschrankt. 
Der  Kopf  wird  abwecbselnd  nach  beiden  Seiten,  nach  vorn  oder 
hinten  geschleudert,  die  mimischen  und  masticatorischen  Muskeln 
-sind  in  gewaltsamer  Action,  die  Stirn  zieht  sich  auf  und  ab, 
die  Augenbrauen  runzeln  und  erschlaffen,  die  Augenlider  blin- 
zeln,  schliessen  zur  Halfte , so  dass  das  Weisse  des  in  die  Hohe 
^erollten  Augapfels  sichtbar  ist,  der  Mund  verzerrt  sich , die  Ziihne 
Enirschen,  klappern,  mit  jahem  Rucke  beugen,  strecken  sich  die 
iExtremitaten,  drehen  sich  ein-,  auswiirts,  die  Finger,  besonders 
die  Daumen,  scblagen  in  die  Handflache  hinein,  die  Zehen  kriim- 
unen  sich.  Zuweilen  sind  es  Starrkrampfe : beim  Eintritte  des 
Anfalls  wird  jahlings  der  Rumpf  steif , unbiegsam , der  Kopf  starr 
i nach  einer  Seite  oder  riickwarts  gezogen,  die  Arme  und  Reine 
steif,  ausgestreckt , das  Auge  weit  geoffnet,  starrend,  die  Kie- 
ffer  an  einander  gepresst,  die  Zunge  zwischen  den  Zahnen  ein- 
.gekeilt.  Oefters  macht  die  Steifheit  der  Muskeln  den  Anfang 
und  gebt  nach  kurzer  Frist  in  Zuckkrampfe  uber.  Die  Atliem- 
bewegungen  sind  beschleunigt,  kurz,  ungleich  , mehr  oder  min- 
der erscbwert:  bei  gehemmter  Inspiration  agiren  die  exspiratori- 
'ichen  Muskeln  gewaltsain.  Der  Kranke  schreiet,  achzt,  stohnt. 
Auch  die  unter  sympathischem  Einflusse  stehenden  Muskeln  neh- 
•nen  Theil:  Excremente,  Urin,  Samen  werden  zuweilen  im  An- 
t'alle  stossweise  entleert.  Die  Herzschlage  sind  frequent,  schnell, 
jnregelmassig.  Cerebrale  Unempfmdlichkeit  gegen  Sinnes-  und 
tGiefuhlsreize  ist  stets  vorhanden,  wahrend  die  Reflexsensibilitat 
f ortdauert.  Ich  habe  mich  hiervon  uberzeugt,  indem  ich  ei- 
nem Epileptischen  im  Anfalle  einen  Federbart  zwischen  die  Au- 
tgenlider  schob,  die  sofort  stark  zusammengekniffen  wurden.  Die 
Unbeweglichkeit  der  Iris  im  Paroxysmus , mag  die  Pupille  verengt 


582 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 

oder  erweitert  sein,  ist  allgemein  angenommen:  allein  noch  hat 
man  nicht  gepriift,  ob  nicht  diese  Immobilitat  lediglich  durch  die 
Hemmnng  optischer  Empfindung  bcdingt  ist;  mir  ist  es  nach  je- 
nem  Versuchfe  sehr  wahrscheinlich , dass  die  Reflexwirkung  in 
derlris  auf  das  Einfallen  der  Warmestrahlen  des  Lichtes  (S.S.238.) 
erfolgen  wurde.  Die  Unempfindlichkeit  der  Haut  gegen  Brand  - 
und  Stichwunden  ist  bekannt,  allein  ich  habe  zn  wiederholten 
Malen  beobachtet,  dass  das  Anspritzen  kalten  Wassers  an  das 
Gesicht  im  Paroxysmus  dasselbe  Zusammenfahren  des  Korpers 
hervorbringt,  wie  bei  einem  Gesunden.  Die  respiratorische 
Schleimhaut  muss  noch  auf  Reflexaction  (Niesen  in  Folge  schar- 
fer  Diinste  in  der  Nasenhohle , Husten  auf  reizende  Diimpfe  etc.) 
naher  untersucht  werden.  Verlust  des  Bewusstseins  ist  vom  Aus- 
bruche  bis  zum  Ende  des  Anfalls  vorhanden.  Auch  in  der  vege- 
tativen  Sphare  geben  sich  Erscheinungen  kund,  welche  Folge  der 
Convulsionen  oder  der  erschwerten  Respiration  sind:  dunkle,  livide 
Rothe  des  Gesichts,  triefender  Schweiss,  Schaum  vor  dem  Munde, 
Ekchymosen  wie  in  der  Purpura,  in  der  Nahe  der  Nasenwurzel, 
der  Augenlider,  selbst  Blutungen  aus  der  Nase  und  aus  der  Bron- 
chial -Schleimhaut  (Laennec,  traite  de  l’auscultation  mediate,  4.  edit, 
par  Andral.  T.  I.  p.  309.).  Der  Schluss  des  Anfalls  wird  bei 
einigen  Kranken  eben  so  wie  der  Eintritt  durch  bestimmte  Er- 
scheinungen angekiindigt,  Erbrechen,  Borborygmi,  Aufstossen; 
bei  anderen  bricht  der  Anfall  plotzlich  ab,  indem  die  Muskeln 
mit  einem  Male  erschlaffen;  bei  noch  anderen  zeigt  sich  ein  all- 
mahlicher  Nachlass,  die  Gesichtsmuskeln  zucken  schwacher  und 
schwacher,  und  ein  tiefer  Seufzer  schliesst  die  Scene  des  Sturms 
und  Aufruhrs.  Eine  neue  beginnt  alsdann:  tiefer,  schnarchender 
Schlaf,  in  welchem  die  Unempfindlichkeit  noch  in  einigem  Grade 
fortdauert,  iiberwaltigt ? der  Puls  hebt  sich,  wird  voll,  weich, 
langsam,  der  Athem  ruhig,  die  Haut  duftend.  Der  Kranke  er- 
wacht,  ist  noch  benommen,  matt,  verstimmt,  des  vorangegan- 
genen  Anfalls  unbewusst,  erholt  sich  nach  und  nach.  Bei  man- 


EPILEPTISCHE  ZUSTAENDE. 


583 


chen  bedarf  es  jedoch  nicht  des  Schlafes  zur  Vermittelung  des  In- 
tervalls:  die  nachste  Stunde  trifft  sie  schon  wieder  in  der  ge- 
wohnten  Beschaftigung. 

Diese  Ziige  bieten  in  ihrem  Vereine,  in  ihrer  Intensitat,  und 
in  der  Combination  mit  anderen  Zustiinden  eine  grosse  Mannich- 
faltigkeit,  nicht  nur  im  Allgemeinen,  sondern  auch  bei  demsel- 
ben  Individuum  dar.  Die  erheblichste  Vers'chiedenheit  macht  sich 
zwischen  den  entwickelten  und  unentwickelten  Anfallen  geltend. 
Die  Ietzteren  zeigen  sich  entweder  nur  im  Anfang  der  Krankheit, 
und  bilden  sich  spaterhin  aus  oder  erscheinen  zwischen  den  voll- 
standigen  Paroxysmen.  Auf  kurze  Zeit,  zuweilen  nur  momen- 
tan , stellt  sich  eine  Pause  des  Bewusstseins  ein , mit  kleinen, 
krampfhaften  Erschiitterungen  oder  Steifheit  einzelner  Muskel- 
gruppen;  bei  einigen  selbst  ohne  alien  Antheil  des  motorischen 
Apparats  (vertigo  epileptica  nach  Esquirol:  des  maladies  menta- 
les.  Paris  1838.  T.  I.  p.  277,  richtiger  Eclipsis,  S.  deren  Schil— 
derung  in  der  vierten  Abtheilung.).  Zu  diesen  Abortivausbrii- 
chen  gehoren  auch  diejenigen,  worin  es  nur  bis  zur  Aura  kommt. 
Die  Intensitat  der  Paroxysmen  wechselt.  Endlich  wird  die  Suc- 
cession der  Erscheinungen  durch  die  Verbindung  mit  einer  psy- 
• chischen  Affection  modificirt.  In  die  gewohnlichen  Abschnitte 
des  Anfalls,  zwischen  dem  convulsivischen  und  soporosen,  oder 
nach  dem  Schlafe,  schiebt  sich  ein  neuer  ein,  der  sich  am  hau- 
:figsten  als  Ecstasis  oder  als  Mania  karakterisirt.  Als  Beispiel  der 
ersteren  diene  ein  von  Horn  beschriebener  merkwiirdiger  Fall 
(Archiv  fur  medic.  Erfahrung.  Jahrgang  1812.  S.  564,  fortgesetzt 
in  Fischer  diss.  inaug.  epilepsiae  ejusque  anomaliarum  nonnulla- 
irum  adumbratio  pathologica.  Berol.  1818.),  welchen  ich  selbst 
'vor  acht  und  zwanzig  Jahren  wahrend  meines  klinischen  Studiums 
iim  hiesigen  Charite-Krankenhause  gesehen  habe. 

Ein  acht  und  zwanzigjahriges  Madchen  leidet  seit  zwolf  Jahren  in 
IFolge  eines  Schreckens  an  Epilepsie,  deren  Anfalle  von  Anfang  an  mit 
einem  irren  Zustandc  verbunden  sind.  In  den  Intervallen  ist  eine 


584 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 


unvollkommene  Lahmung  der  unteren  Extremitiiten  vorhanden : 
die  Kranke  ist  unvermogend  vom  Stulile  aufzustehen , und  hal 
kaum  die  Kraft,  auf  zwei  Personcn  gestutzt  ein  Paar  Mai  auf- 
und  abzugehen,  auch  ist  sie  seit-  zwei  Jahren  von  hartniickiger 
Quartana  befallen.  Der  Anfall  selbst  giebt  sich  auf  folgende  Weise 
kund:  1)  Stadium  prodr omorum:  starkes  Ziehen  in  den  Gliedern, 
Giihnen,  tympanitische  Auftreibung  des  Bauches,  ungewohnliche 
heitere,  ausgelassene  Gemuthsstimmung.  Dauer  von  einigen  Mi- 
nuten  bis  ein  Paar  Stunden.  2)  Stadium  convulsivum.  Blinzeln 
der  Augen,  Verziehen  der  Mundwinkel , Kriimpfe  der  Hals-  und 
Nackenmuskeln,  stiirmische  Bewegungen  der  Brust,  gellendes 
Geschrei,  Ruckwartsbiegen  des  Kopfes,  Krummung  des  Rumpfes, 
plotzliches  Strecken  der  Extremitiiten , womit  dieses  Stadium  auf- 
hort.  Dauer  zehn  bis  zwolf  Minuten.  3)  Stadium  soporosum 
primum.  Die  Augen  sind  geschlossen:  man  kann  der  Kranken 
noch  so  laut  in’s  Ohr  schreien,  sie  hort  es  nicht  - — man  kann 
sie  kneifen,  stechen  — sie  fuhlt  es  nicht.  Dabei  spricht  sie  wie 
im  Traume.  Der  Athem  ist  ruhig,  gleichmassig.  Dauer  funf  bis 
zehn  Minuten.  4)  Stadium  ecstaticum.  Mit  heiterer  Miene  er- 
wacht  die  Kranke,  reibt  die  Augenlider,  halt  ihre  Personlich- 
keit  und  Lebensverhaltnisse  fur  andere,  und  bezeichnet  die  Dinge 
mit  heterogenen  Namen.  Durch  diesen  irren  Zustand,  welcher 
identisch  bleibt,  stehen  die  ecstatischen  Anfalle  mit  einander  in 
Zusammenhang,  und  wird  die  Erinnerung  fur  Alles,  was  in  dem 
letzten  vorgefallen , rege  erhalten , wenn  auch  ein  freies  Intervall 
von  mehreren  Wochen  dazwischen  ist,  so  dass  die  Kranke,  wie 
es  in  der  Ecstasis  gewohnlich  der  Fall  ist,  ein  zwiefaches  psy- 
chisches  Leben  zu  fuhren  scheint.  Auch  in  der  motorischen  und 
sensibeln  Sphare  geben  sich  alsdann  eigenthiimliche  Yeranderun- 
gen  kund.  Die  Paraplegia  incompleta  ist  verschwunden : die 
Kranke  kann  jede  Bewegung  vornehmen,  gchen,  stehen,  arbei- 
ten.  Merkwiirdig  ist  die  Erscheinung  (die  jetzt  in  der  Reflex- 
theorie  ihre  Deutung  findet),  dass  wenn  sie  sitzt  und  ihre  Fiisse 


EPILEPTISCHE  ZUSTAENDE. 


585 


den  Boden  beriihren,  ein  so  heftiges  Zittern  derselben  und  Stam- 
pfen  entsteht,  dass  der  starkste  Mann  durch  Druck  auf  die  Kniee 
diese  Tremulation  nicht  unterdrucken  kann;  schweben  dagegen 
die  Fusse,  so  findet  das  Zittern  nicht  statt.  Haut- Aniisthesie  ist 
an  der  ganzen  Oberfliiche,  das  Gesass  ausgenommen,  vorhanden  : 
selbst  das  Gliiheisen  wird  nicht  gefuhlt.  Der  Geschmack  ist  ver- 
andert : Medicamente,  deren  Bitterkeit  ihr  in  den  Zwischenzeiten 
unertraglich  ist,  sind  ihr  jetzt  angenehm  siiss.  Auch  ist  sie  nicht 
im  Stande,  entfernte  Gegenstande  zu  erkennen,  wahrend  sie  es 
in  den  Intervallen  vermag.  Die  Intermittens  pausirt.  Dieser  Zu- 
stand  halt  Stunden,  selbst  mehrere  Tage  an,  dann  be^innt  you 
Neuem  ein  Stadium  convulsivum,  oder,  was  haufiger  der  Fall  ist, 
5)  ein  zweites  Stadium  sopor osum.  Sie  verfallt  in  einen  fe- 

sten  Schlaf,  der  44 — 48  Stunden  fortdauert,  und  worin  alle  Ex- 
cretionen  suspendirt  sind.  Daraus  erwacht  sie  mit  Bewusstsein, 
klagt  uber  grosse  Ermattung,  und  kann  jetzt  wieder  nicht  gehen, 
sondern  muss  von  einem  Orte  zum  andern  gefuhrt  werden. 

Haufiger  als  der  ecstatische  gesellt  sich  ein  maniacalischer 
Zustand  zum  Anfalle,  gewohnlich  nach  dem  Abschnitte  des  Schla- 
fes,  mit  grosser  Aufregung  und  Tobsucht,  dessen  Dauer  einige 
Stunden  bis  Tage  betragt. 

Sowohl  durch  diese  Modificationen  als  an  und  fiir  sich  ist, 
auch  in  dem  individuellen  Falle,  die  Dauer  eines  epileptisclien 
Paroxysmus  sehr  verschieden,  welche  nach  dem  convulsivischen 
Stadium  gemessen  nur  auf5 — 10 — 15  Minuten  festgesetzt  zu  wer- 
den pflegt.  Allein  die  unvollstiindigen  Ausbruche  sind  oft  auf  ein 
Paar  Secunden  beschrankt,  wahrend  es  zum  Umlaufe  eines  vollstan- 
digen  Anfalles  Stunden  und  Tage  bedarf.  Auch  hat  die  Dauer  und 
Zunahme  der  Krankheit  als  Totalitat  darauf  Einfluss : im  Anfange 
sind  die  Ausbruche  moistens  kiirzer  als  im  spateren  Verlaufe, 
und  bei  steigender  Intensitat  dchnt  sich  die  Lange  der  Paroxysmen. 

Schilderung  des  Intervalls.  Die  Epilepsie  hat  wie  die 
Hysteric  nicht  bloss  in  den  Anfallcn,  sondern  auch  in  den  Zwischen- 


586 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 


zelten  ihre  Symljole,  die  um  so  deutlicher  sind,  je  Iiinger  sie  be- 
steht,  und  ein  Zeugniss  davon  geben,  dass  der  Organismus  ein 
verandertes  Sein  (welches  die  Norm  der  Krankheit  ist)  eingeht. 
Diese  Erscheinungen , deren  Kenntniss  durch  fernere  Beobach- 
tungen  nocli  zu  erganzen  ist,  geben  sich  sowohl  in  der  Nerven- 
sphiire  als  auch  in  den  andern  organischen  Apparaten  kund.  In 
der  ersteren  zeigen  sie  sich  entweder  als  Residuum  einzelner  Sym- 
ptome  des  Anfalls:  so  das  Delirium  maniacum  und  ecstaticum, 
welches  Wochen  lang  fortdauern  kann,  so  der  Trismus,  der  bei 
einer  von  mir  behandelten  Kranken  nach  dem  Anfalle  14 — 21 
Tage  unverandert  fortdauert,  oder  sie  treten  als  neue  Affection en 
auf.  Unter  diesen  sind  am  haufigsten : Aphonie,  die  Kranken  sind 
nach  dem  Stadium  soporosum,  obgleich  hei  f'reiem  Bewusstsein, 
ihrer  Stimme  beraubt,  vermogen  auf  die  Application  der  stark- 
sten  Reizmittel  keinen  Ton  hervorzubringen  und  bleiben  lautlos, 
zuweilen  mehrere  Wochen,  bis  ein  neuer  Anfall  die  Stimme 
wiedergiebt.  Marshall  Hall  (on  the  diseases  and  derangements 
of  the  nervous  system.  London  1841.  p.  327)  erwahnt  eines  Kran- 
ken, der  jedesmal  nach  dem  epileptischen  Anfalle  die  Fahigkeit 
verlor  einige  hohe  Tone  zu  singen.  Auf  ahnliche  Weise  be- 
fallt  Dysphagie,  oder  Asthma  bronchiale,  oder  Ischuria  vesicalis, 
welche  heftige  Schmerzen  verursacht,  dem  Catheter  Widerstand 
leistet,  mehrere  Tage  anhiilt,  und  zuweilen  nur  durch  den  Ein- 
tritt  eines  neuen  Paroxysmus  gehoben  wird.  Auch  Meteorismus 
mit  betrachtlicher  Auftreibung  und  Spannung  des  Bauches,  star- 
ken  Schmerzen,  Unvertraglichkeit  der  Beriihrung  und  des  Druk- 
kes  stellt  sich  nicht  selten  nach  dem  Anfalle  ein  und  kann  unter 
dem  Scheme  einer  Peritonitis  den  Unerfahrenen  tauschen.  Aus- 
ser  diesen  vorubergehenden  Affectionen  offenbart  sich  in  den  In- 
tervallen  eine  dauernde  Riickwirkung  der  Krankheit,  am  deutlich- 
sten  in  den  psychischen  Energieen.  Schwache  des  Gedachnisses, 
und  Abnahme  in  der  Scharfe  der  Vorstellungen  bei  gesteiger- 
ter  Leidenschaftlichkeit  sind  karakteristisch , und  auch  forensisch 


EPILEPTISCHE  ZUSTAENOE. 


587 


- ur  die  Wurdigung  yerbrecherischer  und  zornmuthiger  Hand- 
ungen  Epileptischer  anerkannt,  zuerst  durch  Ernst  Platner : Facta 
iolenta  epilepticorum,  quamvis  malefaciendi  et  ulciscendi  con- 
^ilio.  suscepta,  amentiae  excusatione  non  carere  in  dessen  Quae- 
^tiones  medicae  forenses.  Lipsiae  1824.  p.  40.  etc.  Ygl.  Brack 
iber  die  insana  malitia  epilepticorum  in  Rust  Magaz.  fur  die  ges. 
lieilk.  1838.  S.  1 und  Friedreich  System.  Handbuch  der  gerichtl. 
Psychol.  S.  637.).  Esquirol  bemerkt,  dass  auch  die  von  Irresein 
erschonten  Epileptischen  sehrreizbar,  launenhaft,  bizarr,  schwer 
iimganglich  sind,  und  in  ihrem  Karakter  etwas  Besonderes  haben 
I.  c.  p.  285.).  Der  Gesichtsausdruck  veriindert  sich,  wird  plump, 
ind  bietet  das  Gepriige  fruhzeitigen  Alterns  dar:  schon  Aretaeus 
)emerkt,  dass  die  Epilepsie  hasslich  macht  (edit.  Boerliaave  p.  28.). 
)ie  Ziige  werden  verzerrt:  die  Augenbrauen  bilden  einen  star- 
ueren  Bogen  als  gewohnlich,  die  Augenaxen  stehen  ungleich,  schief 
ieht  der  Kranke  gerade  aus,  so  ist  die  Cornea  zu  hoch  nach  oben 
::;erichtet,  unter  dem  oberen  Augenliede  etwas  verborgen , so  dass 
:in  grosserer  Theil  des  Weissen  im  Auge  sichtbar  ist,  die  Lip— 
>en,  die  Wangen  sind  etwas  verzogen.  Nach  Cazauvieilh  haben 
dte  Epileptische  einen  unsicheren,  schwankenden  Gang  und  steife, 
angsame  Bewegungen  (de  l’epilepsie  consideree  dans  ses  rapports 
|)'vec  1’alienation  mentale,  abgedruckt  aus  den  Archives  gener. 
1.825.  p.  66.).  Der  Sexualtrieb  ist  aufgeregt:  Epileptische  nei- 
:;en  zu  geschlechtlichen  Ausschweifungen  jeder  Art.  In  dem 
Perhalten  des  epileptischen  Organismus  gegen  Beize  der  Aussen- 
velt  und  des  inneren  Haushalts  stellt  sich  besonders  das  veriin- 
lerte  Sein  heraus,  in  einem  noch  hoheren  Grade  als  es  bei  der 
llysterie  der  Fall  ist.  Die  Toleranz  der  Heilmittel  kommt  hier 
uerst  in  Betracht:  allgemeine  Blutentleerungen  in  reichlichem 
iMaasse  und  hiiufiger  Wiederholung  werden  von  Epileptischen  nur 
elten  vertragen,  und  es  zeigt  sich  hierin  ein  betrachtlichcr  Un- 
erschied  von  apoplectischen  Zustiinden.  Die  Toleranz  der 
Wauseosa,  besonders  der  Metallkalke,  ist  gross:  Dosen  von  Zink- 


588 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 


vitriol  zu  einem  halben  bis  ganzen  Scrupel  iiach  Bright,  Baling- 
ton  u.  A.  wurden  in  anderen  Krankheiten,  ohne  Brechen  zu  er- 
regen,  nur  selten  gegeben  werdcn  konnen.  Eine  geringere  Em- 
pfanglichkeit  fur  epidemisclie  und  contagidse  Krankheiten  scheint 
bei  Epileptischen  stattzufmden : jedoch  sail  Esquirol  diese  Kran- 
ken  niclit  vom  Typhus  verschont  bleiben,  obschon  die  Mortality 
unter  ihnen  am  geringsten  war:  von  funfzig  Befallenen  waren 
nur  sehr  wenige  gestorben  (Dictionn.  des  scienc.  medic,  T.  XII. 
p.  515.),  was  auch  bereits  Greding  bei  einem  epidemischen  Ty- 
phus beobachtet  liatte  (Sammtl.  medic.  Schriften.  1.  Th.  S.  288.). 
Beachtunffswerth  ist  endlich  das  Yerbalten  anderer  accessoriscber 

O 

Krankheiten  auf  epileptischem  Boden:  im  'Allgemeinen  sind  sie 
weniger  gefahrlicb,  als  unter  anderen  Umstiinden,  was  nicht  bloss 
von  den  zuvor  erwahnten,  vom  Trismus,  Tympanites,  Ischurie 
gilt,  sondern  selbst  von  Entzimdungen,  Hamorrhagieen  etc. 

Der  Yerlauf  der  Epilepsie  ist  mehrentheils  chroniscb,  mit 
seltnerer  oder  haufigerer,  mehr  oder  minder  regelmassiger  Wie- 
derholung  der  einzelnen  Anfalle,  worauf  Alter  der  Krankheit  und 
der  Erkrankten,  Geschlecht,  gewisse  Yorgange  des  Lebens,  und 
gelegentliche  Anlasse  Einfluss  baben.  Im  Anfange  der  Krankheit 
liegen  niclit  selten  die  Paroxysmen  wreit  auseinander,  balbe  und 
ganze  Jahre  lang,  was  in  prognostischer  und  therapeutischer  Be- 
ziehung  wohl  zu  beachten  ist.  Bei  jugendlichen  Individuen,  im 
Alter  des  Wachsthums,  riicken  die  Anfalle  niiher  an  einander. 
Beim  weiblichen  Geschlechte  ist  xon  den  Sexualvorgangen  der  ty- 
pische  Eintritt  der  Anfalle  oft  abhiingig:  der  Cyclus  ist  iiber- 
liaupt  der  monatlicbe,  oder  die  Paroxysmen  werden  zur  Zeit  der 
Catamenien  haufiger  und  heftiger.  Der  Zustand  des  ^Yachens 
und  Schlafes  bat  einen  unverkennbaren  Einduss  auf  den  Eintritt 
der  Anfalle,  denn  dass  es  hierbei  weniger  auf  den  Stand  der 
Sonne,  auf  die  Verschiedenheit  der  Tageszeiten  ankommt,  geht 
daraus  hervor,  dass  Epileptische,  deren  Paroxysmen  im  Schlafe 
wiederkehren,  auch  bei  hellem  Tage  davon  befallen  werden,  so- 


EPILEPTISCHE  ZUSTAENDE. 


589 


bald  sie  sich  dem  Schlafe  hingeben  ( Prichard  1.  c.  p.  92.  Esqui- 
rol p.  281J.  Die  planetare  Einwirkung  des  Mondes  (zumal 
des  Neu-  und  Vollmondes)  auf  den  Umlauf  der  Epilepsie  ist  schon 
seit  alten  Zeiten  anerkannt,  und  wenn  auch  hie  und  da  Zweifel 
dagegen  erhoben  sind  ( Esquirol  hat  in  den  Pariser  Ilospitalern 
die  Frequenz  der  Anfalle  in  keinem  bestimmten  Verhiiltnisse  zu 
den  Mondesphasen  geschen),  so  steht  sie  durch  die  genauen  Be- 
obachtungen  Anderer  fest,  unter  denen  es  geniige  Stahl  (Tbeor. 
med.  P.  II.  Sect.  3.  membr.  3.  p.  683.  u.  Dissertat.  de  heredi- 
taria dispositione  in  varios  morbos.  Halae  1706  §.  76  p.  48)  und 
Mead  zu  nennen  (Opera  medica.  edit.  Goetting.  1748.  p.  28  etc.), 
welcher  Letztere  den  Fall  eines  funljahrigen  epileptischen  Miid- 
chens  beschrieben  hat,  dessen  Anfalle  taglich  mit  der  Fluth  ein- 
traten,  mit  der  Ebbe  .aufhdrten,  so  punktlich,  dass  fur  den  Vater 
des  Kindes,  einen  Bootsmann,  der  am  Ufer  der  Themse  wohnte, 
der  laute  Schrei,  womit  die  Kranke  jedesmal  aus  dem  Anfalle 
zu  sich  kam,  ein  weekender  Ruf  fur  den  Antritt  seines  Geschaftes 
'war.  Yon  Einigen  wird  den  Aequinoctien  ein  iihnlicher  Einfluss 
wie  den  Mondesphasen  zugeschrieben.  Im  Fruhling  ist  nach 
1 Claras  Beobachtung  die  Frequenz  der  epileptischen  Anfalle  gros- 
ser (der  Krampf  in  patholog.  u.  therapeut.  Hinsicht,  systematisch 
■erlautert.  S.  248). 

Bei  langerer  Dauer  geht  die  Epilepsie  sehr  oft  Complica- 
tion mit  psychischen  Storungen  ein:  seltener  von  Anfang  an. 
Ein  statistischcr  Vergleich,  welchen  Esquirol  (1.  c.  p.  284)  an- 
gestellt  hat,  ergab  unter  339  Epileptischen  vier  Fiinftel,  269,  in 
einem  irren  Zustande:  am  haufigsten  Dementia,  zunachst  Manie, 
selten  Monomanie. 

In  der  Wurdigung  der  Leichenbefunde  bei  Epileptischen 
list  man  bisher  nicht  kritisch  genug  zu  Werke  gegangen,  und 
hat  die  durch  Complicationen  oder  durch  den  todtlichen  Ausgang 
bedingten  Veriinderungen  mit  in  den  Bereich  gezogen.  Auch  ist 
bei  der  Beurtheilung  zu  wenig  auf  die  Dauer  der  Ivrankheit 


590 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 


Riicksicht  genommen  worden,  obgleicli  sie  einen  entscliiedenen 
Einfluss  hat.  Davon  fiberzeugt  man  sich  schon  bei  Untersuchung 
der  Knochenhiillen  des  Gehirns.  Je  alter  die  Epilepsie,  um  so 
dicker  sind  meistens  die  Schiidelknochen,  fast  von  elfenbeinartigem 
Geffige.  Die  Erhabenheiten  an  der  inneren  Fliiche  ragen  stark 
und  scharf  hervor,  so  dass  das  Hinfibergleiten  mit  der  Hand  em- 
pfindlich  ist.  Greeting,  dessen  Untersuchungen  sich  durch  Ge- 
nauigkeit  auszeichnen,  (Sammtl.  medicin.  Schriften.  Greitz.  1790. 
1.  Tlieil.  S.  277 — 350)  erwahnt  spitzer  scharfer  Ilervorragungen 
der  hinteren  Processus  clinoidei,  auf  beiden  Seiten  oder  nur  auf 
einer  (S.  330).  Ablagerungen  von  Knochensubstanz  in  der  Dura 
mater  finden  sich  haufig  bei  Epileptischen,  am  sichelformigen 
Fortsatze  und  an  anderen  Stellen.  Die  membranosen  Hfillen  bie- 
ten  die  gewohnlichen  Erscheinungen  bei  chronischen  Hirnkrank- 
heiten  dar,  Verdickung,  Adhasionen,  seros-albuminose  Exsudate, 
und  eine  sehr  grosse  Menge  Pacchionischer  Korperchen  (Jos.  et 
Carol.  Wenzel  de  penitiori  structura  cerebri  hominis  et  brutorum. 
Tubingae  1812.  p.  12.  Greeting , 1.  c.  p.  299),  welche  hauptsach- 
lich  die  Oberfliiche  des  grossen  Gehirns  zum  Sitze  haben.  Die 
Untersuchungen  des  Gehirns  selbst  haben  im  Allgemeinen  kein 
forderndes  Resultat  ergeben,  woran  theils  die  Unvollstandigkeit 
der  Untersuchung,  theils  die  Complication  mit  anderen  Krankhei- 
ten  Schuld  ist,  deren  Befunde  als  epileptische  gedeutet  wurden, 
z.  B.  Hamorrhagieen  und  ihre  Residuen  etc.  Nach  Ferrus  soil 
sehr  haufig  bei  Epileptischen  Hypertrophie  des  Gehirns  mit  ver- 
mehrter  Dichtheit  der  Marksubstanz  und  Hypertrophie  der  Scha- 
delknochen  angetroffen  werden:  auch  Parchappe  erwahnt  einhs 
betrachtlicheren  Gewichtes  des  Gehirns  ( Parchappe  recherches  sur 
l’encephale,  sa  structure,  ses  fonctions  et  ses  maladies.  2.  rae- 
moire.  Paris  1838.  p.  201).  Mehr  Aufschluss  hatten  Joseph  Wcn- 
zels  Untersuchungen  der  Glandula  pituitaria  in  dieser  Krankheit 
verheissen  (Joseph  Wenzel’s  Beobachtungen  fiber  den  Hirnanhang 
fallsfichtiger  Personen,  nach  seinem  Tode  herausgegeben  von  Carl 


EPILEPTISCHE  ZUSTAENDE. 


591 


Wenzel.  Mainz  1810).  Hypertrophic,  Atrophie  eines  oder  beider 
Lappen  der  Glandula  pffcuitaria,  Entzimdung,  Exsudate  an  der 
Oberllache  und  zwischen  den  Lappen,  Rothung  und  Anschwel- 
lung  des  Infundibulum  boten  sicli  in  Verbindung  mit  krankhaften 
Veranderungen  der  benachbartcn  Knochen  dar,  Verengerung,  Er- 
weiterung  der  Sattelhohle  des  Keilbeins,  Schiefheit,  Verkiirzung, 
Verdiinnung  der  Sattellehne  (1.  c.  S.  103  — 106.  S.  110  — 112). 
"Sind  zwar  diese  Befunde  nicht  bestandig  bei  Epileptischen  ( Rom- 
berg Ergebnisse  einiger  Leichenoffnungen  in  Horns  Archiv  fur 
medic.  Erfahrung  1823.  S.  254),  und  kommen  andrerseits  Desor- 
ganisationen  des  Ilirnanhangs  ohne  Epilepsie  vor,  wie  der  S.  38 
beschriebene  Fall  von  Prosopalgie  und  die  griindliche  Monogra- 
phic von  Engel  fiber  den  Hirnanhang  und  den  Trichter.  Wien 
1839  lehren,  so  sind  Wenzel’s  Untersuchungen,  die  fur  alle  Zeiten 
als  Muster  genauer  Beobachtung  gelten  werden,  schon  aus  dem 

• Grande  von  Wichtigkeit,  weil  sie  zum  Gegenstande  die  krank- 
ihaften  Zustande  des  vorderen  Schiidelwirbels  haben,  welcher  den 

(nach  Autenrieth,  Burdacli  und  Arnold ) als  Fortsetzung  und 
. gleichsam  als  Knospe  des  grauen  Kerns  des  Ruckenmarks  zu  be- 

• trachtenden  Hirnanhang  einschliesst.  Zu  neuen  Forschungen  bei 
;Epileptischen  in  Betreff  der  Blutbahnen  der  Vertebrales  und  Ca- 
irotiden  und  des  Zustandes  ihrer  Ivnochencanale  regen  Astley 
Cooper’ s Versuche  an.  Auf  das  Rikkenmark  Epileptischer  sind 
die  Untersuchungen  zuerst  von  Esquirol  ausgedehnt  worden. 
Cartilaginose  Platten  in  der  Arachnoidea  spinalis  und  partielle 
Erweichungen,  besonders  der  Lumbarpartie , wurden  am  haufig- 
^sten  gefunden  (1.  c.  p.  311).  Ob  jedoch  diese  Veranderungen 
t nicht  bloss  als  Complicationen  bestanden  haben,  lasst  sich  wegen 
Mangels  der  Krankengeschichten  nicht  entscheiden:  einige  von 
Ollivier  mitgetheilte  Falle  setzen  ein  solches  Verhaltniss  ausser 

/Zweifel  (Traitd  des  maladies  de  la  moelle  <$pini6re.  3.  edit.  Paris 
^1837.  T.  II.  p.  570). 


592 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 


Ursachen.  Unter  den  Anlagen  stehtdie  erbliche  obenan,  iiber 
welche  in  auf-  nnd  ahsteigender  Linie  Cazauvieilh  und  Jiouchet 
statistische  Untersuchungen  angestellt  nnd  gcfunden  haben,  dass 
unter  110  Epileptischen  sich  31  befanden,  welche  ebenfalls  epi- 
leptische  Eltern  und  Verwandte  hatten,  demnach  mehr  als  ein 
Drittheil.  Yierzehn  epileptische  Mutter  batten  58  Kinder  gebo- 
ren,  wovon  37  gestorben  waren,  das  alteste  in  einera  Alter  von 
14  Jahren,  die  ubrigen  sehr  jung  und  fast  alle  unter  Convulsio- 
uen.  Ein  und  zwanzig  waren  noch  am  Leben,  unter  denen  vier- 
zehn  gesund,  doch  noch  sehr  jung,  sieben  bereits  von  der  Epi- 
lepsie  befallen  waren  (1.  c.  p.  71).  Das  Uebergehen  einer  Ge- 
neration ist  zuweilen  beobachtet  worden.  Die  nahe  Beziehung 
der  Epilepsie  zuin  Irresein  stellt  sich  auch  in  dem  hereditaren 
Verhiiltnisse  heraus:  unter  den  Eltern  oder  Verwandten  von  Epi- 
leptischen finden  sich  oft  Wahnsinnige.  Der  Ausbruch  der  erb- 
lichen  Epilepsie  erfolgt  gewohnlich  vor  der  Pubertat.  — Nachst 
der  hereditaren  wird  eine  angeborene  Anlage  fur  diese  Krank- 
heit  angefuhrt;  allein  nur  sehr  selten  ist  sclion  der  Neugeborene 
epileptischen  Convulsionen  unterworfen,  gewohnlich  kommen  diese 
spater,  nach  der  ersten  Dentition,  nach  dem  Entwohnen  zum 
Ausbruch,  und  kdnnen  alsdann  auch  eine  erbliche  Basis  haben. 
Die  Beispiele  von  Miittern,  die  durch  einen  Schreck,  namentlich 
vom  Anblicke  eines  Epileptischen,  Kinder  mit  dieser  Krankheit 
zur  Welt  gebracht  haben,  ohne  selbst  daran  gelitten  zu  haben, 
geniigen  keineswegs  der  Kritik,  und  gehoren  in  die  Categorie 
des  Yersehens.  Wichtiger  ist  die  durch  das  Alter  gesetzte  Dis- 
position: sie  ist  in  den  vier  ersten  Lustren  des  Lebens  um  das 
Dreifache  starker  als  in  den  spateren.  Cazauvieilh  (1.  c.  p.  73) 
hat  66  Falle  in  dieser  Beziehung  verglichen.  Darunter  waren : 
von  der  Geburt  bis  zum  5ten  Jahre  : 18 
vom  5ten  - - 10-  - : 1 1 

- 10  - - - 15  - - : 11 

- 15  - - - 20  - - : 10 


EPILEPTISCHE  ZUSTAENDE. 


593 


vom  20sten  bis  zum  25sten  Jahrc 


- 25  - 

- 

i 

o 

CO 

- 

- 30  - 

- 

35  - 

- 

- 35  - 

- 

40  - 

- 

- 40  - 

_ 

45  - 

- 

- 45  - 

- 

50  - 

- 

- 50  - 

- 

55  - 

- 

- 55  - 

- 

60  - 

- 

Beispiele  von  einem 

spiiteren 

Ausbruche 

16. 


5 

4 

1 

0 

1 

9 

A* 

0 

1 


ehr  selten,  doch  hat  Maisonneuve  (in  seinen  schiitzenswerthen 
Jecherches  et  observations  sur  1’epilepsie  p.  85)  zwei  mitgetheilt, 
ines  von  einem  72jahrigen  Manne,  der  im  69sten  Jahre,  das  an- 
ere  von  einer  75jahrigen  Frau,  die  im  62sten  Jahre  den  ersten 
unfall  der  Epilepsie  bekommen  hatte.  — • Der  Unterschied  der 
eschlechtlichen  Anlage  macht  sich  nach  Tissot  und  Esquirol  erst 
ach  dem  siebenten  Jahre  bemerkbar,  wo  ein  Uebergewicht  fur 
as  weibliche  Geschlecht  stattfindet.  Der  climatische  und  ethni- 
:he  Einfluss  steht  nocb  nicht  durch  zuverlassige  Thatsachen  fest. 

Die  atiologische  Forschung  in  einen  innigeren  Zusammenhang 
nit  der  diagnostischen  zu  bringen,  ist  eine  Aufgabe  von  zu  gros- 
C3r  Wichtigkeit  (S.  14  u.  245),  um  nicht  auch  hier  unsere  Auf- 
nerksamkeit  auf  sich  zu  ziehen.  Die  in  einem  friihen  Lebensalter 
nd  vor  der  Pubertat  sich  einstellende  Epilepsie  fiihrt  vorzugs- 
reise  Blodsinn  lierbei,  und  ist  ofters  mit  Lahmungen  einzelner 
rliedmassen  complicirt.  Die  Anfalle  sind,  nach  Maisonneuve, 
inem  genauen  Beobachter  aus  Pinel’s  Schule  (1.  c.  p.  55),  im 
.nfange  stets  unvollstandig,  treten  spaterhin  gewdhnlich  ohne 
orboten  ein,  und  haben  eine  nur  kurze  Dauer.  Die  Convul- 
onen  sind  weder  stark  noch  allgemein,  befallen  hauptsachlich 
as  Gesicht  und  die  oberen  Extremitaten.  Die  Intervalle  sind 
iicht  selten  lang:  zuweilen  hort  die  Krankheit  in  der  Kindheit 
if,  um  im  Mannesalter  zuriickzukehren. 

In  den  Nervenapparaten  haben  die  Ursachen  der  Epilepsie 


504 


FEKFRRALK  KRAEMPFK. 


entweder  in  dem  peripherischen  oder  in  dom  eentrnlen  ihren  Sit/. 
Nnr  wonisje  Beobaehtungen  existiren  von  Anliissen  in  eorobro- 
spinalen  Salmon,  koine,  so  viol  inir  bekannt,  \on  dergleiehen  in 
SYinpathischen  Nervon.  Kine  dor  iiltesten  ist  von  Short  (1720) 
mitgetheilt , von  einem  erbsengrossen  Neurom  in  dor  IS'ahe  tl«»r 
Wadonnmskeln , oino  andoro  von  l)e  Horn  von  zwoi  Nouroinen 
im  N.  phrenicus  mit  Atrophie  dor  Sohnorvonhiigol  (Ratio  nie- 
dondi  P.  V.  p.  127).  Zwoi  andoro  von  Neurom  des  Vagus  mid 
dos  N.  ornralis  wordon  von  Henning  citirt  (Analecta  litteraria 
epilepsiam  spoetantia.  Fipsiae  1705  p.  53).  Boispiole  ortlichcr 
AtVeetionon,  bosondors  in  don  Extremitaten,  die  naoli  don  Sym- 
ptomen  zu  urthoilon,  in  don  Nerven  selbst  ihren  Sit/  zu  haben 
schienen,  sind  von  Portal  (Cours  d’anatomie  inddioale  T.  IV. 
p.  247i,  Maisonneuve  [\.  o.  p.  007:  Zerrung  durch  zwei  Narben 
am  Fusse  in  Folge  einor  Aderlasswundei , l.arrey  Clinique  chi- 
rurgicale  T.  I.  p.  400:  Yerletzung  dos  N.  cutaneus  interior  bei 
einor  Operation  am  Ellenbogengelenk)  u.  A.  besehriobon  wor- 
don.  I nter  den  Symptomen,  welehe  die  durch  peripherische. 
Nervonaffection  be  ding  to  Epilepsie  karakterisiron , stobt  die  Aura 
oben  an,  sowohl  die  sensible  als  motorisehe . welehe  im  Anlange 
dor  Krankheit  alloiti  lur  sich  bestoht,  und  nnr  zuwoilen  in  auf- 
steigendem  Laufo  Scbwindol  und  Bonommonhoit  sich  hinzugeselll. 
Nach  und  nach  bildon  sich  die  vollstiindigen  Anfallo  <uis,  in  do- 
ren  Intorvallon  jodooh  die  abortivon  oft  zum  Yorschein  kommon. 
Daboi  klagt  dor  Kranke  hiiutig  uber  schmerzhafte  Fmptindung 
odor  iiber  Krampf  an  einor  bestinunton  Stollo,  welehe  durch  aus- 
sere  Borulirung  und  Druck  gesteigort  wordon : zuweilen  lasst 
sich  auch  eino  kleine  Geschwulst  oder  abnorme  Fiirbung  auffin- 
den.  Die  Anfalle  selbst  werdon  durch  Isolirunc  des  Ausgangs- 
punktos  dor  Aura  gehemmt. 

Heftige  Eindnieke  auf  die  Sinnesnerven , besonders  auf  den 
Opticus,  haben  in  einzelnen  Fallen  Epilepsio  zur  Folge  gchabt. 
3lai$onneuve  erzahlt  davon  zwei  frappante  Beispiele  (1.  c.  p.  1 76V 


EPILEPTISCHE  ZUSTAENDE. 


595 


i Ein  funfjahriges  Madchen  fmdet  Vergniigen  darin  an  einem  Som- 
mertage  mehrere  Minuten  lang  in  die  Sonne  zu  selien,  und  be- 
kommt  darauf  einen  Anfall  der  Epilepsie,  die  nocli  neun  Jahre 
nachher  fortdauert.  Die  andere  Kranke  liatte  einmal  als  neun- 
jahriges  Madchen  mehrere  Minuten  ihre  Augen  starr  auf  die 
'Sonne  gerichtet,  und  darin  einen  grossen  schwarzen  Kopf  zu 
<sehen  geglaubt,  woriiber  sie  sich  schr  entsetzte.  Am  Abend  er- 
;?ahlt  sie  den  Yorfall  ihrer  Mutter,  und  verfallt  sofort  in  epilep- 
tiische  Zuckungen,  die  seitdem  in  ziemlich  regelmassigen  Inter- 
rallen  zuruckkehrten.  Tissot  erwahnt  eines  jungen  Menschen, 
ler  so  oft  er  etwas  Rothes  sah,  einen  epileptischen  Anfall  be- 
Uam  (Abhandl.  iiber  die  Nerven  und  deren  Krankheiten,  deutsch 
lerausgeg.  von  Ackermann.  3.  Th.  S.  283). 

Die  das  Gehirn  betreffenden  Ursachen  der  Epilepsie  sind  nicht 
;elten  Yerletzungen  und  deren  Folgen,  so  wie  auch  Krankheiten 
; ler  Schadelknochen  mit  dyscrasischer  Grundlage,  syphilitischer  etc., 
.vovon  sich  Beispielc  in  den  chirurgischen  Annalen  vorfinden. 
Diese  Epilepsie  kommt  bei  dem  mannlichen  Gescldechte  haufiger 
i or  als  bei  dem  weiblichen,  und  nimmt  mit  dem  Alter  zu:  die 
Wnfalle  werden,  wenn  Knochenkrankheiten  die  Veranlassung  sind, 
lurch  ausseren  Druck  auf  den  Schadel  leicht  herbeigefiihrt.  In 
len  Intervallen  klagt  der  Kranke  iiber  abnorme,  schmerzhafte 
Lmpfmdungen  im  Kopfe,  und  erfreuet  sich  iiberhaupt  nicht  eines 
olchen  Wohlscins  wie  andere  Epileptische.  Es  gesellen  sich  im 
^aufe  der  Krankheit  apoplectische  Zustiinde,  Eahmungen  liinzu. 
/on  physiologischem  Interesse  ist  die  excentrische  Aura,  welche 
lie  der  kranken  Ilemisphare  entgegengesetzte  Seite,  mehrentheils 
lie  obere  Extremitiit,  zum  Sitze  nimmt.  Odier  theilt  den  Fall 
•ines  Soldaten  mit,  der  nach  einem  Sabelhiebe  auf  die  linke  Seite 
1 es  Kopfes  haufig  an  krampfhaften  Zusammenziehungen  des  klei- 
en  Fingers  der  rechten  Hand  litt,  welche  sich  spaterhin  nach 

I em  Vorderarm,  Schulter,  Hals  ausdehnten,  und  jedesmal  mit 
inem  epileptischen  Anfalle  schlossen.  Nach  dem  erfolglosen  Ge- 

HomLerg1!  Ncrrcnkrankb.  T.  2,  oq 


596 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 


brauche  vieler  Mitlel  rieth  Odier  den  Arm  beim  Eintritle  des 
Krampfes  an  zwei  Stellen  mit  einem  Stricke  fest  zu  schniiren, 
zwischen  Ellenbogen  und  Handgelenk,  und  zwischen  Schuller  und 
Ellenbogen,  wodurch  drei  Jahrc  lang  die  epileptischen  Paroxysmen 
verhiitet  wurden.  Einmal  vergass  es  der  Kranke  in  einem  Rausche, 
und  starb  im  Anfalle.  Bei  der  Section  fand  sich  im  linken  Schei- 
telbeine  die  Spur  des  Sabelhiebes  und  eine  Hervortreibung  der 
inneren  Knochenlamelle  von  carioser  Beschaffenheit.  Unter  der 
harten  Hirnhaut  hatte  an  dieser  Stelle  eine  Blutgeschwulst  ihren 
Sitz,  von  weicher  Consistenz  und  der  Grosse  eines  Apfels,  welche 
cine  Menge  heller  wiisseriger  Fliissigkeit  enthielt  ( Odier  medecine 
pratique  p.  181). 

Weit  haufiger  als  Verletzungen  sind  psychische  Affecte  die 
Anlasse  der  Epilepsie;  unter  44  Fallen,  deren  Ursachen  von  Ca- 
zauvieilh  (I.  c.  p.  76)  sorgfaltig  ermittelt  wurden,  kommen  31  in 
diese  Categorie.  Yor  alien  ist  es  der  Schreck,  der  keine  andere 
Krankheit  so  haufig  wie  die  Epilepsie  hervorbringt,  und  aucli 
ofters  durch  den  Anblick  eines  epileptischen  Anfalls  erregt  wird, 
zuniichst  Furcht,  in  lilteren  Zeiten,  als  noch  Gespenstergeschich- 
ten  zur  Tagesordnung  in  den  Kinderstuben  gehorten,  haufiger  als 
jetzt,  Zorn.  Das  weibliche  Geschlecht  ist  vorzugsweise  ausgesetzt, 
und  wird  um  so  sicherer  befallen,  wenn  der  Affect  wiihrend  der 
Catamenien  einwirkt:  die  Beispiele  sind  auch  nicht  selten,  wo 
durch  Attentat  der  Nothzucht  die  Epilepsie  sofort  ausbrach.  Das 
mittlere  Lebensalter  bleibt  moistens  verschont.  Affecte,  die  den 
ersten  Anfall  erregt  liaben,  fuhren  ihn  auch  in  der  Folge  leicht 
lierbei,  und  wo  Delirium  sich  hinzugesellt,  pflegt  es  auf  den-  Ge- 
genstand  des  ersten  Schreckens  sich  zu  beziehen.  So  berichtet 
Maisonneuve  (1.  c.  p.  151)  von  einer  Frau,  die  noch  36  Jalire 
nach  dem  ersten  Anfalle  im  Stad.  maniacum  den  Mann  vor  sich 
zu  selien  wiihnte,  weicher  ihr  damals  wiihrend  der  Menses  mit 
einem  Grabscheit  einen  Hieb  iiber  den  Biicken  versetzt  hatte. 
Als  psychischer  Eindruck  wirkt  auch  die  Simulation  der  Epilep- 


EPILEPTISCHE  ZUSTAENDE. 


597 


sie,  wodurch  zuwcilen  der  Uebergang  in  die  wirkliche  erfolgt 
sein  soli. 

Nachst  den  Nervenapparaten  kommt  das  Blut-  und  Gefass- 
svstem  als  atiologischer  Heerd  in  Betracht.  Die  Zeit  ist  nocli 
nicht  lange  voriiber,  als  Congestionen  nach  dem  Gehirne  fast  ex- 
clusiv  als  Ursachen  der  Nervenkrankheiten  iiberhaupt,  und  auch 
der  Epilepsie  angenommen  wurden.  Heutigen  Tages  bedarf  es 
zu  einer  solchen  Behauptung  kritischer  Argumente,  und  so  muss 
es  auffallen,  dass  von  einem  Krankheitszustande,  wo  vor  alien  an- 
dern  ein  verstarkter  Andrang  des  Blutes  nach  dem  Gehirne  statt— 
findet  und  Hiimorrhagieen  hervorruft,  von  der  Hypertrophie  der 
linken  Herzkammer,  Epilepsie  fast  niemals,  wohl  aber  Schwindel, 
Apoplexie,  Lahmung  die  haufigen  Folgen  sind.  Einflussreich  ist 
unstreitig  Plethora,  in  Folge  unterdrtickter  Blutfllisse,  besonders 
Catamenien,  Epistaxis,  seltener  Haemorrhois , und  die  durch  up— 
pige  Lebensweise  erworbene  Vollbliitigkeit.  Die  Anfalle  dieser 
Epilepsie  haben  eine  apoplectische  Beimischung,  schwache  Con- 
vulsionen,  hinterlassen  einen  soporosen  Zustand,  Stunden,  selbst 
Tage  lang,  so  wie  auch  unvollstandige  Lahmungen  einzelner  Theile, 
besonders  der  Zunge.  Ilaufiger  jedoch  tragt  der  entgegengesetzte 
Zustand,  Aniimie,  die  Schuld,  besonders  beim  weiblichen  Ge- 
schlechte,  sei  es  durch  urspriingliche  Crasis  des  Blutes,  oder  in 
Folge  von  unzureichender  Nahrung  und  Safteverlust.  Mciison- 
neuve  erzahlt  einen  Fall  von  achtzehn  Matrosen,  die  nachdem  sie 
sich  vor  dem  Feinde  durch  Schwimmen  auf  einen  Felsen  geret- 
tet  hatten,  sieben  Tage  in  Ilungersnoth  und  strenger  Ivaltc  zu- 
brachten.  Alle  wurden,  nachdem  sie  in  ein  Hospital  aufgenom- 
men  worden,  vier  Wochen  darauf  von  epileptischen  Anfallen 
heimgesucht,  vor  und  nach  welchen  sehr  heftige  Schmerzen  im 
rechtcn  Hypochondrium  sich  einstelltcn.  Nach  zehn  Monaten 
waren  sechs  von  ihnen  gestorben,  nach  achtzehn  Monaten  noch 
acht,  so  dass  nur  vier  am  Leben  blicben  (1.  c.  p.  229). 

Enter  den  Sciftevcrlusten  sind  die  mit  Ueberreizung  verbun- 

39  * 


598 


CEREBEALE  KEAEMPFE. 


denen  am  fruchtbarsten  fur  Epilepsie,  onanistische  und  geschlecht- 
liclie  Ausschweifungen : es  giebt  Individuen,  zumal  mannlicheu 
Geschlechts,  welche  nach  jedem  Coilus  in  epileptische  Zuckungen 
verfallen.  Vergiftungen  des  Blutes  veranlassen  die  Epilepsie  weit 
seRener  als  die  Eclampsie,  mit  Ausnahmc  der  B lei  intoxication, 
deren  Einfluss  auf  Erzeugung  und  Modificirung  der  Epilepsie  bier 
noch  besonders  hervorgehoben  werden  muss.  Unter  den  alteren 
Autoren  hatte  bereits  Stoll  darauf  aufmerksam  gemacht,  unter 
den  Neueren  Laennec  und  Andral , am  vollstiindigsten  Tanquerel 
des  Planches  in  seinem  trefflichen  Werke:  Traite  des  maladies 
de  plomb  ou  saturnines.  Paris  1839.  T.  II.  p.  298  etc.  (nach  37 
eigenen  Beobachtungen). 

Die  Epilepsia  saturnina  hat  einen  acuten  Verlauf,  von  ein 
Paar  Tagen  bis  vier  Wochen,  und  ist  stets  mit  psychischen  Sto- 
rungen  verbunden,  Delirien  und  soporosem  Zustande,  mit  wel- 
chen  sie  abwechselt  und  mannichfaltige  Combinationen  eingeht, 
jedoch  ohne  die  den  anderen  Epilepsieen  eigene  Ordnung  und 
Regelmassigkeit.  Die  Anfalle  selbst,  denen  keine  Aura  voran- 
geht,  wiederholen  sich  in  kurzeren  oder  liingeren  Interyallen  von 
einigen  Minuten  bis  zu  sechs  Tagen,  zu  1 — 30  mal  in  24  Stun- 
den.  Die  Convulsionen  befallen  beide  Seiten,  und  sind  von  gros- 
serer  HeRigkeit  und  langerer  Dauer  als  bei  der  gewohnlichen 
Epilepsie.  Auch  kehrt  das  Bewusstsein  niemals  so  schnell  zu- 
riick:  einen  oder  mehrere  Tage  bleibt  Irrereden,  Betaubung  oder 
eine  grosse  Gleichgultigkeit  und  Passivitat  zuruck.  Da  diese  Epi- 
lepsie meistens  Individuen  befallt,  die  lange  Zeit  mit  dem  Blei 
in  Contact  waren,  so  finden  sich  auch  liiervon  die  Merkmale  vor: 
gelbe,  erdfahlene  Farbe  der  Haut,  braunliche  der  Ziiline  und 
schiefergraue  des  Zahnfleisches , Abmagerung,  die  selir  schnell 
eintritt,  Verlust  der  geschlechtlichen  Energie.  Zuweilen  gelit 
Colica  saturnina  voran,  oder  entwickelt  sich  gleichzeitig,  seiten 
erscheint  sie  nachhcr:  dasselbc  gilt  von  den  neuralgischen  Schrner- 
zen  in  den  Extremitiiten  (Arthralgia  saturnina).  Aeusserst  seiten 


EPILEPTISCHE  ZUSTAEJNDE. 


599 


zeigt  sich  Bleilahmung,  selten  Amaurose.  Der  todtliche  Ausgang 
erfolgt  im  Yerhaltnisse  von  1:4,  nach  Tanquerel  des  Planches: 
nach  alteren  Beobachtern  wie  3£:1,  asphyctisch  oder  apoplectisch, 
ofters  auch  plotzlich,  nachdem  die  Anfalle  sich  so  haufig  wieder- 
holt  haben,  dass  fast  kein  Intervall  mehr  zu  unterscheiden  ist, 
und  tiefer  Sopor  sich  hinzugesellt  hat.  Bei  der  Leichenoffnung 
findet  man  die  der  Bleivergiftung  iiberhaupt  eigenthiimliche  gelb- 
lich-graue,  schmutzige  Farbe  der  Hirnsubstanz  (1.  c.  p.  356),  und 
inicht  selten  die  in  neuerer  Zeit  mit  dem  Namen  Hypertrophie 
des  Gehirns  bezeichnete  Veranderung:  Abflachung  und  Zusam- 
imendrangung  der  Windungen  mit  fast  obliterirten  Furchen,  Ver- 
engerung  der  Ventrikel,  Trockenheit  der  Membranen  und  Sub- 
stanz,  bleicbes  Colorit,  dichte,  feste  Consistenz,  Zunahme  des  Vo- 
llumen.  Von  Wichtigkeit  ist  auch  der  in  zwei  Fallen  coffstatirte 
ichemische  Befund  von  Bleisulphat  in  der  Hirnsubstanz  (1.  c.  p.  362). 
iDie  Riickkehr  zur  Gesundheit  erfolgt  allmahlich,  indem  der  Kranke 
noch  zum  Schlummern  geneigt  ist,  und  einige  Tage  das  Ansehen 
eines  Menschen  hat,  der  so  eben  aus  dem  Schlafe  aiufgewacht  ist. 

Einen  wichtigen  atiologischen  Antheil  nimmt  das  Uterinsystem, 
oft  in  Verbindung  mit  dem  Einflusse  der  Anamie.  Die  Menses 
sind  unentwickelt,  unregelmiissig,  unterdriickt,  oder  zu  haufig, 
selten  profus:  die  Briiste  schwellen  und  verharten  sich  periodisch; 
Fluor  albus  ist  vorhanden:  scbmerzhafte  Empfindungen  in  der 
hypogastrischen  Gegend  sind  andauernd,  oder  stellen  sich  von 
Zeit  zu  Zeit  ein:  hysterische  Anfalle  gehen  lange  Zeit  vorher, 
wechseln  spater  mit  epileptischen  ab;  diese  selbst  haben  einige 
hysterische  Ziige,  Globus  als  Aura,  Athemkrampfe,  drohende  Suf- 
focation, Singultus,  Tympanites,  Blutbrechen,  und  halten  sich  gern 
an  den  Menstrualtypus ; die  krampfhaften  Zufalle  nach  den  Pa- 
roxysmen  sind  haufiger  als  bei  andern  Epilepsieen;  der  ecstati- 
sche  Zustand  macht  sich  hier  besonders  geltend,  und  das  Irresein 
hat,  wo  es  sich  einfindet,  einen  nymphomanischen  Ausdruck  (vgl. 
Sinogowilz  uber  Krampfformen  eigenthumlicher  Art  und  deren 


000 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 


Yerhaltniss  zu  Sexualstbrungcn  bei  weiblichcn  Individuen  in  Rust 
Magaz.  fur  die  ges.  Heilk.  Bd.  XXIII.  S.  11)5). 

Das  gastrische  System  kommt  als  iitiologische  Quelle  derEpilepsie 
zuniichst  in  Betracht.  Reizungen  des  Darmkanals  und  seines  Drii- 
senapparats  geben  Anlass,  die  ersteren  mehr  im  kindlichen  Alter,  die 
letzteren  bei  Erwachsenen : Helminthiasis,  besonders  Lumbr.,  seltner 
Taenia  und  Oxyur.  vcrmic.,  Catarrh,  ventric.  und  intest.,  entz'und- 
liche  Affectionen  der  Leber  ( Prichard  1.  c.  p.  251  und  p.  323). 
Die  Anfalle  melden  sich  nicht  selten  mit  Vorboten,  die  von  den 
Bauchnerven  ausgehen;  Schmerz,  Spannung,  Empfindung  von  Kiille 
in  der  Nabelgegend,  in  den  Ilypochondrien , aufsteigende  llitze 
von  der  Herzgrube  aus,  Uebelkeit,  Vomiturition,  zuweilen  aucli 
ziehende  Schmerzen  in  der  Schulter  und  im  entsprechenden  Arme. 
In  den-  Intervallen  geben  sich  die  Merkmale  der  Darm-  oder  Le- 
beraflection  kund,  Verstopfung  abwechselnd  mit  Diarrhoe,  ab- 
norme  Beschaffenheit  der  Ausleerungen , Anorexic,  Heisshunger, 
Gelbsucht  mit  den  Anfallen  kommend  und  schwindend,  aufgetrie- 
bener  Leib  mit  palpabeln  Veranderungen,(  Abdominalteint,  veriin- 
dertem  Zungenbeleg  etc.  Auf  die  iitiologische  Beziehung  der  Nie- 
ren  zur  Epilepsie  war  man  bis  auf  die  neueste  Zeit  bei  der  Un- 
tersuchung  solcher  Kranken  weniger  bedacht,  obschon  die  Bc- 
obachtungen  vom  Ausbruche  der  Epilepsie  nach  Verschwinden 
hydropischer  Zustiinde  darauf  hindeuten,  und  der  Einlluss  der 
Blutdyscrasie  in  der  Brightschen  Krankheit  ein  nicht  zu  iibersehen- 
des  Moment  ist.  Unter  alien  organischen  Apparaten  stehen  der 
' respiratorische  und  circulatorische  am  seltensten  in  einem  ursacli- 
lichen  Zusammenhange  mit  der  Epilepsie. 

Metastatische  Vorgange  sind  als  Ursachcn  der  Epilepsie  hiiu- 
figer  vorausgesetzt  als  mit  Ivritik  nachgewiesen  worden,  wie  es 
zu  der  Zeit  gcschah,  als  das  Thcma  dcr  Kriitzmetastase  ein  be- 
liebtcs  war.  Doch  gicbt  cs  unleugbar  Fiille,  wo  der  Ausbruch 
der  Krankheit  nach  Wegnahme  alter  Geschwiilste  an  der  Ober- 
ilachc,  nach  dem  Zuhcilen  chronischer  Gcschwure,  naturlicher  und 


EPILEPTISCHE  ZUSTAE1SDE. 


601 


kiinstlicher,  nach  Verschwinden  impetigindser  und  gichtischer  Af- 
| fectionen  beobachtet  wird. 

Zum  Schlusse  noch  das  unerfreuliche  Gestiindniss,  dass  trotz 
gewissenhafter  Erforschung  die  Ursachen  der  gewaltigen  Krank- 
heit  oftmals  ganzlich  unermittelt  bleiben. 

Diagnostisches  und  Nosologisches.  — Nachst  dem 
Wahnsinne  wird  die  Epdepsie  am  haufigstcn  simulirt,  von  Re- 
I cruten,  Delinquenten,  Bettlern  etc.  ofters  mit  tauschender  Aehn- 
lichkeit.  Zur  Entdeckung  des  Betruges  bat  man  sich  bisher  nur 
bem'uht  Kriterien  aus  dem  Anfalle  selbst  zu  entnehmen.  Ich 
| kenne  kein  sichreres  als  die  Unempfindlichkeit  der  Pupille  beim 
Einfallen  des  Sonnen-  oder  Kerzenlichts,  welclie  von  keinem  nach- 
I gealimt  werden  kann.  Die  Anasthesie  liisst  zwar  auch  im  All— 

, gemeinen  das  Original  erkennen,  allein  es  giebt  Beispiele  von 
! Betrugern,  die  sich  selbst  mit.  dem  Gluheisen  brennen  liessen, 
ohne  Schmerz  zu  verrathen:  so  zeigte  eine  Morderin,  welche  die 
epileptischen  Anfalle  auf’s  'Tauschendste  nachahmte,  Van  Swieten 
und  De  Hacn  drei  solcher  Brandnarben  an  der  Hand  (De  Haen 
ratio  medendi.  P.  V.  p.  135).  Nur  verwechsle  man  nicht  die 
auch  im  Anfalle  fortbestehende  Reflexsensibilitat  mit  der  pausi- 
renden  cerebralen,  und  lasse  sich  nicht  verleiten  den  Eindruck  des 
angespritzten  Wassers,  der  an’s  Augenlid  gebrachten  Fcder  etc. 
iiir  einen  bewussten  zu  halten.  Der  Epileptische  sucht  auch  die 
Stelle  nicht  aus,  wo  er  beim  Eintritt  des  Paroxysmus  hinfallt, 
ausgenommen  bei  einer  vorangehenden  Aura;  der  Simulirende 
hingegen  nimmt  seine  Massrcgeln:  es  ist  bekannt,  wie  einst  in 
Paris  der  Bctrug  dadurch  entdeckt  wurde,  dass  man  das  Stroll, 
auf  welches  der  Betriiger  fiel,  anziindete,  und  derselbe  sofort  die 
Flucht  ergrilf.  Ilat  man  einem  Epileptischen  die  eingescldagenen 
Daumen  mit  Gewalt  geofl'net,  so  bleiben  sie  olfen  bis  zu  Ende 
des  Anfalls,  oder  schliessen  sich  nur  wieder  bei  dem  Eintritte 
neuer  Convulsiorien:  bei  einem  Pseudoepileptischcn  lassen  sie  sich 
leichter  offnen,  und  er  schliigt  sie  sofort  wieder  ein,  weil  er  die- 


602 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 


ses  fur  cinen  wesentlichen  Zug  der  Krankheit  halt  {Marc  in  dem 
Art.  Epilepsie  simulee  im  Dictionn.  des  scienc.  medicales,  T.  XII. 
p.  542).  Selbst  an  einer  Aura  lassen  es  die  Simulirenden  nicht 
fehlen,  doch  verrathen  sie  ihre  Unkenntniss  durch  den  vorgeschiitz- 
ten  Lauf  derselben:  Sauvages  erzahlt,  puella  septennis  epilepsiam 
simulabat  tam  apposite,  ut  nemo  in  nosocomio  generali  dolum 
suspicaretur.  Interrogata  num  sentiret  auram  ex  manu  ad  hu- 
merum,  inde  ad  dorsum  et  femur,  ea  annuit:  praescripsi  usum 
verberum,  quo  audito  sanata  est  (Nosolog.  method,  edit.  Daniel. 
T.  III.  p.  116).  Nicht  minder  wichtig  sind  die  aus  dem  Inter- 
val! entnommenen  Kriterien.  Die  Epileptischen  sprechen  nicht 
gern  von  ihrer  Krankheit,  schamen  sich  ihrer:  die  Betruger  prah- 
len  damit.  Der  Yerfall  geistiger  Energie,  die  Abnahme  des  Ge- 
dachtnisses  wird  nicht  simulirt,  und  schon  im  iiusseren  Habitus 
vermisst  der  Kenner  diejenigen  Zuge,  deren  oben  Erwahnung 
geschehen  ist. 

Die  Unterschiede  epileptischer  Anfalle  von  hysterischen  Con- 
vulsionen  sind  bereits  S 465.  hervorgehoben  worden. 

In  nosologischer  Beziehung  ist  der  schon  seit  alten  Zeiten  be- 
stehenden  Eintheilung  in  idiopathische  und  sympathische  Epilepsie 
(wofur  die  treffendere  physiologische  Nomenclatur:  centrale  und 
centripetale  gewahlt  werden  kann)  der  grosste  Werth  zuzuerken- 
nen.  Alle  andere  Eintheilungen  fassen  nur  Complicationen  oder 
zufallige  Yerhiiltnisse  auf,  und  mehr  oder  weniger  trifft  sie  der 
kritische  Bann,  den  schon  der  alte  Grieche  in  einer  der  herrlich- 
sten  Urkunden  unserer  Wissenschaft,  in  der  Einleitung  des  Bu- 
ches  de  morbo  sacro,  auf  Diejenigen  gescldeudert  hat,  welche  die 
Epilepsie  nach  dem  Geschrei  der  Kranken  und  anderen  Uner- 
heblichkeiten  theologisch  classificirt  hatten:  „Siquidem  namque 
capram  imitentur  et  balatum  edant,  dextramque  in  partem  con- 
vellantur,  deorum  matrem  in  causa  esse  asserunt.  Si  vero  acu- 
tiorem  et  vehementiorem  vocem  edat  aeger,  equo  simile  esse  di- 
cunt  et  ad  Neptunum  causam  referunt.  Quod  si  stercoris  aliquid 


EPILEFTISCHE  ZUSTAENDE. 


603 


mittat,  quod  nonnullis  morbo  pressis  contingit*  Enodiae  Hecates 
ppellatio  adhibetur.  Sin  autem  tenuius  et  crebrius  dejiciat,  velut 
ves,  Apollo  Nomius.  Si  vero  spumam  ex  ore  demittat  et  pedi- 
us  calcitret,  Mars  auctor  est.  Pavores  vero  qui  noctu  adsunt, 
mores,  deliria  et  terriculamenta,  cum  aegri  e cubili  exiliunt  et 
lgiunt,  Hecates  insidias  et  heroum  invasiones  esse  affirmant,  ex- 
iationibusque  et  incantationibus  utuntur,  ac  meo  quidem  judicio, 
^eleratissimum  et  maxime  impium  divinum  numen  faciunt“  (Hip- 
ocratis  opera  omnia  edit.  Kulin.  T.  I.  p.  592). 

Die  prognpstische  Wiirdigung  richtet  sich  zuvorderst  nach 
■ em  Alter  der  Epilepsie:  mit  jedem  Jahre  wachst  der  Wider- 
l:and  gegen  Genesung,  daher  die  seit  dem  ersten  Lebensjahre 
estehende  unheilbar  ist,  und  sie  ist  es  auch,  die  am  haufigsten 
liilodsinn  berbeifiilirt , und  die  Lebensdauer  abkiirzt.  Das  Alter 
er  lvranken  kommt  als  prognostisches  Motiv  weniger  in  Betracht, 
ibschon  die  im  mittleren  Lebensalter  ausbrechende  Epilepsie  un- 
uinstiger  ist,  als  zur  Zeit  der  Pubertat  und  in  den  Kinderjahren. 
nter  den  Ursachen  sind  Erblichkeit,  Schreck,  Hirnverletzungen 
i*ie  schlimmsten:  bessere  xAussicht  gewiihren  die  excentrischen 
nlas^e,  zumal  die  uterinen  und  die  gastrischen,  und  peripherische 
lervenafFectionen.  Combination  mit  Irresein  und  Blodsinn  be- 
iilngt  Unheilbarkeit. 

Der  todtliche  Ausgang  wird  seltener  im  Anfalle  selbst  als 
lurch  Vermittelung  anderer  Krankheiten  herbeigefuhrt.  Dort  er- 
dgt  er  meistens  asphyctisch,  oder  durch  Gefassruptur,  besonders 
n Gehirne,  zuweilen  aucb  in  den  Lungen  und  in  Aneurysmen. 
nter  den  anderen  krankhaften  Zustiinden  sind  es  tuberculose  Lun- 
en-  und  Darmschwindsucht,  die  am  haufigsten  das  Leben  Epi- 
ptischer  beschliessen.  Von  62  Epileptischen  sail  Greding  iiber 
He  Halfte  auf  diese  Weise  sterben,  an  ersterer  19,  an  letzterer 
5 (1.  c.  S.  285). 

Die  Genesung  kommt  spontan  oder  mit  Hiilfe  des  technischen 
erfahrens  zu  Stande.  Nach  dem  Ausbruche  von  Geschwuren, 


604 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 


Hautaffectionen,  Blulfliissen,  Catamenicn,  nach  Intermittens,  Dy- 
senteric, Arthritis,  unci  was  von  besonderem  Interesse  erseheint, 
nach  dem  Eintritte  von  Amaurose  (. Esquirol  1.  c.  p.  282)  ist  Na- 
turheilung  der  Epilepsie  beobachtet  worden.  Ein  vicarirendes 
Verhaltniss  mit  anderen  Krankheiten  kommt  bei  der  Epilepsie 
seltener  vor  als  bei  der  Manie.  Pausen  zeigen  sich  zuweilen  im 
Verlaufe  acuter  Krankheiten,  wahrend  der  Schwangersehaft  und 
des  Wochenbettes. 

Die  Behandlung  hat  den  Anfall  und  die  Krankhcit  zur  Auf- 
gabe.  In  jenem  schiitze  sie  vor  Yerletzungen.  Der  Fussboden 
des  Zimmers  sei  mit  einer  dicken  Decke  belegt,  die  Bettstellen 
miissen  niedrig  sein,  um  das  Herausfallen  in  den  nachtlichen  Pa- 
roxysmen  minder  schadlich  zu  machen.  Zur  Verhiitung  derZungen- 
bisse  reicht  der  zwischen  die  Zlihne  geschobene  holzerne  Keil  nicht 
immer  aus.  Alle  feste  Binden  am  Korper  miissen  geloset  werden. 
Der  Anfall  selbst  tobe  aus : man  banne  die  Idee  ihn  zu  beschranken 
oder  zu  unterbrechen,  denn  die  Euphorie  des  Epileptischen  basirt 
auf  Entladungen  durch  Paroxysmen;  je  vollstiindiger  diese,  zumal 
nach  langeren  Intervallen,  um  so  grosser  das  Gefiihl  des  Wohl- 
seins  nach  denselben.  Wenn  wir  den  Laien  tadeln,  der  in  den 
eingeschlagenen  Daumen  das  W esen  der  Krankheit,  und  im  Auf- 
brechen  der  geschlossenen  Finger  Heil  sucht,  so  miissen  wir  uns 
vor  ahnlichen  Missgriffen  bewahren,  und  alle  unniitze  Manover, 
wohin  auch  die  magnetischen  Manipulationen  gehoren,  vermeiden. 
Und  nicht  bloss  die  Convulsionen,  auch  den  Schlaf  nach  dem  An- 
falle  lasse  man  gewahren:  doch  unterscheide  man  den  apoplec- 
tischen  Sopor,  der,  wenn  auch  selten,  doch  eintreten  kann. 

Die  Radicalcur  stiitzt  sich  zunachst  auf  die  Causalindication. 
Am  schwersten  liisst  sich  ihr  in  BetrefF  der  Anlagen,  zumal  der 
erblichen  geniigen , wo  der  Erfolg  nur  auf  Prophylaxis  beschrankt 
bleibt.  In  Familien,  wo  die  Epilepsie  pathologisches  Fideicom- 
miss  ist,  werde  die  Verheiratlning  der  Mitglieder  unter  einander 
verhiitet;  und  das  Veterinarprincip,  Kreuzung  mit  Vollblutrace 


EPILEPTISCHE  ZUSTAENDE. 


605 


ingefuhrt.  Die  Pflcge  der  in  einer  solchen  Ehe  erzeugten  Kin- 
i ier  sei  Gegenstand  grosser  Sorgfalt.  1st  die  Mutter  von  der 
\vrankheit  heimgesucht , so  muss  sie  das  Selbstnahren  meiden,  und 
las  Rind  werde  einer  kraftigen  Amme  anvertraut.  Im  jugendli- 
lien  Alter  iniissen  geistige  Anstrengungen  unterbleiben:  auf  diese 
WVeise  hat  man  es  daliin  gebracht,  dass  Epilcptische  Regenten 
ge  worden  sind. 

In  peripherischen  Nervenbahnen  haftende  Bedingungen  der 
l ipilepsie  sind  zuweilen  durch  chirurgisches  Verfahren  mit  Erfolg 
oeseitigt  worden:  so  Neurome  durch  Excision  (Short,  Carr  on , 
II faisonneuve  I.  c.  p.  206.),  Adhiision  von  Nervenfdamenten,  zer- 
•ende  Narben  durch  Cauterisation  ( Larrey  I.  c.  p.  489.),  wobei 
nan  den  Rath  gegeben  hat,  die  Stelle  noch  liingere  Zeit  in  Ei- 
erung  zu  erhalten.  Unter  diesen  Umstanden  darf  man  auch  von 
UJnterbrechung  der  sich  meldenden  Aura  durch  Ligatur,  Compres- 
sion, Friction,  Strecken  der  Glieder  etc.  einigen  Erfolg  erwar- 
l en,  den  man  sich  bei  excentrischer  Aura  nicht  zu  versprechen 
iat , indem  das  Yerhindern  des  Ausbruches,  zumal  bei  nur  sel- 
t .ener  Wiederkehr  der  Anfalle,  schadliche  Folgen  baben  kann, 
i ind  uberhaupt  die  Euphorie  des  Epileptischen  dadurch  gestort 
wird.  Auf  Krankheiten  der  Schadelknochen,  mogen  sie  von  Ver- 
etzungen  oder  Dyscrasieen  die  Folge  sein,  ist  bei  Behandlung 
'Jer  Epilcpsie  stets  das  Augenmerk  zu  richten:  eine  sorgfaltige 
lExploration  des  Kopfes,  welche  so  oft  unterlassen  wird,  ist 
'[lurchaus  nothwendig  (vgl.  S.  178.).  In  solchen  Fallen  feiert 

• die  Chirurgie  zuweilen  einen  Triumph:  Travers  erzahlt  von  einem 
^epileptischen  Ivnaben  im  Londoner  St.  Thomashospital,  wclcher 
m einer  Stelle  des  Schadels  eine  Vertiefung  hatte,  deren  Druck 

• empfindlich  war.  Ilier  wurde  die  Trephine  angesetzt,  und  das 
i concave  Stiick  herausgenommen.  Als  es  in  die  Hohe  gchoben 
wurde,  trat  ein  heftiger  epileptischer  Anfall  ein,  allein  es  war 
der  letzte.  An  dcr  innercn  Lamcllc  ragte  ein  Knochcnsplitter 
Fervor,  von  dcr  Liinge  eines  Zolles,  welchcr  die  Dura  mater 


GOG 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 


comprimirte.  (B.  Travers  a further  inquiry  concerning  constitu- 
tional irritation  and  the  pathology  of  the  nervous  system,  p.  285.). 
Auch  von  Kreuzschnitten  in  die  Kopfdccken  und  von  liingerer 
Unterhaltung  einer  grossen  Fontanelle.  sind  Erfolge  beobachtet 
worden.  Bei  syphilitischen  Tophen  wird  die  ortliche  Behandlung 
durch  Vesicatore  in  Verbindung  mit  einer  Mercurialcur  dringend 
von  Larrey  empfohlen. 

Ueber  das  Heilverfahren  der  durch  krankhafte  Zustiinde  anderer 
Apparate  bedingten  Epilepsie  sollen  hier  nur  einige  wenige  Bemer- 
kungen  ihre  Stelle  finden,  um  die  lastige  Wiederholung  bekannter 
Dinge  zu  vermeiden.  Strenge  Antiphlogose  fuhrt  selten  zum  Ziele, 
und  die  jahe  unmassige  Anwendung  der  Aderlasse  hat  sich  selbst 
in  frischen  Fallen,  bei  plethorischer  Basis,  keines  dauernden  Er- 
folges  zu  erfreuen:  den  Lancettenhelden  ist  Belehrung  durch 
Marshall  Hall's  treffliche  Untersuchungen  zu  wiinschen.  Im  All- 
gemeinen  wird  derjenige  ein  glucklicherer  Arzt  in  der  Epilepsie 
sein,  welcher  den  anamischen  Verhaltnissen  seine  voile  Aufmerk- 
samkeit  zuwendet,  und  wird  sich  hiervon  bei  der  grossen  Zahl 
weiblicher  Kranken  mit  gestdrten  Uterinfunctionen  iiberzeugen. 
Unter  den  gastrischen  Zustanden  der  Epilepsie  ist  besonders  ei- 
ner, der  therapeutische  Ber’ucksichtigung  verdient,  hartnackige 
Obstruction , die  so  oft  zum  Missbrauch  purgirender  und  drasti- 
scher  Mittel  fuhrt.  Kalten  Wasserclystiren  ist  hier  der  Yorzug 
zu  geben,  und  wo  sie  nicht  genug  fordern,  Injectionen  von  lauem 
oder  kaltem  Wasser  in  den  Mastdarm,  zum  Betrag  von  ein  bis 
zwei  Quart,  welche  gleichsam  als  inneres  Bad  in  der  Cur  schwe- 
rer  und  hartniickiger  Nervenkrankheiten  noch  nicht  so  gewiirdigt 
worden  sind,  wie  sie  es  verdienen. 

Am  leichtesten  lasst  sich  die  Causalindication  bei  der  Epilepsia 
saturnina  erfullen.  Durch  Yermeidung  des  scluidlichen  Gewerbes 
wird  ihr  Eintritt  und  ihre  Riickkehr  am  sichersten  verhiitet.  Zur 
erfolgreichcn  Behandlung  wird  von  Rayer  und  Tanquerel  des 
Planches  (1.  c.  p.  3G7.)  ein  mehr  exspectatives  Verfahren  empfoh- 


EPILEPTISCHE  ZUSTAENDE. 


607 


:n,  da  alle  hcftigen  Mittel  iiur  den  todtlichen  Ausgang  beschleu- 
j igen.  Der  Gebrauch  von  purgirenden  Clystiren,  von  fliegenden 
1 1 resicatoren  an  den  unteren  Extremitaten , von  Schropfkopfen, 
i nterstiitzt  durch  eine  passcnde  Diat  ist  der  Anwendung  kalter 
| degiessungen,  des  Opium,  des  Crotonols  etc.  vorzuziehen. 

Die  zweite  Indication  der  Radicalcur  ist:  das  Nervensein  des 
. Epileptischen  auf  die  dem  Individuum  entsprechende  Norm  zuriick- 

ufuhren.  Diese  Aufgabe  zu  losen  bemuhe  man  sich  in  den  Fal- 
!<en,  wo  keine  Ursache  zu  ermitteln  ist,  so  wie  aucli  in  jenen, 
\wo  nach  Ceseitigung  der  aufgefundenen  Ursache  die  Krankheit 
iliennoch  fortdauert.  Ilier  leite  vorzugsweise  die  Stimmung  der 
lErregbarkeit.  Bei  vorwaltendem  Erethismus,  zumal  beim  weibli- 
blien  Geschlechte  und  im  kindlichen  Alter  ist  die  Milchcur  und 
v'egetabilische  Diat  zu  empfehlen.  Clieyne  erzablt  (an  essay  on 
the  gout,  London  1724.  p.  103.)  den  Fall  eines  beriihmten  Arz- 
ttes , der  selbst  seit  langerer  Zeit  an  der  Epilepsie  gelitten 
mnd  sehr  viele  Mittel  oline  Erfolg  gebraucht  hatte.  Da  er 
Ibemerkte,  dass  die  Anfalle  um  so  seltener  eintraten,  je  we- 
iniger  und  leichter  verdauliche  Nahrungsmittel  er  zu  sicli  nahm, 
.‘so  schriinkte  er  sicli  auf  zwei  Quart  Kuhmilch  taglich  ein, 
\wovon  er  ein  Viertel  des  Morgens,  ein  Viertel  des  Abends 
i und  die  Hiilfte  Mittags  trank,  oline  noch  etwas  anderes  als 
frisches  Wasser  zu  geniessen.  Yierzehn  Jahre  lang  hielt  er 
diese  Diat  und  wurde  von  der  Epilepsie  vollkommen  hergestellt, 
— ein  seltenes  Beispiel  von  Abstinenz  bei  Kunstgenossen.  Bei 
uberwiegendem  Erethismus  ist  aucli  die  Traubencur  zu  versuchen. 
Ist  hingegen  der  Kranke  torpide,  so  ruttle  man  ihn  durch  Er- 
schiitterungen  auf,  welclie  ayf  die  Centralorgane  und  auf  die  pe- 
rijiherischen  Ausbreitungen  einwirken.  Hier  sine!  vor  Allem 
kalte  Biider  an  ihrer  Stelle,  besonders  als  Immersionen,  als  Plon- 
girbad,  als  Sturzbad  etc.  Hatten  wir  es  in  unserer  Gewalt,  den 
Einfluss  starker  GemiithsalTecte,  des  Scbreckens  zumal,  nach  un- 
serer Willkiihr  zu  beschriinken,  so  wurden  wir  in  der  Behand- 

a o ui  berg’s  Xerrenkrankh.  I.  2. 


40 


G08 


CEREBRALE  KRAEMPFE. 

lung  soldier  Epilcpsieen  gliicklicher  sein.  Aeltere  Autoren  schlu- 
o-en  zu  (liesem  Zwecke  vor,  die  Kranken  Hinrichtungen  von  Ver- 

o 

brechern  beiwohnen,  das  nodi  warme  Blut  derselben  trinken  zu 
lassen  etc.  Eine  kral'tige  Ableitung  werde  in  der  Niihe  des  Ko- 
pies, am  Hinterhaupt,  in  der  Gegcnd  der  ersten  Ilalswirbel  an- 
gebracht,  am  passendsten  mittelst  eines  Haarseils,  und  Jahre  lang 
erhalten. 

In  Betreff  der  Medicamente  tliut  Kritik  und  Beharrlichkeit 
Noth:  ihre  Zahl  lullte  schon  vor  fiinf  und  vierzig  Jabren  in  Hen- 
ning’s Analecta  litteraria  epilepsiam  spectantia,  Lipsiae  1798  einen 
Raum  von  150  Quartseiten,  welcher  seit  jener  Zeit  noch  um  ein 
Betrachtliches  vergrossert  worden  ist.  In  diescm  Ilaufen  findet 
der  crfahrene  Praktiker  kaum  ein  Paar,  denen  er  sein  Yertrauen 
zuwenden  kann:  unter  den  Vegetabilien  die  Radix  Valerianae  of- 
licinalis,  deren  schon  Aretaeus  und  Dioscorides  Erwahnung  ge- 
tlian  haben.  Es  gereicht  zu  ihrer  Empfehlung,  dass  derjenige, 
der  sic  wieder  eingefuhrt  hat,  durch  ihren  Gebrauch  von  der 
Epilepsie  geheilt  worden  ist,  der  Neapolitaner  Fabius  Columna 
(Phytobasanos.  Neapoli  1592.).  Das  frisch  bereitete  Pulver  einer 
an  hohen  Orten  wachsenden  Baldrianwurzel  eignet  sich  am  be- 
sten,  zu  ^ — 3 Drachmen,  zwei  bis  drei  Mai  taglich.  Haller  scblug 
eine  auf  den  Schweizer  Alpen  heimische  Pllanzc,  die  Spica  cel- 
tica,  vor,  die  einen  noch  penetranteren  Geruch  hat  und  sich  zu 
Versuchen  eignet.  (Opusc.  patholog.  edit.  Lausann.  1768.  p.  195). 
Enter  den  Metallen  ist  vorzugsweise  das  Argentum  nitricum  zu 
nennen,  fur  dessen  AVirksamkeit  ich  eine  grosse  Autoritat  anfuh- 
ren  kann,  unsercn  verewigten  Heim , der  es,  wie  er  micli  einst 
versichcrt  hat,  als  das  bewiilirteste  Mittcl  in  seiner  sechzigjahri- 
gen  Laufbahn  anerkannt  hat.  Die  erneuertc  Anwendung  des 
Hollensteins  gegen  Epilepsie  (derm  schon  im  Anfang  des  sieb- 
zehntcn  Jahrhunderts  war  er  von  Angelas  Sala  empfohlen  wor- 
den) riihrt  von  brittischen  Aerzten  bcr,  Wilson,  Harrison,  Rogci , 
vvelche  von  grdsseren  Dosen  als  in  Deutschland  ublich  sind,  1 — 2 


EP1LEPTISCHE  ZUSTAENDE. 


609 


3—6  Gran  in  Pillenform,  dreimal  taglich,  den  giinstigen  Erfolg 

leobachteten.  (John  Cooke  history  and  method  of  cure  of  the  va- 
l -lous  species  of  epilepsy.  London  1823.  p.  142 — 152.).  Powell  hind, 
lass  derMagen  eine  dreifach  grossere  Dosis  des  salpetersauren  Silbers 
n fester  Form  als  in  Solution  vertragt  (Med.  transact.  Vol.  IV.  p.  85.) 
lRathsam  ist  cs,  mit  kleinen  Gahen  von  einem  viertel  Gran  zu  be- 
.jinnen,  allmahlich  zu  steigen  und  mit  Ausdauer  fortbrauchen  zu  las- 
ssen.  Die  blaugraue  Pigmentbildung,  auf  welche  der  verstorbene 
Albers  in  Bremen  und  Roget  zuerst  alifmerksam  gemacht  habcn, 
Med.  and  chirurg.  transactions.  Vol..  VII.  p.  290.)  steht  in  kei- 
iaer  Beziehung  zur  Epilepsie.  — Von  geringerer  Wirksamkeit 
sind  Cuprum  ammoniatum  und  Zink:  doch  ist  in  neuester  Zeit 
ler  Zinkvitriol  in  steigender  Dosis  bis  zu  einem  Scrupel  und  hal- 
iben  Dracbme,  drei  Mai  taglich,  von  Bright  und  Babington  (Ob- 
servations on  epilepsy  in  Guy’s  hospital  reports.  Vol.  VI.  p.  47.) 
ails  erfolgreich  empfohlen  worden. 

Olme  diatetisches  Regimen,  psychisches  und  korperliches,  miss- 
! 'ingen  die  Heilversuche.  Von  welchem  wichtigen  Einllusse  das 
I psychische  ist,  lehrt  schon  der  Umstand,  dass  selbst  bei  verjahr- 
f ter  Epilepsie  die  durch  Veranderung  des  Arztes  und  der  Curme- 
tliode  geweckte  Hoffnung  die  Intervalle  der  Anfalle  verliingern 
oder  selbst  eine  Pause  hervorbringen  kann.  (Toujours  une  nou- 
'velle  medication  suspendait  les  acces  pendant  quinze  jours  chez 
les  uns,  pendant  un  mois,  deux  mois  chez  d’autres,  et  meme 
ipendant  trois  mois.  Esquirol  1.  c.  p.  319.). 


Druck  von  Julius  Sittenfeld,  Berlin. 


4 

■']  . ' . . . . . , . 


/ 


Lehrbuch 


der 

Nervenkraiiklieiten  ties  Menschen. 

Von 

Moritz  Heinrich  Romberg, 

Doctor  der  Medici »,  Ritter  des  rotben  Adlerordens  dritter  Klasse  mit  der  Schleife,  ordentliche 
• * 
offentlicbem  Professor  der  Heilkunde  und  Director  des  Koniglvchen  Poliklinischen 

Iostituts  der  Friedricb-Wilhelms-Universitat  zu  Berlin. 


Cti ten  VJhaudeJ  dutte  €Ujt¥\etVu,iity. 


Berlin , 

Verlag  von  Alexander  Duncker, 

Konigl,  Bfofbuchhandler. 


1846. 


— 


. 


. 

' 


' 


Der  Lehre 


. der 

MotllMt  - IV  euroyen 


zweite  Abtheilung. 


Zweitc  Abtheilung. 

Acineseso 

Laliimingcn. 


Schwiiche  ocler  Aufhoren  dcr  Muskelcontraction  durch  Ab- 
ahme  oder  Verlust  der  Leitungsfahigkeit  und  Erregung  des  molo- 
nschen  Nerven  ist  der  BegrifF  der  Lahmung. 

Hierdurch  unterscheidet  sich  die  Lahmung,  Paralysis,  von 
‘der  andern  Immobilitiit  des  Muskels,  womit  sie  oft  verwechselt 
,ird.  Ohne  auf  die  Unbeweglichkeit  einzugehen,  welche  durch 
>esorganisation  des  Muskcl-  und  fibrosen  Gewebes  in  Folge 
ndrer  pathischer  Processe  bedingt  wird,  halle  ich  es  fur  noth- 
'cndig,  jene  Arten  von  Immobilitiit  hervorzuhebcn , welche  durch 
cn  Mangel  der  normalen  Reize  der  Muskelfaser  entstehen. 


Von  dcm  arteriellen  Blute  als  Reiz  der  Contractililiit,  dicscr 
mmanenten  Kraft  der  Muskelfaser,  war  schon  an  eincr  friiheren 
I telle  (S.  278}  die  Rede,  und  darauf  aufmerksam  gemacht,  dass 
3r  Nervcnreiz  als  der  miichtigere  sich  selbst  dann  nocli  geltend 
lacht,  wcnn  der  Blutreiz  aufgehort  hat.  Experimente  an  leben- 
3u  Thieren  und  die  asphyktische  Cholera  wurden  als  Belcge  an- 
3fuhrt.  Allein  cs  hat  dieses  Verhaltniss  nur  cine  kurze  Zeit 
att : wo  die  Zuleitung  arteriellen  Blutes  liingcr  gehemmt  ist  und 

Horn  berg’s  Nervenkrankb.  I.  3.  41 


G12 


AGNES  ES. 


(lurch  kcinc  Collatcralgcfasse  ersetzt  wird,  folgt  Vcrlust  der  Con- 
tractilitat  ehen  so  hestimmt,  wie  bei  Unterbrechung  der  Leitung 
im  motorischen  Nerven.  Die  in  neuerer  Zeit  beschrichencn  Fiilie 
von  Arteritis  geben  den  Beweis,  zu  dencn  ich  folgenden  aus  eigner 
Beobaehtung  hinzufuge. 

Ein  neun  und  zwanzigjiihriger  Kaufmann,  seit  kurzem  Briiuti- 
gam,  welcber  sich  einer  guten  Gesnndheit  zu  erfreuen  hatte,  klagte, 
nachdem  ein  Unwohlsein  von  einigen  Tagen  vorangegangen  war, 
in  der  Nacht  vom  20.  — 21.  October  1844  plotzlich  iiber  ein 
Gelulil  von  Brennen  in  den  untern  Extremitaten , welches  aufwarts 
nach  dem  Kopfe  stieg,  und  sich  hier  in  eine  uherwaltigende  Em- 
pfindung  von  Zischen  und  Sausen  verwandelte,  so  dass  fast  das 
Bewusstsein  schwand,  doch  vermochte  er  nocli  nach  Iliilfe  zu 
rufen.  Der  herbeigeholte  Arzt  fand  ihn  mit  lividem  aufgetriebenem 
Gesichte  und  sprachlos ; die  linke  Seite  war  schwer  beweglich , der 
Kopf  benomraen,  der  Puls  langsam ; beim  Aufrichten  stellte  sich  Er- 
brechen  ein.  (Aderlass,  antiphlogistische  Behandlung.)  Am  Abend 
des  folgenden  Tages  kehrte  die  Sprache  zuriick:  nur  ein  miissiger 
Schmerz  war  noch  im  Kopfe  vorhanden,  welcher  bei  Bewegungen 
zunahm.  In  den  nachsten  Tagen  war  der  Puls  besckleunigt , die 

Haut  heiss  und  trocken.  Der  Kranke  klagte  iiber  Formication  in 

\ 

den  Fingern  und  Schlaflosigkeit.  Am  ersten  November  bekam  er 
Frostschauer,  darauf  Hitzc  und  Schweiss,  welche  sich  unregel- 
miissig  1 — 2mal  taglich,  auch  in  der  Nacht  wiederholten.  Die 
BcschafFenheit  des  Urins  war  veranderlich , bald  hell  und  blass, 
bald  saturirt  und  scdimentirend.  Am  vierten  November  fand  sich 
ein  Gefuhl  von  Erstarrung  im  rechten  Fusse  ein,  welches  nach 
ein  Paar  Stunden  auf  die  Amvendung  trockner  Frictionen  vor- 
iiherging,  allein  am  folgenden  Tage  zuruckkehrte , sich  bis  zur 
Mittc  des  Unterschejikels  erstreckte,  mit  Kiilte,  Aniisthesie  und 
erschwerter,  schmerzhafter  Bewegung  verbunden  war.  Dumpfp 
Schmerzcn  traten  auch  spontan  in  der  Tiefe  des  Gliedes  ein.  Am 


zwolften  November  stellten  sich  Warme  und  Sensibililiit  allmahlig 


ACINESES. 


613 


, vieder  her,  jedoch  schleppte  der  Fuss  beim  Gehen  nach.  Das 
Kieber  dauerte  fort  bei  gesunkenen  Kraften.  Der  Kranke  klagte 
I etzt  auch  uber  eine  spannende  Empfindung  im  linken  Fusse  und 
liiefsitzenden  dumpfen  Schraerz,  der  beim  Drucke  auf  die  innere 
plache  des  Oberschenkels  iiber  dem  Knie  zunahm  und  am  vier- 

I ehnten  November  sehr  heftig  wurde.  Die  Frostschauer  waren 
,eit  einigen  Tagen  ausgebliebcn , dagegen  steigerte  sich  das  Fieber: 
Her  Schlaf  fehlte  fast  ganz:  Delirien  stellten  sich  ein.  Der  Urin 
:;ing  oilers  unwillkuhrlich  ab,  obgleich  der  Kranke  des  Dranges 

tewusst  war.  In  den  nachsten  Tagen  gesellten  sich  starke  Pal- 
litationen  des  Herzens  hinzu. 

Am  28.  November  ward  ich  ziir  Consultation  gerufen.  Der 
inke  Unterschenkcl  und  Fuss  sind  odematos,  in  erheblichem  Grade, 

0 dass  der  Fingerdruck  auf  dem  Fussriicken  Gruben  hinterlasst, 
und  von  blaulich  rother  Farbe.  Eine  betrachtliche  dunkle  Sugil- 
iition  nimmt  die  aussere  Seite  des  Unterschenkels  ein.  Die  Ilaut 

I I er  Fusssohle  ist  von  blassgelber  Farbe  und  nach  den  Zehen  hin 
in  dicken  Falten  gekrauselt,  wie  in  der  asiatischen  Cholera.  Die 
remperatur  ist  bis  oberhalb  des  Kniees  bedeutend  gesunken.  Die 
; ' 'ensibilitat  ganz  erloschen,  so  dass  ich  eine  Nadel  tief  einstechen 
; .ann,  olme  dass  der  Kranke  es  empfindet,  und  ohne  dass  ein 

Hutstropfen  hervordringt.  Der  Unterschenkel  ist  geliilimt:  nur  auf 
i viederholtes  AufTordern  vermag  der  Kranke  die  grosse  Zehe  und 
; i iachbarzehe  ein  wenig  zu  ilectiren , so  wie  auch  durch  Bewegung 
< es  Oberschenkels  die  ganze  Fxtremitat  in  schwachem  Maasse  zu 
i'ltiren.  Ueber  dem  Knie  beginnt  die  normale  Farbe  und  Wiirme. 

: 'Yeder  in  der  Art.  poplitea  noch  in  der  cruralis  dcr  linken  Seite 
i«.sst  sich  eine  Pulsation  fuhlen.  Der  Druck  auf  die  Schenkel- 
rrterie  unter  dem  Poupartschen  Bande  erregt  lebhaften  Schmerz. 

1 der  Aorta  abdominalis  bore  ich  mittelst  des  Sthetoscops  nur 
! berhalb  des  Nabels  Pulsation,  unter  demselhen  keinc.  In  der 
nken  Badialis  fehlt  ebenfalls  der  Puls:  in  der  Farbe,  Ternpe- 
itur  und  Sensibilitiit  des  Arms  und  der  Hand  ist  kcin  Untcr- 

41* 


G14 


ACINESES. 


schicd  von  dcr  andern  Scite  wahrzunehmcn ; allein  die  Kraft  der 
Bewegung  hat  geiitten,  und  der  Kranke  selbst  klagt  uber  Schwache 
in  derselbcn.  l)ic  Pulsation  der  linken  Carotis  ist  schwiicher  als 
in  dert  rechten.  Das  rechte  Bein,  im  Knie  gebogen,  hat  eine 
massige  Warme;  die  Sensibilitat  ist  selir  abgestumpft,  so  dass  der 
Kranke  jeder  Beruhrung,  wenn  er  sie  nicht  sieht,  unbewusst  ist. 
Die  Motilitiit  ist  erschwert,  wenn  auch  nicht  in  solchem  Grade  wie 
im  linken  Fusse.  Die  Cruralis  zeigt  Pulsation:  an  der  Popli- 
tea  kann  ich  sie  nicht  deutlich  unterscheiden.  Der  Ilerzimpuls 
ist  beschleunigt  und  verstarkt:  die  aufgelegte  Hand  fiihlt  deutlich 
Vibration.  Der  erste  Ilerzton  wird  von  einem  starken  Blasebalg- 
gerausch  verdeckt,  welches  synchronise!)  mit  dem  Pulse'  ist.  Der 
Puls  ist  von  120  Schlagen,  leicht  zu  comprimiren,  die  Haut  trocken 
und  warm,  der  Athem  massig  beschleunigt  — kein  Gefiihl  von 
Beklemmung,  die  Lage  auf  beiden  Seiten  und  auf  dem  Rucken 
gleich  ertraglich,  der  Stuhlgang  seit  zwolf  Stunden  verstopft,  der 
Bauch  meteoristisch  aufgetrieben,  bei  der  Percussion  tympanitisch 
schallend,  der  Urin  reichlich,  jumentos,  offers  unwillkuhrlich  abge- 
hend,  die  Zunge  feucht,  der  Durst  massig,  das  Gesicht  eingefal- 

t 

len,  bleich,  besonders  die  Lippen.  Das  Bewusstsein  zeigt  sich  zwar 
frei  in  dcr  Unterhaltung , allein  der  Kranke  hat  kein  Gefuhl  seiner 
Krankheit,  im  Gegentheil  eine  gewisse  Euphorie,  und  verfallt  in 
blande  Delirien,  sobald  er  sich  selbst  uberlassen  ist. 

Ich  eroffnete  sofort  den  behandelnden  Aerzten,  dass  ich  die  Ansicht 
von  der  Krankheit  als  einer  durch  Affection  des  Ruckenmarkes  beding- 
ten  nicht  theilen  konne,  sondern  die  Paralyse  der  untern  Extremita- 
ten  als  Folge  einer  Unwegsamkeit  der  Art.  cruralis  und  ihrer  Ra- 
mificationen  betrachte,  welche  in  diesem  Lebensalter,  wenn  kein 
Aneurysma  vorhanden,  nur  durch  Entziindung,  durch  Arteritis,  ent- 
stclit.  Cercbralc  und  spinale  Lahmungcn  beginnen  nicht  mit  Storungen 
dcr  Circulation:  diesc  selbst,  so  wie  die  Abnahme  dcr  Temperatur 
crreichcn  dort  keinen  so  hohen  Grad , und  niemals  zeigt  sich  Puls- 
losigkeit  in  den  Artcrienstammen.  llier  sei  dagegen  Gangran, 


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G15 


iem  Braude  der  Alien  vergleichbar , im  Anzugc.  Die  Krankheit 
: lat  nach  dem  mir  mitgetheilten  Berichte  zu  urtheilen , in  der 
IBalm  der  rechten  Schenkelarterie  begonnen,  ohne  jedocli  alle 
Collateralgefasse  zu  verstopfen,  da  sich  Warme  wieder  eingcstellt 
lat,  sei  dann  aufwarts  nach  der  Aorta  bis  zur  Theilung  in  die  Ilia- 
cae  gestiegen,  imd  von  bier  auf  die  andre  Iliaca  und  Cruralis  iiber- 
^egangen,  wo  durch  weitere  und  starkere  Verbreitung  der  Blut- 
auf  uberall  unterbrochen  worden  ist.  Der  lebhafte  Schmerz  beim 
IDrucke  auf  die  Art.  cruralis  unter  dem  Schenkelbogen  deute  nocli 
etzt  den  entz'undlichen  Vorgang  als  Bedingung  der  Obliteration 
in.  Jedoch  nicht  bloss  unter  dem  Zwerchfell,  aucli  oberhalb 
lesselben,  und  zwar  in  der  linken  Kbrperhalfte , ist  eine  Krank- 
leit  im  arterielen  Apparat  ausser  allem  Zwcifel:  im  linken  Her- 
zen eine  Veranderung  der  Mitralklappe,  angedeutet  durch  das  systo- 
ische  Blasebalggerausch , durch  den  verstiirkten  Impuls,  durch 
lie  Vibration,  wahrscheinlich  aus  Endocarditis  hervorgebildet,  dann 
much  in  der  Art.  radialis  ein  ahnlicher  Process  wie  in  der  cru- 
alis,  obglcich  schwacher  und  mit  Integritat  der  Collateralgefasse. 
- Der  tddtliche  Ausgang  sei  unvermeicUich , sowohl  wegen  der 
Ausdchnung  der  Arterienenlzundung,  als  auch  wegen  bedeutenden 
ErgritFenseins  des  Herzens  und  des  Verfalls  der  Krafte,  welcher 
;ine  Ausbildung  dcs  Collateralkreislaufs , bei  zu  Stande  gckomme- 
ler  Obliteration  der  Hauptstiimme,  nicht  zulassen  wiirde.  In  der 
lehandlung  konne  daher  auch  von  Entziehung  nicht  mehr  die 
Uede  sein  (Application  der  Warme  mittelst  aromatischer  Fomen- 
ationen  der  Beme,  Einreibungen  des  Ung.  cinereum  in  die  Schcn- 
;el,  Fleischbrube,  Geiluss  des  Weins). 

20.  November.  In  der  Nachtl  mussitirendc  Delirien  und 
miter  Schweiss.  Eine  dmikelrolhe  Ekchymose  zeigt  sich  auf  dem 
echten  Knie:  am  linken  Fuss  ist  das  Oedem  gcringer  und  wcicher. 
io  weit  die  warmen  Fbmentationcn  reichen,'  fiihlt  man  eine  mit- 
;etheilte  Wiirme,  die  am  Knie  aulhort,  welches  cine  kiihle  Tem- 
'eralur  hat.  Der  Puls  von  128  Schlagen  ist  Klein  und  ungleich, 


GIG 


ACINESES. 


die  Haul  feucht  und  massig  warm.  Die  Zunge  ist  in  der  Mitte 
und  an  der  Spitze  trocken.  Das  Bewusstsein  frei.  Ham  und 
Excremente  gehen  unwillkuhrlich  ab,  doch  fiihlt  der  Kranke  stets 
das  Bediirfniss.  Die  Lage  des  Korpers  ist  nacli  der  rechten  Seite, 
und  ohne  Unterstiitzung  des  Warters  ist  die  Vcriinderung  der 
Lage  unmoglich.  Das  rechte  Bein  ist  im  Knie  gebogen.  — 

30.  November.  Der  rechte  Unterschenkel  ist  schmerzhaft  bei 
der  Bewegung:  auch  in  der  Ruhe  klagt  der  Kranke  uber  em- 
pfindliche  Spannung  in  demselben,  obgleich  gegen  aussern  Reiz  voll- 
kommene  Anasthesie  stattfindet.  Die  Epidermis  blattert  an 
mehreren  Stellen  ab,  auch  an  der  sugillirten.  Am  Knie  des  lin- 
ken  Beins  hat  sich  cine  Ekchymose  gebildet,  welche  bis  zur 
Mitte  des  Oberschenkels  reicht,  der  jetzt  auch  kuhl  und  bis  zur 
Granze  der  Glutaei  des  Ilautgefuhls  verlustig  ist.  Decubitus  zeigt 
sich  am  Kreuzbein.  Das  Blasebalggerausch  im  Herzen  dauert 
fort:  die  Auftreibung  des  Bauches  nimmt  nach  dreimaliger  wass- 
riger  Stuhlentleerung  zu.  Im  Laufe  des  Tages  zu  wiederholten 
Malen  Delirien.  (Decoct,  cort.  Ghin.  mit  Aeth.  acet.,  warme  Fo- 
mentationen  der  Beine  mit  Essig.)  — 1.  December.  In  der 

Nacht  dauerten  die  Delirien  ohne  Unterbreehung  fort.  Die  Haut  war 
bis  gegen  Morgen  mit  Schweiss  bedeckt.  Auf  der  vordern  Flache 
des  rechten  Unterschenkels  sind  zwei  grosse  dunkle  Ekchymosen 
stchtbar.  Die  Anasthesie  dehnt  sich  bis  einige  Zoll  liber  dem 
Kniegelenk  aus,  von  wo  an  die  Sensibilitlit  auch  nur  stumpf  ist. 
Die  Bewegungsfahigkeit  des  Unterschenkels  ist  ganz  aufgehobcn. 
Am  rechten  Trochanter,  auf  welchem  dcr  Kranke  wahrend  der 
Nacht  lag,  ist  Decubitus  entstanden.  Der  Meteorismus  vermehrt, 
der  Athem  beschleunigt,  ohne  alles  Gefuhl  von  Beklemmung.  Der 
Puls  der  linken  Radialis  liisst  sich  am  Handgelenke  fuhlen,  jedoch 
sehr  schwach.  Neigung  zu  Sonmolcnz,  zogernde  Sprache,  colla- 
birtes  Gcsicht.  — 2^  December.  In  dcr  -Nacht  fortwahren- 

des  Irreredcn:  einige  Stundcn  allgemcincr  warmer  Schweiss.  Bei 
lage  Somnolenz,  Flechsenspringen , sehr  beschlcunigter  Athem, 


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G17 


Puls  am  Morgen  von  11G,  am  Abend  128  Schlagen,  schr  klein, 
wurmformig,  die  Zimge  trocken  und  kiihl,  der  Bauch  tympanitisch, 
bestandiger  Tenesmus  und  Harndrang.  Am  rechten  Unterschen- 
kel,  der  immer  mehr  zusammenschrumpft,  hat  sich  die  Epidermis 
auf  den  Eckchymosen  und  ilirer  Umgebung  losgeschalt.  Die  Cutis 
ist  schwarz,  trocken,  lederartig.  Der  Decubitus  am  Kreuzbein  hat 
weiter  um  sich  gegriffen,  und  am  linken  Trochanter  major  sich 
eingefunden.  Und  hei  diesem  Zustande  grosse  Euphorie,  so  dass 
der  Kranke  mich  fragt,  oh  er  aufstehen  und  einen  Brief  schrei- 
ben  konne.  — 3.  December.  Der  Athem  ist  sehr  beschleu- 

nigt,  oberflachlich , tonend,  das  Blasebalggeriiusch  und  der  Tmpuls 
des  Herzens  schwacher,  der  Puls  von  120  Schlagen  verschwindet 
fast  unter  dem  Finger,  die  Ilaut  des  Rumpfes  miissig  warm, 
Backen  und  Nase  kiihl,  Zunge  trocken.  Das  rechte  Bein  ist  im 
Knie  sehr  stark  gebogen  und  liisst  sich  nicht  extendiren.  Die 
Mumification  hat  im  Unterschenkel  einen  grossern  Umfang.  Am 
linken  Knie  hat  sich  eine  grosse  Brandblase  gebildet.  Die  Haut- 
venen  ziehen  sich  wie  breite  Strange,  auch  durch  die  Ekchymosen 
hindurch.  Das  Oedem  ist  kleiner  und  weicher.  Die  Art.  cruralis 
ist  wie  ein  harter  Strang  fuhlbar  und  beim  Drucke  schmerzhaft. 
— 4.  December.  Die  Nacht  sehr  unruhig,  anhaltendes  Irre- 
reden,  sechs  breiige  unwillkuhrliche  Stiihle,  allgemeiner  warmer 
Schweiss.  Angeredet  giebt  der  Kranke  Antwort,  allein  bald  ver- 
wirrt  sich  sein  Ideengang  und  er  delirirt.  Der  Athem  ist  kurz, 
geriiuschvoll,  mit  heftiger  Action  der  Nasenllugel,  der  Puls  von 
124  Schlagen,  wie  eine  leere  Dulse,  die  Zunge  trocken,  an  der 
Spitze  und  den  Raridern  mit  Soor  bedeckt,  das  Schlucken  er- 
schwert.  Der  Puls  der  linken  Radialis  ist  nicht  zu  luhlen,  und 
das  Blasebalggeriiusch  im  Herzen  hat  aufgehort.  Am  linken  Bein 
bat  sich  die  Injection  der  Vcncn  holier  nach  dem  Oberschenkel 
verbreitet:  sie  bilden  ein  Netzwerk  von  schwarzbrauncn  breiten 
Streifen,  die  sich  auch  dem  Gefiih!  zu  erkennen  geben:  bcson- 
ders  deutlich  liisst  sich  die  Saphena  inagna  vcrfolgen.  Die  Ekchy- 


G18 


ACINESES. 


mose,  wclclie  die  ganze  innere  Fliiche  bedeckt,  hat  cine  dunklere 
Farbe  angenommen.  Am  Unterschenkel  sind  mehrere  Brandblasen 
aulgcschosscn.  Der  reclite  Untcrschenkel  ist  noch  melir  abge- 
maeert:  die  mumificirte  Stclle  dehnt  sich  wciter  aus,  und  die  um- 
o-ebende  Ilaut  hat  eine  dunlde  blaurothe  Farbe.  Wahrend  die 

o 

Sensibilitat  am  rechten  Oberschenkel  sehr  schwach  ist,  bleibt  der 
Druck  auf  die  Art.  cruralis  sehr  schmerzhaft.  — 5.  Decem- 

ber. Der  Kranke  ist  mehr  bei  sich,  allein  seine  Sprache  ist  un- 
verstandlich , lallend.  Der  Athem  sehr  schnell  und  frequent,  der 
Puls  von  124  Schlagen.  Der  Urin,  den  der  Wiirter  aufgefangen 
hat,  ist  reichlich,  hell,  schwach  sauer.  Der  Bfand  greift  rasch 
um  sich.  Die  Oberhaut  Ioset  sich  am  linken  Unterschenkel  ab, 
die  blossliegende  Cutis  ist  kohlschwarz,  matscliig,  das  Muskelfleisch 
in  stinkende  Faulniss  ubergegangen.  Am  Unterschenkel  und  an 
der  Ferse  liabcn  sich  grosse  und  tiefe  sphacelose  Stellen  gebildet. 
Auf  dem  Riicken  des  rechten  Fusses  zeigt  sich  eine  brandige 
Stelle  von  grossem  Umfang,  wo  die  Epidermis  abgeloset  und  die 
Cutis  schwarz,  hornartig,  zusammengeschrumpft  erscheint.  Sopor, 
Morgens  4 Uhr  Tod. 

Die  Le  ichenoffnung  wurde  30  Stimden  nach  dem  Tode 
vom  Professor  Froriep  vorgenommen. 

Die  Pleurasiicke  enthielten  eine  rothlich  gefiirbte  serose  Fliis- 
sigkeit  in  geringer  Quantitat.  Beide  Lungen  waren,  die  Leichen- 
stasis  in  den  untern  Lappen  ausgenommen,  vollkommen  normal. 
Der  Herzbeutel  war  sehr  ausgedehnt  und  mit  5 — G Unzen  eincr 
ausgedehnten  Fliissigkeit  angefullt.  Das  llerz  war  vergrossert,  dcr 
linke  Yentrikel  hypertrophisch.  Im  rechten  Yentnkel  land  sich 
ein  festes  blassrothes  Coagulum;  im  linken  war  das  Coagulum 
betriichtlicher  und  mehr  cruorhaltig.  Zwischen  den  beiden  Zipfeln 
der  Mitralklappe  und  auf  derm  obern  aufsitzend  land  sich  eine 
rundliche  Excrescenz  von  anderthalb  Zoll  Liinge  und  gelblich  weis- 
ser  Farbey  welchc  das  Ostium  venosum  last  ganz  aus  faille.  Die 
Aortcnklappcn  und  die  innere  Mcmbran  dcs  Ventrikels  waren 


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normal,  lm  Arcus  aortae  fanden  sich  kleine  knorplige  Verdickun- 
_gen , desgleichen  in  der  Aorta  thoracica,  welche  einzelne  hervor- 
ragende  Liingestrcifen  auf  der  innern  Haul  bildeten. 

Magen  und  Darmkanal  waren  von  Gas  sehr  ausgedehnt.  lm 
Gcwebe  der  Milz,  unter  der  Peritonealhaut,  zeigten  sich  drei  pla- 
i 'Stische  Exsudate  >011  weisslicher  Farbe  und  kleinerp  Umfange. 

In  der  Aorta  abdominalis  land  sich  dicht  vor  der  S telle  ihrer 
Theilung  in  die  Iliacae  communes  ein  festes  blassrothes  Coagulum, 
welches  die  Arterie  vollkommen  verschloss  und  fest  an  der  innern 
IHaut  anhing,  die  glatt  und  nicht  gerothet  war.  Dieser  Pfropf 
'Setzte  sich  in  die  beiden  Iliacae  communes  fort  und  endete  diin- 
ner  werdend  mit  einer  conischen  Spitze.  Da  wo  die  linke  A. 
iliaca  interna  abgeht,  befand  sich  ein  eben  so  festes  aber  belleres 
! Exsudat.  Die  A.  iliaca  externa  sinistra  war  bis  an  der  Stelle, 
wo  sie  hinter  dem  Poupart’schen  Bande  hindurchtritt,  von  einem 
diinnern,  viel  Cruor  haltigen  Gerinnsel  ausgefullt,  welches  sich 
won  der  innern  Haut  ablosen  Hess,  die  selbst  verdickt,  gerothet, 
miirbe  war,  und  mit  Leichtigkeit  von  der  mittlern  oder  Faser- 
ihaut  getrennt  werden  konnte.  Die  Faserhaut  und  aussre  Zell- 
scheide  waren  ebenfalls  dicker  und  briichiger  als  im  normalen 
> Zustande.  Zwischen  den  Hauten  war  lymphatisches  Exsudat, 
welches  man  auch  in  dem  die  Arterien  umgebenden  Zellgewebe 
deutlich  wahrnehmen  konnte.  Letzteres  war  besonders  unterhalb 
des  Ligamentum  Poupart.  stark  entziindet,  und  die  daselbst  be- 
findlichen  Lymphdriisen  angcschwollen  und  gerothet.  Die  A.  cru- 
ralis  enthielt  da,  wo  sie  die  A.  femoris  profunda  abgiebt,  einen 
festen  Pfropf,  der  sich  von  der  innern  starkgerotheten  Haut  sehr 
schwer  losen  liess  und  mit  , einem  Fortsatze  in  die  profunda  selbst 
hineinerstreckte,  so  dass  dieser  Thrombus  einem  Zaline  mit  zwei 
Wurzeln  glich.  In  ihrem  weitern  Verlaufe  war  die  Cruralis  mit 
einem  diinnern  cruorhaltigen  Gerinnsel  ausgefullt,  und  die  innere 
Haut  zottig,  rauh,  starkgerbthet.  • Weiter  nach  unten  war  sic 
frei,  und  erst  da,  wo  sie  den  Muse,  adductor  magnus  durebsetzt, 


020 


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durch  einen  festen  blassen  Pfropf  wiederum  ganzlich  geschlossen, 
die  innere  Haul  stark  gerothet,  aufgelockert,  wulstig.  Zellgevvebe 
und  Muskeln  waren  emphysematos , zerselzt,  matschig,  von  iius- 
serst  widrigem  Gestanke,  so  dass  die  Untersuchung  der  Arterie 
am  linken  Unterschenkel  und  Fusse  nicht  fortgesetzt  wurde.  Die 
rechte  A.  iliaca  interna  war  frei.  In  der  externa  befand  sich 
unmittelbar  unter  der  Stelle,  wo  sie  von  der  Iliaca  communis  ab- 
tritt,  ein  festes  biasses  Coagulum,  ebenfalls  schwer  von  der  inncrn 
Haut  losbar.  Die  A.  cruralis  clieser  Seite  war  eng,  zusammen- 
gezogen;  ihre  innere  Haut  war  faltig.  Sie  enthielt  an  der  Stelle, 
wo  sie  die  profunda  femoris  abgiebt,  einen  festen  Pfropf,  der  sich 
wie  auf  der  linken  Seite  in  diesen  Ast  hinein  fortsetzte.  Die 
innere  Haut  war  ebenfalls  gerothet,  aufgelockert.  Weiter  abwarts 
nach  dem  Knie  zu  lullte  ein  blasseres  Coagulum  das  Arterienrohr 
aus,  und  die  Membranen  der  Arterie  waren  auffallend  verdickt. 

Die  Vena  saphena  magna  des  linken  Schenkels  war  eng,  zu- 
sammengezogen : ihre  innere  Membran  blass  und  gerunzelt.  Ein 
geringes  Lymphexsudat  war  in  das  sie  umgebende  mid  stark  ent- 
zundete  Zellgewebe  ergossen.  Die  Vena  cruralis  und  iliaca  com- 
munis verhielteu  sich  normal. 

In  der  Art.  brachialis  des  linken  Arms  befand  sich  unmittelbar 
uber  der  Stelle  der  Theilung  in  die  Radialis  und  Ulnaris  ein  fester 
blassrother  an  der  innern  Haut  fest  anhangender  Pfropf,  der  einen 
halben  Zoll  weit  in  die  beiden  Aeste  hineinragte.  Diese  waren 
eng,  ihre  innere  Haut  zeigte  sich  etwas  rauh  und  gerothet.  Die 
Radialis  enthielt  aber  bis  zum  Uandgelenke  bin  kein  Coagulum.  — 
Die  Art.  subclavia  und  Carotis  sinistra,  so  wie  die  Jugularvenen 
waren  normal  bes chaffer). 

48  Stunden  nach  der  Section  hatte  Johannes  MiiUer  die  Giite, 
auf  meinen  Wunsch  das  Ilerz  und  die  Arterien  genauer  zu  unter- 
suchen,  welche  in  wasscrvcrdiinnlem  Spiritus  aufbcwahrt  waren. 

Der  Durchschnitt  der  Geschwulst  an  der  Mitralklappe  zeigte 
cine  fasrige  Structur,  und  unter  dem  Mikroskope  Biindel  von  I3in- 


ACINESES. 


621 


degewebefasern.  Die  Geschwulst  selbst  hatte  unter  dem  Endo- 
cardium ihren  Sitz , welches  sich  vom  Vorhol  uber  die  Geschwulst 
in  den  Ventrikel  erstreckte.  Im  untern  Theile  der  rechten  Cruralis 
war  das  gelblichweisse  Cbagulum  mit  einer  Ffussigkeit  von  der- 
•selben  Farbe  impragnirt,  in  welcher  bei  der  mikroskopischen  Un- 
tersuchung  viele  Kugeln  sichtbar  waren,  die  jedoch  nicht  mit  Ei- 
terkugeln  ubereinstimmten.  Auf  den  Gerinnseln  in  den  Arterien 
lag  eine  diinne  Schicht  plastischen  Exsudats,  welches  auch  die 
innere,  Membran  der  Arterien  an  vielen  Stellen  bedeckte.  Die  in- 
nere  Arterienhaut  erschien  von  dunklerer  Rdthe  als  am  Tage  der 
Section:  an  grossen  Strecken  war  sie  von  der  mittlern  Ilaut  ab- 
geldst,  an  andern  liess  sich  deutlich  ein  Exsudat  zwischen  beiden 
wahrnehmen. 

Die  ursachlichen  Bedingungen  dieser  machtigen  Krankheit  sind 
in  Dunkel  gehiillt:  keine  heftige  Anstrengung,  kein  Excess  irgend 
einer  Art  war  vorangegangen;  eben  so  wenig  liess  sich  ein  dys- 
krasisches  Moment  nachweisen.  Nach  dem  Tode  des  Kranken  er- 
fuhr  ich  von  seinem  Bruder,  dass  seit  seiner  Verlobung  im  Sep- 
tember eine  auffallende  psychische  Veranderung  stattgefunden  habe. 
Friiher  phlegmatisch  und  trage,  sei  er  lebhaft,  aufgeregt  gewor- 
den,  hatte  die  Nachte  hindurch  aufgesessen  und  Briefe  mid  Verse 
an  die  Braut  geschrieben.  Auch  auf  dem  Krankenlager  hatte  ihn 
dieses  Verhaltniss  oft  und  eifrig  beschaftigt.  Wo  die  Krankheit 
in  diesem  Falle  begonnen  hat,  liisst  sich,  da  eine  genaue  Beob- 
achtung  des  Anfangs  nicht  vorliegt,  nur  conjectured  andeuten. 
Yon  Wichtigkeit  ist  das  simultane  Walten  derselben  im  Centrum 
der  Circulation  und  in  mehreren  Arterien.  Vom  Herzen  scheint 
jedoch  der  Ausgang  gcwesen  zu  sein,  wie  der  Befund  vorge- 
schrittener  Organisation  in  dem  Exsudate  der  Mitralklappe  erweiset. 
Es  ist  zu  bedauern,  dass  keine  Untersuchung  der  Hirngehisse  vor- 
genommeu  ist,  da  mehrere  Symptome  auf  die  Ahection  dersel- 
ben  im  Debut  der  Krankheit  hindeuten,  und  auch  im  weitern 
Verlaufe  die  Delirien,  der  Mangel  subjectiver  Merkmale  bei  einem 


G22 


ACINESES. 


so  grossen  Ilindernissc  im  Blullaufe  des  Herzens,  die  Gering- 
fijgigkeit  spontaner  Schmerzen,  und  das  giinzliche  Verkennen  des 
eignen  Zustandcs  eine  normwidrige  Action  des  Gehirns  bekunden. 
In  welcliem  Zusammenhange  die  am  funfzehnten  Tage  zuerst  am 
rechten,  spaterliin  am  linken  Fusse  sich  einfindende  Entziindung 
der  Cruralarteric  mit  der  Endocarditis  der  Mitralklappe  stelit,  wage 
ich  nicht  zu  cntscheiden ; mittelst  Continuity  des  Entziindungs- 
processes  vom  linken  Ventrikel  aus,  auf  keine  Weise  — die  In- 
tegrity der  Brust-  und  Bauchaorta  spricht  dagegen.  Ob  ein 
ahnlicher  Vorgang  wie  in  der  Phlebitis  stattstand?  Ilier  etwa 
durch  Ablosung  und  Weiterllibrung  gesonderter  Partikel  von  den 
im  Herzen  exsudirten  Stoffen , welche  in  einzelnen  arteriellen 
Schlauchen  sich  gleichsam  fangen,  und  wie  fremde  Korper  Coa- 
gulation des  Blutes  und  Entziindung  hervorrufen?  Rokitansky 

schildert  secundiire  Processe  bei  der  Endocarditis,  welche  sich 
durch  Exsudate  in  der  Milz,  in  den  Nieren  zu  erkennen  geben, 
und  auch  bei  diesem  Kranken  fanden  sich  Ausschwitzungen  in  der 
Milz.  Oder  war  eine  primare  Erkrankung  des  Blutes  Schuld,  dass 
sich  in  verschiedenen  Bezirken  des  arteriellen  Apparates  Entziin- 
dungsheerde  bildeten? 

Aus  dem  unsichern  Bereiche  pathogenetischer  Vermuthungen 
wende  ich  mich  zu  den  chagnostischen  und  physiologischen  Er- 
gebnissen  dieses  Krankheitsfalles.  Die  Arterienentzundung  hat 
sich  liier  durch  karaktcristische  Merkmale  sowohl  nacli  dem  Tode 
als  wahrend  des  Lebens  objectivirt.  Im  Leichenbefunde  1 ) durch  ' 
plastisches  Exsudat,  welches  an  vielen  Stellen  die  innere  Arterien- 
haut  bedeckte,  auch  zwischen  den  ubrigen  Membranen  angetrof- 
fen  wurde,  und  zum  Theil  selbst  den  Blutpfropf  iiberzog.  2)  Durch 
Wulstung,  Auflockerung,  Aliirbheit  der  einzelnen  Gelasshaulc. 
3)  Durch  Gerinnung  des  Bluts  an  alien  Punkten,  welche  dem 
Entzundungshecrde  entsprechen,  obschon  in  vcrschiedenem,  mit 
der  Dauer  ubercinstimmendem  Grade:  an  einigen  Stellen  ein  fester, 
der  innern  Membran  adharirender,  das  Arterienrohr  vollkommen 


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(',23 

verschliessender  Pfropf  von  blassrother  Farbe,  an  andern  ein  dun- 
ineres,  cruorhaltiges , leiclifc  ablosbares  Gerinnsel,  auf  der  linken 
'Seite  die  Iliaca  interna  und  sammtliche  von  der  externa  abgehen- 
den  Zweige  durcli  diese  Blutpfropfe  geschlossen,  auf  der  rechten 
die  Iliaca  interna  lrei.  4)  Die  rechte  Schenkelarterie , von  wel- 
(chcr  die  Entzundung  ausging,  zeigte  schon  eine  Neigung  zur  Ob- 
lliteration:  sie  war  eng  zusammengezogen,  ihre  innere  Haut  faltig. 
5)  Das  Zellgewebe  in  dor  Umgebung  der  Arterien,  z.  B.  unter 
dem  Poupart’scben  Bande,  war  stark  entziindet,  und  aucli  die  da- 
'Selbst  befindlichen  Lymphdriisen  zeigten  sicb  gerothet  und  ange- 
'Schwollen.  6)  Der  Rothung  gedenke  ich  zuletzt,  da  sie  die  Deu- 
tung  als  Imbibitions  farbe  leicht  zulasst,  allein  der  Umstand,  dass 
>sie  niclit  gleichformig,  sondern  stellenweise  vorhanden,  und  dass 
sie  72  Stunden  nach  dem  Tode  nocli  mebr  saturirt  war  als  am 
Tage  der  Section,  Iegen  ihr  einen  entschiedenen  Werth  bci.  — 
Die  Theilnahme  der  linken  Vena  saphena  erklart  den  Unterschied 
in  der  Beschaffenbeit  der  Gangran:  feuebter,  odematoser  Brand 
im  linken,  trockener  (Mumification)  im  rechten  Schenkel. 

Die  Symptome  wahrend  des  Lebens  gaben  die  durch  Arteritis 
gehemmte  Zuleitimg  arteriellen  Blutes,  ohne  Ersatz  mittelst  Col- 
laterallaufes , kund:  einerseits  durcli  marmorkalte  Temperatur,  Iivide 
Farbe,  Pulslosigkeit  des  Arterienstammes  und  Schmerzhaftigkeit 
beim  Drucke  auf  denselben,  andrerseits  durch  Anasthesie  und 
Lahmung.  Dieser  Verein  der  den  Verfall  beider  Lebenstriiger 
andeutenden  Erscbeinungen  macht  sicb  von  Anfang  an  geltend, 
und  muss  zur  genauen  Untersuchung  audordern,  um  die  Vcr- 
wecbselung  mit  spinalen  und  ccrcbralen  Lahmungen  zu  verhiiten. 
Im  weiteren  Verlaufe  der  Krankheit  Iiisst  die  Gangran  keincm 
Zweifel  mehr  Raum. 

Auch  bei  Pferden  ist  in  neuerer  Zeit  Entzundung  der  Schcn- 
kelarterien  und  der  Bauchaorta  ofters  beobaebtet  und  schon  wab- 
rend  des  Lebens  erkannt  worden  ( Gurll's  und  Herlwig’s  Magazin 
fur  die  gesammte  Thierheilkunde  4.  Jahrg.  1838.  S.  455.  f). 


% 


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Jahrg.  1843.  S.  221.  401).  Die  Symplome  sind:  Anfangs  Er- 
Iahmung  eines  oder  beider  Hinterbeine  bei  anstrengendem  Gehen, 
wiihrcnd  bei  ruhigem  Steiien,  im  Schritte  und  Trabe  kcine  Ver- 
anderung  bemerkbar  ist.  Wird  der  Yersucli  lbrtgesetzt,  so  ge- 
rath  das  Thier  in  grosse  Angst,  Schweiss  bricht  reichlich  hervor, 
nnr  der  untere  Theil  dcs  Riickens  und  die  Ilinterschenkel  bleiben 
kiihl  und  trocken.  Die  Beine  werden  nur  noch  schleppend  fort- 
bewegt.  Gonnt  man  alsdann  einige  Mirtuten  Ruhe,  so  zielit  das 
Pferd  die  Fiisse,  einen  nach  dem  andern,  bis  unter  den  Bauch, 
setzt  sie  tappend  nieder,  und  verrath  dabei  grosse  Unruhe.  Treibt 
man  es  aber  wieder  an,  so  entsteht  Zittern  am  ganzen  Leibe, 
sehr  frecpienter  Puls  imd  Athem,  Unfahigkeit  sich  weiter  zu  be- 
wegen.  In  den  Arterien  der  Ilinterschenkel  fehlt  die  Pulsation. 
Schnell  erholt  sich  jedoch  das  Thier,  wenn  man  es  ruhig  stehen 
lasst.  Jm  weiteren  Verlaufe  tritt  die  Paralyse  immer  mehr  her- 
vor:  schon  nach  wenigen  Minuten  stiirzt  es  im  Trabe  zusammen, 
kann  nicht  mehr  aufstehen,  die  Beine  sind  kalt  und  des  Gefuhls 
verlustig,  so  dass  selbst  das  Abbrennen  von  Moxen  nicht  mehr 
gefuhlt  wird.  Ob  auch  Gangran  wie  beim  Menschen  eintritt,  hat 
man  bis  jetzt,  da  solche  Pferde  fruhzeitig  getodtet  wurden,  nicht 
beobachten  konnen. 

Der  Zusammenhang  zwischen  Entstehung  der  Paralyse  und 
Unterbrechung  des  Blutlaufes  in  der  Arteritis,  wodurch  sich  die- 
selbe  wesentlich  von  der  Phlebitis  unterscheidet,  ist  ein  Gegen- 
stand  von  physiologischein  Interesse.  Operationcn  und  Experimente 
hatten  schon  ein  solches  Resultat  gegeben.  Nach  Unterbindung 
grosserer  Arterienstiimme  zur  Heilung  von  Aneurysmen  stellt  sich 
Erstarrung  des  Gefuhls,  Formication,  Abnahme  und  Verlust  der 
Motilitat  ein,  welche  bis  zur  Ilerstellung  des  Collateralkreislaufes 
andauern.  Die  Lahmung  der  Hinterbeine  nach  Ligatur  der  Bauch- 
aorta  bei  Ilunden  ist  schon  von  Stenson,  Bichat,  Earner t und  in 
neuerer  Zeit  von  Engelhart  an  Froschen  beobachtet  worden.  Es 
drangt  sich  hierbei  die  Frage  auf,  ob  die  Entziehung  der  Blut- 


ACINESES. 


G25 


mfuhr  unmittelbar  auf  den  Muskel  oder  mittelbar  durch  den  Ner- 
yen  wirkt.  Die  mit  der  Lahmung  vorhandene  Hautanasthesie 
■jcheint  zwar  fur  das  letztere  zu  zcugen,  so  wie  auch  die  durch 
1 Injection  reizendcr  Stoffe  in  die  Cruralis  lebender  Thiere  hervorge- 
brachte  Arteritis.  Cruveilhier  beobacbtete  bei  diesen  Versuchen, 
iass,  so  lange  die  Circulation  niclit  vollstandig  unterbrochen  war, 
las  Thier  heftige  Schmerzen  und  unruhige  Bewegungen  ausserte, 
\welche  bei  ganzlicher  Obliteration  sofort  aufhorten  und  einer  An- 
isthesie  und  Lahmung  Platz  machten.  Dagegen  ist  die  bei  Thie- 
ren  gemacbte  Beobachtung  von  Fabigkeit  massiger  Bewegung  und 
>Stellung  trotz  der  Obliteration  der  Gefasse  ein  Beweis,  dass  der 
•Mangel  des  arteriellcn  Blutes  als  belebenden  Reizes  der  contractilen 
! Laser  die  Unfahigkeit  zu  grosserer  Thatigkeit  bedingt. 

Die  Nothwendigkeit  bei  paralytischen  Zustanden  voile  Aufmerk- 
ssamkeit  auf  die  Beschaffenheit  der  arteriellen  Circulation  zu  wen- 
iden,  geht  aus  dem  bisher  Mitgetheilten  hervor.  Davon  lasst  sicb 
irticht  nur  ein  diagnostischer,  sondern  auch  therapeutischer  Fort- 
sschritt  erwarten,  und  die  Lehre  der  Arteritis,  welche  bisher  im 
'Vergleiche  zu  ihrer  Schwester,  der  Phlebitis,  zu  sehr  vernachlas- 
-sigt  worden  ist,  wird  in  ihr  wissenschaftliches  Recht  Ireten.  Auch 
ist  es  nicht  ohne  Interesse,  dass  ein  und  derselhe  StofF  im  Stande 
■ist,  Arteritis  mit  Brand,  und  Convulsion,  Aniistkesie  und  Lahmung 
hervorzubringen.  Die  giftige  Wirkung  des  Mutterkorns  zeigte  sich 
unter  der  ersten  Form  als  Ergotismus  in  einigen  Provinzen  Frank- 
reichs  und  der  Schweiz,  unter  der  zweiten  Form  als  Kriebelkrank- 
heit  (V^  426  — 432.)  in  Deutschland  und  Schweden.  Vgl.  Hechter 
Geschiehte  der  neuern  Ileilkundc.  1839.  S.  287  — 349.  und  Tie- 
demann  von  der  Verengung  und  Verschliessung  der  Pulsadern  in 
IKrankheiten.  1843.  S.  273. 

Ausser  dem  arteriellen  Blute  sind  es  unmittelbare  Ncrvenreize, 
deren  Mangel  cine  Schwache  der  Bewegung  und  Immobilitat  ver- 
inlasst,  die  bei  langerer  Dauer  in  Lahmung,  in  Verlust  dcr  mo- 
1 torischen  Leilungslabigkeit  ubergehen  kann.  Dabin  gebort  zuvor- 


G2G 


ACINESES. 


derst  der  Mangel  cerebraler  Erregung.  Wenn  motorische  Bahnen 
von  Anfang  an  durch  den  psychischen  ImpuJs  nicht  erdffnet  wer- 
den,  so  ist  Unbeweglichkeit  die  Folge.  Das  nachste  handgreif- 
liche  Beispiel  ist  das  liussere  Ohr.  Dieser  fur  die  Thierphysionomie 
so  ausdrucksvolle  Theil  bleibt  beim  Menschen  regungslos.  Die 
Stummheit  bei  der  angebornen  oder  i'riihzeitig  erworbenen  Tauh- 
lieit,  die  Tragheit  und  Unvollstandigkeit  der  Sprache  bei  Blbd- 
sinnigen  konnen  ebenfalls  als  Beispiele  angefuhrt  werden.  Andrer- 
seits  sehen  wir,  dass  geisteskraftige  und  willensstarke  Physiologen 
motorische  Nerven  einiiben,  welche  andern  Menschen  unzugang- 
lich  bleiben.  Von  Fontana  haben  Mascagni , Gerardi  und  andre 
Augenzeugen  berichtet,  dass  er  nicht  nur  die  Iris  und  die  Ohr- 
muskeln  durch  Einubung  zu  bewegen,  sondern  auch  den  Herz- 
schlag  willkuhrlich  zu  verlangsamen  oder  beschleunigen,  ohne  auf- 
fallende  Bewegung  der  Athemmuskeln , im  Stande  war.  Johannes 
Muller  brachte  es  selbst  bis  zur  willkuhrlichen  Spannung  des  M. 
tensor  tympani.  Die  Virtuositat  ist  ja  nichts  anderes,  als  der  Aus- 
druck  moglichst  vollkommner  Ausbildung  einzelner  Bahnen  fur  den 
Reiz  der  Vorstellung.  Konnte  eine  ahnliche  Beharrlichkeit  fur  den 
Zweck  der  Gesundheit  gewonnen  werden,  so  durfte  der  Fortschritt 
in  der  Cur  vieler  paralytischer  Zustande  grosser  sein. 

Der  Mangel  sensibler  Erregung  kommt  zunachst  in  Betracht. 
Panizzas  Versuche  hatten  schon  den  Einlluss  dargethan,  welchen 
(he  bei  Ziegen  in  der  Nahe  des  Riickenmarks  vorgenommene 
Durchschneidung  der  sensibeln  Ncrvenwurzeln  des  Ilinterbeins  auf 
die  Bewegung  iiussert.  In  Folge  des  Vcrlustcs  der  Empfindung 
zeigt  der  Fuss  eine  langsamere  Bewegung,  wird  nachgeschleppt, 
beugt  sich  Ieichter  als  der  anderc  unter  der  Last  des  Rumples; 
cine  Stundc  nacli  der  Operation  sind  die  Bewcgungen  so  schwan- 
kend,  dass  das  Thier  leicht  auf  das  verletzte  Glied  hinfallt  (Ver- 
suche  iiber  die  Verrichtungen  der  Nerven;  iibers.  von  Schneemann. 
S.  5G).  Ein  ahnliches  Verhaltniss  findet  in  Kranklieiten  des  Men- 
schen nicht  nur  da  stall,  wo  die  Perception  des  Haut-  und 


ACINESES. 


f>27 

Muskclgcfiihls  aufgehort  hat  (Vgl.  S.  200.  227.),  sondern  auch 
vwo  die  unbewusstbleibende  centripctale  Leitung  gehemmt  ist.  Um 
diese  Zustiinde  von  Immobilitiit  aufzufassen,  welche  bislier  noch 
-keine  gehorige  Wiirdigung  gefunden  haben,  bedarf  es  der  Erin- 
nerung,  dass  die  grosse  Masse  sensibler  centripetaler  Ncrven  im 
(Organismus,  deren  Thatigkeit  als  ununterbrochen  gedacht  werden 
imuss,  eine  perennirende  Quelle  von  Erregung  fur  die  Centralorgane 
iist.  Diese  Reize  der  Innenwelt,  in  ihrcr  Mannigfaltigkeit  und  Wirk- 
-samkeit  denen  der  Aussenwelt  vergleichbar , vielleieht  noch  iiber- 
wiegend,  beleben  auch  die  motorische  Energie,  und  veranlassen  Be- 
wegungen , welche  in  neuerer  Zeit  den  Namen  der  Reflexbewegungen 
crhalten  haben.  Ihrer  Abnalune  und  Verlust  entsprechen  wie  ihrem 
: Excesse  bestimmte  Erscheinungen  in  der  motorischen  Sphare,  allein 
weder  die  Experimentalphysiologie,  der  man  in  letzterer  Beziehung 
'.so  grossen  Aufschluss  verdankt,  noch  die  Pathologic  hatten  sich 
idiesem  Gegenstande  zugewendct,  welcher  um  so  schwieriger  ist, 
\weil  der  Mangel  centripetaler  Erregung  sich  oft  verbirgt,  und 
, andererseits  die  reflectorischc  Immobilitiit  nicht  selten  in  giinzliche 
lUnerregbarkeit  der  motorischen  Nerven  iibergeht.  Karakteristischer 
Zug  ist  Stillstand  der  Reflexaction  bei  Fortdauer  der  Bewegung 
auf  psychischen  Impuls.  So  hort  das  Blinzeln  der  Augenlider  auf, 
wo  der  Ramus  ophthalmicus  des  Quintus  von  Aniisthesie  befallen 
ist,  mag  die  Conjunctiva  noch  so  sehr  gereizt  werden,  wiihrend 
der  Wille  diese  Bewegung  ungehindert  ausfuhrt.  Der  stimmlose 
Kranke  schreit  in  der  asiatischen  Cholera  laut  auf,  wenn  hefliger 
Schmerz  ihn  pcinigt.  Die  veriinderte  Imtik  der  Augcnbewegungen 
in  der  optischen  Aniisthesie  ist  Folge  von  Mangel  des  belebenden 
Einflusses  der  Sinneserregung  auf  den  Oculomotorius : will  der  Amau- 
rotische,  so  vermag  er  den  nach  aussen  abgewichnen  Augapfel 
einwiirts  zu  richten.  Ich  habe  mich  bemiiht  in  den  folgenden  Schilde- 
rungen  der  Paralysen  auf  den  Stillstand  der  Reflexbewegungen  auf- 
merksam  zu  roachen,  und  eine  Gruppe  von  Spinallahmungpn  in  Bezug 
auf  diesen  ihren  Ursprung  als  Reflexliihmungen  darzustellen. 

Ilomlierg's  NervenkrankL.  I.  3.  42 


628 


ACINESES. 


Unter  den  Symptomen  der  Lahmung  stehen  die  im  Muskel 
und  uberhaupt  im  contractilen  Gewebe  sich  kundgebenden  oben 
an.  Am  autfallendsten  zeigt  sich  der  Veriust  aller  Spannung  con- 
tractiler  Fasern  in  der  Paralyse  der  Antlitznerven : in  einem  Falle 
sab  ich  schon  zehn  Minuten  nach  Eintrjtt  der  Krankheit  sammt- 
liche  Furchen  dcr  Stirn-  und  Gesichtshalfte  verschwunden.  Die 
Haut  wird  sclilaff  und  welk,  die  Backe  schlottert  und  blaht  beim 
Versuche  zu  blasen  leichter  und  starker  auf  als  die  gesunde;  bei 
eincr  paraplektischen  unverheiratheten  Kranken  fand  ich  cine  solche 
Erschlaffung  dcr  Bauchdecken,  dass  sie  wie  ein  leerer  Beutel  her- 
unterhingen.  Eine  andre  Erscheinung  am  gelahmten  Muskel, 
welche  sich  haufiger  darbieten  wiirde,  wenn  man  nicht  versiiumte 
die  Untersuchung  am  entblossten  Korper  vorzunehmen , zeigte  sich 
mir  bei  mehreren  Kranken:  es  ist  die  Oscillation  der  Muskelbiin- 
del,  ahnlich  dem  flimmernden  Spiele  in  den  willkuhrlichen  Mus- 
keln  bei  Thieren,  deren  Riickenmark  zerstort  ist.  Nicht  minder 
karakteristisch  als  der  Stillstand  der  Bewegung  im  paralysirten 
Muskel  ist  die  Contraction  seines  Antagonisten  oder  des  symme- 
trischen  Muskels  der  gesunden  Seite,  wovon  die  Lahmung  des 
Facialis,  dcr  Muskelnerven  des  Auges,  der  Nerven  der  Rumpf- 
athemmuskeln,  der  Nerven  der  Extremitaten  genug  Beispiele  geben. 
Verzerrungen  und  Entstellungen  sind  die  Folge,  die  oft  schon 
beim  ersten  Blick  den  Sitz  der  Lahmung  erkennen  lassen,  und 
ein  physiologisches  Interesse  haben,  indem  sie  einen  Beweis  geben, 
flass  auch  im  Zustande  der  Ruhe  ein  bestiindiges  Einstromen  des 
motorischen  Agens  vom  ffentralapparate  nach  den  Muskeln  hin 
durch  die  Nervenleitung  stattfindet,  mid  die  symmetrische  Statik 
als  eine  jener  Einrichtungen  zu  betrachtcn  ist,  wodurch  das  Zu- 
standekommen  jener  sicht  - und  fuhlbaren  Bcwegungen  verhindert 
wird  ( Vgl.  S.  565).  Nicht  seltcn  findejt  sich  Contractur  in  den 
gelahmten  Muskeln  ein,  fluchtige  oder  beharrliche.  Die  erstere 
ist  der  Ausdruck  einer  coexislirendcn  Reizung  des  ^crvengewebes 
in  der  peripherischen  oder  centralen  Balm,  und  in  so  fern  ein 


ACINESES. 


629 

diagnostisches  Merkmal  fur  Entzundungs  -,  fiir  Erweichung  Proscess 
fur  carcinomatose  Aftergebilde,  wahrend  bei  blossem  Druck  durcli 
Geschwiilste  oder  bei  Ruptur  der  Faserung,  z.  B.  in  der  Ha- 
morrhagie  des  Gehirns,  die  gelahmten  Muskeln  frei  von  Contractur 
sind.  Seltner  als  die  fliichtigen  Contracturen  koramen  unter  den- 
selben  Umstanden  convulsivische  Erscbutterungen  der  gelahmten 
Muskeln  vor.  Die  permanente  Contractur  mit  Steifheit  der  Ge- 
lenke  und  Uebergewicht  der  Beugemu skein,  so  dass  zuweilen  in 
den  untern  Extremitaten  die  Ferse  das  Gesass  beruhrt,  und  die 
Finger  dergestalt  in  die  Handflache  eingeschlagen  sind,  dass  sich 
wie  ich  gesehen  habe,  Gruben  zur  Aufnahme  der  pulpa  digitorum 
aushbhlen  und  die  gewaltsamsten  Streckversuche  misslingen,  ist 
als  Residuum  der  Lahmung  zu  betrachten,  auf  ahnliche  Weise 
wie  die  als  Residuum  des  krampfhaften  Processes  zuruckbleibende 
Verkiirzung  des  Muskels  (S.  282.),  und  von  abnormen  Bedingun- 
gen,  nicht  bloss  der  Muskelsubstanz , sondern  auch  der  Bander 
und  Knochen  abhangig. 

Die  Theilnahme  der  Sensibilitat  spricht  sich  in  den  Lahmun- 
gen  verschieden  aus.  1)  Die  bewusstwerdende  Empfindung  ist 
entweder  erloschen,  oder  vorhanden,  oder  gesteigert.  Wo  das 
Muskel-  und  Hautgefuhl  noch  vorhanden  ist,  hat  der  Kranke  die 
Sensation  der  Erstarrung,  der  Schwere  wie  von  einem  angehiing- 
ten  Gewicht,  oder  die  Empfindung,  als  gehore  der  gelahmte  Theil 
ihm  nicht  mehr  an,  was  sich  auch  in  den  Traumen  und  Delirien 
der  jiingst  Gelahmten  ausspricht:  sie  traumen  und  faseln  otters 
von  Menschen  oder  Thieren  oder  leblosen  Gegenstanden , die  auf 
der  paralytischen  Seite  liegen,  machen  abwehrende  Bewegungen, 
wollen  sie  aus  dem  Bette  werfen  etc.  Im  weiteren  Verlaufe  der 
Krankheit  findet  dieses  nicht  mehr  statt.  Abnahme  und  Verlust 
des  eigenthiimlichen  Muskelgefuhls,  der  Empfindung  von  Bewegung 
und  Ruhe,  zeigt  sich  am  deutlichsten  in  der  Tabes  dorsualis 
(Vgl.  S.  228.),  wo  das  Sehvermogen  den  dadurch  crzeugten 
IMangel  fester  Ilaltung  ergiinzen  muss..  Aniisthesie  begleitet  nicht 


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sei ten  ouch  (lie  Lahmung  der  organischen  Muskeln  in  den  mit 
Schleimhauten  bedeclden  Organen:  es  fehlt  der  llarndrang  in 
der  paralytischen  Ischurie  und  das  Gefiihl  angesammelten  Schleims 
in  den  Bronchien  bei  Lahmung  des  Vagus.  Von  der  Anaslliesie 
muss  jedoch  der  Mangel  der  Perception  des  Hautgefiihls  unter- 
schieden  werden,  wie  er  in  cerebralen  Lahmungen  bei  Betaubung 
und  Sopor  statt  findet.  Abnorme  Steigerung  der  Sensibilitat  und 
Anaesthesia  dolorosa  bezeichnen  wie  die  ofter  coexistirende  ffuch- 
tige  Contractur  einen  Reizzustand  der  Nerven  in  seiner  periphe- 
rischen  oder,  was  haufiger  der  Fall  ist,  centralen  Balm.  2)  Die 
unbewusstbleibende  Sensibilitat  oder  centripetale  Leitung  ist  bei 
Unterbrc cluing  dcr  zum  Bewusstsein  gelangenden  nicht  selten  bei 
Lahmungen,  mit  Ausnahme  der  peripherischen , erhalten,  und 
offenbart  sich  durch  Rellexbewegung  in  den  paralysirten  Theilen, 
wie  sclion  fr'ulier  (S.  271  und  452.)  nachgewiesen  worden  ist. 
Auch  konnen  dieselben  durch  motorische  Irradiation  in  Bewegung 
gesetzt  werden,  wenn  sie  langst  aufgehort  liaben,  dem  cerebralen 
Impulse  zu  gehorchen.  Diese  Mitbewegungen  zeigen  sich  beson- 
ders  bei  respiratorischen  Actionen:  so  gerath  der  Arm  des  Hemi- 
plektischen  offers  bcim  Gahnen  in  Bewegimg,  wird  in  die  Hohe 
gehoben,  und  verharret  in  dieser  Stcllung  bis  das  Gahnen  been- 
digt  ist,  worauf  er  wie  cine  todte  Last  zuriickfallt.  Bell  und 

Marshall  Hall  haben  die  ersten  Beispiele  mitgetheilt,  und  ich  selbst 

habe  mchrcrc  beobachtet.  In  epileptischen  An  (alien  werden  ge- 
lahmte  Glieder  nicht  verschont  (S.  5GG.),  und  auch  beim  Affect 
gerathen  sie  zuweilen  in  Bewegung.  Es  bedarf  hierzu  gar  nicht 

grosser  Erschiitterung : aus  cinem  S.  G59  geschilderten  Falle 
von  Gesichtslahmung  geht  hervor,  dass  schon  die  Vorstcllung  des 
Lacherlichen  dicsen  Einlluss  liatte. 

Zunachst  sind  die  trophischen  Vcranderungcn  in  den  Liihmun- 
gen  bemerkungswerlh.  Die  Untersuchungen  a on  Nasse  d.  S. 
(Muller’s  Archiv  etc.  1839.  S.  4|3.)  von  Gunther  und  Schon 

(ebendas.  1840.  S.  27G.)  haben  ergeben,  dass  nach  Durchschnei- 


ACINESES. 


G31 

cliuig  eines  Nerven,  wenn  die  Regeneration  niclit  zu  Stande  kommt, 
gleichzertig  mit  Abnahme  und  Yerlust  dcr  Errcgbarkeit  auch 
Structurveranderungen  im  peripherischen  Stumpfe  des  Nervens  statt 
finden,  Schwinden  des  ‘Inhalts  und  der  Wandungen  der  Primitiv- 
fasern.  Auch  in  paralytischen  Zustanden  ist  bei  Menschen  und 
Thieren  Atrophie  der  betreffenden  Nerven,  des  Vagus  etc.,  gefun- 
den  worden,  allein  gcnaue  mikroskopische  Untersuchungen  der 
Nerven  in  chronischen  Lahmungen,  z.  B.  in  der  Paralysis  con- 
genita, liegen  noch  nicht  vor.  Ver  cinder  ungen  in  der  Muskelsub- 
stanz  zeigen  sich  in  der  paralytischen  Immobilitat  wie  bei  jeder 
andern,  und  sind  in  neuerer  Zeit  von  Skey  (Philosoph.  Transact. 
1837.  p.  375.),  Valentin  (Lehrb.  der  Physiol,  des  Menschen  2.  Th. 
S.  62.)  und  Reid  (on  the  relation  between  muscular  contractility 
and  the  nervous  system.  Edinburgh  1841.)  beschrieben  worden. 
Der  letztere  fand  sieben  Wochen  nacli  Durchschneidung  des 
Ischiadicus  an  einem  Kaninchen  die  Muskeln  des  gelahmten  Bei- 
nes  weit  blasser,  diinner  und  weicher  als  im  gesunden  Schenkel: 
ihr  Gewicht.  betrug  170  Gran,  im  gesunden  Beine  327  Gran. 
Nach  Valentin's  mikroskopischer  Beobachtung  lasst  die  blasse  grau- 
weisse  Faser  ilire  Querstreifen  minder  deutlich  erkennen  oder 
bietet  dieselben  stellenweise  gar  nicht  dar.  Sie  erzeugen  sich 
auch  nicht  mehr  durch  die  Einwirkung  des  kalten  Wassers,  des 
Weingeistes  oder  andrer  aussern  Einfliisse,  welche  sic  sonst  star- 
ker hcrvortreten  lassen.  Dafiir  fallen  die  Langefaden  um  so  mehr 
in’s  Auge,  allein  auch  diese  besitzen  nicht  immer  die  Scharfe  und 
Festigkeit,  wie  in  frischen  gesunden  Muskelfasern ; vielmehr  er- 
scheint  die  Faser  grau  und  weich,  und  erinnert  an  gesunde  Fa- 
sern,  welche  schon  langere  Zeit  der  Einwirkung  der  Maceration 
ausgesetzt  waren.  Sjiater  verschwinden  zum  Theil  die  aid'  solche 
Wcise  entarteten  Fasern,  so  dass  der  Umfang  des  Muskels  ab- 
nimmt.  Diese  Vohimcnverminderung  wird  jedocli  bisweilen  da- 
durch  ausgeglichen,  dass  sich  cine  grossere  Mcngc  Fettes  zwischen 
den  noch  bleibenden  Biindeln  absetzt.  Unter  den  Lahmungen 


032 


AC1NESES. 


fuliren  die  durch  Blcivergiftung  entstandenen  am  schnellsten  Atro- 
phie  der  Muskeln  herbei.  In  liohem  Grade  zeigt  gie  sich  bei 
peripherischen  Lahmungen  der  Zunge  und,  wie  die  comparative 
Pathologie  lehrt,  auch  der  Kehlkopfmu skein  in  der  ljei  Pferden 
nicht  seltncn  Paralyse  des  Vagus.  Die  Atrophie  beschriinkt  sicli 
jedocli  nicht  nur  auf  den  Muskel,  sondern  delint  sich  auch  auf  die 
Knochensubstanz  aus : Reid  fand  in  dem  zuyor  erwahnten  Versuche 
das  Gewicht  des  Waden-  und  Schienbeins  im  gesunden  Fusse 
von  89  Gran,  im  gelahmten  von  81.  In  dcr  angebornen  oder 
in  den  crsten  Lebensjahren  entstandenen  Ilemiplegie  und  Paraplegie 
bleibt  das  Wachsthum  der  Knochen  in  die  Breite  und  Lange 
betrachtlich  zuruck.  Hier,  so  wie  uberhaupt  in  alien  Fallen,  wo 
der  Grad  und  die  Dauer  der  Muskelunthatigkeit  betrachtlich  sind, 
zeigen  sich  die  nutritiven  Storungen  am  auffallendsten : die  Abma- 
gerung  ist  so  bedeutend,  dass  die  Gelenkknorren  stark  hervorragen. 
Sehnen  und  Ligamente  erschlaffen:  die  Haut  ist  welk,  trocken, 
auch  wenn  sie  an  andern  Theilen  transspirirt.  Der  Blutlauf  in 
den  Capillaren  ist  trage , daher  blaulich-rothes  oder  sehr  blasses 
Colorit,  und  gesunkne  Tempera tur.  Sehr  langsames  Wachsen  der 
Nagel  ist  an  der  gelahmten  Extremitat  von  Dr.  G.  v.  Breuning 
beobachtet  worden  ( Vgl.  Wiederbelebung  gelahmter  Gliedmaassen 
durch  den  Sehnenschnitt.  S.  33  und  41).  Wo  Hautanasthesie  mit- 
vorhanden  ist,  hort  die  Widerstandsfahigkeit  gegen  aussere  Ein- 
lliisse  auf  (Vgl.  S.  206),  und  Decubitus  stellt  sich  oft  ein,  wie  cs 
besonders  bei  den  Spinallahmungen  der  Fall  ist. 

Die  Lahmung  ist  dem  Grade  nach  verschieden:  unvollkommen 
(Paresis)  oder  vollstandig.  In  dcr  ersteren  ist  die  Leitung  nicht 
ganz  aufgehoben,  sondern  trage  und  zogernd.  Bei  dem  Mangel 
bestimmter  Maassc  Fur  die  Geschwindigkeit  der  Nervenleitung  im 
gesunden  Zustande,  welche  auch  immer  ungeniigend  ausfallen 
werden,  da  die  Leitung  im  Nerven  nic  anders  erkannt  werden 
kann,  als  durch  die  Contraction  des  Muskels  fur  den  motorischen, 
und  durch  die  Perception  des  Bewusstseins  fur  den  sensibeln  Nerven, 


ACINESES. 


633 


voimte  uns  in  partiellen  Paralysen  dcr  Vergleich  mit  den  ent- 
sprechenden  gesimden  Theilen  einigen  Aufschluss  geben:  dariiber 
liiiegen  indess  noch  keine  Beobachtungen  vor,  wenn  die  in  der 
"S.childerung  der  Zungenlahmung  angefuhrte  ausgenommen  wird, 
deren  Genauigkeit  nicht  erheblich  zu  sein  scheint.  Man  bat  sich 
wie  so  ol't  in  medicinischen  Angaben,  mit  allgemeinen  vagen 
Ausdriicken  begnugt.  Allein  selbst  von  Irrthum  ist  die  haufige 
Annahme  unvollstandiger  Lahmung  nicht  freizusprechen , indem 
man  in  diesen  Fallen  versaumt  hat  die  Bestimmung  der  einzelnen 
IMuskelgruppen  vorzunehmen,  und  die  Stoning,  welclie  durcb  die 
Mobilitat  der  einen  und  die  Unbeweglichkeit  der  andern  erzeugt 
wird,  fur  den  Ausdruck  einer  Paresis  des  ganzes  Gliedes  halt. 
Auch  kommt  noch  ein  Umstand  in  Betracht,  der  fur  die  Beur- 
theilung  des  Maasses  der  Lahmung  in  den  obern  und  untern  Ex- 
tremitaten nicht  unwichtig  ist.  Beim  Menschen  stiitzen  die  Beine 
den  ganzen  Rumpf  und  geben  von  Abnahme  der  Motilitat  sofort 
ein  deutliches  Zeugniss,  wahrend  die  herabhangenden  Arme,  welclie 
nichts  zu  tragen  haben,  keine  Schwache  verrathen.  So  wie  man 
daher  diagnostische  Versuche  fiber  die  Beweglichkeit  der  untern 
Extremitaten  bei  angelehntem  und  liegendem  Rumpfe  vornimmt, 
so  sollten  ahnliche  iiber  die  obern  Extremitaten  mit  Ilalten  und 
Schwingen  schwerer  Dinge,  oder  bei  vierfiissigem  Gange  angestellt 
werden,  wobei  Anfangs  das  Ungevvohnte  dieser  Stellung  in  An- 
schlag  zu  bringen  ist. 

Fur  die  Lahmungen  wiihle  ich  dieselbe  Eintjieilung,  wie  fur  die 
Krampfe  (S.  283). 


I.  Onlniuij^. 

Lahmungen,  abhangig  vom  Verluste/der  Leitungsfahig- 
keit  der  motorischen  Nerven  als  Conductoren. 

1.  Gatlung , der  cerebrospinalen  Bahnen.  Die  peripherischen  Pa- 
ralysen befolgen  die  Norm  der  isolirten  und  centrifu- 
galcn  Leitung  (S.  278)  in  gleichseitiger  Bichtung. 


G34 


ACINESES. 


2.  G anting,  tier  sympathischen  Bahnen.  Es  ist  zwar  durch  die 
neuern  Uiitersuchungeii  dem  Sympathicus  Selbstandig- 
keit  vindicirt  und  die  Ansicht  von  den  Ganglien  als 
Centralorganen  befestigt  worden,  von  wo  aus  sowohl 
unmittelbare  als  reflectirte  Erregung  der  motorischen 
Nerven  erfolgt  (S<  weiter  unten),  allein  die  palholo- 
gische  Kenntniss  dieser  Ganglien  ist  noch  zu  wenig 
vorgeriickt,  um  dieselben  von  den  pcripherischen  Bah- 
nen  des  Sympathicus  zu  trennen. 

II.  ©imI  iimig. 

Lahmungen,  abhangig  vom  Verluste  der  Erregung  der 

Centralapparate. 

1.  Gciltung,  des  Riickenmarks. 

2.  G calling,  des  Gehirns.  In  bciden  waltet  die  Mittheilbarkeit  der 

Zustande,  und  in  den  cerebralen  Lahmungen  die  Norm 
der  Leitung  in  gekreuzter  Richtung. 

Die  Ursachen  der  Paralysen  sind  nur  zu  einem  kleinen  Theile 
bekannt.  Ein  jedes  Lebensalter  ist  ihnen  ausgesetzt,  des  Foetus 
und  des  betagten  Greises;  es  giebt  eine  Paralysis  congenita  und 
connata,  von  welcher  letzteren  die  durch  Zangendruck  entstandene 
mimische  Lahmung  ein  Beispiel  ist.  Zur  Zeit  der  Dentition  kom- 
men  ofters  Paralysen  zum  Vorschein,  der  untern  Extremitaten 
oder  einzelner  Glieder,  nach  vorangegangenen  Convulsionen  odcr 
auch  ohne  diese,  die  zuweilen  das  gauze  Leben  fortbestehen. 
Das  jugendliche  und  hohere  Alter  wird  haufiger  von  cerebralen, 
das  mittlere  von  spinalen  Lahmungen  befallen.  Fur  die  letzteren, 
besonders  fur  Tabes  dorsualis,  zeigt  das  mannliche  Geschlecht 
eine  entschieden  gxossere  Anlage , als  das  weibliche.  Erbliche 
Disposition  zu  Liihmmigen  wird  seltner  beobachtet,  als  zu  andern 
Nervenkrankheiten.  In  der  iitiologischen  Beziehung  zum  Blute 
unlerscheidcn  sich  die  Paralysen  von  den  Convulsionen  dadurch, 
dass  Anamie  ilinen  seltner  zu  (Irunde  liegt,  wahrend  die  fort- 
dauernde  Unterhaltung  eines  starkern  Blutandrangs  nach  den  Ceil- 


ACINESES. 


G35 


ralorganen 


ein  atiologisches  Moment  von  Belang  hergiebt.  So 
»egunstigt  Hypertrophic  des  linken  Ilerzventrikels  die  Entste- 
mng  von  Cerebrallahmungen  an  und  fur  sich,  nicht  bloss  durch 
be  von  ibr  gesetzte  Haemorrhagia  cerebri.  Veriinderte  Blulkrasis 
lat  seltner  Lahmungen,  als  Krampfe  zur  Folge:  Stoffe  mit  spe- 
icifischem  paralysirenden  Einllusse  sind  Blei,  Arsenik,  Woorara, 
Wicotiana.  Unter  den  pathischen  Processen  ist  der  rheumatische 
am  fruchtbarsten  und  steht  der  Frequenz  nach  oben  an,  sowohl 
in  den  immittelbaren , als  in  seinen  Folge wirkungcn.  Die  Stbrung 
und  Unterdriickimg  der  Hautthatigkeit  durch  Luftzug  oder  Durch- 
nassung  paralysirt  entweder  auf  der  Stelle,  wie  die  mimische 
Gesichtslahmung , cbe  Ptosis  und  Aphonia  paralytica  bezeugen, 
oder  allmahlig,  wo  von  besonders  die  Suppression  der  an  den 
Fusssohlen  vieler  Menschen,  seltner  in  den  Handtlachen,  reichli- 
cben  und  eigenthumlichen  Secretion  ein  Beispiel  giebt.  In 
den  letzteren  Fallen  scheint  nicht  so  wold  ein  metastatiscber  Vor- 
gang,  wie  die  iiltere  Schule  annahm,  als  cine  zugleich  ent- 
standene  peripherische  Affection  der  motorischen  und  sensibcln 
Nerven,  eine  Yeranderung  ibres  Erregungszustancles  stattzufinden, 
welche  sich  nach  und  nach  durch  Riickwirkung  aut  das  Central- 
organ  weiter  verbreitet.  Beziehungsreich  fur  die  Lahmungen  wird 
Bheumatismus  auch  durch  die  consecutiven  Veriinderungen  der 
fihrosen  Gewebe,  an  und  durch  welche  motorische  Nerven  ihren 
Laut'  nehmen.  Hier  spielt  besonders  das  innere  Periosteum  der 
Schadelknochen , die  dura  mater,  eine  wichtige  Rolle,  entweder 
primar  oder  in  Folge  ahnlicher  Affection  des  Pericranium,  und  gc- 
winnt  durch  ihre  weitere  Begleitung  der  Schadelnerven  eine 
grossere  Bedeutung.  Rheumatische  Exsudationen  innerhalb  der 
Nervenscheiden , wovon  zwar  oft  die  Rede  ist,  sind  bisher  bei 
LeichenofTnungen  nicht  gefunden  worden  ( Froriep  Beobachtungen 
iiber  die  Heilwirkung  der  Electn'citat  bei  Anwendung  des  ma- 
gnetoelektrischen  Apparats.  1.  Heft.  1843.  S.  19.).  Auch  die  von 
Froriep  als  rheumatische  Schvviele  bezeichnete  Exsudalion  im 


G36 


ACINESES. 


Hautzellgewebe,  welehe  sich  genau  in  dem  Bereiche  der  Ver- 
theilung  eines  Nervenastes  oder  in  einem  ganzen  Nervengebiete 
abgranzen  soli  (a.  a.  0.  S.  9.),  ist  nodi  durch  keinen  anatomischen 
Befund  bestatigt  worden  und  hat  sich  mir,  selbst  bei  Lebenden, 
in  zahlreiclien  Fallen  der  rheumatischen  Gesichtslahmung,  nicht 
dargeboten.  Der  syphilitische  und  der  scrofulose  Krankheitsprocess 
vermitteln  Paralysen  durch  ihren  Einlluss  auf  die  knochernen  und 
membranosen  Hiillen,  durch  Erzeugung  von  Aftergebilden,  und 
durch  Anschwellung  der  in  der  Nahe  von  Nervenbahnen  gelege- 
nen  Driisen.  Die  andern  pathischen  Vorgange,  Entziindung,  Er- 
weichung  und  Hamorrhagie,  welehe  vorzugsweise  die  Centralap- 
parate  zu  ihrer  Statte  wahlen,  bringen  Lahmung  durch  Ruptur 
oder  Compression  der  motorischen  Faserung  hervor , und  mischen 
nicht  selten  die  Symptome  der  Reizung  den  paralytischen  ein. 
Unter  den  Organen,  welehe  durch  Entziehung  des  Rellexeinflusses 
Immobilitat  und  Lahmung  herbeiluhren,  geben  Nieren,  Darmkanal 
und  Uterinapparat  die  ergiebigste  Quelle,  letzterer  durch  Vermit- 
telung  der  hysterischen  Lahmungen.  Fur  keine  andre  Classe  von 
Nervenkrankheiten  sind  aussere  Verletzimgen  so  fruchtbar,  wie  fur 
Lahmungen.  lhre  Wirkung  ist  entweder  mittelbar  durch  Einlei- 
tung  andrer  Krankheitsprocesse  oder  unmittelbar  durch  Commo- 
tion, Compression  oder  Ruptur.  Die  Erschutterung  durch  Stoss, 
Schlag,  Fall  trifft  die  peripherischen  oder  centralen  Nervenapparate 
mid  bleibt  selbst  im  erstern  Falle  selten  beschrankt,  sondern 
dehnt  sich  in  weiteren  Kreisen  aus.  Trennung  des  Zusammen- 
hangs  der  motorischen  Fasern,  zum  Beispiel  durch  Schnittwunden 
und  chirurgische  Operationen,  und  Compression  erlautern  das  Ge- 
setz  der  isolirten  Leitung  auf’s  anschaulichste.  So  empfinden  Am- 
putate und  Yerkriippelte  beim  ersten  Gebraach  der  Rrucken  durch 
den  Druck  in.  der  Achselhohle  Erstarrung  und  Abnahme  der  Mo- 
tilitat  in  den  Armen.  Nach  dem  Aulliegen  des  Kopfes  auf  dem 
Arme  wahrend  des  Schlafes  ist  beim  Erwachen  schon  oilers  eine 
Lahmung  der  Finger  beobachtet  worden  (Vgl.  Robert  llcahjs 


C37 


ACINESES. 

iittheilung  in  Dublin  Hospital  reports.  1822.  Vol.  III.  p.  .253.). 
raves  erzahlt  den  Fall  cines  robusten  Mannes,  der  sehr  ermiidet 
ich  dem  Mittagessen  einschlief,  mit  dem  Kopfe  auf  den  Armen 
luhend,  die  auf  dem  Tisclie  gekreuzt  waren.  Beim  Erwachen 
ar  der  eine  Vorderarm  und  Hand  ibrer  Bewegung  verlustig,  und 
ilieben,  trotz  aller  angewandten  Mittel,  bis  zu  dem  ein  Paar 
iahre  nachher  erfolgten  Tode  gelahmt  (A  system  of  clinical  me- 

Iiicine  p.  410.).  Driisengeschwulste , Aftergebilde , Aneurysmen, 
errende  Narben  geben  Anlass  zur  Compression.  Unter  den 
tmospharischen  Einlliissen  ist  strenge  Kalte  als  gunstiges  Moment 
ur  peripherische  Paralysen,  und  jahes  Fallen  des  Barometerstandes 
ur  Cerebrallahmungen  zu  erwahnen.  Erschopfung  durch  sperma- 
ischen  Yerlust  bat  bisher  oline  genugende  Kritik  als  specifische 
LJrsache  der  Spinallahmungen , besonders  der  Tabes  dorsualis,  ge- 
.>olten.  Von  Wichtigkeit  ist  anhaltender  Verbrauch  und  iibermas- 
■dger  Aufwand  motorischer  Kraft  durch  fortgesetzte , angestrengte 
Idewegungen  und  Stellungen,  durch  epileptische  und  hysterische 
(Convulsionen.  Psycliische  Eindrucke,  zumal  Schreck  und  Gram, 
stehen  in  naherer  Beziehung  zu  Cerebrallahmungen.  Am  ergiebig- 
ssten  zeigt  sich  jedoch  der  Verein  mehrerer  Ursachen,  daher  es 
inicht  auffallend  ist,  dass  nach  Feldzngen  und  so  grossen  Ereig- 
inissen,  wie  die  Befreiungskriege  waren,  die  Zalil  der  Liihmungen 
i in  betrachtlichem  Maasse  zugenommen  hatte. 

Der  Verlauf  der  Lahmungen  ist  gleichmassiger , als  der  an- 
drer  Neryenkrankheiten : Beharrlichkeit  ist  im  Allgemeinen  ihr 
Karakter.  Periodischer  Typus  kommt  ihnen  nur  in  seltenen  Aus- 
nahmen  zu  (Vgl.  den  Abschnitt  uber  Paralyse  der  Bumpfathem- 
muskeln.).  Das  von  Zeit  zu  Zeit  bei  geeigneten  Anliissen  sliirkre 
oder  uberhaupt  sichtbare  Hervortreten  der  paralytischen  Symptome 
darf  damit  nicht  yerwechselt  warden.  So  ist  die  Lahmung  des 
Antlitznerven  oft  auf  wenige  Fasern  beschriinkt,  oder  in  so 
schwachem  Grade  vorhanden,  dass  sic  bei  ruhigem  Stande  der 
Gesichlsziige  nicht  erkennbar  ist  und  nur  bei  mimischen  oder 


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ACINESES. 


respiratorischen  Bewegiingen  sich  herausstellt.  Die  Paralyse  des 
llecurrens  einer  Seite  stort  oft  die  ruhigen  Athembewegungen  gar 
nicht , macht  sicli  abler  sotort  bei  respiratorischen  Anstrengungen 
bemerkbar.  Wo  die  Bedingung  der  Lahmung  Fluctuationen  unler- 
worfen  ist,  giebt  sich  einige  Veranderlichkeit  im  Verlaufe  kund, 
z.  B.  bei  Entziindung  und  Erweichung  der  Hirnsubstanz , wo  Bes- 
senmg,  Stillstand  und  Yerschliramerung  otters  abwechseln. 

Die  Dauer  der  Paralysen  ist  seltner  acut  als  clironisch:  am 
kurzesten  in  denen  des  Sympathicus,  am  langsten  in  den  spinalen 
und  peripherischen  Lahmungen.  Die  cerehralen  bieten  die  grosste 
Verschiedenheit  dar,  von  einigen  Stunden,  z.  B.  bei  Ilaemorrhagia 
cerebri,  bis  zu  einem  ganzen  Lebensalter  (Paralysis  congenita). 

Die  Prognos,e  der  Lahmungen  ist  ungunstig,  denn  selbst 
wenn  Genesung  erfolgt,  ist  diese  selir  selten  vollkommen:  Spuren 
bleiben  melir  oder  minder  zuriick.  Sitz  und  Ursache  geben  den 
Maassstab  der  Gefabr.  Centraler  Sitz  ist  misslicher,  als  periphe- 
rischer.  Lahmungen  im  Gebiete  des  Sympathicus  gehoren  zu  den 
gefahrlichsten.  Unter  den  Ursachen  sind  Desorganisationen  und 
Aftergebilde  die  schlimmsten.  Auch  modificirt  das  ursachliche  Ver- 
haltniss  die  vom  Sitze  entnommene  Prognose : so  bietet  eine  durch 
Necrose  des  Felsenbeins  bedingte  Gesichtslahmung  weniger  Aus- 
sicht  zur  Ileilung  dar,  als  eine  durch  Exsudat  an  der  Ilirn- 
grundflache  oder  durch  ein  der  Resorption  fahiges  Blutextravasat 
im  Gehirne  entstandne.  Zunachst  kommen  die  Wirkmigen  der 
Lahmungen  in  Betracht,  Uemmung  des  Lufteintritts  und  Verande- 
rungen  in  der  Haematose  bei  Paralyse  des  Vagus,  Verhaltung 
des  Urins  bei  Lahmung  der  Blasennerven , Erweitierung  holder 
muskuloser  Organe,  des  Schlundes,  Magens,  der  Darme,  mit  Re- 
tention der  auszuleerenden  Stoffe,  Ileus.  Complication en  steigern 
die  Gefahr,  am  moisten  mit  Anasthesie , wclche  destructive  Vor- 
gange,  Decuhitus  u.  s.  f,  einleitet. 

the  Leichenbefunde  bei  Lahmungen  sind  so  mannigfaltig 
wie  die  Krankheiten,  welclie  Lcitung  und  Erregbarkeit  der  mo- 


ACINESES. 


639 


j rischen  Nerven  aufheben.  Der  consecutiven  Atrophie  der  letz- 
•en  ist  S.  G31  erwahnt  worden.  Vieles  bleibt  noch  kiinftigen 
itersuchungen  vorbehalten,  Vieles  wird  fur  immer  verhiillt  bleiben. 

Die  Naturheilung  der  Lakmungen  kommt  seltner  durch  lic- 
it igung  der  Hindernisse  der  Leitung  in  den  peripherischen  Bah- 
ai zu  Stande,  als  durch  Ilerstellung  der  Erregung  von  den  Cen- 
alorganen  aus.  Audi  Uehertragung  findet  zuweilen  statt,  mittelst 
ipetiginoser  Affectionen  unci  Succession  zuriickgedrangter  oder  in  der 
; ntwickelung  begriffiier  Processe,  des  arthritischen , trichomatosen. 

In  der  Behandlung  fulirt  die  Erfiillung  der  Causalindication, 
iclhst  wo  ilir  in  vollem  Umfange  geniigt  wird,  selten  allein  zum 
iel.  Man  ist  zwar  dadurch  im  Stande  die  Hindernisse  der  Lei- 
ung,  z.  B.  Dr'usen-  und  andre  Geschwiilste , Enoclienkrankhei- 
t>en  etc.  zu  entfernen,  allein  es  gelingt  auf  diesem  Wege  niclit, 
ie  hei  einiger  Dauer  der  Lahmung  stockende  Quelle  centraler 
Crregung  in  Gang  zu  hringen,  nocli  die  in  den  contractilen  Ge- 
weben  zu  Stande  gekommene  Veninderung  aufzuheben.  Beide 
mdicalionen  sind  von  grosser  Wichtigkeit:  die  letztere  urn  so 
lehr,  weil,  wie  sclion  oben  erwahnt  worden  ist,  die  Muskel- 
i flection  als  Residuum  der  Lahmung  zurixckbleiben  kann,  und 
leicl’s  instructive  Versucke  (1.  c.  p.  9 — 11)  nachgewiesen  baben, 
lass  galvanische  Reizung  der  gelahmten  Muskeln  die  Irritability 
:nd  Integritiit  derselben  erhiilt.  Mehreren  Froschen  wurden  die 
Verven  der  untern  Extremitaten  in  dem  Wirbelkanal  clurclischnitten. 
md  darauf  die  Muskeln  des  einen  paralysirten  Beins  taglicli  mit 
riner  schwachen  Batterie  galvanisirt,  wiihrend  die  Muskeln  des 
mdern  gelahmten  Gliedes  ruliig  verblieben.  Nacli  Verlauf  zweier 
Vlonate  zeigten  die  ersteren  ihren  gehorigen  Umfang  und  Festig- 
Keit,  und  zogen  sicli  kraftig  zusammen,  dagegen  die  andern  die 
I Ialfte  ihres  Volumens  eingebiisst  batten  und  einen  bedeutenden 
Contrast  mit  den  ersteren  bildeten ; sie  batten  zwar  nocli  Con- 
iractilitat , allein  ohne  Zweifel  wiirde  dieselbe  bei  langerer  Fort- 
setzung  des  \ersuchs,  wegen  rnangelbafter  Ernabrung  und  Ver- 


G40 


ACINESES. 


anderung  der  Muskelsubstanz , ganz  verschwunden  sein.  Alle 
Mittel,  welche  die  Herstellung  und  Erhaltung  der  Muskelintegritiit 
bezwecken,  finden  daher  in  der  Behandlung  der  Lahmungen  ihre 
Anwendung,  Frictionen,  Massiren,  und  besonders  die  Electricitat, 
deren  durch  Induction  erzeugte  Strome  mittelst  magneto  - electri- 
scher  Apparate  den  Vorzug  vor  der  Reibungs-  und  Contact- 
Electricitat  yerdienen  (Vgl.  Froriep's  oben  angefuhrte  Schrift).  In 
der  antiparalytischen  Wirksamkeit  der  Electricitat  schcint  mir  dieser 
belebende  Einfluss  auf  den  Stoffwechsel  in  dem  Muskelgewebe 
von  grossrer  Bedeutung  zu  sein,  als  die  Wirkung  auf  den  Ner- 
ven,  welcher  nur  als  Leitungsbahn  in  Betracht  kommt,  da  aucli 
nach  seiner  Zerstorung,  wie  aus  Reid's  Versuchen  bervorgeht, 
der  Erfolg  nicbt  ausbleibt.  Aus  diesem  Grunde  leistet  sie  am 
meisten  in  den  metallischen  Lahmungen,  wo  die  trophischen  Mus- 
kelstorungen  einen  hohen  Grad  erreichen,  und  in  den  Zustanden, 
wo  die  Muskelaffection  als  Residuum  der  friihern  Lahmung  fort- 
besteht,  wahrend  sie  niemals  allein  Hiilfe  schalfen  kann,  wo  es 
noch  der  Herstellung  der  Erregung  vom  Centralorgane  bedarf. 
Daraus  erklart  sich  auch  das  oftere  Aufgeben  und  Wiedereinfuhren 
ihres  Gebrauches.  In  neuerer  Zeit  faaben  die  orthopadischen 
Fortschritte,  die  gymnastischen  Uebungen  und  die  Tenotomie  den 
Apparat  der  Mittel  vergrossert,  welche  die  Ernahrung  und  Bele- 
bmig  der  Muskeln  fordern. 

In  Erfiillung  der  andern  Indication,  die  Erregung  von  den 
Centralorganen  aus  wieder  herzustellen,  ist  unser  Wirken  beschrank- 
ter,  und  sehr  oft  erfolglos,  woran  theils  die  Unkenntniss  und 
Unheilbarkeit  der  die  Quelle  der  Erregung  unterbrecbenden  Zu- 
stande , theils  der  Mangel  solcher  Mittel  Schuld  ist,  durch  welche 
wir  unmittelbar  auf  jene  Organe  einwirken  konnen.  Nur  zwei 
Einfliisse  kennen  wir,  welche  dies  vermogen,  der  psychische  und 
der  Reflexreiz.  Der  erstere  wird  durch  Willenskraff  und  Emotion 
Aermittelt,  nicht  bloss  durch  jahc  und  starke  Affecte,  Freude, 
Schreck,  Verzweiflung,  sondern  auch  durch  cine  andauernde  psy- 


ACINESES. 


641 


■hische  Spannung,  wie  sie  durch  begeistertes  Vertrauen  auf  gott- 
iclie  und  menschliche  Hi'ilfe  gesetzt  wird:  docli  scheitern  leider 
lie  Erwartungen  haufig  ail  der  Indolenz  oder  Veranderlichkeit  der 
ivranken.  Der  Rellexreiz  w ird  durch  Erregung  sensibler  centri- 
rntaler  Nerven  in  Anspruch  genommen,  wobei  es  keinesvvegs 
rleichgiiltig  ist,  wo  und  wie  der  Reiz  angebracht  wird.  Beson- 
lers  entscheidet  in  den  Reflexparalysen  die  richtige  Wahl  den 
iirfolg  der  Cur:  Drastica  eignen  sich  fur  die  vom  Darmkanal, 
)iuretica  fur  die  von  den  Harnwerkzeugen  abhangige  Lahmung 
i.  s.  f.,  wie  sich  dies  aus  der  Schilderung  dieser  Krankheiten  na- 
ler  ergeben  wird.  Allein  auch  in  Betrelf  der  andern  Lahmungen 
st  die  Topik  und  Modalitat  der  Reflexreizung  nicht  unwichtig. 
jewisse  Stellen  der  Oberflache  sind  rellexhaltiger,  z.  B.  die  Fuss- 
iohlen.  Reizende  Fussbader  mit  einem  Zusatz  von  Konigswasser 
>der  Aetzkali  zeigen  sich  in  den  nach  Wegbleiben  von  Fuss- 
chweissen  entstandnen  Paraplegieen  wirksam,  auch  wenn  der 
dchweiss  nicht  zuriickkehrt  (Ygl.  die  Fiille  in  den  von  mir  her- 
usgegehenen  Klinischen  Ergebnissen  184  6.  S.  69.).  Die 
i mere  Flache  der  Harnblase  verdient  wegen  ihrer  starken  Rellex- 
uction  mehr  Berucksichtigung,  und  Injectionen  von  kaltem  Wasser 
ind  bei  Paraplegieen  mit  Lahmung  der  Sphincteren  zu  versuchen. 
Auch  die  Kenntnis^  bestimmter  Beziehungen  zwischen  einzelnen 
entripetalen  und  motorischen  Bahnen  ist  fur  diesen  Zweck  zu 
oenutzen,  z.  B.  des  Quintus  zum  Facialis,  zum  Oculomotorius, 
iles  Vagus  zu  den  Spinalnerven,  welche  die  Athembewegungen 
ermitteln.  Unter  den  verschiednen  Arten  des  Rellexreizes  sind 
Mitze  und  Kalte  die  machtigsten  in  lluchtiger  Application:  Schnell- 
inoxen,  Annaherung  warmer  Diimpfe,  heisser  Metallplatten , Be- 
pritzung,  Anwiirfe  mit  kaltem  Wasser;  ferner  Frictionen  in  cen- 
iripetaler  Richtung,  Electropunctur,  Urtication,  doch  hiite  man  sich 
or  Ersclidpfung  der  Refiexerregharkeit  durch  zu  lange  Fortsetzung 
lieser  Versuche,  welche  vielmehr  in  gehorigen  lntervallen  wieder- 
lolt  werden  mussen. 


042 


ACINESES. 


Aehnlich  den  Reflexreizen  wirken,  wenn  auch  in  unsrer  Ge- 
brauchsweise  nur  mittelbar  durch  das  Blut,  zwei  Pllanzenalcaloide 
snecifiseh  auf  den  motorischen  Apparat  des  Riickenmarkes  ein, 
das  Strychnin  und  Brucin  (Vgl.  S.  504  — 508.),  sind  aber  als 
Heilmittel,  besonders  das  erstere,  bald  gelobt,  bald  vqrworfen 
worden,  woran  der  Mangel  an  Unterscheidung  der  paralytischen 
Zustiinde  nicht  minder  Schuld  hat,  als  die  Hast  und  Unvollstan- 
digkeit  der  Beobachtung.  Folgende  Kategorieen  erfordern  und  be- 
giinstigen  den  Gebrauch  dieses  Mittels.  1)  Fortdauer  der  Uner- 
regbarkeit  motorischer  Nerven  nach  Entfernung  der  Ursachen, 
welche  ihre  Leitungsfahigkeit  gehemmt  haben,  z.  B.  der  Exsudate 
oder  anhaltenden  Druckes  durch  nahgelegne  Geschwiilste.  2)  Re- 
llexparalysen.  3)  Lahmungen  durch  Commotion,  sei  es  periphe- 
rischer  Bahnen,  sei  es  der  Centralorgane , vorzugsweise  des  Riik- 
kenmarks.  Contraindicirt  ist  das  Strychnin  bei  Desorganisationen 
mit  Reizung  und  in  der  Tabes  dorsualis,  wo  es  den  Fortschritt 
der  Krankheit  beschleunigt.  In  der  technischen  Anwendung  komrnt 
es  darauf  an,  wie  bei  vielen  andern  Mitteln,  den  Saturationspunkt 
nicht  zu  uberschreiten , allein  auch  andrerseits  ihn  liingre  Zeit  zu 
unterhalten.  Die  gelahmten  Theile  selbst  sind  die  empfindlichsten 
Reagentien,  und  werden  zuerst  und  vorzugsweise  von  mehr  oder 
minder  fluchtigen  Contracturen  und  durchfahrenden  Schmerzen 
befallen.  Deshalb  stelle  man  nicht  sofort  den  Gebrauch  ein,  son- 
dern  gebe  kleinere  Dosen  oder  in  langeren  Zwischenraumen. 
Nur  wo  die  Symptome  zur  tetanischen  Ilohe  steigen,  wo  Ilin- 
falligkeit  und  Angstgefuhl,  Schmerzen  und  Benommenheit  des 
Kopfes  hinzutreten,  ist  das  Aussetzen  nothwendig  und  das  Darrei- 
chen  von  Ammonium  carboaicum , Essigather  etc.  niitzlich. 
Unter  den  Praparaten  wird  das  Extr.  nuc.  vom.  spirit.,  \ — 1 — 2 
Gran,  zum  innern  Gebrauche  voreezogen , das  schwefelsaure 
Strychnin,  \ ^ Gr.,  zum  eiidermatischen.  Nach  Bardsley s 

genauen  Beobachtungen , welche  in  seiner  Schrift  (Hospital  facts 
and  observations.  London  1830.)  mitgetheilt  sind,  scheint  das 


ACINESES. 


643 


reine  Alcaloid,  zu  Gr.,  zwei-  bis  dreimal  taglich,  eine  grosse 
Wirksamkeit  zu  besitzen.  Das  Bruciu  wirkt  schwacher  und  muss 
in  4 — 6fach  grosserer  Gabe  verordnet  werden. 

Ein  andres,  auch  in  neuerer  Zeit  zur  Kenntniss  gekommenes 
Pflanzenalcaloid , das  Veratrin,  welches  in  Nervenkrankheiten  bis- 
| her  hauptsachlich  bei  Neuralgieen  seine  Anwendung  gefunden  hat, 
verdient  in  Lahmungen  naher  gepriift  zu  werden.  Sein  Erfolg  ist 
nach  einigen  von  mir  beobachteten  Fallen,  wo  ich  mich  der  Inunc- 
tion mit  einer  aus  10  — 15  Gran  auf  die  halbe  Unze  Fett  bereite- 
ten  Salbe,  dreimal  taglich,  bedient  habe,  um  so  grosser,  je  mehr 
Schmerzhaftigkeit  mit  der  Abnahme  oder  dem  Verluste  der  Motili- 
tat  verbunden  ist.  Endlich  giebt  es  noch  StofFe,  welche  eine  spe- 
cielle  Anregung  fur  einzelne  motorische  Nerven  haben,  Canthariden 
Fur  die  Blasennerven,  Mutterkorn  fur  die  Uterinnerven. 

Unter  den  integrirenden  Lebensreizen,  welche  Lahmungen  zu 
heilen  im  Stande  sind,  ist  Warme  der  machtigste.  Yon  der  ani- 
malischen,  in  Form  der  Thierbiider  und  des  Accubitus,  war  die 
Erwartung  grosser  als  der  Erfolg,  dagegen  die  tellurische,  wie  sie 
in  den  Thermen  zu  Tage  kommt,  ihre  Heilkraft  oft  bewahrt.  Am 
wirksamsten  zeigt  sie  sich  in  rheumatischen  und  arthritischen  Pa- 
ralysen  (Teplitz,  Wiesbaden),  in  den  metallischen  (Aachen,  Nenn- 
dorf  etc.),  in  den  hysterischen  (Ems),  und  in  der  durch  Aufwand 
motorischer  Kraft  und  Strapazen  entstandnen,  wie  sie  bei  fruhaltern- 
den  Menschen  angetroffen  wird  (Gastein,  Wildbad). 

Die  laienhafte  Annahme  einer  Nervenschwache  in  den  Lahmun- 
gen hat  eine  Menge  stlirkender  und  excitirender  Mittel  in  die  Be- 
handlung  dieser  Krankheiten  eingefuhrt,  von  welchen  endlich  sich 
loszumachen  die  getauschten  Hoffnungen  das  Recht  geben.  Nur  bei 
aniimischer  Basis,  primarer  oder  secundarer  oder  mit  Dyscrasie  ver- 
bundener  (die  kachektische  Lahmung  der  Alten),  ist  von  der  Re- 
stauration  des  Blutes  Heil  zu  erwarten.  Ilier  eignen  sich  vor  alien 
die  natiirlichen  Eisenwasser,  Pyrmont,  Spaa,  Driburg,  wovon  Mar- 
card’s,  Brandis,  und  Briick’s  Erfahrungen  Zeugniss  geben. 


644 


ACINESES. 


Ausser  diesem  Verfahren  stehen  nocli  zwei  Wege  offen,  urn 
in  den  widerspanstigen  Lahmungen  eine  Veranderung  hervorzu- 
rulen,  das  Erwecken  eincr  Reaction  und  die  Uebertragung.  Die 
erstere  wird  durch  den  Gebrauch  des  kalten  Watsers  erzielt,  in 
Form  der  Waschung,  Uebergiessung,  Douche,  des  Plongirbads, 
und  in  neuester  Zeit  durch  die  methodische  Anwendung  der 
feuchten  Kiilte  — doch  liegen  noch  zu  wenig  genau  beobachtete 
Thatsachen  vor,  urn  unsere  Erwartungen  von  der  Wassercur  in 
Paralysen  hoch  spannen  zu  diirfen.  Zur  Uebertragung  eignen 
sich  Haut  und  Darmcanal  am  meisten.  Exutorien  stehen  in 
altem  Rufe,  und  bewahren  ihn  vorzuglich  bei  Krankheiten  der 
knochernen  und  hautigen  Mullen  und  bei  impetiginoser  Compli- 
cation oder  Metastase.  Ableitung  auf  die  gastrische  Bahn  des 
Vagus  mittelst  Emetica  wirkt  der  paralytischen  Affection  seiner 
respiratorischen.  Bahn  entgegen. 

Eine  Warnung  bescbliesse  diese  Einleitung,  Gelahmte  mit  un- 

heilbar  erkannten  Zustanden,  z.  B.  Tabes  dorsualis,  Zerstorung 

/ 

einzelner  Nervenstrecken  u.  s.  f.,  keinen  unnutzen  und  qualenden 
Heilversuchen  zu  unterwerfen.  Ilier  unterscheide  sich  der  Arzt 
als  Kenner  von  dem  Trosse  jener  Unberufenen , welche  in  unsern 
Tagen  jeden  Kranken  als  Beute  sich  zuzueignen  bereit  sind. 


Erste  Ordnung. 


fialmuingen  vom  VerSuste  der  Leitungs- 
faliigkeit  der  motorischen  Herven  als 

Conductor  en. 

1.  Gatitoang. 

Idihimingen  tier  cerebrospinalcn  Dalinen. 


Lahmung 

des  N.  facialis. 

Mimische  Gcsichtslahmung. 

Der  karakteristische  Zug  dieser  Lahmung,  an  welche  sich  ein 
! historisches  Interesse  kniipft,  da  mit  ihrer  Darstellung  Bell  die 
I Restauration  der  Nervenpathologie  eingeleitet  hat,  zu  dessen  Anden- 
lAen  sie  auch  jetzt  in  England  die  Bellsche  Lahmung  genannt  wird, 
1st  Stillsland  in  den  Bewegungen  der  vom  Antlitznerven  versorgten 
HVIuskeln,  einzelner  oder  sammtlicher,  einer  oder  in  seltnen  Fallen 
beider  Gesichtshalften.  Der  Kranke  ist  ausser  Stande  die  Stirn  zu 
runzeln,  deren  Furchen  sofort  nach  Eintritt  der  Lahmung  vcr- 
'Schwinden,  so  dass  des  Greises  Stirn  glatt  wird,  wie  cines  Kindes, 
and  fur  alte  Frauen  kein  wirksameres  Cosmeticum  existirt.  Die 
'Augenbraue  liisst  sich  weder  in  die  Ilohe  ziehen  noch  runzeln,  und 
nimmt  einen  niedrigeren  Stand  ein,  die  Lidcr  konnen  nicht  geschlos- 
sen  werden,  und  haben  ihre  blinzelnde  Bewegung  eingebusst.  Der 
'Nasenfliigel  ist  eingesunken,  und  delint  sich  nicht  beim  tiefen  Ein- 


G4G 


MIMISCHE  GESICIITSLAIIMUiXG. 


athmen  noch  beim  Aufschnauben  und  Riechen  aus.  Die  gelahmte 
Backc  schwillt  beim  Sprechen  und  bei  anderen  exspiratorischen  Ac- 
tionen  auf.  Die  Aussprache,  zumal  der  Lippenbuchstaben , ist  er- 
schwert.  Die  Versuche  dcs  Ausspeiens,  Blasens  und  Pfeifens  miss- 
lingen : die  Luft  entweicht  aus  der  gelahmten  Lippenfuge,  und  der 
Speichel  und  genossenes  Getrank  traufeln  aus.  Beim  Essen  haufen  sich 
leicht  die  Speisen  zwischen  der  innern  Backenflache  und  den  Zahnreihen 
an,  da  die  Lippe  und  Backe  ihre  Theilnahme  am  Kauen  versagen. 

Ebenso  bezeichnend  wie  der  Stillstand  der  Bewegung  in  den 
vom  Antlitznerven  versorgten  Muskeln  sind  bei  halbseitiger  Lahmung 
das  Uebergewicht  der  Antagonisten  und  die  Contraction  symmetri- 
scher  Muskeln  der  gesunden  Gesichtshalfte.  Das  Offenstehen  des 
Auges,  im  Wachen  und  im  Schlafe,  ist  mehr  von  der  gesteigerten 
Thatigkeit  des  Levator  palpebr.  super,  abhangig,  als  von  der 
Paralyse  des  Schliessmuskels.  Das  obere  Augenlid  ist  stark  in 
die  Hohe  gezogen , daher  sein  Saum  scbmaler  als  am  gesunden 
Auge  ist,  und  das  Auge  dadurch  scheinbar  grosser.  Bei  einer  blos- 
sen  Immobilitat  des  M.  orbicul.  palpebr.  wiirde  dieses  nicht  der 
Fall  sein,  wovon  man  sicli  nach  Durchschneidung  des  Augenlidhe- 
bers,  wie  sie  Dieffenbach  zur  Beseitigung  der  Deformitat  vorgenom- 
men  hat,  iiberzeugen  kann.  Die  Contraction  der  Muskeln  der  ge- 
sunden Gesichtshalfte  ist  hauptsachlich  an  der  Entstellung  Schuld, 
indem  sie  die  Medianlinie  verruckt,  und  Nasenspitze  und  Mund  seit- 
wiirts  zieht.  Diese  Yerzerrung  der  Ziige,  welche  bei  halbseitiger 
Lahmung  entweder  in  erheblichem  oder  scliwachem  fast  unmerk- 
lichem  Grade  vorhanden  sein  kairn,  tritt  bei  alien  mimischen  und 
respiratorischen  Bewegungen  des  Gesichtcs  greller  hervor,  beim  Spre- 
chen, Lachen,  Weinen,  Niesen,  Aufschnauben,  Gahnen,  im  leiden- 
schaftlichcn  Ausdrucke. 

Anders  verhiilt  es  sich  in  der  Paralyse  beider  Antlitznerven.  In 
zwei  mir  unlangst  vorgekommenen  Fallen  bot  das  Gesicht  ausser 
dem  Offenstehen  beider  Augcn  keine  Entstellung  dar:  nur  die  Glatte 
der  Stirn  und  der  Mangel  irgend  einer  Furche  warcn  in  dem  Ge- 


MIMISCHE  GESICHTSL AHM UN G. 


G47 


sichte  des  einen  43jahrigen  Kranken  auffallend.  Noch  mehr  frap- 
pirte  die  Kalte  des  Ausdruckes  beim  Sprechen,  bei  aufgeregter  Ge- 
muthsstimmung  in  dem  schhnen  Gesicht  einer  jungen  Dame.  Der 
eine  Kranke  fuhlte  es  selbst  und  bezeichnete  als  das  grosste  Miss- 
geschick,  dass  er  ohne  Veranderung  seiner  Ziige,  ohne  dass  die  an- 
dern  Menschen  es  ibm  ansehen  konnen,  frohlich  oder  traurig  sein 
miisse.  Bei  einem  sechzehnjahrigen  in  Dupuylren’s  Klinik  beob- 
achteten  Madchen  mit  Liihmung  beider  Gesichtshalften  war  auch  keine 
Verzerrung,  wohl  aber  eine  Erschlaffung  und  ganzliche  Unbeweg- 
lichkeit  aller  Gesichtsziige  wahrnehmbar.  Die  Augenlider  schlossen 
sich  nur  zur  Hiilfte:  die  Lippen  standen  offen,  und  wurden  wie 
zwei  Vorhange  von  der  ausgeathmeten  Luft  bin-  und  herbewegt. 
Die  sehr  ausdrucksvolle  Physionornie  hatte  einen  ernsten  Karakter, 
welcher  mit  der  Gemiithsstimmung  auffallend  contrastirte.  Man  horte 
die  Kranke  laut  auflachen,  allein  sie  lachte  wie  liinter  einer  Maske 
( Bell  physiol,  u.  pathol.  Unters.  S.  282). 

Einige  andere  Erscheinungen  begleiten  die  Lahmung  der  Muskeln. 
Wegen  Immobilitat  des  untern  Augenlides  konnen  die  Thranen  nicht 
leicht  nach  dem  innern  Augenwinkel  hingeleitet  werden , sam- 
meln  sich  an,  und  traufeln  alsdann  auf  die  Backe  herab,  wovon  auch 
eine  Trockenheit  der  entsprechenden  Nasenhohle  die  Folge  ist.  Aus 
Mangel  des  Schutzes  blinzelnder  und  schliessender  Bewegungen  der 
Lider,  ist  das  Auge  iiusseren  Eintlussen  blosgestellt,  und  wird  nicht 
selten  von  Entziindung  der  Conjunctiva  befallen.  Die  Unbewegiich- 
keit  des  Nasenlliigels  verhindert  das  Aufathmen,  welches  zur  vollen 
genussreichen  Thatigkeit  des  Geruchsinnes  nothwendig  ist,  daher 
auch  Thiere,  bei  welchen  die  Stamme  der  Antlitznerven  durchschnit- 
ten  worden,  nicht  mehr  im  Stande  sind  zu  wittern,  eben  so  wenig 
wie  die  Ohren  zum  Horchen  zu  spitzen. 

Die  Sensibilitiit  des  Gesichtes  ist  bei  isolirter  Affection  der  Ant- 
litznerven unbetheiligt , wovon  ich  durcli  genaue  Untersuchung  aller 
solcher  mir  vorgekommenen  Fiille  mich  und  Andere  iibcrzeugt  habe. 
Bei  kingerer  Dauer  der  Lahmung  stellt  sich  Erschlaffung  und  Welk- 


G48 


MIMISCI  IE  GESICHTSLA1 IMUNG. 

heit  dcr  die  gelahmten  Muskeln,  besonders  der  Backe,  bedeckenden 
Haut  ein.  In  der  Paralyse  der  Kami  palpebrales  findet  nicht  selten 
cine  Procidenz  und  halbe  Ectropic  des  untern  Augenlides  statt. 

Diese  im  Allgemeinen  sich  kundgebenden  Ziige  der  mimischen 
Gesichtslahmung  werden  durch  den  Sitz  der  Krankheit  modificirt. 

I.  Ii {Hunting  tier  iieriplteriscJten  Balm  ties  Facialis. 

Das  physiologische  Kriterium  ist:  isolirte  Leitungsunfahigkeit  auf 
gleichseitiger  Bahn. 

Die  diagnostischen  Merkmale  sind  verschieden,  je  nach  dem  Sitze 
in  den  verschiedenen  Stationen  des  Antlitznerven,  in  der  Gesichts- 
llache  oder  auf  seinem  Laufe  durch  das  Schlafbein,  oder  an  der  Ba- 
sis des  Gehirns. 

1)  Sitz  der  Lahmung  in  den  Ge'sichtsverzweigungen 
des  Facialis. 

Aeussere  Verletzungen  und  chirurgische  Operationen  an  der  Ge- 
sichtsllache  binterlassen  zuweilen  eine  auf  einzelne  Zweige  des  Fa- 
cialis beschrankte  Paralyse.  So  sah  ich  bei  einem  jungen  Manne 
eine  Lahmung  der  linken  Oberlippe  und  des  linken  Nasenfliigels 
nach  der  Excision  einer  grossen  steatomatosen  Geschwulst  aus  der 
Backe,  wobei  die  Lippen-  und  Nasenzweige  des  Facialis  durch- 
schnitten  worden  waren.  Bell  hatte  bei  der  Exstirpation  einer  Ge- 
schwulst am  Ohre  einen  Zwreig  des  Facialis  durchschnitten,  welcher 
sich  in  den  Mundwinkel  yerbreitet.  Einige  Zeit  nachher  kam  der 
Kranke,  der  ein  Kutscher  war,  zu  dim,  um  sich  fur  die  gelungene 
Cur  zu  bedanken,  klagte  aber,  dass  er  seitdem  ausser  Stande  sei 
seine  Pferde  mit  Pfcifen  anzutreiben  (Physiol,  u.  pathol.  Unters. 
des  Nervensyst.  S.  G2. ).  Niichstdem  ist  es  Druck  auf  die  Gesichts- 
lliiche,  vorubcrgehendcr  oder  bcharrender,  weloher  dem  Antlitzner- 
ven die  Leitungsfahigkeit  entzieht.  Brodie  hat  eine  halbseitige  Gc- 
sichtslahmung  nach  einem  Schlag  auf  die  Backe  bcobachtet  (Aber- 
crombie pathol.  and  practic.  researches  on  diseases  of  the  brain 


MIMISCHE  GESICI1TSLAHMUNG.  C49 

I and  the  spinal  cord.  3.  edit,  p.  280.)  Der  Druck  der  Gcburtszan'ge 

j verursacht  oilers  eine  angeborne  Gesichtslahmung,  welclie  bereits 
von  0 siandcr  (Handbuch  der  Entbindungskunst.  Tubingen  1821. 
11.  B.  2 te  Abth.)  geschildert,  und  von  Dr.  Landouzy  der  Compres- 
sion des  Nerv.  facialis  zugeschrieben  worden  ist  (Essai  sur  l’h^mi- 
plegie  fac.iale  chez  les  enfans  nouveau-nes.  Paris  1839).  Der  Zan- 
gendruck  triffl  nur  selten  den  Nervenstamm  selbst  bei  seinem  Aus- 
tritte  aus  dem  Foram.  stylomastoid.,  sondern  gewohnlich  lindet  die 
Application  der  Zange  nack  dem  diamet.  occipit.  mental,  statt,  so 
dass  der  hintere  Rand  des  Loffels  seine  Furche  einige  Linien 
vor  dem  Ohrlappchen  im  Niveau  mit  dem  Ursprunge  der  Haupt- 
zvveige  des  Facialis  eindruckt,  und  demgemiiss  die  Nerven  der  Augen- 
lider,  des  Nasenfliigels  und  der  Lippe  geliihmt  sind.  Indess  kann 
die  Lahmung'  beschrankter  sein,  wenn  der  Druck  nicht  gleichmas- 
sig  wirkt  mid  nur  einzelne  Filamente  trilft.  Gleich  nach  der  Ge- 
burt,  beim  ersten  Schrei  des  Kindes,  giebt  sich  die  Lahmung  durch 
die  Verzerrung  der  Gesichtsziige  kund,  wahrend  in  der  Ruhe  nicht 
die  geringste  Entstellung,  mit  Ausnahme  des  Offenstehens  des  Au- 
ges,  bemerkliar  ist.  Auch  geht  das  Saugen,  bei  gehoriger  Beschal- 
lenheit  der  Brustwarze,  ungehindert  von  statten. 

Eine  andauernde  Compression  wird  durch  Geschwulste  und 
durch  tiefe  Narben  bewirkt.  Am  haufigsten  sind  es  Anschwellun- 
gen  der  lymphatischen  Driisen  in  der  Nahe  des  Zitzenfortsatzes  und 
am  untern  Rande  des  Unterkiefers,  welche  auf  den  aus  dem  For.  sty- 
lomast.  hervortretenden  Facialis  einen  Druck  ausuben,  und  das  ganze 
Gebiet  seiner  Gesichtsverzweigungen  liilimen.  Aehnlich  wirken  ge- 
rissne  Narben  scrofuloser  Geschwiire  an  dieser  Stelle.  Seltner 
geben  Degenerationen  der  Parotis  (Vgl.  eine  genaue  Beobachtung 
von  Biilard  in  Descot’s  dissertation  sur  les  affections  locales  des 
nerfs.  Paris  1825  p.  318)  und  Aftergebilde  Anlass.  Am  haufig- 
sten  wird  die  Faserung  des  Facialis  im  Gesichte  durch  den  Ein- 
druck  der  Kiilte  Oder  der  Zugluft  paralysirt,  jedoch  nicht  immer  in 
ihrer  ganzen  Ausdehnung,  sondern  zuweilen  nur  in  einzelnen  Ag- 


G50 


MIMISCHE  GESICHTSLAIIMUNG. 


gregaten , so  dass  nach  dem  Gesetze  der  isolirten  Leitung  auch  nur 
eine  Muskelgruppe  oder  ein  einzelner  Muskel  von  der  Paralyse  be- 
fallen wird.  Besonders  sind  es  die  Nerven  des  Schliessmuskels  der 
Augenlider,  welche  auf  diese  Weise  ihre  Leitungsfiihigkeit  einb'ussen, 
wovon  Lagophthalmus  paralyticus  die  Folge  ist.  Durch  rheumatischen 
Anlass,  durch  Einwirkung  der  Zugluft  auf  das  erhitzte  Gesicht  sah 
ich  in  dem  obenerwahnten  Falle  zuerst  die  rechte,  und  zwei  Tage 
darauf  die  linke  Halfte  des  Gesichts  von  Lahmung  befallen. 

2)  Sitz  der  Lahmung  in  der  durch  das  Felsenbein 
streichenden  Balm  des  Facialis. 

* 

Bei  Kopfverletzungen  entstehen  zuweilen  Fissuren  und  Fractu- 
ren  des  Os  petrosum,  wo  die  mimische  Gesichtslahmung  ein  diagno- 
stisches  Iiriterium  fur  den  Sitz  der  Verletzung  giebt.  Bell  erwabnt 
eines  solchen  Falles,  in  welchem  ein  Pistolenschuss  durch  das  Ohr 
das  Schlafbein  zerschmettert  und  den  Facialis  durchrissen  hatte, 
und  eines  andern  von  einem  Manne,  der  nach  einem  Falle  auf  den 
Kopf  noch  acht  Tage  in  einem  soporosen  Zustande,  mit  Lahmung 
der  linken  Gesichtshalfte  lebte.  Eine  Fractur  erstreckte  sich  quer 
durch  die  Basis  cranii  und  das  linke  Felsenbein,  und  hatte  den  Fa- 
cialis an  der  Stelle  seines  Eintritts  in  den  innera  Gehorgang  durch- 
rissen. (I.  c.  S.  204  u.  229.)  Gewohnlich  geben  Tuberculosis  und 
in  deren  Folge  Necrose  des  Felsenbeins  Anlass.  (S.  Romberg  uber 
Lahmung  des  Antlitznerven  durch  Krankheit  des  Felsenbeins  in  Cas- 
pers Wochenschr.  fur  die  ges.  Heilk.  1835.  S.  G01  u.  folg.)  Fur 
ein  zweijahriges , im  hochsten  Grade  der  Tabes  mesenterica  abge- 
zehrtes  Kind  mit  Otorrhoe  des  linken  Ohres  wurde  im  J.  1835 
mein  Rath  begehrt.  Beim  Drucke  auf  den  Unterleib  fing  der 
Knabe  an  zu  weinen,  doch  nur  mit  der  rechten  Halfte  des  Gesichts: 
die  linke  blieb  regurigslos.  Der  Corrugator  supercilii  bewegte  sich 
nidit  auf  dieser  Seite,  wahrend  der  rechte  die  Braue  runzelte.  Die 
linken  Augenlider  klafften  von  einander,  wobei  das  Auge  in  die 
Hohe  gerollt  war,  dabingegen  die  rechten  beim  Weinen,  und,  wie 
die  flutter  auf  meipe  Frage  crwiederte,  aucli  im  Schlafe  sich 


MIMISCHE  GESICHTSLAHMUNG. 


G51 


rbhlossen.  Der  linke  Nasenfliigel  war  collabirt,  die  Nasenspitze  und 
er  Mnnd  nach  der  rechten  Seite  her’ubergezogen.  Bei  ruhigen  Zii- 
en  zeigte  sich  ausser  einem  weiteren  Abstehen  der  Augenlider, 
i eodurch  das  linke  Auge  grosser  erschien  als  das  rechte,  und  einer 
<eringen  Wendung  der  Nasenspitze  nach  der  rechten  Seite  keine 
Sntstellung  der  Gesichtsz'uge.  Ein  Paar  Tage  darauf  erfolgte  der 
i Tod  des  Kleinen.  Die  Oeffiiung  der  Schadelhohle  wurde  von 
lem  damaligen  Prosector  Hrn.  Dr.  Henle  yorgenommen.  Auf  der 
Arachnoidea  der  Oberflache  beider  Hemispharen  des  grossen  Ge- 
lirns  liatte  eine  Menge  kleiner  rimder  Granulationen  ihren  Sitz,  die 
ius  einer,  eingedicktem  Eiter  ahnlichen  Masse  bestanden.  In  der 
t Corticalsubstanz  desjenigen  Theils  des  mittleren  Lappens,  welcher 
luf  dem  linken  Felsenbein  rubet,  fand  sich  Absatz  von  Tuberkel- 
: masse,  die  \ Zoll  tief  in  die  Marksubstanz  eindrang.  Audi  in  der 
harten  Ilirnhaut,  welche  das  Os  petrosum  iiberzieht,  zeigte  sich  an 
drei  Stellen  Tuberkelablagerung.  Nach  Ablosung  der  dura  mater 
terschien  das  Felsenbein  von  braunlicher  Farbe  und  wurmstichigem 
Ansehen;  es  wurde  herausgemeisselt  und  genau  untersucht.  Fast 
■ durchgangig  war  es  carios.  Yom  Hammer  fand  sich  keine  Spur, 
. auch  nicht  vom  Paukenfell , so  dass  der  Eiter  aus  der  Paukenhohle 
freien  Abfluss  durch  den  iiussern  Gehorgang  hatte.  Der  Nervus  fa- 
cialis verhielt  sich  in  der  Partie,  welche  das  Knie  genannt  wird, 
gesund,  allein  innerhalb  des  Fallopischen  Eanals  war  ein  Theil  des- 
selben  durch  Erweichmig  desorganisirt.  In  einem  andern  von  Fro- 
riep  untersuchten  Falle  waren  nicht  bloss  die  Zellen  des  Warzen- 
fortsatzes  mit  Tuberkelstoff  angefiillt,  sondern  auch  der  Fallopische 
Kanal  selbst,  so  dass  der  Antlitznerv  bis  zu  seincm  Austritte  da- 
durch  eingepresst  war.  Das  Felsenbein  war  necrotisch,  das  Pau- 
kenfell und  die  Gehorknochelchen  mit  Ausnahme  des  Steigbugels 
waren  zerstort.  Es  fanden  sich  auch  Knochentuberkel  in  den  obern 
und  untcrn  P^xtremitaten.  (Vgl.  Massalien  dissert,  inaug.  de  nervo 
faciali,  Berolini  1836.)  — Auch  beim  Eintritte  in  das  Foramen 
auditorium  des  Felsenbeins  wird  der  Facialis  zuweilen  durch  an- 


G52 


MIMISCHE  gesiciitslahmung. 

granzende  Geschwulst  dcr  harten  Hirnhaut  oder  des  Knochens  selbst 
bceintrachtigt , wovon  Gregory  ein  Paar  Beispiele  mitgetheilt  hat 
(Edinh.  med.  and  surg.  journ.  1834.  Vol.  XLIi.  p.  272.)  Bei  ei- 
nem  vierzigjahrigen  Manne  war  nach  dem  Aufhoren  eines  seit  sei- 
ner Kindlieit  andauernden  Eiterflusses  aus  dem  rechten  Ohre  Taub- 
heit  und  Lahmung  der  vom  Facialis  der  rechten  Seite  versorgten 
Muskeln  eingetreten.  Nach  dem  durch  eine  Krankheit  des  Pancreas 
erfolgten  Tode  fond  man  eine  in  dcr  pars  petrosa  des  rechten  Schlaf- 
beins  eingebettete  Geschwulst  von  der  Grosse  einer  Wallnuss,  von 
Knorpelharte  und  Perlenglanz,  welche  das  Foramen  auditor,  iiber- 
ragte,  und  den  Antlitz-  und  Gehornerven  fest  comprimirte.  Der 
andere  Fall,  der  wegen  des  Hervordringens  der  Geschwulst  aus  der 
Schadelhohle  besonders  merkwurdig  ist,  betraf  ein  funf  und  dreissig- 
jahriges  Frauenzimmer,  welches  von  Lahmung  der  rechten  Gesichts- 
halfte  und  Taubheit  des  rechten  Ohrs  befallen  war.  Eine  Zeit  lang 
hatte  Otorrhoe  aus  diesern  Ohr  mit  Abnahme  der  Taubheit  statt- 
gefunden.  Dabei  klagte  sie  uber  Kopfschmerz  der  rechten  Seite 
und  haufiges  beschwerliches  Erbrechen.  Eine  tiefgelegene  Geschwulst 
von  betrachtlicher  Grosse  hatte  zwischen  dem  rechten  Kieferwinkel 
und  Warzenfortsatz  ihren  Sitz.  Der  innere  und  aussere  Gebrauch 
des  Jods  bewirkte  eine  Abnahme  der  Geschwulst,  allein  die  Bewe- 
gungen  der  Gesichtszuge  blieben  beeintrachtigt.  Nach  einem  halben 
Jahre  wurde  sie  von  neuem  in  das  Hospital  aufgenommen,  mit  hef- 
tigem  Kopfschmerze,  Ohrensausen , Unvertraglichkeit  des  Lichtes, 
Contraction  der  Pupillen,  Strabismus,  Erbrechen.  Die  Geschwulst 
war  vergrossert,  Paralyse  und  Taubheit  unverandert,  das  Sprechen 
undeutlich.  Ein  Erysipelas  verbreitete  sich  vom  Kopfe,  wo  ein  Ye- 
sicatorium  gelegt  worden  war,  "uber  einen  grossen  Theil  des  Kdr- 
pcrs.  Die  Kranke  starb  unter  gi'osser  Erschopfung  und  Abmage- 
rung,  ohne  vorangehenden  Sopor  oder  Convulsionen.  Der  aussere 
fesle,  scirrhose  lumor  bildete  einen  Theil  einer  breiten  unregelmiis- 
sigcn  Geschwulst  oder  vielmehr  einer  Kelte  von  Gcschwulstcn,  die 
innig  mit  cinander  zusammenhingen , Absorbtion  des  Proc.  cuneiform. 


MIMISCHE  GESICHTSLAHMUNG. 


G53 


und  des  rechten  Condylus  des  Hinterhauptbeins , so  wie  auch  Ne- 
crose einer  grossen  Partie  des  rechten  Felscnbeins  hervorgebracht 
hatten,  in  welcbem  cin  Thcil  der  Geschwulst  lief  und  fest  einge- 
senkt  war.  Die  Geschwulst  nahm  einen  betrachtlichen  Raum  in 
der  Fossa  cerebelli  ein,  so  dass  die  rechte  Hemisphare  des  kleinen 
Gehirns,  die  Varolsbrucke  und  das  verlangerte  Mark  comprimirt 
und  nach  der  linken  Seite  gedriingt  waren.  Beide  Processus  resti- 
formes  erschienen  abgeplattet,  der  rechte  Facialis  und  Acusticus  wa- 
ren erweicht  und  durch  einen  Theil  der  Geschwulst  zusammenge- 
presst,  oberhalh  wrelcher  die  Fasern  des  Glossopharyngeus  und  Hy- 
poglossus  ausgebreitet  waren.  Der  Abducens  war  ebenfalls  einem 
Drucke  ausgesetzt.  Eine  kleine-  feste  Geschwulst  von  der  Grosse 
■ einer  Olive  war  zugleich  mit  einem  Theil  der  grossern  Geschwulst, 
an  welcher  sie  lose  anhing,  bis  zu  einer  bedeutenden  Tiefe  in  die 
Substanz  der  rechten  Hemisphare  des  Cerebellum  eingedrungen. 

Die  Diagnose  des  Sitzes  der  Krankheit  in  der  Knochenbahn  des 
Facialis  basirt  1)  auf  Erscheinungen,  die  durch  den  Krankheitsprocess 
im  Knochen  hervorgerufen  werden,  Otorrhoe  mit  Ausstossung  necro- 
tischer  Knochenstiickchen,  der  Gehorknochelchen  u.  s.  f.  2)  auf  der 
Theilnahme  des  Hornerven,  wrenn  der  Anlass  sich  an  der  Eintritts- 
stelle  des  Facialis  imFelsenbeinbefmdet,  wo  Taubheit  gewohnlich  die 
Lahmung  begleitet.  3)  auf  Eigenthiimlichkeiten  in  den  paralytischen 
Erscheinungen.  Wegen  Beeintrachtigung  sammtlicher  Primitivfasern 
des  Facialis  in  ihrem  Ensemble,  im  Stamme,  sind  nicht  nur  die 
Gesichtsramificationen  ihrer  Leitungsfahigkeit  verlustig,  sonclern  auch 
einige  Nerven,  uber  deren  physiologische  Bestimmung  man  noch  im 
Dunkeln  ist.  Es  sind  die  Chorda  tympani  und  der  N.  petrosus  super- 
licialis  major.  Arnold  hat  zuerst  einen  Zwreig  der  Paukensaite  als 
motorische  Wurzel  des  Eiefer-  oder  Zungenknotcns  nachgewiesen 
(Der  Kopftheil  des  vegetativen  Nervensystems  beim  Menschen.  Hei- 
delberg 1831.  S.  119),  und  spatcrhin  den  Einfluss  auf  die  Ausstos- 
sung des  Spcichels  aus  dcm  Wharton’schen  Gange  in  einem  Falle 
von  Lahmung  des  Facialis  hervorgehoben,  wo  an  der  kranken  Seite 


654  MIMISCHE  GESICHTSLAIIMUNG. 

die  Speichelentleerung  vermindert  war  (Untersuchungen  im  Gebiete 
der  Anatomie  und  Physiologie.  1.  Bandchen,  Zurich  1838.  S.  210). 
Bei  meinera  zuvor  angefuhrten  Kranken  war  die  Paralyse  beider 
Antlitznerven  Folge  einer  aussern  Verletzung  des  Kopfes,  wobei  die 
Schlalbeine  durch  das  Einpressen  zwischen  zwei  Balken  besonders 
gelitten  batten,  wie  es  nebst  der  Lahmung  eine  sogleich  sich  ein- 
stellende  Taubheit,  die  spaterhin  wieder  yerschwand,  und  Bluterguss 
aus  den  Ohren  bezeugten.  Ein  sehr  lastiges  Gefiihl  von  Trocken- 
heit  in  der  Mundhohle  war  vorhanden,  welches  der  Ivranke  durch 
haufiges  Ausspiilen  und  Anhalten  yon  Wasser  zu  lindern  suchte. 
Die  untere  Flache  der  Zunge  und  das  Kieferbassin  waren  trockner 
als  gewohnlich.  Der  N.  facialis  ist  es  auch,  der  den  Speichelgang 
der  Parotis  versorgt  ( Longet  anatomie  et  physiologie  du  systkme 
nerveux  de  1’homme  et  des  animaux  vert4bifes.  Paris  1842.  T.  II. 
p.  456);  ob  jedoch  bei  dem  Sitze  der  Krankheit  in  den  Gesichts- 
ramificationen  ein  ahnlicher  Stillstand  in  der  ausleerenden  Bewe- 
gung  des  Stenonschen  Ganges  stattfmdet,  ist  wegen  fortdauernder 
Thatigkeit  in  dem  Kanal  der  Unterkieferdruse  nicht  mit  Precision 
zu  ermitteln.  Die  von  mir  behandelten  Kranken  dieser  Art,  auch 
die  Kranke  mit  Lahmung  beider  Gesichtshalften,  klagten  nicht  liber 
Trockenheit  der  entsprechenden  Mundliohle.  Eine  andere  bei  Lah- 
mung des  Antlitznerven  in  seinem  knochernen  Gehause  in  mehreren 
Fallen  beobachtete  Erscheinung  konunt  bier  ebenfalls  in  Betracht: 
es  ist  die  Veranderung  und  Abnahme  des  Geschmacks  in  der  ent- 
sprechenden Seite  der  Zunge,  ohne  alle  Betheiligung  der  Sensibili- 
tat  oder  Motilitiit  der  Zunge.  Professor  Roux  hat  in  seiner  eignen 
Paralysis  facialis  einen  metallischen  Geschmack  in  der  rechten  Zun- 
genhiilfte  als  Yorlaufer  und  Begleiter  der  Liilimung  bemerkt  (De- 
scot  dissertation  sur  les  affections  locales  des  nerfs.  Paris  1825. 
p.  331.).  Montault  fiihrt  noch  ein  Paar  Bcispiele  an  (dissertation 
sur  l’hemiplegie  faciale.  Paris  1831.  p.  15).  Unlangst  hat  Dr.  Ber- 
nard ion  neuem  darauf  aufmerksam  gemacht,  und  den  Gegenstand 
auch  anatomisch - physiologisch  untcrsucht  (Recherches  anatomiques 


MIMISCHE  GESICHTSLAHMUNG. 


655 


physiologiques  sur  la  corde  du  tympan  pour  servir  h l’histoire 
]e  rhdmiplegie  faciale  im  Journal  de  l’anatomie,  de  la  physiologie 
jt  de  la  pathologie  du  syst&me  nerveux.  Paris  1843.  T.  I.  p.  408 
— 439).  In  einem  Falle  war  mit  Lahmung  der  linken  Gesichts- 
halfte  Taubheit  verbunden,  und  eine  Verletzung  des  Schlafbeins 
mehrere  Jahre  vorhergegangen.  Die  Sensibilitiit  war  yollkommen 
erhalten,  auch  in  der  Zunge,  deren  Beweglichkeit  nach  alien  Rich- 
tungen  ungestort  war.  Dagegen  machte  sich  in  dem  vorderen  Theil 
der  linken  Zungenhalfte  eine  Abnahme  des  Geschmacks,  besonders 
-saurer  Dinge  bemerkbar:  gepulverte  Citronensaure  wurde  hier  weit 
llangsamer  und  schwacker  geschraeckt  als  auf  der  rechten  Seite. 
:Des  Verfassers  Erklarung,  dass  die  in  der  Schleimhaut  der  Zunge 
■sich  verbreitende  Chorda  tympani  ein  motorischer  Nerv  sei  mit  der 
Bestimmung  die  Nervenpapillen  zu  erigiren  und  fur  den  Eindruck 
' der  schmeckbaren  Dinge  empfanglicher  zu  machen,  diirfte  wohl  we- 
nige  Anhanger  finden.  Das  Phanomen  selbst  bedarf  auch  noch  ei- 
ner  weiteren  Bestatigung.  *)  Die  Deutung  des  N.  petrosus  superfi- 
cialis  major  ist  zuerst  yon  Bidder  versucht  worden  (Neurologische 
Beobachtungen  1836.  S.  40),  welcher  ihn  als  einen  von  dem  Fa- 
cialis zum  Ganglion  sphenopalatinum  hinzutretenden  motorischen 
Nerven  betrachtet,  der  fur  die  Bewegung  des  Velum  palat.  bestimmt 
ist.  Von  der  Leitungsunfahigkeit  dieser  Nervenfasern  scheint 
die  erwahnte  halbseitige  Lahmung  des  Gaumensegels  abhangig 
zu  sein,  wodurch  das  Zapfchen  eine  schiefe,  mit  der  Spitze 
nach  der  gelahmten  Seite  gerichtete  Stellung  bekommt , und 


*)  In  einem  Aufsatze  des  Dr.  Wilde  in  Dublin  iiber  Ursachen  und  Be- 
handlung  der  Otorrhoe  findo  ich  die  Bemerkung,  dass  bei  Applicalion  des 
Hollensteins  auf  die  Membrana  tympani  oft  ein  Geschmack  desselben'  ent- 
steht.  Eine  junge  Dame,  bei  welcher  kleine  Excrescenzen  durch  das  per- 
forirte  Trommelfell  hervorwucherten,  erzablte,  dass  sie  ganz  bestimmt  die 
Einwirkung  des  Aetzmiltels  flihle,  wie  es  den  Zungenrand  cntlang  herun- 
terlauft,  aber  niemals  die  Spitzo  erreicht.  (Journal  fur  Kinderkrankheiten 
von  Behrend  und  Hildebrand  3.  Bd.  S.  193.) 


G5G 


MIMISCHE  GESICHTSLAIIMUNG. 


nach  der  Heilung  scinen  normalcn  Stand  wieder  einnimmt.  Boi 
vicr  Krankcn  mit  Liilnmmg  des  Facialis  habe  ich  die  Hemi- 
plegic des  Gaumensegels  beobachtet.  Der  eine,  ein  38jahriger 
sonst  gesunder  Mann  war  nach  einer  Erkiiltnng  beim  Waschen  des 
Gesichtes  und  Halses  von  Lahmung  des  ganzen  Gebietes  des  linken 
Antlitznerven  befallen  worden.  Zugleich  klagte  er  fiber  einen  dum- 
pfen  Schmerz  in  der  Tiefe  des  linken  Ohrs  mit  Schwerhorigkeit, 
und  uber  ein  Gefuhl  von  Trockenheit  in  der  linken  Mundhohle.  Die 
Uvula  stand  schief,  bogenformig  gekriimmt,  mit  der  Spitze  nach  links 
gerichtet.  Der  Sitz  der  Krankheit  war  offenbar  im  Felsenbein. 
Gegen  meine  Erwartung  erfolgte  die  Heilung  schnell,  schon  nach 
vierzehn  Tagen  auf  den  Gebrauch  ortlicher  Blutentleerungen  hinter 
dem  linken  Ohre,  Einreibungen  von  Ung.  neapolit.  und  einer  Auf- 
losung  der  Magn.  sulphur,  mit  einem  Zusatze  von  Tinct.  Semin. 
Colchici.  Etwas  spater  als  die  Gesichtsmuskeln  hatte  die  Uvula 
ihren  graden  Stand  wieder  eingenommen.  Der  andre  Kranke  bot 
eine  vollstandige  Lahmung  des  linken  Facialis  dar,  welche  von  einer 
Krankheit  an  der  Grundflache  des  Gehirns  abhangig,  mit  dem  Ver- 
luste  der  Leitungslahigkeit  in  den  benachbarten  Nerven,  Quintus, 
Abducens,  Acusticus,  Vagus  verbunden  war:  die  Kaumuskelnerven 
hatten  jedoch  ihre  Integritat  beibehalten.  Auch  hier  war  das  Gau- 
mensegel  in  abnormer  Stellung:  die  Uvula  stand  schief,  nach  der 
linken  Seite  hin  gebogen.  In  dem  dritten  Falle  eines  13jahrigen 
scrofulosen  Madchens , welches  nach  einer  Otorrhoe  Lahmung  des 
rechten  Facialis  und  Taubheit  des  rechten  Ohres  zuruckbehalten 
hatte,  zeigte  sich  ebenfalls  die  Hemiplegie  des  Gaumensegels  mit 
bogenformiger  Kriimmung  und  Wendung  der  Spitze  nach  der  rech- 
ten Seite.  Der  vierte  Fall  hetraf  ein  achtjahriges  Madchen,  welches 
seit  seiner  Kindheit  an  einer  Lahmung  des  linken  Facialis  in  seincm 
ganzen  Umfange  litt.  Tiefe  Schnittnarben  in  der  Nahe  des  Fora- 
men st\lomastoideum  konnten  leicht  zu  der  Annahme  verleiten,  dass 
in  ihnen  der  Grund  der  Paralyse  Iiige,  allein  die  sehr  auffallende 
Kriimmung  der  Uvula  nach  der  linken  Seite  richtete  den  Verdacht 


MIMSCHE  GESICHTSLAIIMUNG. 


657 


I uf  eincn  im  Inncrn  des  Felsenbeines  vcrborgenen  Anlass,  und  die 
littheilung  der  Mutter,  dass  das  Kind  im  siebenten  Monate  an  ei- 
I er  starken  Otorrhoe  des  linken  Ohrs  gelitten  biitte,  mit  welcher 
Jeine,  eigenthiimlich  geformte  Knochenstiicke  abgegangen  waren, 
aestiitigte  diese  Annahme  vollkommen.  Bei  der  Vorstellung  dieses 
Aindes  in  der  Klinik  zeigte  sich,  im  Widerspruche  mit  den  ubrigen 
iymptomen  einer  Lahmung  des  linken  Facialis,  der  Mund  nach  links 
erzogen.  Der  Grund  war  aber  nur  ein  mechaniscber , indem  eine 
■■icrofnldse,  spater  sich  abscedirende  Anschwellimg  der  rechten  Backe 
lien  Mund  nach  links  liinubergeclrangt  batte.  Es  sind  diese  Falle 
. ?m  so  wiclitiger,  weil  die  motorische  Partie  des  Quintus,  von  wel- 
bher  man  die  Muskelnerven  des  Gaumensegels  herleitet,  in  ihrer 
Action  ungesthrt  war.  Bei  dem  Sitze  der  Krankheit  in  den  Ge- 
^ichtszweigen  des  Facialis  ist  das  Gaumensegel  niclit  betheiligt , 
vwovon  ich  mich  in  vielen  Fallen  uberzeugt  habe.  Yon  welchem 
iEinflusse  die  Lahmung  des  von  einem  Zweige  des  Facialis  versorg- 
i ten  Musculus  stapedius  ist,  wissen  wir  nicht. 

3)  Sitz  der  Lahmung  in  der  Insertionsstatte  des  An t- 
llitznerven  an  der  basis  cerebri. 

Exsudate  und  Geschwiilste  in  der  Nahe  der  Varolsbriicke  sind 
die  gewohnlichen  Anlasse:  die  Geschwulst  geht  zuweilen  von  der 
dura  mater  aus  ( Abercrombie  1.  c.  p.  422).  Successive,  von  der 
Ausbreitung  der  Geschwulst  abhiingige  Theilnahme  der  Nachbar- 
nerven,  des  Acusticus,  des  Abducens,  Quintus  etc.  (Taubheit,  Schie- 
len  nach  innen,  Aniisthesie)  begleitet  in  diesen  Fallen  die  mimische 
Lahmung,  von  welcher  das  ganze  Gebiet  des  Facialis  getroffen  ist. 
Ein  BeispicI  ist  bereits  S.  223  angefuhrt,  und  anderer  wird  in  den 
lolgenden  Bliittern  Erwiihnung  geschehen. 


II.  Liihiiiiiiig  der  centiutleii  Balm  des  Facialis. 

Das  physiologische  Kriterium  ist:  Norm  der  Leitung  in  gekreuz- 
ter  Bichtung;  das  diagnostische : gleichzeitiger  Antheil  andrer  Ner- 


I 


C58  mimisciie  gesichtslAhmung. 

ven,  sensibler  und  motorischcr,  des  Gesichts  und  Rumpfes  am  Ver- 
luste  des  Leitungsvermogens. 

Eine  EigeritHtimlichkeit  der  Centralparalyse  des  Antlitznerven 
bei  Desorganisation  des  Gehirns  ist,  dass,  mit  seltnen  Ausnahmen, 
nicht  sein  ganzer  Bereich , sondern  nur  diejenigen  Fasern  getroffen 
werden,  welche  die  Muskeln  des  Nasentliigels  und  der  Oberlippe 
versorgen,  und  die  respiratorische  Action  des  Facialis,  der  von  Bell 
deshalb  Gesichtsathemnerv  genannt  wurde,  vermitteln  (Vgl.  den  im 
Abschnitte  der  Paralysis  cerebralis  mitgetheilten  Leichenbefund  von 
Dupuytrens  Gehirn).  Davon  ist  in  apoplektischen  Zustiinden  das 
schniiffelnde  Nasengeriiusch  und  Aufblasen  der  Lippe  beim  Athem- 
holen  abhangig.  Auch  bildet  in  dem  von  Hippocrates  im  Progno* 
sticon  entworfenen  Agonie  - Portrait  die  pi?  b&ia,  die  spitze,  ein- 
gefallene  Nase,  einen  Hauptzug. 

Ausser  dem  Sitze  der  Krankheit  ist  in  Betreff  der  Modifica- 
tionen  ihrer  Erscheinungen  das  Verhaltniss  des  Facialis,  als  Bewe- 
gungsnerven,  zu  der  reflectorischen  und  cerebralen  Erregung  zu 
beachten.  Bell,  dessen  Werk  an  fruchtbaren  Keimen  nicht  minder 
reichhaltig  ist,  als  an  reifen  Gaben,  bemerkt  an  einer  Stelle  (1.  c. 
S.  209):  „Da  der  Facialis  im  Besitze  verschiedener  respiratorischer 
Verrichtungen  ist,  des  Athmens,  des  Sprechens,  des  Ausdrucks,  so 
wird  es  nicht  befremden,  dass  diese  Functionen  auf  verschiedene 
Weise  beeintrachtigt  sein  konnen.  Es  wird  z.  B.  ein  Mensch  noch 
voile  Kraft  iiber  diesen  Nerven  als  Nerven  der  Sprache  haben,  und 
dennoch  unfahig  sein  die  gewohnlichen  Ziige  beim  Lachen  oder 
Weinen  anzunehmen.  Ja,  man  wird  zuweilen  bei  dem  Kranken 
nur  dann  die  Lahmung  der  Gesichtsbalfte  bemerken,  wenn  er  la- 
chelt  oder  lacht,  zu  andern  Zeiten  nicht.  Dessenungeachtet  ist  man 
nicht  bereehtigt  zu  folgern,  dass  die  eine  Verrichtung  des  Nerven 
eine  feinere  Organisation  erfordert  als  die  anderc.  Ich  glaube 
vielmehr,  dass  diese  Kraft  des  Ausdrucks  auf  einem  zarteren  Ycr- 
hciltniss  zwischen  geistigem  und  korpcrlichem  Zustande  berulit  und 
daher  auch  durch  geringfugigc  Storungen  leichter  betheiligt  werden 


MMISCHE  GESICIITSLAHMUNG. 


659 


kann.“  (Vergl.  auch  a.  a.  0.  S.  65.)  Einer  der  instructivsten  Falle, 
ler  den  Unterschied  der  Willenserregung  von  dem  Refleximpulse  und 
lem  Einflusse  des  Affects  herausstellt,  ist  von  meinem  Freunde  Dr. 
Magnus  beobachtet  und  in  Muller's  Archiv  Jahrg.  1837  S.  258 
und  fgd.  selir  schon  beschrieben  worden.  Ich  selbst  habe  die 
iRranke  ofters  untersucht  und  zuletzt  in  dem  unter  meiner  Leitung 
'St'ehenden  Hospitale  an  der  asphyktischen  Cholera  behandelt,  wel- 
icher  sie  unterlag.  Die  wichtigsten  Ziige  sind  folgende:  Es  war 
.eine  funf  und  zwanzigjahrige  Wittwe,  die  bereits  zwei  apoplektische 
Anfalle  mit  Verlust  der  Sprache  und  Lahmung  der  linken  Seite 
uberstanden  hatte,  den  ersten  im  Wochenbette  nach  heftigem  Aer- 
:ger  mid  Cessation  der  Lochien,  den  zweiten  nach  einer  durch  Er- 
kaltung  verursachten  Unterdriickung  der  Katamenien.  Nach  dem 
letztern  wurde  zwar  die  Lahmung  der  Extremitaten  beseitigt,  allein 
die  Sprache  kelirte  nicht  zuriick,  wie  ,es  nach  dem  ersten  der  Fall 
war.  Die  Kranke  hat  ein  glattes  Gesicht,  ohne  die  geringste  Falte, 
ohne  alien  Ausdruck.  Sammtliche  Muskeln  des  Gesichts  sind  aller 
willkiihr  lichen  Be  we  gun  gen  verlustig.  Die  Kranke  kann  weder 
Stirn  noch  Augenbrauen  runzeln,  die  Nasenflugel  nicht  heben,  Bak- 
ken  und  Ivinn  nicht  bewegen.  Sie  ist  ausser  Stande  die  Augen- 
lider  willkurlich  zu  schliessen:  fordert  man  sie  auf  es  zu  thun,  so 

i 

nimmt  sie  die  Finger  zu  Hulfe,  oder  schlagt  den  Blick  zur  Erde, 
wodurch  der  Augapfel  nach  unten  gerichtet  wird,  der  Ilebemuskel 
des  obern  Augenlides  in  seiner  Contraction  nachlasst,  und  das  obere 
Augenlid  ebenfalls  nach  unten  bewegt  wird.  Dagegen  schliessen 
sich  die  Augenlider  vollstandig,  sobald  man  z.  B.  mit 
der  Hand  gegen  das  Auge  der  Kranken  fahrt,  oder  sie 
plotzlich  in  ein  helles  Licht  sehen  lasst,  oder  beim  Nie- 
sen.  Im  Schlafe  sind  gleichfalls  die  Augen  vollkommen  geschlos- 
sen.  Die  Kranke  kann  die  Lippen  weder  heben  noch  schliessen, 
so  dass  der  Mund  stets  etwas  geoffnet  ist,  aus  welchem  bestandig 
Speichel  auslliesst,  den  sie  mit  einem  Tuche  jeden  Augenblick  ab- 
zuwischen  genothigt  ist.  Der  Unterkiefer  ist  beweglich,  die  Kranke 

Romberg’s  Nervenkrnnkh.  I.  3.  '44 


G00  mimische  gesiciitslahmung. 

kann  den  Mund  bfinen  und  kauen;  indessen  sind  auch  diesc  Bewe- 
oun^en  nicht  ganz  wie  im  gesunden  Zustande,  denn  weit  kann  der 
Mund  nicht  geoffnet  werden,  und  eben  so  wenig  sind  schnell  auf 
einander  folgende  -Bewegungen  des  Unterkiefers  gegen  den  Ober- 
kiefer  moglich,  so  dass  die  Kranke  nicht  rasch  und  kraftig  mit  den 
Zahnrcihcn  gegen  einander  schlagen  kann.  Die  Zunge  ge- 
horcht  dem  Willen  durchaus  nicht;  die  Kranke  kann  sie 
weder  zwischen  den  Zahnen  herausstrecken,  noch  nach  liinten  oder 
nach  den  Seiten  hin  bewegen;  sie  liegt  unbeweglich  wie  ein  Keil 
in  der  Mundhohle  test,  wodurch  ein  willkiirliches  Schlucken  unmog- 
licli  und  das  Kauen  sehr  erschwert  wird;  denn  hat  die  Kranke 
Nahrungsmittel  zwischen  die  Zahne  gebracht,  so  muss  sie,  um  sie 
zu  kauen,  da  die  Zunge  unbeweglich  ist,  dieselben  mit  dem  Finger 
zwischen  den  Zahnen  hin-  und  herschieben  und  den  gekauten  Bis- 
sen  gleichfalls  mit  den  Fingern  iiber  die  festliegende  Zunge  hinweg 
bis  in  den  Pharynx  zuriickdrucken , worauf  sogleich  das  unwill- 
kiihrliche  Schlucken,  und  zwar  mit  alien  den  Bewegun- 
gen der  Zunge,  welche  im  gesunden  Zustande  willkiihr- 
licli  gemacht  wcrden  konnen,  erfolgt.  Aehnlich  verhalt  es 
sich  beim  Trinken:  der  Kopf  muss  hinten  iibergebogen,  unddie  Flus- 
sigkeit  gleichsam  in  den  Hals  gegossen  werden,  oder  mit  Hiilfe 
eines  Loffels  bis  hinter  das  Gaumensegel  gebracht  werden,  wenn 
das  Ilerunterschlucken  geschehen  soil;  widrigenfalls  lauft  dieselbe 
zum  Munde  wieder  heraus.  Yon  Zeit  zu  Zeit  erfolgt  auch  ohne 
Genuss  van  Lebensmitteln  ein  unwillkiihrliches  Schlucken  des  ab- 
gesonderten  Speichels,  dessen  Quantitat  nach  und  nach  so  gross 
geworden,  dass  er  die  Mundhohle  bis  nach  hinten  ausfullt  und  dann, 
gleich  wie  ein  gekauter  Bissen,  das  Ilerunterschlucken  veranlasst. 
Der  Geschmacksinn,  so  wie  uberhaupt  das  Gefiihl  sowohl  in  der 
Zunge  als  auch  im  ganzen  Gesicht  sind  unversehrt.  Das  Sprechen 
ist  verhmdert;  andrerseits  ist  auch  nicht  ganzliche  Aphonie  vorhan- 
dcn,  denn  die  Kranke  kann  einen  unarticulirten  Ton  hervorbringen ; 
jedoch  ist  es  iiir  nicht  moglich  demselben  verschiedene  llohe  und 


MIMISCHE  GESICHTSLAIIMUNG. 


661 


Tiefe  zu  geben.  Audi  ist  es  kein  deutlicher  Vocal,  sondern  ein 
ang  oder  ong;  denn  sie  kann  selbst  bei  weitgeoffnetem  Munde 
nicht  deutlich  a sagen,  viel  weniger  einen  der  andern  Vocale  deut- 
iich  aussprechen.  Es  ist  fur  die  Gesichtsmuskeln  der  Kranken  noch 
eines  Bewegungsimpulses  zu  gedenken,  namlich  des  La chens, 
wcrde  es  durcli  Lesen  oder  Gesprach  angeregt.  Die  Kranke  lacht 
und  lachelt,  alle  Niiancen  dieser  Bewegung  durchmachend,  ohne  alle 
I Schwierigkeit,  und  es  machen  hierbei  die  Lippen,  die  Backen,  die 
| ' Nasenfliigel  ganz  dieselben  Bewegungen,  die  ein  gesunder  Menseh 
willkiihrlich  machen  kann,  die  aber  dem  Willen  der  Kranken  ganz 
entzogen  sind.  Eben  so  wenig  ist  ein  ausserer  Reiz,  z.  B.  Stechen 
oder  Kneipen  der  Backen,  im  Stande  dieselben  hervorzurufen.  Auch 
vermag  die  Kranke  beim  Lachen  andere  Tone  hervorzubringen  als 
den  oben  angegebenen.  Es  sind  zwar  auch  diese  Tone  nur  unar- 
ticulirt,  indess  werden  sie  doch,  je  nach  der  Nuance  des  Affects, 
der  das  Lachen  bedingt,  in  ilirer  Hohe  und  Tiefe  modificirt,  was 
anderweitig  nicht  moglich  ist.  Wie  wenig  aber  diese  Tone  will- 
kuhrlich  sind,  bemerkt  man  vorziiglich,  wenn  die  Kranke  in  heftiges 
Lachen  ausbricht;  dann  liisst  sie  einen  eigenthumlichen,  grunzenden, 
thierischen  Ton  horen,  dessen  sie  sich  gewissermassen  schiimt,  und 
den  sie  gern  unterdrucken  mochte,  weshalb  sie  auch  so  schnell  als 
moglich  dem  Lachen  ein  Ende  zu  machen  sucht ; indess  dauert  die- 
ser Ton  fort,  wenn  auch  die  Lachbewegungen  schon  so  nachgelas- 
sen  hatten,  dass  bei  einem  gesunden  Menschen  gar  kein  Ton  mehr 
durch  dieselben  bedingt  wiirde.  In  der  Epidemie  des  Jahres  1837 
wurde  diese  Kranke  von  der  asphyktischen  Cholera  befallen  und 
starb  binnen  36  Stunden.  Bei  der  von  Froriep  vorgenommenen 
Section  fand  sich  in  der  rechtcn  Hemisphare  des  grossen  Gehirns, 
ganz  am  iiussern  Rande,  da  wo  der  vordere  Lappen  mit  dem  mitt- 
leren  an  einander  stosst,  eine  hamorrhagische  Cyste,  durch  welche 
zwei  Gyri  zerstort  waren.  Das  Lumen  derselben  mochte  etwa  eine 
kleine  Wallnuss  fassen,  und  die  innere  Oberllache  war  mit  eincr 
gelblichen  Membran  ausgekleidet.  Die  Umgebung  dieser  Hohle 

44  * 


war 


GG2 


MIMISCIIE  GESICHTSLAHMUNG. 


etwas  liarter  als  die  iibrige  Hirnsubstanz , und  an  einigen  Slellen 
erodirt.  Das  Septum  pellucidum  erscbien  auflallend  verdickt.  Die 
Wandungen  des  linken  Herzventrikels  waren  hypertrophisch. 

Die  Kehrseite  dieses  Falles,  Fortdauer  der  willkuhrlichen  Bewe- 
gungeii  der  vom  Facialis  versorgten  Muskeln  bei  Stillstand  der  re- 
spiratorischen  und  der  durch  Emotion  erfolgenden,  findet  sich  in 
einer  Beobachtung  von  Stromeyer.  Bei  einem  zwolfjahrigen  Miid- 
chen  bleibt  die  rechte  Seite  des  Gesichts  ohne  alien  Ausdruck  bei 
Gemiithsaffecten,  und  zeigt  keine  vermehrte  Action  bei  bescldeunig- 
tem  Athemholen  nach  Laufen,  Treppensteigen  u.  s.  f.  Nichtsdesto- 
weniger  ist  das  Kind  im  Stande  die  Muskeln  dieser  Seite  auf  die- 
selbe  Weise  wie  an  der  gesimden  zu  bewegen;  sie  bewegt  den 
Mundwinkel,  riimpft  die  Nase,  runzelt  die  Stirn,  bewegt  die  Augen- 
brauen  durch  den  Einfluss  des  Widens.  Das  Gefuhl  an  der  rech- 
ten  Seite  hat  keine  bemerkbare  Veriinderung  erlitten.  Die  Kau- 
bewegungen  sind  an  beiden  Seiten  ungestort.  Wenn  man  das  Kind 
im  ruhigen  Zustande  en  face  betrachtet,  so  stelit  der  Mund  nicht 
schief,  wie  bei  den  gewohnlichen  Fallen  plotzlich  entstandener  peri- 
pherischer  Lahmung  des  Antlitznerven ; so  wie  aber  irgend  eine 
Gemuthsbewegung  oder  das  Sprechen  die  Ziige  verandert,  tritt  die 
ungleiche  Wirkung  beider  Gesichtshalften  hervor.  Sehr  deutlich 
ubrigens  erkennt  man  en  face  eine  gewisse  Magerkeit  der  leidenden 
Seite,  welche  besonders  am  Kinn  sich  bemerklich  macht,  wo  der 
Vorsprung  des  Muse,  quadratus  menti  fehlt,  der  an  der  linken  Seite 
betrachtlich  ist.  Dieses  Uebel  hat  sich  bei  dem  zartgebauten  Ivinde 
allmahlig  herangebildet.  Ueberdies  zei^te  sich  eine  Abweichung  der 
Wirbelsaule  zwischen  den  Schulterblattern  urn  etwa  ^ Zoll  aus  der 
graden  Richtung  nach  links;  die  rechte  Hiilfte  des  Thorax  erscbien 
fast  um  eben  so  viel  eingesunken.  Bei  Compression  der  epigastri- 
schen  Gegend  ergab  es  sich,  dass  die  rechte  Hiilfte  des  Thorax  an 
der  durch  Zuriickdrangen  des  Zwerchfellcs  hervorgerufenen  lebhaften 
Brusl respiration  fast  gar  keinen  Antheil  nahm.  Bei  dieser  Art.  von 
Untusuchung  zeigte  sich  die  Theilnahmlosigkeit  der  einen  Gesichts- 


MIMISCIIE  GESICHTSLAHMLNG. 


663 


hiilfte  besonders  an  den  Nasenlochern ; wiihrend  das  rechte  unbe- 
weglich  blieb,  dehnte  sich  das  linke  bei  jeder  Inspiration  Jebhaft 
aus  ( Casper's  Wochenschr.  iiir  die  ges.  Heilk.  1837.  S.  33). 

Endlich  ist  noch  die  Immobilitiit  der  vom  Facialis  versorgten 
Muskeln  bei  Anasthesfie  des  Quintus  hier  anzufuhren.  Dass  bei 
Thieren  nach  Durchschneidung  des  Quintus  ein  Stillstand  in  den 
Bewegungen  des  Gesichts,  besonders  in  den  Redexactionen  eintritt, 
ist  bereits  S.  216  erwahnt  worden.  In  drei  Fallen  von  Aniisthesie 
des  Quintus  der  linken  Seite,  wo  von  ich  zwei  selbst  beobachtet 
babe,  pausirten  nicht  nur  die  rellectirten  Bewegungen,  sondern  auch 
die  willkuhrlicken  waren  sehr  erschwert  und  zum  Theil  verhindert. 
Der  eine  Kranke  war  nicht  im  Stande  den  Mund  mit  gehoriger 
Kraft  nach  der  linken  Seite  zu  ziehen,  und  der  andere  konnte  die 
kranke  Gesichtshiilfte  nicht  mit  derselben  Energie  und  Schnelligkeit 
bewegen  wie  die  gesunde. 

Es  giebt  kein  Lebensalter,  welches  nicht  von  der  mimischen 
Gesichtslahmung  befallen  werden  konnte:  selbst  der  Neugeborne 
ist,  wie  zuvor  erwahnt  worden,  ihr  ausgesetzt.  Indessen  disponirt 
das  kindliche  Alter  mehr  zur  Lahmung  durch  Knochenkrankheit 
und  Driisenanschwellung,  das  hohere  vom  5(t.  Jahre  an,  zur  cen- 
tralen  Paralyse.  Unter  den  Dyscrasieen  giebt  die  scrofulose  am 
hiiufigsten  Anlass,  seltner  die  svphilitische  und  carcinomatose,  durch 
Affectionen  der  Nachbargebilde  des  Nerven,  des  Zellgewebes,  der 
Membranen  und  Knochen.  Yon  der  carcinomatosen  hat  Dr.  Lan- 
douzy  einen  bcmerkungswerthen  Fall  beschrieben.  Die  Kranke 
litt  an  Aniisthesie  des  Quintus  und  an  Lahmung  des  Facialis  der 
linken  Seite:  eine  scirrhose  Geschwulst  erstrecktc  sich  in  der  lin- 
ken Gesichtshiilfte  vom  obern  Theil  des  Ohres  bis  unter  dem  Kie- 
ferwinkel;  der  Tod  erfolgte  durch  eine  Pneumonic.  Bei  der  Sec- 
tion fanden  sich  eine  scirrhose  Geschwulst  an  der  Basis  cranii, 
welche  das  Ganglion  Gasseri  und  die  Quintusstiimme  comprimirte, 
und  eine  betriichtliche  Anzahl  von  Encephaloiden  in  den  Lungen, 
in  der  Leber  und  in  den  Nieren.  (Bulletin  de  la  societe  anatomique 


6G4 


MIMISCIIE  GESICHTSLAIIMUNG. 


1839  No.  11.)  Als  ursachliches  Moment  zeichnet  sich  das  rlieuma- 
tische  durch  seine  Frequenz  aus,  Erkaltung  der  warmen  oder 
schwitzenden  Gesichtsllache.  Joseph  Frank  fuhrt  an,  dass  unter 
seinen  Kranken  sieben  sich  befanden,  die  als  sie  des  Morgens  nach 
dem  Aufstehen  sich  an’s  ofTene  Fenster  gelegt  und  wegen  der  kal- 
ten  Lul't  den  Ivopf  wieder  zuruckgezogen  hatten,  augenblicklich  von 
der  Lahmung  befallen  worden  waren  (Prax.  medic,  univ.  praecepta 
vol.  I.  Sect.  II.  edit.  alt.  Lips.  1841  p.  555.).  So  bemerkte  eine 
meiner  Kranken,  welche  in  der  Nacht  von  einem  schweren  Traume 
aufgeweckt,  ihr  von  Schweiss  triefendes  Gesicht  der  Zugluft  aus- 
gesetzt  hatte,  am  folgenden  Morgen  die  Entstellung  ihrer  Ziige. 
Nach  Shaw  soil  in  Ostindien  wiihrend  des  Wehens  kalter  Winde 
die  Krankheit  oft  vorkommen.  (Medic,  chirurg.  transact,  vol.  XII. 
part.  I.  p.  128.)  Die  zumal  wiihrend  des  Schlafes  treffende  Zug- 
luft z.  B.  an  einem  offenen  Fenster  begunstigt  die  Entstekung  der 
Krankheit.  Oefters  treten  nach  der  Erkaltung  Schmerzen  und 
Geschwulst  der  afficirten  Gesichtshalfte  mit  Fieberbewegungen  ein, 
welche  einen  oder  ein  Paar  Tage  andauern,  und  wonach  die  Lah- 
mung zurtickbleibt.  Unter  den  centralen  Anl&ssen  sind  Hamorrha- 
gie  und  Erweichung  ^es  Gehirns  die  haufigsten.  Heftige  Gemuths- 
affecte  waren  in  einigen  wenigen  Fallen  vorangegangen  [Joseph 
Frank  1.  c.  p.  556.). 

Die  Dauer  der  mimischen  Gesichtslahmung  ist  selten  kurz.  Am 
kurzesten  fand  ich  sie  bei  der  rheumatischen : doch  habe  ich  sie 
auch  hier  in  giinstigen  Fallen  nur  selten  unter  sechs  Wochen  wahr- 
genommen,  einmal  sab  ich  die  Heilung  innerhalb  acht,  ein  ander- 
mal  in  vierzehn  Tagen.  Ein  von  Montault  (dissert,  sur  l’hemiple- 
gie  faciale.  Paris  1831.  p.  18)  nach  Roi  citirter  Fall  von  periodi- 
schem  Verlaufe  bei  einer  Frau,  die  nur  bei  Vollmond  ein  regel- 
massiges  Gesicht,  bei  abnehmendem  Monde  ein  durch  Paralyse  ent- 
st elites  darbot,  ist  zu  unvollstandig,  um  der  Kritik  zu  geniigen. 

Die  Diagnose  des  peripberiscben  und  centralen  Ursprungs  dieser 
Kiankheit  ist  fur  Prognose  und  Bchandlung  von  der  grosstcn 


MIMISCIIE  GESICHTSLAIIMUNG. 


665 


Wichtigkeit.  Es  ereignet  sich  nicht  selten,  dass  der  Praktiker  die 
peripherische  Paralyse  fur  eine  centrale,  fur  eine  apoplektische  halt, 
straks  zur  Lancette,  zu  Blutegeln  etc.  greift,  und  sich  und  dem 
Kranken  keine  Ruhe  gonnt,  bis  er  endlich  der  unschuldigen  Freude 
sich  hingiebt,  eine  dringende  Lebensgefahr  abgewendet  zu  haben. 
Die  Norm  der  isolirten  Leitung,  so  wie  die  dem  Centralapparate 
zukommende  Irradiation  werden  bei  genauer  Untersuchung  vor  sol- 
chen  Irrthumern  bewahren.  Andrerseits  lasse  mail  sich  nicht  ver- 
leiten  den  peripherischen  Sitz  in  prognostischer  Beziehung  stets  fur 
g'unstiger  mid  gefahrloser  zu  halten.  Wo  der  Facialis  in  seiner 
Knochenbahn  beeintrachtigt  ist,  stellt  sich  nicht  nur  meistens  die 
Unlieilbarkeit  der  Liilimimg  in  Aussicht,  sondern  dem  Leben  selbst 
droht  oft  wegen  Theilnahme  des  Gehirns  an  der  benaclibarten  Des- 
organisation  Gefahr  (. Romberg ' 1.  c.  S.  605.) , wahrend  die  Resor- 
btion  der  Blutextravasate  im  Gehirn  die  Heilung  der  centralen  Pa- 
ralyse moglich  macht. 

Fur  einen  Nachweis  der  Naturheilung  der  mimischen  Lahmung 
nach  Durchschneidung  und  Verletzung  des  Facialis  bei  Wunden 
und  Operationen  liegen  noch  keine  sichere  Thatsachen  vor.  Es  fehlt 
nicht  nur  die  anatomische  Evidenz,  wie  sie  die  Experimente  an 
Thieren  fur  andere  motorische  oder  sensible  Nerven  gegeben  haben 
(Vgl.  S.  213),  sondern  in  Betreff  des  physiologischen  Bewreises  wi- 
dersprechen  sich  die  Beobachtungen.  Shaw  (I.  c.  p.  139)  sah  in 
zwei  Versuchen,  an  einem  Hunde  und  Affen,  wo  er  den  Facialis 
durchsclmitten  hatte,  den  motorischen  Einfluss  binnen  ein  Paar  Mo- 
naten  wieder  hergestelit,  dagegen  bei  einem  andern  Hunde  die  Lah- 
mung  nach  vier  Monaten  noch  unverandert  fortbestehen.  Magendie 
land  nach  zelin  Wochen  noch  keine  Spur  von  Bewegung  und  glaubt, 
dass  Shaw  im  erstern  Falle  den  Nerven  nicht  vollstlindig  durch- 
schnitten  hatte  (Journ.  de  physiol,  experiment.  T.  I p.  121.  T.  II 
p.  82.).  Ich  selbst  land  in  dem  oben  angefuhrten  Falle  noch  an- 
derthalb  Jahre  nach  der  Operation  die  Nasen-  und  Lippenzweige 
geliihmt.  Dagegen  sah  ich  bei  einem  neunjahrigen  Knaben,  welcher 


666 


MIMISCHE  GESICHTSLAHMUNG. 

bei  einem  Mord'uberfall  von  einem  tief  eindringenden  Messerstiche 
in  der  Gegend  des  Foramen  stylomastoideum  getroffen  worden  war, 
die  Lahmung  der  Lippen-  und  Nasenzweige  des  Facialis  nach  Ver- 
lauf von  zwei  Monaten  wieder  verschwinden.  In  andern  Arten  der 
Gesichtslahmung,  zumal  der  rheumatischen,  wo  der  Zusammenhang 
des  Nerven  mit  dem  unverletzten  Centralorgan  erhalten  ist,  sah  ich 
aucli  ohne  alles  arztliche  Zuthun  die  Leitung  des  motorischen  Princips 
von  selbst  sich  wiederherstellen.  Ich  habe  mich  hiervon  bei  meh- 
reren  Kranken  uberzeugt,  welche  alle  Heilmittel  aussetzten  und  nach 
Verlauf  eines  viertel  oder  halben  Jahres  von  ihrer  Lahmung  ganz- 
lich  befreit  waren.  So  hatte  sich  bei  einem  achtjahrigen  Knaben 
nach  dem  Scharlachfieber  Otorrhoe  und  Taubheit  des  linken  Ohres 
und  Lahmung  der  linken  Gesichtshalfte  eingefunden.  Wegen  Un- 
wirksamkeit  der  mannigfaltigsten  Heilmittel  wurde  dieser  Zustand 
sich  selbst  iiberlassen.  Der  Ohrfluss  hat  aufgehort,  die  Lahmung 
ist  nach  Verlauf  eines  halben  Jahres  fast  ganz  gewichen,  nur  die 
Taubheit  ist  zuruckgeblieben.  In  der  vom  Zangendruck  entstandenen 
Lahmung  bei  Neugebornen  erfolgt  die  Heilung  spontan,  zuweilen 
schon  nach  Verlauf  von  wenigen  Stunden  oder  Tagen,  seltner  von 
Monaten.  Bei  gelingender  Heilung  ist  es  erwahnungswerth,  dass  die 
Leitungsfahigkeit  nicht  in  alien  Zweigen  des  Facialis  gleichzeitig  zu- 
riickkehrt,  sondern  successiv  in  den  einzelnen,  so  dass  der  Mund 
bereits  seinen  graden  Stand  wieder  eingenommen  hat,  wahrend  die 
Augenlider  noch  von  einander  klaffen,  oder  umgekehrt,  was  eben- 
falls  einen  Beweis  fur  das  Gesetz  der  isolirten  Leitung  abgiebt. 
Auf  eine  andere  Erscheinung,  die  sich  nach  der  Heilung  der  Para- 
lyse bemerkbar  macht,  ist  man  bisher  noch  nicht  aufmerksam  ge- 
wesen.  Es  ist  das  Kleinersein  des  Auges  der  geliihmten  Seite, 
welches  ich  bei  mehreren  Kranken  beobachtet  habe,  und  aus  einem 
Uebergewicht  des  M.  orbicul.  palpebrarum  uber  den  in  Folge  sei- 
ner zmor  gesteigerten  Contraction  erschlafllen  Aufliebemuskel  des 
obern  Augenlides  erkliire. 

Line  Prophylaxis  der  mimischcn  Gesichtslahmung  in  chirurgi- 


MIMISCHE  GESICHTSLAHMUNG. 


6G7 


scher  Beziehung  ist  durch  Dieffenbcicti s Methode  gewonnen  wor- 
den,  bei  grosseren  Operationen  im  Gesichte  die  Ilaut  in  der  Mittel- 
linie  zu  spalten  und  zuriickzuschlagen , um  die  Durchschneidung  der 
Zweige  des  Antlitznerven  zu  vermeiden.  In  der  Behandlung  die- 
ser  Krankheit  ist  zunachst  die  causale  Indication  zu  eriullen.  Bei 
rheumatischem  Anlasse  sind  Emetica,  Tinctura  oder  Vinum  semin. 
colchici  autumn,  und  vor  allem  ein  Vesicatorium  zu  empfehlen,  wel- 
ches zwischen  Kieferwinkel  und  Process,  mastoid,  gelegt  und  lan- 
gere  Zeit  in  Eiterung  erhalten  werden  muss.  Bei  plethorischen 
Individuen,  bei  Schmerzhaftigkeit,  zumal  im  Ohre,  sind  ortliche  Blut- 
entleerungen  durch  Schropfkopfe  und  Blutegel  am  Proc.  mastoid., 
im  Nacken  applicirt  an  ihrer  Stelle.  Wo  Drusengeschwulste  und 
Verhartungen  die  Leitung  im  Facialis  hemmen,  ist  ausser  der  ge- 
gen  etwanige  Kachexieen,  Scrofulosis  etc.  geeigneten  Behandlung  der 
ortliche  Gebrauch  resolvirender  Mittel  indicirt,  Mercurialia , Jodin- 
salbe,  die  Verbindung  beider  im  Deutjoduret.  Mercur.  Bei  dyscra- 
sischen  Anschwellungen  der  Knochen,  Hyperostosis,  Exostosis, 
lasst  sich  selbst  bei  dem  Sitze  der  Krankheit  im  Felsenbein,  an  der 
Basis  cranii,  von  den  entsprechenden  Mitteln  einiger  Erfolg  erwar- 
ten,  wofern  der  Nerv  selbst  noch  nicht  desorganisirt  ist.  So  lag  in 
dem  oben  von  Dupuytren  angeluhrten  Falle  von  doppelseitiger 
Gesichtslahmung  Syphilis  zu  Grunde,  und  Sublimat,  Sarsaparilla  und 
Vesicatore  stellten  die  Ivranke  ^ ieder  her.  In  eingewurzelten  Fallen 
nimmt  man  zur  Hunger-  und  Schmiercur  seine  Zuflucht.  Bei  Kno- 
chentuberkeln  mit  Otorrhoe  ist  das  01.  Jecoris  und  besonders  das 
Jodeisen  zu  versuchen,  so  wie  auch  der  Gebrauch  von  Soolba- 
dern.  Von  der  Behandlung  der  centralen  Paralyse  wird  an  einer 
andern  Stelle  die  Bede  sein. 

Bleibt  nach  gewissenhafter  Ausfiihrung  der  Causalindication  die 
Lahmung,  wie  es  oft  der  Fall  ist,  zuriick,  so  ist  die  Anwendung 
von  Mitteln  gerechtfertigt,  welche  einen  Einlluss  auf  die  motorische 
Nervenenergie  haben.  Dahin  gehoren  die  Nux  vomica,  deren  Al- 
caloi'd  (Strychnin,  sulphur,  oder  acet.)  endermatisch  applicirt  wird, 


GG8 


MIMISCIIE  GESICIITSLAHMUNG. 


zu  Gran,  zweimal  taglich  auf  die  wunde  Fliiche  des  Vesica- 

tors:  Frictionen,  in  centrifugaler  Richtung,  einfach  oder  in  Verbin- 
dung  mit  lliichtigen  Stoffen,  Balsam  vit.  Hoffmann,  Ung.  nervin. 
Spirit,  sal.  ammon.  caust.  etc.:  Douche,  kalte,  warme;  Dampfe;  Mo- 
xen;  Thermen,  (Teplitz,  Gastein);  Galvanopunctur,  Electromagnetis- 
mus,  welcher  in  einem  von  mir  beobachteten  Falle  von  neunjahri- 
<^er  Dauer,  nach  beharrlicher  drei  und  dreissig  wochentlicher  An- 
wendung  sich  noch  wirksam  zeigte. 

Rei  veralteter  Lahmung  des  Facialis  mit  grosser  Entstellung  des 
Gesichts  hat  Dieffenbach  ein  chirurgisches  Verfabren  in  Anwendung 
gebracht,  dessen  Idee,  wenn  es  auch  nicht  uberall  Eingang  finden 
diirfte,  geistreich  ist.  Wie  bei  paralytischen  Klumpfussen , so  zie- 
ben  sich  in  dieser  Affection  die  Antagonisten  und  die  Muskeln  der 
gesunden  Gesichtshalfte  auf  Kosten  der  gelahmten  dauernd  und  starr 
zusammen,  und  es  liess  sich  erwarten,  dass  auch  hier  die  Durch- 
schneidung  der  gesunden  Muskeln,  welche  eine  betrachtliche  Schwa- 
chung  der  Contractilitat  zur  Folge  hat,  das  Gleichgewicht  einiger- 
massen  herstellen  wiirde.  Der  Erfolg  war  unmittelbar  nach  der 
Operation  uberraschend : die  Kranken  konnten  nach  Durchschnei- 
dung  des  Levator  palpebrae  superioris  das  Auge  schliessen,  und  ver- 
loren  nach  Durchschneidung  des  Orbicularis  oris  der  gesunden  Seite 
die  Entstellung  des  Gesichts  (Medicin.  Zeit.  des  Vereins  fur  Heilk. 
1841.  No.  37);  allein  nicht  bei  alien  war  die  gute  Wirkung  nach- 
baltig. 


132s**— — 


I 


Lahmimg 

der  Portio  minor  des  Quintus. 

Masticatorische  Gesichtslahmung. 

Karl  Bell  war  der  erste,  der  das  motorische  Attribut  der  be- 
reits  von  Vesal  und  spaterhin  von  Pallelta  als  eigenthumlicher  von 
dem  iibrigen  Quintus  nicht  emanirender  Nerv  anerkannten  Pars  mi- 
nor festgesetzt  hat  (Vgl.  S.  308),  und  ihm  verdankt  man  auch 
die  Entdeckung  der  masticatorischen  Paralyse,  wovon  man  friiher 
keine  Alinung  hatte,  wahrend  die  mimische  in  ihren  Phiinomenen 
schon  den  altera  Beobachtern  bekannt  war  (Z.  B.  Forestus  op. 
omn.  T.  I.  lib.  X.  p.  587). 

Stillstand  der  Kaubewegungen  in  einer,  oder  was  nur  sehr  sel- 
ten  vorkommt,  in  beidcn  Seiten  des  Gesichts  ist  der  pathognomo- 
nische  Zug  dieser  Lahmung.  Die  Heber,  die  Seitwarts-  und  Ab- 
wartszieher  des  Unterkiefers  versagen  sammtlich  oder  einzeln  ihren 
Dienst.  Davon  uberzeugt  schon  der  Anblick,  noch  genauer  die  Be- 
tastung  der  gelahmten  Gesichtshalfte.  Lasst  man  den  Kranken  eine 
Kaubewegung  vornehmen,  und  legt  die  Finger  auf  beide  Tcmporal- 
muskeln  und  Masseteren,  so  fuhlt  man  deutlich  die  Contraction 
und  Ilarte  an  der  eincn , die  Unthatigkeit  und  Schlaffiieit  der  Mus- 
keln  an  der  andern  Seite.  Der  Kranke  ist  sicli  dieses  Hindernisses 
bewusst,  kauet  gar  nicht  mit  der  kranken  Seite  oder  walzt  die 
Speisen  mit  der  Zunge  nach  der  gesunden  Seite.  Wahrend  der 


070  MASTIC ATORIS CHE  GESICHTSLAHMUNG. 


Action  stellen  sich  tier  Kiefer  und  der  Mundvvinkel  mehr  oder  vve- 
ni^er  schief,  was  in  der  Ruhe  nur  selten  der  Fall  ist.  Fine  iiber- 
wiegende  Contraction  der  Kaumuskeln  in  der  gesunden  Gesichts- 
halfte,  wie  sie  in  den  mimischen  Muskeln  bei  der  Paralysis  facialis 
sich  geltend  macht,  hat  sich  mir  in  den  bisher  beobachteten  Fallen 
nicht  dargeboten.  Auch  konnte  ich  keine  Yeranderung  in  der  Tha- 
tigkeit  des  Gaumensegels  wahrnehmen,  obgleich  der  Spanner  des 
Gaumensegels  von  einem  Zweige  des  Ram.  pterygoid,  intern,  verse- 
hen  wird.  Ob  und  wie  der  Muse,  tensor  tympani,  welcher  von 
einem  durch  das  Ganglion  oticum  streifenden  Zweige  des  Nervus 
pterygoid,  intern,  versorgt  wird,  Theil  an  der  Lahmung  nimmt, 
ist  noch  unermittelt.  Eine  meiner  Kranken  leidet  an  Schwer- 
horigkeit  der  kranken  Seite,  obschon  nach  Scivart’s  und  Muller's 
Untersuchungen  (Handb.  d.  Physiol,  des  Menschen,  2.  Ed.  2.  Abth. 
S.  439)  die  Spannung  des  Paukenfells  das  Gehor  dampft. 

Rei  langerer  Dauer  der  Lahmung  tritt  Atrophie  der  Kaumus- 
keln ein;  in  einem  von  Bell  erwahnten  Falle  war  der  linke  Masse- 
ter  so  abgezehrt  und  welk,  dass  man  fast  unmittelbar  die  Ober- 
flache  des  Knochens  fuhlte  (A.  a.  0.  S.  222.). 

Der  Sitz  der  Krankheit  ist  entweder  in  der  peripherischen  oder 
in  der  centralen  Eahn  des  Quintus.  Dort  ist  er  in  den  bishengen 
Reobachtungen  an  der  Grundflache  des  Schadels  oder  Gehirnes  an- 
getrolfen  worden,  wie  es  die  S.  220  u.  fgg.  und  von  Bell  (1.  c. 
S.  314)  mitgetheilten  Falle  bezeugen.  Der  gewohnlicke  Refund  war 
eine  comprimirende  Geschwulst  des  Knochens  oder  der  dura  mater 
oder  des  Ganglion  Gasseri  selbst.  Wegen  der  grossen  Nahe  und 
Retheiligung  der  sensibeln  Portion  des  Quintus  coexistirte  Anasthe- 
sie  der  entsprechendcn  Gesichtshalfte  und  ihrer  Ilohlen.  So  ist  es 


bei  der  Kranken,  deren  bereits  S.  264  Erwahnung  geschehen  isf, 
und  welche  ich  noch  vor  Augen  liabc,  der  Fall.  Sie  hatte  friiher 
haufig  an  Wechselfiebern,  an  Kopfschmerzen  und  Schwindel  gelit- 
ten.  Vor  achtJahren  stieg  nach  einer  starken  Erkaltung  der  Fiisse 
der  Schmerz  besonders  in  der  linken  Schlafe  aufs  Acusserste.  Tris- 


MASTICATORISCHE  GESICHTSLAHMUNG. 


G71 


nius  trat  hinzu  und  dauertc  sechs  Wochen  an,  mil  heftigen  Schmer- 
zen  in  der  linken  Gesichtshalfte.  Als  diese  nachliessen,  blieb  eine 
masticatorische  Gesichtslahmung  und  Anasthesie  aller  drei  Zweige 
des  Quintus  der  linken  Seite  zuriick,  wie  sie  a.  a.  0.  niiher  ge- 
•schildert  ist.  Von  der  Lage  und  Ausbreitung  des  comprimirenden 
Anlasses  ist  ausser  der  Anasthesie  die  Theilnahme  der  Nachbarner- 
ven,  einzelner  oder  mehrerer,  abhangig. 

Der  centrale  Ursprung  der  masticatorischen  Lahmung  giebt  sich 
an  der  gleichzeitigen  Affection  anderer  Nerven,  des  Gesichts,  der 
Zunge  und  der  Rumpfglieder  zu  erkennen.  Gewohnlich  ist  die  cen- 
trale Paralyse  der  Kaumuskeln  halbseitig,  nach  der  Norm  der  Lei- 
tung  in  gekreuzter  Richtung.  In  der  Agonie  dehnt  sie  sich  auf 
beide  Seiten  aus,  wovon  das  Herabfall6n  des  Unterkiefers  herriihrt, 
\\  ie  bei  Thieren,  denen  man  das  fiinfte  Paar  durchschnitten  hat. 

Die  grossere  Entfernung  der  Pars  motoria  des  Quintus  von  der 
Oberflache  des  Gesichts  gewahrt  rnehr  Schutz  vor  alien  jenen  Ein- 
lliissen,  die  den  Antlitznerven  oft  und  leicht  heimsuchen.  Auch 
kommen  krankhafte  Veranderungen  des  Reilbeins,  durch  welches 
der  masticatorische  Nerv  seinen  Lauf  nimmt,  seltener  vor  als  des 
Felsenbeins.  An  der  Grundflache  des  Schadels  und  Gehirns  sind 
Geschwiilste,  Aftergebilde , und  Extravasate  Ursachen  dieser  Lah- 
mung. Haufiger  als  der  peripherische  Ursprung  ist  der  centrale, 
wodurch  sich  die  masticatorische  Paralyse  von  der  mimischen  un- 
terscheidet,  so  wie  uberhaupt  die  Faserung  des  Quintus,  sowohl 
die  sensible  als  motorische,  durch  Affectionen  der  Centralapparate 
mehr  in  Anspruch  genommen  wird  als  diejenige  des  Facialis  und 
andrer  Nerven,  daher  die  Frequenz  der  Mitempfmdungen,  der  neu- 
ralgischen  und  convulsivischen  Zufalle  im  Rereiche  dieses  miichti- 
gen  Nerven.  So  habe  ich  auch  die  halbseitige  Lahmung  der  Kau- 
muskeln im  Gefolge  der  Haemorrhagia  cerebri  (S.  Muller' s Archiv 
fur  Anat.,  Physiol,  und  wissensch.  Medicin,  Jahrg.  1838.  S.  313.), 
und  zwar  in  Verbindung  mit  Anasthesie  des  dritten  Astes  des 
Quintus,  (Vgl.  S.  224)  beobachtet. 


N 


G72  MASTICATORISCHE  GESICHTSLAHMUNG. 

Die  Prognose  ist  wegen  des  Sitzes  der  Krankheit  im  allgemei-  * 
nen  weniger  g'unstig  als  bei  der  mimischen  Lahmung.  Indessen 
stellt  sie  sich  bei  dem  centralen  Ursprunge  durch  den  Naturheilungs- 
process  der  Blutergiisse  im  Gehirne  besser,  und  es  fehlt  selbst  nicht 
an  Beispielen,  wo  destructive  Vorgiinge  im  Ganglion  Gasseri  zum 
Stillstande  gekommen  sind,  und  die  Wirkungen  des  Druckes  angriin- 
zender  Geschwiilste  aufgehort  liaben.  In  dieser  Hinsicht  sind  die 
von  Bell  (S.  217  — 226)  und  Abercrombie  (Pathol,  and  practic. 
researches  etc.  3 edit.  p.  425)  mitgetheilten  Falle  von  grossem  In- 
teresse. 

Fur  die  Behandlung  sind  im  Ganzen  dieselben  Grundsatze  zu 
befolgen  wie  bei  der  mimischen  Gesichtslahmung.  Zur  Application 
der  Exutoria,  unter  denen  das  Haarseil  vorzuziehen  ist,  passt  die 
Nahe  des  Ilinterhauptes  am  besten. 


Liihmung 

des  Oculomotorius,  Trochlearis,  Abducens. 

Noch  immer  geben  die  muskulosen  Aussenwerke  des  Auges, 
obgleich  sie  seit  Bell's  Anregung  und  seit  Einiuhrung  der  Schiel- 
operation  ein  Gegenstand  vieler  Untersuchungen  geworden  sind,  An- 
lass  zu  physiologischen  Debatten,  und  auch  die  pathologischen  Be- 
obachtungen  haben  uber  den  am  meisten  streitigen  Punkt,  fiber  die 
Action  der  Obliqui,  keinen  sichern  Aufschluss  ertheilt. 

Die  Lah  mung  der  Augenlider,  dieser  fiir  das  organische 
Bestehen  des  Auges  wesentlichen  und  selbst  fur  das  Sehen  wichti- 
gen  Gebilde  (S.  Tourtual  fiber  die  Function  der  Augenlider  beim 
Sehen  in  Muller's  Archiv  1838.  S.  316)  erscheint  unter  zwei  For- 
men:  I)  als  Liihmung  des  von  den  Palpebralzweigen  des  Facialis 
versorgten  Orbicularmuskels , mit  Unfahigkeit  die  Lider  zu  schlies- 
sen,  Lagophthalmus  paralyticus,  dessen  bereits  oben  Erwah- 
nung  geschehen  ist.  — 

II)  als  Liihmung  des  unter  der  Herrschaft  des  Oculomotorius  ste- 
henden  Hebemuskels  des  obern  Augenlides,  Blepharoplegia  s. 
Ptosis  paralytica.  Das  obere  Lid  hiingt  zum  Tlieil  oder  ganz 
uber  dem  Auge,  jedoch  sehr  selten  bis  zur  Beruhrung  mit  dem 
Unterlide,  indem  ein  iibri gbl ei b en der  Theil  der  Lidspalte  noch  etwas 
vom  Weissen  des  Auges  sehen  liisst,  und  ist  seiner  Aufwartsbewe- 


G74 


AUGENMUSKELLAHMUNG. 


aun"  verlustie;  vvird  es  von  dem  Finger  in  die  Hohe  gehoben, 
und  wieder  losgelassen,  so  sinkt  es  schlaff  herab.  Ruete  macht  in 
seinen  trefflichen  Bemerkungen  iiber  die  Lahmung  des  Oculomoto- 
rius  darauf  aufmerksam , dass  in  der  paralytischen  Ptosis  die  Fahig- 
keit  durch  eine  wechselnde  Contraction  und  ErschlafTung  der  Fasern 
des  Orbiculariniiskels  die  Augenlider  fester  zu  schliessen  und  wieder- 
um  zu  erschlaffen  fortdauert,  woraus  hervorgeht,  dass  die  Erschlaf- 
fung  eines  Muskels  nicht  bloss  durch  die  Kraft  seines  Antagonisten, 
sondern  aueh  selbstandig  und  willkuhrlich  geschehen  kann.  (Klini- 
sche  Beitrage  zur  Pathologie  und  Physiologie  der  Augen  und  Oh- 
ren  S.  242.) 

Die  Lahmung  des  Augapfels,  Ophthalmoplegia,  ist 
entweder  vollstandig  oder  partiell.  In  ersterem  Falle  entbehrt  das 
Auge  ganzlich  der  Bewegung,  nach  oben,  nach  unten  imd  nach  den 
Seiten,  starrt  grade  aus,  und  verharrt  in  dieser  Stellung.  Die  ein- 
zige  Richtung,  nach  welcher  sich  der  Bulbus  noch  walzen  kann, 
ist,  wie  Ruete  (a.  a.  0.)  beobachtet  hat,  die  nach  unten  und  nach 
aussen.  Diese  Rotation  folgt  dem  Segment  eines  kleinen  Kreises, 
welches  diejenige  Bahn  ist,  auf  der  sich  die  Pupille  bei  der  isolir- 
ten  Wirkung  des  obern  schiefen  Augenmuskels  bewegt.  Bei  dieser 
Walzung  muss  die  Spannung  des  aussern  Augenmuskels,  durch  den 
die  Pupille  bei  der  Lahmung  des  Oculomotorius  im  aussern  Augen- 
winkel  festgehalten  wird,  uberwunden  werden.  Da  aber  der  M. 
rectus  extern,  viel  starker  als  der  M.  obliq.  superior  ist,  so  lasst 
die  Contraction  des  letzteren  bald  wieder  nach,  und  daher  walzt 
sich  die  Pupille  auch  gegen  den  Willen  des  Kranken  nach  kurzer 
Zeit  wieder  auf  demselben  Segmente  des  kleinen  Kreises  zuruck, 
und  nimmt  die  Richtung  wieder  an,  welche  ihr  durch  die  ungehin- 
derte  Anspannung  des  aussern  Augenmuskels  gegeben  wird.  Gleich- 
zeitig  sind  Ptosis  und  Immobilitat  der  massig  erweiterten  Pupille 
vorhanden.  Bei  der  partiellen  Ophthalmoplegie  ist  das  Auge  unfa- 
hig  nach  einer  bestimmten  Richtung  sich  zu  bewegen,  und  wird 
von  dem  Antagonisten  des  gelahmlen  Muskels  nach  der  entgegen- 


AUGENMUSKELLAIIMUNG. 


075 


gesetzten  Seite  gezogen,  wodurch  der  Paralellismus  der  Augapfel- 
ichsen  aufgehoben  wird,  und  Schielen  enlsteht  (Strabismus  paraly- 
ticus). So  stellt  sich  bei  Liilimung  des  Muse,  rectus  internus  das 
Auge  nacli  dem  Schliifenwinkel , bei  Lahmung  des  Ilect.  ext.  nach 
dem  Nasenwinkel,  des  Rect.  infer,  nach  oben,  des  superior  nach  un- 
len.  Wo  die  schiefen  Augenmuskeln  Sitz  der  Lahmung  sind,  soil 
[lie  Rotationsbewegung  des  Bulbus  authored,  so  dass,  wenn  mail 
den  Ivranken  bei  unvervvandtem  Rlicke,  den  Kopf  nach  der  rechten 
oder  linken  Scbulter  neigen  lasst,  das  afficirte  Auge  fixirt  bleibt, 
uild  den  Drehungen  des  gesunden  nicht  folgt.  ( Szokalshi  de  l’in- 
fluence  des  muscles  obliques  de  1’oeil  sur  la  vision,  et  de  leur  pa- 
ralysie.  Paris  1840).  Von  der  abnormen  Stellung  des  Auges  sind 
andere  Erscheinungen  abhangig.  Die  einen  betreffen  das  Sehver- 
mpgen:  so  lange  dasselbe  auf  dem  schielenden  Auge  besteht,  und 
com  Kranken  benutzt  wird,  ist  binoculare  Diplopie  vorhanden.  Auf 
erne  eigenthiimliche  Art  derselben  mit  iibereinander  geschobenen 
Bildern  als  Phanomen  der  Lahmung  des  N.  trochlearis  bat  Szo- 
kalski  aufmerksam  gemacht.*)  Rei  geschlossenen  Augenlidern  findet 
in  der  Ophthalmoplegia  completa  das  im  gesunden  Zustande  simul- 
tane  Heraufrollen  des  Augapfels,  wie  es  Bell  zuerst  beschrieben 


*)  In  dem  einen  Falle  waren  die  Bewegungen  der  Pupillen  und  der 
graden  Augenmuskeln  un'gestort,  allein  das  Centrum  der  linken  Hornhaut 
stand  etwas  mebr  nach  unten,  als  am  rechten  Auge.  Dabei  war  Diplopie 
vorhanden  mit  iibereinander  stehenden  Bildern.  Wurde  das  rechte  Auee 
geschlossen,  so  verschwand  das  obere  Bild,  das  untere  hingegen,  wenn 
das  linke  Auge  zugehalten  wurde.  Beim  Neigen  des  Kopfes  nach  der  lin- 
ken Seite  entfernten  sich  die  Bilder  immer  mehr  von  einander;  beim  Nei- 
gen nach  der  rechten  Seite  sah  der  Kranke  nur  ein  Bild  des  Gegenstan- 
des.  In  dem  andern  Falle  verhielt  es  sich  auf  ahnliche  Weise;  an  dem 
aussern  Winkel  eines  jeden  Auges  befanden  sich  einige  injicirte  Gefasse, 
welche  Szolcalshi  lixirte,  vvahrend  er  den  Kopf  des  Kranken  an  den  Seldii- 
fen  fasste  und  abwechselnd  rechts  und  links  drehen  liess.  Das  alTicirte 
Auge  blieb  am  Boden  der  Orbita  und  folgte  den  Bewegungen  des  Ko- 
pfes, dagegen  das  gesunde  Auge  eine  rotatorische  Bewegung  in  der  Au- 
genhohle  machte. 

Ho  mb  erg’s  Nervenkrankh.  T.  3. 


45 


augenmuskellAhmung. 


670 

hat,  nicht  stalt,  daher  die  Kranken  uber  fortdauernde  Lichtempfin- 
dungen,  trotz  dcr  gescblossenen  Augen,  klagen.  So  sail  ein  Kran- 
ker  ein  rothes  Liclit  vor  dem  geschlossenen  Auge,  ein  andrer  sagte, 
dass  die  Nachtlampe  ihm  Beschwerde  verursache.  ( Bell  a.  a.  0. 
S.  155.  216.)  Und  nicht  nur  auf  das  Sehvermogen,  auch  auf  die 
trophischen  Verholtnisse  hat  die  Immobilitat  Einfluss,  insofern  das 
Auge  vom  Thranenquell  nicht  gehorig  henetzt  wird,  und  Entziin- 
dung  und  Yerdunkelung  der  Hornhaut  dadurch  entstehen  konnen. 
Eine  andre  selten  ausbleihende  Folge  ist  die  Contractur  des  Anta- 
gonisten  des  gelahmten  Muskels. 

Die  Lahmung  der  Iris  (Iridoplegia)  giebt  sich  durch  Un- 
heweglichkeit  der  Pupille  bei  Einwirkung  des  Lichtreizes  kund,  mit 
Erweiterung  derselben  (Mydriasis)  oder  Yerengerung  (Myosis),  mit 
normaler  oder  entstellter  Configuration  und  Richtung  des  freien 
Pupillarrandes. 

Die  Ursachen  und  Symptome  dieser  Lahmungen  sind  verschie- 
den,  je  nachdem  die  cerebrale  oder  reflectorische  Leitung  der  Ner- 
ven  in  Anspruch  genommen  ist.  Im  ersteren  Fade  ist  Verlust  der 
Bewegung  auf  Willensimpuls  karakteristisch.  Die  Ursachen  wirken 
entweder  auf  die  peripherische  oder  centrale  Bahn  der  motorischen 
Augennerven  ein. 

I)  Peripherischer  Sitz.  — Der  rheumatische  Anlass  para- 
lysirt,  obgleich  nicht  in  solcher  Frequenz  wie  den  Facialis,  den  Ra- 
mus palpebralis  des  Oculomotorius  und  hat  eine  einfache  Blepharo- 
plegie  ohne  Theilnahme  der  Augenmuskeln  und  der  contractilen 
Irisfasern,  nach  der  Norm  der  isolirten  Leitung,  zur  Folge.  Seltner 
werden  die  andern  Zweige  des  Oculomotorius,  am  seltensten  der 
Abducens  von  dieser  Ursache  betheiligt.  In  einem  von  Dr.  Dali- 
Ung  heohachteten  und  von  Stromeyer  mitgetheilten  Falle  vva- 
ren  nach  einer  plotzlichen  Erkaltung  des  erhitzten  Gesichts  der  Fa- 
cialis und  Abducens  der  linken  Seite  geliilimt  worden.  Das  linke 
Auge  stand  unheweglich  nach  innen  und  unten,  der  rechte  Bulbus 
vi  ar  nach  dem  aussern  Augenwinkel  gerichtet,  und  konnte  mit  eini- 


AUGFJNMUSKELLAHMUNG. 


677 


ger  Anstrengung,  etwas  leichter,  wenn  das  rechte  Auge  geschlossen 
war,  in  die  Sehachse  zuruckgefuhrt  werden.  Dieses  war  die  U'r- 
saelie  des  Doppeltsehens , welches  so  statt  hatte,  dass  das  wahre 
Object  oben,  das  falsche  seitwarts  nach  unten,  sichtbar  war.  Wurde 
das  rechte  Auge  zugehalten,  so  sah  der  Kranke  den  Gegenstand 
einfach.  Das  Uebergewicht  des  symmetrischen  Augenmuskels  der 
gesunden  Gesichtshalfte  erscheint  hier  von  besonderem  Interesse. 
( Physiologische  Bemerkungen  am  Krankenbette  von  Stromeyer  in 
Casper's  Wochenschr.  fur  die  ges.  Heilk.  1837.  S.  97  ff.)  Aeus- 
sere  Verletzungen  in  der  Nahe  des  Augenlides  haben  bfters  Ble- 
pharoplegie  zur  Folge.  Geschwulste  in  der  Orbita  comprimiren  zu- 
weilen  die  Augenmuskelnerven : so  in  einem  von  Shaw  beobachte- 
ten  Falle  einer  j ungen  Frau,  die  an  einer  fungosen  Geschwulst  un- 
terhalb  des  Kiefers  Iitt.  Die  Backe  derselben  Seite  war  gelahmt, 
das  obere  Augenlid  hing  herunter ; wurde  es  in  die  Hohe  gehoben, 
so  konnte  die  Kranke  deutlich  sehen,  obgleich  die  Pupille  sehr  er- 
weitert  und  unbeweglich  war.  Bei  der  Section  zeigte  sich  die  Ge- 
schwulst bis  in  den  Seitentheil  der  Augenhohle  ausgebreitet.  Der 
Trochlearis  verlief  oberhalb  der  Geschwulst,  der  Oculomotorius  whr 
:n  ihrem  Gewebe  eingeschlossen , der  Augenast  des  Quintus  war 
am  meisten  desorganisirt,  der  Abducens  hatte  nur  stellenweise  ge- 
itten.  Die  Geschwulst  reichte  nicht  bis  zum  Sehnerven  (j Bell  1. 
Si  S.  256).  Diagnostische  Kriterien  fur  Falle  dieser  Art  sind  ans- 
wer den  objective!!  Merkmalen  in  Form  und  Stellung  des  Augapfels 
lie  Theilnahme  des  Ramus  ophthalmicus  des  Quintus,  welche  sich 
lurch  Anasthfesie  der  Oberflache  des  Auges  und  der  Stirn  kund- 
giebt,  und  die  Integritat  des  Pacialis , die  Beibehaltung  der  Fiihig- 
veit  die  Augenlider  zu  schliessen.  Bei  weitem  haufiger  haben  die 
leripherischen  Anliisse  der  Augenmuskel-Lahmung  in  der  Schadel- 
mhle  an  der  Griindllache  des  Gehirns  ihren  Sitz:  am  hauflgsten 
.irid  es  serds-albuminose  Exsudate  und  Blutergiisse,  seltner  Ge- 
sbhwiilste,  welche  je  nach  ihrer  Raumlichkeit  mehr  oder  weniger 
lie  angranzenden  Ilirnnerven  in  den  Bereich  der  Lahmung  hinein- 


G78 


AUC.  ENMUSK  ELLA  HMUNG. 


ziehen.  Gewohnlich  sind  die  Symptome  einer  Hirnaffection  gleich- 
zeitig  vorhanden,  oder  vorangegnngen.  Bell  hat  ein  Paar  Beispiele 
mit°etheilt.  Der  eiric  Kranke  lilt  seit  acht  Tagen  an  Fieberbewe- 
<’Unoen,  zu  denen  sicli  Delirien  und  Sopor  hinzugesellten.  Mit  Ein- 
tritl  des  lrreredens  verlor  er  die  Fahigkeit,  das  rechte  Augenlid 
aufzuschlageh ; als  man  es  mit  dem  Finger  in  die  Hohe  schob,  sail 
man,  dass  auch  die  Bewegungen  des . Augapfels  aufgehort  batten: 
wahrend  das  Iinke  Auge  von  einer  Seite  nacb  der  andern  rollle, 
blieb  das  rechte  ruhig  und  starrte  grade  aus.  Beim  Voneinander- 
halten  der  Augenlider  fiiblte  man  einen  Widerstand  von  Seiten  des 
Augapfels  und  Orbicularmuskels , der  auch  die  Augenlider  mit  vol- 
ler  Kraft  schloss.  Bei  der  Leichenbflhung  fand  sicli  eine  bedeu- 
tende  Menge  seroser  Fllissigkeit  in  den  Hirnhohlen  vor.  Das  ge- 
wohnlich leicht  erfolgende  Zuriickschlagen  des  Gehirns  wurde  durch 
eine  dicke  Scbiclit  coagulabler  Lympbe  von  strohgelber  Farbe  und 
gallertartiger  Consistenz  verhindert,  mittelst  welcher  der  obere  Theil 
der  Varolsbriicke  an  der  dura  mater  anklebte.  Diese  Schicht  war 
auf  der  rechten  Seite  der  Sella  turcica  am  dicksten.  Alle  Nerven, 
die  ihren  Weg  nach  der  Augenhohle  nehrnen,  waren  in  diesem 
Exsudat  eingehiillt,  besonders  der  dritte,  der  ein  gelblich  - braunes 
Ansehen  hatte.  Die  entsprechenden  Nerven  der  linken  Seite  litlen 
ebenfalls,  jedoch  in  einem  geringeren  Grade.  Die  Insertionssliitte 
des  Facialis  war  von  dem  Sitze  der  Krankbeit  entfernt.  Bei  dem 
andern  Kranken,  einem  elljahrigen  scrofulosen  Ivnaben  hatte  sicli 
Diplopie , Schielen  und  Ptosis  an  beiden  Augen  plotzlich  eingefun- 
den.  Die  Fahigkeit,  die  ’Augenlider  zu  scbliessen  und  zu  blinzeln, 
so  wie  das  Sehvermbgen  waren  ungestort.  IXas  linke  Auge  be- 
wegte  sicli  zwar,  jedoch  bescbrankt:  das  rechte  hatte  einen  starre- 
ren  Blick.  Die  linke  Iris  war  allein  beweglich,  die  rechte  Pupille 
erweitert.  Nacli  einigen  Monaten  verschlimmerte  sicli  der  Zustand. 
Es  stellte  sich  Schmerz  im  rechten  Arme  und  im  Kopfe  ein.  Die 
iMn skein  des  Daumens.  schwanden  und  bald  vlarauf  wurde  der  gauze 
Arm  atrophisch  und  ejeliihmt.  Die  Liihmunff  \erbreitete  sich  iiber 


AUGENMUSKELLADMUNG. 


079 


den  ganzen  Korper.  Leiclienbefund.  Die  Hirnhohleji  enthielten 
ungefahr  zelm  Ujizcii  Flussigkeit.  Die  Hirnsubstanz  war  so  weich, 
dass  sie  auseinander  (loss  mid  in  dem  Wasser  der  Ventrikel  Flok- 
ken  bildete.  Mehrere  Tuberkel  hatten  im  Cerebellum  und  Pons 
Varoli  ihren  Sitz.  Auf  der  Grundilache  des  Gehirns  fand  sicli  ein 
Lymphexsudat,  welches  die  Insertionsstatten  sammtlicher  Nerven 
einhiillte,  vom  Olfactorius  an  bis  zum  neunten  Paar.  Der  Quintus 
war  noch  am  meisten  verschont.  Der  Oculomotorius  der  rechten 
Seite  liess  sicli  nur  mit  Millie  im  Exsudate  erkennen,  war  desorga- 
nisirt  und  durchscheinend  geworden  ( Bell  I.  c.  S.  220  u.  250). 
Im  Jahre  1839  wurde  ich  zu  einem  dreijahrigen  Knaben  gerufen, 
welcher  neun  Monate  zuvor  einen  starken  Fall  von  der  Treppe  er- 
litten  liatte.  Am  20.  Miirz  ting  die  Krankheit  mit  Erbrechen  und 
Durchfall  an,  worauf  sicli  starkes  Fieber  und  Benommenheit  des 
Kopfes  einstellten.  Am  22.  fand  ich  die  ausgepragten  ZLige  der 
Meningitis  cerebralis  mit  Ptosis  mid  Blindheit  des  linken  nach  dem 
iiusserii  Winkel  hin  unverruckt  stehenden  Auges,  welches  nicht  die 
geringste  Reaction  gegen  den  einfalleiiden  Lichtstrahl  zeigte.  Der  Sopor 
wurde  tiefer,  und  unter  heftigen  Convulsionen  der  Rmnpfglieder  erfolgte 
der  Tod.  In  den  letzten  beiden  Tagen  schien  auch  das  rechte  Auge  das 
Selivermogeii  eingebusst  zu  haben.  Die  Pupillen  waren  erweitert 
und  unbeweglich.  Bei  der  LeichenofTnung  fand  ich  Erweichung  der 
Centraltheile  des  Gehirns,  des  Corp.  callos.,  des  Fornix,  des  Sept, 
pellucid.,  der  Wandungen  der  Seitenhohlen , die  erweitert  und 
mit  einer  Menge  seroser  Flussigkeit  angefiillt  waren.  Auf  der  Basis 
cerebri,  besonders  der  vordern  Lap  pen  bis  zum  Boden  des  dritlen 
Ventrikels  war  eine  starke  Meningitis  sichtbar.  Ein  betrachtliches 
albuminoses  Exsudat  hiillte  die  Sehnerven,  das  Chiasma,  und  den 
Oculomotorius,  besonders  der  linken  Seite,  ein.  Hugh  Ley  sail  in 
mehreren  Fallen  bei  Exsudalen  an  der  Basis  der  vordern  Lappen 
und  bei  Verdickimg  der  Membranen  die  Lahmung  auf  die  obern 
graden  Augenmuskeln  beschrankt,  und  macht  darauf  aufmerksam, 
dass  die  Fasern  des  Oculomotorius,  welche  diese  Muskelu  versor- 


680 


AUGENMUSKELLAHMUNG. 


<rCn  vom  Stamme  des  Nerven  abgehen,  die  derselbe  die  dura  ma- 
ter  durchbohrt , und  wegen  ilirer  Feinheit  und  der  Dunnheit  des 
Neurilemms  durch  einen  Druck  beeintrachtigt  werden  konnen,  wel- 
eher  fur  den  dickern  Stamm  unzureichend  ist.  (An  essay  on  the 
laryngismus  stridulus,  p.  47.) 

Von  Ophthalmoplegie  in  Edge  einer  auf  den  Oculomotorius  be- 
schrankten  Compression  ist  folgender  in  Stumpff  dissert,  inaug.  de 
aneurysmatibus  arteriarum  cerebri,  Berolini  1836,  beschriebne  Fall 
ein  instructives  Beispiel.  Ein  zwei  und  zwanzigjahriger  Tischler,  der 
schon  otter  an  Kopfschmerzen  gelitten  hatte,  bekam  am  4 ten 
Sept.  1835  wahrend  einer  anstrengenden  Arbeit  Schwindel,  sehr 
heftige  Kopfschmerzen,  und  fiel  um.  Nachdein  er  wieder  zu  sich 
gekommen,  klagte  er  fiber  heftige  klopfende  Schmerzen  im  ganzen 
Kopfe,  weshalb  er  die  Aufnahihe  in  daa  Krankenhaus  nachsuchte. 
Die  Augen  waren  lichtscheu,  gerothet,  der  Kopf  nach  hinten  gebo- 
gen.  Die  Nachte  waren  schlatlos,  der  Kopfschmerz  wurde  unleid- 
lich,  es  gesellten  sich  Conyulsionen  hinzu.  Durch  die  antiphlogisti- 
sche  Behandlung  trat  Besserung  ein,  und  der  Kranke  verliess,  ob- 
gleich  niclit  hergestellt,  das  Hospital.  Nach  kurzer  Zeit  stellte  sich 
der  Kopfschmerz  in  holiem  Grade  wieder  ein,  und  mit  ihm  folgende 
Erscheinungen : Unbeweglichkeit  des  rechten  Augapfels,  der  nach 
dem  Schlafewinkel  hin  stand,  Erweiterung  und  Unbeweglichkeit  der 
Pupille,  Ptosis,  Klagen  fiber  einen  stumpfen  druckenden  Schmerz 
im  Auge,  besonders  beim  Einfallen  der  Lichtstrahlen.  Die  Pupille 
war  klar,  und  das  Sehvermogen  nicht  gestort.  Das  linke  Auge 
war  etwas  gerothet  und  lichtscheu.  Der  Kranke  liess  sich  von 
neuem  in  das  Charite  - Krankenhaus  aufnehmen,  wurde  in  einer 
Nacht  von  einem  apoplektischen  Anfalle  getroffen,  und  starb  bald 
darauf.  Bei  der  Section  fand  man  ein  betrachtliches  Blutextrava- 
sat,  welches  fast  das  gauze  Gehirn  einhullte,  und  sich  besonders  in 
der  Niihe  der  Fossa  Sylvii  angehauft  hatte.  Die  Quelle  davon  war 
ein  geborstenes  Aneurysma  im  Winkel  des  Ramus  communicans 
der  Carotis  cerebralis  und  der  Art.  foss.  Sylv.,  von  der  Grosse  einer 


AUGENMUSKELLAHMUNG. 


G81 


llaseluuss  mid  ovaler  Form,  welches  durch  einen  engen  Hals  mit 
der  Arterie  zusammenhing , und  aus  deren  erweiterten  Membranen 
bestancl.  Mit  seiner  untern  Flache  sass  es  auf  dem  Oculomotorius 
auf,  und  iibte  einen  Druck  auf  denselben  aus.  Hier  waren  die 
Arterienhaute  erweicht,  wie  breiartig,  und  es  fand  sich  eine  Fissur 
von  zwei  Linien  Lange.  In  der  Ntihe  des  Aneurysma  war  die 
Hirnsubstanz  von  weicherer  Consistenz  als  an  anclern  Stellen. 

II)  Centraler  Sitz.  Nach  der  fur  den  Centralapparat  des 
Gehirns  gultigen  Leitung  in  gekreuzter  Richtung  ist  die  gegenuber- 
stehende  Hemisphare  Heercl  der  Krankheit,  und  die  Lahmung  der 
Augenmuskeln  befindet  sich  auf  derselben  Seite  mit  der  Paralyse 
der  Rumpfgiieder.  Ptosis  ist  nicht  selten  Symbol  einer  Centralaffe- 
ction,  wahrend  es  Lagophthalmos  nur  ausnahmsweise  ist,  gewohn- 
lich  mit  Ophthalmoplegie  und  optischer  Aniisthesie  verbunden.  Un- 
ter  den  Augenmuskelnerven  selbst  wird  der  Oculomotorius  haufiger 
als  der  Abducens  von  Centralanlassen  betheiligt,  besonders  der  den 
M.  rectus  internus  und  superior  versorgende  Zweig:  so  begleitet 
Strabismus  divergens  Hiimorrhagieen,  Erweichungen,  und  beim  chro- 
nischen  Hydrocephalus  sind  die  Augapfel  sehr  oft  nach  unten  ge- 
stellt  und  unfahig  in  die  Ilohe  gerichtet  zu  werden.  Yelloly  er- 
wahnt  eines  Fades  von  Lahmung  des  iiussern  graden  Augenmus- 
kels  mit  Einwartsstellung  des  Bulbus,  welche  durch  eine  Geschwulst 
auf  der  linken  Seite  des  vierten  Hirnventrikels  entstanden  war. 
(Medic.  chirurgv  transact.  Yol.  I.  p.  218.) 

Zu  unterscheiden  von  der  cerebral en  Paralyse  der  Augen- 
muskeln ist  die  re  flector  is  die  Immobility,  die  sich  an  dem 
Slillstande  der  Bewegungen  wegen  Abnahme  und  Verlustes  sensibler 
und  sensueller  Erregung,  bei  Fortdauer  der  Bewegungen  auf  den 
psychischen  Impuls  erkennen  liisst.  Bereits  Iriiher  (S.  237.  318.  325.) 
ist  auf  die  von  der  Energie  des  Sehnerven  abhangige  Statik  der 
Augenbewegungen  aul'merksam  gemacht  worden,  und  v.  Wallher 
hat  das  Verdienst,  diese  Erscheinungen  im  Muskelnervengebiete  des 
Auges  bei  der  Amaurose  mit  einer  Fulle  eigner  Erfahrung  physio- 


G82 


A UGENMUSK  ELLA  1 IM  UNG. 


lo^isch  gewurdigt  zu  haben.  (Die  Lelire  vom  sehwarzen  Staar  und 
seiner  Heilart.  Berlin  1841.  S.  75  — 101).  Schon  die  karakte- 
ristische  Starrheit  des  amaurotischen  Auges  ist  der  Ausdruck  der 
Torpiditat  sammtlicher  Muskeln  des  Augapfels:  besonders  al)er  ist 
es  der  Ocnlomotorins,  und  zwar  der  fur  den  Rectus  intern,  bestimmte 
Zweig,  dessen  Thatigkeit  wegen  gesunkner  Energie  des  Opticus 
nachlasst,  daher  Strabismus  divergens  gewohnlich  Begleiter  der 
Amaurose  ist.  (Vgl.  Bohm’ s ausgezeichnete  Monographic:  Das 

Schielen  und  der  Sehnenschnitt  in  seinen  Wirkungen  auf  Stellung  und 
Sehkraft  der  Augen.  1845.  S.  212.)  Seltner  zeigt  sich  der  Stillstand  der 
Bewegung  in  dem  Hebemuskek  des  obern  Augenlids.  Kranke  kbn- 
nen  durch  cerebralen  Einfluss  z.  B.  auf  Geheiss  des  Arztes  Bewe- 
gungen  mit  dem  Auge  vornehmen,  dasselbe  nach  der  Nase  wenden, 
das  obere  Lid  aufschlagen,  allein  ungeachtet  sie  es  vermogen,  spon- 
tan  thun  sie  es  nicht,  weil  das  Motiv  des  Sehens  fur  sie  nieht  mehr 
vorhanden  ist.  Es  verhalt  sich  mit  ihnen  wie  mit  den  von  Aiia- 
sthesie  des  ersten  Quintusastes  Behafteten,  wo  die  blinzelnde  Action 
der  Augenlider  beim  Einfallen  fremder  Korper  etc.  aufgehort  hat, 
obgleich  der  Kranke,  wenn  es  verlangt  wird,  die  Augenlider  fest 
schliessen  und  die  blinzelnde  Bewegung  nachahmen  kann.  Von 
Wichtigkeit  ist  der  Umstand,  dass  je  langer  der  Reflexeinfluss  der 
optischen  Energie  auf  den  motorischen  Nervenapparat  mangelt,  urn 
so  schwacher  die  Erregbarkeit  desselben  fur  den  cerebralen  Impuls 
wird,  wie  es  auch  umgekehrt  *bei  Verlust  der  cerebralen  Erregung 
in  Bezug  aul  die  reflectorische  der  Fall  ist.  Auch  darf  nicht  tiber- 
sehen  werden,  dass  bei  centraler  Amaurose  durch  Ausbreitung  der 
Krankheit  die  centrale  Balm  der  Augenmuskelnerven  beeintrach- 
ligt  und  ihres  Leitungsvermogens  verlustig  werden  kann. 

Nicht  nur  auf  die  Augenmuskeln,  auch  auf  die  contractilen  Iris- 
fasern  macht  sich  die  mangelnde  Reaction  der  optischen  Erregung  in 
der  Amaurose  geltend,  und  Immobilitiit  der  Pupille  ist  moistens  in 
ihrem  Gefolge,  mit  Abweichung  der  Form  und  Stellung  von  der 
Norm.  Uierbei  sind  die  Untersuchungen  liber  die  motorischen 


AUGENMUSKELLAI-IMUNG. 


G83 


^uellen  der  Iris  von  grossem  Interesse,  und  verheissen  selbst  fur 
lie  gauze  Lehre  der  motorischen  Erscheinungen  eine  physiologische 
Ergiebigkeit.  Der  Einlluss  des  Oculomotorius  war  zuerst  durch 
yiayo's  Yersuche  constatirt  worden  (Anatomical  and  physiological 
commentaries.  London  1823):  die  Reizung  dieses  Nerven  in  der 
Schadelhohle  hat  Contraction,  die  Durchschneidung  hat  Expansion 
ler  Pupillen  zur  Folge.  Die  letztere  wurde  gemeinhin  als  passi- 
ve!' Zustand,  als  Erschlaffung  gedeutet,  jedoch  mit  Unrecht,  da  schon 
lie  von  Petit  in  dem  Jalire  1712  angestellten  und  von  Molinetti 
and  Spatern  bestatigten  Versuche  ergehen  batten,  dass  nach  Durch- 
schneidung des  Cervicaltheils  des  Vagus  und  Sympathicus  an  leben- 
len  Hunden  sofort  eine  andauernde  Verengerung  der  Pupillen  in 
lem  entspreclienden  Auge  eintritt.  Denselben  Erfolg  hatte  die  von 
Dupuy  und  Dupuytrcn  vorgenommene  Durchschneidung  des  ober- 
sten  Halsknotens  des  Sympathicus,  so  dass  schon  hieraus  das  Vor- 
landensein  von  aufsteigenden  durch  das  Ciliarganglion  in  die  Iris 
sich  hegehenden  motorischen  Nervenfasern , denen  die  Erweiterung 
ler  Pupillen  ohliegt,  hatte  vermuthet  werden  konnen.  In  neuester  Zeit 
hat  Valentin  diesem  Gegenstande  durch  experimentelle  Beobachtun- 
5en  eine  festere  Stiitze  gegeben  (de  functionibus  nervorum  cerebra- 
ium  et  nervi  sympathici  p.  109  etc.).  Es  stellt  sich  aus  diesen 
Versuchen  der  Antagonismus  der  motorischen  Erregungen  in  den 
on  verschiedenen  Heerden,  cerebrospinalen  und  sympathischen  stam- 
nenden  Nervenelementen  der  Iris,  und  die  durch  die  Statik  dieser 
Erregungen  bedingte  -Form  der  Pupille  heraus,  nicht  bloss  der  nor- 
nalen,  sondern  auch  der  kunstlich  gebildeten  ( Valentin  1.  c.  p.  112. 
Vo.  14).  Werden  das  obere  Ganglion  des  Sympathicus  oder  das 
Ganglion  des  Vagus  oder  die  Stamme  oder  die  mit  denselben  sich 
-erbindenden  Fasern  der  Cervicalnerven  gereizt,  so  folgt  Erweile- 
•ung  der  Pupille:  werden  sie  durchschnitten  und  ihrer  Leitung  ver- 
ustig,  so  hat  der  Oculomotorius  das  Uebergewicht  uhd  Verengerung 
lerselben  ist  die  Folge.  So  vcrhalt  es  sich  auch  umgekehrt.  Pa- 
liologische  Erscheinungen  crhalten  durch  diese  Untersuchungen  ilirc 


G84 


augbnmuskellAhmung. 


Deutung.  Mil  Reizung  des  Gehirns  ist  Contraction,  mit  Reizung 
ties  Sympathicus  (z.  13.  in  der  Helminthiasis:)  Erweiterung  der  Pu- 
pille  verbunden;  paralytische  Affectionen  des  Gehirns  werden  von 
Mydriasis  begleitet;  in  der  Tabes  dorsualis  dagegen  habe  ich  biters 
die  Pupille  bis  auf  die  Grosse  eines  Stecknadelknoples  contrahirt  ge- 
funden.  Ob  die  durch  Eintraufelung  des  Belladonna-  und  Hyoscy- 
amus  - Aufgusses  in  das  Auge  bervorgebracbt©  Mydriasis  von  Lah- 
mung  der  Fasern  des  Oculomotorius  oder  von  Reizung  der  sympa- 
thischen  abhangig  ist,  ist  noch  nicbt  entschieden.  An  der  Iris  lasst 
sicb  auch  deutlicher  als  an  den  ubrigen  Muskeln  die  auf  einzelne 
Nervenfasern  isolirte  Lahmung,  und  das  dadurch  bedingte  Ueber- 
gewicht  der  andern  Fasern  in  der  Entstellung  der  Pupille  erkennen. 
Valentin  will  bestimmte  Veranderungen  in  der  Pupille  wahrgenom- 
men  haben,  je  nachdem  das  Ganglion  des  Vagus  oder  das  oberste 
Halsganglion  des  Sympathicus  dem  Versuche  unterworfen  wurde 
(1.  c.  p.  112.  No.  11).  Verletzungen  einzelner  Ciliarnerven  bei 
Augenoperationen  geben  zuweilen  Anlass  zur  Stellung  der  Pu- 
pille nach  oben  oder  innen  oder  nach  einer  andern  Ricbtung, 
und  die  zu  diaguostischen  Kriterien  der  Species  der  Amaurose 
benutzten  Configurationen  des  freien  Irisrandes,  das  horizontale 
oder  vertikale  Oval,  konnen  nur  aus  einer  ungleichen  Ver- 
theilung  der  Paralyse  unter  den  einzelnen  Ciliarnerven  hergeleitet 
werden. 

Ausser  der  rellectorischen  Immobilitat  lassen  sich  an  den  Augen- 
muskeln  noch  andere  Zustande  von  Unthatigkeit  nachweisen,  welcbe 
mit  der  Lahmung  nicbt  verwecbselt  werden  diirfen.  Dahin  gebort 
die  vernacblassigte  Einubung  der  motorischen  Balm  (Vgl.  S.  197), 
wie  sie  bei  Menschen  mit  ungleicher  Sebkraft  und  Sehweite  beider 
Augen  vorkommt,  welche  sich  alsdann  leicht  gewobnen  schon  in 
der  mittlern  Entfernung  immer  nur  mit  einem  Auge  zu  se- 
hen , wobei  das  andere  in  den  sogenannten  Augenscblaf  veiTallt. 
So  begleitet  auch  Ptosis  zuweilen  den  Strabismus , weun  das 
Auge  durch  seine  veriinderte  Stellung  fur  das  Selien  nicbt  be- 


AUGENMUSKELLAHMJNG. 


G85 


nutzt  werdea  kann.  Dieffenbach  sail  class  bei  Schliessung  des  ge- 
sunden  Auges  das  kranke  bedeutend  weiler  geoffnet  werden  konnte, 
obgleich  der  Bulbus  seine  Stellung  nicht  verbesserte  (Ueber  das 
Sckielen  und  die  Heilung  desselben  durch  die  Operation  S.  162). 
Endlicli  verdient  die  Erschlaffung  des  aussern  Augenmuskels,  wel- 
cbe  als  eine  haufige  Bedingung  des  Strabismus  convergens  von  Bell 
mit  pathologischen  Argumenten  nachgewiesen  worden  ist  (Practical 
essays.  Edinburgh  1841.  p.  62  etc.),  hier  erwahnt  zu  werden.  Es 
lasst  sich  diese  Erschlaffung  eines  einzelnen  Muskels  kaum  physio- 
logisch  deuten,  wenn  man  nicht  der  doppelten  Quelle  motorischen 
Impulses  fur  diesen  Muskel  eingedenk  ist,  des  cerebralen  durch  das 
sechste  Nervenpaar  und  des  sympathischen  durch  Fasern  der  vom 
obersten  Halsknoten  des  Sympathicus  aufsteigenden  Aeste,  welche 
sich  dem  Abducens  anlagern.  Schon  Petit  hatte  beobachtet,  und 
andere  nach  ihm,  class  nach  Durchschneidung  des  Cervicaltheils  des 
Sympathicus  das  Auge  immer  nach  dem  innern  Winkel  gezogen 
wird;  so  wie  nun  durch  Entziehung  oder  Verlust  dieses  Impulses 
die  Energie  des  M.  rect.  extern,  geschwacht  und  das  contractile 
Muskelgewebe  erschlafft  wird,  obgleich  die  cerebrale  Leitung  durch 
die  freie  Bahn  des  N.  abducens  ungehemmt  sein  kann,  so  ist  ande- 
rerseits  erklarlich , wie  es  vorzugsweise  der  aussere  grade  Augen- 
muskel  ist,  dessen  Thatigkeit  von  Anlassen  in  den  unter  sympathi- 
schem  Eintlusse  stehenden  Organen  (bei  Helminthiasis,  Hysterie  etc.) 
in  Anspruch  genommen  wird. 

Die  Behandlung  stutzt  sich  1)  auf  Erfulluitg  der  Causal-In- 
dication. Das  Verfahren  gegen  den  rheumatischen,  gegen  den  trau- 
matischen  Anlass  ist  hier  an  seiner  Stelle,  so  wie  in  andern  Fallen 
die  Beforderung  der  Resorbtion  und  die  Beseitigung  der  Dyskra- 
sieen.  Allein  nur  sehr  selten  gelingt  die  Heilung  auf  diese  Weise: 
es  stellt  sich  2)  die  Aufgabe  zur  Herstellung  der  Erregbarkeit  und 
Leitung  der  Augenmuskelnerven.  Man  hat  diese  durch  den  brt- 
lichen  Gebrauch  reizender  und  ableitender  Mittel  zu  erreichen  ge- 
sucht,  und  empfiehlt  eine  Steigerung  von  aromatischen  und  atheri- 


68G 


aigenmuskillAiimung. 


schen  Einreibungen  an  (Bals.  vit.  Hoffmann.,  01.  Cajeput,  Aether 
sulphur.),  zur  Anwendung  lliegender  Yesicatorien  bis  zur  Applica- 
tion des  Feuers  mittelst  Moxen,  in  der  Umgegend  des  Auges.  Die 
letztern,  besonders  die  Gluhhitze  gehoren  zu  den  wirksameren  Agen- 
tien  fur  die  Cur  der  Ptosis  und  Qpbthalmoplegie:  die  erstern  da- 
aeo-en  sind  meistens  erfolglos.  Die  Electricitat  in  ibren  verschiede- 
nen  Gebrauchsweisen,  als  Electro-  oder  Galvanopunctur,  oder  mittelst 
des  magnetisch-electrischen  Rotations-Apparats  hat  nur  selten  nach- 
haltige  Wirkung.  Dasselbe  gilt  yon  der  Douche.  Mehr  hat  man 
sick  von  den  ableitenden  Mitteln,  den  Exutorien  (vesicat.  perpet., 
ung.  oder  empl.  tartar,  emet.),  zumal  bei  rheumatischer  und  dyscra- 
sischer  Basis,  zu  versprechen.  Dock  muss  ich  kier  auf  einen  Irr- 
tkum  aufmerksam  macken,  welcher  durck  Unbekanntsckaft  mit  den 
neuropkysiologiscken  Fortsckritten  unterkalten  wird,  und  urn  so 
sckwerer  auszumerzen  ist,  weil  er  von  einem  beriihmten  Namen 
getragen  wird.  Es  ist  die  von  Joh.  Ad.  Schmidt  gegen  Ptosis  em- 
pfohlne  Application  einer  Aetzpaste  zwiscken  Warzenfortsatz  und 
Kieferwinkel , wobei  wohl  eine  Verweckslung  mit  deren  Ileilkraft 
im  Lagophthalmgs  zu  Grunde  liegt,  denn  eine  Ableitimg  an  jener 
Stelle  ist  zur  Cur  der  Lahmung  des  Oculomotorius  minder  wirk- 
sam  als  in  der  Niike  des  Auges.  Mit  dem  Exutorium  kann 
der  endermatiscke  Gebrauch  des  Strychnins , auf  ahnliche  Weise 
wie  bei  der  Paralyse  des  Facialis,  verbunden  werden. 

Die  Chirurgie  hat  sich  in  neuerer  Zeit  Yerdienste  um  die 
Behandlung  der  Augenmuskellahmung  erworben.  Diefpmhach,  dem 
man  hierin  das  meiste  verdankt,  sah  die  leichtern  Grade  der  Pto- 
sis, welche  das  Schielen  zuweilen  begleiten,  nach  der  gelungenen 
Operation  des  letztern  von  selbst  verschwinden  (a.  a.  0.  S.  164).  In 
andern  bedeutenderen  Fallen  hatte  die  Durckscbneiduug  des  antago- 
nistischen  Muskels,  des  Orbicularis  palpebr.,  Erfolg,  woraus  sick  ent- 
nehmen  liisst,  dass  in  der  Blepharoplegie  niclit  bloss  der  Lahmung 
des  Hebemuskels  ein  Antheil  zukommt,  sondern  auch  der  ge- 
steigei  ten  Action  des  Schliessmuskels,  so  wie  es  sich  umgc- 


AUGENMUSKELLAHMUNG. 


G87 


kehrt  beim  Lagophthalmiis  verhalt.  Auf  ahnliche  Weise  wirkt 
in  der  Ophlhalmoplegie  die  Durchschneidung  des  Antagonis- 
len  des  gelahmten  Mnskels,  und  die  Oj)eralion  des  Strabismus 
paralyticus  ist  nicht  bloss  von  der  kosmetischen  Seite,  sondern 
auch  in  BetrefT  ihres  Einflusses  auf  Erhaltung  und  Verbesserung 
der  Sehkraft  zu  wiirdigen. 


/ 


— 00<}r 


Lahmung 

ties  N.  hypoglossus. 

Die  motorische  Action  tier  Zunge  ist  nicht  mijider  umfassend 
als  die  sensible,  und  wie  diese  der  Aufklarung  noch  bediirftig.  We’nn 
auch  der  Unterschied  der  masticatorischen  und  articulirenden  Zun- 
genbewegungen  (Vgl.  S.  328)  in  den  paralytischen  Affectionen  noch 
haufiger  sich  herausstellt  als  in  den  convulsivischen,  so  haben  die 
bisherigen  pathologischen  Beobachtungen  nocli  nicbts  uber  die  Ner- 
venhebel  dieser  zwiefachen  Action,  wie  es  in  Betreff  der  mimischen 
und  Ivaubewegungen  der  Gesichtsmuskeln  geschehen  ist,  gelehrt, 
und  konnten  es  auch  nicht,  so  lange  der  Hypoglossus  als  eine  aus 
Elementen  gleichen  Ursprungs  bestehende  Nerveneinheit  gait.  Allein 
dieser  Nerv  ist  wie  jeder  andere  nur  eine  Balm  fur  Primitivfasern 
verschiedenen  Ursprungs,  und  Volkmann  hat  durch  mikroscopische 
Untersuchungen  nachgewiesen,  class  der  Ramus  descendens  ein  ascen- 
dens  ist,  der  dem  Hypo  glossus  und  der  Zunge  Fasern  aus  den  bei- 
den  obern  Halsnerven  zufuhrt  ( Muller’s  Archiv  1840.  S.  502). 

Die  masticatorische  und  die  articulirende  Lahmung  der  Zunge 
kommen  entweder  isolirt  oder  mit  einander  yerbunden  vor. 

1)  Masticatorische  Glossoplegie.  Die  Ortsbewegung  der 
Zunge  ist  ganz  oder  zum  Theil  aufgehoben.  Es  geht  die  Bildung 
des  Bissens  in  der  Mundhohle  muhsam  oder  gar  nicht  vor  sich; 
Speisereste  bleiben  auf  der  gelahmten  Seite  liegen,  weil  die  Zunge 
sie  nicht  wegstosst,  und  Schwierigkeit.  oder  Unfahigkeit  des  Eau- 


ZUNGENLAHMUNG. 


G89 


ind  Schlingactes  ist  vorhanden.  Das  Geluhl  ist  in  den  nicht  com- 
)licirten  Fallen  ungestort;  der  Geschmack  wegen  der  mangelnden 
lBewegung  stumpier.  Gewohnlich  fiiidet  eine  Ansammlung  der  nicht 
werwendeten  Speichelfliissigkeit  in  dem  Mundhassin  statt.  Panizza 
hat  zuerst  das  Ergebniss  einer  Durchschneidung  beider  Zungen- 
lleischnerven  genau  gescbildert  (Versuche  uber  die  Verricbtungen 
der  Nerven,  fibers.  v.  Schneemann.  Erlangen  183G.  S.  31).  „Der 
lHund,  den  man  einige  Zeit  bat  fasten  lassen,  nabert  dem  vorgesetz- 
iten  Milchnapfe  die  Schnauze  roll  Begierde,  macht  mit  dem  Kopfe 
mud  Unterkieler  die  Bewegungen  des  Schliirfens,  ist  aber  nicht  im 
>Stande  die  Zunge  im  geringsten  vorzustrecken,  so  dass  er  die  Sadie 
inach  vielen  unniitzen  Versuchen  aufgiebt.  Er  fasst  ein  mit  Milch 
beleuchtetes  Stiickchen  Brod,  versucbt  es  zu  kauen,  legt  es  aber 
bald  kaum  in  zwei  Stucke  getbeilt  wieder  auf  den  Boden,  ergreift 
nmd  theilt  es  von  Neuem,  wirft  es  wiederum  aus,  bis  er  endlich  das- 
'selbe  in  kleine  Stiickchen  getbeilt  liegen  liisst.  Wenn  bei  den  Eau- 
bewegungen  durch  das  Beugen  des  Kopfes  die  Zungenspitze  aus 
leinem  der  Mundwinkel  vorfallt,  so  bleibt  sie  scblafF  aussen  liangen, 
das  Thier  beisst  darauf,  und  stosst  ein  heftiges  Geheul  aus.  Oeff- 
net  man  das  Maul,  so  zeigt  sich  die  Zunge  vollkommen  unbeweg-  ' 
lich  und  scblaff,  und  verbleibt  in  jeder  Lage,  in  welche  man  sie 
bringt.  Ein  auf  den  Riicken  der  Zunge  gelegtes  Stuck  Brod  oder 
Fleisch  bleibt  unverriickt  liegen,  wenn  es  nicht  zufallig  durch  die 
Kaubewegungen  des  Unterkiefers  berausfallt  oder  zwiscben  Zunge 
und  Ziihne  geklemmt  wird.  Die  Deglutition  geht  nicht  vor  sich,  es 
musste  denn  sein,  dass  der  Bissen  durch  die  blosse  Wirkung  der 
Schlundmuskeln  in  die  Ilohle  des  Pharynx  gelangt,  allein  auch  in 
diesem  Falle  geschiebt  sie  nur  unvollkommen,  weil  der  Bissen  von 
jenen  Muskeln  gedriickt  sich  zerlegt,  und  theilweise  durch  den  ge- 
bffneten  Isthmus  des  Rachens,  welcben  die  geliihmte  Zunge  nicht 
mehr  schliesst,  in  den  Murid  zuriickkehrt.  Dasselhe  findet  statt, 
wenn  man  dem  Ilunde  Flussigkeit  in  den  Rachen  giesst.“  Rei  tota- 
ler  masticatorischer  Glossoplegie  ist  zugleich  die  Articulation  der 


coo 


ZUNGENLAI 1MUNG. 


Sprache  gehemmt,  und  die  Zunge  liegt  auf  dem  Boden  der  Mund- 
hohlc,  hinter  den  Ziihnen  des  Untcrkiefers,  wie  ein  Keil  grade  aus- 
oestreckt.  Bei  der  partiellen  Lahmung  entsteht  cine  abnorme  Be- 
We°"im<T  oder  Stellung  der  Zunge.  Am  haufigsten  ist  die  Hemiple- 
gic, wobei  die  ausgestreckte  Zunge  mit  ihrer  Spitze  nach  der  ge- 
lahmten  Seite  sieh  neigt.  Hiese  Erscheinung,  welche  ich  vor  kurzem 
bei  einem  Kranken  nach  der  Exstirpation  eines  kleinen  carcinomato- 
sen  Auswuchses  an  der  linken  Zungenhalfte  beobachtet  habe,  wobei 
Fasern  des  Hypoglossus  verletzt  worden  waren,  ist  urn  so  au Callender, 
wenn  bei  gleichzeitiger  Lahmung  der  Gesichtsmuskeln  die  Lip- 
penfuge  nach  der  gesunden  Seite  verzogen  ist,  und  hat  verschiedene 
Deutungen  gefunden.  Bidder  sucht  die  Ursache  dieser  schiefen 
Richtung  der  Zunge  in  dem  aufgehobenen  Contractionsvermogen 
derjenigen  Muskeln,  die  an  der  gelahmten "Seite  das  Zungenbein  lie- 
ben.  Denn  indem  bei  der  Intention  die  Zunge  hervorzustrecken 
das  Heraufziehen  des  Zungenbeins  nur  den  Muskeln  der  einen  Seite 
uberlassen  wil'd,  muss  eine'  schiefe  Stellung  des  Zungenbeins  zum 
Untcrkiefer,  und  also  auch  der  Zunge  zur  Mundhohle  hervorge- 
bracht  werden,  eine  Stellung,  die  durch  die  Lahmung  des  Muse, 
genioglossus  derselben  Seite  und  das  Uebergewicht  des  gleichnami- 
gen  Muskels  der  andern  Seite  sicherlich  noch  verstarkt  wird.  Ilier- 
mit  stimmt  auch  uberein,  dass  jene  Stellung  urn  so  auffallender  war, 
je  sorgfalLiger  bei  Durchschneidung  des  Hypoglossus  am  lebenden 
Thiere  alle  vor  der  Durchscbnittsstelle  des  Nerven  von  ihm  abge- 
lienden  und  in  die  bier  betheiligten  Muskeln  tretenden  Zweige  ex- 
stirpirt  worden  waren  (Muller's . Arcliiv  etc.  1842.  S.  111).  Doch 
sei  damn  erinnert,  dass  auch  bei  Exstirpationen  und  Excisionen  an 
der  Seitenllache  der  Zunge,  wie  mir  der  verewigte  Rust  und  mein 
geehrter  Freund  Dieffenbach  mitgetheilt  haben,  die  Zungenspitze 
nach  der  operirten  Seite  sich  hinwendet,  oline  dass  man  im  Stande 
ist,  eine  durch  Vernarbung  der  Wunde  entstandene  Contractur 
sicht-  oder  fuhlbar  wahrzunehmen.  Seltner  zeigt  sich  die  partielle 
Llossoplegie  als  Lahmung  der  Ruckwarls-  oder  Yorwartszieher  der 


ZUNGENLAHMUNG.  091 

\ 'unge.  Muller  macht  die  Bemerkung,  dass  nach  Exstirpation  des 
j littlern  Tlieils  des  Unterkielers,  wodurch  die  das  Os  hyoideum  und 
ie  Zunge  vorwartsziehenden  Muskeln  (Mylohyoideus,  Geniohyoideus, 
j enioglossus ) ilire  Fixation  verlieren,  das  Zungenbein  durch  den 
vitylohyoideus,  und  die  Zunge  durch  den  Styloglossus  so  kraftig 
iickwarts  gezogen  werden,  dass  die  grosste  Gefahr  der  Erstickung 
ntsteht  (Handb.  der  Physiol,  des  Menschen  2.  Thl.  S.  81).  Eine 
iei  Lahmung  der  Zungenmuskeln  schneller  und  starker  als  bei  an- 
hern  paralysirten  Muskeln  hervortretende  Erscheinung  ist  die  Atro- 
ihie  derselben.  Bidder  sah  in  deji  ersten  Wochen  nach  Durcli- 
itchneidung  des  Hypo  glossus  an  lebenden  Hunden  die  Ernahrung 
her  Zunge  immer  beeintrachtigt , obgleich  in  keinem  Falle  irgend 
in  bedeutenderes  Gelass  verletzt  worden  war.  Die  Oberlliiche  der 
''hinge  zeigte  starke  und  tiefe  Queerrunzeln  als  sei  das  Involucrum 
: inguae  zu  weit  geworden  fur  die  verringerte  (leischige  Masse  dieses 
)rgans,  und  eine  aulfallende  GrossendifFerenz  land  zwischen  beiden 
'Zungenhalften  statt  (1.  c.  S.  110).  In  den  folgenden  Krankheits- 
: ,reschichten  ist  der  betrachtlichen  Abmagernng  der  Zunge  ausdriick- 
i'ich  erwahnt. 

2)  Articulirende  Glossoplegie.  Die  Bewegung  der  Zunge, 
i n so  fern  sie  zur  Bildung  und  zur  Modulation  der  Stimme  mitwirkt, 
^t  entweder  aufgehoben  oder  erschwert.  In  ersterm  F'alle  ist 
'itummheit  vorhanden  (Mutitas),  in  letzterm  L alien,  Undeutlich- 
iteit  der  Aussprache  oder  Stammeln,  verhinderte  Articulation  eni- 
r.elner  Laute.  Aus  Kempeleris  und  Spiiterer  Untersuchungen  ist 
Her  Mechanismus  der  Zungenbewegungen  beim  SprecHen  bekannt. 
!)r.  Bennati  hat  auf  die  Bewegungen  beim  Singen  aulmerksam  ge- 
macht.  So  zieht  sich  beim  Singen  holier  Tone  die  Zunge  auf  ihre 
Basis  zuriick  und  wird  breit;  in  den  Falsettonen  heben  sich  ihre 
Bander  und  bilden  einen  halbkegellormigen  Kanal  (Etudes  physio- 
• ogiques  et  pathologiques  sur  les  organes  de  la  voix  humaine.  Paris 
1833).  Die  Sanger  sind  daher  in  dieser  Glossoplegie  unfahig  die 
Slimme  in  ihrem  ganzen  Umfange  zu  moduliren,  zumal  die  holiern 

Hu  in  berg’s  Nerreubrankheiten  I.  3. 


092 


ZLNGENLAIIMUNG. 


Tone  der  Kopf-  oder  Falsetslimme  hervorzubringen.  In  der  Stumm- 
heit  sind  die  Locomotion  und  das  Schlingvermogen  der  Zunge  zu- 
weiien  beeintrachtigt,  beirn  Stammeln  gewohnlich  i'rei. 

Die  Ursaclien  der  Glossoplegie  haben  nur  sehr  selten  in  der  pe- 
ripherischen  Bahn  der  motorischen  Zungennerven  ihren  Sitz.  Ein 
merkwurdiger  Fall  dieser  Art,  wo  auch  die  Nacbbarnerven  des  Hy- 
poglossus  durch  Compression  betheiligt  waren,  ist  von  Gendlin  ge- 
nau  beschrieben  worden  (in  seiner  Uebers.  von  Abercrombie  des 
maladies  de  I’encephale  et  de  la  moelle  epiniere.  p.  627.).  Der 
36jahrige  Kranke  war  drei  Jahr  zuvor  von  einer  Treppe  in  den 
Keller  auf  den  Nacken  herabgesturzt,  worauf  sich  heftige  Schmerzen 
im  Halse  mit  erschwerter  Beweglichkeit  und  Schwierigkeit  im  Spre- 
chen  einstellten.  Nach  vier  Monaten  ging  er  wieder  an  sein  Ge- 
schaft  und  setzte  es  ein  Jahr  fort,  allein  die  Schmerzen  in  der  lin- 
ken  Seite  des  Halses  dauerten  fort  und  verbreiteten  sich  in  die 
Arme,  die  Stimme  wurde  heiser  und  schwack,  der  Kranke  magerte 
ab.  Jetzt  liess  er  sich  in’s  Hotel-Dieu  aufnehmen.  Die  linke  Hiilfte 
der  Zunge  war  atrophisch,  jedoch  im  Besitze  des  Gefuhls  und  Ge- 
schmackes.  Dupuytren  diagnosticirte  eine  Krankheit  des  linker) 
Hypoglossus  in  der  Nake  seines  Austritts  aus  dem  Schadel  (Vgl. 
Montault  in  Panizza’s  angef.-  Schrift  S.  112).  Spaterhin  kam  er 
in  die  Behandlung  von  Gendrin.  Die  linke  Zungenhalfte  war  in 
hohem  Grade  atrophisch.  Der  driickende  anhaltende  Schmerz  im 
Nacken  verbreitete  sich  in’s  Hinterhaupt.  Der  Nacken  war  steif, 
die  Beweglichkeit  des  Kopfes  sehr  erschwert,  so  dass  der  Kranke 
nur  mit  Beihiilfe  seiner  Hande  den  Kopf  voin  Kissen  in  die  Hohe 
heben  konnte.  Ein  halbes  Jahr  darauf  war  der  Zustand  folgender: 
die  linke  Hiilfte  der  Zunge  war  so  dunn,  dass  sie  nur  aus  den  Plat- 
tcn  der  Schleimhaut  zu  bestehen  schien,  und  unregelmassig  geslal- 
let,  heim  Herausstrecken  aus  dem  Munde  kriimmte  sie  sich  nach 
der  linken  Seite.  Der  Schmerz  im  Halse  war  bei  ruhigem  Verhal- 
ten  dump!,  steigerte  sich  jedoch  bei  jeder  Bewegung  des  Kopfes, 
dahtr  der  Kranke  unverruckt  in  einer  horizontalen  Lage  blieb,  und 


ZUNGENLAHMUNG. 


G93 


wenn  cr  sicli  aufrichtete  den  Kopf  mit  beiden  Handen  stutzte.  Die 
'Muskelkraft  war  in  den  Extremitaten  der  linken  Seite  schwacher 
als  in  den  rechtseitigen , die  Stuhlvcrstopfung  hartnackig ; die  Harn- 
ansleerung  erfolgte  nur  durch  Regurgitation.  Das  Gedachtniss  war 
I fast  ganz  erloschen,  die  Abmagerung  bedeutend.  Die  Sensibilitat 
| der  atrophischen  Zungenhalfte  war  ungestort:  Stechen  mit  einer 
'Nadel,  Kalte  und  Hitze  brachten  dieselben  Empfindungen  an  beiden 
Seiten  hervor.  Schmeckbare  Stoffe,  Coloquinten , Salz,  Essigsaure 
erregten  in  der  atrophischen  Halfte  nur  einen  sehr  dunkeln  Ge- 
schmackseindruck,  der  sich  erst  sieben  bis  acht  Minuten  nacli  ihrer 
Application  kund  gab,  dagegen  in  der  gesunden  Halfte  einen  sehr 
lebhaften  schon  nach  1 — \\  Minuten.  Beim  Athmen  blieben  die 
Intercostalmuskeln  unthatig.  Das  Schlucken  war  erschwert:  der 
Bissen  bheb  im  Pharynx  stecken,  oder  drang  in  den  Kehlkopf,  wo 
er  heftigen  Husten  veranlasste.  Die  Aphonie  nahm  zu.  Stuhl-  und 
Harnabgang  erfolgten  unwillkuhrlich.  Unter  Hinzutritt  von  Aphthen, 
Sopor,  Lungenlahmung  starb  der  Kranke,  drei  Jahr  nach  der 
Kopfverletzung.  Leichenbefund.  Zwischen  der  linken  Hemi- 
sphiire  des  kleinen  Gehirns  und  der  Medulla  oblongata  fand  sich 
ein  geborstner  Hydatidenbalg,  aus  welchem  sechs  Hydatiden  hervor- 
gedrungen  waren,  wrovon  zwei  die  Grosse  einer  Haselnuss,  die 
ubrigen  das  Volumen  einer  grossen  Erbse  hatten,  und  wovon  die 
grosste  in  der  Mundung  des  Calamus  scriptorius  festsass.  Im  Sacke 
selbst  waren  noch  5 — 6 ahnliche  Hydatiden  enthalten , darimter 
eine  von  der  Grosse  einer  Kastanie.  Die  Cyste  erstreckte  sich 
sei t war ts  'nach  vorn,  zwischen  dem  vordern,  seitlichen  Rande  des 
grossen  Hmterhauptloches  und  der  Spitze  des  Felsenbeins,  und 
nahm  durch  das  Foram.  condyloid,  anter.  und  durch  das  Foram. 
lacerum  ihren  Ausweg  aus  dem  Schadel.  Der  aus  dem  Foram. 
condyl.  hervorgedrungene  Theil  bildete  eine  kleine  Geschwulst  hin- 
ter  dem  linken  Hypoglossus,  welcher  nach  der  Vereinigung  seiner 
Wurzelladen  authdlend  diinner  war,  als  auf  der  rechlen  Seite. 
Der  durch  das  Foram.  lacer.  tretende  Theil  des  Hydatidensackes 

46* 


G04 


Z UNGENLAIIMUNG. 


bildete  eine  Geschwulst  hinter  clem  Proc.  mastoid,  und  erslreckte 
sich  von  hinten  nach  vorn,  zwischen  den  Halsmuskeln  abwarts,  so 
class  er  vom  Splenius,  Sternomastoideus  und  von  dem  hintern  Bauche 
des  Digastricus  bedeckt  war.  Im  Foram.  lacerum  hatte  die  Cyste 
die  dort  befindlichen  Nerven  nach  vorn  gedrangt.  Der  Stamm  des 
Vagus  und  seine  Zweige,  besonders  der  Ram.  pharyng.  und  laryng. 
super,  waren  diinn  und  fein.  Im  hochsten  Grade  atrophisch  war 
cler  Glossopharyngeus,  der  einer  dlinnen  neurilemmatischen  Scheide 
ahnlich  sail.  Die  Zungenmuskeln , die  Muskeln  des  Gaumensegels 
und  Schlundes  waren  auf  cler  linken  Seite  atrophisch  und  hatten 
kauin  das  Drittheil  ihres  normalen  Volumens ; ihr  Gewebe  war  von 
weisslicher  Farbe,  und  von  dem  Ansehen  verdickten  Zellgewebes. 
Die  in  den  Muskeln  sich  verbreitenden  Arterien  waren  klein,  hart, 
wie  obliterirt.  — Das  Gehirn  war,  mit  Ausnahme  einer  starken 
Ansammlung  von  heller,  seroser  Flussigkeit  in  den  erweiterten  Ven- 
trikeln  von  normaler  Beschaffenheit.  An  cler  untern  Flache  des 
mittlern  Leberlappens  fand  sich  ein  Hydatidensack  von  dem  Um- 
fange  eines  Puteneies  mit  zwei  grossen  Hydatiden  vor. 

In  folgendem  Falle,  welchen  ich  langere  Zeit  zu  beobachten 
Gelegenheit  hatte,  scheint  ebenfalls  eine  Compression,  jedoch  beider 
H^'poglossi  an  ihrer  Insertionsstelle  statt  zu  linden: 

Eine  69jahrige  Wittwe  hatte  an  heftigen  reissenclen  Schmerzen 
im  Hinterkopl'e  und  Nacken  gelitten.  Darauf  stellte  sich  erschwerte 
Sprache  und  Sclilucken  ein.  Als  sie  bei  mir  im  Jahre  1842  Rath 
suchte  war  ihre  lallende  und  stammelnde  Sprache,  bei  lauter  so- 
wolil  als  lliisternder  Stimme,  schwer  verstandlich : der  Speichel  lloss 
aus  dem  gefullten  Mundbassin  uber:  die  Action  cler  Muse,  genio- 
glossi  war  gelahmt;  nur  mit  der  aussersten  Willensanstrengung 
wai  (1  es  (^er  Kranken  moglich  che  Zunge  etwas  hervorzustrecken, 
doch  kaum  war  es  geschehen,  so  wurde  dieselbe  jahlings  durch  die 
St\lohl°ssi  zuriickgezogen.  Die  seitlichen  Bewegungen  zeigten  sich 
weni^er  erschwert.  Die  Zunge  war  betrachtlich  geschwunden  und 
•alle  ilu  glattes  ehnes  Ansehen  verloren:  ihre  Oberlliiche  war  von 


ZUNGENLAHMUNG. 


695 


tiefea  Runzeln  durchzogen  und  in  Falten  erhoben , welche  in 
bestandiger  Oscillation  sicli  befanden.  Geftihl  und  Geschmack  \va- 
ren  nach  Angabe  der  Kranken  stumpier  als  friiher,  allein  Nadel- 
stiche  wurden  deutlich  empfunden,  und  das  auf  den  hintern  Theil 
der  Zunge  gestreute  Coloquintenpulver  wurde  schnell  und  deutlich 
geschmeckt.  Die  Temperatur  der  Zunge  war  normal,  und  ein 
dunner,  weisser,  feuchter  Belag  stets  vorhanden.  Tiefer  Druck  mi- 
ter dem  Winkel  des  Unterkiefers,  auf  die  obersten  Halswirbel  und 
auf  die  seitlichen  Halsmuskeln  war  empfindlich.  Uebrigens  war 
weder  die  Beweglichkeit  des  Kopfes,  noch  der  Rumpfglieder,  noch 
der  Athemmuskeln  gestbrt.  Aeussre  Verletzung  oder  dyskrasiscbe 
Verhaltnisse  liessen  sich  nicbt  ermitteln.  Ableitungen  durch  Ex- 
utorien  in  den  Nacken  blieben  ohne  alle  Wirkung.  In  den  folgen- 
den  Jahren  wurde  die  Kranke  offers  im  Klinicum  vorgestellt.  Die 
Paralyse  zog  alle  Zungenmuskeln  in  ihren  Bereich,  so  class  die 
Zunge  wie  ein  Keil  in  der  Mundhohle  lag  und  durch  den  Druck 
der  vordern  Zahne  des  Unterkiefers  eingekerbt  war.  Die  Atropbie 
und  Abschnurung  in  einzelnen  Bundeln  nahm  zu,  und  in  gleichem  - 
Grade  die  Oscillation  der  Muskelfasern.  Das  Sprachvermogen  ist 
ganzlich  erloschen:  nur  unarticulirte  Tone  lassen  sicli  horen,  welche 
die  Tochter  der  Kranken  durch  Uebung  yerstehen  gelernt  hat.  Die 
Deglutition  ist  aufgehoben:  mittelst  ihrer  Finger  muss  die  Kranke 
weiche  Bissen  fiber  den  Riicken  der  Zunge  his  in  den  Pharynx 
l’uhren,  und  beim  Trinken  den  Kopf  nach  hinten  biegen.  Jetzt 
machte  sich  auch  eine  Theilnahme  des  Vagus  bemerkbar:  suffoca- 
torische  Anfalle  mit  pfeifendem  Schalle  der  Respiration  treten  bei 
Tag  und  Nacht  ein.  Die  Halsmuskeln,  besonders  Sternocleidoma- 
stoideus  und  Trapezius,  verlieren  ihre  Energie,  und  zeigen  ebenfalls 
Oscillationen  ihrer  Fascikeln.  Der  Kopf  kann  nicht  lange  aufrecht 
gehalten  noch  nach  hinten  gebogen  werclen,  sondern  fallt  sofort 
nach  vorne  uber.  Dagegen  bleibt  die  Motilitat  der  Rumpfglieder, 
und  die  psychische  Integritiit  erhalten.  Die  Abmagerung  hat  den 
hochsten  Grad  erreicht,  der  Verhungrungstod  ist  unvermeidlich. 


ZUNGENLAHMUNG. 


696 

Je  seltner  peripherische  Anlasse  der  Zungenlahmung  beobachtet 
werden,  um  so  oiler  kommen  centrale  vor,  welche  beide  Formen 
der  Glossoplegie  oder  nur  eine  zur  Folge  haben.  Bei  Verletzung 
des  Cervicaltheils  des  Riickenmarks  durch  Wirbelbriiche  u.  s.  I',  ist 
die  articulirende  Bewegung  der  Zunge  ofters  betheiligt.  Der  Krarike 
ist  nicht  nur  ausser  Stande  anhaltend  zu  sprechen,  in  Folge  des 
o-estorten  Athemholens , sondern  spricht  undeutlich,  lallend  oder  ist 
der  Sprache  ganzlich  beraubt.  Audi  die  spinale  Lahmung  der  Blei- 
intoxication  wird  zuweilen  von  Glossoplegie  begleitet  ( Tanquerel 
des  Planches  traite  des  maladies  de  plomb  T.  II.  p.  G2).  Aflectio- 
nen  der  Medulla  oblongata  sind  von  noch  grosserem  Einllusse. 

Wilhelmine  Ii  . . . , ein  zwei  und  zwanzigjahriges  Madchen,  wel- 
ches sick  mit  kalten  Waschungen  einen  ubelriechenden  Fussschweiss 
vertrieben  und  darauf  an  Kopfschmerz  gelitten  hatte,  erlitt  im  Ja- 
nuar  1832  einen  starken  Fall  auf  der  Strasse,  wobei  sie  mit  dem 
Nacken  auf  eine  Granitplatte  aufschlug.  Mit  grosser  Anstrengung. 
schleppte  sie  sich  nach  Hause  und  erzahlte  ihrer  Mutter  den  Un- 
fall, doch  nicht  gelaufig,  sondern  stammelnd.  Der  Urin  floss 
unwillkuhrlich  ab,  the  Schmerzen  im  Kopfe  nahmen  zu,  die  Glieder, 
besonders  der  rechten  Seite,  wurden  gelalunt , das  Gedachtniss  er- 
losch.  Das  Sprechen  wurde  der  Kranken  von  Tag  zu  Tag  schwe- 
rer;  erhielt  sie  daruber  Vorwurfe,  so  fing  sie  dergestalt  an  zu  stot- 
tern,  class  man  kein  Wort  verstand.  Die  Esslust  artete  in  Gier 
aus.  Das  Schlucken,  besonders  der  Anfang,  waren  erschwert.  Ein 
halbes  Jalir  nach  dem  Falle  ward  sie  blodsinnig  und  ausser  Stande 
den  Kopf  in  irgend  einer  Richtung  zu  erhalten.  Die  Sprache  hatte 
sich  ganz  verloren,  das  Gehor  hingegen  war  unverletzt.  Unter 
Hinzutritt  von  Sopor  erfolgte  am  24.  October  1833  der  Tod.  Nur 
die  Oeflhung  der  Schadelhohle  wurde  von  den  Verwandten  mir 
gestaltet.  Zwischen  der  truben  verdickten  Arachnoidea  und  Pia  ma- 
ter des  grossen  Gehirns  war  eine  Mcnge  sulziger  Fliissigkeit  ange- 
hauft.  Die  Consistenz  des  Gehirns,  aucli  der  sonst  weicheren  Theile, 
des  Septum  und  Fornix,  zeigte  sich  iiberaus  derb  und  elastisch. 


ZUNGENLAHMUNG. 


697 


J)ie  Seitenhohlen  waren  iiber  das  Doppelte  ihres  gewohnlichen 
Lumens  erweitert  und  mit  heller  seroser  Fliissigkeit  angefiillt.  Die 
Fossa  rhomboidea  des  verlangerten  Markes  erschien  als  Sitz  einer 
eigenthiimlichen  Veranderung.  In  ihrem  ganzen  Umfange  zwischen 
den  Processus  restd'oraies  war  sie  mit  einer  Menge  gelber  warzen- 
formiger  Erhabenheiten,  von  der  Grbsse  der  Hirsenkorner,  besetzt, 
welche  sich  rauh  und  kornig  anfiihlen  liessen,  und  wie  es  sich  bei 
einer  mit  Prof.  Joh.  Miiller  sofort  angestellten  Untersuchung  ergab, 
auf  den  weissen  Streifen  (striae  medullares)  -aufsassen,  die  als  Wur- 
zeln  des  Hornerven  betrachtet  werden,  dessen  Energie  aber  in  die- 
sem  Falle  durchaus  unbetheiligt  war.  Wir  vermutheten , dass  es 
urspriinglich  ein  albuminoses  Exsudat  gewesen,  welches  mit  der 
Zeit  diese  Beschaffenheit  angenommen  hatte.  Das  Praparat  befin- 
det  sich  auf  dem  hiesigen  Museum  und  ist  in  der  Inaugural-Disser- 
tation von  Olio  Fischer:  De  rariore  encephalitidis  casu  deque  striis 
medullaribus  in  ventriculo  quarto  obviis,  Berolini  1834,  abgebildet. 

Unter  den  Krankheiten  des  Gehirns  sind  es  Hamorrhagie  und 
besonders  Erweichung,  welche  am  haufigsten  Glossoplegie  mit  sich 
fiihren  (Vgl.  den  Abschnitt  iiber  oerebrale  Lahmungen).  Ivopfver- 
letzimgen,  Narcotisation  und  Gemiithsaffecte,  zumal  Zorn  und 
Schreck,  geben  zuweilen  Anlass.  Das  erstere  fand  in  folgendem 
Falle  statt. 

Ein  funfzehnjahriger  Schifferknabe  wurde,  im  BegrifT  das  Segel 
aufzuziehen,  von  einem  losschnellendeji  Tau  an  der  linken  Seite  des 
Kopfes  getroffen  und  st'urzte  sofort  bewusstlos  zu  Boden.  Als  er 
nach  Verlauf  einer  Viertelstunde  wieder  zu  sich  kam,  bemerkte 
man  eiue  Liihmung  der  rechten  Korperhiilfte  und  Sprachlosigkeit. 
Die  Zunge  wurde  beim  Herausstrecken  nach  der  gelahmten  Seite 
gezogen.  In  der  Hautdecke  des  linken  Scheitelbeins  zeigte  sich  eine 
mehrere  Zoll  lange,  stark  blutende,  bis  auf  den  Knochen  dringende 
Wunde.  Drei  Wochen  nach  der  Verletzung  wurde  mir  der  Knabe 
im  Poliklinicum  gemeldet.  Die  Motilitat  der  Extremitaten  war  wie- 
der  hergestellt,  auch  konnte  die  Zunge  nach  alien  Richtungen  ohne 


(i!»8  • 


ZUNGENLAHMUNG. 


Schwierigkeit  bewegt  werden,  allein  die  Fiihigkcit  zu  spreehen  war 
aufgehoben:  bei  vollkommenem  Bewusstsein  konnte  der  Knabe  nur 
einige  unarticulirte  Laute  mit  der  grossten  Anstrengung  hervorbrin- 
geiL  Die  linke  Pupille  war  erweitert,  reagirte  jedoch  gegen  den 
Einlluss  ides  Lichtes  auf  normale  Weise.  Nach  Aussage  des  Va- 
ters,  und  wie  der  Kranke  selbst  durch  Geberden  zu  verstehen  gal), 
iuhlte  er  noch  immer  eine  Benommenheit  des  Kopfes,  die  sich  zu- 
weilen  zu  Schwindelanlallen  steigerte.  Damit  war  Stuhlverstopfung 
ver])imden.  Es  wurde  eine  ortliche  Blutentleerung  mittelst  acht 
Blutegeln  hinter  das  linke  Ohr,  welche  von  vier  zu  vier  Tagen 
wiederholt  werden  sollte  und  eine  mit  kleinen  Dosen  des  Brech- 
weinsteins  versetzte  Auflosung  der  Magn.  sulphur,  verortbiet.  Am  1. 
Iuni,  drei  Wochen  nach  Beginn  der  Kur,  kehrte  die  Sprache  zu- 
riick,  und  am  funften  wurde  er  als  vollstandig  geheilt  in  der  Kli- 
nik  vorgestellt.  . \ 

Bei  centralem  Ursprunge  ist  die  Zungenlahmung  sehr  selten  iso- 
lirt,  gewohnlich  mit  andern  Paralysen  verbunden,  mit  Lahmung  der 
respiratorischen  und  Stimmuskeln,  der  Bumpfglieder  u.  s.  f. 

Zu  uuterscheiden  von  der  Unerregbarkeit  und  dem  Verluste 
der  Leitungsfahigkeit  der  motorischen  Zungennerven  ist  die 
Nichtentwicklung  ihrer  Energie  in  der  angebornen  oder  friihzeitig 
entstandnen  Taubheit  (S.  251)  und  in  dem  angebornen  oder  er- 
worbnen  Blodsinn,  im  Idiotismus  und  in  der  Dementia  (Vgl. 
hieriiber  den  Abschnitt  der  Logoneurosen ). 

Die  Aussicht  zur  Heilung  ist  in  der  Glossoplegie  schwach,  am 
ungunstigsten  in  der  articulirenden.  In  Hamorrhagieen  des  Ge- 
hirns,  selbst  wenn  die  ubrigen  Lahmungen,  aucb  die  masticatori- 
sche,  gehoben  sind,  kehrt  die  • Integritat  der  Sprache  sehr  selten 
zuruck.  Die  Behandlung  besteht  hauptsachlich  in  wiederholler  An- 
wendung  blutiger  Schropfkopfe  und  in  Application  von  Exutorien, 
Haarseilen,  FontaneHen  im  obern  Theile  des  Nackens.  Aucb  ist  die 
Electrieitat  zu  versuchen.  Das  oft  empfohlne  Kauen  scharfer  lluch- 
tiger  Stoflb  ist  erfolglos. 


Lahmung 

-i  # , # , 

im  Bereiche  der  die  A them-  und  S liramb  e wegun  gen 
vermittelnden  Nerven. 

Der  grosse  Einfluss  exacter  physiologischer  Forschung  auf  pa- 
ithologische  Dntersuchungen  stellt  sich  auch  in  der  Reform  der 
ILehre  von  den  paralytischen  Affectionen  der  Athemmuskeln  un- 
/zweideutig  heraus.  Hinter  den  Codec tivnamen  Asthma  und  Ca- 
ilarrhus  sulfocativus  war  das  diirftige  Thatsachliche  versteckt  und 
won  verworrnen  Meinungen  umhullt.  Erst  seit  Le  Gallois  durch 
i Flourens  vervollstandigten  Entdeckung  des  Heerdes  der  respiratori- 
^scheIl  Energieen  im  verlangerten  Marke  ist  die  Asphyxie  centralen 
lUrsprungs  gedeutet  worden.  Noch  spater  wurden  die  ebenfalls 

• durch  Le  Gallois  Yersuche  am  Vagus  gewonnenen  Ergebnisse  fur 

• die  Aufklarung  der  Lahmungen  des  innern  Muskelapparats  der  Re- 
sspiration  benutzt,  am  umfassendsten  von  Hugh  Ley  (An  essay  on 
tthe  laryngismus  stridulus.  London  1836  p.  406  — 480),  wahrend 
Bell  zu  dem  durch  Stromeyer  geforderten  Studium  der  Paralyse 

• der  Rumpfathemmuskeln  die  erste  Anregung  gab. 


Uilimiing  lies  <len  Atliem-Muskelapimrat  der  liuft- 
riilire  versorgeiulen  Vagus. 

Zum  bessern  Yerstandniss  sei  daran  erinnert,  1)  dass  nach  dem 
ubereinslimmenden  Zeugnisse  von  Volhmann , Reid,  Longel  u.  A*. 


700 


RESPIRATORISCIIE  LAHMUNG. 


dcr  N.  laryngeus  superior  des  Vagus  auf  die  respiratorisehe  Bewe- 
gU„g  der  Glottis  keinen  Einlluss  hat,  sondern  dass  nur  dem  Re- 
currens  eiii  solcher  zukommt.  ( Vgl.  S.  343 ).  2)  INach  Longel's 

an  grosseren  Thieren  angestellten  Versuchen  erfolgt  auf  Reizung 
der  Lungenzweige  des  Vagus  Contraction  der  Muskelfasern  der 
Bronchen.  3)  Gas  Bedurfniss  Luft  zu  holen  wird  nicht  mittelst 
des  Vagus  empfunden,  wie  es  Bracket  falschlicli  dargestellt  hatte 
(Vgl.  S.  233),  dessen  Experimente  sich  uberhaupt  immer  mehr 
und  mehr  als  unzuverlassig  zeigen.  Volkmann’s  Versuche  geben 
den  Beweis,  dass  ein  Thier,  welchem  man  die  Vagi  durchschnitten 
hat,  nicht  wie  Bracket  hehauptet  hat,  ruhig  stirbt,  wenn  ihm  die 
Luft  entzogen  wird,  sondern  die  unzweifelhaftesten  Symptome  von 
Erstickungsnoth  und  dieselben  Erscheinungen  zeigt,  wie  ein  Thier, 
dessen  herumschweifende  Nerven  unverletzt  geblieben  sind.  (Mul- 
ler's Archiv  fiir  Anat.  etc.  1841.  S.  334.)  4)  Beul  sah  in  seinen 
Versuchen,  die  als  Muster  gewisscnhafter  Beobachtung  gelten  kon- 
nen,  nach  Durchschneidung  der  Vagi  mitten  am  Halse  und  nach 
Aufhoren  der  Glottis-Bewegungen , plotzliche  und  heftige  Anfiille 
vonDyspnoe  entstehen,  welche  gcwohnlich,  wenn  sie  nicht  asphy- 
ktisch  endeten,  nach  ein  Paar  Minuten  wieder  aufhorten.  Die 
Thiere  holen,  so  lange  sie  in  Ruhe  sind,  oder  massig  sich  bewc- 
gen,  mit  Leichtigkeit  Athem,  allein  sobald  sie  sich  anstrengen  und 
starker  einzuathmen  genothigt  sind,  treten  Erstickmigszufalle  ein, 
die  sofort  beschwichtigt  wurden,  wenn  man  sie  von  der  Anstren- 
gung  zuriickhielt  oder  die  Luftrohre  offnete.  (Reid's  experimental 
investigation  into  the  functions  of  the  eighth  pair  of  nerves  in  The 
Edinburgh  med.  and  surg.  Journal.  Vol.  LI.  p.  273).  5)  Audi 

wenn  der  Vagus  nur  auf  einer  Seite  bei  den  Versuchen  betheiligt 
wird,  zeigt  sich  ein  storender  Einlluss  auf  das  Athemholen.  So 
wurde  bei  einem  Hunde,  dessen  Vagus  man  mit  einer  Pincette 
beruhrte,  die  Respiration  erschwert  und  keichend.  Galvanisiren 
eines  Recurrens  und  Kneifen  mit  der  Zange  hatte  Anniiherung  der 
Giesskannenknorpel  und  Schliesscn  der  Glottismiindung  zur  lmlge 


RESPIRATORISCIIE  LAHMUNG. 


701 


(Reid  in  Edinb.  med.  and  surg.  Journ.  Vol.  XLI.  p.  140).  6)  Aus- 
•ser  den  unmittelbaren  Wirkungen  sind  die  consecutiven  zu  beach- 
ten,  die  Veranderungen  in  den  Lungen  und  im  Blute.  Ueberfiillung 
der  Lungen  mit  dunkelem  Blute,  Verdichtung  ihres  Parenchyms, 
und  Ansammlung  von  schaumigem  Serum  in  den  Bronchen  wer- 
den  gewohnlich  angetroffen,  auch  wenn  das  Luftholen  durch  eine 
Rohre  in  der  Trachea  unterhalten  wird.  Das  venose  in  den  Ar- 
terien  circulirende  Blut  verliert  seine  erregende  Kraft  fiir  die  Cen- 
tralorgane  des  Nervensystems,  besonders  fiir  die  Medulla  oblongata, 
und  veranlasst  Coma  und  Convulsionen.  Hierauf,  als  auf  eine  Quelle 
secundarer  Asphyxie  und  erfolgenden  Todes,  nachdem  das  Thier, 
oder  der  Mensch  dem  schadlichen  Einflusse  bereits  entzogen,  und 
wieder  zu  sich  gekommen  war,  hat  Marshall  Hall  aufmerksam 
gemacht  (on  the  mutual  relations  between  anatomy,  physiology,  pa- 
thology and  therapeutics  and  the  practice  of  medicine.  London  1842. 
p.  47.  Vgl.  auch  Reid  on  the  order  of  succession  in  which  the 
vital  actions  are  arrested  in  Asphyxia  in  Edinb.  med.  and  surg. 
Journ.  No.  147.). 


I.  liAlimiuig  tier  {lei’ijtliei'iselien  ISalui  ties  Vagus. 

Den  Experimenten  an  Thieren  reihen  sich  die  bei  chirurgischen 
Operationen  am  liaise,  wenn  auch  nur  selten,  vorkommenden  Ver- 
letzungen  des  Vagus  an.  Ich  war  vor  mehreren  Jahren  bei  der 
gcrichtlichen  Section  eines  Knaben  zugegen,  dessen  rechte  Carotis 
wegen  einer  betrachtlichen  Halswunde  und  Blutung  hatte  unterbun- 
den  werden  miissen.  In  der  Ligatur  war  der  Vagus  mit  einge- 
schlossen.  Hugh  Leg  erwahnt  eines  Falles  von  Aneurysma  der 
rechten  Art.  subclavia,  wo  bei  Anlegung  der  Ligatur  in  der  Nalie 
des  Ursprungs  der  Arterie,'  da  wo  der  N.  recurrens  sicli  um  sie 
windet,  der  Kranke  von  Athembeschwerden  und  Beklemmung  be- 
fallen  wurde,  welche  dergestalt  zunahmen,  dass  der  Tod  noch  wah- 
rend  der  Operation  zu'  befiirchten  stand.  Die  Zufalle  horten  aber 


702 


respiuatorische  lahmung. 

auf  a Is  der  Faden  der  nicht  fest  zugeschnurt  war,  durch  die  Pul- 
sation der  Artcrie  ganz  geloset  wurde  (I.  c.  p.  458). 

Die  Umgebung  des  Vagus  in  seiner  Hals-  und  Brustbahn  von 
Theilen,  die  durch  Anschwellung  und  Verhartung  einen  Druck  auf 
den  Stamm  oder  auf  einzelne  Zweige  ausiiben,  bietet  zum  Studium 
seiner  paralytischen  Zustande  Gelegenheit  dar.  Am  haufigsten  wird 
die  Leitung  des  Vagus  durch  Scrofeln  der  Hals-  und  Brustdriisen, 
besonders  der  Glandulae  bronchiales,  beeintrachtigt , und  die  davon 
abhangigen  Erscheinungen  begleiten  mehr  oder  weniger  die  im  kind- 
lichen  Alter  haufige  Phthisis  bronchialis.  Es  sirid  folgende:  An- 
f-ille  von  Beklemmung,  welche  auf  jede  Anstrengung  sich  einstellen, 
und  durch  Versuche  tief  zu  inspiriren  an  Intensitat  bis  zur  dro- 
henden  Erstickung  zunehmen,  gerauschvolles , zischendes  Athmen, 
tlusternde,  rauhe,  heisere  Stimme,  Hustenstosse,  die  wegen  des  gel- 
lenden,  schrillenden  Schalles  beim  Einathmen  mit  der  Tussis  con- 
vulsiva  Aehnlichkeit  haben,  Rasselgerausche  in  den  Lungen,  welche 
oft  schon  in  einiger  Entfernung  vom  Thorax  horbar  sind,  bei  man- 
gelnder  Empfindung  der  Ueberfiillung  der  Bronchen.  Diese  Zu- 
falle  kommen  und  schwinden,  je  nach  dem  grossern  oder  geringern 
Athembedurfnisse,  und  verbinden  sich  meistens  mit  andern,  die  vom 
Drucke  der  geschwollnen  Driisen  auf  die  Gefasse  abhangig  sind, 
Oeclem,  und  bleiche,  in’s  livide  scheinende  Farbe  des  Gesichtes, 
oder  von  der  Complication  mit  Tuberculose  andrer  Organe,  zumal 
der  Lungen,  herriihren.  Bei  der  LeichenofTnung  findet  man  den 
Vagus,  den  Stamm  oder  seine  abtretenden  Biinclel,  den  Recurrens, 
die  Ram.  pulmon.,  von  der  entarteten  Driisenmasse  umgurtet,  com- 
primirt,  abgeplattet,  diinn,  durcbsichtig , atrophisch  oder  dergestalt 
mit  ihr  verschmolzen , class  es  unmoglich  ist,  die  Nervenfasern  wei- 
ter  zu  verfolgen.  Wrisberg  war  der  erste,  der  eines  solchen  Be- 
lundes  bei  einem  scrofulosen  Knaben  erwahnt  hat:  nonnullae  (glan- 
dulae bronchiales)  octavum  par  nervorum,  ubi  in  dextrum  thora- 
cem  descendit  recurrentem  lormaturum,  quum  in  durissima  cor- 
P°ra  essent  mutatae,  tali  ratione  amplectebantur,  ut  nervum  ab  hac 


RESPIRATORTSCIIE  LAHMUNG. 


703 


massa  separare  plane  non  possem:  idem  phrenico  ejusdem  lateris 
nervo  contingerat.  In  ipsa  bronchorum  divisione  lapidea  fere  tra- 
chealis  glandula:  de  plexibus  pulmonalibus  ex  octavo  in  hoc  latere 
per  ejusmodi  ossea  fere  concrementa  ne  vestigium  quidem  inveni- 
endum. ( Commentationes  medici  arguments  Goetting.  1800.  Vol.  I. 
p.  144).  Spaterhin  haben  Becker  (de  glandulis  thoracis  lymphati- 
cis  atque  thymo  specimen  pathologicum.  Berolini  1826  ) und  be- 
sonders  Hugh  Ley  ( a.  a.  O. ) durch  genaue  Beschreibung  und  Ab- 
bildungen  eine  deutliche  Anschauung  dieser  Zustande  gegeben.  Un- 
ter  mehreren  Fallen,  die  sich  meiner  Beobachtung  dargeboten  ha- 
ben, und  wovon  einer  bereits  S.  231  mitgetheilt  ist,  zeichnet  sich 
der  eines  fiinfjahrigen,  blodsinnigen,  der  Sprache  nicht  theilhaftigen, 
im  Wachsthum  sehr  zuruckgebliebenen  Madchens  aus,  dessen  un- 
tre  Extremitaten  gelahmt  waren.  Der  Schiidel  war  ldein,  die  Fon- 
tanelle  vorn  und  hinten  noch  offen,  der  Thorax  von  den  Seiten 
zusammengedriickt,  der  Bauch  stark  hervorgetrieben,  die  Glieder 
rhachitisch  verkriimmt.  Seit  zwei  Monaten  liatte  sich  eine  fast 
vollkommene  Stimmlosigkeit  und  krahender  Husten  in  kurzen  An- 
fallen  mit  grosser  Beklemmung  eingefunden.  Der  Athem  war  lar- 
mend,  zischend,  wie  bei  einem  mechanischen  Hindernisse  im  Kehl- 
kopfe.  Die  Percussion  ergab  in  der  rechten  Brusthalfte  einen  ge- 
dampften  Ton.  Das  vesiculare  Athmungsgerausch  fehlte  in  dem 
grossern  Theile  der  rechten  Lunge.  Ein  Nachlass  in  den  Zufallen 
wurde  den  gebrauchten  Mitteln  zugeschrieben , allein  bald  kehrten 
sie  in  einem  starkern  Grade  zuriick,  es  gesellte  sich  heftiges  hekti- 
sches  Fieber  hinzu,  und  der  Tod  erfolgte  suffocatorisch.  Bei  der 
am  13.  December  1841  vorgenommenen  Sectioji  fand  sich  in  der 
Niihe  der  Bifurcation  der  Luftrohre  nach  rechts  ein  Convolut  ange- 
schwollner  Bronchialdriisen , von  ovaler  Form,  von  anderthalb  Zoll 
Lange  und  einem  Zoll  Breite,  welches  von  vorn  auf  die  Trachea, 
von  oben  auf  den  rechten  Bronchus,  und  auf  den  Vagus  dieser 
Seite  driickte,  dessen  Recurrens  mit  der  Geschwulst  fest  verwach- 
sen  war,  so  dass  er  sich  davon  nicht  abldsen  liess.  Auf  der  hin- 


704 


RESPIRATORISCIIE  LAIIMUNG. 


tern  Flache  fancl  sich  in  cler  Theilungsstelle  der  Luftrdhre  eine  ver- 
hartete,  herzformige  Bronchialdriise , von  der  Grasse  einer  Ilasel- 
nnss.  Auf  der  Durchschnittsflache  zeigte  sich  Tuberkelmasse  in 
dem  hypertrophischen  Gewebe  der  Drusen  eingesprengt,  welche  an 
einigen  Stellen  erweicht  war.  Kehlkopf  und  Luftrdhre  waren  nor- 
mal beschaflen,  mit  Ausnahme  einer  starken  Rdthung  der  Schleim- 
membran  in  der  Nahe  der  Bifurcation  und  in  den  Bronchen. 
Die  rechte  Lunge  war  mit  Tuberkelmassen,  rohen  und  erweich- 
ten,  angefullt,  und  enthielt  in  ihrer  Mitte  eine  Excavation  von  der 
Grdsse  einer  Pflaume.  In  der  linken  Lunge  fanden  sich  nur  ein- 
zelne  Tuberkel  vor,  so  wie  auch  auf  der  Qberflache  der  Leber  und 
im  Parenchym  der  Milz.  Die  Gekrdsdrusen  waren  hypertrophisch 
und  tuberculds.  Die  Schadelknochen  ungewohnlich  diinn  und  blut- 
reicli:  das  Yolumen  des  Gehirns  war  sehr  klein,  die  Consistenz  fe- 
ster als  gewdhnlich.  Die  Seitenhohlen  und  der  clritte  Ventrikel 
waren  erweitert,  und  mit  einer  auf  etwa  vier  Unzen  sich  belaufen- 
den  Quantitat  seroser  Fl'ussigkeit  angefullt.  Am  hintern  Ende  des 
rechten  Corpus  striatum  land  sich  ein  Tuberkel  von  der  Grdsse 
einer  Erbse.  Alle  Raume  des  Schadels,  besonders  das  Foramen 
magnum,  waren  auffallend  verengert.  (Vgl.  die  Schilderung  meh- 
rerer  Falle  in  den  von  mir  herausgegebenen  „Klinischen  Ergeb- 
nissen“  S.  165.) 

Gewdhnlich  ist  die  Betheiligung  des  Vagus  durch  Driisen- 
geschwulst  und  Verhartung  nur  auf  einer  Seite  vorhanden,  oder 
wenu  auch  auf  beiden  Seiten,  auf  einer  in  starkerm  Grade  als  auf 
der  andern.  Je  jiinger  die  Individuen  sind,  desto  drohender  sind 
die  Erstickungszufalle , auf  ahnliche  Weise  wie  bei  Thieren  die 
Asphyxie  um  so  starker  und  rascher  eintritt,  je  naher  der  Ge- 
burt  die  Durchschneidung  des  Vagus  vorgenommen  wird  (Vgl.  S. 
349).  In  Leifs  Werke  finden  sich  mehrere  Belege  (p.  39.  p.  40. 
p.  139),  und  ein  Beispiel  dieser  Art  ist  von  Urn.  Gunther  am 
eignen  aoht  Monale  alien  Kinde  genau  beschrieben  worden  ( Schmidt's 
Jahrbucher  25.  B.  1840.  S.  60).  Von  den  asphyktischen  Anfallen 


RESPIRATORISCTIE  LAIIMUNG. 


705 


hatte  einer  die  liingste  mir  bekannte  Dauer:  „Das  Kind  hatte  in 
dieser  Nacht  mehreremal  getrunken  und  war  darauf  ruhig  wieder 
eingeschlafen.  Pldtzlich  thut  es  einen  kufzen  durchdringenden 
Sclirei  und  hurt  auf  zu  athmen.  Die  Mutter  springt  aul  — aber 
das  Kind  ist  starr  und  giebt  nicht  das  geringste  Lebenszeichen  von 
sich.  Im  nachsten  Augenblicke  war  auch  der  Vater  am  Lager  und 
findet  das  Kind  leblos;  kein  died  zuckte,  nicht  der  geringste  Ath- 
mungsversuch  war  bemerkbar.  Das  blasse  Gesicht  war  furchter- 
lich  entstellt,  die  Augen  weit  aufgerissen  und  verdreht,  die  Zunge 
vor  den  Lippen,  der  gauze  Korper  fast  schon  kalt,  Puls-  und  Ilerz- 
schlag  fehlten.  Es  wurde  der  Kopf  mit  Naphtha  gewaschen,  die 
Herzgrube,  der  Bauch,  die  Fiisse  und  der  Riicken  mit  Salmiak- 
spiritus  eingerieben  und  kraftige  Frictionen  mit  heissen  wollenen 
Tuchern  gemacht.  Nachdem  diese  Iliilfsleistungen  zwanzig  bis 
fiinf  und  zwanzig  Min u ten  unausgesetzt  angewendet  worden 
waren,  liess  die  Starrheit,  in  welcher  sammtliche  Muskeln  sich  be- 
fanden,  binnen  wenigen  Augenblicken  nach,  womit  gleichzeitig  auch 
das  krachzende  Ausathmen,  und  das  Kind  endlich  laut,  doch  immer 
noch  einige  Zeit  stohnend  zu  schreien  begann.  Spaterhin  machten 
die  asphyktischen  Anfalle  einem  Husten  Platz,  der  paroxysmenartig 
kam,  dem  Keuchhusten  ahnlich  wurde  und  unter  stossweiser  Ex- 
spiration  einen  zahen,  weissen,  die  Mundhohle  ausfullenden  Schleim 
zu  Tage  fdrderte.  Auch  diese  Ausbriiche  des  Hustens  wurden 
scltner,  es  trat  Schleimrasseln  ein,  und  ein  wahrer  phthisischer  IIu- 
sten  mit  vielem  schleimigen  dicklliissigen  Auswurfe:  ein  lentesciren- 
der  Zustand  ‘beschloss  die  Scene.  — Die  Thymusdriise  verhielt 
sicli  normal.  Eine  Geschwulst  von  der  Grosse  einer  Wallnuss  lag 
auf  dem  rechten  Vagus  auf,  der  Thymus  schrag  nach  unten  gegen- 
iiber,  da  wo  dem  Vagus  zur  Seite  und  nach  aussen  das  unterste 
Halsganglion  des  Sympathicus  li'egt.  Diese  grosse  liarte  Geschwulst, 
die  sich  offenbar  als  degenerirte  Rronchialdruse  darstellte,  umgab  den 
Vagus  dergestalt,  dass  der  Stamm  des  Nerven  und  der  Laryng. 
infer,  durch  den  hintern  Theil  der  Geschwulst  hindurcbging  und 


70  G 


RESPIRAT  ORISCI  IE  LA  I IMUNG. 


vollig  aus  dem  etwas  lockern  zelligen  Gewebe  lospraparirt  werden 
musste,  was  ohae  Verletzung  der  Nervenhiille  nicht  vollslandig  ge- 
schehen  konnte.  An  dieser  Stelle  halle  der  Nerv  aucli  ein  etwas 
gerolhetes,  schmutziges  Ansehen  und  eine  last  lederartige  Beschaf- 
fenheit.  In  beiden  Lurigen  fanden  sich  eine  Menge  Tuberkel  und 
mebrere  Excavationen.  Die  Mesenterialdrusen  waren  angeschwollen, 
und  die  Oberllache  der  Milz  mit  einer  Menge  kleiner  Tuberkel  besetzt. — 
Obgleich  das  kindliche  Alter  vorzugsweise  zu  Scrofeln  der  Ilals- 
und  Bronchialdriisen  disponirt  ist,  deren  Druck  die  Leitung  des 
Vagus  beeintrachtigt  (Vgl.  S.  231),  so  sind  jedoch  die  spatern  Le- 
bensalter  nicht  verschont.  Ein  instructiver  Fall  ist  von  Andral 
beschrieben  worden  ( Clinique  medicale  3i±!re  edit.  T.  III.  p.  2G3  ). 
Der  Kranke,  24  Jahr  alt,  seit  langrer  Zeit  mit  schmerzhaften  Ge- 
schwiilsten  der  lyrnphatischen  Driisen  an  beiden  Seiten  des  Halses 
behaftet,  litt  an  Zufallen,  die  eine  organische  Herzkrankheit  andeu- 
teten:  geschwollenes,  livides  Gesicht,  blauliche  Farbe  der  Lippen 
und  Nasenflugel,  Oedem  der  Augenlider,  Ascites,  kurzer  beschleu- 
nigter  Athem,  wobei  hauptsachlich  die  Rippen  in  Bewegung 
waren,  Unmoglichkeit  der  horizontalen  Lage,  drohende  Suffocation, 
halbaufrechte  Stellung  im  Bette  mit  gestiitztem  Kopfe  und  Rumpfe. 
Die  seit  einem  Jahre  gesteigerte  Dyspnoe  nahm  bei  feuchtem,  reg- 
nichtem  Wetter  zu.  Die  Percussion  ergab  an  der  ganzen  Brust 
einen  guten  Schall.  An  mehreren  Stellen  war  Schleimrasseln , an 
andern  Rhonchus  sibilans  horbar,  allein  uberall  starkes  normales 
Athmungsgerausch.  So  oft  der  Kranke  versuchte  aus  dem  Bette 
zu  steigen,  wurde  die  Respiration  keuchend.  In  einem  heftigen  An- 
falle  yon  Orthopnoe  erfolgte  der  Tod.  Bei  der  Section  zeiglen 
Herz  und  Lungen,  mit  Ausnahme  einiger  wenigen  Miliartuberkel  in 
den  letztern,  eine  normale  Beschaffenheit.  Das  vordere  Mediasti- 
num enthielt  eine  Menge  tuberculoser  Lymphdriisen,  durch  welche 
liindurch  beide  Zwerchfellsnerven  ihren  Lauf  nahmen,  welche  von 
ihnen  umgurtet  und  comprimirt  waren,  und  sich  innerhalb  dersel- 
ben  nicht  genauer  verfolgen  liessen.  Von  ihrem  Austritte  bis  zur 


RESPIRATORISCIIE  LAHMUNG. 


707 


Verbreitung  an  das  Diaphragma  ersehienen  sie  von  grauer  Farbe. 
Aii  beiden  Seiten  des  Halses,  vom  Rande  des  Unterkiefers  bis  zum 
Schliisselbein  fand  sich  ein  hetrachtlicher  Haufen  tuberculoser 
Lymphdriisen,  wovon  mehrere  zwischen  den  Halsgefassen  und  Ner- 
ven  gelegen  waren.  Der  Vagus  verlor  sicli  einige  Zoll  unter  dem 
Abgang  des  obern  Kehlkopfnerven  in  diese  Massen,  und  trat  erst 
dicht  iiber  dem  Schliisselbein  wieder  hervor,  mit  bedeutender  Ab- 
plattung  auf  beiden  Seiten.  — Die  Peritonealhohle  enthielt  eine 
Menge  seroser  Fliissigkeit.  Vor  der  Wirbelsaule  lag  eine  sehr 
grosse  Masse  tuberculos-entarteter  Driisen,  welche  von  einer  Seite 
die  Vena  cava,  von  der  andern  die  Pfortader  stark  comprimirten. 

Ausser  den  Driisen  sind  es  die  grossen  Arterien  in  der  Brust- 
hohle  und  am  Halse,  der  Aortenbogen  auf  der  linken,  • der  Trunc. 
anonymus  und  die  Art.  subclav.  auf  der  rechten  Seite,  welche  im 
aneurysmatischen  Zustande  durch  Druck  den  Vagus  und  besonders 
den  Recurrens  betheiligen  konnen,  und  alsdann  Erscheinungen  lier- 
vorrufen,  deren  Bedingung  bisher  mit  Unrecht  in  einer  Compression 
der  Luftrohre  selbst  gesucht  wurde:  Anfalle  von  Dyspnoe  bis  zu 
clrohender  Erstickung,  zumal  bei  Bewegungen,  heisere,  rauhe  Stimme, 
kriiliender  Ton  beim  Einathmen,  Hustenstosse  mit  Schleimrasseln 
oder  zischendem  Geriiusche  (S.  em  Paar  Falle  von  Graham  und 
Alison  in  Edinb.  med.  and  surg.  journ.  April  1835,  Cruveilhier 
anat.  pathol.  Livr.  III.  PI.  3).  Auf  diese  Weise  todten  zuweilen 
jahlings  die  Aneurysmen,  ohne  dass  eine  Ruptur  derselben  oder  eine 
Verstopfung  der  Luftrohre  stattgefunden  hat  (Vgl.  Lawrence  in 
Medic,  chirurg.  transact,  vol.  VI.  p.  227).  Seiten  sind  die  Ge- 
schwiilste  der  Thymus  ( Hugh  Ley  1.  c.  p.  469),  noch  seltner  der 
Schilddriise  Schuld  an  einer  Compression  des  Vagus  oder  Recur- 
rens. Aftergebilde , in  der  Niihe  der  Luftrohre  oder  in  der  Brust- 
hohle,  haben  zuweilen  diesen  Einfluss.  Montault  hat  einen  solchen 
Fall  beschrieben:  der  Kranke  litt  an  Verstopfung,  Uebelkeit  und 
Erbrechen  bei  reiner  Zunge,  war  biass,  schlallos,  hatte  einen  ver- 
anderlichen  Puls,  haufigen  Ilusten  mit  croupahnlichem  Tone,  Er- 

Romlierg’s  Jferrenkrankli.  T.  3.  47 


708* 


RESPIRATORISCHE  LAHMUNG. 


stickungszufalle  und  Schleimrasseln  in  der  ganzen  Brust.  Bei  der 
Section  wurde  ein  Encephaloi'd  gelunden,  welches  von  den  Bron- 
chialdrusen  auszugehen  schien,  und  wovon  ein  Theil  zwischen  Art. 
pulmonum  und  Aortenbogen  die  Herznerven,  ein  andrer  den  rech- 
ten  Recurrens  comprimirte,  ein  dritter  mit  dem  linken  Recurrens 
in  einer  Masse  verschmolzen  war,  und  ein  vierter  am  vordern  Theil 
der  Trachea  seinen  Sitz  hatte  (Journ.  univers.  et  hebdom.  de  md- 
dec.  et  de  chirurg.  prat.  T.  II.  p.  73).  Becker  theilt  in  seiner 
Abhandlung  (S.  46)  einen  Fall  mit,  wo  durch  die  Geschwulst  eine 
Atrophie  des  rechten  Vagus  entstanden  war,  so  dass  man  ihn  eher 
fur  eine  Membran  als  fur  einen  Nerven  hatte  gelten  lassen  konnen. 
In  Hasler's  diss.  inaug.  de  neuromate.  Turici  1835  ist  der 

Fall  einer  von  Sclionlein  beobachteten  Kranken  beschrieben,  welche 
20  Jahre  alt,  nach  einer  starken  Erkaltung  durch  einen  Fall  in’s 
Wasser  bei  erbitztem  Korper  von  Paraplegie  befallen  wurde.  An 
der  rechten  Seite  des  Halses  ragte  eine  unter  dem  Sternocleidomast. 
lrei  bewegliche  Geschwulst  hervor.  Wahrend  der  fiinfmonatlichen 
Dauer  der  Krankheit  wiederholte  sich  viermal  ein  beftiger  asthma- 
tischer  Anfall  mit  uberwaltigendem  Angstgefiihl,  stiirmischer  Bewe- 
gung  der  Brust-  und  Bauchmuskeln,  Herzklopfen,  Eiskalte  der  Ex- 
tremitaten,  Sprachlosigkeit  bei  vollkommenem  Bewusstsein,  livider 
Gesichtsfarbe.  In  einem  solchen  Anfalle  erfolgte  der  Tod.  Es 
land  sich  auf  der  rechten  Seite  ein  4'  2"  langes  und  5"  breites 
Neurom  des  ersten  Halsgangiion  des  Sympatbicus,  welches  den  Vagus 
comprimirte,  der  in  seinem  Laufe  mehrere  Ansclnvellungen  darbot. 
Am  obern  Theil  des  Riickenmarks  und  unter  dem  kleinen  Ge- 
hirne  traf  man  mehrere  Geschwi'dste,  von  ahnlicher  Structur  wie 
das  Neurom  des  Sympatbicus  an. 

Jedoch  ist  nicht  zu  iibersehen , dass  Geschwulste  in  der  Nahe  des 
Vagus  auch  ohne  alle  Beektrachtigung  seiner  Energie  angetroffen  wer- 
den.  Je  weniger  Widerstand  sie  in  ihrem  Hervordringen  finden,  um  so 
geringer  ist  der  Druck  auf  den  Nerven:  daher  grosse  am  liaise  vorra- 
gende  Geschwulste  selten  von  paralytischen  Zufallen  begleitet  werden, 


RESPIRATORISCHE  LAHMUNG. 


709 


was  hingegen  bei  kleineren,  in  der  Tiefe  gelegnen,  der  Contraction 
nahgelegner  Muskeln  ausgesetzten  der  Fall  ist.  Fast  keine  Unterbre- 
chung  der  Action  erleidet  der  Vagus,  wenn  er  fiber  der  Geschwulst 
lauft:  denn  eine  allmahliche  Dehnung  der  Nervenfasern  stort,  wofern 
kein  Entziindungs-  oder  Erweichungsprocess  vorhanden  ist,  weder 
die  sensible  nocli  motorische  Energie,  wie  es  meine  und  Andrer 
Versuche  erweisen  (S.  30  und  Hugh  Ley  p.  317).  AUein  selbst 
wenn  die  Leitung  in  der  Bahn  des  Vagus  gehemmt  wird,  kann 
das  Athmen  nocb  vor  sich  gehen,  so  lange  kein  respiratorischer 
Aufwand  erfordert  wird.  Denn  bei  ruhigem  Athemholen  sind  die 
normalen  Bewegungen  der  Glottis,  wie  bereits  Le  Gallois  beschrie- 
ben  bat,  fast  unmerkbar.  Die  Stimraritze  bildet,  nach  Mayo's 
Beobachtung  an  Selbstmordern,  eine  dreieckige  Oeffnung:  nur  bei 
tiefern  Inspirationen  und  Anstrengungen  des  Athems  nahern  sich, 
wenn  die  offnenden  Muskeln  den  motorischen  Impuls  eingebiisst 
haben,  in  Folge  des  Druckes  der  atmospharischen  Luft  die  Ran- 
der  der  Glottis  und  hindern  den  Eintritt  der  Luft.  Es  erklart  sich 
hieraus  die  trotz  der  Andauer  des  comprimirenden  Anlasses  paro- 
xysmenweise  befallende  Dyspnbe  und  drohende  Erstickung. 

Die  vergleichende  Pathologie  giebt  hierzu  einen  instructiven  Be- 
leg  in  einer  bei  Pferden  nicht  selten  vorkommenden  Krankheit,  de- 
ren  karakteristische  Symptome  folgende  sind.  Beim  ruhigen  Ste- 
hen  ist  das  Athmen  ungestort  und  gerauschlos : die  Zald  der  Athem- 
zuge  wie  bei  einem  gestuiden  Thiere,  der  Puls  normal,  die  Binde- 
hant,  die  Maul-  und  Nasenschleimhaut  sind  blassroth  und  feucht. 
Bei  Bewegungen  dagegen  wird  der  Athem  sogleich  beschleunigt, 
erschwert,  und  besonders  wahrend  der  Inspiration  laut,  kreischend, 
rasselnd , wovon  die  Krankheit  auch  den  deutschen  Namen  Lungen- 
pfeifen,  Hartschnaufigkeit  erhalten  hat;  es  bricht  Schweiss  iiber  den 
ganzen  Korper  aus,  der  Blick  wird  angstlich,  die  Nasenschleimhaut 
erscheint  dunkelroth,  das  Pferd  kann  nur  muhsam  vorwiirts  kom- 
men.  Liisst  man  es  ein  Paar  Minuten  ruhig  stehen,  so  nimmt  die 
Dyspnoe  und  das  Gcrausch  beim  Athmen  sofort  ab  und  alle  Fun- 


710 


RESPIRATOR TSCIIE  LAHMUNG. 


ctionen  sind  wieder  normal.  Werden  aljcr  solche  Pferde  in  anstren- 
gender  Bewegung  weitergetrieben,  in  Galopp  gesetzt  oder  vor  einem 
Lastwagen  angestrengt,  so  wird  die  Respiration  immer  schwerer 
und  lauter,  so  dass  man  sie  schon  in  betrachtlicher  Entfernung  hb- 
ren  kann,  die  Zahl  der  Athemzuge  steigt  auf  das  sechs-  und  acht- 
fache,  der  Puls  wird  sehr  schnell,  klein,  aussetzend,  die  Nasenlocher 
werden  weit  aufgerissen,  das  Maul  aufgesperrt,  der  Blick  starr,  das 
Pferd  schwankt  und  zittert  und  sturzt , will  man  es  mit  Gewalt  in 
Bewegung  erhalten,  unter  Erstickungszu fallen  zusammen.  Der  Tod 
scheint  nahe  zu  sein,  allein  allmahlich  wird  auch  jetzt,  wenn  man 
Ruhe  gonnt,  der  Athem  wieder  freier.  Die  iibrigen  Functionen 
sind  sehr  selten  beeintrachtigt,  die  Fresslust  dauert  fort,  die  Excre- 
tionen  gehen  ungestort  von  statten,  die  Ernahrung  leidet  nicht.  Die 
Exploration  ergiebt  einige  wichtige  Merkmale,  welche  kunftighin 
zum  Theil  auch  beim  Menschen  fur  die  Diagnose  benutzt  werden 
konnen.  Die  gelahmte  Seite  des  Kehlkopfes,  denn  die  Krankheit 
kommt  fast  immer  halbseitig  und  zwar  auf  der  linken  Seite,  und 
nur  ausnahmsweise  auf  der  rechten  vor,  lasst  sich  leichter  einwarts 
drucken  als  die  gesunde  Seite.  Pressen  des  linken  Giesskannenknor- 
pels  bis  auf  einen  gewissen  Grad  und  mehrere  Minuten  lang,  wah- 
rend  der  Kehlkopf  rechts  und  unten  fixirt  wird,  veranlasst  eben  so 
erschwerten  und  gerauschvollen  Athem  wie  die  Bewegungen.  Bei 
dem  gleich  starken  Druck  auf  den  rechten  Knorpel  fehlen  diese  Zu- 
falle.  Wird  dagegen  der  Giesskannenknorpel  der  gesunden  Seite  so 
stark  comprimirt,  dass  derselbe  wie  zum  Schliessen  der  Glottis  ge- 
stellt  wird,  so  stockt  die  Respiration  sofort,  weil  der  andere  Knor- 
pel wegen  Lahmung  der  Muskeln  sich  nicht  erheben  kann.  Die  mit 
Hulfe  des  Maulgatters  in  die  Rachenhohle  bis  zum  Kehlkopf  einge- 
lulirte  Hand  findet  die  Glottis  schief  nach  rechts  gestellt,  imd  das 
rechte  Band  derselben  straff,  das  linke  crschlafft.  Bei  der  Section 
solcher  Pferde  zeigen  sich  im  N.  vagus,  vor  dem  Abgange  des  Re- 
currens,  oder  lediglich  im  Recurrens  der  gelahmten  Seite  krankhafte 
Veranderungen.  Dupuy  land  Compression  dieser  Nerven  durch  an- 


RESPIRATORISCIIE  LAHMUNG. 


711 


\ 


gesohwollene  imd  verhartete  Lymphdrusen  und  durch  Aftergebilde, 
(Joiirn.  general  de  medecine,  Avril  1821),  Gunther,  dem  das  Ver- 
dienst  zukommt  diese  Krankheit  zuerst  genau  und  tredlich  beschrie- 
ben  zu  haben  (Untersuchungen  iiber  den  Pfeiferdampf  oder  die  so- 
genannte  Hartschnaufigkeit  der  Pferde,  in  der  Zeitschrift  fur  die  ge- 
sammte  Thierheilkunde  und  Viehzucht,  1.  Bd.  S.  267  — 456),  fand 
in  sechs  Fallen  den  linken  N.  recurrens  ohne  alien  comprimirenden 
Anlass  auffallend  geschwunden  und  wie  vertrocknet,  wiihrend  dieser 
Nerv  auf  der  rechten  Seite  sich  ganz  normal  verhielt.  Zugleich 
zeigten  sich  alle  vom  Recurrens  versorgten,  fur  die  Erweiterung  der 
Glottis  bestimmten  Muskeln  der  linken  Seite,  Muse,  cricoarytaenoi- 
deus  posticus,  cricoarytaenoideus  lateralis,  Thyreo-arytaenoideus  su- 
perior und  inferior  und  die  linke  Halfte  des  Arytaen.  transversus 
ausserordentlich  geschwunden,  bleich,  welk  (I.  c.  p.  381.).  Diese 
Leichenbefunde  sind  in  der  hiesigen  Veterinaranstalt  yon  unsern  Pro- 
fessoren  Gurlt  und  Hertwig  bestatigt  worden.  (Vgl.  des  letzteren 
Aufsatz  und  Abbildung  in  dem  von  ihnen  herausgegebenen  Magazin 
fur  die  gesammte  Thierheilkunde  1841.  1.  Hft.  S.  98.)  Gurlt 
zeigte  mir  unlangst  im  Veterinarmuseum  ein  Priiparat,  wo  der 
linke  Recurrens  in  dem  Umfange  von  Zoll  atrophisch,  um  die 
Halfte  diinner  als  auf  der  rechten  Seite  und  nicht  rein  weiss,  son- 
dern  von  schmutzig  grauer  Farbe  ist.  Die  ebengenannten  Muskeln 
sind  fast  ganz  verschwimden  und  in  Fettgewebe  verwandelt.  Field 
hat,  wie  Percival  im  Veterinarian  1840  mittheilt,  die  Paralysis  re- 
spiratoria  kunstlich  durch  Excision  eines  1-1"  langen  Stiickes  aus 
dem  rechten  Recurrens  erzeugt,  das  Pferd  vier  Jahre  noch  am  Lc- 
ben  gelassen  und  bei  der  Section  alle  Muskeln,  die  unter  dem  Ein- 
llusse  des  Recurrens  stehen,  in  hohem  Grade  atrophisch  gefunden. 
— Als  Ursachen  dieser  Krankheit  bei  Thieren  ist  Bleivergiftung  be- 
obachtet  worden,  von  Trousseau  bei  Pferden,  die  in  einer  Mennig- 
fabrik  arbeiteten  (Vgl.  Froriep’s  Notizen  1827.  No.  378),  endemi- 
scher  und  miasmatischer  Einlluss  nach  Dupuif  s Erfahrung,  der  Ge- 
nuss  einer  im  siidhehen  Frankreich  vielfach  angebauten  Pflanze,  La- 


712 


RESPIRATORISCIIE  LA1IMUNG. 


tyrus  cicera  ( Renault  im  Veterinarian  VIII.  p.  32),  und  metastatische 
Wirkung  ties  epizootischen  nervosen  Fiebers  bei  Pferden  nach  Gun- 
ther's Erfahrung  (I.  c.  S.  390  — 395).  Nur  in  frischen  Fallen  die- 
ser  Art  hat  die  ableitende  Behandlung  mittelst  Setaceen,  Fontanel- 
len,  Canthariden  und  Brechweinsteinsalben,  bei  gleichzeitiger  Riick- 
sicht  auf  gute  Luft  und  Nahrungsmittel,  einen  gunstigen  Erfolg.  Bei 
langerer  Dauer  oder  nicht  zu  bescitigenden  Ursachen  ist  cine  radi- 
cal Ileilung  unmoglich:  eine  palliative  dagegen,  wobei  das  Pferd 
Jahre  lang  noch  am  Leben  erhalten  werden  kann , liisst  sicli  durch 
die  Tracheotomie  und  Offenbalten  der  Fisteloffnung  erzielen. 

Einige  andre  Erscheinungen  sind  noch  zu  erwahnen:  der  einen 
haben  fast  alle  Beobachter  gedacht,  der  Veranderung  der  Stimme, 
des  rauhen,  heisern  Klanges  bis  zur  ganzlichen  Aphonie.  Eine  an- 
dre bedarf  noch  genauerer  Untersuchung : es  ist  die  Anasthesie  der 
Luftrohre  (S.  230).  Schon  im  normalen  Zustande  ist  die  Sensibi- 
litat  der  Luftrohre  ungleich  vertheilt.  Am  empfindlichsten  sind 
Glottis  und  Kehlkopf,  welche  vom  N.  laryngeus  superior  versorgt 
werden,  dessen  peripherische  Bahn  jedoch  in  den  Bereich  von 
Driisengeschwulsten  oder  andern  Anlassen  nur  selir  selten  hinein- 
gezogen  wird,  daher  auch  die  Sensibilitat  am  Eingange  der  Luft- 
rohre, welche  zum  Schutze  des  ganzen  Athemapparats  dient,  un- 
gestort  bleibt.  Ein  geringrer  Grad  von  Empfindlichkeit  kommt  dem 
Ausgange  der  Luftrohre,  den  Bronchen,  zu,  deren  Ueberfiillung 
mit  Schleim  und  andern  Fliissigkeiten  gefiihlt  wird.  Bei  Compression 
des  Vagus  und  der  von  ihm  abgehenden  Ram.  pulmonal.  durch 
Geschwiilste  der  Bronchialdrusen  ist  dieses  nicht  der  Fall:  Rassel- 
gerausche  in  der  grossten  Intensity t Iassen  sich  schon  in  der  Feme 
horen,  ohne  dass  der  Kranke  selbst  dadurch  irgendwie  behistigt 
wird.  Am  unempfindlichsten  ist  die  Luftrohre,  wovon  die  beriich- 
tigten  Handhabungen  bei  der  Tracheotomie,  das  Ausbiirsten  und 
Cauterisiren  der  Trachea,  wie  es  Trousseau  gegen  den  Croup  ein- 
pfohlen  hat,  den  Beweis  geben.  Was  die  consecutiven  Veriinde- 
rungen  im  Lungenparenchym  bei  Liihmmjg  des  Vagus  belrilft, 


RESPIRATORISCHE  LAHMUNG. 


713 


so  hat  man  sie  beim  Menschen  noch  nicht  sorgfaltig  genug  beob- 
achtet,  um  etwas  Zuverliissiges  dariiber  aufstellen  zu  konnen.  Die 
Ueberfullung  der  Gefasse,  die  Injection,  die  angesammelten  exsu- 
dirten  Stoffe  werden  gewohnlich  als  bronchitische  Erscheinungen, 
das  Emphysema  vesiculare  und  die  Dilatation  der  Bronchien,  welche 
sich  in  Verbindiing  mit  Scropheln  der  Bronchialdriisen  nacli  Keich- 
husten  vorfinden  (S.  367),  als  Produkte  dieser  Krankheit  betrach- 
tet.  Allein  die  Erweiterung  der  Lungenblaschen  und  der  Bron- 
chen  selbst  sind  wold  mit  mehr  Recht  als  Folge  der  Lahmung 
ihrer  contractilen  Wande  zu  deuten.  (Vgl.  Henle’s  Abhandl.  iiber 
Tonus,  Krampf  und  Lahmung  der  Bronchen  und  iiber  Expectora- 
tion, in  der  Zeitschrift  lur  rationale  Medicin.  1.  B.  II.  II.  S.  271). 

II.  lialimmig  rfei*  cciitralen  Balm  ties  Vagus. 

Verletzungen  und  Krankheiten  des  verlangerten  Markes  hemmen 
den  respiratorischen  Einfluss  des  Vagus.  Die  plotzlichen  Todesfalle 
durch  Druck,  Quetschung  und  Zerreissung  der  Medulla  oblongata 
bei  Luxationen  und  Fracturen  der  beiden  ersten  Flalswirbel  sind 
aus  den  chirurgischen  Annalen  bekannt  genug.  Aehnlichen  Aus- 
gang  haben  Hamorrhagieen  im  verlangerten  Marke,  wovon  Ollivier 
ein  Paar  Beispiele  mitgetheilt  hat  (Traite  des  maladies  de  la  moelle 
epiniere.  3ieme  edit.  T.  II.  p.  139).  Die  Asphyxie  der  Neuge- 
bornen  ist  oft  von  Blutextravasaten  an  der  Aussenflache  des  klei- 
nen  Gehirns,  des  verlangerten  und  Riicken-Markes  abhaiigig  (Cru- 
veilhier  anat.  pathol.  du  corps  bumain  Xy.  livrais.  PI.  I.).  Chro- 
nische  Compression  der  Medulla  oblongata  durch  aneurysmatische 
und  andre  Geschwiilste  hat  paralytische  Zufalle  der  Athemmuskeln 
zur  Begleitung:  in  Ollivier' s Werke  (T.  I.  p.  455 — 464)  findet  man 
die  Beschreibung  eines  Falles  von  Aneurysma  der  Basilararterien, 
welches  die  Pyramiden  zerstort  und  noch  iiberdies  die  Insertions- 
hideji  des  Vagus,  Glossopharyngeus  und  Hypoglossus  comjtrimirt 
liatte.  Dyspnoe  bis  zur  Suffocation  bei  Bewegungen  des  Kranken, 


714 


RESPIRATORISCHE  LAHMUNG. 


Aphonie,  und  erschwerte  Articulation  waren  mit  Lahmung  der 
Rumpfglieder  verbunden.  Krankheiten  des  Gehirns  konnen  durch 
Propagation  des  Druckes  etc.  auf  den  Wurzelheerd  des  Vagus,  des- 
sen  motorische  Energie  auf  ahnliche  Weise  wie  die  sensible  (S. 
231)  lahmen:  in  jede  Hirnagonie  mischen  sich  dergleichen  Ziige  ein. 

Therapeutischer  Erfolg  lasst  sich  in  den  peripherischen  Lahmun- 
gen  des  Vagus  nur  da  erwarten,  wo  die  Beseitigung  des  Anlasses 
moglich  und  die  Structur  des  Nerven  noch  nicht  beeintrachtigt  ist. 
So  eignet  sich  bei  Scrofeln  der  Hals-  und  Bronchialdriisen  der  Ge- 
brauch  des  Oleum  jecoris,  der  Jodpraparate,  der  Landluft,  der 
See-  oder  Soolbiider.  Bei  Krankheiten  der  obersten  Cervicalwirbel 
kommt,  wenn  auch  in  seltnen  Fallen,  die  Naturheilung  noch  zu 
Stande,  und  wird  durch  Exutorien  unterstiitzt. 


Laluiiung;  «ler  die  Kumpf-Atliemiiiuskeln 
TersorseiMlen  Spiualiierveii. 

Die  altesten  neurophysiologischen  Versuche  an  lebenden  Thieren 
beziehen  sich  auf  diese  paralytischen  Zustande.  Galen  durchschnitt 
den  Cervical-  und  Dorsaltheil  des  Riickenmarks  an  verschiednen 
Stellen,  um  seinen  Schiilern  den  lahmenden  Einfluss  auf  die  Inter- 
costalmuskeln  und  das  Zwerchfell  zu  demonstriren  (de  anatomes 
administrationibus  L.  VIII.  Cap.  IX.  op.  omn.  Vol.  II.  p.  696  edit. 
Kiihn).  Die  spatern  Experimente  von  Le  Gallois , Flourens  u.  A. 
unterscheiden  sich  nur  durch  grossere  Pracision.  Das  Verdienst 
in  den  peripherischen  Bahnen  dieser  Nerven  Versuche  angestellt  zu 
haben,  kommt  dem  unvergleichlichen  Bell  zu,  welcher  zu  diesem 
Zwecke  die  Zwerchfellsnerven  und  den  Accessorius  wahlte  (Physiol, 
und  pathol.  Unters.  des  Nervensyst.  S.  114.). 

Die  Lahmungen  der  die  Rumpf-  Athemmuskeln  versorgenden 
Spmalnerven  unterscheiden  sich  von  den  paralytischen  AfFectionen 
des  Vagus  durch  diegrossc  Seltenheit  ihres  peripherischen  Ursprungs: 
sie  haben  fast  immcr  einen  centralen.  Vom  Riickenmarke  aus  wird 


KESP1RAT0IUSCHE  LAHMUNG. 


715 


t 

die  Leitimg  unterbrochen,  entweder  die  cerebrale  oder  die  reflecto- 
rische,  oder  beide  zugleich.  Das  letztcre  geschieht  am  hiiufigsten 
durch  Verletzungen,  besonders  durch  Wirbelbriiche , welche  wie 
Experimente,  freilich  betriibendster  Art,  am  gesunden  Menschen 
reine  Resultate  geben,  wahrend  in  Krankheiten  die  Scharfe  der 
Erscheinungen  durch  fast  immer  vorkandne  Complicationen  mehr 
oder  minder  verdeckt  wird.  Der  verschiednen  Hohe  der  Verle- 
tzung  entspricht  die  Raumlichkeit  der  respiratorischen  Lahmung,  die 
unter  dieseii  Umstanden  beide  Halften  des  Korpers  befallt.  Bei 
Verletzungen  oberhalb  der  Insertion  des  Zwerchfellsnerven  erfolgt 
der  Tod  meistens  zu  rasch,  um  beobachten  zu  konnen.  Bell  schil- 
dert  einen  solchen  Verwundeten,  der  noch  eine  halbe  Stunde  am 
Leben  geblieben  war.  Die  Athembewegungen  fanden  nur  durch 
die  Hals-  und  Scbultermuskeln  statt:  bei  jeder  Inspiration  wurde 
der  Kopf  zwischen  die  Schulterblatter  herabgezogen.  Das  Zwerch- 
fell  regte  sich  nicht:  beim  Auflegen  der  Hand  auf  die  Ilerzgrube 
nahm  man  keine  Bewegung  in  den  Baucheingeweiden  wahr  (a.  a. 
0.  S.  124  u.  326.).  Hat  die  Verletzung  tiefer,  in  der  Gegend  der 
untersten  Cervical-  oder  obersten  Brustwirbel  ihren  Sitz,  so  sind 
die  Intercostalmuskeln  und  die  exspiratorischen  Bauchmuskeln  des 
motorischen  Impulses  verlustig,  dagegen  die  erweiternden  Muskeln 
der  Inspiration,  (Zwerchfell,  vordrer  Sagemuskel,  Sternocleidoma- 
stoideus,  Trapezius)  noch  im  Besitze  desselben.  Das  Einathmen 
geschieht  in  kurzen,  scbnellen  Ziigen,  wobei  man  mit  den  auf  den 
Seiten  der  Brust  ausgebreiteten  Fingern  die  Contraction  des  Serra- 
tus  deutlich  fiihlen  karin.  Das  Ausathmen  und  jede  damit  verbun- 
dene  Action  ist  unvollkommcn,  da  es  nicht  durch  Muskelzusammen- 
ziehung,  sondern  durch  die  Elasticitat  der  Rippen  und  Bauchdek- 
ken,  so  wie  durch  den  Druck  der  Baucheingeweide  gegen  die  un- 
tre  Flache  des  erschlafften  Zwerchfells  zu  Stande  kommt.  Daher 
die  Unfahigkeit  gchorig  zu  husten  und  auszuwerfen , laut  zu  spre- 
chen,  zu  lachen,  zu  niesen,  zu  schnautzen,  zu  pressen,  und  die  Zu- 
nahme  der  Athembcschwerden  in  der  aufrechten,  sitzenden  Stellung, 


716 


RESPIRATORISCHE  LAHMUNG. 


weil  dadurch  der  Druck  der  Baucheingeweide  gegen  das  Zwerchfell 
abgelialten  wird.  Aehnliche  Erscheinungen  zcigen  sich  zuweilen 
in  der  Spondylarthrocaze  der  Halswirbel,  dauern  Ijingere  Zeit  an, 
und  verschwinden  mit  der  Heilung  dieser  Krankheit  ( Bell  S.  329 
nnd  Bright  in  Guy’s  Hospital  reports  vol.  II.  p.  296.),  wahrend 
bei  den  Halswirbelbriichen  das  Leben  nur  selten  liber  den  sechsten 
Tag  besteht,  gewohnlich  schon  ein  Paar  Tage  nach  der  Verletzung 
erlischt.  In  seltnen  Fallen  gesellt  sich  in  der  Bleivergiffung'*  zur 
Lahmung  der  obern  Extremitaten  Paralyse  der  Rumpfathemmuskeln, 
wobei  die  Brustwande  betrachtlich  eingesunken  sind  und  der  Tod 
asphyktisch  erfolgt  ( Tanqucrel  cles  Planches  traite  des  maladies  de 
plomb.  T.  II.  p.  61.  p.  130.  p.  140). 

Der  isolirte  Verlust  entweder  der  cerebralen  Leitung  oder  der 
spinalen  Rellexleitung  in  den  Nerven  der  Athemmuskeln  giebt  sich 
in  krankhaften  Zustanden  deutlich  zu  erkennen.  Im  erstern  Falle 
ist  Unfahigkeit  zu  willkuhrlichen  Bewegungen  vorhanden,  wahrend 
in  denselben  Muskeln  die  respiratorische  Action  von  Statten  geht, 
z.  B.  in  den  das  Schulterblatt  bewegenden  Muskeln.  Ein  Hemiple- 
ktischer  in  Folge  von  Hirndesorganisation  ist  ausser  Stande  die  Schul- 
tern  der  gelahmten  Seite  auf  Verlangen  aufwarts  oder  abwarts  zu 
ziehen,  der  Wirbelsaule  nahe  zu  bringen  u.  s.  w.,  dagegen  zeigt 
sich  bei  beschleunigter  Respiration,  nach  Druck  auf  das  Zwerchfell, 
nach  Zuhalten  der  Nasenfliigel  kein  Unterschied  in  dem  Steigen 
mid  Sinken  beider  Schulterblatter. 

In  der  andern  Ivategorie  versagen  einer  oder  mehrere  Muskeln 
ihre  Mitwirkung  fiir  das  Athemholen,  willfahren  jedoch  dem  Ein- 
flusse  der  Spontaneitat.  Eine  Verstarkung  des  Athembediirfnisses, 
welche  man  durcli  Compression  des  Bauches  hervorruft,  liisst  die 
respiratorische  Unthiitigkeit  der  Muskeln  deutlich  erkennen,  in  deren 
Folge  auch  die  Form  und  Breite , des  Brustgewolbes,  welche  von 
dem  Tonus  ujid  der  respiratorischen  Wirksamkeit  dieser  Muskeln 
abhangig  sind,  eine  Veranderung  erleiden.  Hieriiber  haben  zuerst 
Stromeyer's  Untersuchungen  und  Experimente  Aufschluss  gegeben 


N 

UESPIUATOUISCIIE  LAIIMUNG.  717 

| Ueber  Paralyse  der  Inspirationsmuskeln  1836,  und  in  Casper’s  Wo- 
henschrift  fur  die  ges.  Heilk.  1837.  S.  51).  Bei  einem  jungen 
' ianinchen,  aus  dessen  Nervus  thoracicus  posterior  so  hock  als  mog- 
i ch  ein  Stuck  herausgeschnitten  worden,  zeigte  sich  schon  nach 
rei  Tagen  die  entsprechende  Halfte  des  Brustkastens  merklich  ein- 
. ;esunken.  Dieses  nahm  mit  jedem  Tage  zu,  so  dass  nach  vierzehn 
i "agen  auch  beim  Messen  sich  ein  Unterschied  yon  5 — 6 Linien 
. egen  die  andre  Halfte  ergab.  Der  Versuch  wurde  an  einem  ali- 
en i Kaninchen  mit  gleichem  Erfolge  wiederholt  (Ueber  Paralyse 
tc.  S.  76).  Auch  bei  dem  Menschen  sind  vorzugsweise  die  von 
iesen  Nerven  versorgten  Serrati  antici  Sitz  der  Immobilitat,  an 
\/elcher  im  weitern  Verlaufe  noch  andre,  besonders  der  Trapezius 
heilnekmen.  Je  nach  der  grossern  oder  geringern  Nachgiebig- 
eit  des  Ivnochengeriistes , je  nachdem  eine  oder  beide  Seiten 
efallen  sind,  giebt  sich  eine  Yerschiedenheit  der  Erschei- 
r ungen  kund.  Im  kindlichen,  selhst  noch  im  jugendlichen  Al- 
or  bilden  sich  Verkriimmungen  aus,  indem  die  Wirbel  dem  Zuge 
er  Muskeln  der  gesunden  Seite  folgen,  um  so  schneller,  je  jiinger 
Las  Kind  ist. 

So  zeigt  sich,  die  Rrankheit , bei  einseitigem  Sitze  nach  einiger 
Dauer  unter  Form  der  Scoliosis.  Die  Schultern  haben  eine  rni- 
ileicheHohe:  eine  steht  niedriger  als  die  andere  und  ist  mit  ihrem 
nntern  Winkel,  welcher  im  gesunden  Zustande  am  untern  Rande 
I er  achten  Rippe  steht,  bis  unter  der  zehnten  Rippe  herabgesunken. 
)ie  etwas  um  ihre  Axe  gedrehten  Dorsalwirbel  bilden  eine  Seit- 
u artskriimmung,  deren  concaver  Rand  nach  der  niedriger  stehenden 
bchulter  gerichtet  ist.  Die  entsprechende  vordere  Brusthalfte  ist 
ingesunken,  durch  das  Zwerchfell  einwiirts  und  abwarts  gezogen, 
i nd  athmet  nicht,  wovon  man  sich  zur  (jeniige  iiberzeugt,  wenn 
i lan  gellissentlich  die  Inspirationsmuskeln  zu  gesteigerter  Action  an- 
egt.  Die  willkuhrlichen  BeVegungen  gehen  von  statten,  obgleich 
l as  Schulterblatt  seine  sehiefe  Riehtung  zur  Wirbelsaule  gewohnlich 
eibehiilt,  und  die  eingesunkene  Iialfte  des  Thorax  sich  nicht  so 


718 


RESPIRATORISCHE  LAHMUNG. 


vollkommen  wie  die  andere  hebt.  Sind  die  Athemmuskeln  beider 
Brusthalften  Sitz  der  Krankheit,  so  ist  der  Thorax  seitlich  abge- 
flacht,  und  nicht  selten  tritt  im  friihen  kindlichen  Alter  das  Ster- 
num mit  den  gebogenen  Rippenknorpeln  stark  hervor  — die  soge- 
nannte  holie  oder  Iliihnerbrust,  pectus  car  in  atum.  Die  untern 
Rander  der  Brust  werden  auch  hier  durch  das  Zwerchfell  nach 
innen  gezogen,  und  der  Bauch  erscheint  dadurch  voluminoser  und 
aufgetrieben.  In  solchen  Fallen  ist  das  Athmen  erschwert,  und 
wird  durch  Bewegungen  und  Anstrengungen  schwieriger.  Zuwei- 
len  tritt  die  Krankheit  anfangs  imter  dieser  Form  auf  und  gestaltet 
sich  spaterhin,  wenn  die  Muskeln  einer  Brusthalfte  ihre  Energie 
wieder  erlangt  haben,  zur  paralytischen  Skoliose.  Bei  langrer  Dauer 
werden  die  Muskeln  atrophisch. 

Im  vorgeruckteren  Lebensalter  bildet  sich  die  consecutive  Form- 
veranderung  nicht  als  Scoliosis  und  Vogelbrust  aus,  sondern  be- 
schrankt  sich  wegen  isolirter  Lahmung  des  M.  serratus  ant.  auf 
eine  Lageveranderung  des  Schulterblattes,  welches  von  der  Wirbel- 
saule  und  den  Rippen  absteht,  und  eine  Richtung  nach  aussen,  oben 
und  vorn  annimmt.  Auch  kann  der  Kranke  den  Arm  nicht  mehr 
so  leicht  in  die  Hohe  heben  wie  friiher.  In  seltenen  Fallen  ent- 
steht  eine  Verengerung  mit  gleichzeitiger  Verlangerung  des  Thorax, 
und  wras  von  besonderem  Interesse  ist,  die  Krankheit  tritt  otters 
paroxysmenweise  auf.  Ein  von  Shaw  beobachteter  Fall  dieser  Art 
ist  von  Stromeyer  mitgetheilt  worden  (a.  a.  0.  S.  26).  „Der 
Kranke,  acht  und  zwanzig  Jahre  alt,  von  kraftigem  athletischem 
Korperbaue,  klagt,  dass  er  seine  Brust  beim  Athmen  nicht  geho-  | 
rig  ausdelmen  konne.  Bei  der  Untersuchung  finden  sich  die  Rip- 
pen,  besonders  die  untern  nach  innen  gezogen  und  eigenthumlich 
verdreht,  der  Thorax  ist  wie  durch  eine  Binde  fest  zusammen- 
gedriickt,  und  der  Leib  wie  bei  liltem  Personen  stark  gerundet.  . 
Der  Brustkasten  bleibt  sowohl  beim  Einathmen  als  beim  Ausath- 
men  in  dieser  Form:  liisst  man  den  Kranken  tief  inspiriren,  so 
bleiben  die  Rippen  nnbeweglich,  man  sieht  durchaus  nicht,  dass  der 


RESPIRATORISCIIE  LAHMUNG.  719 

I 'horax  sich  hebt  oder  dehnt,  und  der  Kranke  empfindet  dabei 
I inen  Sckmerz  in  der  Brust.  Bei  jeder  Inspiration  liort  man  ein 
|jgnes  Knurren  im  Magen  und  Darmkanal.  Alle  iiussern  Muskeln 
er  Brust  und  der  Schultern , die  das  Zwerchfell  beim  Athmen 
nterstiitzen,  bleiben  trotz  der  Anstrengungen  des  Kranken  untha- 
j.g,  wahrend  man  beim  Ausathmen  die  Bauchmuskeln  sich  kraftig 
ontrahiren  fiihlt,  wenn  man  die  Hand  aid’  den  Unterleib  legt.  Ein 
itwas  starker  Druck  hindert  ihn  am  Athmen.  Beim  Niesen  em- 
findet  er  einen  Schmerz,  als  wenn  die  Brust  bersten  wolle.  Er 
ann  sich  nicht  rasch  bewegen  und  keine  Treppen  steigen,  hat 
Gachts  schwere  Traume  und  erwacht  haufig  fast  erstickt.  Die 
dais-  und  Brustmuskeln,  die  beim  Athmen  sich  unthatig  verhalten, 
iaben  bei  jeder  andern  Bewegung  ihre  gewohnliche  Energie  behal- 
en,  z.  B.  beim  Heben  oder  Beugen  des  Kopfes,  der  Schultern 
it.  s.  w.  Die  Krankheit  macht  ganz  deutliche  Anfalle,  die  vierzehn 
rpage  lang  unverandert  anhalten:  der  Kranke  leidet  jetzt  an  dem 
tunfzehnten.  In  der  Zwischenzeit  dehnt  sich  die  Brust  gehorig 
1 tus,  sie  ist  dann  gehorig  weit  und  der  Leib  nicht  so  hervorragend. 
)en  ersten  Anfall  bekam  er,  als  er  kurz  nach  einer  heftigen  Un- 
terleibsentzundung,  yon  der  er  sehr  geschwiicht  war,  zu  Pferde 
iiiber  einen  Deich  galopirte.  Sie  kehrten  in  der  Regel  durch  einen 
Aufenthalt  an  der  Seekiiste  wieder,  und  schwanden,  wenn  er  sich 
vveiter  yom  Ufer  enlfernte.  — Der  Kranke  erhielt  zuerst  dreimal 
v.vochentlich  erofliiende  Pillen  aus  Coloquinten  und  Calomel,  spater 
eine  tonische  Medicin  mit  Mineralsaure,  Reibungen  der  Brust  mit 
einer  heissen  Solution  yon  Salmiak,  und  ein  Kataplasma  von  Bella- 
lonna.  Nach  zwanzig  Tagen  war  er  vollkommen  hergestellt.  Zwei 
n verschiedenen  Perioden  angestellte  Messungen  gaben  lolgendes 
Idesnltat:  28.  October:  Weite  des  Thorax  um  den  Processus 
xyphoideus  28%  Zoll:  18.  November  33^  Zoll,  demnach  ein  Unter- 
echied  von  fiinf  Zoll.  Weite  iiber  den  Brustwarzen:  das  erste 
'Mai  314  Zoll,  das  letzte  Mai  34^;  Zoll,  Unterschied  2 \ Zoll. 

Bei  Hysterischen  habe  ich  Anfalle  von  Dyspnoe  aus  ahnlichem 


720 


RESPffiATORISCIIE  LAHMUNG. 


Anlasse  beobachtet:  sie  erschienen  mir  als  Contrast  der  Athembe- 
schwerde  beim  Lungenemphysem : bei  diesem  ein  Widerspruch  zwi- 
schen  den  gewaltsamen  Anstrengungen  aller  Muskeln  der  Inspiration 
und  der  Unlahigkeit  bereits  ausgedehnte  Lungenzellen  mit  frischer 
Luft  anzufiillen,  dort  ungehindertes  Eindringen  der  Atmosphare  in 
die  Luftschlauche  bei  mangelnder  Mitwirkung  der  Muskeln  zur  Er- 
weiterung  der  Brust.  Den  Aerzten,  welche  bei  Athemnoth  nur  auf 
Herz  und  Lunge  ihre  Untersucbung  zu  richten  gewohnt  sind,  d'urfte 
das  Augenmerk  auf  die  Bewegungen  des  Thorax  ofters  einen  bisher  • 
vermissten  Aufschluss  geben. 

Unter  den  Ursachen  sind  am  fruchtbarsten : kindliches  Alter, 
weibliches  Gescldecht,  zumal  in  der  Entwickelungsperiode,  Rhachitis, 
Anaemie,  schwachende  Einfliisse,  yorangegangener  Keichhusten,  Sto- 
rungen  der  Katamenien. 

In  der  Bebandlung  muss  niichst  der  atiologischen  Beriicksichtigung 
dahin  gewirkt  werden,  dass  die  willkuhrliche  Leituhg  in  den  Ner- 
venbahnen  der  respiratorisch  unthatigen  Muskeln  sich  verstarke. 
Diesen  Zweck  erfullen  die  gymnastiichen  Uebungen,  zumal  mit 
Suspension  an  den  Handen,  wodurch  der  Serrat.  magnus  in  Tha- 
tigkeit  gesetzt  wird.  Das  Turnen  an  und  fur  sich  wirkt  belebend  , 
und  starkend  auf  die  Muskeln  der  Inspiration,  wie  es  der  nach  ein 
Paar  Monaten  um  mehrere  ZoJI  zunehmende  Umfang  des  Thorax 
erweiset  ( Stromeyer  a.  a.  O.  S.  312).  Audi  das  Schwimmen  ist 
empfeldungswerth.  Ueberdiess  muss  durch  Reizung  der  sensiblen 
Nerven  die  Reflexaction  angeregt  und  hergestellt  werden.  Frictio- 
nen  (mit  liq.  ammon.  caust.  oj  in  Alcohol,  ovij,  Mixt.  ol.  bals.),  Mas- 
siren  (das  indische  Shampoeen),'  Douche,  Elektricitat,  Elektromagne- 
tismus,  Sool-  und  Seebader,  eignen  sich  hierzu. 


■nm- 


Lalmmng 

■ \ 

der  Stimmnerven. 

4 

Obgleich  die  Stimme  im  Kelilkopfe  durch  die  Schwingungen  der 
ntern  Stimmbander  gebildet  wird,  so  haben  dennoch  die  umgeben- 
en  Theile,  durch  welcJie  die  Luft  hindurchgeht,  einen  wesentlichen 
iinfiuss  auf  die  Modificationen  der  Tone.  Besonders  kommt  dem 
Ansatzrohre  des  Kehlkopl'es,  wie  Muller  den  Baum  yon  den  untern 
< (timmbandern  bis  zur  Mund-  und  Nasenoffnung  nennt  (Lehrb.  der 
“hysiol.  2.  Tli.  S.  171),  der  wichtigste  Antheil  zu.  Muskelaction 
<it  es,  welche  im  Lebenden  die  zum  Tonangeben  nothige  Spannung 
lnewirkt,  und  der  Bereich  der  motorischen  Nerven,  die  jene  vermit- 
eln,  ist  grosser  als  man  gewohnlich  annimmt.  Sclion  in  Betrefl 
lies  Kehlkopl'es  hat  der  Recurrens  wenn  auch  die  Hauplrolle,  doch 
uicht  die  ausschliessliche  Herrschaft  iiber  die  Bewegungen  der 
vitimme,  wie  sie  ihm  yon  Gakn  an  zuertheilt  worden  ist.  Man 
lat  sich  iiberzeugt,  dass  Thiere,  nach  Durchschneidung  beider  zu- 
iicklaufender  j^erven,  bei  Anliissen  des  Schmerzes  zu  schreien  im 
y?tande  sind,  und  Lonxjet  hat  nachgewiesen,  dass  es  der  iiussre  den 
hfuscul.  cricothyroideus  versorgende  Ast  des  N.  laryngeus  superior 
•st,  welcher  in  diesem  Falle  seine  Energie  kundthut,  so  wie  andrer- 
ieits  nach  seiner  Durchschneidung  die  Stimme,  trotz  der  lntegritat 
lies  Recurrens  einen  rauhen  Klang  bekommt  (Recherches  experi- 
nen tales  sur  les  1'onctions  des  Nerfs,  des  Muscles  du  larynx  et  sur 
’influence  du  nerf  accessoire  de  Willis  dans  la  phonalion.  Paris 


722 


STIMMLAHMUNG. 


1841  p.  8).  Ausser  diesen  Nerven  kommen  noch  die  motorischen 
der  Gaumenbogen,  des  Gaumensegels,  der  Zunge  in  Betracht,  wor- 
au(‘  man  bisher  in  den  paralytischen  Stimmaffectionen  nicht  Acht 
hatte  urn  so  weniger,  weil  man  iiberhaupt  in  der  Pathologie  nur 
den  Antheil  der  Stimme  an  der  Sprache  beriicksichtigte  und  ihre 
Modificationen  im  Gesange  vernachlassigte.  Auf  die  letztern  aui- 
merksam  gemacht  zu  haben,  gebiihrt  Joseph  Frank  (Prax.  medic, 
univ.  praecepta  P.  II.  vol.  II.  Sect.  I.  Lipsiae  1823.  p.  43),  und 
besonders  dem  verstorbenen  Dr.  Bennati  das  Verdienst,  welcher 
selbst  ein  ausgezeichneter  Sanger,  als  Arzt  an  der  Oper  zu  Paris 
vielfache  Untersuchungen  anzustellen  Gelegenheit  hatte  (Etudes  phy- 
siologiques  et  pathologiques  sur  les  organes  de  la  voix  humaine. 
Paris  1833). 

Der  Verlust  der  Stimme  ist  entweder  partiell  oder  vollstandig. 
Im  ersteren  Falle  ist  der  Eranke  ausser  Stande  seine  Stimme  im 
gewohnten  vollen  Umfange  ertonen  zu  lassen,  woruber  er,  wenn 
er  des  Gesanges  kundig  ist,  am  besten  Auskunft  geben  kann.  Ge- 
wohnlich  betrifl’t  es  die  hohen  Tone  des  Falsets.  Doch  ist  auch 
nicht  selten  der  Klang  der  iibrigen  minder  hell  und  rein  als  |im 
gesunden  Zustande  und  Detoniren  findet  dfter  statt.  Bei  Besichti- 
gung  der  Rachenhohle  zeigt  sich  die  Schleimhaut  bleich  imd  schlafif: 
die  Bewegungen  des  Gaumensegels  und  Zapfchens  gehen  trage  und 
unvollkommen  vor  sich.  Auch  die  Bewegungen  des  Ivehlkopfes 
nach  oben  oder  unten  sind  verhindert,  wie  J.  Frank  beobachtet 
hat.  In  der  vollstandigen  Aphonie  ist  ganzliche  Unfahigkeit  vorhan- 
den  Tone,  articulirte  oder  unarticulirle,  erklingen  zu  dassen,  und  nur 
die  Fliisterstimme  ist  moglich. 

Die  Ursachen  sind  entweder  pcripherische  oder  centrale.  Zu 
den  ersteren  gehoren  Verwundungen  und  Operationen  am  Halse, 
welche  den  Ilecurrens  treffen,  Geschwiilste,  die  ihn  comprimiren, 
zumal  Aneurysmen  der  Aorta,  der  Subclavia,  Geschwiilste  der 
Bronchialdriisen  etc.,  auch  wenn  sie  nur  den  Nerven  der  einen 
Seite  betheiligen,  Ueberreizung  der  Stimmnerven  durch  ungehdrige 


STIMMLAHMUNG. 


723 


Anstrengungen,  Singen,  Schreien,  anhaltendes  Iautes  Sprechen,  rheu- 
matischer  Einfluss,  kalter  Zugwind,  welcher  auf  den  entblossten 
und  erhitzten  Hals  streift.  Centrale  Anliisse  haben  im  obern  Theile 
des  Riickenmarkes  ofter  als  im  Gehirn  ihren  Sitz:  Verletzungen, 
Spondylarthrokace,  chronische  Myelitis,  Vergiftungen  durch  Narcotica 
(Hyoscyamus,  Belladonna,  Semina  Stramonii)  Bleiintoxication  ( Tan - 
querel  des  Planches  1.  c.  T.  II.  p.  62.),  wobei  die  Aphonie  selten 
isolirt,  gewohnlich  mit  andern  Lahmungen,  zumal  mit  Verlust  der 
articulirenden  Bewegungen,  verbunden  ist.  Unter  den  cerebralen 
Ursachen  sind  heftige  Gemiithsaffecte,  besonders  Schmerz,  und  Epi- 
lepsie  (S.  S.  586)  zu  nennen.  Der  haufigste  Ursprung  der  Aphonie 
ist  jedoch  reflectorische  Immobilitat.  Das  Uterinsystem  aussert  ent- 
schiedenen  Einfluss,  wie  es  schon  der  veriinderte  Timbre  der  Stimme 
wahrend  der  Katamenien  erweiset;  Amenorrhoe  und  Hysterie  sind 
die  giinstigsten  Momente,  daher  auch  die  grosste  Zahl  weiblicher 
Kranken  unter  den  von  Aphonie  Befallenen.  Demnachst  steht  der 
gastrische  Apparat  in  ursachlicher  Beziehung  durch  Helminthiasis 
und  Brechruhr.  Auch  in  der  asiatischen  Cholera  steigt  zuweilen 
die  Klanglosigkeit  der  Stimme  zum  ganzlichen  Yerluste,  und  ist  mit 
Anasthesie  der  Luftrohre  verbunden  (S.  S.  230). 

Der  Yerlauf  ist  meistens  chronisch:  die  Dauer  kann  auf  ein 
Jahr  und  driiber  sich  ausdehnen.  Bei  der  reflectorischen  Aphonie 
kehrt  zuweilen  durch  starke  Emotion  die  Stimme  zuriick  und  ver- 
schwindet  von  neuem,  was  ich  auch  haufig  in  der  asiatischen  Cho- 
lera beobachtet  habe.  In  der  Behandlung  geschehen  gewohnlich 
in  Voraussetzung  einer  entziindlichen  Basis  Missgriffe,  zumal  durch 
haufige  Wiederholung  ortlicher  Blutentleerungen  und  das  Verbot 
des  Sprechens.  Die  Abwesenheit  des  Hustens  und  der  Mangel 
des  rauhen,  scharfen  Athmungsgerausches  bei  der  Auscultation  des 
Kehlkopfes  konnen  als  diagnostische  Kriterien  gelten.  Zunachst  ist  die 
iitiologische  Indication  zu  erfullen.  Blcibt  dieses  Verfahren  erfolg- 
los  oder  ist  iiberhaupt  keine  Ursache  zu  ermitteln,  so  wirkc  man 
auf  den  Vagus  ein:  1)  in  der  Ntihe  seines  centralen  Heerdes,  durch 

Romberg’s  Kerveokrankb.  I.  3.  48 


724 


STIMMLAIIMUNG. 


Schrbpfkopfe  in  den  Nacken,  Vesicatore  mit  cndermatischer  Appli- 
cation des  Strychnins,  kalte  Douche,  Moxen,  welche  letztere  auch 
zur  Entdeckung  der  Behufs  verschiedencr  Zwecke  simulirten  Apho- 
nie  benutzt  wcrdcn  konnen.  2)  in  seiner  peripherischen  Batin. 
Elektricitat  und  Galvanismus  haben  sich  am  meisten  bewiihrt,  und 
in  der  neuesten  Zeit  Elektromagnetismus.  3)  mittelst  Reilexaction 
durch  Reizung  sensibler  Nerven.  Hautreize  werden  von  alien  Seiten 
empfohlen.  Am  wirksamsten  hat  sich  mir  die  Einreibung  des  Cro- 
tons erwiesen.  Von  Andern  wird  das  01.  Cajeput  zum  innern 
und  aussern  Gebrauche  gcriihmt.  4)  durch  Uebertragung  auf  die 
gastrische  Balm  des  Vagus.  Brechmittel  haben  sich  schon  seit  al- 
ten  Zeiten  einen  Ruf  der  Wirksamkeit  in  der  Aphonie  erworben. 
Auch  Nauseosa  sind  hier  an  ihrer  Stelle.  Gegen  die  durch  An- 
strengung  der  Stimme  entstandene  Aphonie  hat  BenncUi  ein  Gar- 
garisma  von  Alaunaullosung,  2 — 5 Drachmen  in  8 — 10  Unzen 
Gerstendecoct,  als  hulfreich  empfohlen. 


-HH 


y 


S.  Gattuns;. 

Lalmning  im  Muskelgebiete  der  sjmpatliisclien  Bahneti. 

✓ 

Schon  einmal  war  ein  richtiger  Weg  fur  die  Auffassung  dieser 
Paralysen  eingeschlagen  worden,  von  Be  Haen,  der  Petit's  (1726) 
und  Winslow's  treflliche  anatomische  Forschungen  zur  Grundlage 
nahm.  „Ergo  nervus  intercostalis  non  oritur  a communi  nervorum 
origine  ad  medullam  oblongatam;  (quern  in  cranio  esse  illius  origi- 
nem  credideramus,  ejus  potius  adscendentem,  et  cranium  intrantem 
ramum  esse,  quam  truncum  descendentem ) sed  in  collo,  thorace  et 
abdomine  a miris  illis  corporibus,  quae  Ganglia  vocant:  corpora 
scilicet  nervis  oriunda,  nervos  commiscentia,  novis  dantia  originem 
nervis  ( Ratio  medendi  T.  III.  p.  104.  107).  Allein  Be  Haen  land 
keine  Nacbfolger.  Dagegen  erfreuten  sich  im  Anfange  unsers  Jahr- 
hunderts  Bichat's  und  spaterhin  Reil's  Hypothesen  iiber  den  Sym- 
pathicus  einer  schwarmerischen  Aufnahme,  und  wurden  von  ieicht- 
glaubigen  Aerzten,  ja  von  Mesmer's  Adepten  bis  zu  aberwitziger 
Interpretation  ausgebeutet.  Der  Sympathicus  ward  der  Siindenbock 
der  Ignoranz.  Da  nahm  die  neuere  Pbysiologie  sich  seiner  wieder 
an,  riiumte  ihm  jcdocli  nur  mcdiatisirte  Rechtc  ein,  bis  in  unsern 
Tagen  seine  Selbstiindigkeit  durch  neue  Untcrsuchungen  vom  ana- 
tomischen  und  physiologischen  Standpunkte  aufgekliirt  worden  ist 
(Vgl.  Bidder  und  Volhmann  die  Selbstiindigkeit  des  sympathischen 
Nervcnsystems  durch  anatomische  Untersuchungen  nachgewiesen. 
Leipzig  1842.  Bidder  Erl'ahrungcn  iiber  die  functionclle  Selbstiin- 

48* 


72  6 


LAIIMUNG  S YMP ATIIIS  CHER  NERVEN. 


digkeit  des  sympalhischen  Nervensystems  in  Muller’s  Archiv  etc. 
1844.  S.  359,  Kolliker  die  Selbstandigkeit  und  Abhangigkeit  des 
sympathischen  Nervensystems  durch  anatomische  Beobachtungen  be- 
wiesen.  Zurich  1845).  Seine  Ganglien  und  die  in  denselben  von 
einem  Theil  der  Ganglienkugeln  entspringenden  Nervenfasern  ( Kol- 
liker S.  28)  sichern  ihm  die  Selbstandigkeit:  es  sind  Centralorgane, 
von  wo  aus  sowohl  die  unmittelbare  als  reflectirte  Erregung  der 
motorischen  Nerven  erfolgt.  Henle's  Beobachtung,  die  durch  KoUi- 
her’s  Versuche  an  Thieren  bestatigt  worden  ist,  giebt  schon  ein 
Zeugniss:  getrennte  Darmstucke  gerathen,  so  lange  sie  noch  mit 
dem  Gekrose,  also  mit  vielen  Ganglien,  in  Verbindung  stehen,  auf 
localen  Reiz  in  ausgedehnte  Bewegungen,  dagegen  sie,  wenn  das- 
selbe  entfernt  ist,  nur  noch  ortlich  sich  contrahiren.  Toxicologische 
Beobachtungen  documentiren  ebenfalls  die  Selbstandigkeit  des  Sym- 
pathicus.  Yergiftung  mit  Tabak,  mit  Arsenik  paralysirt  die  Herz- 
nerven,  unterbricht  den  Kreislauf,  wahrend  die  Athembewegungen 
fortdauern.  Das  strychninhaltige  ostindische  Gift  Upas  Antiar  wirkt 
ahnlich.  Dagegen  das  westindische  Pfeilgift,  Urali,  auch  Wurali, 
Woorara  genannt,  dessen  wirksamster  Bestandtheil  nach  Robert 
Schomburgk’s  in  Gujana  angestellten  Untersuchungen  aus  der  Rinde 
der  Strychnos  toxifera  gewonnen  wird  (Vgl.  Froriep’s  neueste  Notizen 
Bd.  XXII.  April  1842.  No.  465  und  466),  die  respiratorischen 
und  willkuhrlichen  Bewegungen  lahmt,  wahrend  die  Herzaction 
fortdauert  und  durch  kiinstliches  Athmen  unterhalten  werden  kann. 
Hieriiber  hatten  schon  Bro die’s  genaue  Versuche  Aufschluss  gege- 
ben  (Experiments  and  observations  on  the  different  modes  in  which 
death  is  produced  by  certain  vegetable  poisons  in  Philosoph.  trans- 
actions 1811.  Part  I.  p.  186  und  1812.  Part  I.  p.  208),  aus  de- 
nen  noch  hervorgeht,  dass  in  den  verschiedenen  Thierklassen  die 
Gifte  nicht  gleichmassig  wirken:  so  pravalirt  beim  Ilunde  die  Wir- 
kung  des  Arseniks  auf  das  Ilerz  fiber  die  Wirkung  auf  das  Gehirn, 
beim  Kaninchen  umgekehrt. 

Diese  Ganglien  sind  nun  auch  eine  Quelle  fur  Kriimpfe  und 


LAHMUNG  S YMP ATHIS CHER  NERVEN.  727 

Lahmungen,  urspriingliche  und  reflectirte,  der  sogenannten  unwill- 
kiihrlichen  Muskeln.  Die  Beobachtungen  am  kranken  Menschen  er- 
geben,  dass  die  sensibeln  Fasern  des  Sympathicus  ihren  Reflexein- 
lluss  sowohl  auf  nahgelegene  als  auf  entferntere  Ganglien  iibertra- 
gen  konnen.  So  bleibt  paralytische  Immobilitat  auf  einzelne  Strek- 
ken  des  Darmkanals  beschriinkt  (S.  weiter  unten),  und  die  oft  schmerz- 
liaften  Anstrengungen  der  obern  Partie  geben  der  Affection  einen 
spastischen  und  neuralgischen  Anstrich.  Im  Darmbrande  dagegen 
erstreckt  sich  der  paralysirende  Eindruck  auch  auf  die  Herznerven. 
Die  Selbstandigkeit  des  Sympathicus  stellt  sich  in  diesen  gefahrlichen 
Zustanden  durch  die  Integritiit  des  cerebro  - spinalen  Apparats,  in 
seiner  sensibeln  und  motorischen  Sphare,  recht  deutlich  heraus. 
Nur  ist  leider  der  Mangel  solcher  Reobachtungen  am  Lebenden, 
von  welchen  man  Aufklarung  in  dem  dunkeln  Gebiete  erwarten 
kann,  noch  driickend.  Ob  die  pathologische  Anatomie  mit  ihren 
jetzigen  Hulfsmitteln  einen  befriedigenden  Aufschluss  gewahren 
wird,  steht  dahin,  da  auch  im  Gehirn  und  Ruckenmark  die  Reflex- 
neurosen,  und  diese  sind  es,  fur  welche  der  Sympathicus  mit  seinen 
Ganglien  den  fruchtbarsten  Roden  giebt,  weder  durch  Messer  noch 
Mikroskop  unsrer  Kenntniss  naher  geruckt  sind. 

Allein  die  Selbstandigkeit  des  Sympathicus  stellt  ihn  nicht  ausser 
alle  Reziehungen  zum  Cerebrospinalsystem : im  thierischen  Haus- 
halte  gab  die  gottliche  Vorsehung  Schutz  vor  unumschrankter  Herr- 
schaft,  und  selbst  unsere  Lehre  von  den  Nerven  hat  einen  freien 
Aufschwung  genommen,  seitdem  die  despotische  Autokratie,  welche 
die  Alten  dem  Gehirne  eingeraumt  hatten,  gesturzt  worden  ist. 
Schon  in  der  Structur  geben  sich  die  Wechselbeziehungen  kund: 
es  lassen  sich  sowohl  vom  Gehirn  und  Riickenmark  an  den  Sym- 
pathicus gehende  Nervenfasern  nachweisen,  als  Fasern  von  den  sym- 
pathischen  Ganglien  an  die  Spinalnerven.  Auch  fehlt  es  nicht  an 
bekannten  Lebenserscheinungen  gesunder  und  kranker  Menschen, 
welche  den  gegenseitigen  Einlluss  bezeugen:  nur  auf  einige  weniger 
gewiirdigte,  aus  dfem  Rereiche  der  Paralysen  mag  bier  aufmerksam 


728 


LAIIMUNG  SYMPATHISCIIER  NERVEN. 


gemacht  werden.  Aus  der  chirurgischen  Erfahrung,  der  die  Ner- 
venpathologie  eine  wegen  der  Unbefangenheit  der  Beobachter  um 
so  griindlichere  Forderung  verdankt,  entlehne  ich  die  Schilderung 
eines  Zustandes,  der  zuweilen  nach  gewaltigen  Verletzungen  eiatritt, 
und  den  von  cerebrospinalen  Nerven  auf  sympathische  Nerven  und 
Ganglien  fortgeleiteten  lahmenden  Eindruck  veranschaulicht.  Travers 
hat  ihn  Prostration  ohne  Reaction  genannt  (Vrgl.  sein  ausgezeichnetes 
Werk  : an  inquiry  concerning  that  disturbed  state  of  the  vital  functions 
usually  denominated  constitutional  irritation.  2.  edit.  London  1827. 
p.  106).  Sinken  und  Verschwinden  des  Arterienpulses,  schwacher, 
llatternder  Herzschlag,  Kiilte,  Blasse,  livide  Schattirung  der  Backen 
und  Lippen,  kalter  Schweiss,  Schaucler,  Erweiterung  der  Pupillen, 
Schmerzlosigkeit,  Mangel  an  Angst  und  Beklemmung,  Apathie, 
freies,  obgleich  etwas  erstarrtes  Bewusstsein,  zuletzt  Sopor,  er- 
schwerte  Respiration,  Erschlaffung  der  Sphincteren,  Convulsionen, 
sind  die  hervorstechendsten  Ziige.  Die  Dauer  erstreckt  sich  von 
8 — 12 — 24  Stunden  auf  zwei  und  drei  Tage.  Unter  den  Verlet- 
zungen sind  am  haufigsten  grosse  Verbrennungen  Anlass.  Vor 
zwanzig  Jahren  wurde  ich  zu.  der  dreissigjahrigen  Frau  eines  Brannt- 
wein-Destillators  gerufen,  welche  eines  Morgens  beim  Abzapfen  des 
Spiritus  zu  nahe  mit  dem  Lichte  gekommen  war,  mid  bei  der  Be- 
sturzung  den  Hahn  des  Fasses  zu  schliessen  vergessen  hatte.  Der 
brennende  Weingeist  iibergoss  sie  in  einem  Strome  und  versengte 
fast  die  ganze  Hautflache.  Augenblicklich  trat  Eiskalte  und  Puls- 
losigkeit  in  beiden  Radialarterien  ein.  Der  Bauch  trieb  auf,  Stuhl 
und  Ilarn  blieben  verhalten.  Das  Bewusstsein  war  vollkommen 
frei  — auf  jede  Frage  erfolgte  Antwort  — die  Ungliickliche  dictirte 
selbst  einem  Gerichtsbeamten  ihren  letzten  Willen.  Kurz  vor  dem 
Tode,  der  acht  Stunden  nach  der  Verbrennung ' erfolgte,  stelltc  sich 
Coma  und  Dyspnoe  ein  (Vgl.  mehrere  Fiille  bei  Travers  p.  63 — 80). 
Zertrummerung  der  Knochen  und  Zerreissung  der  Weichgcbilde 
haben  zuweilen  ahnliche  Folgen.  So  erzahlt  Travers  von  einem 
dreizehnjahrigen  Knaben,  dem  die  Ladung  ciner  Muskete  in  den 


LAIIMUNG  SYMPATHISCIIER  NERVEN.  720 

Oberschenkel  gedrungen  war,  mid  dessen  Radialpuls  sofort  stillstand. 
Das  Gesicht  war  blass,  die  Haut  kalt,  die  Pupillen  in  einem  Grade 
erweitert  wie  nach  Application  der  Belladonna.  Er  hatte  Hang  zur 
Betaubung,  war  aber  vollkommen  bei  sich  sobald  man  ihn  weckte, 
klagte  uber  keinen  Scbmerz,  hatte  einen  unersattlichen  Durst,  und 
starb  miter  Zunahme  der  Betaubung  neun  Stunden  nach  der  Ver- 
letzung.  Der  Trochanter  und  das  Schenkelbein  waren  zersplittert, 
die  Muskeln  und  die  Schenkelarterien  zerrissen.  Der  Bluterguss 
uiibedeutend,  aucli  wahrend  des  Lebens , die  Enden  der  Arterie 
standen  fast  2 Zoll  von  einander  ab  und  waren  contrahirt.  In  der 
Schadel-,  Brust-  und  Bauchhohle  fand  sich  nichts  Abnormes  vor. 
Auch  nach  Operationen , zumal  Steinschnitt  bei  Kindern  ( Travers 
p.  89),  hat  man  diesen  Zustand  beobachtet. 

Ich  habe  zuvor  der  anatomischen  Thatsache  erwiihnt,  dass  sym- 
pathische  aus  Ganglien  stammende  Nervenfasern  an  cerebrospinale 
Nerven  gehen  und  mit  diesen  verlaufen  (Vgl.  Volkmann  I.  c.  S.  84). 
Man  hatte  ihnen  einen  unmittelbaren  Einlluss  auf  die  Ernahrung 
eingeraumt,  so  wie  im  Allgemeinen  den  Namen  „vegetaliver,  orga- 
nischer  Nerv“  fiir  gleichbedeutend  mit  „sympathischer  Nerv“  gebraucht. 
Aucli  fur  diese  Ansicht  verdankt  man  neuern  Untersuchungen,  zu- 
mal Henle’s  und  Valentin's,  eine ' durchgreifende  Reform,  und  was 
man  sonst  der  directen  Nerveneinwirkung  auf  Stoffwechsel,  Secre- 
tion u.  s.  f.  zuschrieb,  wird  mit  mehr  Recht  von  dem  Einllusse 
der  Nervenfasern  auf  die  contraction  Elemente  der  Gefasse  herge- 
Ieitet,  so  wie  iiberhaupi  die  Kenntniss  contractiler,  dem  Gebote  der 
Vorstellungen  entruckter  Elemente,  fur  welche  der  Sympathicus  eine 
motorische  Quelle  hergicbt,  fortgeschritten  ist.  In  dieser  Bezichung 
vcrdient  die  Haut  voile  Beriicksichtigung,  und  es  ist  in  der  That 
befremdend,  dass  in  der  Veterinarkunde  ilircm  Turgor,  Tonus  etc. 
mehr  Aufmerksamkeit  zu  Theil  wird,  als  in  Krankheiten  der  Men- 
schen.  Ich  habe  beim  Darmbrande,  wo  eine  Paralyse  des  Sympa- 
thicus  unverkcnnbar  ist,  eine  ahnliche  Beschaflfenheit  der  Haut  bc- 
obaclitet  wie  in  der  asiatischcn  Cholera.  Die  Haut  fuhlt  sich  teigig, 


730  lAhmung  sympathischer  nerven. 

wie  weicher  Thon  an,  und  bleibt,  wenn  man  sie  am  Unterleibe 
oder  am  Halse  in  die  Hohe  hebt,  in  einer  teigigen  und  tragen,  nur 
langsam  verstreichenden  Falte  stehen  (Vgl.  Romberg : einige  prak- 
tische  Bemerkungen  iiber  asiatische  Cholera  in  Casper’s  Wochen- 
schrift  fur  die  ges.  Ileilk.  1833.  S.  770). 

Der  schwiichende  und  lahmende  Einfluss,  welchen  Storungen  in 
der  Thatigkeit  sympathischer  Nerven  durch  Reflexwirkung  mittelst 
des  Riickenmarks  auf  cerebrospinale  Bahnen  ausiiben,  wird  in  der 
Exposition  der  Spinallahmungen  naher  erortert  werden. 


■ i 


Lahmung 

im  Bereiche  der  Herznerven. 

% 

Mit  der  von  Le  Gallois  behaupteten  Abhangigkeit  der  Herz- 
action  vom  Riickenmarke  stand  noch  immer  die  bekannte  Erschei- 
nung  der  Pulsation  sowohl  des  herausgeschnittenen  als  des  nach 
Zerstorung  des  Riickenmarks  in  seinem  Zusammenhange  gelassnen 
Herzens  in  Widerspruch.  Bidder  sah  bei  Froschen,  denen  schon 
mehrere  Wochen  zuvor  das  Riickenmark  zerstort  worden  war,  nach 
Eroffhung  der  Brusthohle  das  Herz  eben  so  haufige  und  anschei- 
nend  eben  so  kraftige  Contractionen  machen,  wie  bei  Thieren,  die 
er  so  eben  erst  decapitirt  hatte:  ja  in  einem  Falle,  wo  nach  Ent- 
fernung  des  Riickenmarks  schon  26  Tage  verstrichen  waren,  machte 
das  Herz  40  Schlage  in  der  Minute,  wiihrend  ein  daneben  befind- 
Iiches,  unversehrt  gebliebnes  Thier  nur  35  Herzcontractionen  in  der- 
selben  Zeit  zeigte.  Aehnlich,  aber  nur  kiirzere  Zeit  hindurch  ver- 
hielt  es  sich  auch  nach  Vernichtung  des  Gehirns  oder  beider  Cen- 
tra zugleich.  (Muller's  Archiv  etc.  1844.  S.  371.).  Durch  Re- 
male's  Entdeckung  kleiner  Ganglien  an  den  feinsten  Verzweigungen 
der  Neryen  in  der  Substanz  des  Herzens  war  jene  Annahme  noch 
mehr  erschiittert,  und  die  physiologische  Deutung  der  Selbstandig- 
keit  dieser  Nerven  vorbereitet  worden.  (S.  Casper's  Wochenschr. 
fur  die  gesammte  Ileilk.  1839.  S.  149.)  Versuche  an  lebenden 
und  frisch  getodteten  Thieren  (vgl.  dieses  Lchrbuches  S.  378)  schie- 


732 


1IERZLAIIMUNG. 


nen  zwar  cinige  Zweifel  aufkommen  zu  Iassen,  allein  Volltmann 
hat  nachgewiesen,  class  auch  ohne  alle  Reizung  peripherischer  Ner- 
ven  oder  der  Centralorgane  in  der  Mehrzahl  der  Fiille  das  Herz 
Frisch  getoclteter  Thiere  sich  sehr  ungleichmiissig  bewegt,  und  selhst 
nachdem  es  langre  Zeit  nicht  pulsirt,  ohne  aussern  Anlass  die  Be- 
wegung  wieder  aufnehme  ( Muller's  Archiv  etc.  1842.  S.  373). 
So  hat  auch  derselbe  ausgezeiclmefe  Forscher  beohachtet,  dass  zwar 
das  ausgeschnittne  Herz  von  Froschen  in  seiner  Totalitat  vollkommne 
Bewegungen  vollfuhrte,  dass  jedoch  bei  gewissen  Verletzungcn 
augenblickliche  Ruhe  einzelner  Theile  eintrat,  demnach  es  im  Com- 
plex der  Herznerven  gewisse  Punkte  giebt,  von  welchen  die  Im- 
pulse ausgehen,  und  ohne  welche  niemals  Bewegungen  erfolgen 
konnen  ( Muller's  Archiv  etc.  1844.  S.  424  — 429).  Kolliker  hat 
gefunden,  dass  cliejenige  Stelle  der  Centralheerd  ist,  wo  Kammern 
und  Vorkammern  an  einander  stossen,  denn  wenn  man  ein  Herz 
in  kleine  Stiicke  schneidet,  so  pulsiren  nur  die  von  dieser  Stelle 
hergenommenen  Tort,  die  andern  nicht.  (Die  Selbstandigkeit  und 
Abhangigkeit  des  sympathischen  Nervensystems.  S.  36).  In  patho- 
logischer  Beziehung  sind  einige  von  Marshall  Hall  angestellte  Ex- 
perimente  von  Wichtigkeit.  Nach  Zerstorung  des  Gehirns  und 
Riickenmarks  schlug  das  Herz  eines  Aals  noch  kraftig  GOinal  in  der 
Minute.  Als  man  auf  den  Magen  mit  einem  Hammer  aufschlug, 
stockte  augenblicklich  die  Bewegung  des  Herzens  und  blieb  mehrere 
Secunden  aus.  Dann  erfolgte  eine  Contraction,  nach  langem  Inter- 
valle  eine  zweite,  allmahlich  kehrte  die  voile  Action  zuriick 
(On  the  diseases  and  derangements  of  the  nervous  system  p.  128). 
Auf  ahnliche  Weise  folgt  beim  Menschen  Lahmung  der  Herznerven 
und  schneller  Tod  nach  gewaltsamen  Verletzungen  des  Untcrleibs, 
Schlag  auf  die  Magengegend  etc.  Langsamer  stellt  sich  diesc  Wir- 
kung  beim  Darmbrand  ein:  die  Contractionen  des  Herzens  werden 
immcr  schwacher,  unregelmassig,  aussetzend,  vermogen  nicht  melir 
das  Blut  weit  zu  treiben,  dalier  die  Pulslosigkeit  entfernter  Arte- 
rien,  der  Radialis,  der  Poplitea,  die  Kalte , das  blaugraue  Coloril. 


HERZLAHMtftVG. 


733 


lUnd  hiermit  bildet  die  psychische  Integritat,  die  fortdauernde  cere- 
brospinale  Empfindung  und  Bewegung  einen  grellen  Contrast. 

Temporare  Leitungsunfahigkeit  der  motorischen  Herznerven,  die 
mit  dem  Leben  bestehen  kann,  giebt  sich  durch  Immobilitiit  des 
(Herzens,  durch  Intermissionen  seines  Impulses  und  seiner  Tone 
kund.  Eine  sehr  instructive  Beobachtung , welche  durch  die  vorher 
.gestellte  Diagnose  um  so  grosseres  Interesse  erregt,  ist  von  Herrn 
Dr.  Heine  mitgetheilt  worden  ( Muller’s  Archiv  etc.  1841.  S.  234 
- — 247).  Der  Kranke,  ein  Mann  von  36  Jahren,  welcher  im  Wie- 
ner Krankenhause  Rath  suchte,  klagte  iiber  eine  Beschwerde  be- 
^sonderer  Art,  dass  ihm  otter  das  Herz  stillstehe,  was  man 
als  eine  von  den  vielen  Klagen  der  Hypochondristen  hinnahm.  Al- 
lein  schon  bei  der  nachsten  Visite  rief  er  zum  Augenscheine , und 
wirklich  war  von  Puls  - imd  Herzschlag  fur  4 — 6 Schlage  nichts 
zu  fiihlen.  Der  Anblick  des  Kranken  bezeugte,  dass  wahrend  des- 
sen  Schreckiiches  in  ihm  vorgehen  miisse:  wie  angedonnert  (atto- 
nitus)  sass  er  da,  sprach-  und  bewegungslos , mit  weit  geoffiieten 
Augen,  bei  vollem  Bewusstsein.  Dariiber  befragt,  was  er  gleich- 
zeitig  fuhle,  erklarte  er  sich  sehr  bestimmt,  dass  er  eine  Secunde, 
oft  liinger,  ein  Vorgefiihl  des  werdenden  Stillstandes  durch  eine 
innere  Unruhe  und  Brustbeklemmung  habe,  dass  mit  dem  Stillste- 
hen  des  Herzens  sich  zu  beiden  Seiten  der  Brust  nach  dem  Halse 
bin  ein  heftiger  Schmerz  einstelle,  welcher  das  Genick  hinauf  in 
den  Kopf  eile,  und  in  letzterem  auch  noch  einige  Zeit  nacli  dem 
Anfalle  fixirt  bleibe,  wahrend  er  eine  druckende  Beschwerde  im 
Genicke,  wenn  die  Anfalle  sich  otter  einstellten,  fast  gar  nicht  los 
werde.  Ausser  Leidenschaften  wisse  er  nichts  Besonderes,  was  die 
Anfalle  otter  veranlasse;  auch  halte,  ohne  ihm  bekannlen  Grund, 

t 

das  Uebel  unregelmassige  Perioden,  wo  es  viel  otter,  den  Tag  10 
— 12  Mai  eintrete,  und  dann  wieder  einige  Wochen  aussetze,  seit 
einem  halben  Jahre  vermchrten  sich  die  Anfalle  auffallend.  Wenn 
der  Herzschlag  unter  einem  Seufzer  des  Kranken  wiederkehrte , so 
war  ausser  einer  grosseren  Sclmelle  der  ersten  Schlage  keine  Ver- 


734 


HERZLAIIMUNG. 


anderung  an  ihm  zu  bemerken,  wie  auch  die  genaueste  Untersu- 
chung  des  Herzens  ausser  den  Anfallen  den  Rhythmus,  die  Tone 
und  den  Umfang  normal  erwies.  Dabei  hustete  er  mit  leichtem 
Auswurfe,  klagte  auch  ofters  iiber  Schwindel,  wich  aber  den  Fra- 
gen  danach  als  Kleinigkeiten  immer  aus,  um  auf  seine  Herzkrank- 
heit  zuruckzukommen.  Gegen  Abend  fieberte  er  leicht,  lilt  jedoch 
nie  an  Athem-Beschwerden,  konnte  auf  beiden  Seiten  liegen,  Trep- 
pen  ohne  Beschwerde  steigen,  und  veranderte  im'  Anfalle  sein  Ge- 
sicht  nicht  zur  congestiven  Rothe,  noch  suffocativen  Blaue,  sondern 
zum  Blassen.  Die  Anfalle  hauften  sich  allmahlich  immer  mehr, 
hielten  langer  an,  der  Kopf  und  Nackenschmerz  verliessen  ihn  nicht 
mehr;  er  verfiel  yon  Tag  zu  Tag,  konnte  das  Bett  nicht  mehr  vor 
Schwindel  verlassen,  und  starb  in  soporosem  Zustande,  welcher 
einige  Tage  gewiihrt  hatte.  Dr.  Heine  hatte  den  Kranken  mit 
Rokitansky  und  Skoda  wiederholt  untersucht,  und  bei  der  Integri- 
ty der  Respiration,  der  Herzbewegung , der  Wirbelsaule  und  der 
iibrigen  Cervicalnerven , beim  Mangel  jeder  sonstigen  paralytischen 
Erscheinung  die  Krankheit  als  abhangig  von  einer  pseudoplastischen 
Geschwulst  an  den  obern  Halsgeflechten  oder  an  den  Herznerven 
mit  Hypertrophie  des  Cervical  - Riickenmarkes  diagnosticirt.  Die 
Section  wurde  von  Rokitansky  unternommen.  — Von  den  das 
Herznervengeflecht  bilclenden  schlalfen,  blassgraulichen  Strangen  war 
der  aus  dem  Geflecht  zwischen  der  Aorta  descendens  und  Arteria 
pulmonalis  aufsteigende  Nervus  cardiacus  magnus  unter  ihrem 
Bogen  in  einen  haselnussgrossen  schwarzen  Knoten  eingewebt,  imd 
vor  seinem  Eintritte  in  denselben  verdickt.  Die  auf  der  vordern 
Seite  des  linken  Bronchus  zum  Lungendechte  herabsteigenden 
Zweige  des  linken  Vagus  zeigten  sich  auf  ahnliche  Weise  von  einer 
unterliegenden , knotigen,  schwarzblauen  Lymphdriise  gezerrt.  Im 
Herzbeutel  zwei  Drachmen  Serum,  das  Ilerz  von  angemessncr 
Grosse,  zalie;  in  seinen  Vorhofen  so  wie  in  den  grossen  Gefassen 
llussiges  Blut.  Die  Bronchialdriisen  so  wie  die  Lymphdrusen  Icings 
den  Mammariis  intends  und  hinter  den  grossen  Gefassstammen  wa- 


IIERZLAHMUNG. 


735 


•en  in  schwarzblaue , derbe,  von  Kalkconcrementen  durchwebte 
hvnoten  verwandelt.  Ein  solcher  von  der  Grosse  einer  Bohne  unter- 
>rach  den  rechten  Nervus  phrenicus  in  der  Mitte  seines  Verlaufs 
m der  Lungemvurzel.  Der  Nerv  war  bis  auf  einen  iiber  die  Ober- 
liiclie  des  Knotens  hinstreichenden  neurilematischen  Rest  ganz  in 
denselben  verwebt,  oberhalb  dick,  unterhalb  um  \ diinner.  Das 
'Ganglion  solare  war  sehr  gross,  in  einen  blassrothen  gefassreichen 
/Zellstoff  gehiillt.  Zwischen  den  Riickenmarkshauten  war  graufarb- 
les  Serum  angesammelt.  Die  Arachnoidea  spinalis  war  mit  Hirse- 
iorn-  bis  linsengrossen  Knochenplatten,  besonders  im  obern  Lumbar- 
md  Dorsaltheile  besetzt,  die  Pia  mater  blutreich,  ihre  Gefasse  aus- 
^edehnt,  das  Mark  gross  und  dick,  besonders  seine  Cervicalportion 
iiiuffallend  voluminos;  seine  Substanz  durchaus  weich,  die  graue 
^ehr  blass,  die  markige  blendend  weiss.  Die  Gehirnwdndungen  wa- 
rren abgeplattet.  Die  Gehirnrinde  diinn  aufgetragen,  das  Mark  teig- 
lrtig,  die  Seitenhohlen  ungemein  ausgedehnt,  in  denselben  vier  Un- 
z«en  klaren  Serums  angesammelt.  Die  linke  Hemisphare  des  kleinen 
(Gehirns  gross,  an  ihrem  hintern  Rande  von  zahlreichen  an  der 
(Granze  ilirer  Marksubstanz  gegen  die  feinen  Hirnhaute  sich  ein- 
senkenden,  meist  hanfkorn-  bis  erbsengrossen , gelblichen,  speckigen 
‘Tuberkeln  durcbsaet;  das  Mark  dieser  Hemisphare  mit  Ausnahme 
< des  Crus  cerebelli  ad  corpus  quadrigeminum  blass  gelblich  gefarbt 
i und  erweicht.  Der  Vermis  cerebelli  inferior  so  wie  die  Medulla 
mblongata  waren  nach  links  gedriingt,  die  Erhabenheiten  am  Schadel- 
.grunde  stark  ausgedriickt,  die  linke  hintreGrube  etwas  geraumiger.  Die 
'Schleimdriise  in  dem  vordern  Lappen  platt  gedriickt,  der  hintre  Lappen 
.grosser,  rundlich  geformt,  seine  Substanz  dunkelrostfarben  und  breiig 
aufgelockert;  die  denselben  an  den  vordern  bindende  Zellschicht  sulzig 
iinfiltrirt.  Die  Felsenknochen  an  ihrer  vordern  Flache,  und  zwar 
'unter  dem  aussern  Theile  des  Ganglion  Gasseri  rauh  und  siebfor- 
mig;  ahnliche  solche  Stellen  zeigten  sicli  auf  den  grossen  Fliigeln 
des  Keilbeins.  — Beide  Lungen  waren  aufgedunsen,  grobzellig, 
blutreich,  dabei  stellenweise  odematos,  in  der  Spitze  besonders  lin- 


730 


HERZLAIIMUNG. 


kerseits  in  einem  betrachtlichen  Umfange  zu  einer  schwarzlich 
blauen,  von  schmieriger  Kalkmaterie  durchwebten,  derben,  knotigen 
Masse  verdichtet.  Eine  ahnliche  h'uhnereigrosse  Stelle  land  sich 
aucli  im  rechten  obern  Lappen  gegen  sein  vorderes  untcres  Ende. 

Der  Einlluss  andrermit  sympatbisclien  Fasern  versehenen  Organe 
auf  temporiire  Unterbrecliung  der  Leitung  motorischer  Herznerven 
bietet  sich  dem  Arzte  oft  genug  dar,  besonders  bei  Affectionen 
des  Darmkanals.  Intermissionen  des  Herz-  und  Pulsschlages  be- 
gleiten  biliose  Ansammlungen,  Helminthiasis,  kritische  Diarrhoe,  ge- 
hen  dem  Ausbruche  von  Darmblutungen  voran. 

Auch  vom  cerebrospinalen  Systeme  geht  nicht  selten  eine  liih- 
mende  EinwirkUng  auf  die  Herznerven  aus.  Bei  gewaltsamen  Ver- 
letzungen  der  Rumpfglieder  steht  zuweilen  das  Herz  still  ( Mar- 
shall Hall  a.  a.  O.).  Haufiger  geschieht  es  bei  heftigen  Gemiiths- 
affecten  und  Kopfverletzungen  mit  Erschiitterung  des  Gehiriis,  wo 
erst  nach  einiger  Zeit,  wenn  der  Tod  nicht  schnell  erfolgt,  durch 
die  wieder  angefachte  Thiitigkeit  des  Herzens  Reaction  eintritt. 
Aehnlich  ist  der  Zustand  der  Ohnmacht,  auf  deren  Sckilderung 
(in  der  vierten  Abtheilung)  ich  verweise.  Beispiele  von  Verletzun- 
gen  und  Krankheiten  des  Riickenmarks,  in  denen  ein  paralysiren- 
der  Einlluss  auf  das  Herz  beobacktet  worden  ist,  sind  mir  un- 
bekannt. 

Der  Antheil  des  B lutes  an  der  motorischen  Action  des  Her- 
zens, sei  er  auch  nur  durch  die  Nerven  vermittelt,  macht  sich  nicht 
bloss  in  Bezug  auf  den  Krampf  (S.  S.  380),  sondern  auch  auf  die 
Lahmung  geltend.  Die  danach  benannte  asphyktische  Cholera 
giebt  einen  Beleg,  deren  Symplome  in  dieser  Hinsicht  mit  denen 
des  Darmbrands  viel  Aehnhchkeit  haben.  Der  specifische  Einlluss 
gewisser  ArzneistolTe  auf  Verlangsamung  und  tcmponire  Unterbre- 
chung  dcr  Herzthatigkeit,  der  Digitalis,  Nicotiana,  des  Arseniks,  (Sub- 
limats  bei  Frbschen  nach  Budge  allgem.  Pathol.  S.  139)  liisst  sich 
aus  der  combinirten  Wirkung  des  Blutes  und  der  Nervenenergie 
deuten.  Die  von  Henry , Muller  und  Valentin  angestelllen  Versuche 


HERZLAHMUNG. 


737 


rgeben,  (lass  wenn  ein  noch  pulsirendes  Froschherz  aufgeschnitten 

nd  die  innere  Oberflache  der  Kammerwandung  mit  wiissriger 

Opiumtinktur  bestrichen  wird,  die  Contraction  des  Ventrikels  augen- 

ilicklich  aufhdrt  und  selbst  nicht  (lurch  Einleitung  stiirkerer  galva- 

ischer  Strome  wieder  hervorgerufen  werden  kann  ( Valentin  Lehr- 

iucIi  der  Physiologie  des  Menschen.  2.  B.  S.  60.). 

9 


% 


Liilimung 

im  'Bereiche  der  Nerven  des  Darmkanals. 


Mit  den  paralytischen  Affectionen  des  unter  cerebrospinaler 
Herrschaft  stehenden  Ein-  und  Ausgangs  des  contraction  Nahrungs- 
schlauches  ist  man  bekannter  als  mit  der  Lahmung  des  zwischen- 
liegenden  Apparats,  dessen  Bewegung  grosstentheils  von  sympathi- 
schen  Fasern  abhangig  ist. 

/ • 

Ijaliiitung-  ties  Scltliuides  und  dei*  Speiserolire. 

Dysphagia  paralytica. 

Die  Schwierigkeit  oder  Unmoglichkeit  des  Schlingens  tritt  plotz- 
lich  oder  allmahlich  ein.  Der  Durchgang  sowohl  fester  als  fl'ussi- 
ger  Dinge  wird  verhindert.  Regurgitation  findet  nicht  statt;  der 
Kranke  sieht  sich  genothigt  mit  Hiilfe  der  Finger  den  im  Schlunde 
steckenden  Bissen  heraufzufdrdern,  was  um  so  miihsamer  geschieht, 
weil  derselbe  von  Schleim  durchweicht  ist,  der  zum  Einspeicheln 
nicht  verwendet  in  grosser  Menge  sich  ansammelt,  und  aus  dem 
Munde  fliesst.  Beim  Trinken  entstehen  Suffocationszufalle,  wenn  nicht 
durch  Riickwartsbiegen  des  Kopfes  das  Eindringen  der  Flussigkeit 
in  die  Glottis  vermieden  wird.  Die  Einfiihrung  der  Schlundsonde 
triflt  auf  kein  Hinderniss.  Fast  imrner  ist  die  Sensibilitat  erhalten; 
der  Kranke  fuldt  die  Erschwerung  des  Schluckens  und  die  Stelle, 
wo  der  Bissen  stecken  bleibt.  Zuweilen  ist  die  Sensibilitat  selbst 


SCHLUNDLAIIMUNG. 


739 


gesteigert,  das  GeTuhl  eines  driickenden  zusammenschnurenden  Kor- 
pers  im  obern  Theile  des  Halses  vorhanden.  Abmagerung  findet 
sich  spa  t er  ein,  jedoch  nicht  in  so  betrachtlichem  Grade  wie  bei 
Carcinom  des  Sclilundes. 

Nur  selten  hat  die  Ursache  der  Schlundlahmung  in  der  peri- 
pherischen  Bahn  des  Vagus  und  Accessorius  ihren  Sitz:  ein  Paar 
Beispiele  sind  oben  angeliihrt.  Gewohnlich  ist  die  Statte  central, 
im  Halstheil  des  Riickenmarks  oder  im  Gehirn.  Andre  paralytische 
Affectionen  sind  Begleiter.  Bei  Spondylarthrocaze  der  Halswirbel, 
bei  Myelitis  cervicalis  ist  Lahmung  der  obern  Extremitaten,  oder 
der  Stimm-  und  Athembewegungen,  oder  Paraplegie  mit  vorhanden. 
Ollivier  theilt  den  Fall  eines  ein  und  zwanzigjahrigen  Studenten 
mit,  dessen  Krankheit  mit  Schlingbeschwerden  anfing,  und  mit  der 
Empfindung  eines  fremden  im  liaise  steckenden  Korpers,  der  Uebel- 
keit  und  Erbrechen  veranlasste,  wie  bei  Geschwulst  des  Zapfchens. 
Die  ortliche  Untersuchung  ergab  nichts  Abnormes.  Dabei  heftige 
Schmerzen  im  Genicke  und  erschwerter  zischender  Athem,  Kribbeln 
und  Erstarrung  zuerst  in  den  Fingern  der  linken  Hand,  dann  im 
Arme,  spaterhin  auch  in  der  rechten  obern  Extremist.  Die  Lah- 
mung entwickelte  sich  vollstandig.  Die  untern  Extremitaten  blie- 
ben  frei.  Dysphagie  und  Dyspnoe  nahmen  zu,  und  der  Tod  er- 
folgte  am  achten  Tage.  Bei  der  Section  land  sich  eine  Erweichung 
des  Halstheils  des  Riickenmarks,  welche  besonders  in  der  Bra- 
chialanschwellung  und  in  der  grauen  Substanz  ihren  Sitz  und  einen 
Umfang  von  zwei  Zoll  liatte.  Die  Arachnoidea  war  an  dieser  Stelle 
mit  der  Dura  mater  verwachsen,  und  die  Pia  mater  sehr  dicht  und 
gerothet.  Die  innern  Theile  des  Halses  verhielten  sich  normal 
(Traite  des  maladies  de  la  moelle  epiniere.  3ieme  edit.  T.  II.  p. 
319).  Bei  Krankheiten  des  Gehirns  (Hamorrhagie,  Erweichung) 
mit  Ilemiplegie  kommt  zuweilen  auch  eine  halbseitige  Lahmung 
des  Schlundes  vor;  ich  habe  zwei  Kranke  behandelt,  die  nach  einem 
apopleklischen  Anfalle  auf  der  linken  Seite  gelahmt  ausser  Stande 
waren  den  in  die  linke  Halite  des  Pharynx  gleitenden  Bissen  zu 

It  o in  li  c r$;’s  ?fcn-cnkrniikli.  I.  3.  49 


740 


SCHLXJNDLAITMUNG. 


schlucken.  Bright  fand  in  drei  Fallen  den  Sitz  der  Krankheit  im 
Corpus  striatum  (Reports  of  medic,  cases  vol.  II.  p.  330).  Nach 
heftigen  GemuthsafFecten  ist  zuweilen  in  Verbindung  mit  Stummheit 
oder  Aphonie  Lahmung  des  Schlundes  beobachtet  worden  (Jos. 
Frank  prax.  medic,  univ.  praecepta.  P.  III.  vol.  I.  sect.  II.  p.  126). 

In  der  Behandlung  ist  die  vitale  Indication  durcli  Einbringen 
der  elastischen  Schlundrobre  zu  eiTullen.  Gegen  die*  zu  Grunde 
liegenden  Krankheiten  des  Ruckenmarks,  Gehirns  und  ihrer  Hullen 
sind  ableitende  Mittel,  Fontanellen,  Haarseile  und  der  wiederholte 
Gebrauch  blutiger  Schropfkopfe  in  den  Nacken  am  passendsten. 
Bei  Abwesenheit  entzundlicher  Desorganisation  in  den  Centralappa- 
raten  ist  Strychnin  auf  endermatische  Weise  anzuwenden.  Noch 
mehr  darf  man  sich  nach  vorliegenden  Beobachtungen  von  der 
Elektricitat  versprechen.  Monro  erzahlt  ausser  mehreren  erfolg- 
reichen  Fallen  den  eines  Kranken,  der  nur,  wenn  er  auf  dem  elek- 
trischen  Stuhle  sass,  im  Stande  war  zu  schlucken.  Zu  versuchen 
ist  die  unmittelbare  Reizung  des  Schlundes  und  Oesophagus,  um 
auf  dem  Reflexwege  die  Contraction  der  Muskelfasern  zu  erwecken. 
Die  alteren  Aerzte  empfahlen  zu  diesem  Zwecke  atherische  Oele, 
das  Kauen  scharfer  Stoffe:  der  (S.  380)  mitgetheilte  Fall  vom 
Nutzen  des  Einbringens  einer  an  einem  Drathe  befestigten  silbernen 
Kugel  fordert  zur  Wiederholung  ahnlicher  Versuche  auf. 


D m un gf. 

Aufhoren  der  pcristaltischen  Bewegung  und  widerstandlose  Aus 
dehnung  des  Darmrohrs  von  tropfbaren  und  gasartigen  Flussigkei- 
tcn  (Meteorismus)  sind  die  Merkmale,  an  welche  sich  die  obcn  ge- 
schilderten  Ziige  aufgehobner  Thatigkeit  sympathischer  Nervenheerde 
anschliessen.  So  zeigt  sich  die  Darmlahmung  consecutiv  bei  andern 
Krankheitszustanden,  zunachst  des  Darmkanals  selbst,  Enteritis,  am 


DARMLAHMUNG. 


741 


deutlichsten  bei  dem  Darmbraride,  Peritonitis  intestinalis , Dysenterie, 
bei  Blutentmischungen,  Typhus,  Pldebitis,  bei  entzundlichen  und 
septischen  Puerperalzustanden.  Selbst  oline  solchen  Vorgang  wird 
zuweilen  ein  gefahrdrohend#  Tympanites  puerperalis  beobachtet. 
Krankheiten  des  Gehirns  und  Ruckenmarks  haben  die  Darmlahmung 
nicht  in  ihrer  Begleitung.  Die  bei  Yerletzungen,  zumal  des  Riik- 
kenmarks  sich  so  oft  einfindende  Yerstopfung  und  Auftreibung  des 
Unterleibs  ist  von  der  Paralyse  der  Bauchmuskeln , von  dem  Auf- 
horen  der  Bauchpresse,  abhangig. 

Das  Vorkommen  partieller  Lahmungen  des  Darmkanals  lasst 
sich  mit  Wahrscheinlichkeit  vermuthen.  Schon  ein  anatomischer 
Befund  deutet  darauf  hin:  Erweiterung  einzelner  Partien,  bis  zu 
einem  enormen  Umfang,  mit  Murbheit  und  Erschlaffung  der  con- 
tractilen  Wandungen,  ohne  alle  Verengerung  und  Desorganisation 
unterhalb  der  Ausdehnung.  So  bietet  sich  Erweiterung  des  Ma- 
gens  in  einem  solchen  Grade  dar,  dass  er  fast  die  Bauchhohle  aus- 
fullt,  so  auch  stellenweise  Erweiterung  im  Colon,  im  Dunndarm, 
von  Armsdicke,  welche  letztere  sich  wahrend  des  Lebens  durch 
hartnackige  Yerstopfung  und  durch  die  Symptome  des  Ileus  offen- 
bart,  uber  welche  Abercrombie  lehrreiche  Untersuchungen  ange- 
stellt  hat  ( Pathological  and  practical  researches  on  diseases  of  the 
stomach,  the  intestinal  canal,  the  liver  and  other  viscera  of  the  ab- 
domen. p.  132  — 141).  Auch  die  heilkriiftige  Wirkung  der  gal- 
vanischen  Elektricitat  bekundet  die  paralytische  Unbeweglichkeit  ein- 
zelner Darmstrecken  in  Fallen  dieser  Art  (I.  c.  p.  131),  bei  denen 
Krampf  und  Entzundung  nur  consecutiv  sind. 


Laliimiiig  «Iei*  Aft ei’iitu  skein* 

Die  im  Antagonismus  zu  den  einfachen  Muskelfasern  des  Mast- 
darmes  stehenden  quergestreiften  Fasern  der  Aftcrmuskeln , des 
Sphincter,  des  Levator  ani  und  der  Transversi  perinaei  erhalten 
vom  Riickenmarke  motorischen  Impuls  und  biissen  ihre  Action  ein, 

49  * 


742 


AFTKRL  AI1MUNG . 


sobald  (lurch  Verletzungen  und  Krankheiten  die  Leitungsfahigkeit, 
die  motorische  und  die  Reflex -Potenz  dieses  Apparats,  abnehmen 
und  erloschen.  Selir  weiche  fl'ussige  Excremente  und  Darmgase, 
zu  deren  Abgang  die  Contractionen  des  Mastdarms  gen'ugen,  ent- 
weichen  alsdann  unwillkubrlicb,  wahrend  festere  Facalmassen,  weiche 
nur  mit  Hi'ilfe  der  exspiratorischen  Bewegungen  ausgetrieben  wer- 
den  kbnnen,  zuruckbleiben,  indem  unter  jenen  Umstanden  die 
Baucbinuskeln  ebenfalls  mehr  oder  minder  ausser  Thatigkeit  ge- 
setzt  sind. 


L&hmung 


ini  Bereiche  der  den  Muskelapparat  der  Harnausleerung 

versorgenden  Nerven. 

Auf  ahnliche  Weise  wie  in  den  krampfhaften  Zustanden  der 
Urinblase  (S.  407)  fmdet  auch  in  den  paralytischen  der  Antagonist 
mus  zwischen  Blasenmuskeln  mid  Schliessmuskeln  entweder  noch 
statt,  oder  ist  aufgehoben,  indem  beide  zugleich  von  Lahmung  be- 
fallen sind. 

Ijaliimiiig  ties  austreibendeii  Bla§eiiinii8kel^. 

( Ischuria  paralytica. ) 

Harnverhaltung  mit  sicht-  und  tastbarer  Anfiillung  und  Erwei- 
terung  der  Urinblase,  ohne  Empfindung  davon  und  ohne  Drang,  ist 
karakteristisch.  Ganzliche  Unfahigkeit  des  Harnlassens  besteht  nur 
bei  coexistirender  Lahmung  der  Bauchmuskeln ; dagegen  die  Bauch- 
presse,  wo  sie  noch  in  Thatigkeit  gesetzt  werden  kann,  den  reich- 
lich  angesammelten  Harn  in  langsamen  Flusse  und  geringen  Quan- 
titaten  herausdriingt.  Nach  kiinstlicher  Entleerung  des  Urins  bleibt 
die  Blase  ausgedehnt,  ist  ausser  Stande  sich  zusammenzuziehen. 

rulimuiiR  ties  $cliliessnui!!ikel§. 

( Enuresis  paralytica. ) 

Die  Blase  hort  auf  ein  Reservoir  fur  den  Urin  zu  sein,  der,  so 
wie  er  aus  den  Ureteren  hervortritt,  clurch  die  Harnrohre  in  klei- 


744 


BLASENLAHMUNG. 


lien  Quantitaten,  oft  nur  tropfenweise,  durch  seine  blosse  Schwere, 
abgeht,  ohne  den  schraubiggedrehten  bogigen  Strahl  zu  bilden.  Bei 
der  Untersuchung  findet  man  die  Blase  leer  und  zusammengezogen. 
Meistens  fchlt  der  Harndrang;  wo  er  zuweilen  im  Anfange  vorhan- 
den  ist,  fallt  er  mit  der  unwillkuhrlichen  Entleerung  zusammen, 
wahrend  im  gesunden  Zustande  ein  kurzes  Intervall  zwischen  der 
Empfindung  des  Reizes  und  der  Contraction  der  Blase  statt  findet, 
und  ein  langes  Intervall  der  sich  entwickelnden  Ischuria  paralytica 
in  vielen  Fallen  voranzugehen  pllegt. 


I^alimung:  ties  Blasen-  unit  Scltliessmuskels. 

Uebereinstimmend  mit  dem  Vereine  convulsivischen  Harndranges 
und  Harnzwanges  (S..  407)  kommt  eine  Verbindung  paralytischer 
Verhaltung  und  Incontinenz  vor,  deren  Verkennen  zu  MissgrifTen  in 
der  Behandlung  Anlass  giebt.  Wegen  des  abtraufelnden  Urins  be- 
achtet  man  nicht  den  zuriickbleibenden,  obgleich  die  zuweilen  selbst 
lluctuirende  Blasengeschwulst  durch  die  Bauchdecken,  zumal  bei  ma* 
gern  Menschen,  und  Mastd.arm  oder  Scheide  fiihlbar  ist,  und  der  aussre 
Druck  schon  hinreichen  kann  eine  grosse  Menge  Harns  hervorzu- 
treiben.  Bis  zu  welchem  Grade  die  Ausdehnung  der  Blase  zu  stei- 
gen  vermag,  bezeugt  die  in  einzelnen  Fallen  stattgefundene  Ver- 
wechslung  mit  Ascites.  Peter  Frank  erwahnt  eines  solchen,  wo 
die  Blase  achtzig  Pfund  Urin  enthielt  und  das  Zwerchfell  in  die 
Hohe  gehoben  hatte  (De  curandis  hominum  morbis  epitome  L.  VI. 
p.  506).  Brodie  beschreibt  den  Behind  einer  gelahmten  Blase,  aus 
welchcr  einmal  40  Unzen  Harns  mittelst  des  Catheters  entleert 
worden  waren.  Der  Umfang  war  sehr  bedeutend.  Die  3Iuskel- 
fasern  waren  in  hohem  Grade  geschwunden.  Die  innere  Membran 
war  ausserordentlich  dunn  und  liess  sich  Ieicht  ablosen.  Die  Blase 
hatte  durch  und  durch  eine  fast  schwarze  Farbe,  docli  hot  sic 
sonst  kein  Mcrkmal  dcs  Braudes  dar  (Lectures  on  the  diseases  of 
the  urinary  organs  3.  edit.  London  1842.  p.  100). 


BLASENLAHMUNG. 


745 


Die  lahmenden  Ursachen  der  Blasennerven  haben  eincn  peri- 
pherischen  oder  centralen  Sitz.  Zu  den  erstern  gehoren  ubermas- 
sige  Ausdehnung  und  Streckung  der  Muskel-  und  Nervenfasern 
der  Blase,  wodurch  ihre  Erregbarkeit  abnimmt  und  erlischt.  Will- 
kiihrliches  durch  die  Umstande  gebotnes  Zuruckhalten  des  Harn- 
lassens*)  oder  die  durch  mechanische  und  krampfhafte  Hindernisse 
entstandne  Anfullung  der  Blase  haben  zuweilen  diese  Folge.  Der 
Druck  nahgelegner  Organe  und  Aftergebilde  wirkt  lahmend:  so 
beim  weiblichen  Geschlechte  der  durch  Schwangerschaft  oder  durch 
fibrose  etc.  Geschwiilste  ausgedehnte  Uterus.  Einlliisse,  welche  das 
Kreuzbein  und  die  untern  Sacralnerveri  betheiligen,  kommen  hier 
in  Betracht:  Stoss,  Schlag,  Fall  auf  den  Hintern,  starke  Erschutte- 
rung  durch  anhaltendes  Reiten  fiihren  zuweilen  eine  isolirte  Lah- 
mung  der  Blase  ohne  Beeintrachtigung  der  Bauchpresse  herbei. 
Haufiger  sind  die  Anlasse  centralen  Ursprungs,  besonders  Verletzun- 
gen  und  Krankheiten  des  Riickenmarks,  welche  nur  selten  eine 
ausschliessliche  Lahmung  des  Sphincter,  sondern  eine  um  so  voll- 
standigere  Ischurie  in  ihrer  Begleitung  haben,  wenn  gleichzeitig 
Paralyse  der  Bauchmuskeln  und  Anasthesie  vorhanden  sind.  Der 
letztern  kommt  uberhaupt  ein  wichtiger  Antheil  zu,  und  so  wie 
zur  Entstehung  der  Blasenkrarapfe  die  Rellexreize  von  Bedeutung 
sind  (S.  408),  so  ist  im  entgegengesetzten  Falle  die  Nichtempfm- 
dung  oder  rich  tiger  ausgedruckt,  der  Mangel  centripetaler  Nerven- 


*)  Ambroise  Pare  Oeuvres  compl.  edit,  de  ftlalgaigne  Paris  1840.  T.  II.  p. 
498.  Jeune  serviteur  qui  reuenoit  des  champs  menant  en  croupe  vne  hon- 
neste  damoiselle  sa  maislresse,  bien  accompagnee:  et  estanl  a clieual,  luy 
print  vouloir  de  pisser:  toutes  fois  n’osoit  descendre;  et  moins  encores 
faire  son  vrine  a cheual.  Et  estant  arrive  en  cesle  ville,  voulant  pisser, 
ne  peust  nullernent,  et  auait  de  Ires  grandes  douleurs  et  esprcintes  auec 
une  sueur  uniuerselle,  et  tomba  presque  en  syncope.  Et  alors  fus  envoyo 
querir:  et  disoit-on  que  c’estoit  une  pierre  qui  l’engardoit  de  pisser:  ct 
estant  arriue  luy  mis  vne  sonde  dedans  la  vessie,  et  pressay  le  venire:  et 
parce  moycn  pissa  enuiron  vne  pinted’eau:  et  n’y  trouvay  aucuno  pierre 
ct  depuis  ne  s’en  est  senti. 


746 


BLASENLAHMUNG. 


wirkung  cles  Harnreizes  Schuld  an  der  Immobilitat  der  Blase,  deren 
motorische  Nerven  unter  diesen  Umstanden  noch  fiir  den  Willens- 
rciz  empfanglich  sein  konnen.  Umgekehrt  verhalt  es  sich,  wo  durcli 
apoplektische , soporose  und  typhose  ABectionen  des  Gehirns  das 
Bewusstwerden  der  Empfindung  des  Harnreizes  verhindert  wird. 
Hier  fehlt  die  willkiihrliche  Anregung  und  Unterst'utzung,  dagegen 
Reflexreize  (Bespritzen  des  Bauches  mit  kaltem  Wasser,  Application 
der  Kalte  auf  die  Fussolden,  kalte  Wasserclystire,  Kitzeln  ,des  Bla- 
senhalses)  die  ihrer  Leitung  noch  theilhaftigen  Bewegungsnerven  in 
Action  setzen.  Desault  behandelte  einen  87jahrigen  Kranken  mit 
Blasenlahmung,  zu  der  sich  spaterhin  noch  ein  Blasenstein  gesellte. 
Nur  mittelst  des  Catheters  konnte  gewohnlich  der  Urin  entleert 
werden,  allein  sobald  Hamorrhagieen  in  der  Blase  eintraten,  ging 
nicht  bloss  das  Blut,  sondern  aucli  der  verhaltene  Harn  von  selbst 
ab.  (Oeuvres  chirurgicales.  3'*^  edit.  Paris  1830.  T.  III.  p.  135 
Disposition  zur  Blasenlahmung  wird  durcli  das  Greisenalter  gesetzt, 
zumal  beim  mannlichen  Geschlecht  und  nach  wolliistigen  Ausschwei- 
fungeh.  Nach  den  Anfallen  der  Epilepsie  bleibt  zuweilen  mehrere 
Tage  hindurch  Ischurie  zuruck.  Unter  den  pathischen  Processen 
sind  der  rheumatische  und  arthritische  am  gunstigsten.  Missbrauch 
diuretischer  Mittel  hat  in  einzelnen  Fallen  Blasenlahmung  zur  Folge. 
Gefahr  erwachst  bei  der  paralytischen  Verhaltung  durcli  hinzutretende 
Disorganisation  der  llarnblase,  durcli  Riickwirkung  auf  die  Nieren, 
durcli  Blutentmischung.  Bei  gleichzei tiger  Anasthesie  der  Blase 
stellt  sich  die  Riickwirkung  auf  das  Gehirn  spater  ein,  als  wo  die 
Sensibilitat  noch  erhalten  ist,  und.  iiberhaupt  todtet  die  paralytische 
Ischurie  niemals  so  rasch,  wic  die  convulsivische.  Die  Incontinenz 
nimmt  einen  noch  langsameren  Verlauf,  und  endet  meistens  mit 
Ilinzutritt  von  Lahmung  der  Muskelfasern  dcr  Blase. 

Das  ortliche  Verlahren  ist  in  der  Behandlung  der  Blasenlahmung 
von  der  grossten  Wichtigkeit.  In  der  Ischurie  wirkt  der  Catheter 
nicht  nur  entleerend,  sondern  aucli  als  Reflexreiz,  zumal  wenn  er 
in  dcr  Nahe  dcr  Miindungen  der  Ureteren  sich  befindet  (S.  408). 


BLASENLAHMUNG. 


747 


HVo  das  haufige  Einbringen  Schwierigkeiten  macht,  muss  der  Ca- 
i heter  liegen  bleiben.  Bei  Enuresis  versuche  man  das  Einfuhren 
'iner  diinnen  Sonde  oder  Bougie  in  die  Ilarnrohre,  deren  Reizung, 
i )esonders  des  mittlern  und  hintern  Theils,  Contraction  der  Schliess- 
imuskeln  anregt  (S.  409).  Auch  andre  Rellexreize  werden  thera- 
oeutisch  benutzt:  die  Application  der  Kalte  auf  die  Hautdeclcen  des 
1 iauches  und  der  Fusssolde,  auf  die  Schleimmembran  des  Mast- 
ilarms,  der  Scheide:  Irritation  des  Mastdarms  durch  Clystire,  Sup- 
oositorien.  Die  Erfullung  der  ’ Causalindication  ist,  wenn  auch  sel- 
en,  doch  zuweilen  erfolgreich,  so  bei  Krankheiten  der  Wirbel  und 
lies  Riickenmarks  durch  Application  von  Fontanellen,  Moxcn,  bei 
heumatischer  Basis  durch  den  Gebrauch  des  Camphor.  Ein  spe- 
ifisch  erregender  Einfluss  auf  die  motorischen  Blasennerven  kommt 
lien  Canthariden  zu,  sowohl  zum  innern  Gebrauch,  die  Tinctura 
Oanth.  in  steigender  Dosis  von  5 — 15  Tropfen,  als  besonders  in 
7orm  des  Vesicators,  mit  Cantharidensalbe  verbunden,  auf  das 
\ireuzbein  gelegt.  Minder  wirksam  sind  Waschungen  der  Blasen- 
i^egend,  des  Riickens,  der  innern  Seite  der  Schenkel  mit  Tinct. 

I Cantharid.  und  einem  Zusatze  von  Mixt.  ol.  balsam.  Auch  die 
Wux  vomica  und  ihr  Alcaloid,  das  letztere  in  endermatischer  An- 
ivvendung,  ^ ^ gr.  Strychn.  sulphur.,  und  das  01.  terebinth,  aeth. 
ind  zu  empfehlen.  Fur  Elektricitat  spricht  der  schon  von  a I tern 
leobachtern  geruhmte  Nutzen,  so  wie  neuere  Erfahrung  fur  die 
louche  auf  Kreuz-  und  Blasengegend.  Die  belebenden  Thermen 
> on  Gastein,  Wildbad  sind  bei  den  paralytischen  Affectionen  der  Blase 
rm  hbhern  Alter  zu  versuchen. 


— — 


■4S+- 


Zweite  Ordnung. 

Lalimun^en  ablianglg  vom  Verluste  der 
Erregung  der  Centralorgane. 


1.  Gattung. 
Spinale  Lahnuingen. 


Diese  Zustande  unterscheiden  sich,  je  nachdem  das  Ruckenmark 
als  Leitungsapparat  fur  Medulla  oblongata  und  Geliirn  oder  als 
erregendes  Centralorgan  des  Nervensystems  beeintrachtigt  ist. 


1.  lialtiniuigeii  vom  Kiickenmark.  als  Iieitungs- 

apiiarat  abliangfg. 

Das  physiologische  Kriteriiun  ist  Verlust  der  motorischen  Lei- 
tung  fur  den  respiratorischen  und  psychischen  Impuls  in  denjenigen 
Nervenfasern,  welche  yon  und  unterhalb  der  verletzten  Stelle  des 
Ri’ickenmarks  abtreten. 

Die  motorische  Leitung  findet  in  den  yordern  Strangen  des 
Riickenmarks  statt.  Ueberzeugendcn  Beweis  geben  Versuche  an 
lebenden  Thieren  (Vgl.  S.  423)  und  Verletzungen  des  Menschen, 
letztere  zuweilen  mit  derselben  Priicision,  wie  die  Versuche,  zuin 
Beispiel  in  folgendem  vor  ein  Paar  Jahren  von  Begin  beobachteteu 


SPINALE  LAHMUNGEN. 


749 


:id  von  Longet  mitgetheilten  Falle  (Anat.  et  physiol,  du  syst.  nerv. 

. I.  p.  331).  Ein  Pariser  Nationalgardist  wird  von  hinten  mit 
nem  Messer  im  Nacken  verwundet  und  fallt  sofort  riicklings  auf 
e rechte  Seite  urn.  Am  andern  Tage  erfolgt  seine  Aufnahme  in 
is  Hospital:  er  klagt  Fiber  keinen  Schmerz,  nur  iiber  ein  Gefiihl 
icbter  Erstarrung  in  der  rechten  Seite.  Die  mit  Klebepflaster 
i ireinigte  Queerwunde  von  13  Millim.  Lange  befindet  sich  an  der 
eite  des  Halses,  im  Niveau  des  fiinften  Cervicalwirbels,  24  Millim. 
>m  Dornfortsatz  entfernt.  Die  Bewegungen  des  Halses  und  Ko- 
Ifes  sind  schmerzlos  imd  ungestort.  Der  Verwundete  empfindet 
n chwere  im  rechten  Arm  und  Kribbeln  in  der  Hand : obgleicb  mit 
niger  Miihe,  ist  er  noch  im  Stande  den  Arm  zu  heben  und  den 
orderarm  zu  bewegen,  kann  aber  nicht  die  halbgebognen  Finger 
t recken,  noch  sie  ganz  schliessen.  Das  rechte  Bein  ist  der  Bewe- 
iimg  verlustig.  Ein  vager  Schmerz  verbreitet  sich  langs  der  rech- 
?en  Seitentlache  der  Brust.  Ueberall,  am  Arm,  am  Rumpfe,  am 
I' ein  ist  die  Sensibilitat  vollkommen  erhalten.  Die  iibrigen  Functio- 
een  gehen  ungestort  vor  sich.  Am  dritten  Tage  nach  der  Ver- 
nmndung  verschlimmert  sich  der  Zustand.  Der  Puls  wird  ungleich, 
per  Athem  beschleunigt,  Singultus  stellt  sich  ein,  die  Dyspnoe  steigt, 
- am  sechsten  Tage  erfolgt  der  Tod.  — Bei  der  Section  findet 
iich  im  rechten  Seitentheile  des  Bogens  des  sechsten  Halswirbels 
i,n  Stuck  einer  abgebrochenen  Messerklinge,  deren  Spitze  zwischen 
• en  Korpern  des  sechsten  und  siebenten  Wirbels  hervorstand  und 
ie  hintre  Wand  des  Pharynx  gestreift  hatte.  In  dieser  Lange  war 
ter  vordere  Riickenmarksstrang  der  rechten  Seite  von  der  hintern 
'litlichen  Furche  bis  zur  vordern  Mittelfurche  durchschnitten.  Der 
intsprechende  hintre  Strang  war  unverletzt  geblieben.  Aehnliche 
l hirurgische  Fiille  ohnc  Sectionsbefund  sind  bereits  S.  269  angefuhrt. 

Auch  giebt  es  Beobachtungen  von  Kranklieiten  mit  begranztem 
' itze  in  den  vordern  Striingen  und  ausschliesslichem  Yerluste  der 
notorischen  Leitung.  Hutin  berichtet  von  einem  Paraplektischen, 
l essen  Beine  im  vollstandigen  Besitz  dcr  Sensibilitat  waren.  Es 


750 


SP1NALE  LAPIMUNGEN. 


fand  sicli  Caries  tier  vordern  Flache  der  untern  zehn  Riickenwirbel . 
der  Korper  des  zehnten  Wirbels  war  nach  innen  gewichen  und 
bildete  einen  betrachtlichen  Vorsprung,  wodurch  das  Riickenmark  last 
knieformig  gebogen  mid  auf  die  Halfte  seines  Umfangs  geschwunden 
war.  Die  Atrophie  betraf  lediglich  die  vordere  Flache,  so  dass  der 
graue  Kern  statt  im  Centrum,  an  der  Aussenlliiche  sicli  befand  (Bi- 
blioth.  medic.  1828.  T.  I.  p.  29).  Cruveilhier  behandelte  eine  Kranke, 
welche  an  Lahmung  beider  Beine,  mit  Contraction  der  Beugemus- 
keln  litt,  bei  Integritat  der  Empfindung.  Von  Zeit  zu  Zeit  stellten 
sicli  zuckende  Bewegungen  in  denselben  ein.  Harn-  und  Kothab- 
gang  war  willkuhrlich.  Nach  Erofi'nung  der  Wirbelhohle  und  Ab- 
losung  der  Dura  mater  fand  man  eine  ovale  Geschwulst  von  grauer 
Farbe,  welche  von  einem  scharfen  Bande  in  der  Gegend  des  zwei- 
ten  Riickenwirbels  begranzt  war  und  nach  unten  in  eine  Spitze 
auslief;  sie  lag  auf  der  vordern  Flache  des  Riickenmarks  und  war 
mit  der  Arachnoidea  verwachsen.  Der  Druck,  den  sie  austibte,  war 
betrachtlich.  Auf  einem  Durchschnitte  zeigte  sicli  das  Riickenmark 
an  dieser  Stelle  wie  eingeschniirt  (Anat.  pathol.  livr.  XXXII).  Des- 
organisationen  des  Riickenmarks  durch  Entzundungs-  und  Erwei- 
chungsprocess  werden  liochst  selten  in  den  vordern  Strangen  isolirt 
angetroffen:  denn  mag  auch  wahrend  des  Lebens,  wie  die  Sym- 
ptome  unzweifelhaft  bezeugen,  eine  solche  Abgranzung  statt  finden, 
so  sind  die  Einlliisse  nach  dem  Tode  (Lage  auf  deni  Riicken,  Ein- 
wirkung  der  Wirbelflussigkeit,  warme  Temperatur  und  die  Technik 
bei  der  gewohnlich  erst  nach  24  — 48  Stunden  angestellten  Lei- 
chenoffnung)  eingreifend  genug,  um  jene  aufzuheben.  Hierin  findet 
auch  der  Umstand  seine  Deutung,  dass  trotz  der  in  einigen  Fallen 
auf  die  obern  Rumpfglieder  beschriinkten  Lahmung  sicli  bei  der  Sec- 
tion die  Erweichung  des  Cervicalmarks  nicht  in  einzelnen  Segmen- 
ten,  sondern  durch  die  gauze  Dicke  hindurch  ergab. 

Die  Spiuallabmung  erscheint  gewohnlich  als  Paraplegie,  in 
beiden  Rumplhalften,  gleicbzeitig  oder  successiv.  Die  Musculatur 
der  untern  Extremitaten  und  der  Beckenorgane  ist  vorzugsweise 


SPINALE  LAHMUNGEN. 


751 


‘liilimt,  in  der  Mehrzalil  der  Falle  ausschliesslich,  oder  bildet  den 
usgangspunkt  der  Paralyse,  welche  einen  aufsteigenden,  sellen  ab* 
esigenden  Lauf  nimmt,  und  bei  giinstigem  Ausgange  zuerst  die 
lern  Rumpfglieder  verlasst,  im  Gegensatze  zur  cerebralen  Lahmung- 
\fo  die  Paralyse  unvollstandig,  wo  nur  eine  Abnahme,  nicht  Ver- 
'St  der  motorischen  Leitung  vorhanden  ist,  erfolgt  die  Bewegung 
if  Willensimpuls  schwacher  und  trager  als  im  gesunden  Zustande, 
ird  jedoch  durcli  Stiitzung  des  Rumpfes,  besonders  durch  horizon- 
le  Lage  erleichtert,  was  bei  der  vom  Gehirn  ausgebenden  Lah- 
mng  nicht  bcobachtet  wird.  Die  Muskeln  sind  schlafF  oder  in  selt- 
Ten  Fallen  contrahirt,  zumal  die  Flexoren.  Zuweilen  werden  sie 
inch  von  convulsivischen  Erschiitterungen  befallen. 

Mit  der  Lahmung  coexistirt  mehrentheils  Abnahme  oder  Man- 
1 der  cerebralen,  bewusstwerdenden  Sensibilitat  (Vgl.  S.  271). 
in  ersten  Falle  ist  die  Empfindung  der  Eindriicke  auf  die  Gefiihls- 
rven  der  Haul,  der  Muskeln  etc.  nicht  nur  stumpf,  sondern  auch 
rzogert:  die  sensible  Leitung  geht,  was  in  physiologischer  Bezie- 
i mg  von  Interesse  ist,  da  sich  uberhaupt  nur  selten  Gelegenheit 
i.  Beobachtungen  fiber  das  Zeitmaass  der  Leitung  darbietet,  lang- 
im  von  statten:  es  bedarf  dazu  15 — 30  Secunden,  wie  schon 
'uveilhier  bemerkt  hat  (1.  c.  livr.  XXXVIII.  p.  9).  Bei  einigen 
ranken  muss  der  Eindruck  mehreremal  erneuert  werden,  bevor 
;*  ihn  wahrzunehmen  im  Stande  sind.  Auch  bei  vollstandiger 
masthesie  geben  sich  nach  dem  Gesetze  der  excentrischen  Erschei- 
; ng  Empfindung  von  Schmerz,  Gliihhitze,  Eiskiilte,  Formication 
: nd.  Bei  ganzlichem  Verluste  der  Motilitiit  und  cerebralen  Sen- 
)ilitat  oftenbart  sich  in  den  vom  Riickenmarke  als  Leitungsapparat 
ilhangigen  Lahmungen  die  spinale  oder  unbewusste  Sensibilitat 
i rch  Rellexaction  (S.  271  u.  452).  Die  Fusssohle  ist  hierzu  der 
eignetste  Ort:  Reizung  durch  Kitzeln  oder  durch  Application 
m Ilitze  gelingt  am  besten.  Die  Reflexbewegung  zeigt  sich  ge- 
'ihnlicli  im  Fuss  derselben  Seite,  zuweilen  auch  in  beiden  Fiissen, 
'schon  in  dem  nicht  gereizten  schwacher,  seltner  in  den  obern 


752 


SPINALE  LAHMUNGEN. 


Extreniitaten,  wenn  dieselben  ebenfalls  gelahmt  sind.  Durch  Strych- 
nin wird  die  spinale  Sensibilitat  und  Rellexaction  gesteigert,  durch 
zu  schnelle  Wiederholung  der  Versuche  geschwacht,  stellt  sicli  je- 
doch  bei  einiger  Ruhe  wiecler  her.  Rei  Riickenmarksverletzungen 
gelit  einige  Zeit  bin,  ehe  cliese  Erscheinungen  sicli  kundgeben,  woran 
wahrscheinlich  die  Commotion  Schuld  ist.  Im  Falle  der  Genesuim 

/ o 

kelirt  die  Sensibilitat  friiher  zuriick  als  die  Molilitiit. 

Stdrungen  im  Rereiche  der  trophischen  Actionen  sind  bei  Spi- 
nallahmungen  stets  vorhanden.  Eine  der  bestandigsten  ist  Neigung 
zum  Decubitus  und  zur  Gangran  der  durchgelegnen  Stellen,  welche 
um  so  friiher  und  starker  eintritt,  je  schneller  die  Leilung  im  Riik- 
kemnarke  unterbrochen  wird,  z.  R.  durch  Wirbelbriiche.  Die  Ana- 
sthesie  scheint  an  diesem  Vorgange  einen  wesentlichen  Antheil  zu 
haben,  weil  bei  der  durch  sie  aufgehobnen  Widerstandsfahigkeit 
(Vgl.  S.  207)  die  dem  Drucke  am  meisten  ausgesetzten  Stellen, 
Kreuzbein,  Trochanteren  etc.  vor  alien  andern  betheiligt  warden. 
Zuweilen  bilden  sicli  auch  Rrandblasen  an  den  Knocheln,  auf  dem 
Fussriicken,  obgleich  dieses  seltner  der  Fall  ist  als  bei  Unwegsamkeit 
der  Arterien.  Zunachst  sind  die  Veranderungen  in  der  Reschaffen- 
beit  des  Harnes  zu  erwiihnen.  Der  Urin  ist  in  Spinallahmungen 
fast  innner  alkalisch,  entweder  von  Anfang  an  oder  im  spatern 
Verlaufe  der  Krankheit.  Im  erstern  Falle  ist  es  sehr  wahrschein- 
lich,  class  durch  Nerveneinfluss  die  Nierensecretion  eine  solche  Um- 
stimmung  erlilten  hat.  Smith  hat  bei  einem  Kranken  mit  trauma- 
tischer  Yerletzung  des  Ruckenmarks  die  Rlase  mit  der  Read’schen 
Spritze  geleert,  dann  zu  wiederholten  Malen  lauwarmes  Wasser  in- 
jicirt,  bis  es  keine  Spur  von  Alkalescenz  zeigte,  hierauf  von  neuem 
eine  kleine  Quantitat  eingespritzt,  und  20 — 30  Minuten  in  der  Blase 
gelassen.  Entleert  zeigte  es  eine  ammoniakalische  Reschaflenheit, 
zum  Reweise,  class  der  Urin  schon  in  dieser  Veranderung  nach 
der  Rlase  gelangt  war  (Lond.  medic,  gaz.  1832.  vol.  IX.  p.  G61)- 
Andrerseits  macht  sicli,  wo  mit  der  Paraplegie  eine  Harnverhaltung 
in  der  Rlase  statt  findet,  auf  ahnliche  Wcisc  wie  in  andern  Ischu- 


SPINALE  LAHMUNGEN. 


753 


eeen,  tier  Einfluss  des  stagnirenden  Urins  auf  die  Schleimhaut  der 
lase,  der  Ureteren,  des  Nierenbeckens  geltend,  erregt  Entz'undung, 

I bsonderung  zahen , zuweilen  blutigen  Schleims , und  mit  demsel- 
t3n  den  Absatz  von  Phosphaten.  Dupuytren  machte  bereits  die 
eobachtung,  dass  bei  Paraplektischen  der  Catheter  sich  am  schnell- 
en  mit  Salzincrustationen  belegt,  und  Ollivier  hat  einen  Eall  be- 
hrieben,  wo  nach  einer  Fractur  des  zwolften  Riickenwirbels  am 
i diten  Tage  diese  Incrustationen  bemerkbar  und  am  22.  Tage 
i arnsteine  ausgeleert  wurden.  Bei  der  Section  fand  man  aul  der 
nern  Flache  eine  Pseudomembran , welche  mit  feinen  Steinchen 
3setzt  war.  Ueber  das  quantitative  Verhaltniss  der  Harnsecretion 
i , Spinallahmungen  liegen  noch  nicht  genug  Beobachtungen  zui1 
ntscheidung  vor.  Brodie  fand  bei  Verletzungen,  zumal  des  Cer- 
caltheils  die  Menge  verringert,  bei  einem  Kranken  auf  4 Unzen 
iiinnen  24  Stunden  (Observations  relating  to  injuries  of  the  spinal 
lnord  in  Med.  chirurg.  transact,  vol.  XX.  p.  142).  — Die  Tempe- 
mtur  und  Transpiration  erleiden  eine  Abnahme.  Die  Haut  wird 
ocken  und  desquamirt',  oft  kleienartig.  Selten  sind  hydropische 
iifiltrationen.  Atrophie  der  gelahmten  Theile  stellt  sich  oft  ein. 

Diese  allgemeinen  Zijge  werden  durch  den  Sitz  der  Verletzung 
( der  Krankheit  und  durch  die  Eigenthiimlichkeit  der  letztern  mo- 
lificirt.  Es  begleiten  Schling-  und  Athembeschwerden  die  Cervi- 
. daffectionen,  und  die  obern  Extremitaten  sind  von  Aniisthesie  und 
. iihmung  in  starkerm  oder  schwachenn  Grade  getroffen.  Aus  dem 
mfange  der  respiratorischen  Liilimung  lasst  sich,  zumal  bei  Wir- 
elbriichen  die  Granze  der  Verletzung  festsetzen  (S.  oben).  Auch 
iir  den  Dorsaltheil  sind  die  Hemmungen  in  der  Thatigkeit  der 
uthemmuskeln,  vorzugsweise  der  exspiratorischen,  karakteristisch. 
on  dieser  Paralyse  der  mehr  oder  minder  welken  und  erschlafften 
! auchmuskeln  ist  der  Mangel  der  Bauchpresse  abhangig,  wodurch 
ie  Entwicklung  und  Anhaufung  der  Darmgase  bis  zum  bctracht- 
chen  Meteorismus  gelordert  wird.  In  zwei  Fallen  von  Spinallah- 
lung  sab  ich  die  Bauchdecken  wie  eine  schlade  Blase  herabhiingen. 


754 


SPINALE  LAHMUNGEN. 


Wo  die  Lumbarportion  den  Sitz  hergiebi,  maclit  sich  die  Liihmung 
in  den  untern  Extremitaten  und  in  den  Muskelfasern  der  Becken- 
organe  geltend,  im  Gebiete  der  mannlichen  Geschlechtswerkzeuge 
durch  Mangel  der  Erectionen,  auch  bei  andauernder  Harnverhaltung. 
Um  so  auffallender  ist  die  oftere  Erscheinung  des  Priapismus  bei 
Verletzung  des  Cervical-,  seltner  des  Dorsaltheils.  In  Bezug  auf 
die  Statte  der  Verletzung  oder  Krankheit  im  Vergleiche  zum  Sitze 
der  Liihmung  ist  ein  Umstand  zu  beriicksichtigen,  auf  welchen 
Ollivier  aufmerksam  gemacht  hat,  dass  niimlich  die  Spinalnerven, 
je  weiter  abwarts  sie  vom  Riickenmarke  abtreten,  eine  um  so 
liingre  Strecke  von  ihrer  Insertion  bis  zum  Foram.  intervertebrale 
durchlaufen.  Es  kann  demnach  das  Ruckenmark  in  der  Nahe  eines 
Foram.  interv.  der  Lumbarwirbel  verletzt  sein,  und  dessenungeach- 
tet  die  Leitungsfahigkeit  mehrerer  oberhalb  dieser  Stelle  abtreten- 
den,  fur  die  untern  Extremitaten  bestimmten  Nerven  fortbestehen. 

Die  von  der  Eigenthumlichkeit  der  Krankheit  abhangigen  Modi- 
ficationen  der  Symptome  werden  ausfiihrlich  in  dem  Abschnitte  von 
den  Krankheiten  in  der  Bildungssphare  des  Nervensystems  geschildert 
werden:  hier  mogen  nur  einige  allgemeine  Bemerkungen  ihre  Stelle 
finden.  Krankheiten  der  knochernen  Hiille,  am  haufigsten  Spon- 
dylarthrokace,  betheiligen  vorzugsweise  die  Motilitat,  und  verschonen 
haufig  die  Action  der  Sphincteren.  Die  seltnere  und  geringre 
Theilnahme  der  Sensibilitat  ist  wahrscheinlich  von  dem  Sitze  der 
Krankheit  in  den  Wirbelkorpern,  in  der  Nachbarschaft  der  vordern 
Strange  herzuleiten.  Mehr  als  in  den  andern  Spinallahmungen  ha- 
ben  die  ortlichen  Merkmale  am  Riickgrate  diagnostischen  erth, 
sowohl  die  Formveranderungen  der  Knochen,  als  die  bei  der  Un- 
tersuchung  durch  Druck  und  Hitze  sich  verrathende  Empfmdliclikeit 
und  Schmerzhaftigkeit.  Therapeutischcr  Erfolg,  temporarer  oder 
andauernder,  macht  sich  bemerkharer  als  in  andern  vom  Riicken- 
marke  abhangenden  Paralysen.  Auf  Verengerung  des  Foramen  ma- 
gnum des  Hinterhauptbeins  durch  Ablagerung  von  Knochensubstanz, 
durch  Verdickung  der  Knochen  oder  der  Dura  mater,  als  compri- 


SPINALE  LAHMUNGEN. 


755 


mirenden  Anlass,  muss  die  Aufmerksamkeit  bei  Leichenbffnungen 
mehr  gerichtet  werden,  als  es  gewohnlich  geschieht.  (Vgl.  einen 
Fall  in  Bright’s  Reports  of  medical  cases.  Vol.  II.  Part.  I.  p.  377.) 
Krankhafte  Zustiinde  der  Membranen  so  wie  auch  Aftergebilde, 
welche  durch  Compression  oder  durch  Druck  und  Reizung  einwir- 
ken,  jedocli  die  Continuitat  der  Faserung  im  Riickenmarke  nicht 
unterbrechen , haben  ausser  der  Lahmung  und  Anasthesie,  haufig 
Schmerzen  und  lliichtige  Muskelcontractionen  in  ihrer  Begleitung. 
Bei  dem  Entzundungs-  und  Erweichungsprocesse  bleibt  meistens  die 
Lahmung  langere  Zeit  unvollstandig , die  motorische  und  sensible 
Leitung  ist  yerlangsamt,  und  abnorme  Empfindungen,  seltner  von 
Schmerz  als  von  Erstarrung,  Formication,  Druck,  Spannung,  aus- 
sern  sich  sowohl  in  den  gelahmten  Gliedern  als  am  Rucken  und 
an  der  vordern  Rumpfflache,  hier  besonders  als  Gefi'ihl  eines  um- 
spannenden  Reifes  in  der  epigastrischen  oder  auch,  docli  seltner, 
der  hypogastrischen  Region.  Die  spinale  Hamorrhagie,  eine  im 
Vergleiche  zur  cerebralen  seltne  Krankheit,  fuhrt  ausser  der  plotz- 
lich  entstehenden  Paraplegic  sehr  heftige  Schmerzen  im  ganzen 
Riicken  mit  sich. 

Die  Thatigkeiten  des  Gehirns  werden  durch  diese  paralytischen 
Zustande  des  Riickenmarks  nicht  beeintrachtigt. 

Consecutive  Veranderungen  finden  sich  sowohl  in  dem  musku- 
Iosen  als  knochernen  Bewegungsapparat  der  gelahmten  Theile  ein. 
Die  Antagonisten  gerathen  in  eine  andauernde  Spannung,  die  sich 
von  der  fluchtigen  und  schmerzhaften  Contractin'  unterscheidet, 
welche  in  Folge  einer  Reizung  des  motorischen  Nerven  durch  Zer- 
rung,  Entziindung  etc.  entsteht.  In  den  Flexoren  ist  die  Zusam- 
menziehung  zuweilen  so  betrachtlich , dass  die  Ferse  das  Gesiiss 
beruhrt.  Fiillt  die  Entstehung  der  Spinallahmung  in  ein  frulies 
Alter,  in  die  ersten  Lebensjahre,  so  ist  der  Einlluss  auf  Ernahrung 
und  Form  der  Weich-  und  Knochengebilde  um  so  grosser;  das 
gelahmte  Glied  ist  in  alien  seinen  Dimensionen  mehr  oder  minder 
atrophisch  und  terkruppelt,  wie  folgendes  Beispiel  zeigt. 

R omterg’a  NcrreiikrankLeitcn  I.  3.  50 


756 


SPINALE  LAHMUNGEN. 


„Eine  54jahrige  unverheirathete  Kranke  wurde  am  Gebarmulter- 
krebs  in  tier  Salpdtriere  behandelt.  Ilir  linkes  Bein  war  vollkom- 
men  atrophisch,  schlalF,  hangend,  um  7 — 8 Zoll  kiirzer  als  das 
rechte,  beim  Gehen  unbrauchbar,  des  Gefuhls  verlustig.  Trotz  der 
Hiilfe  einer  Kriicke  bewegte  sie  das  rechte  Bein  nur  mit  M'uhe, 
welches  auch  statt  der  starkern  Ausbildung,  wie  sie  gewohnlich 
bei  Menschen,  die  nur  ein  Bein  zur  Disposition  haben,  statt  findet, 
eine  Abnahme  des  Umfangs  und  der  Muskelkraft  und  noch  iiber- 
dies  den  Anfang  eines  Klumpfusses  darbot.  Die  obern  Extremi- 
taten  verhielten  sich  normal.  Bei  der  Section  fand  man  sarnmt- 
liche  Muskeln  des  linken  Beins  in  Fett  verwandelt,  ajjein  noch  mit 
Scheiden  versehen  und  an  ihrer  biindelartigen  Anordnung  erkenn- 
bar.  An  einigen  Muskeln  waren  einzelne  Muskelbundel  von  rother 
Farbe  erhalten,  am  Glutaeus  deren  vier,  am  Plantaris  zwei.  Am 
rechten  Beine  fand  man  die  Muskeln  der  hintern  Flache  des  Ober- 
schenkels,  den  Semitendinosus , Semimembranosus  und  Biceps  in 
Fettgewebe  verwandelt.  Die  Wirbelsaule  war  in  der  Rucken-  und 
Lendengegend  stark  gekriimmt,  mit  der  Concavitat  nacb  links.  Das 
Riickenmark  war  in  seinem  untern  Theile,  in  der  Liinge  von  3k 
Zoll  bedeutend  atrophisch,  dichter  als  gewdhnlicb  und  von  grauer 
Farbe.  Die  mittleren  Furchen  schienen  an  dieser  Stelle  verstrichen, 
und  die  Substanz  in  ein  graues,  homogenes,  verhartetes  Gewebe 
verwandelt  zu  sein.  Auf  der  linken  Seite  war  die  graue  Degene- 
ration bei  weitem  betrachtlicher  als  auf  der  rechten.  Die  von  die- 
ser Stelle  ablretenden  Nerven  zeigten  keine  merkliche  Abnahme 
des  Volumens.  In  der  Niilie  des  zweiten  und  dritten  Buckenwir- 
bels  nahmen  die  hintern  Markstrange  in  der  Niilie  der  Mittelfurche 
an  der  grauen  Entartung  Theil,  und  waren,  wie  am  untern  Theil 
des  R'uckenmarks,  mit  einander  verscbmolzen.  An  der  Yarolsbriicke 
fanden  sicli  4 — 5 graue  Inseln.  Die  linke  Pyramide  \\ar  etwas 
geschwunden  und  kleine  Flecke  von  grauer  Farbe  zeigten  sich  uber 
und  unter  der  linken  Olive.  Am  hintern  linken  Vierhugel  war  auch 
ein  grauer  Fleck  siclitbar,  so  wie  mehrere  am  Thalamus  opticus 


SPINALE  LAHMUNGEN. 


757 


und  an  der  untern  Flache  des  Corpus  callosum.  Alle  diese  Flecke 
waren  von  dichter  Consistenz  und  ziemlicher  Dicke.  ( Cruveilhier 
Anatomie  patholog.  livr.  XXXVIII.  p.  4.) 

Von  besonderm  Interesse  ist  die  Beobachtung,  dass  die  im  zar- 
ten  Kindesalter  zur  Lahmung  Anlass  gebende  Krankheit  des  Riik- 
kenmarks,  z.  B.  Meningitis,  aufgehort  haben  kann,  wahrend  die 
Unbeweglichkeit  durch  forts chreitende  Entartung  und  Verbildung 
der  Gliedmaassen  unterhalten  und  gesteigert  wird,  auf  ahnliche 
AVeise  wie  sich  nach  einem  vorangegangnen  Krampfe  die  Muskel- 
affection  von  der  Ursache,  die  sie  erzeugt  hat,  isoliren  und  als  Ver- 
kiirzung  der  Muskelfasern  zuriickbleiben  kann.  Um  die  Kenntniss 
dieser  Zustande  hat  sich  J.  Heine  durch  Veroffentlichung  der  in 
seiner  orthopadischen  Heilanstalt  zu  Cannstadt  gesammelten  Beob- 
achtungen  liber  Lahmungszustande  der  untern  Extre- 
rmitaten  und  deren  Behandlung.  Stuttgart  1840  ein  blei- 
bendes  Verdienst  erworben.  Der  Ursprung  lasst  sich  bei  solchen 
lKranken  meistens  bis  zur  ersten  Dentition  oder  bis  zum  Verlaufe 
teiner  acuten  Krankheit,  eines  exanthematischen  Fiebers  verfolgen, 
'wo  bei  zuvor  gesunden  Kindern  nach  dem  Ausbruche  starker  Con- 
wulsionen,  seltner  ohne  diese,  eine  Paraplegie  entdeckt  wird,  zuwei- 
len  mit  Theilnahme  der  obern  Extremitaten,  selten  der  Blase  und 
ides  Mastdarms.  Die  Lahmung  beschrankt  sich  spaterhin  auf  eine 
mder  beide  untern  Extremitaten,  in  gleichem  oder  ungleichem 
Maasse.  Die  Sensibilitat  verhalt  sich  fast  immer  normal.  Die  Be- 
wegung  ist  nicht  ganz  aufgehoben,  dauert  gewohnlich  in  den  Ober- 
'Schenkeln,  wenn  aucli  in  schwiicherem  Maasse,  fort,  wahrend  sie 
iiin  den  Unterschenkeln  und  besonders  in  den  Fiissen  fast  ganz  er- 
lloschen  ist.  Stehen  und  Gehen,  selbst  bei  unterstiitztem  Rumpfe, 
i ist  in  der  Regel  unmoglich : die  Locomotion  besteht  in  einem  Fort- 
rrutschen  auf  dem  Fussboden.  Die  Temperatur  der  Unterschenkel 
mnd  Fusse  ist  bedeutend  gesunken,  auf  17  bis  146  R. , die  Farbe 
lblauroth.  Atrophie  der  Extremitaten  ist  stets  vorhanden;  ein  Zu- 
ruckbleiben  in  der  Liingen-Dimension  bei  Wachsthum  des  Korpers 

50  * 


758 


SPINALE  LAHMUNGEN. 


wird  seltner  jbeobachtet.  Die  Deformitiit  der  Glieder  bildet  sich 
mit  den  Jahren  urn  so  starker  aus  und  zeigt  sich  in  Verkrummun- 
gen  jeder  Art,  Contractin'  des  Knie-  und  Huftgelenks,  Klumpfuss- 
biklung,  Einwartsrichtung  der  Kniee.  Die  Trochanteren , die  Knie- 
scheiben  bleiben  unvollstandig  entwickelt,  die  Rohrenknochen  haben 
einen  geringeren  Umfang  als  im  normalen  Zustande.  Im  weitern 
Verlaufe  entstehen  Kriimmungen  der  Wirbelsiiule  im  Dorsal-  und 
Lumbartheile.  Auf  die  iibrige  Gesundheit  und  auf  die  Lebensdauer 
zeigt  sich  kein  nachtheiliger  Einlluss:  ich  kenne  einen  Kranken  die- 
ser  Art,  der,  obgleich  er  von  einern  Stuhle  auf  den  andern  getra- 
gen  werden  muss,  im  vierzigsten  Jahre  sich  verbeirathet  und  ge- 
sunde  Kinder  gezeugt  hat. 

Die  therapeutische  Nutzanwendung  bewahrt  sich  durch  die 
Wirksamkeit  jenes  Verfahrens,  welches  die  Aufhebung  der  conse- 
cutiven  ortlichen  Bedingungen  der  Immobilitat  zum  Zweck  hat.  Es 
misslingen  alle  Heilversuche,  die  auf  einen  vorausgesetzten  Krank- 
heitszustand  des  Riickenmarks  gerichtet  werden,  auf  etwanige  Ex- 
sudate,  Entziindung,  mittelst  Anwendung  von  Blutegeln,  Schrdpfko- 
pfen,  Exutorien,  Nux  vomica,  Elektricitat  u.  s.  f.;  dagegen  diejeni- 
gen  Mittel  von  Erfolg  sind,  welche  Belebung  der  Nutrition,  Beseiti- 
gung  der  ErschlafFung  oder  Contracturen  der  Muskeln,  endlich  eine 
Formveranderung  der  verkriippelten  Knochen  bezwecken,  mogen 
sie  aus  dem  Bereiche  der  Mechanik,  der  operativen  Chirurgie,  der 
Materia  medica,  oder  aus  deren  Vereine  entnommen  werden.  Die 
jenem  Werke  beigefiigten  Abbildungen  der  Kranken  vor  und  nach 
der  Cur  geben  einen  Beweis,  wie  durch  den  beharrlich  fortgesetz- 
ten  Gebrauch  der  Wasser-  und  Dampfbiider,  der  Frictionen,  der 
Beuge-  und  Slreckbewegungen , der  Tenotomie  (Vgl.  v.  Breuning 
Wiederbelebung  gelahmter  Gliedmaassen  durch  den  Sehnenschnitt. 
Wien  1844.),  und  der  durch  sinnreiche  Apparate  moglich  gemach- 
ten  Steh-  und  Gehiibungen  die  durch  eine  fruhzeitige  Affection 
des  Riickenmarks  entstandnen  und  beim  ersten  Anblick  als  unheilbar 
sich  darstellenden  Deformitaten  gebessert  und  gelieilt  werden  kdnnen. 


SPINALE  LAHMUNGEN. 


759 


Was  die  Ursachen  unci  Behandlung  der  iibrigen  vom  Riicken- 
narke  als  Leitungsapparate  abhangigen  Lahmungen  betrifft,  so  ver- 
■weise  ich  auf  die  fiinfte  Abtheilung  des  Lehrbuches,  welche  die 
Krankheiten  der  Bildungssphare  der  Nervenapparate  zum  Gegen- 
;tande  hat. 


Es  ist  bereits  bei  Schilderung  der  spinalen  Krampfe  bemerkt 
.vorden  (S.  435),  dass  das  Riickenmark  sich  als  Leitungsapparat 
on  den  peripherischen  Bahnen  dadurch  unterscheidet,  dass  es  nicht 
uur  die  Summe  der  einzelnen  Primitivfasern  der  Nerven  enthalt, 
ondern  auch  mit  Anordnungen  der  Elementarfasern  versehen  ist, 
velche  die  Erregung  zu  bestimmten  Combinationen  der  Bewegung 
inoglich  machen.  Im  Gegensatze  zu  den  durch  Krampf  hervorge- 
ufenen  Gruppen  der  Bewegungen,  wie  sie  sich  in  der  Chorea  her- 
usstellen  (a.  a.  0.),  kommen  paralytische  Zustande  vor,  wo  diese 
ssociirende  Fahigkeit  aufgehoben  ist.  In  den  Rumpfgliedern  spricht 
i ich  diese  Storung  am  deutlichsten  aus,  nicht  bloss  durch  die  Un- 
ahigkeit  zur  Beugung  oder  Streckung,  zur  Pronation  oder  Supi- 
tation,  zur  Adduction  oder  Abduction,  zum  Ein-  oder  Auswarts- 
ollen,  sondern  auch  durch  das  Uebergewicht  der  antagonistischen 
Iuskelgruppen,  wodurch  haufig  eigenthiimliche  Stellungen  und  Ver- 
riimmungen  entstehen,  deren  Kenntniss  die  Diagnose  erleichtert. 
*o  bietet  sich  der  paralytische  Pferde-  oder  Klumpfuss  dar, 
belcher  sich  durch  grosse  Schlaffheit  des  Gliedes,  durch  die  Leich- 
ligkeit,  womit  das  von  der  normalen  Richtung  abgewichne  Glied 
i die  natiirliche  Stellung  zuriickgebracht  werden  kann,  und  durch 
ie  Abmagerung  und  Welkheit  der  ganzen  Extremitat  von  andern 
Urten  unterscheidet  ( Die/fenbach  iiber  die  Durchschneidung  der 
3ehnen  und  Muskeln  S.  214).  Eine  von  Longet  mitgetheilte  Be- 
hachtung  giebt  die  erste  genauere  anatomische  Untersuchung  der 
'Vluskeln  und  Nerven  im  paralytischen  Klumpfusse  (Anat.  et  physiol. 


760 


SPINALE  LiHMUNGEN. 


du  syst.  nerv.  T.  I.  p.  358).  Der  Fall  belraf  ein  achtjahriges  Mad- 
chen  mit  Varus  des  rechten  Fusses.  Die  Zehenstrecker  und  Pero- 
naei  waren  verlangert  und  vollkommen  gelahmt,  der  dreikopfige 
Waden-,  der  vordre  und  hintre  Schienbeinmuskel  miissig  zusammen- 
gezogen,  und  eben  so  wie  die  Zehenbeuger  im  Besitze  ihres  Con- 
tractionvermogens.  Das  ganze  Bein  war  merklich  abgemagert,  die 
Sensibilitat  normal.  Die  Operation  des  Klumpfusses  hatte  in  kur- 
zer  Zeit  guten  Erfolg,  allein  das  Kind  wurde  von  den  Pocken  be- 
fallen, und  star!)  sechs  Wochen  darauf  an  Noma.  Wahrend  dieser 
Krankheit  war  der  Klumpfuss  zum  Theil  wieder  zum  Vorschein 
gekommen.  Leichenbefund.  Die  Achillessehne  und  die  Sehne 
des  vordern  Tibialis  wraren  vollstandig  vereinigt.  Sehr  auffallend 
war  die  Blasse  der  gelahmten  Muskeln,  wahrend  die  iibrigen  eine 
fast  normale  Farbe  hatten,  obgleich  etwas  bleicher  als  am  gesunden 
Fusse.  Die  Blasse  dehnte  sich  auch  auf  einige  Muskeln  des  Ober- 
schenkels  aus,  auf  den  Biceps,  Vastus  externus,  Tensor  fasciae  la- 
tae.  In  den  beiden  ersteren  zeigten  sich  rothe  Muskelbiindel  neben 
blassen.  Die  Entfarbung  nahm  die  ganze  Lange  der  Fasern  in  den 
Muskelbiindeln  ein.  Die  Nerven  des  rechten  Beins  waren  diinner 
als  die  der  linken  Extremitat.  Das  Riickenmark  zeigte  keine 
bemerkbare  Veranderung,  eben  so  wenig  das  Gehirn,  allein  die 
vordern  Wurzeln  der  den  rechten  Ischiadicus  bildenden  Lumbar- 
und  Sacralnerven  hatten  kaum  ein  Viertheil  des  Durchmessers  der 
entsprechenden  Nerven  der  linken  Seite,  wahrend  die  hintern  Wur- 
zeln auf  beiden  Seiten  von  normaler  Dicke  waren.  Die  atrophi- 
schen  Wurzeln  hatten  eine  braune  fast  ocherahnliche  Farbe.  Nur 
eine  unter  ihnen  war  der  Atrophie  und  Entfarbung  entgangen. 

Eine  specifische  Ursache  ruft  am  haufigsten  die  Lahnmng  der 
zu  bestimmten  Acten  der  Bewegung  combinirten  Muskelreihen  her- 
vor,  die  Bleivergiftung. 


RLEILAHMUNG. 


761 


Paralysis  satiirnina. 

Die  obern  Rumpfglieder  sind  vorzugsweise  der  Sitz,  die  untern 
?lten,  etwa  1 : 6,  meistens  nur  in  Gemeinschaft  mit  den  obern. 
>ie  Lahmung  befallt  halbseitig  oder  bilateral,  in  letzterem  Falle 
I ieselben  Muskeln  oder  andre,  am  haufigsten  die  Extensoren,  Supi- 
i atoren,  Adductoren.  In  der  Frequenz  steht  die  Finger-  und  Hand- 
ihmung  oben  an.  Oft  sind  nur  Mittel-  und  Ringfinger  der  Strek- 
;iung  verlustig  und  einwarts,  fast  in  rechtem  Winkel  nach  der 
llandfiache  gebogen.  Bei  einer  Kranken,  die  mit  Handhabung  der 
Mucbdruckertypen  sich  beschaftigte,  sab  ich  unlangst  nur  den  Dau- 
nen  der  rechten  Hand  afficirt:  seine  Abductoren  und  Extensoren 
ivaren  gelahmt,  der  Adductor,  Flexor  und  Opponens  dagegen  ver- 
chont.  In  andern  Fallen  sind  die  Extensoren  aller  Finger,  auf 
mgleiche  Weise,  mehr  oder  minder,  paralysirt,  und  einwarts  nach 
ter  Mittelhand  gebogen.  Der  Kranke  kann  willkuhrlich  die  Hand 
twas  melir  schliessen,  allein  das  Oeffnen  ist  unvollstandig : nur 
lurch  Nachlass  des  Willensimpulses  auf  die  Flexoren  kehren  die 
huger  in  die  halbgebogne  Stellung  zuriick,  ohne  dass  die  Exten- 
oren  einen  thatigen  Antheil  nehmen.  Doch  auch  die  Flexion 
:ommt,  wie  Tanquerel  des  Planches  bemerkt  (Traite  des  maladies 
ie  plomb.  Paris  1839.  T.  II.  p.  42.),  nicht  so  vollkommen  wie 
)ei  einem  Gesunden  zu  Stande,  weil  den  gelahmten  Streckmuskeln 
lie  Elasticitiit  zur  erforderlichen  Verlangerung  fehlt.  Die  Hand  ist 
mtweder  allein  oder  in  Verbindung  mit  den  Fingern  und  dem  Vor- 
lerarm  gelahmt.  Im  erstern  Falle  ist  wegen  Paralyse  der  Radial- 
md  Ulnarstrecker  des  Handgelenkes  jede  Extension  unmbglich:  die 
Hand  verharrt  in  starrer  Riegung  gegen  den  Vorderarm,  und  ist 
dadurch  ausser  Stande  die  Bewegungen  der  Adduction  und  Abdu- 
ction zu  vollfuhren.  Rei  mitvorhandner  Paralyse  des  Vorderarms 
ist  derselbe  gegen  den  Oberarm  gebogen  und  theilt  mit  der  Hand 
den  Verlust  der  Supination,  so  dass  bcide  wegen  des  Uebergewichts 
des  Pronator  teres  und  Quadratus  in  einer  andauernden  Pronation 


762 


SPINALE  LAFIMUNGEN. 


sich  befmden  und  die  Hand  iioch  iiberdies  die  obengeschilderte 
Stellung  inne  hat.  Am  Oberarm  ist  am  haufigsten  die  Bewegungs- 
fahigkeit  nach  oben  durch  Lahmung  des  Deltoideus  aufgehoben, 
wiihrend  die  Bewegung  nach  vorn  und  hinten  wegen  Integritat  des 
Pectoralis  major  und  Latissimus  dorsi  ungehindert  bleibt. 

Aui'  ahnliche  Weise  wie  an  der  obern  Extremitat  fiihrt  an  der 
untern  die  Strecklahmung  abnorme  Stellungen  herbei,  wie  dort  die 
Klumphand,  so  hier  den  Kiumpfuss  bei  isolirter  Lahmung  der  Fuss- 
und  Zehenstrecker.  Die  Zehen  sind  einwarts  nach  der  Sohle  ge- 
bogen,  die  Fussspitze  steht  ab warts  und  nach  vorn,  die  Plantar- 
tlache  ist  concav.  Die  Bewegung  des  Fusses  nach  dem  Unter- 
schenkel  ist  aufgehoben,  desgleichen  die  Adduction  und  Abduction. 
Vorzugsweise  sind  die  Extensoren  des  Unterschenkels  gelahmt,  der 
Rectus  femoris,  Cruralis,  die  Vasti;  der  Unterschenkel  ist  gegen 
den  Oberschenkel  halb  gebogen,  der  Kranke  ist  ausser  Stande  das 
Bein  in  der  Extension  aufzuheben,  und  steigt  die  Treppe  leichter 
herauf  als  herunter.  Liegt  er  auf  den  Knieen,  so  vermag  er  nicht 
sich  ohne  Beihiilfe  in  die  llohe  zu  richten. 

Nicht  immer  bleibt  jedoch  die  Bleilahmung  auf  diese  Muskel- 
gruppen  beschriinkt,  sondern  dehnt  sich  bei  Vernachlassigung  und 
bei  Fortdauer  schadlicher  Einfliisse  im  spatern  Verlaufe  auch  auf 
die  gauze  Extremitat  einer  oder  beider  Seiten  aus,  jedoch  sind  die 
Beuger  minder  beeintrachtigt  als  die  Strecker,  daher  die  Ellenbogen-, 
Hand-  und  Fingergelenke  in  einer  massigen  Flexion  beharren,  und 
Vorderarm  und  Hand  eine  zwischen  Pronation  und  Supination  mitt- 
lere  Stellung  einnehmen.  Niemals  zeigt  sich  Rigiditat  der  Muskeln, 
eben  so  wenig  Theilnahme  der  Sphincteren  bei  paraplektischer 
Form.  Oefters  sind  die  gelahmten  Muskeln  Sitz  einer  vibrirenden 
Bewegung,  dagegen  Zittern,  wie  bei  der  Quecksilber-Vergiftung, 
nicht  Yorkommt. 

Karakteristisch  ist  die  zur  Paralyse  sich  hinzugesellende  Atro- 
phie  der  Muskeln  und  des  sie  umgebenden  Zell-  und  Fettgewebes, 
welche  friiher,  rascher  und  betrachtlicher  eintritt  als  bei  andern 


BLEILAHMUNG. 


763 


Spinallahmungen , so  class  sie  nicht  als  blosse  Folge  der  Unthatig- 
keit  zu  betrachten  ist.  Die  Conture  der  Muskeln  schwinden:  die 
hintre  und  aussre  Flache  cles  Vorderarms,  die  Vordertlache  cles 
Oberschenkels,  wo  die  Extensoren  liegen,  zehren  ab,  und  bilden 
dadurch  einen  Contrast  rait  den  Reliefs  der  Flexoren.  In  hoherem 
Grade  zeigen  sich  Vertiefungen  und  Gruben,  die  von  den  gesunden 
Nachbarmuskeln  iiberragt  werden.  Zuletzt  scheint  das  Muskelge- 
webe  ganz  zu  verschwinden , und  lasst  den  Knochen  mit  seinen 
Vorspriingen  scharf  hervortreten : so  sielit  man  es  am  Deltoideus 
(vicli  ac  demonstravi  in  nosocomio  Deltoidis  utroque  in  latere  sic 
evanuisse  carnem,  ut  ejus  loco  nihil  nisi  membranaceum  quid  ta- 
ctu  perciperetur.  Be  Haen  rat.  med.  T.  X.  p.  1 00),  und  an  der 
Wulstung  des  Daumens , welche  auf  einem  Niveau  mit  der 
Hohlhand  ist. 

Die  Sensibilitat  ist  l)ei  der  Mehrzahl  der  Kranken  erhalten:  sie 
empfinden  den  Mangel  der  Motilitiit  als  Gefiihl  von  Schwere,  wie 
von  einem  zumal  an  den  Gelenken  anhangenden  Gewichte.  Hebt 
man  den  Arm  auf  und  lasst  ilm  herunterfallen,  so  klagt  der  Kranke 
fiber  Schmerz  in  der  Achselhbhle,  in  der  Schulter.  Oefters  ist  ein 
Gefiihl  von  Kiilte  lastig.  In  seltnen  Fallen  begleiten  neuralgische 
Schmerzen,  in  noch  seltneren  Haut-Aniisthesie. 

Bei  liingerer  Dauer  der  Lahmung  entsteht  in  Folge  anhaltender 
Contraction  der  Pronatoren  und  Beuger  eine  Wolbung  des  Hand- 
riickens.  Kleine,  harte  Geschwiilste  bilden  sich  claim  zuweilen  auf 
der  Handwurzel  und  Mittclhand,  cleren  schon  Be  Haen  unci  Stoll 
erwahnen,  und  welche  falschlich  fur  Ansammlungen  verdickter  Sy- 
novialfliissigkeit  gehalten  wurden.  Nach  Tanquercl’s  Untersuchun- 
gen  am  Leichname  (1.  c.  p.  44.  139.  150.)  sind  es  einzelne  Mit- 
telhand-  odcr  Handwurzel  knochen , welche  mit  ihren  hinteren  Gc- 
lenkllachen  ubereinander  gleiten,  woran  die  Verlangerung  und  Er- 
schlafFung  der  Bander  Schuld  sein  mag. 

Nur  selten  befallt  diese  Lahmung  primar,  gewohnlich  nach  oder 
mit  der  Bleikolik,  am  haufigsten  allmahlich  nach  Aufhoren  der  letz- 


764 


SPINALE  LAIIMUNGEN. 


tern,  seltner  simultan  mit  gleichzeitiger  Steigerung  und  Nachlass 
ihrer  Zufalle,  am  seltensten  plotzlich  mitten  im  Verlaufe  und  mit 
Unterbrechung  der  Kolik.  Die  Mehrzahl  der  Kranken  hat  vor 
Eintritt  der  Paralyse  nur  einen,  zwei,  hochstens  drei  Kolikanfalle 
iiberstanden , die  sich  keinesweges  durch  grossere  Intensitat  aus- 
zeichnen.  Viele  bleiben  befreiet  von  der  letzteren,  sobald  sie  an 
Lahmung  erkranken.  Bei  andern  nimmt  die  unvollstandig  gelieilte 
Paralyse  mit  jedem  neuen  Anfalle  der  Kolik  wieder  zu. 

Mit  der  Bleilahmung  coexistiren  andre  Folgen  dieser  Vergiftung. 
Unter  ihnen  nimmt  Anaemie  die  wichtigste  Stelle  ein.  Der  blass- 
gelbe  Teint,  die  bleiche  Erdfarbe  der  Haut,  der  schwache,  trage 
Herz-  und  Arterienpuls,  odematbse  Anschwellungen  geben  Zeugniss 
davon,  und  Andral  fand  eine  betrachtliche  Abnahme  der  Blutkor- 
percben,  ohne  Betheiligung  der  Fibrine  und  der  andern  Bestand- 
theile  des  Blutes  (Essai  d’hematologie  pathologique  p.  52).  Die 
Reproduction  ist  gesunken:  allgemeine  Abmagerung  und  ein  Zustand 
von  Marasmus  machen  sich  bemerkbar. 

Der  Eintritt  der  Bleilahmung  erfolgt  meistens  langsam,  nacb 
Vorboten  von  Schwache,  Erstarrung,  Unbeholfenheit  und  leichter 
Efmiidung.  Wo  eine  gauze  Extremitat  Sitz  derselben  ist,  nimmt 
sie  gewohnlich  einen  absteigenden  Lauf,  am  Oberarm  oder  Ober- 
scbenkel  beginnend.  Die  Dauer  ist  mehrentheils  lang,  otters  auf 
Jahre  ausgedehnt,  mit  abwecbselnder  Besserung  uud  Verschlimme- 
rung.  Zuweilen  werden  der  Hjpo  glossus,  Vagus  (recurrens),  die 
Nerven  der  Athemmuskeln  in  den  Bereich  der  Paralyse  gezo- 
gen,  und  in  letzterem  Falle  der  todtliche  Augang  dadurcb  be- 
schleunigt,  welcher  unter  andern  Umstanden  apoplektisch  oder 
durch  Complication  mit  andern  Krankheiten  hei'beigeR'ibrt  wer- 
den kann. 

Die  von  Andral  ( Clinique  * medicale  T.  II.  p.  227),  Gendrin 
(traduct.  des  maladies  de  I’encepbale  par  Abercrombie  2.  cblit.  p. 
5/0),  und  Tanquerel  (1.  c.  p.  77.  144.  149)  vorgenommenen 
Unlersuchungen  nach  dem  Tode,  welcbe  den  Anforderungen  an 


BLEILAHMUNG. 


765 


Vollstandigkeit  und  Genauigkeit  entsprechen,  stimmen  in  dem  Man- 
,£el  wahrnehmbarer  Veranderungen  in  den  centralen  und  peripheri- 
schen  Nervenapparaten  iiberein.  Nur  in  einem  Falle  wurde  eine 
Atrophie  des  Nerv.  radialis  und  ulnaris,  und  bei  zweiKranken  eine 
erhebliche  Menge  seroser  Flussigkeit  in  der  Schadel-  und  Wirbel- 
hohle  angetroffen.  Dagegen  bieten  sich  in  den  gelahmten  Muskeln 
folgende  Befunde  dar:  Atrophie  der  ihrer  primitiven  Form  verlusti- 
gen  Muskelfasern , gelblich  - blasse  oder  weissliche  Farbe,  Miirbheit, 
zuweilen  Eintrocknung,  wie  Mumification , im  Gegensatze  zur  Car- 
nation und  normalen  Beschaffenheit  der  iibrigen  Muskeln.  Auch 
Bleimoleciile  sollen  in  neuerer  Zeit  bei  der  chemischen  Analyse  in 
den  gelahmten  Extensoren  gefunden  worden  sein  ( Budd  oil  the 
symmetry  of  disease  in  Medico  - chirurg.  transact.  1842,  vol.  XXV. 
p.  114).  Die  Ligamente  sind  schlaffer,  leichter  zu  zerreissen,  die 
Synovialfliissigkeit  in  geringer  Quantitiit  und  von  gelblicher  Farbe, 
die  Gelenkenden  der  Handknochen  haben  ihr  glattes  glanzendes 
Ansehen  verloren. 

Die  bedingende  Ursache  dieser  Lahmung  ist  das  Blei,  auf  welche 
Weise  und  auf  welchen  Wegen  es  auch  im  molecularen  oxydirten 
Zustande  in  das  Blut  gelangt  sein  mag:  denn  fur  eine  die  motori- 
schen  Nerven  in  ihrer  peripherischen  Bahn  unmittelbar  paralysirende 
Wirkung  liegen  keine  gultigen  Beweise  vor:  schon  die  Auswahl 
der  Streckmuskeln  vor  den  Flexoren  in  der  isolirten  Fingerlahmung 
bei  Handhabung  des  Bleies  von  Schriftgiessern,  Buchdruckern  und 
dcnen,  welche  Blciplatten  walzen,  spricht  dagegen,  so  wie  auch  das 
Vorkommcn  von  Lahmung  nacli  Bleivergiftung  durch  verfalschte 
Weine,  durch  Wasscr  und  Getranke,  die  in  bleiernen  Gehissen  auf- 
bewahrt  werden,  selbst  durch  arzneilichcn  Missbrauch  des  Plumb, 
acet.,  und  endlich  die  Theilnahme  der  Athem-  und  Zungen- 
muskeln.  Am  haufigstcn  giebt  eine  mit  Bleistaub  geschwangerte  At- 
mosphare  Anlass,  daher  die  Arbeiter  in  Bleiwcissfabriken  der  Para- 
lyse am  mcisten  ausgesetzt  sind,  und  nicht  bloss  auf  die  Menschen, 
auch  auf  die  dort  befmdlichen  Thiere  dehnt  sich  t dieser  Einlluss 


766 


SPINAJLE  LAHMUNGEN. 


aus.  Die  Pferde  in  der  Muhle  werden  von  Lungenpfeifen  in  Folge 
von  Lahmung  des  Vagus  befallen,  und  nur  durch  die  Tracheotomie 
am  Leben  erhalten.  Ratten  in  den  Rleiweissfabriken  lassen  sich 
wegen  Lahmung  der  Hinterbeine  leicht  fangen  und  todten.  Zu- 
nachst  der  Frequenz  nach  leiden  die  mit  Reiben  des  rothen  und 
weissen  Oxyds  mit  Terpentin-  und  andern  Oelen  beschaftigten  An- 
streicher.  Gelegentliche  Einfliisse  begunstigen  die  Entstehung  dieser 
Lahmung:  Missbrauch  spirituoser  Getranke,  geschlechtliche  Aus- 
schweifungen,  Unreinlichkeit,  Erkaltung. 

Ausser  dem  Rlei  giebt  auch  der  Arsenik  Anlass  zu  Lahmungen 
(Vgl.  Christison  a treatise  on  poisons.  2.  edit.  p.  292).  Schon 
Broclie  hat  in  seinen  toxicologischen  Versuchen  an  Thieren  eine 
halbe  Stunde  nach  der  Vergiftung  Paraplegie  beobachtet  (Philoso- 
phical transactions  1812.  Part  I.  p.  212),  wahrend  Tanquerel  (1.  c. 
p.  18)  und  Andern  die  gellissentliche  Erzeugung  der  Bleilahmung 
bei  Thieren  misslungen  ist.  Jedoch  fehlen  in  den  bisher  bekannt 
gewordenen  Fallen  die  karakteristischen  Merkmale  der  Paralysis  sa- 
turnina:  die  Lahmung  hatte  beide  untre  Extremitaten  befallen  (De 
Helen  ratio  medendi  T.  IX.  p.  240)  oder  auch  in  den  Beugemus- 
keln  ihren  Sitz,  und  war  von  Abnahme  und  Verlust  der  Sensibilitat 
begleitet. 

Giinstige  Momente  fur  die  Heilung  sind:  frische  Entstehung,  be- 
schrankter  Sitz,  massiger  Grad  von  Atrophie,  jugendliches  Alter, 
kraltige  Constitution,  Friihling  und  Sommer. 

Ohne  Entziehung  des  schadlichen  Gewerbes  lasst  sich  weder 
die  bestehende  Lahmung  heilen,  noch  ihre  Riickkehr  verhuten. 
Aufenthalt  und  Bewegung  in  freier,  trockner,  warmer  Luft  befor- 
dern  machtig  die  Cur,  und  sind  schon  fur  sich  im  Stande  geringre 
Grade  der  Paralyse  zu  heben.  Die  des  Vertrauens  wiirdigsten 
Mittel  sind  Nux  vomica,  Elektricitat,  warme  Bader.  Das  Strychnin 
eignet  sich  sowohl  zum  innern,  als  endermatischen  Gebrauch,  wobei 
auch  die  kleinern  Dosen  \ Gran  mit  Sorgfalt  iiberwacht  wer- 

den mussen.  Die  erforderlichen  Vesicatore  werden  auf  und  in  die 


BLEILAHMUNG. 


767 


Niihe  der  gelahmten  Theile  gelegt.  Unter  vierzig  von  Tanquerel 
mit  diesem  Alcaloid  behandelten  Kranken  waren  nur  vier,  bei  de- 
nen  der  entschiedne  Erfolg  vermisst  wurde.  Die  Dauer  der  Cur 
betrug  im  Durchschnitt  zwei  Monate.  Von  der  Elektricitat  hatte 
schon  ihr  eifrigster  Lobredner,  De  Haen,  das  Urtheil  gefallt,  dass 
sie  in  Verbindung  mit  andern  Mitteln  am  wirksamsten  sei:  calculo 
iterato  subducto  evictum  est,  virtutem  electricam  cum  caeteris  artis 
praesidiis,  quae  solida  fluidaque  ad  eandem  aptent,  paralysin  expe- 
ditius  curare  quam  absque  illis  (I.  c.  p.  109).  Beharrlichkeit  ist 
bei  ihrem  Gebrauche,  in  welcher  Form  es  auch  sei,  als  Elektro- 
punctur,  als  Elektromagnetismus,  das  wichtigste  Erforderniss.  Un- 
ter  den  Badern  verdienen  die  Schwefelbiider  den  Vorzug,  die  kiinst- 
lichen  und  in  noch  grosserm  Maasse  die  natiirlichen.  Oft  zeigt 
sicb  nacb  den  ersten  Badern  ein  schwarzlicher  Niederschlag  von 
Bleisulphat  an  den  Extremitaten.  Auch  trockne  Frictionen  und 
Inunctionen  mit  01.  Terebinth,  aether.,  mit  Ung.  nervin.  sind  zu 
empfehlen.  Nach  Pemberton  soli  bei  der  Lahmung  der  Hande  die 
Cur  durch  Anlegen  von  Schienen  an  den  Handtellern,  an  der 
Beugeflache  unterstiitzt  werden.  Die  Heilung  erfolgt  bei  Lah- 
mung ganzer  Gliedmaassen  in  absteigendem  Laufe.  Die  Tha- 
tigkeitder  Haut  wird  rege  und  das  Volumen  der  Muskeln  stellt  sich 
wieder  her. 


Nicht  immer  ist  es  jedoch  Bleivergiftung,  die  zu  dieser  beson- 
dern  Form  der  Lahmung  Anlass  giebt.  Man  beobachtet  sie  bei 
Individuen,  wo  die  genaueste  Anamnese  auch  nicht  den  geringsten 
Verdacht  auf  eiiien  solchen  Einfluss  rechtfertigt.  Nur  beschrankt 
sie  sich  nicht,  noch  betrilft  sie  alsdann  vorzugsweise  die  Extensoren, 
sondern  nimmt  auch  in  den  Beugemuskeln  ihren  Sitz.  Atrophie  ist 
ihr  steter  Begleiter,  wahrend  die  Sensibilitat  fast  immer  erhalten 


768 


SPINALE  LAHMUNGEN. 


ist.  Bell  hat  das  Verdienst  der  ersten  Schilderung:  ,,die  Liihmung 
befallt  nicht  Theile  des  Armes  oder  Fusses  gleichmiissig,  aucli  breitet 
sie  sicli  nicht  an  den  Gliedern,  weder  auf-  nocli  abwarts  aus,  sondern 
die  Krankheit  hat  in  jenen  Muskeln  ihren  Sitz,  deren  Bewegungen 
im  natiirlichen  Zustande  associirt  sind,  wenn  auch  diese  Muskeln 
an  verschiednen  Stellen  der  Extremitat  liegen  und  von  verschiede- 
nen  Nerven  und  Arterien  versorgt  werden.  Wo  der  Daumen  z.  B. 
afficirt  ist,  beschrankt  sich  das  Schwinden  keineswegs  auf  dessen 
kurze  Muskeln,  sondern  verbreitet  sich  auch  auf  diejenigen  Daumen- 
muskeln,  welche  am  Yorderarme  liegen,  obgleich  die  mit  denselben 
in  der  nachsten  Beriihrung  stehenden  Muskeln  des  Armes  vollkom- 
men  kraftvoll  und  voluminos  sind“  (Physiol,  und  pathol.  Untersu- 
chungen  des  Nervensystems  S.  362).  Ein  von  diesem  Meister  be- 
obachteter  und  in  der  nach  seinem  Tode  erschienenen  Ausgabe  sei- 
nes Werkes  (The  nervous  system  of  the  human  body,  with  additions 
3.  edit.  London  1844.  p.  432)  mitgetheilter  Fall  mag  hier  eine 
Stelle  finden:  Am  linken  Vorderarme  des  vierzigjahrigen  Kranken, 
der  fruher  Kohlentrager  war,  sind  die  Flexoren  der  Hand  und  der 
Finger,  und  die  Muskeln  des  Daumens  in  betrachtlichem  Maasse 
atrophisch,  die  Strecker  der  Hand,  der  vier  F'inger  und  die  Supi- 
natoren  von  normalem  Umfange.  Die  den  Ballen  des  Daumens 
bildenden  Muskeln  zeigen  sich  dergestalt  geschwunden,  dass  zwi- 
schen  den  Mittelhandknochen  eine  starke  Vertiefung  sichtbar  ist, 
und  die  schlafife  Flaut  unmittelbar  auf  den  Knochen  aufliegt.  Unter 
den  an  der  Aussendache  des  Vorderarmes  gelegnen  Muskeln,  die 
ilire  gewohnlichen  Dimensionen  haben,  zeichnen  sich  die  drei  Dau- 
menstrecker  durch  Abmagerung  aus,  und  stimmen  hierin  mit  den 
am  Daumen  selbst  gelegnen  Muskeln  iiberein.  Die  Bewegung  des 
Daumens  ist  ganz  erloschen,  die  Beugung  des  Handgelenks  nur 
sehr  schwach,  die  Flexion  der  Finger  ganz  unmoglich,  dagegen  die 
Slreckung  ungehindert,  wenn  man  vorher  die  Hand  des  Kranken 
geschlossen  hat.  Auf  der  rechten  Seite  sind  Schulterblatt  und 
Oberarm  Sitz  der  Affection.  Die  prominenten  Theile  des  erstern 


SP1NALE  LAHMUNGEN. 


769 


stehen  so  weit  hervor,  wie  im  letzten  Stadium  der  Phthisis.  Her 
Trapezius,  der  Latissimus  dorsi  uud  die  andern  Muskeln,  die  das 
Schulterblatt  mit  dem  Rumpfe  yerbindeu,  sind  stark  und  fleischig: 
allein  der  Supraspinatus,  der  Infraspinatus  und  der  Deltoideus  scliei- 
nen  ganz  und  gar  geschwunden  zu  sein.  Die  Atrophie  des  Del- 
toideus ist  Schuld,  dass  das  Acromion,  der  Processus  coracoideus 
und  das  Caput,  humeri  sich  scharf  unter  der  Ilaut  zeichnen.  Am 
Oberarm  ist  der  Biceps  in  seiner  ganzen  Lange  ausserordentlich 
abgemagert,  und  fiihlt  sich  wie  ein  diinner  Strang  von  der  Schul- 
ter  bis  zum  Ellenbogen  an,  wo  die  Ilaut  schlaff  gefaltet  ist.  Der 
Triceps  dagegen  ist  so  voll  und  stark  wie  bei  einem  kraftigen 
Mamie.  Der  Kranke  ist  ausser  Stande  den  Arm  in  die  Hohe  zu 
heben:  nur  durch  eine  Bewegung  des  ganzen  Korpers  vermag  er 
ihn  zu  schwingen.  Eben  so  wenig  kann  er  ihn  im  Ellenbogen- 
gelenk  flectiren,  obgleich  mit  ganzer  Kraft  ausstrecken.  Seine  ge- 
wohnliche  Stellung  verrath  deutlich  die  betheiligten  Muskeln.  Der 
rechte  Arm  liegt  vor  der  Brust,  getragen  vom  linken  Vorderarm. 
Auf  diese  Weise  kann  er  die  rechte  Hand  nach  Belieben  gebrau- 
chen.  Die  Krankheit  hatte  drei  Jahr  zuvor  mit  einem  Schmerz 
von  der  linken  Schulter  bis  zum  Ellenbogen  begonnen,  den  er  dabei 
mit  aller  Gewalt  ausstrecken  musste.  Die  Abmagerung  der  Dau- 
menmuskeln  war  von  einem  bestandigen  oft  heftigen  Schmerze  be- 
gleitet.  Nach  anderthalb  Jaliren  ting  die  rechte  Schulter  an  zu 
leiden,  ebenfalls  unter  Schmerzen.  Die  iibrige  Gesundheit  war  und 
blieb  ungestort. 

Drei  Fiille  dieser  Lahmung  haben  sich  bisher  meiner  Beobach- 
tung  dargeboten.  Der  erste  betraf  einen  funfzigjahrigen  Kutscber, 
dessen  Krankheit  mit  der  eben  beschriebenen  in  alien  Details  iiber- 
einstimmte,  ausser  dass  die  Lahmung  dcs  Vorderarms  und  der 
Hand  auf  der  rechten  Seite,  die  Lahmung  des  Oberarms  und  der 
Schulter  auf  der  linken  ihren  Sitz  hatte.  Die  Sensibilitat  war  voll- 
kommen  erhalten,  die  Atrophie  aber  zuletzt  so  vorgeschritten,  dass 
man  nur  Ilaut  und  Knochen,  mit  stark  hervorspringenden  Kandern 


770 


SPINALE  LAHMUNGEN. 


und  Unebenheiten  fuhlte.  Die  Haut  war  an  den  gelahmten  Thei- 
len  niclit  trocken  und  sprode,  sondern  weich  und  transpirirte , wie 
beim  gesunden  Menschen.  Der  Tod  erf'olgte  zehn  Jahr  nacb  Ein- 
tritt  der  Paralyse  an  Lungenschwindsucht : leider  ist  die  Section 
verweigert  worden.  Der  zweite  Kranke,  ein  fremder  52jahriger 
Kaufmann,  der  fruher  an  Haemorrhois  und  Podagra  gelitten  hatte, 
wurde  vor  clrittehalb  Jahren  von  heftigen  Schmerzen  in  der  linken 
Schulter  befallen,  welche  sich  den  Arm  entlang  nach  der  Hand 
verbreiteten,  wonach  Zeige-  und  Mittelfinger  ein  stumpfes,  taubes 
Gefiihl  behielten,  obgleich  die  Haut  der  Finger  sehr  empfindlich 
gegen  Beriihrung  blieb.  Der  gauze  Arm  verlor  die  friihere  Kraft 
und  Brauchbarkeit.  Im  folgenden  Jahre  stellte  sich  wahrend  des 
Gebrauchs  kalter  Douchen  ein  Absterben  in  den  Fingerspitzen  der 
rechten  Hand  und  bald  darauf  eine  grosse  Schwache  derselben  ein. 
Ein  Jahr  darauf  wurde  ein  Schwinden  in  den  linken  Daumenmus- 
keln  sichtbar,  und  nach  ein  Paar  Monaten  auch  in  denen  der  rech- 
ten Seite,  ohne  dass  in  diesem  Arme  neuralgische  Schmerzen  vor- 
angegangen  waren.  Seit  kurzem  giebt  sich  eine  schmerzhafte  Em- 
pfindlichkeit  in  der  Plaut  des  rechten  Schenkels  kund.  Die  Sphinc- 
teren  sind  im  Besitze  ihrer  vollen  Kraft.  — Der  dritte  Fall 
zeigt  die  Krankheit  auf  ihrer  hochsten  Stufe  und  Verbreitung 
mit  der  Erscheinung  der  Oscillation  der  Muskelfasern.  W.  S., 
36  Jahr  alt,  Tafeldecker,  fruher  von  kraftiger  Gesundheit,  be- 
kam  vor  drei  Jahren  vibrirende  Bewegungen  in  dem  Ballen 
der  rechten  Hand,  wozu  sich  auffallende  Schwache  des  Daumens 
gesellte.  Bald  wurden  auch  die  ubrigen  Finger  befallen,  die 
Schwache  und  Oscillationen  der  Muskeln  breiteten  sich  liber  den 
Vorder-  und  Oberarm  aus,  erreichten  dann  auch  die  Brustmuskeln, 
und  setzten  sich  in  den  linken  Arm  fort,  der  bald  in  gleichem  Zu- 
stande  wie  der  rechte  sich  befand.  Yon  Anfang  an  trat  Abinage- 
rung  der  befallnen  Theile  ein.  Nach  anderthalb  Jahren  suchte  er 
zuersl  arztliche  Hiilfe  nach,  allein  alle  bisher  angewandten  Mittel 
waren  nicht  im  Stande  das  Fdrtschreiten  der  Krankheit  aufzuhal- 


SPINALE  LAIIMUNGEN. 


771 


ten.  Im  Marz  1845  ergab  die  im  Poliklinicum  angestellte  Unter- 
suchung  Folgendes:  beide  obere  Extremitaten  sind  gelahmt;  der 
Kranke  kann  sie  nur  dadurch  heben,  dass  er  zugleich  den  Rumpf 
in  der  entsprechenden  Richtung  bewegt,  so  dass  die  Anne  aufwarts 
geschleudert  werden.  Vorderarm  und  Hand  sind  schwacher  als 
der  Oberarm:  ein  Druck  mit  der  Hand  ist  nicht  mebr  moglich. 
Die  Unbehulflichkeit  des  Kranken  ist  so  gross,  dass  er  sicli  nicht 
mehr  ohne  Hiilfe  an-  und  auskleiden,  ja  kaurn  allein  essen  kann. 
Von  Zeit  zu  Zeit,  wohl  zwanzigmal  am  Tage  stellen  sich  schmerz- 
Iose  Contractionen  des  Mittelfingers  der  linken  Hand  ein.  Seit  einem 
balben  Jahre  hat  sich  Schwache  der  untern  Extremitaten  hinzuge- 
sellt,  langes  Stehen  wird  nicht  mebr  ertragen,  der  Gang  ist  scldep- 
pend,  und  in  der  Nacht  treten  haufig  krampfhafte  Zusammenzie- 
hungen  in  den  Unterschenkeln  ein,  wodurch  die  Ferse  in  die  Hohe 
gezogen  wird,  denen  der  Kranke  durch  ein  starkes  Anstemmen  der 
Sohle  gegen  die  Bettpfosten  zu  begegnen  sucht.  Die  Atrophie  des 
Muskelgewebes  zeigt  sich  am  betrachtlichsten  in  den  Muskeln  der 
Daumenballen,  in  den  Flexoren  und  Extensoren  dos  Vorderarms 
und  der  Finger,  im  Biceps,  der  einer  dunnen  Membran  zu  verglei- 
chen  ist,  im  Triceps  brachii  und  Deltoideus,  wodurch  das  Schulter- 
gelenk  wegen  des  Verlustes  der  Rundung  fast  die  Form  wie  bei 
einer  Luxatio  humeri  hat,  im  Supraspinatus , im  Serratus  anticus 
major.  In  einem  geringern  Grade  ist  die  Atrophie  in  den  Pectoral- 
muskeln,  Latissimus  dorsi,  Trapezius  und  Sternocleidomastoideus 
vorhanden.  Ueber  einen  grossen  Theil  der  Korperllache  sieht  man 
ein  Oscilliren  der  Muskelbiindelchen  verbreitet,  welches  durch  den 
Einlluss  der  kalten  Luft  nacb  dem  Auskleiden  sehr  gesteigert  wird, 
und  auch  dem  Gefiihle  des  Kranken  bemerkbar  ist.  Am  starksten 
ist  es  an  den  obern  Extremitaten,  in  den  Brust-,  Nacken-  und  Riik- 
kenmuskeln,  schwach  an  den  untern  Gliedmaassen,  sehr  selten  in  den 
Bauchmuskeln,  ganz  fehlend  im  Gesicbte.  Seit  einiger  Zeit  bat  sich 
dieses  Vibriren  auch  in  den  Muskelbundeln  der  Zunge  eingefunden, 
wodurch  Sprechen  und  Schlucken  sehr  erschwert  werden,  obgleich 

Ho  inli  erg’s  Tftrvenkrniikli.  I.  3.  51 


772 


SPINALE  LAFIMUNGEN. 


die  Zunge  nach  alien  Richtungen  hin  noch  frei  beweglich  ist.  Die 
Sensibilitat  ist  so  rege,  dass  der  Kranke  das  Kriechen  einer  Fliege 
auf  der  Hand  deutlich  fiiblt.  Auch  ist  die  Gesundheit  iibrigens 
ungestort:  Harn-  und  Darmausleerung  normal,  und  die  Fiihigkeit 
zum  Beischlafe  erhalten.  Gegenwartig  hat  sich  Paraplegie  und  L;ih- 
mung  der  Halsmuskeln  ausgebildet,  so  dass  der  Kopl‘,  wenn  er 
niclit  gestiitzt  wird,  nach  vorne  iiberfallt. 

Die  Ursache  bleibt  oft  verborgen.  Weder  Bell’s  noch  meine 
Kranken  hatten  jemals  Blei  gehandhabt,  auch  waren  sie  frei  von 
alien  andern  Merkmalen  der  Bleivergiftung.  In  England  soli  diese 
Lahmung  offers  bei  Leuten  vorkommen,  die  schwere  Lasten  auf 
Riicken  und  Schultern  tragen  (Vgl.  Cyclopaedia  of  practical  medi- 
cine. Art.  Paralysis  p.  251).  Rheumatischer  Anlass  lasst  sich  zu- 
weilen  mit  Gewissheit  nachweisen.  Tanquerel  erzahlt  den  Fall 
eines  Schneiders,  der  an  einem  schattigen  Orte  von  4 — 10  Uhr 
Abends  seinen  Rausch  ausschlief  und  beim  Erwachen  von  einer 
Paralyse  der  Streckmuskeln  der  Hand  und  der  Finger  befallen  war 
(1.  c.  p.  70).  Der  zuvor  erwahnte  Ivaufmann  hatte  nach  wieder- 
holten  Anfallen  der  Influenz  eine  ausserordentliche  Empfindlichkeit 
der  Haut  gegen  die  geringsten  Veranderungen  der  Temperatur  und 
gegen  atmospharische  Einfliisse  zuriickbehalten,  und  seit  dieser  Zeit 
an  einem  belastigenden  Gefuhle  von  Zittern  und  Vibriren  in  den 
Muskeln  gelitten.  Der  Tafeldecker  hat  den  Anfang  seiner  Ivrank- 
heit  nach  einer  starken  Erkiiltung  beobachtet,  als  er  seinen  durch 
Anstrengung  stark  schwitzenden  Korper  in  einem  feuchten  Garten- 
gewolbe  abkiihlte.  Einer  von  Bell’s  Kranken  hatte  seinen  von 
Schweiss  triefenden  Arm  in  ein  Fass  mit  kaltem  Wasser  getaucht 
und  eine  Zeit  darin  gehalten:  darauf  stellte  sich  Zittern,  spaterhin 
Lahmung  und  Atrophie  des  Oberarms  ein.  Nach  vorangegangnen 
acuten,  exanlhematischen  Krankheiten  ist  der  Eintritt  dieser  Paralyse 
zuweilen  beobachtet  worden. 

Die  Prognose  ist  seln*  ungunstig:  in  keinem  einzigen  der  hisher 
veroffentlichten  Fiille  ist  durch  die  Behandlung  (Elektricitat,  Strych- 


SPINALE  LAHMUNGEN. 


773 


j min,  indisches  Shampoeen,  Douche,  Moxen,  Haarseil,  russische 
Dampfbader  etc.)  eine  Heilung  oder  nur  ein  Stillstand  der  Krank- 
heit  erzielt  worden.  Ob  vielleicht  von  dem  heharrlich  fortgesetz- 
ten  Gebrauche  von  Gastein’s  oder  Wildbad’s  Thermen  einiger  Erfolg 
zu  ervvarten  ist? 


— 


51* 


IX.  Iifiliiiiiiiigen  vom  Ruckemnark  als  Centralapparat 

abhangig. 


Abnahme  und  Verlust  sowohl  der  Reflexaction  als  'der  Erzeu- 
gung  des  motorischen  Agens  sind  die  Quelle  yon  Immobilitat  und 
Lahmungen,  deren  Beurtheilung  schvver,  deren  Geschichte  noch  un- 
vollstandig  ist  und  l’ortgesetzter  Forschungen  bedarf. 

Reflexlaltmimg. 

Wahrend  fur  die  Deutung  der  Reflexkrampfe  physiologische 
Thatsachen  yorliegen  (S.  451  u.  fg.),  macht  sich  fur  die  Reflex- 
paralysen  ein  Mangel  derselben  recht  fiihlbar.  Ausser  dem  Ein- 
flusse  der  Durchschneidung  des  Quintus  auf  den  Stillstand  der  Ge- 
sichtsbewegungen  (S.  216)  und  des  Opticus  auf  die  Unbeweglich- 
keit  und  Erweiterung  der  Pupille  (S.  235)  sind  bisher  keine  Ergeb- 
nisse  aus  Experimental  an  lebenden  Tbieren  hervorgegangen.  Um 
so  mehr  musste  mir  daran  liegen,  durch  pathologische  Beobachtun- 
gen  die  Lucke  zu  erganzen.  Ich  erinnre  an  die  veranderte  Statik 
der  Augenbewegungen  in  der  Amaurose  (S.  237),  an  die  durch 
Anasthesie  des  Hornerven  bedingte  Stummheit  (S.  251),  an  die  re- 
flectorische  Immobilitat  der  Gesichls-,  Augen-,  Athem-,  Stimm-  und 
Blasenmuskeln.  Allein  nur  zu  oft  ist  die  Statte  des  Mangels  cen- 
tripetaler  Erregung  verborgen,  und  wenn  aucli  die  Diagnose  der 
Rellexparalyse  durch  die  vorhandne  Fahigkeit  zur  Bewegung  auf 


REFLEXLAIIMUNG . 


775 


psychischen  Impuls  erleichtert  wird,  so  ist  wiederum  die  Dauer 
dieser  Erregbarkeit  beschrankt,  weil  je  langer  der  Reflexeinfluss 
auf  den  motorischen  Apparat  fehlt,  um  so  schwacher  auch  dessen 
lEmpfanglichkeit  fiir  die  cerebrale  Anregung  wird,  und  andrerseits 
die  dem  Riickenmarke  als  Centralorgan  zukommende  Mittheilbarkeit 
seiner  Zustande  immer  weitre  Kreise  um  die  ursprunglichen  Scbran- 
ken  der  Affection  zielit.  Am  schwierigsten  ist  jedenfalls  die  Ermitt- 
lung  der  versiegenden  sensibeln  Rellexquelle  im  Bereiche  des  Sym- 
pathicus,  dessen  erregender  Einfluss  auf  spinale  Nerven  mittelst  des 
Riickenmarks,  sowohl  durch  Versuche  an  lebenden  Thieren  als 
durch  pathologisclie  Erfahrungen  erwiesen  ist.  Es  entstehen  zuckende 
Bewegungen  eines  oder  beider  Hinterbeine,  seltner  der  vordern  Ex- 
tremitaten,  wenn  man  bei  enthaupteten  Froschen  oder  erstickten 
Kaninchen  ein  Darmstiick,  eine  Stelle  des  Gekroses,  der  Harnblase, 
des  Eierstocks  oder  einen  Intestinalnerven  mit  der  Pincette  fasst 
( Valentin  Lehrbuch  der  Physiol,  des  Menschen  2.  Bd.  S.  756). 
Experimente  von  entgegengesetzter,  paralysirender  Wirkung  diirften 
kaum  iiberzeugend  wrerden,  wenn  man  nicht  ganze  Organe  aus 
ihrem  Nervenverbande  herauslost.  Von  dieser  Art  sind  die  von 
Comhaire,  wenn  auch  in  andrer  Absicht,  an  den  Nieren  angestell- 
ten  Versuche.  Die  Exstirpation  der  Niere  bei  lebenden  Hunden 
zog  sogleich  eine  lahmungsartige  Schwache  des  Hinterbeins  dersel- 
ben  Seite  nacli  sich.  Bei  dem  blossen  Einschnitte  in  die  Haut  und 
Muskeln,  ohne  Herausnahme  der  Niere,  fehlte  diese  Wirkung  (Dis- 
sertat.  sur  l’exstirpation  des  reins.  Paris  1803).  In  krankhaften 
Zustanden  bei  Menschen  und  Thieren  bieten  sich  ahnliche  Erschei- 
nungen  dar,  welche  man  bislier  von  einem  unmittelbaren  Drucke 
des  Eingeweides  auf  die  Nervengeflechte  der  Extremitaten  herzu- 
leiten  gewolmt  war,  wenn  auch  weder  Geschwulst  noch  Verhiirtung 
als  Anlass  einer  solchen  Compression  aufgefunden  werden  kann, 
noch  iiberhaupt  ein  Gellecht  oder  Nervenstamm  in  der  Nahe  vor- 
handen  ist,  noch  endlich  fiber  Schmerz  in  den  gelahmten  Theilen, 
•welcher  von  der  Zerrung  sensibler  Fasern  in  den  spinalen  Bahnen 


776 


SPINALE  LAIIMUNGEN. 


unzertrennlich  ist,  geklagt  wircl.  Ueberdiess  geben  die  Versuche 
von  Comhaire  einen  schlagenden  Gegenbeweis. 

Die  Anregung  und  Belebung  der  Motilitat  durch  die  hygianen 
Thatigkeiten  unsrer  Eingeweide  ist  noch  gar  nicht  geniigend  aner- 
kannt,  obgleich  tagliche  Erscheinungen,  z.  B.  die  Behendigkeit  oder 
Tragheit  der  Beine  je  nacli  leichtem  oder  erschwertem  Stuhlgange 
darauf  hinweisen.  Und  nicht  nur  findet  ein  im  Allgemeinen  erre- 
gender  und  bethatigender  Einfluss  statt,  sondern  es  stellt  sich  in 
den  paralytischen  Zustanden,  wie  in  den  Reflexkrampfen  (S.  290) 
die  Beziehung  einzelner  sensibler  oder  centripetaler  Nerven  zu  be- 
stimmten  motorischen  Bahnen  heraus,  welche  nicht  anders  als  durch 
eigenthumliche  Anordnungen  im  Centralapparate  begriindet  sein 
karrn.  Die  Yermuthung,  class  das  Ruckenmark  auf  ahnliche  Weise 
wie  der  Sympathicus,  wie  das  Gehirn  eine  Mehrzahl  besondrer 
motorischer  Centra  in  sich  birgt,  lag  nahe.  Volkmanns  schdne 
Entdeckung  yon  dem  Nervencentrum  cles  Lymphherzens  beim  Frosche, 
des  vordern  in  der  Herzgegend  des  dritten  Wirbels,  cles  hintern 
Lymphherzens  in  der  Gegend  des  achten  Wirbels  dient  dieser  Con- 
jectur  zur  Stutze  (Vgl.  dessen  Nachweisung  der  Nervencentra,  von 
welchen  die  Bewegung  der  Lymph-  und  Blutgefassherzen  ausgeht 
in  Muller's  Archiv  1844.  S.  419).  Die  Existenz  ahnlicher  Cen- 
tralstatten  fur  die  obern,  fur  die  untern  Rumpfglieder,  und  der 
Zusammenhang  derselben  mit  centripetalen  Fasern  von  den  ver- 
schiednen  Organen  durfte  die  Topik  der  Reflexlahmungen  auf  eine 
nicht  zu  gewagte  Weise  erlautern.  Wie  dem  aber  auch  sei,  fur 
die  Therapie  verspricht  die  Vervollkommnung  unsrer  Kenntniss  die- 
ses pathologischen  Gebiets  lohnenden  Erfolg:  denn  wir  konnen  es 
nicht  verhehlen,  die  Annahme  einer  primaren  Erkrankung  und 
Desorganisation  cles  Riickenmarks , womit  man  bei  jeglicher 
Paraplegie  so  Ieicht  bei  der  Hand  ist,  zeigt  sich  in  den  mei- 
sten  Fallen  trostlos,  fur  den  Kranken  und  fur  den  Arzt  un- 
fruchtbar. 


REFLEXLAHMUNG. 


777 


Betrachten  wir 

I.  Die  <liu*cli  Darmaffectionen  eiit&telienrte 
Reflexlalumin^. 

Nicht  bloss  die  Bleivergiftuiig  giebt  Anlass  zur  Kolik  mit  Be- 
..Ieitiuig  oder  Nachfolge  von  Paralyse,  auch  unter  andern  Umstan- 
len  beobachtet  man  ein  ahnliches  Verhiiltniss.  Anhaltende  hart- 
tackige  Verstopfung  ist  mehrentheils  vorhanden:  dazu  gesellen  sich 
on  Zeit  zu  Zeit  Anfalle  von  biliosem  Erbrechen  und  heftigen 
'ichmerzen  im  Unterleibe,  welche  durch  den  aussern  Druck  nicht 
ermehrt  werden.  Nach  ofterer  Wiederbolung  stellt  sich  Schwache 
ler  Motilitat  in  den  Extremitaten  ein,  entweder  in  den  untern  oder 
in  den  obern,  einer  oder  beider  Seiten,  anfangs  mit  den  Anfallen 
wieder  vorubergehend , spaterhin  andauernd  und  zur  Lahmung  ge- 
« teigert,  zuweilen  von  Schmerzempfindungen,  gewohnlich  von  Atro- 
ohie  begleitet.  In  horizontaler  Lage  sind  die  Kranken  im  Stande 
d lie  gelahmten  Beine  auf  den  Impuls  des  Widens  zu  bewegen,  was 
Uhnen  bei  aufrechter  Stellung  unmoglich  ist.  Anasthesie  ist  seiten 
i orhanden.  Die  Sphinkteren  agiren  normal.  Die  Zufalle  der  Darm- 
nffection  kehren  auch  nach  Eintritt  der  Paralyse  ofters  zuriick. 
i'olgender  von  Graves  beobacktete  Fall  diene  zur  Erlauterung: 

„Ein  drei  und  zwanzigjahriger  kraftiger  Mann,  der  Jagd  und 
IFischerei  leidenschaftlich  ergeben,  wobei  er  sich  oft  der  Durch- 
rnssung  der  Fiisse  aussetzte,  litt  seit  mehreren  Jahren  an  Yer- 
dopfung,  so  dass  er  zu  Zeiten  in  einer  ganzen  Woche  keinen 
•Stuhlgang  hatte.  Mit  dem  Anfang  seiner  Krankheit  im  Januar  1829 
horte  die  Obstruction  auf,  und  es  gingen  jedem  Anfalle  fliissige 
Stiihle  mit  kneifenden  Schmerzen  und  Vomituritionen  voran,  so  wie 
auch  eine  reichliche  Ahsonderung  fader,  wiissriger  Fliissigkeit  in 
der  Mundhohle.  Der  Anfall  selbst  bestand  in  heftiger  andauernder 
Uebelkeit  und  Erbrechen  alles  Genossenen,  zuerst  von  saurem, 
dann  bitterem  Geschmacke  und  griiner,  zuweilen  blaulicher  Farbe; 
von  dieser  Fliissigkeit  brack  er  drei  bis  Yier  Quart  den  Tag  fiber 


778 


SPINALE  LAHMUNGEN. 


aus.  Auch  klagte  er  iiber  einen  Schmerz  in  der  Magengegend  und 
im  untern  Theil  der  Brust,  welcher  spaterhin  in  ein  Gefiihl  von 
peinlicher  Zusammenschnurung  wie  von  einem  fest  zugezogenen 
Stricke  langs  der  Insertionen  Vies  Zwerchfells  iiberging.  Gegen 
Ende  des  Anfaljs  kam  profuser  Schweiss.  Die  Dauer  war  yier 
bis  funfTage.  Nach  sieben  Monaten  kehrte  ein  ahnlicher  von  kiir- 
zerer  Dauer  zuriick:  im  Jahre  1830  wiederholte  er  sich  dreimal. 
Im  folgenden  Jahre  offer,  von  langerer  Dauer  und  stiirkrer  Inten- 
sity. Im  Jahre  1832  traten  in  den  Monaten  Marz,  Mai  und  Juni 
Anfalle  ein,  welche  von  Erstarrung  und  Lahmung  in  den  untern 
Extremitaten  begleitet  waren,  doch  wichen  diese  sofort,  als  das 
Erbrechen  aufhorte.  Im  August  1832  dauerte  der  Anfall  mit  ste- 
tem  Erbrechen,  Tag  und  Nacht,  und  zusammenpressendem  Schmerze 
fast  einen  Monat  lang.  Als  er  vom  Krankenlager  aufstand,  fiel  er 
plotzlich  um,  an  beiden  Fiissen  gelahmt.  Die  Paraplegie  blieb  nun 
permanent,  obschon  sie  nach  dem  Ende  eines  jeden  Anfalls  gebes- 
sert  war,  so  dass  der  Kranke  sich  mit  Hulfe  zweier  Stocke  auf- 
recht  halten  konnte,  allein  sobald  das  Erbrechen  zuriickkehrte,  war 
auch  die  Lahmung  wieder  vollstandig.  Die  Beine  magerten  auffal- 
lend  ab,  und  verloren  Gefiihl  und  Warme.  Heftige  durchfahrende 
Schmerzen  fanden  sich  in  verschiednen  Theilen  des  Korpers  ein 
mit  profusen  Nachtschweissen  und  triibem  wenigem  Urin.  Alle 
Mittel,  das  Brechen  in  den  Anfallen  zu  lindern  waren  vergebens. 
Dagegen  liorte  es  manchmal  von  selbst  plotzlich  auf,  mid  der 
Kranke  ass  alsdann  mit  Behagen  Dinge,  die  auch  ein  gesunder 
Magen  hatte  schwer  vertragen  konnen:  das  jahe  Umschlagen  von 
schrecklicher  Uebelkeit  und  unaufhorliclier  Vomiturition  in  Heiss- 
hunger  war  autTallend.  Die  Untersuchung  des  Bauches  ergab  keine 
fuhlbare  Veranderung.  Das  Riickgrat  war  an  keiner  Stelle  em- 
pfindlich.  Die  Sphincteren  der  Blase  und  des  Mastdarms  behielten 
bis  zuletzt  ihre  Kraft  bei.  Endlich  wurde  das  Erbrechen  anhal- 
tend,  die  Krafte  sanken  und  der  Tod  erfolgte  am  30.  September 
1833.  — Die  LeichenolThung  wurde  von  einem  in  anatomischen 


REFLEXLAHMUNG. 


779 


Jntersuchungen  Bewanderten  mit  der  grossten  Genauigkeit  und 
Ausdauer  — sie  nahm  vier  Stunden  in  Anspruch  — gemacht.  Es 
and  sich  iiicht  die  geringste  Veranderung,  weder  im  Gehirn  noch 
m Ruckenmark,  noch  in  den  grosseren  Nervenstammen , weder 
W erdickung  noch  Injection  der  Membranen,  und  eine  yollkommne 
ntegritat  des  Magens,  des  Darmkanals,  der  Leber  und  der  andern 
llriisigen  Organe  des  Unterleibs. “ (A  system  of  clinical  medicine 
n.  411). 

Nicht  immer  werden  nach  den  Kolikanfallen  sammtliche  Mus- 
Leln  der  Extremitat  gelahmt,  sondern  wie  bei  der  Paralysis  satur- 
inina  nur  einzelne  Gruppen,  zumal  die  Extensoren  der  Hande  und 
FFinger  mit  schnell  sich  ausbildender  Atrophie.  In  den  genau  be- 
>ichriebnen  Fallen  (unter  denen  besonders  zwei  in  den  instructiven 
i Collections  from  the  unpublished  medical  writings  of  the  late  Ca- 
leb  Hillier  Parry  London  1825.  Vol.  I.  p.  527  und  533  zu  ver- 
igleichen  sind),  ist  ausdriicklich  jeder  Yerdacht  auf  Bleivergiftung 
abgelehnt.  Erkaltung  und  unmassiger  Genuss  des  Weins  und  spi- 
irituoser  Getranke  lassen  sich  zuweilen  als  Ursachen  nachweisen: 
iich  erinnere  mich  eines  solchen  Falles  bei  einem  unserer  beriihm- 
itesten  yerstorbenen  Schauspieler , wo  Excessus  in  Baccho  die  Ver- 
anlassung  waren. 

Ausser  dieser  DarmafFection , fiir  die  ich  den  Collectivnamen 
Kolik  beibehalten  babe,  weil  ich,  wie  schon  friiher  erwahnt,  die 
Schmerzen  und  den  antiperistaltischen  Zug  nicht  als  Ausdruck  einer 
Neuralgie  oder  Krampfes  ansehe,  sondern  vielmehr  als  schmerz- 
hafte  Anstrengung  der  obern  Darmpartie  zur  Ueberwaltigung  des 
durch  Immobilitat  und  Paresis  gesetzten  Widerstandes , giebt  es 
noch  andre  Krankheiten  des  Darmkanals,  welche  ein  Verhaltniss 
mit  Lahmung  der  Rumpfglieder  eingehen.  Dahin  gehbrt  die  Darm- 
entziindung  sowohl  bei  Menschen,  wovon  Graves  mehrere  Falle 
mittheilt  (1.  c.  j>.  401),  als  bei  Thieren,  Pferden  und  Kiihen 
(Journ.  pratique  de  medec.  v^terin.  1829.  p.  549.  Recueil  de  me- 
dec.  veterin.  1829  p.  350),  wo  auch  nach  geheilter  Enteritis  die 


780 


SPINALE  LAHMUNGEN. 


Paraplegie  bis  zum  Tode  zuriickbleibt , ohne  sich  bei  der  Section 
durch  irgend  eine  krankhafte  Veranderung  kundzugeben  (Vgl.  Dr. 
Henoch’s  Abhandlung  iiber  vergleichende  Pathologie  der  Bewegungs- 
Nervenkrankheiten  der  Menschen  und  der  Hausthiere,  in  den  Denk- 
schriften  des  deutsclien  Vereins  fur  Heilwissenschaft.  1.  B.  1845. 
S.  51.).  Auch  bei  der  Dysenterie  ist  das  Vorkommen  der  Para- 
lyse beobachtet  worden  (Tantum  vero  ad  gradum  doloris  in  abdo- 
mine  vehementia  apud  hos  vel  illos  evehitur,  ut  ab  eo  non  minus 
ac  in  colica  saturnina  brachii  aut  pedis  unius  vel  alterius  paralysis 
sequatur.  Frank  de  curandis  hominum  morbis  epitome.  Lib.  V. 
P.  II.  p.  497.).  Aus  einer  alteren  Dissertation  von  Fabricius  de 
paralysi  brachii  unius  et  pedis  alterius  lateris  dysentericis  familiari. 
Helmstad.  1750  in  HciUeri  disputationes  ad  morborum  historiam 
et  curationem  facientes,  T.  I.  p.  104)  entnehme  ich  folgende  Schil- 
derung : „ Accidit  in  aegrotis,  qui  dysenteria  epidemica , et  qualis  ut 
plurimum  est,  maligna  grayius  decubuerunt , convenientia  vero  re- 
media evacuantia  praesertim  rhabarberina  initio  incurii  vel  omise- 
runt,  vel  deinde  tamen  medicamenta  adstringentia  et  opiata  nimis 
mature  et  larga  dosi  assumserunt,  ut  fluxus  ille  doloris  plenus  et 
cruentus  alvi  quiclem  cesset,  et  aegri  ad  qualemcunque  ortkostadiam 
redire  et  se  colligere  yideantur,  simul  vero  immobilitate  brachii  in 
uno,  et  pedis  in  opposito  corporis  latere  corripiantur , cum  quo 
symptomate  nonnunquam  clolores  artbritici  satis  acuti  conjuncti  sunt, 
ut  plurimum  vero  integra  fere  sentiendi  facultas  in  illis  eyanescit. 
Hoc  malum  nunc  in  iisdem  membris  semel  adfectis  subsistit,  nunc 
vero  alternatim  illis  relictis  membra  opposita  occupat,  et  nisi  conveni- 
enti  medela  tractetur,  in  paralysin  insanabilem  frequenter  terminatur.“ 
In  der  Behandlung  dieser  Labmungen  wird  man  nur  sehr  sel- 
ten  auf  einen  entzundlichen  Zustand  des  Darmkanals  Bedacht  zu 
nebmen  nothig  haben,  weil  er  gewohnlich,  wo  er  vorhanden  war, 
schon  erloschen  ist  und  eine  grosse  Torpiditat  hinterlassen  hat. 
Gegen  diese  ricbte  man  das  Yerfahren,  wie  cs  schon  altre  Aerzte 
getlian  haben,  von  denen  man  iiberhaupt  in  der  feineren  Kenntniss 


REFLEXLAHMUNG. 


781 


arzneilichen  Wirkungen  am  Krankenbette  noch  immer  lernen 
ann.  Unter  den  Mitteln  verdienen  drei  genannt  zu  werden,  Colo- 
ynthis,  Gratiola,  Helleborus  niger,  in  vorsichtigen  Gaben,  urn  zu 
•izen,  mit  Vermeidung  der  drastischen  Action  (Tinctura  Colocynth. 
li  5 — 10  Tropfen,  allein  oder  yersetzt  mit  der  Tinct.  Heilebori, 
in  gleichen  Theilen,  das  Extr.  Colocynth.  zu  \ — \ gr.,  das  Extr. 
iratiolae  zu  1 — 4 Gran,  dreimal  taglich,  in  Pillenform,  mit  einem 
leinen  Zusatze  der  rad.  Scill.  zu  % gr.).  Bader,  besonders  in 
en  Mineralquellen  von  Marienbad,  Wiesbaden,  je  nach  dem  erethi- 
cchen  oder  torpiden  Karakter  des- Individuums,  sind  indicirt.  Auch 
Oarmbader  mittelst  Visceralklystire , die  man  mit  erregenden  Sub- 
tanzen  versetzen  kann,  linden  bier  ihre  Stelle.  Frictionen,  Rei- 
umg  der  Bauchdecken  mid  der  Extremitaten  durch  fliegende  Vesi- 
atore  etc.,  Erschiitterungen  durch  Elektricitat , Douche  auf  den 
Bauch,  Riickgrat,  Extremitaten,  der  Gebrauch  der  Nux  vomica 
des  Extr.  spirituos.  zu  \ — 1 gr.) , lassen  sich  damit  zweckmassig 
• erbinden.  Zu  vermeiden  sind  Exutorien  am  Riickgrate. 


II.  Die  von  Aifectionen  «lei»  Havmverkzeuge 

Von  dem  Einflusse  der  Verletzungen  und  Krankheiten  des  Riik- 
v.enmarks  auf  Nieren  und  Blase  war  schon  zuvor  die  Rede: 
nier  sei  der  Riickwirkung  kranker  Harnwerkzeuge  auf  das  spinale 
^entralorgan  die  Aufmerksamkeit  zugewendet.  In  neuerer  Zeit  sind 
on  Stanley,  Stokes  und  Graves  Beobachtungen  mitgetheilt  wor- 
llen,  welche  die  Abhiingigkeit  der  Paraplegie  von  Nierenkrankheiten 
oezeugen  sollen,  und  wobei  besonders  auf  die  bei  der  Section  vor- 
gefundne  Integritat  des  Riickenmarkes  und  Gehirnes  grosses  Ge- 
,vicht  gelegt  wird.  Der  letztere  Umstand  wird  jedoch,  wenn  nicht 
die  Untersuchung  dieser  Organe  und.  ihrer  Hiillen  von  einem  Ana- 
omen  vorliegt,  noch  immer  Zweiller  finden,  und  man  wird  sich 
mf  Falle  berufen  konnen,  wo  trolz  der  Existenz  einer  Nierenkrank- 


782 


SPINALE  LAIIMUNGEN. 

lieit  und  trotz  der  gesunden  Beschaffenheit  des  Riickenmarks  die 
krankhafte  Veranderiing  in  den  Wirbelknochen , ja  selbst  nur  in 
den  Ligamenten  der  Wirbelsaule  (Vgl.  Key  on  paraplegia  depen- 
ding on  disease  of  the  ligaments  of  the  spine,  in  Guy’s  Hospital 
reports  vol.  III.  p.  17 — 34)  angetroffen  wurde.  Um  so  mehr  muss 
man  nach  andern  Thatsachen  sich  umsehen,  welche  jenen  Zusam- 
menhang  bezeugen.  Der  beweisenden  Versuche  des  Dr.  Comhaire 
uber  Hervorbringung  der  Paraplegie  durch  Exstirpation  der  Nieren 
bei  Ilunden  ist  zuvor  Erwahnung  geschehen.  Eine  ahnliche 
Wirkung  entsteht  durch  zu  grosse  Gaben  diuretischer  Mittel  bei 
Menschen  und  Thieren.  Broclie  erzahlt  den  Fall  eines  drei  und 
sechzigjahrigen  Mamies,  der  aus  Versehen  ein  Liniment  mit  bedeu- 
tendem  Gehalt  yon  Cantharidentinktur  eingenommen  hatte,  und  trotz 
eines  nach  dreiviertel  Stunden  gereichten  Brechmittels  alsobald  von 
Lahmung  beider  untern  Extremitaten  und  Ischurie  befallen  wurde. 
In  den  ersten  Paar  Wochen  musste  der  Urin  zu  bestimmten  Stun- 
den kiinstlich  entleert  werden.  Spaterhin  war  der  Kranke  wieder 
im  Stande  Harn  zu  lassen,  allein  von  einem  bestandigen  Drange 
geplagt.  Nach  Verlauf  yon  .yier  Jahren  hatte  sich  die  Lahmung 
so  weit  gebessert,  dass  er  mit  Hiilfe  yon  Kriicken  gehen  konnte, 
allein  die  Harnbeschwerden  dauerten  fort;  zuweilen  bekam  er  einen 
plotzlichen  Drang  und  liess  willkuhrlich  eine  geringe  Quantitat;  zu 
andern  Zeiten  (loss  der  Urin  ohne  seinen  Willen  und  Wissen  ab. 
Beim  Catheterisiren  fand  Broclie  die  Blase  leer.  (Lectures  on  the 
diseases  of  the  urinary  organs.  3.  edit.  p.  115.)  Mehreren  von 
Pneumonie  befallnen  Pferden  wurden  innerhalb  zwolf  Stunden  zwei 
Unzen  Cantharidensalbe  in  jede  Brusthalfte  eingerieben.  Es  erfolgte 
darauf  eine  sehr  vermehrte  Diurese,  heftiger  Durst  und  bei  drei 
Pferden  ein  schwankender  Gang,  so  dass  sie  nicht  mehr  auf  den 
Hinterbeinen  stehen  konnten,  niederstiirzten  und  unbeweglich  liegen 
blieben  (Magazin  fur  die  gesammte  Thierheilkunde,  herausgegeben 
von  Gurlt  und  Hertwig.  3.  B.  S.  355).  Die  Veterinararzte  haben 
die  Coincidenz  der  Paraplegie  mit  Nierenentzundunng  und  das  gleicli- 


REFLEXLAIIMUNG. 


783 


zeitige  Aufhoren  beider  Krankheiten  nach  Anwendung  antiphlogi- 
stischer  Mittel  beobachtet  (1.  c.  B.  II.  S.  108  und  B.  IV.  S.  435). 
Unter  den  Beobachtungen  am  Menschen  haben  diejenigen  einen 
kritischen  Werth,  wo  die  Krankheit  yon  den  Harnwerkzeugen  ihren 
Ausgang  nahm,  z.  B.  nach  Gonorrhoen.  Dahin  gehort  der  fiinfte 
von  Stanley  mitgetheilte  Fall  eines  zwei  und  zwanzigjahrigen  Men- 
schen, bei  welchem  in  Folge  eines  durcli  Einspritzungen  gestopften 
heftigen  Trippers  Iscliurie  entstanden  war,  und  mit  ihr  Lahmung 
des  Sphincter  ani,  und  Abnahme  der  Motilitat  in  den  Beinen.  Der 
Puls  war  von  120  Schlagen,  schnell  und  hart,  der  Bauch  gespannt, 
ausgedehnt,  schmerzhaft  bei  der  Beruhrung,  besonders  in  der  regio 
hypogastrica.  Der  Schmerz  verbreitete  sich  aufwarts  von  der  Blase 
nach  der  linken  Niere,  dann  quer  durch  nach  der  rechten.  Die 
Beine  wurden  auffallend  welk,  und  vollstandig  gelahmt:  nur  im 
obern  Theil  der  Oberschenkel  war  nocli  einiges  Gefiihl.  Es  stellte 
sich  Enuresis  ein;  der  aus  der  Blase  entleerte  Urin  war  dunkel, 
stinkend  und  mit  Schleim  vermischt.  Unter  Hinzutritt  von  Decu- 
bitus, Trockenheit  der  Zunge  und  ganzlicher  Harnverhaltung  er- 
folgte  der  Tod.  Die  Nieren  waren  voluminoser  als  gewohnlich, 
von  sehr  weicher  Consistenz  und  injicirter  Beschaffenheit.  Fine 
Menge  kleiner  Eiterdepots  fand  sich  in  der  Cortical-  und  Medullar- 
substanz  vor.  Die  Infundibula  und  Nierenbecken  waren  mit  Eiter 
und  dickem  zahem  Schleim  angefullt.  Die  Schleimhaut  der  Blase 
war  sehr  gefassreich  und  zum  Theil  mit  plastischer  Lymphe  be- 
deckt.  Gehirn  und  Riickenmark  verhielten  sich  ganz  normal.  ( Stan- 
ley on  irritation  of  the  spinal  cord  and  its  nerves  in  connection 
with  disease  in  the  kidneys,  in  Medico-chirurgical  transactions.  1833. 
vol.  XVIII.  p.  260.  Vgl.  auch  einen  von  Bright  in  Medical  reports 
Vol.  II.  P.  I.  p.  380  beschriebnen  Fall).  So  wie  bei  diesen  Kran- 
ken  die  Harnblase  mit  afficirt  war,  so  findet  man  sie  in  andern 
Fallen  ausschliesslich  erkrankt  (Stokes  fiber  die  Heilung  der  innern 
Krankheiten,  deulsch  bearbeitet  von  Behrend.  2.  Aull.  S.  213). 
Im  Veterinarian  Vol.  I.  p.  81  ist  die  an  einem  Pferde  gemachte 


784 


SPINALE  LAHMUNGEN. 


Beobachtung  mitgetheilt,  wo  die  Paraplegic  von  einer  enormen  durch 
Blasensteine  veranlassten  Ausdehnung  der  Harnblase  abhiingig  war. 

Zuweilen  gesellt  sich  die  Paraplegie  zu  Nierenkrankheiten  kurz 
vor  dem  Tode,  ohne  irgend  eine  Betheiligung  der  Hirnfunctionen, 
so  dass  das  in  andern  Fallen  zu  beschuldigende  Moment  der  Blut- 
entmischung  nicht  in  Betracht  kommen  kann.  Stanley  fiihrt  den  Fall 
eines  dreissigjahrigen  Mannes  an,  der  an  Gonorrhoe  und  Phimosis  litt. 
Die  Entzundung  hatte  aufgehort,  allein  der  Auslluss  dauerte  fort. 
Plotzlich  trat  Paraplegie  mit  Verlust  der  Sensibilitat  bis  an  den  Na- 
bel  ein.  Ein  Paar  Tage  zuvor  hatte  der  Kranke  iiber  Schmerzen 
in  der  Lumbargegend  geklagt.  Der  Urin  (loss  umvillkuhrlich  in 
grosser  Menge  ab,  und  drei  Maass  wurden  noch  mit  dem  Catheter 
entleert.  Sechzehn  Stunden  nach  Eintritt  der  Lahmung  erfolgte 
der  Tod  plotzlich.  In  den  Membranen  und  in  der  Substanz  der 
Lumbarportion  des  Riickenmarks  fand  sich  eine  schwache  Injection 
der  Gefasse,  so  wie  auch  ein  Paar  Drachmen  heller  Flussigkeit  in 
der  Wirbelhohle.  Die  Leber  war  vergrossert  imd  verhartet.  Beide 
Nieren  waren  mit  Blut  dergestalt  angefiillt,  dass  sie  fast  schwarz 
aussahen.  Auch  die  Schleimhaut  der  Infundibula  und  Nierenbecken 
war  schwarz  gefarbt.  Die  Haute  der  Ureteren  und  die  Schleim- 
membran  der  Blase  waren  blutreicher  als  gewohnlich.  — Folgen- 
der  in  der  Gottinger  Elinik  beobachtete  Fall,  worauf  ein  talentvol- 
ler  und  eifriger  Zuhorer,  Herr  Dr.  Muller  mich  aufmerksam  ge- 
macht  und  welchen  vollstandig  mir  mitzutheilen  Fuchs  die  Giite 
hatte,  diirfte  vielleicht  ebenfalls  hierher  gehoren. 

G.  K.,  ein  43  jahriger,  friiher  stets  gesunder  und  kraftiger  Mann, 
litt  seit  einem  Jahre  an  einer  festen  harten  Geschwulst  des  linken 
Hodens,  welche  allmahlich  in  Jahresfrist  die  Grbsse  eines  Kinds- 
kopfes  erreicht  hatte.  Der  Saamenstrang  nahm  an  der  Geschwulst 
und  Harte  Theil.  Es  fanden  sich  paroxysmenweise  Schmerzen  ein, 
die  vom  Hoden  zum  Plexus  renalis  aufsliegen.  Das  AJlgemein- 
befinden  war  gestort,  die  Zunge  belegt,  der  Geschmack  bitter,  der 
Stuhlgang  trage.  Trotz  der  narcotischen  Mittel  nahmen  die 


REFLEXLAHMUNG. 


785 


Gchmerzen  immer  mehr  zu,  besonders  zur  Nachtzeit,  fixirten  sich 
n der  Gegend  der  Nieren,  und  stiegen  in’s  Scrotum  herab.  Jetzt 
vurde  eine  harte  hockrige  Geschwulst  im  linken  Hypochondrium 
lichtbar,  welche  beim  Drucke  sehr  schmerzhaft,  nicht  yerschiebbar 
,var,  etwa  zwei  Zoll  im  Durchmesser  hielt,  und  wegen  des  bei 
oberflachlicher  Percussion  matten,  bei  tieferem  Anschlage  sonoren 
ITons  von  der  vordern  Wand  des  Fundus  ventriculi  auszugehen 
ochien.  Auch  in  dieser  Geschwulst,  die  rasch  nach  vorn  wuchs 
md  sicb  bald  bis  in  den  Scrobiculus  cordis  erstreckte,  stellten 
Mi'ch  heftige,  reissende  und  zusammenschniirende  Schmerzen  ein, 
i lie  gleichzeitig  mit  den  vom  Riicken  ausstrahlenden  eintraten,  und 
i oft  mit  grosser  Angst,  Athmungsnoth  und  allgemeinem  Schweisse 
tindeten.  Das  Gehen  wurde  immer  beschwerlicher,  weil  jedes  harte 
Auftreten  neue  Schmerzensanfalle  in  beiden  Hypochondrien  veran- 
I asste.  Von  Anfang  August  1843  fesselten  die  Schmerzen  und  zu- 
mehmende  Schwache  den  Kranken  hestandig  an  das  Bett  und  mach- 
en  ihm  selbst  die  geringste  Bewegung  des  Rumpfes  fast  unmog- 
ich.  Die  Schmerzen  in  der  Hodengeschwulst  hatten  jetzt  aufge- 
lort.  Am  16.  August  Morgens  klagte  der  Kranke,  er  liabe  seit 
'Vlitternacht  Kribbeln  und  Ameisenlaufen  in  den  Fiissen  gespurt, 
lach  und  nach  sei  dies  mehr  nach  oben  gestiegen  und  jetzt  seien 
lie  Beine  wie  eingeschlafen.  Das  Gefiihl  in  den  untern  Extremi- 
:aten  war  nur  schwach,  die  Bewegung  etwas  schwerlallig,  aber 
moglich.  Abends  waren  die  Beine  des  Gefiihls  und  der  Bewegung 
ganzlich  verlustig,  die  Aniisthesie  erstreckte  sich  fiber  die  Bauch- 
lecken,  bis  zur  Geschwulst  und  den  falschen  Rippen.  Die  Wiirme 
war  nicht  vermindert  und  erhielt  sich  bis  ziun  Tode.  Aller  Schmerz, 
der  den  Kranken  so  furchtbar  marterte,  war  von  jetzt  an  yer- 
schwunden;  nur  Bewegung  des  Rumpfes,  tiefes  Einathmen  und 
Druck  riefen  ihn  in  der  Magengegend,  jedoch  weit  schwacher  her- 
vor.  Kurz  vor  der  Lahmung  hatte  sich  Erbrechen  eingefunden, 
welches  nach  einiger  Uebelkeit  ein  bis  zweimal  liiglich  zuriickkehrte. 
Der  Appetit  schwand,  wiihrend  Durst  und  Trockenheit  im  Munde 


78  G 


SPINALE  LAPIMUNGEN. 


und  Oesophagus  zunahmen.  Die  Excremente  gingen  unwillkiihrlieh 
ab,  der  Urin  musste  taglich  mehreremal  durch  den  Catheter  ent- 
leert  werden.  An  den  Fussen  stellte  sich  Oedem  ein.  Die  Geistes- 
krafte  blieben  ungestort.  Die  Stimme  wurde  matt  und  belegt,  der 
Athem  langsam,  oft  aussetzend,  in  den  letzten  beiden  Tagen  wur- 
den  blutige  Sputa  ausgehustet.  Einigemal  fand  sich  Kribbeln  in 
den  Armen  ein.  Der  Tod  erfolgte  nach  Eintritt  der  Paraplegie 
durch  Lungenlahmung.  Die  Section  wurde  funfzehn  Stunden  nach- 
her  vorgenommen.  Die  rechte  Lunge  war  gesund,  nur  etwas  mit 
Blut  iiberfullt,  die  linke  Lunge  war  nach  oben  gedriickt,  mit  der 
Pleura  durch  alte  Adhasionen  verwachsen,  blutreich,  nach  unten 
splenisirt.  Der  Herzbeutel  enthielt  ziemlich  viel  Fliissigkeit,  das 
Herz  war  vollig  blutleer,  sonst  normal.  Der  aus  seinen  gefassrei- 
chen  Hauten  herausgelosete  linke  Hoden  zeigte  sich  als  eine  dege- 
nerirte  harte  Masse  von  vier  Zoll  Lange,  drei  Zoll  Breite.  Der  Ne- 
benhoden  war  noch  kenntlich,  der  Samenstrang  verdickt.  Ueber 
dem  Hoden  hatte  sich  in  der  Tunica  vagin.  propr.  eine  Hydrocele 
ausgebildet,  die  etwa  sechs  Unzen  gelblicher  Fliissigkeit  enthielt. 
Bei  Eroffnung  der  Bauchhohle  fiel  sogieich  die  abnorme  Lage  der 
Darme  auf.  Der  Magen  war  so  weit  nach  oben  gedriickt,  dass 
nur  sein  Pylorus  -Ende  sichtbar  war.  Das  Colon  transversum  hatte 
die  hintre  Wand  des  Magens  verlassen,  lag  unter  diesem  ganz  frei, 
nur  durch  das  Mesocolon  mit  ihm  verbunden.  Die  diinnen  Ge- 
darme  waren  nach  rechts  gedrangt.  Die  eingeliihrte  Hand  entdeckte 
in  der  Tiefe  des  Bauches  links  von. der  Wirbelsaule  eine  betracht- 
liche  Geschwulst.  Nachdem  der  ausserordentlich  vergrosserte,  ganz 
nach  oben  unter  die  Rippen  gedrangte  von  Gas  und  schwarzer 
Fliissigkeit  erfiillte  Magen  und  die  ebenfalls  sehr  ausgedehnten  Ge- 
diirme,  von  denen  das  Colon  adscendens  nach  links  gedrangt  und 
mit  der  fungosen  Masse  verwachsen  war,  herausgehoben , zeigte 
sich  die  Leber  sehr  gross,  die  Milz  auffallend  lang,  aber  weich, 
die  rechte  Niere  ziemlich  gross,  vends  injicirt , die  Harnblase  sehr 
gross,  von  Urin  strotzend,  mit  verdickten  Wandungen,  das  Pan- 


REFLEXLAIIMUNG. 


787 


creas  gesund,  an  der  Geschwulst  adharirend.  Diese  selbst  erschieri 
als  helle,  ziemlicli  weiche  Masse  yon  der  Grosse  eines  Kindskopfes, 
hing  unten  mit  dem  an  vielen  Stellen  mit  ahnlichen  kleineren  Mas- 
sen  durchselzten  Saamenstrang  zusammen,  adharirte  fest  an  der 
'Wirbelsaule,  scliloss  in  sicli  die  atrophische,  blasse,  linke  Niere  und 
die  Aorta  abdominalis  ein,  und  konnte  nur  schwierig  von  dem  er- 
sten  bis  vierten  Lendenwirbel  abgetrennt  werden:  die  Wirbel  selbst 
waren  weder  rauh  anzufiihlen  nocli  in  ihrer  Structur  verandert. 
Mit  dem  Meissel  wurden  hierauf  die  Korper  von  fiinf  Lendenwir- 
beln  yon  der  Bauchhohle  aus  entfernt  und  so  das  Riickenmark 
bloss  gelegt,  allein  ausser  unbedeutender  Gefassinjection  der  Dura 
mater  und  des  Markes  selbst  nichts  Krankhaftes  gefunden.  Die 
Untersuchung  des  Hodens  und  der  Geschwulst  ergab  Folgendes: 
der  mitten  durchschnittne  Hoden  liess  nirgends  mehr  seine  ur- 
spriingliche  Structur  erkennen  und  zeigte  sich  als  ziemlich  feste 
Masse,  die  an  einigen  Stellen  gelblich  und  fettig,  an  andern  mehr 
blutreich  und  hellrothlich  erscbien,  sich  gleichmassig  weich,  nicht 
kornig  anfiihlte,  und  unter  dem  Mikroscop  unregelmassige  Zellen 
mit  kornigem  Inhalt,  von  freien  Fettropfen  und  ldeinen  kornigen 
Moleciilen  umgeben,  aber  keine  geschwanzte  Korper  selien  liess. 
Die  gauze  Masse  wog  etwa  yierzehn  Unzen.  Die  Geschwulst  im 
Bauche  zeigte  sich  als  wahres  Encepbaloid,  fuhlte  sich  weich  an, 
zerlloss  beim  Einschneiden  zu  einer  hellrothen,  weich  und  fettig  an- 
zufiihlenden  Masse,  ergab  unter  dem  Mikroskop  dieselben  unregel- 
massigen  Zellen  und  Zellenkerne  wie  der  Hoden  und  Zellgewebe 
als  Stroma  der  pathologischen  Substanz. 

Ich  selbst  habe  langere  Zeit  einen  54jahrigen  Mann  bebandelt, 
dessen  Krankbeit  mit  Blutharnen  hegann,  wozu  sich  spaterhin  Be- 
klemmung,  Schwache  in  den  untern  Extremitaten  und  heftiger  reis- 
sender  Schmerz  in  den  Brust-  und  Lendenwirbeln  gesellte,  wel- 
cher  durch  iiussre  Beriihrung  nicht  zunahm.  In  den  letzten  drei 
Wochen  hatte  sich  vollslandige  Paraplegie  ausgebildet,  mit  Blasen- 
lahmung,  und  unter  Soj>or,  Delirien  und  Zuckungen,  auch  der  ge- 

Ro  mb  erg’s  Ncrvenkrankh.  T.  3.  52 


788 


SPINALE  LAHMUNGEN. 


lahmtcn  Gliecler,  erfolgte  der  Tod.  Professor  S chlemm  hatte  die 
Gefiilligkeit  Gehirn  und  Riickenmark  zu  untersuclien.  Ausser  einer 
Incrustation  einzelner  Hirnarferien  und  wiissriger  Ansammlung  se- 
roser  Fliissigkeit  in  den  Ilirnhohlen  fand  sich  nicht  die  geringste 
Abnormitat  yor,  eben  so  wenig  wie  in  den  Membranen  und  knb- 
chernen  Hiillen.  Der  linke  Herzventrikel  war  hypertrophisch.  Aus 
Versehen  unterblieb  leider,  da  ich  yerhindert  war  den  Schluss  der 
Section  abzuwarten,  die  Untersuchung  der  Nieren. 

Endlich  fiihre  ich  noch  fur  den  Connex  zwischen  Krankheiten 
der  Harnwerkzeuge  und  Paraplegie  das  Argument  ex  juvantibus 
an.  In  einem  von  Graves  mitgetheilten  Falle  von  Dysurie,  Strictur 
der  Harnrohre  und  Paraplegie  war  die  schon  nach  der  ersten  Ap- 
plication einer  Bougie  erfolgende  Besserung  der  Lahmung  aufFallend : 
warme  Bader,  Frictionen  etc.  vollendeten  die  Cur  (A  system  of 
clinical  medicine  p.  408).  Die  gegen  paralytische  Aflfectionen  ge- 
riihmten  Wirkungen  der  Canthariden,  des  01.  Terebinthin.  aeth., 
des  Bals.  Peruvian,  durften  nicht  ohne  Grund  auf  diese  Kategorie 
der  Lahmungen  bezogen  werden. 


III.  Die  von  AfTectlonen  der  Deselileelitswerkzeiige 
abliaiigige  Keflexlaltniinig-. 


Das  weibliche  Geschlecht  bietet  vorzugsweise  Gelegenheit  zum 
Studium  der  mit  krankhaften  Zustanden  der  Genitalien  zusammen- 
hangenden  Paralysen  dar,  die  entweder  von  einem  unmittelbaren 
Drucke  des  ausgedehnten  Uterus  oder  Eierstocks  auf  die  Nerven- 
geflechte  der  untern  Extremitaten  entstehen,  und  alsdann  nur  halb- 
seitig,  mit  Storungen  der  Sensibilitat,  sowohl  Schmerzhaftigkeit  als 
Erstarrung  und  Unempfindlichkeit,  verbunden  sind*),  oder  durch 


')  Im  Februar  d.  J.  meldete  sich  in  der  Poliklinik  eine  33j;ihrige  Frau, 
welche  am  26.  Januar  von  ihrem  dritten  Kinde,  unter  schwerer,  zwolfStun- 
den  anhaltender  Geburtsarheil,  mit  Hiilfe  der  Zange  entbunden  worden  war. 
Schon  w'ahrend  der  Entbindung  lilt  sie  an  schmerzhaften  Kriimpfen  des 


REFLEXLAHMUNG. 


789 


einen  Reflexeinfluss  auf  das  Ri'ickenmark  bedingt,  beide  Korperhalf- 
en  in  Anspruch  nehmen.  Veterinararzte  haben  das  Zusammen- 
ireffen  der  Paraplegie  mit  Metritis  offers  beobachtet.  So  liihrt 
Gelle  eilf  Fiille  yon  acuter  Metritis  bei  Kiihen  an,  welclie  nach  dem 
Kalben  entstanden  war:  bei  alien  zeigte  sich  Unfahigkeit  des  Be- 
wegungsvermogens  in  den  Hinterbeinen,  mit  ungestorter  Sensibilitat 
Journal  pratique  1826).  Sewell  giebt  den  Sectionsbericht  einer 
nach  dem  Kalben  von  Paraplegie  befallnen  Kuh:  intensive  Entziin- 
llung  hatte  im  Uterus  und  in  der  Scheide  statt  (Veterinar.  IV.  509). 
Von  llhen  sind  einige  Falle  von  Metritis  bei  Pferden  mitgetheilt, 
welche  von  Unvermogen  zu  stehen  und  sich  auf  den  Hinterbeinen 
nufzurichten,  begleitet  war  ( Nebel  und  Vix  Zeitschrift  fur  die  ges. 
IThierheilkunde  Bd.  III).  Bei  Frauen  hat  Dr.  Hunt  (nach  Stanley 
..  c.  p.  274)  ahnliche  Beobachtungen  gemacht.  Lis  franc  beschreibt 
den  Fall  einer  36jahrigen  Frau,  die  allmahlich  von  Paraplegie  ohne 
lAbnahme  der  Sensibilitat  befallen  worden  war.  Alle  in  der  Vor- 
niussetzung  einer  Krankheit  des  Riickenmarks  angewandte  Mittel 
uvaren  erfolglos  geblieben.  Da  nahm  Lisfranc  die  Exploration  vor 
mnd  fand  eine  voluminose  Anschwellung  des  Fundus  uteri,  welche 
fast  das  Becken  ausfiillte.  Nach  dem  viermonatlichen  Gebrauche 
[lies  Kali  hydriod.,  der  Jodeinreibungen , der  Bader  von  Bareges 

nken  Beins,  und  klagte  am  nachsten  und  an  den  folgenden  Tagen,  nach- 
liem  sie  das  Belt  verlassen  halte,  liber  Mattigkeit,  erschwerten  Gang  und 
erminderles  Gefuhl  im  linken  Fusse.  Die  vorgenommne  Untersuchung 
rgab  normales  Hautgefuhl  am  linken  Ober-  und  Unterschenkel,  allein  slum- 
fes  auf  dem  Fussriicken  und  in  der  Soble,  so  dass  das  Heriibergleiten 
mit  der  Hand  und  das  Auftreten  auf  den  Fussboden  nicht  deutlich  gefiihlt 
vvurde.  Die  Abnahme  der  Molilitat  verrielh  sicb  durch  ein  muhsames 
Gachschleppen  des  Beines  beim  Geben  und  durch  die  schwierige  Ausfiih- 
ung  aller  Bewegungen.  Die  Yenen  waren  varicos  angeschwollen.  Pro- 
ipsus  uteri  war  nach  der  Entbindung  zuriickgeblieben.  Nach  Darreichung 
ines  Purgirmitlels  wurden  Einreibungen  mit  01.  Terebinth.,  und  der  Ge- 
nrauch  des  Extr.  Nuc.  vomic.  spiriluos.  verordnel,  anfangs  zu  spaterhin 
u einem  Gran,  dreimal  t'aglich,  mit  so  trefflichem  Erfolge,  dass  am  dritlen 
larz  die  Kranke  als  genesen,  mit  vollkommner  Herstellung  der  Motilitat 
nd  Sensibilitat  entlassen  wurde. 

52* 


700 


SPINALE  LAIIMUNGEN. 


jialim  die  Geschwulst  der  Gebiirmutter  wieder  ab,  und  nacli  zwei 
Jahren  war  die  Genesung  vollstandig  (Journal  de  I’anatomie,  de  la 
physiolo-gie  et  de  la  pathologie  du  systeme  nerveux.  Paris  1843. 
T.  I.  p.  154).  Audi  entsteht  ofters  im  Wochenbette,  selbst  nacli 
leichten  Enttyndungen , ohne  vorangehenden  oder  begleitenden 
Schmerz,  Lahmung  der  untern  Extremitaten,  welche  von  den  Ge- 
burtshelfern  einer  durch  nichts  erwiesenen  Compression  der  Plex. 
ischiadici,  des  Nervus  obturatorius,  zugeschrieben  worden  ist.  Mil 
mehr  Recht  diirfte  eine  unter  diesen  Umstanden,  wie  auch  bei  Ge- 
schwiilsten  in  der  Bauchhdhle,  in  Folge  von  Storung  der  Circulation 
hervorgebrachte  Ansammlung  seroser  Fliissigkeiten  in  der  Wirbel- 
hohle  angenommen  werden  konnen,  wenn  die  Bestatigung  durch 
den  anatomischen  Behind  vorhanden  ware.  Aliein,  dass  es  gar 
nicht  einer  solchen  Bedingung  bedarf,  davon  gab  mir  unlangst  ein 
Fall  von  entgegengesetzter  atroph(scher  Beschaffenheit  des  Uterus 
ein  Beispiel.  Eine  41jahrige  Frau,  deren  Katamenien  seit  sechs  Jah- 
ren ausgeblieben  waren,  litt  seit  dieser  Zeit  ofters  an  Zuckungen  der 
untern  Extremitaten,  und  seit  neun  Monaten  an  Abnahme  der  Mo- 
tilitat,  ofterm  Zittern,  und  Gefuhl  von  Schwere  in  den  Beinen.  Das 
Hautgefiihl  war  in  den  Fiissen  stumpf,  besonders  in  dem  linken, 
wo  auch  die  Krankheit  mit  reissenden  Schmerzen  begonnen  hat. 
Harnverhaltung  wechselt  mit  Enuresis  ab,  zumal  in  der  Nacht. 
Die  obern  Extremitaten  sind  im  Besitze  ihrer  vollen  Kraft.  Die 
Untersuchung  der  Wirbelsaule  bietet  nichts  Abnonnes  dar.  Die  von 
Dr.  Scholler  mit  seiner  anerkannten  Genauigkeit  vorgenommene 
Exploration  ergab  eine  sehr  verkiirzte  Scheide  und  Mangel  der 
Portio  vaginalis:  nur  die  Queerspalte  des  Uterus  ist  am  Scheiden- 
gewblbe  in  der  Richtung  von  vorn  nacli  hinten  sichtbar.  Der  Mut- 
termund  ist  sehr  weicli:  der  Hals  zeigt  seine  gewohnliche  Harte. 
Also  eine  vollstandige  Biickbildung  der  Genitalien,  wie  bei  einer 
Greisin.  Das  von  mir  verordnete  Alcaloid  der  Nux  vomica,  das 
Strychnin,  pur.  (zu  \ Gr.  zweimal  taglich)  und  Einreibungen  der 
Beine  mit  01.  Tereb.  aeth.  batten  nach  drei  Wochen  schon  eine 


REFLEXLAHMUNG. 


791 


giinstige  Wirkuilg.  Die  Harnbeschwerden  horten  auf,  und  der 
Gang  zeigte  eine  aufFallende  Besserung.  Von  Zeit  zu  Zeit  musste 
wegen  toxischer  Zufalle  das  Strychnin  ausgesetzt  werden.  Die 
Kranke  befindet  sich  noch  in  der  Behandlung. 

In  diesen  Bereich  gehoren  auch  die  hysterischen  Lahmun- 
gen.  Ich  habe  in  der  Schilderung  der  Hysterie,  dieser  yon  Geni- 
i talienreizung  ausgehenden  Reflexneurose,  darauf  aufmerksam  gemacht, 
dass  in  den  Paroxysmen  nicht  bloss  die  plotzlichen  Uebergiinge  der 
Convulsionen  ihrem  Sitze  und  Grade  nach  karakteristisch  sind,  son- 
dern  auch  das  jahe  Umschlagen  in  den  Contrast,  der  Sprung  von 
Excess  der  Beweglichkeit  und  Empfindlichkeit  in  Immobilitat  und 
Abstumpfung,  von  profuser  Absondrung  in  unterdruckte  (S.  457). 
Diese  Reflexunthatigkeit  und  ihr  paralytischer  Ausdruck  sind  ent- 
weder  voriibergehend,  periodiscb,  oder  dauern  langre  Zeit  an.  Im 
erstern  Falle  zeigt  sich  die  Paralyse  in  oder  nach  dem  Anfalle,  in 
verschiedner  Form,  als  Paraplegie,  Hemiplegie,  Lahmung  einzelner 
Glieder,  der  Hand,  des  Fusses,  der  Zunge,  des  Kehlkopfes,  der 
Harnblase,  dieselbe  Form  beibehaltend  oder  verandernd,  mit  Erstar- 
rung,  Anasthesie,  Formication,  und  yon  kurzer  Dauer.  Diese  Lah- 
mung hat  viel  Aehnlichkeit  mit  der  nach  epileptischen  Paroxysmen 
vorkommenden  (S.  526),  und  in  BetretT  ihres  zeitlichen  Yerhaltnisses 
mit  der  Paralysis  intermittens,  wovon  ich  folgenden  mir  vorgekom- 
menen  Fall  seiner  Seltenheit  wegen  mittheile. 

Im  Monat  April  1830  wurde  ich  zu  einer  vier  und  sechzigjah- 
rigen  Frau  gerufen,  die,  nachdem  sie  den  Tag  vorher  noch  wohl 
gewcsen,  plotzlich  von  einer  Lahmung  der  untern  Extremitaten  mit 
unwiUkiihrlichem  Abgange  des  Urins  und  der  Excremente  befallen 
worden  war.  Aus  dem  Bette  gehoben  vermochte  sie  weder  allein 
zu  stehen,  noch  einige  Schritte  zu  gehen,  sondern  sank  sogleich 
zusammen.  Die  Sensibilitat  war  unverletzt,  das  Bewusstsein  frei, 
die  Temperatur  kiihl,  der  Puls  von  80  Schliigen,  klein  und  leer, 
der  Athem  normal;  keine  Klage  Fiber  Scbmerzen  im  Riickgrat. 
Ausser  Stande  eine  bcstimmte  vorhergegangne  Ursache  zu  ermitteln, 


792 


SPINALE  LAHMUNGEN. 


verordnete  ich  die  Application  von  sechszehn  Schropfkopfen  langs 
der  Wirbelsaule,  ein  Vesicatorium  in  der  Lumbargegend,  und  zum 
innern  Gebrauche  einen  Arnicaaufguss  mit  Liq.  ammon.  vinos.,  gab 
aber  den  Verwandten  die  grosse  Gefahr  und  Wahrscheinlichkeit  des 
todtlichen  Ausganges  zu  erkennen.  Am  andern  Tage  war  ich  von 
der  Veranderung  des  Zustandes  iiberrascht;  die  Kranke  kam  mir, 
gefuhrt  von  ihrer  Tochter,  entgegen,  klagte  nur  noch  iiber  Schwiiche 
in  den  Beinen,  und  konnte  den  Urin  wieder  willkiihrlich  lassen. 
Stuhlgang  war  noch  nicht  erfolgt.  Allein  der  niichste  Morgen  triibte 
meine  Freude  iiber  die  schnelle.  Wirksamkeit  der  angewandten  Mit- 
tel;  alle  Symptome  waren  in  derselben  Stunde  wieder  eingetreten, 
wie  zwei  Tage  zuvor.  Der  Karakter  der  Lahmung  stellte  sich  jetzt 
deutlich  heraus,  und  die  zur  Zeit  vorwaltende  Herrschaft  der  inter- 
mittirenden  Fieber  gab  der  Diagnose  noch  mehr  Halt.  Jedoch,  um 
jeder  Tauschung  zu  entgehen,  wartete  ich  den  dritten  Paroxysmus 
ab,  der  sich  auch  zur  bestimmten  Zeit,  doch  ohne  Lahmung  der 
Sphincteren  der  Blase  und  des  Mastdarms,  einstellte.  Sofort  verord- 
nete ich  Chinin.  sulph.  zu  drei  Gran  alle  2 Stunden,  und  liess,  nach- 
dem  die  Anfalle  zweimal  weggeblieben,  die  China  in  Substanz  meh- 
rere  Wochen  fortgebrauchen.  Die  Frau,  welche  ich  spaterhin  an  einer 
andern  Krankheit  behandelt  habe,  hat  seitdem  weder  an  Schwache 
der  Beine,  noch  sonst  an  einer  paralytischen  Affection  gelitten. 

In  andern  Fallen  ist  die  hysterische  Lahmung  permanent,  ein 
Ersatz  gleichsam  fur  die  iibrigen  Zufalle  dieser  Krankheit,  welche 
wahrend  ihrer  Dauer  pausiren.  Das  eigenthiimliche  psychische  Yer- 
hiiltniss  (S'.  459)  ist  auch  hier  bcmerkenswerth:  Willensschwache 
bis  zur  ganzlichen  Willenslosigkeit,  Mangel  an  geistigem  Widerstande, 
Hingeben  und  Ueberwaltigung.  Dieser  Zug  tritt  so  karakteristisch 
hervor,  dass  er  einen  genauen  Beobachter  zur  Behauptung  verleitet 
hat,  dass  in  der  hysterischen  Paralyse  die  Muskeln  nicht  unfahig 
sind,  dem  Impulse  des  Widens  Folge  zu  leisten,  sondern  wegen 
mangelnder  Uebung  der  Willenskraft  immobil  sind  ( Brodie  lectures 
illustrative  of  certain  local  nervous  affections,  p.  48).  Auch  giebt 


REFLEXLAHMUNG. 


793 


es  keine  andre  Lahmung,  auf  deren  Beseitigung  psychische  Ein- 
driicke  eine  so  entschiedene  Wirkung  haben,  Glauben  und  Aber- 
glauben,  Freude  und  Schreck.  Doch  auch  spontan  tritt,  wie  es  oft 
bei  hysterischen  Affectionen  der  Fall  ist,  und  plotzlich  ein  solcher 
giinstiger  Wendepunct  ein,  der  alsdann  ohne  weitre  Kritik  unschul- 
digen  Dingen,  z.  B.  homoopathischen  Mitteln,  zugeschrieben  wird. 
Ueberhaupt  ist  fur  Krai  ike  und  Arzt  der  prognostische  Stand  die- 
ser  Lahmung  beruhigend;  selbst  bei  langrer  Dauer  leidet  die  Er- 
nahrung  nicht,  und  die  Spliincteren  erhalten  sich  in  ihrer  Kraft. 
Dessen  sei  man  in  der  Behandlurg  eingedenk:  zuviel  schadet,  stiir- 
misches  und  angreifendes  Verfahren  (Moxen,  Exutorien  etc.)  ist 
verderblicb.  In  BetrefF  der  psychischen  Cur  berufe  ich  mich  auf 
das  S.  471  Mitgetheilte.  Erregung  der  peripherischen  Nerven  mit- 
telst  Frictionen,  Vaginaleinspritzungen  excitirender  StofFe,  aromati- 
scher  Aufgiisse,  Suppositorien  von  Castoreum  etc.  (S.  468)  ist  an- 
gemessen.  Die  Praparate  der  Nux  vomica  eignen  sich,  wie  iiberhaupt 
fur  Reilexlahmungen,  so  auch  fur  die  hysterische.  Die  Thermalbader 
von  Ems,  in  hoherer  oder  niedrigerer  Temperatur,  je  nach  dem 
Grade  der  Erregbarkeit  der  Kranken,  nebst  dem  Gebrauche  der 
aufsteigenden  Douche  sind  vorzugsweise  zu  empfehlen.  Ich  habe 
eine  Hysterische  behandelt,  welche  anderthalb  Jalire  lang  paraplektisch 
gewesen  und  in  Ems  unter  der  trefflichen  Behandlung  des  verewig- 
ten  Diel  binnen  kurzer  Zeit  vollkommen  wieder  hergestellt  worden 
ist.  Bei  Ananiie  sind  die  eisenhaltigen  Bader  indicirt : Bruch  sah 
in  keinem  Symptome  der  Hysterie  die  Driburger  Cur  von  so  wun- 
derbarer  Wirkung  als  in  den  hysterischen  Lahmungen  der  untern 
Extremitaten  (Vgl.  dessen  treftliche  Schrift:  das  Bad  Driburg  in 
seinen  Heilwirkungen  dargestellt.  1844.  S.  94;  seines  Vorgiingers 
Brandis,  Erfahrmigen  fiber  die  Wirkung  der  Eisenmittel  im  A1I- 
gemeinen  und  des  Driburger  Wassers  insbesondre.  1803.  S.  150 — 
172,  und  Lcnlins  Geschichte  der  Eisengranulirbader  am  Harze,  in 
dessen  Beitriigen  zur  ausiibenden  Arzneiwissenschaft  1.  Bd.  2.  Aufl. 
S.  71). 


Das  Riickenmark  ist  als  Centralapparat  nicht  nur  Vermittler 
gegenseitiger  Uebertragung  der  Reize,  sondern  auch  Quelle  des 
Nervenagens,  des  Princips  motorischer  uud  sensibler  Spannung,  wo- 
durch  Fortdauer  und  Kraft  der  Bewegung  und  Empfmdung  gesi- 
chert,  und  eine  allgemeine  Anregung  fiir  die  Gesammtheit  der  Or- 
gane  gegeben  wird.  Die  Abnahme  in  der  Production  dieses  A gens 
ist  es,  welche  die  mit  deni  Namen 

T abes  il  ors  ualin 

bezeichnete  Krankheit  bedingt. 

Das  friihste  Merkmal  ist  Verringerung  motorischer  Kraft  in  den 
Muskeln,  zuerst  und  vorzugsweise  der  untern  Extremitaten,  welche 
sich  zuweilen  Anfangs  in  einem  Beine  mehr  ausspricht  als  in  dem 
andern,  im  weitern  Verlaufe  aber  beide  zum  Sitze  nimmt.  Der 
Kranke  klagt  uber  Schwache  und  Unfahigkeit  der  Ausdauer  bei  Be- 
wegungen  und  Steliungen.  Lasst  man  ihn  irgend  eine  Action  vor- 
nehmen,  die  einen  grossern  Aufwand  motorischer  Kraft  erfordert, 
z.  B.  gebiickt  oder  auf  einem  Fusse  stehen,  so  ermattet  er  also- 
bald:  der  geiibte  Reiter  vermag  nicht  mehr  so  lange  wie  sonst  seine 
Beine  dem  Pferde  anzuschliessen.  Friihzeitig  offenbart  sich  auch  eine 
Abstumpfung  der  Tastempfindung  und  des  Muskelgefiihls,  wahrend  die 
Sensibilitat  der  Haul  in  BetretF  der  Temperatur  und  schmerzerre- 
gender  Eindriicke  nicht  verringert  ist.  Beim  Stehen  und  Gehen,  so 
wie  auch  im  Liegen  sind  die  Fusse  erstarrt,  haben  die  Empfindung 
des  Pelzigseins:  der  Widerstand  des  Fussbodens  wird  nicht  mehr 


TABES  DORSUALIS. 


795 


■eutlich  gefiihlt,  seine  Cohasion  erscheint  schwiicher,  es  ist,  als  ob 
ie  Sohle  auf  Wolle,  weichem  Sande,  oder  einer  mit  Wasser  ge- 
illten  Blase  stelie.  Der  *Reiter  fiiklt  nicht  mehr  die  Resistenz  des 
“teigbiigels  und  lasst  ikn  kiirzer  schnallen.  Unsicherheit  im  Gange 
iacht  sick  bemerkbar,  welche  der  Kranke  durch  verstarkten  Wil- 
l insimpuls  zu  verbessern  sucht;  indem  er  seinen  Tritt  nicht  mehr 
3st  fiihlt,  stemmt  er  die  Fersen  mit  grossrer  Kraft  auf.  Yon  An- 
mg  an  muss  er  aber  seine  Bewegungen  sehen  konnen,  wenn  sie 
uicht  noch  unsichrer  sein  sollen  (Ygl.  S.  228).  Lasst  man  ihn  in 
i ufrechter  Stellung  die  Augen  schliessen , so  fangt  er  sofort  an  zu 
>'  chwanken  imd  zu  taumeln,  so  wie  auck,  wenn  es  finster  um  ihn 
^t,  grossre  Unsicherheit  im  Stehen  und  Gehen  sich  verriith.  Auf 
ilieses  pathognomonische  Merkmal  — denn  es  zeigt  sich  nach  mei- 
ner  Beobachtung  weder  bei  andern  Lahmungen  noch  in  der  von 
Complication  freien  Amaurose  — habe  ich  schon  yor  zehn  Jahren 
nufmerksam  gemacht  und  es  seitdem  in  der  nicht  unbetrachtlichen 
?£ahl  solcher  Kranken,  die  aus  der  Nahe  und  Feme  sich  bei  mir 
melden,  bei  keinem  einzigen  vermisst.  Einzelne  machen  selbst  dar- 
uuf  aufmerksam,  ohne  dass  man  darnach  fragt:  ein  Fremder,  dessen 
'Sehkraft  noch  ungestort  war,  erzahlte  mir,  dass  es  ihm  jetzt  un- 
noglich  sei,  sich  des  Morgens  in  seiner  dunklen  Schlafstube  auf- 
'echt  zu  waschen,  er  miisse,  wenn  er  nicht  umzusinken  fiirchten 
>?olle,  in  einem  hellen  Zimmer  seine  Toilette  vornehmen.  Ein  andrer, 
ler  im  Winter  um  sechs  Uhr  Morgens  an  sein  Geschaft  gehen 
musste,  klagte,  dass  er  eines  Begleiters  bedurfe,  der  ihn  im  Hause 
und.  auf  der  Strasse  stutze,  was  bei  hellem  Tage  nicht  nothwendig 
•sei.  Abgesehen  von  dieser  Eigenthiimlichkeit  findet  noch  ein  Unter- 
•schied  in  den  Bewegungen  selbst  statt:  beschrankte  und  gleichsam 
.gezwungne  werden  schwerer  und  ungeschickter  ausgefiihrt  als  solche, 
wo  der  Kranke  seiner  Willkuhr  die  Ziigel  lassen  kann:  langsamen 
.gemessncn  Schrittes  in  einer  bestimmten  Richtung  zu  gehen  iiillt 
ihm  weit  schwerer  als  in  belicbiger  Richtung  seine  Fusse  zu  ge- 
brauchen,  das  Aufstehen  vom  Stuhl  und  das  Aufsteigen  einer  Treppe 


79G 


SPIN  ALE  LAHMUNGEN. 


schwerer  als  das  Niedersetzen  und  Heruntergehen,  das  Umdrehen 
des  Korpers  beim  Gehen  am  schwersten.  Nacli  Iiingrer  Ruhe  isi 
Stehen  und  Gehen  miihsamer  und  unsidirer  als  in  eingeleitetein 
Zuge.  Die  Abnahme  der  Muskelkraft  giebt  sich  auch  in  den  mit 
Sphincteren  versehnen  Organen  kund,  besonders  in  der  Harnblase. 
Der  Drang  zum  Uriniren  kommt  im  Anfange  liaufiger,  und  kann 
niclit  schnell  genug  befriedigt  werden,  so  dass  schon  ehe  das  Ge- 
rath  zur  Hand  ist,  Tropfen  abgeflossen  sind:  im  Schlafe  hat  nicht 
selten  Enuresis  slatt.  Der  Strahl  des  Urins  fliesst  nicht  mehr  wie 
friiher  im  Bogen,  sondern  mehr  senkrecht:  auch  wird  die  Blase 
nicht  ganz  entleert.  Verstopfung  ist  fast  immer  vorhanden;  der 
Kranke  fiihlt,  dass  er  nicht  mehr  so  stark  und  anhaltend  wie  sonst 
pressen  konne.  Schmerzhafte  Empfindungen  verschiedner  Art  sind 
fast  stete  Begleiter,  am  haufigsten  ein  Geliihl  yon  Zusammenschnii- 
rung,  welches  yon  den  Dorsal-  oder  Lumbarwirbeln  ausgeht,  den 
Leib  wie  mit  einem  Reife  umgiirtet,  und  nicht  selten  den  Athem 
erschwert.  Mehrere  Kranke  schilderten  mir  dieses  Gefuhl  besonders 
im  Schlafe  als  sehr  lastig,  wobei  sie  plotzlich  in  die  Hohe  fallen 
und  aufschreien  miissten.  Andre  ldagen  iiber  einen  pressenden 
Druck  im  Mastdarm  und  nach  der  Blase,  noch  andre  iiber  Kolik- 
schmerzen,  Magenschmerzen,  die  meisten  iiber  blitzahnliche  durchfah- 
rende  Schmerzen  in  denBeinen,  iiber  Prikkeln,  Jucken,  Brennen,  Kalte 
in  der  Haut,  nicht  bloss  der  untern,  sondern  auch  der  obern  Extre- 
mitaten,  des  Rumples : nur  das  Gesicht  bleibt  ausgenommen.  Am  sel- 
tensten  ist  Formication  im  Riicken.  Unter  diesen  Zufallen,  die  im  An- 
fange bfters  unbeachtet  bleiben,  geht  liingre  Zeit  bin.  Dann  yermehrt 
sich  die  Motilitatsschwiiche  in  den  Beinen  zusehends.  Der  Kranke  ist 
genothigt  wegen  drohenden  Vcrlustes  des  Gleichgewichls  die  Fiisse 
auswiirts  zu  stellen,  einen  breitbeinigen  Gang  anzunehmen,  die  Hak- 
kcn  so  lange  als  moglich  auf  dem  Fussbodcn  verweilen  zu  lassen, 
die  Kniee  nach  hinten  auszubiegen  — willkiihrlich  yermag  er 
zwar  noch  sich  anzutreiben  (ein  Kranker  driicktc  sich  gegen  mich 
aus:  er  miisse  jelzt  an  jede  seiner  Bewegungen  denken)  und  auf 


TABES  DORSUALIS. 


797 


er  Strasse  umher  zu  schwanken,  fiihlt  sich  aber  ungliicklich,  sobalcl 
r durch  irgend  ein  Hinderniss  aufgehalten  plotzlich  stillstehen  soli ; 
Las  ist  er  nicht  im  Stande,  sondern  muss  sofort  sich  irgendwo  an- 
! ihnen.  Bald  reicht  die  eigne  Kraft  nicht  mehr  hin  ihn  fortzutra- 
. ;en  und  die  Stiitze  eines  andern  wird  nothig.  Noch  dringender 
tellt  sich  das  Bediirfniss  des  Sehvermogens  heraus:  bei  geschloss- 
en  Augen  ist  selbst  in  sitzender  Stellung  ein  Schwanken  bemerk- 
iar  — in  einem  Falle  sah  ich,  so  oft  der  Versuch  angestellt 
twurde,  den  Kranken  unfahig  sich  aufrecht  zu  halten,  und  vom 
"ituhle  heruntergleiten  — in  horizon  taler  Lage  vermag  der 
Kranke  nicht  mehr  die  Stellung  seiner  eignen  Glieder  zu  erkennen, 
licht  zu  unterscheiden  ob  der  rechte  Fuss  liber  dem  linken  liegt 
>der  umgekehrt.  Ein  fremder  Kranker  erzahlte  mir,  dass  er  beim 
desuche  des  Diorama  yon  dem  Augenblicke,  als  er  aus  dem  hellen 
in  den  finstern  Raum  gefuhrt  wurde,  auch  nicht  die  geringste  Fm- 
ofindung  von  seinem  Fortsehreiten  gehabt  habe.  Um  so  trauriger 
wird  das  Schicksal  dieser  Ungliick lichen  dadurch,  dass  sich  sehr  oft 
Amblyopie  hinzugesellt,  die  in  seltneren  Fallen  schon  den  Anfang 
Her  Krankheit  begleitet.  Auch  wo  der  Opticus  nicht  Theil  nimmt, 
latte  ich  Gelegenheit  bei  mehreren  Kranken  eine  Veranderung  der 
coupiIle  wahrzunehmen,  in  beiden  Augen  oder  nur  in  einem,  und 
i^war  eine  Verengerung  mit  Unbewegiichkeit,  welche  bei  einem 
H5jahrigen  Manne  so  zunahm,  dass  die  Pupillen  auf  die  Grosse 
?ines  Stecknadelknopfes  reducirt  wurden.  In  einem  Falle  trat,  ohne 
Complication  mit  Hirnleiden , ein  Schielen  nach  innen  ein, 
.vvobei  der  Kranke  willkuhrlich  das  Auge  nach  Aussen  richten 
vmnnte.  Beim  weitern  Fortsehreiten  der  Krankheit  breitet 
iich  die  Abnahme  der  Kraft  auch  auf  die  obern  Rumpfglie- 
ler  aus,  ohne  jedoch  hier  einen  solchen  Grad  zu  erreichen  wie  in 
lien  untern.  Die  Lahmung  des  Sphincter  yesicae  wird  vollstandig. 
Die  Fahigkeit  zu  Erectionen  und  die  mannliche  Potenz  erlischt.  Die 
Hntellectualitat  dieser  Kranken  bleibt  in  der  Regel  ungestort:  die 
meisten  klagen  nicht  viel,  und  haben  die  Neigung  ihren  Zustand, 


798 


SPINALE  LAHMUNGEN. 


])esonders  clem  Arzte  gegenuber,  in  einem  giinsligern  Lichte  dar- 
zustellen,  ja  selbst,  wenn  sie  dem  gebildetern  Stande  angehoren, 
ihre  Schwache  der  Motilitat  vor  andern  zu  verbergen,  um  jeden 
Verdacbt  auf  die  beim  Publikum  iibel  angeschriebne  Riickendarre 
von  sich  abzuwenden.  Die  Nutrition  leidet  nicht  in  gleichem  Maasse 
wie  die  motorische  und  sensible  Kraft.  Solche  Kranke  konnen  selbst 
noch  langre  Zeit  ihr  Embonpoint  beibehalten,  so  class  in  dieser  Be- 
ziehung  der  Name  Tabes  nicht  gerechtfertigt  ist.  Im  spatern  Ver- 
laufe  wircl  das  Fleisch  schlaff  und  atrophisch , zumal  an  den  Nates, 
den  Beinen  und  dem  Riicken.  In  der  letzten  Zeit  encllich  ist  es 
clem  Kranken  ganz  umuoglich  sich  aufrecht  zu  halten  oder  fortzu- 
bewegen:  clessenungeachtet  dauert  die  Fahigkeit  fort,  bei  gestiitzter 
Lage  des  Rumpfes  willkiihrliche  Bewegungen  mit  den  Fiissen  aus- 
zufuhren.  Enuresis  wechselt  mit  Ischurie:  die  Excremente  gehen 
imwillkuhrlich  ab.  Unter  Hinzutritt  brandigen  Decubitus  am  Rreuz- 
bein  und  an  den  Trochanteren  mit  Begleitung  von  Fieberbewegun- 
gen  erfolgt  der  Tod. 

Die  Dauer  der  Tabes  dorsualis  ist  chronisch,  auf  mehrere,  selbst 
zebu,  fiuifzehn  Jahre  ausgedehnt,  und  nur  durch  Complication  mit 
schneller  zum  Tocle  fiihrenden  Krankheiten,  besonders  Phthisis  pul- 
monalis  und  intestinalis,  abgekiirzt.  Auch  konnen  intercurrente 
Krankheiten  den  Verlauf  beschleunigen. 

Die  Ergebnisse  der  Leichenoffnungen  stimmen  trotz  ihrer  Man- 
nigfaltigkeit  grosstentheils  in  clem  Befunde  partieller  Atrophie  des 
Riickenmarkes  iiberein,  welche  haufiger  in  clem  untern  Theile,  von 
der  Lumbaranschwellung  an,  und  in  den  von  dort  abtretenden  Ner- 
venstrangen  ihren  Sitz  hat.  Die  Volumsabnahme,  zum  Bel  rage  der 
I lalfte  oder  Zweiclrittheils  eines  gesunden  Riickenmarkes,  dessen 
Vergleichung,  wo  moglich  im  frischen  Zustande,  iiberhaupt  fur  die 
grossre  Genauigkeit  der  Untersuchung  erforderlich  ist,  betriflt  ent- 
weder  die  graue  und  weisse  Substanz  oder  nur  eine  von  beiden. 
IVI ikroskopische  Untersuchungen  des  atrophischen  Theils  fehlen  noch 
zur  Zeil.  Das  Schwinden  des  Nerveninhalts  in  den  Strangen  der 


TABES  DORSUALIS. 


799 


Cauda  equina  ist  oft  beobachtet  worden,  bis  zu  einem  solchen 
Grade,  dass  nur  leere  Hiilsen  dcs  Neurilemms  zuriickgeblieben  zu 
sein  schienen.  Audi  die  Wurzeln  holier  inserirter  Nerven  nehmen 
an  der  Atrophie  Theil  und,  was  you  besonderm  Interesse  ist,  die 
hintern  sensibeln  Wurzeln  zuweilen  ausschliesslich,  zugleidi  mit  den 
hintern  Strangen  des  Riickenmarks,  wahrend  die  vordern  motorischen 
dem  Ansehen  nach  unverandert  erhalten  waren.  Iliervon  sab  ich  ein 
auffallendes  Beispiel  bei  einem  zwei  und  funfzigjahrigen  Arzte  einer 
Provinzialstadt,  welcher  nach  heftigen  Gemuthsaffecten  und  starken 
Erkaltungen  auf  seinen  Berufsreisen  im  vierzigsten  Jahre  von  Pa- 
resis der  untern  Extremitaten  und  Amblyopie  befallen,  auf  des  ver- 
ewigten  Rust’s  und  meinen  Rath  eine  Trink-  und  Badecur  in  Ma- 
rienbad  gebrauchte,  jedoch  ohne  alien  Erfolg:  die  Amblyopie  ging 
in  yollstandige  Amaurose  fiber,  und  die  Ausbildung  der  Tabes  dor- 
sualis  fand  trotz  aller  andern  Mittel  ungehindert  statt.  In  den  spa- 
tern  Jahren  babe  ich  den  Kranken  nicht  gesehen,  allein  in  Erfah- 
rung  gebracht,  dass  die  Sensibilitat  der  Haut  bis  kurze  Zeit  vor 
dem  Tode  sich  erhalten  haben  soli,  und  die  Temperaturunterschiede 
richtig  gefiiblt  wurden.  Bei  der  von  Froriep  gemachten  Section 
war  ich  zugegen  und  nicht  wenig  erstaunt  die  Atrophie  — das 
Riickenmark  betrug  nur  \ vom  Volumen  eines  damit  verglichnen 
frischen  Ruckenmarkes  von  einem  Manne  desselben  Alters  — auf 
den  untern  Theil  der  hintern  Strange  und  Nervenwurzeln  beschrankt 
zu  sehen.  Die  Marksubstanz  der.  erstern  war  fast  ganz  geschwun- 
den,  so  dass  sie  wie  durchsichtig  von  graugelber  Farbe  erschienen.  Die 
hintern  Wurzeln  waren  des  Nervenmarkes  verlustig,  und  hatten  ein 
wiissriges  Ansehen.  Yon  der  Mitte  der  Dorsalnerven  ging  die  Atrophie 
allmahlich  nach  oben  in  die  gesunde  Beschaffenheit  fiber.  Die  vor- 
dern Strange  und  Nervenwurzeln  boten  nichts  Abnormes  dar.  In 
einem  andern  Falle  von  Tabes  dorsualis  hatte  Froriep  dasselbe  zu 
beobachten  Gelegenheit.  Wo  Amaurose  vorhanden  war,  findet 
sich  fast  immer  Atrophie  der  Selmervcn,  des  Chiasma  und  der  Tra- 
ctus  optici:  auch  die  Sehnervenhiigel,  einer  oder  beide,  sind  ent- 


800 


SPINALE  LAIIMUNGEN. 


weder  geschwunden  oder  zeigen  Veranderungen  ihres  Gefiiges  und 
ihrer  Farbe.  Die  andern  bei  der  Tabes  dorsualis  vorgefundnen 
Veranderungen  des  Ri'ickenmarks  sind  verschieden:  zuweilen  leder- 
artige  Verdichtung  der  weissen  Substanz,  haufiger  Erweichung  der 
erauen  Substanz.  So  fand  ich  im  J.  1832  bei  einem  zwei  und 
vierzigjahrigen  Manne,  den  ich  drei  Jahre  an  der  Tabes  dorsualis 
behandelt  hatte,  den  Lumbar-,  den  Cer vicaltheil  und  ein  Stiick 
des  Dorsaltheils  von  beinah  fliissiger  Weichheit  und  von  einer 
Menge  weisser  Longitudinalfasern  durchsetzt,  als  zoge  sich  eine 
feine  Cauda  equina  durch  das  Riickenmark  hindurch.  Auch  die 
Membranen  sind  selten  in  ihrer  Integritat.  Die  Arachnoidea  ist 
verdickt,  mit  Enorpel-  oder  Knochenplattchen  besetzt  und  enthalt 
in  ihrem  Sacke  mehr  oder  weniger  serose  Fliissigkeit.  In  den 
knochernen  Hiillen  findet  man  dagegen  nur  ausnahmsweise  eine 
krankhafte  Veranderung  vor. 

Unter  den  Ursachen  der  Tabes  dorsualis  sind  zwei  disponirende 
mit  Sicherheit  ermittelt,  das  mannliche  Geschlecht  und  das  Lebens- 
alter  vom  30.  — 50.  Jahre.  Frauenzimmer  machen  kaum  den 
achten  Theil  in  der  Zahl  der  Kranken  aus.  Als  einen  der  frucht- 
barsten  Anlasse  hat  man  von  alten  Zeiten  her  Samenverlust  be- 
trachtet;  an  und  fur  sich  scheint  jedoch  dieses  Moment  weniger 
einllussreich  zu  sein,  da  Kranke  mit  vieljahriger  Spermatorrhoe 
an  Hypochondrie  und  CerebralafFectionen  iiberhaupt  haufiger  leiden 
als  an  Tabes  dorsualis,  allein  inVerbindungmitUeberreizung  derNerven, 
zumal  durch  die  mannigfaltigen  Verirrungen  in  Befriedigung  der  sinnli- 
chen  Lust,  begiinstigt  es  nicht  selten  die  Entstehung  dieser  Krankheit 
und  jedenfalls  die  schnellereEntwicklung,  wenn  sie  bereits  ihren  Anfang 
genommen  hat.  Uebermassiger  Aufwand  motorischer  Kraft  durch  anhal- 
tendes  Stehen  in  gebiickter  Stellung,  durch  forcirte  Miirsche  bei  gleich- 
zeitiger  Erkaltung  in  feuchten  Bivouacs  etc.  und  darauf  folgendeExcesse 
in  Baccho  et  Venere  — wie  es  so  haufig  in  Feldziigen  der  Fall  ist 

spielen  in  der  Aetiologie  eine  wichtige  RoIIe,  daher  die  Fre- 
quenz  der  Tabes  dorsualis  in  den  ersten  Decennien  nach  den  gros- 


TABES  DORSUALIS. 


801 


sen  Feldziigen  neuerer  Zeit.  Unter  den  pathischen  Processen 
scheint  der  rheumatische  am  fruchtbarsten  zu  sein.  In  nicht  selt- 
nen  Fallen  misslingt  es  aucli  der  gewissenhaftesten  Nachforschung 
ein  atiologisches  Moment  zu  ermitteln. 

Keinem  Kranken  dieser  Art  Ieuchtet  die  Hoffnung  der  Gene- 
sung:  iiber  alle  ist  der  Stab  gebrochen.  Der  einzige  Trost,  we- 
nigstens  fur  die  Lebenssiichtigen,  ist  die  lange  Dauer  der  Krankheit. 
Wenn  irgendwo  die  rastlose  Geschaftigkeit  des  Arztes  die  Lei- 
den des  Kranken  steigert,  so  ist  es  in  der  Tabes  dorsualis  der 
Fall.  Nur  selten  bietet  sicli  ein  Ungliicklicher  dieser  Art  dar,  ohne 
den  Riicken  voll  Narben,  ohne  Convolute  von  Yerordnungen,  oline 
einen  Cyklus  von  Badern  aufzuweisen , wo  er  iiberall  gewesen  und 
uberall  vergebens  sein  Ileil  gesucht  hat.  Die  Humanitat  Yerpflich- 
tet  von  vorn  herein  zur  Erolhiung,  dass  durch  therapeutische  Ein- 
griffe  nur  geschadet,  nicht  geniitzt  werden  konne,  und  dass  ledig- 
lich  die  Regulirung  der  Diat  in  ihrem  vollen  Umfange  den  Kran- 
ken vor  zu  friihem  grossem  Ungemache  zu  schiitzen  im  Stande 
sei.  Aufwand  motorischer  Kraft  und  geschlechtlicher  Aufregung 
muss  streng  untersagt  werden.  Zur  Abhiilfe  der  hartnackigen  Yer- 
stopfung  eignen  sich  kalte  Wasserklystire,  so  wie  iiberhaupt  der 
vorsichtige  Gebrauch  der  Kalte  zu  Waschungen  des  Rumpfes  und 
Riickgrates,  zu  miissigen  AfFusionen  der  Wirbelsaule  empfohlen 
werden  kann.  Gegen  die  haufigen  schmerzhaften  Fmpfmdungen 
im  Riicken,  in  den  Extremitaten  babe  ich  mit  Nutzen  Einreibun- 
gen  der  Veratrinsalbe  vornehmen  lassen.  Yor  allem  hiite  man  sich 
vor  zu  haufiger  Application  von  Schrbpfkopfen  und  Exutorien,  und 
widerralhe  lange  Reisen  nach  den  Badequellen,  da  schon  das  Fah- 
ren  an  und  fur  sich  nachtheilig  wirkt  und  in  den  Thermen  hoch- 
stens  eine  momentane  Erleichterung  erzielt  wird,  welche  schon  auf 
der  Ruckreise  wieder  verschwindet.  Den  Unheilbaren  gestatte  man 
ein  ruhiges  Leben  im  Kreise  ihrer  Angehorigen  und  einen  durch 
die  Nahe  der  Lieben  sanfteren  Tod. 


‘2.  Gattnng. 


Cerebrale  Lahmungen. 


In  keinem  andern  Gebiete  der  Nervenpathologie  macht  sich 
Mangel  an  Kritik  der  Untersuchung  so  fuhlbar,  wie  in  der  Lehre 
der  Hirnaffectionen , und  nirgends  haben  haltlose  Meinungen,  Irr- 
thiimer,  ja  selbst  Unwahrheiten  so  leicht  Eingang  gefunden  wie  hier. 
So  tritt  uns  beim  Studium  der  vom  Gehirne  abhiingigen  Lahmun- 
gen  sogleich  ein  fast  durchweg  begangner  Irrthura  entgegen  in  der 
vernachlassigten  Unterscheidung  der  am  Gehirne  abtretenden  von 
den  in  demselben  verlaufenden  motorischen  Nervenfasern.  Jene  bil- 
den  aber  nur  die  erste  Station  der  peripherischen  Bahn,  und  un- 
terliegen  ohne  Ausnabme  dem  Gesetze  der  Leitung  auf  gleichseiti- 
ger  Strecke.  Das  hatte  man  iibersehen,  und  vorausgesetzt,  dass 
alle  Krankheiten  innerhalb  der  Schadelhbhle  das  Gehirn  als  Cen- 
tralorgan  betheiligen:  daher  riihren  die  Schwankungen,  selbst  unter 
Physiologen,  in  BelrefF  der  kreuzenden  oder  nicht  kreuzenden  Rich- 
tung  cerebraler  Leitung.  Docli  auch  in  andrer  Beziehung,  in  dia- 
gnostischer  und  therapeutischer,  sind  diese  Zustiinde  wichtig  genug, 
um  bier,  wenn  auch  in  den  vorangehenden  Schilderungen  schon 
biters  erwiihnt,  ausfuhrlicber  in  Betracht  zu  kommen. 

Ausser  dem  physiologischen  Ivriterium  der  Leitungsunrahigkeit 
au(  gleichseitiger  Bahn  geben  das  raumliche  und  zeitliche  Verhalt- 
niss  Merkmale  der  Unterscheidung  fur  die  Lahmung  der  Nerven 
am  Gehirne  von  der  Lahmung  der  Nerven  im  Gehirne.  Die  er- 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


803 


stere  befallt  bei  beschrankter  Raumlichkeit  des  Anlasses  isolirt  ein- 
zelne  Kopfnerven,  gewbhnlich  in  der  Gesammtheit  ihrer  Primitiv- 
fasern  oder  nimmt  bei  weitrer  Ausbreitung  des  Anlasses,  nach 
der  Contiguitat  die  benacbbarten  Nerven,  in  der  Richtung  nach 
vorn  oder  hinten,  temporal-  oder  andauernd,  in  Anspruch.  In  der 
Mehrzahl  der  Falle  geschieht  dies  successiv,  entweder  langsam  bei 
Geschwiilsten  oder  rascher  bei  Exsudaten  unci  Hamorrhagieen.  Die 
centrale  Lahmung  dagegen  erkennt  als  physiologisches  Kriterium 
die  Norm  der  Leitung  in  gekreuzter  Richtung  an,  und  als  diagno- 
stisches  die  gleichzeitige  Theilnahme  andrer  Nerven,  sowohl  sensi- 
bler  als  motorischer,  nicht  bloss  des  Kopfes,  sondern  auch  der  Zunge 
und  der  Rumpfglieder , an  der  Leitungsunfahigkeit.  Karakteristisch 
ist  auch  der  Umstand,  class  nur  selten  der  Nerv  in  der  Totalitat 
seiner  Fasern  paralysirt  wil'd,  sondern  class  gewohnlich  einzelne  un- 
ter  ihnen  ganz  yerschont  bleiben  (S.  S.  658). 

Die  Anlasse  sind  mehrentheils  comprimirender  Art,  mit  oder 
ohne  Reizung.  Haufig  tragen  die  Schadelknochen  der  Basis,  und 
ihr  Periosteum  die  Schuld,  auf  welches  letztere  man  bisher 
noch  nicht  geniigend  die  Aufmerksamkeit  gerichtet  hat,  obgleich 
die  der  Beobachtung  mehr  zugangige  Periostitis  der  Aussenflache 
des  Schadels  darauf  hatte  leiten  mussen.  Ilier  schlagen  die  Dys- 
krasieen  Wurzel,  die  syphilitische , mercurielle,  skrofulose,  und  der 
rheumatische  Process,  seltner  der  arthritische,  wahlt  zuweilen  cliesen 
Sitz.  Alsdann  gesellen  sicli  der  Paralyse  noch  eigenthumliche  Ziige 
hinzu,  z.  B.  die  bei  syphilitischen  Tophen  und  Periostitis  zur  Naclit- 
zeit  peinigenden  Schmerzen.  Wenn  irgendwo,  so  ist  in  diesen 
Liihmungen  von  der  richtigen  Diagnose  das  Ileil  des  Kranken  ab- 
hiingig,  und  die  Verwechslung  mit  centralen,  apoplektischen  Zustiin- 
den  verderblich.  Die  specifischen  Heilmittel,  Quecksilber  und  Jod- 
kali,  leisten  Vorzugliches:  nur  muss  ihr  Gebrauch  lange  genug  iort- 
gesetzt  werden.  Auch  das  Zittmannsche  Decoct  fiiidet  hier  cine 
passende  Anwendlmg.  Unter  mehreren  Fallen  der  Art,  welche 
mir  vorliegen,  betrifft  der  letzte  einen  Mann  in  den  Funfzigern,  der 

Horn  berg’s  Nervenkrankheiten  I.  3.  53 


804 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


zu  wiederholten  Malen  von  Chankern  tier  Eicliel  befallen,  im  April 
1844  iiber  Abnahme  unci  Stumpfheit  des  Gefuhls  in  der  rechten 
Oberlippe  zu  klagen  anfing,  welche  sich  allmahlich  iiber  die  ent- 
sprechende  Ilalfte  des  Kinnes,  uber  die  rechte  Racke,  Ohr,  Stirn 
verbreitete.  Aucb  die  rechte  Zungenhalfte  und  die  Schleimhaut 
der  Wange  nahm  an  der  Anasthesie  Theil:  an  den  Zahnen  der 
rechten  Seite  war  die  Empfindung  eines  dicken  schleimigen  Ueber- 
zugs.  Die  Fahigkeit  zu  kauen  horte  auf  der  rechten  Seite  auf. 
Es  land  sich  Schielen  nach  innen  ein:  der  Kranke  war  ausser 
Stancle  das  rechte  Auge  nach  aussen  zu  bewegen.  Darauf  gesellte 
sich  Ptosis  hinzu,  und  Immobilitat  der  erweiterten  Pupille.  Yier 
Wochen  nach  dem  Eintritte  der  Krankheit  befielen  Schraerzen  der 
rechten  Gesichtshalfte , welche  gegen  Abend  an  Heftigkeit  zunah- 
men  und  einen  solchen  Grad  erreichten,  class  der  Kranke  65  Nachte 
schlallos  zubrachte.  Grosse  Hinfalligkeit  und  Abmagerung  waren 
die  Folge.  Alle  Mittel  blieben  unwirksam:  nur  Waschen  und  Ueber- 
giessen  des  Kopfes  und  Gesichts  linderten  momentan.  Im  Monate 
Juli  suchte  der  Kranke  bei  mir  Hiilfe:  ich  konnte  die  Ansicht  an- 
drer  Aerzte  von  clem  centralen  Sitze  und  der  Unheilbarkeit  nicht 
theilen,  und  rieth  in  der  Voraussetzung  einer  Periostitis  syphilitica 
des  Keilbeins  zu  einer  Hunger-  und  Schmiercur,  welche  nach  der 
Riickkehr  des  Kranken  in  seine  Vaterstadt  angefangen  und  vier 
Wochen  fortgesetzt  wurde.  Salivation  kam  nicht  zu  Stande.  Die 
Schmerzen  nahmen  aber  clergestalt  ab,  class  der  Schlaf  wieder  wie 
in  gesundcn  Tagen  ununterbrochen  war.  Im  September  zeigte  sich 
ein  Nachlass  der  Ptosis.  Im  Januar  sab  ich  den  Kranken  wieder 
und  stellte  ihn  meinen  Zuhorern  im  Klinikum  vor.  Die  ortlichen 
Erscheinungen  und  der  allgemeine  Zustand  hatten  sich  bedeutend 
gebessert.  Die  Ptosis  hat  ganz  aufgehort,  im  Abducens  ist  die 
Leitungs fahigkeit , wcnn  auch  nicht  vollstandig,  cloch  zum  grossen 
rheile  zuruckgekehrt , die  Pupille  ist  wieder  reizbar,  nur  im  Quintus 
h.dlet  noch  die  Affection.  Im  untern  Theil  der  rechten  Gesichts- 
luilfle  ist  das  Gcfiihl  zuruckgekehrt,  an  den  iibrigen  Stellen  ist  noch 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


805 


Erstarrung  vorhanden,  und*  in  Verbiiidung  damit  abnorme  Empfin- 
dungen,  Stechen,  Kribbeln,  Jucken,  Spannen.  So  unempfindlich  die 
Haut  des  Gesichtes  gegen  liussre  Beruhruag  ist , so  empfindlich 
zeigt  sie  sich  gegen  Hitze  und  Kalte : beim  Trinken  einer  heissen 
Fliissigkeit  fuhlt  der  Kranke  nicht  nur  ein  Brennen  in  der  rechten 
Oberlippe,  sondern  gleichzeitig  in  der  Stirn.  Obgleich  die  Ober- 
flache  des  rechten  Auges  noch  wenig  Empfindung  verrath,  so  ent- 
steht  bei  acbt  Grad  Kalte  ein  Gefiihl,  als  frore  das  Auge  zu.  Die 
Thatigkeit  der  Kaumu skein  ist  nicht  zuriickgekehrt.  Von  dem  in- 
nern  und  aussern  Gebrauche  des  Kali  hydriodicum  und  von  einer 
spatern  Wiederholung  der  Inunctionscur  konnte  ich  dem  jetzt  Ber- 
lin verlassenden  Kranken  einige  Aussicht  zur  Besserung  eroffiien. 

Aftergebilde  an  der  Basis  des  Gehirns  und  Schadels  hemmen 
otters  die  Leitung  der  dort  abtretenden  und  verlaufenden  Nerven. 
Gewohnlich  sind  es  scirrhose  und  fungose  Geschwiilste,  selten 
tuberculose,  welche  in  dem  vordern  Schadelwirbel  haufiger  ihren 
Sitz  nehmen  als  in  dem  hintern,  und  deren  trages  Wachsthum 
cine  langsame  Succession  der  paralytischen  Erscheinungen  im  Be- 
reiche  der  Nachbarnerven  bedingt.  Ein  Beispiel,  welches  zum  Mu- 
ster klinischer  "Beobachtung  dienen  kann,  ist  yon  Bell  geschildert 
(Physiol,  u.  pathol.  Untersuch.  des  Nervensystems  S.  217  — 226) 
und  durch  den  in  der  neuesten  Ausgabe  hinzugefiigten  Leichenbe- 
lund  (3.  edit.  1844  p.  271)  noch  lehrreicher  geworden.  Der 
Kranke  hatte  in  der  Schlacht  von  Waterloo  eine  Verwundung  am 
linken  Schlaf-  und  Jochbein , und  flint  Jahre  spater  durch  das  Aus- 
schlagen  eines  Pferdes  eine  Verletzung  an  derselben  Stelle  erlitten. 
Die  Reihenfolge  der  Symptome  war:  heftige  Schmerzen  in  der  lin- 
ken Stirn  und  Backe,  Ptosis  des  linken  Augenlids,  Starrheit  des 
Bulbus  und  Schielen  nach  aussen , darauf  Stellung  des  Bul- 
bus  im  Centrum  und  Unbeweglichkeit  desselben,  auch  beim 
Versuche  das  Auge  zu  schliessen  und  beim  Blinzeln,  Erweiterung 
und  Immobilitiit  der  linken  Pupille,  Anasthesie  der  linken  Gesichts- 
hiillte  und  ihrer  Hohlen  mit  marternden  Schmerzen,  masticatorische 

53* 


806 


CEREBBALE  LAHMUNGEN. 


Paralyse  auf  derselben  Seite  und  Atrophie  des  Kau-  und  Schlaf- 
muskels,  mimische  Lahmung  der  linken  Seite,  destructive  Entziin- 
dung  des  Auges,  Verschwarung  der  Hornhaut,  nach  einigen  Mona- 
ten  Aufhoren  der  Paralysis  facialis,  wahrend  die  Aniisthesia  dolo- 
rosa bis  zum  Tode  fortdauerte.  Bei  der  Section  fand  sich  ein  be- 
trachtlicher  Unterschied  in  den  Kaumuskeln  beider  Seiten:  der 
linke  Temporalis  und  Masseter  waren  blass,  diinn,  eines  grossen 
Theils  ihrer  Fasern  verlustig,  dagegen  auf  der  rechten  Seite  die 
Muskeln  das  doppelte  Volumen  und  rothe  Farbe  hatten.  Beim 
Aufheben  des  Gehirns  zeiglen  sich  auf  der  linken  Seite  der  Sella 
turcica  Adhasionen , von  alterem  Datum , zwischen  Dura  mater  und 
den  Membranen  des  Gehirns,  welches  hier  ein  rotheres  Ansehen 
hatte.  Nach  dem  Losen  der  Adhasionen  kam  eine  von  der  Dura 
mater  straff  bedeckte  Geschwulst  zum  Vorschein,  die  vorwarts  bis 
zur  obern  Keilbeinspalte  reichte , welche  dadurch  gesperrt  war,  seit- 
warts  bis  zum  For.  der  Art.  meningea,  und  nach  hinten  bis  zum 
Proc.  clinoid.  poster.  So  nahm  die  Geschwulst  den  ganzen  Sinus 
cavernosus  ein.  Ihre  Beschaffenheit  war  kaseahnlich,  docli  etwas 
dichter  wegen  eines  Antheils  von  fibroser  Textur.  Die  Glandula 
pituitaria  war  in  eine  ahnliche  Masse  verwandelt.  Die  Geschwulst 
liess  sich  mit  dem  Messergriffe  leiclit  von  dem  iibrigens  gesunden 
Knochen  losen.  Der  N.  oculomot.,  trochlear.,  quint,  und  abducens 
waren  in  dem  Gewebe  der  Geschwulst  eingeschlossen  und  von  ihrer 
Insertionsstatte  an  bis  zur  Geschwulst  von  einer  matten,  grauen 
Farbe  und  atrophisch.  Der  Opticus  verlief  oberhalb  der  Geschwulst 
und  hatte  ebenfalls  eine  matte  graue  Farbe,  wahrend  der  rechte 
Sehnerv  von  perlweissem  Ansehen  war.  — In  diesem  Faille  war 
der  Oculomotorius  zuerst  von  der  Geschwulst  betheiligt,  und  das 
Auge  schielte  wegen  Integritat  des  Abducens  nach  aussen.  Als 
spaterhin  dieser  Nerv  aucli  in  den  Bereich  der  Compression  gezo- 
gen  wurde  und  alle  Augenmuskeln  gelahmt  waren,  stand  dcr  Bul- 
bus  starr  und  unbeweglich  im  Centrum  der  Augenhohle.  Die 
temporare  Lahmung  des  Facialis  deutete  an,  dass  die  Entzundung, 


CEREBRALE  LAHMUNEEN. 


807 


wovon  die  Adhasionen  ein  Zeugniss  geben,  sicli  zu  einer  Zeit  bis 
zur  Insertionsstatte  des  Antlitznerven  erstreckt,  allein  dort  nicht 
festen  Fuss  gefasst  hatte. 

Zu  den  die  Nerven  an  der  Hirngrundflache  comprimirenden  Ge- 
schwiilsten  gehoren  auch  die  aneurysmatischen , wovon  bereits  ein 
Paar  Beobachtungen  mitgetheilt  sind. 

In  alien  diesen  Fallen  ist  die  Succession  der  Lahmungen  langsam : 
in  rascher  Aufeinanderfolge  dagegen,  zuweilen  selbst  simultan,  kom- 
men  sie  bei  seros  - albuminosen  Ansammlungen  an  der  Basis  cerebri 
zum  Vorschein.  So  hat  man  sie  in  der  Meningitis  otters  zu  beob- 
achten  Gelegenheit,  wo  die  Ausbreitung  der  Paralysen  einen  Maass- 
stab  fur  die  Raumlichkeit  der  Entziindung  und  des  Exsudats  giebt, 
welches  am  baufigsten  in  dem  Pentagon  zwischen  der  Varolsbriicke 
und  dem  Chiasma  n.  optic,  unter  der  Arachnoidea  gefunden  wird. 
Bei  glucklichem  Ausgange  durch  Resorbtion  schwinden  diese  Lah- 
mungen successiv,  jedoch  nicht  immer  nach  der  Norm  der  Conti- 
guitat  wie  es  der  S.  223  beschriebene  Fall  lehrt. 

Ausser  den  krankhaften  Veranderungen  an  der  Grundflache  des 
Schadels,  wodurch  die  dort  verlaufenden  Nerven  ihrer  Leitung  ver- 
lustig  werden,  giebt  es  aber  auch  Krankheiten  des  Centralorgans 
selbst,  welche  die  Nerven  in  ihrer  Insertionsstatte  am  verlangerten 
Marke  und  Gehirne  beeintrachtigen,  und  in  Folge  dessen  ausser  den 
Zufallen  einer  HirnafFection  nocli  peripherische  Lahmungen  mit  sich 
fiihren.  Diese  Fiille  sind  am  schwersten  zu  erkennen  und  werden 
auch  gewohnlich  unrichtig  interpretirt.  So  hat  Watson  eine  voll- 
standige  Paralysis  facialis  und  Taubheit  der  rechten  Seite  bei  einem 
Kranken  beobachtet,  der  noch  iiberdies  an  Kopfschmerz,  Schwin- 
del,  Schwanken  beim  Gehen,  Schlummersucht,  Delirien  litt.  Einige 
Tage  vor  dem  Tode  trat  Sopor  und  Contractur  beider  Arme  ein, 
In  der  rechten  Ilemisphare  des  grossen  Gehirns  fand  sicli  eine  be- 
trachtliche  Geschwulst  von  drei  Zoll  Liinge  und  zwci  Zoll  Breite 
welche  einen  so  bedeutenden  Druck  ausiibte,  dass  die  Wande  des 
rechten  Seitenventrikels  an  eiuandcr  lagen.  Der  rechte  N.  facialis 


808 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


irnd  acusticus  adharirten  an  ihrer  Abgangsstelle  vom  verlangerten 
Marke  an  einander:  der  Facialis  war  harter  und  dicker  als  auf  der 
andern  Seite,  der  Acusticus  weich,  zerfliessend,  atrophisch.  Unmit- 
telbar  uber  der  Medulla  oblongata  und  in  einer  verticalen  Linie 
oberhalb  der  Insertion  des  Facialis  ragte  von  der  untern  FI  ache 
des  grossen  Gehirns  ein  warzenahnlicher  Vorsprung  herab,  welcher 
die  beiden  Nerven  comprimirte,  und  in  Folge  des  von  der  grossen 
Geschwulst  herriihrenden  Druckes  sich  gebildet  zu  haben  schien. 
[Bell,  the  nervous  syst.  of  the  human  body.  3.  edit.  1845.  p.  304.) 

Besonders  ist  es  die  Varolsbriicke,  deren  Geschwiilste  nicht 
bloss  die  an  und  neben  ibr  abtretenden  Nerven  als  peripherische 
Bahnen,  sondern  auch  die  angranzende  Medulla  oblongata  compri- 
miren  und  dadurch  Lahmungen  der  Rumpfglieder  in  gekreuzter 
Richtung  herbeifuhren.  Dieser  eigenthiimliche  Yerein  der  paralyti- 
schen  Symptome  in  den  Gesichtsnerven  der  einen,  und  in  den 
Nerven  der  Extremitaten  der  andern  Seite  lasst  schon  wahrend  des 
Lebens  den  Sitz  der  Krankheit  mit  einiger  Sicberheit  feststellen. 
Folgender  von  mir  beobachtete  Fall  diene  zur  Erlauterung:  Herr 
B . . . z,  Pole,  Student  der  Philosophic,  drei  und  zwanzig  Jahre 
alt,  nach  Aussage  seiner  Freunde  stets  triigen  Verstandes,  war 
nach  einem  im  Januar  1840  uberstandnen  Nervenfieber  noch  stum- 
pier geworden.  In  der  Mitte  des  Monats  August  1840  wurde  ich 
zu  ihm  gerufen  und  erfuhr,  dass'  er  drei  Wochen  zuvor  auf  einem 
Gelage  dem  Weine  tiichtig  zugesprocben  und  berauscht  sich  am 
lifer  des  Flusses  einer  Erkaltung  ausgesetzt  hatte.  Am  nachsten 
Morgen  fiililte  er  eine  grosse  Schwache  des  linken  Arms  und  Beins, 
und  bemerkte  im  Spiegel  eine  Stellung  des  rechten  Auges  nach 
dem  Nasenwinkel,  und  Unfahigkeit  dassclbe  nach  aussen  zu  wenden. 
Auch  war  die  Sprache  zogernd.  Yon  starken  Bewegungen  und  An- 
strengungen  hoffte  er  Besserung,  und  suchte  durch  weite  Spazier- 
giinge  die  Unbehulflichkeit  beim  Gehen  zu  beseitigen,  allein  der 
Zustand  verschlimmerte  sich.  Ich  nahm  in  der  rechten  Halite  des 
Gesichts  und  in  den  Rumpfgliedern  der  linken  Seite  cine  geschwachte 


809 


CEREBRALE  LAIIMUNGEN. 

und  aufgehobne  Leitungsfahigkeit,  sowohl  sensible  als  motorische, 
wahr.  Die  rechte  Halfte  der  Stirn  zog  sich  nur  in  schwache  Fal- 
ten,  im  Vergleiche  zur  linken.  Der  rechte  Augapfel  stand  nach 
der  Nase  hin,  und  konnte  durch  den  starksten  Willensimpuls  nicht 
nach  dem  aussern  Winkel  gerichtet  werden,  auch  nicht  heim 
Schliessen  des  linken  Auges.  Doppeltsehen  begleitete  das  Schielen. 
Die  Pupille  war  von  normaler  Weite  und  Beweglichkeit  wie  am 
linken  Auge.  Die  Sehkraft  war  ungetrubt.  Das  Auge  dieser  Seite 
konnte  gehorig  gedffnet,  allein  nicht  so  Test  geschlossen  werden, 
wie  das  linker  es  blieb  eine  Spalte.  Die  Sensibilitat  der  rechten 
Gesichtshalfte  war,  obgleich  nicht  erloschen,  doch  stumpf.  Der 
Kranke  selbst  bemerkte,  dass  er  das  Stechen  der  Haut  auf  dieser 
Seite  nur  schwach  fiihle,  dagegen  Schmerz  beim  Stechen  der  lin- 
ken Backe  eintrete.  In  der  Nasenhdhle  war  bei  ungestortem  Ge- 
ruche  dieser  Unterschied  kauin  bemerkbar,  eben  so  wenig  in  der 
Zunge,  deren  Geschmack  auf  beiden  Seiten  sich  gleich  verhielt.  In 
der  spatern  Periode  der  Krankheit  habe  ich  wegen  Unfahigkeit  des 
Kranken  fiber  seine  Empfindungen  genaue  Auskunft  zu  geben,  die 
letztern  Versuche  nicht  wiederholt.  Mit  dem  rechten  Ohre  liorte 
der  Kranke  weit  schwiicher  und  undeutlicher  als  mit  dem  linken. 
Die  mimischen  und  masticatorischen  Bewegungen  der  rechten  Ge- 
sichtsmuskeln  waren  trager,  und  der  linke  Mundwinkel  verzog  sich 
beim  Sprechen.  Die  Articulation  geschah  sehr  langsam,  bei  voll- 
kommner  Beweglichkeit  der  Zunge  nach  alien  Richtungen.  Die 
Motilitat  des  linken  Arms  war  beeintrachtigt,  die  Sensibilitat  unver- 
letzt.  Der  Griff  mit  der  Hand  war  kraftlos  im  Vergleich  mit  dem 
der  rechten,  nur  die  Hand  und  der  Vorderarm  konnten  bis  zu 
einer  gewissen  Hohe  aufgehoben  werden,  die  Bewegnng  des  Ober- 
arms  war  unmoglich.  Der  linke  Fuss  schleppte  beim  Gehen  nach. 
Ueber  Kopfschmerz  fand,  auch  bei  cigens  danach  gerichteter  An- 
frage,  keine  Klage  stall.  Die  gcistige  Thatigkeit  war  deprimirt,  der 
Schlaf  lest.  Der  Puls  trage,  von  70  Schlagen.  Die  Haut  trocken, 
der  Stuhlgang  verstopft,  drastischcn  Mitteln  widerstehend.  Die 


810 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


Behandlung  blieb  erfolglos.  Physischer  und  psychischer  Verfall 
nahm  zu.  In  den  letzten  vier  Wochen  des  Lebens  gesellten  sich 
Schlingbeschwerden  liinzu,  die  besonders  in  der  linken  Seite,  auch 
nach  der  eignen  Angabe  des  Kranken,  ihren  Sitz  zu  haben  schienen. 
Spaterhin  wurde  die  Deglutition  von  Erstickungszulallen  begleitet. 
Die  Torpiditat  des  Darmcanals  blieb  bis  zum  Tode,  der  unter  Hin- 
zutritt  von  tiefem  Sopor  im  Anfange  des  Monats  October  1840  er- 
folgte.  — Vor  der  Section,  die  von  Herrn  Dr.  Bolm  vorgenom- 
men  wurde,  motivirte  ich,  wie  ich  es  zu  thun  pflege,  im  Beisein 
mehrerer  Aerzte  und  Studirenden,  noch  einmal  die  von  mir  gestellte 
Diagnose.  Der  Yerein  von  Lahmung  der  linken  Rumpfglieder  mit 
paralytischer  Affection  der  rechten  Gesichtshalfte  liess  eine  Krank- 
heit  auf  der  rechten  Seite  der  Grundflache  des  Gehirns  voraussetzen, 
von  welcher  die  dort  abtretenden  Nerven  als  peripherische  Bahnen 
betroffen  wurden.  Denn  ware  das  Gehirn  als  Centralorgan  in  sei- 
ner rechten  Hemisphare  ergriffen  gewesen,  so  wiirden  sich,  verbun- 
den  mit  der  Lahmung  der  linken  Extremitaten,  paralytische  Sym- 
ptome  in  der  linken  Gesichtsllache  gezeigt  haben,  und  beim  Spre- 
chen  und  bei  mimischen  Bewegungen  wurde  der  rechte,  nicht  der 
linke  Mundwinkel  sich  verzogen  haben.  Nicht  bloss  der  Sitz,  auch 
die  Raumlichkeit  der  organischen  Veranderung  liess  sich  aus  den 
Erscheinungen  wahrend  des  Lebens  vermuthen.  Bis  zum  Abgange 
des  Quintus  musste  die  Basis  des  Gehirns  in  ihrer  vordern  Partie 
unverletzt  sein.  Olfactorius,  Opticus,  Oculomotorius , Trochlearis 
zeigten  keine  Storungen  ihrer  Energieen : denn  dass  der  nach  innen 
gerichtete  Stand  des  rechten  Bulbus  nicht  auf  convulsivischer  Action 
von  Seiten  des  Oculomotorius  beruhte,  ging  aus  der  Unmoglichkeit 
das  Auge  willkuhrlich  nach  aussen  zu  stellen,  auch  bei  zugehaltnem 
linkem  Auge,  deutlich  hervor.  Yon  der  Region  des  Quintus  musste 
sirh  die  krankhafte  Veranderung,  mit  vorziiglicher  Betheiligung  des 
Abducens,  bis  unter  den  obern  Theil  des  verlangerten  Markes  aus- 
dehnen,  da  von  Anfang  an  das  rechte  Auge  nach  innen  stand,  und 
die  linken  Extremitaten  von  Lahmung  befallen  warcn.  Schwerer 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


811 


iiess  sich  iiber  die  Art  des  organischen  Anlasses  ein  Urtheil  fallen, 
j \Wenn  auch  die  Symptome  einen  einzelne  Hirnnerven  starker,  andre 
'Schwacher  betheiligenden  Druck  mid  demgemass  ein  ungleiches 
i Wolumen  andeuteten,  so  fehlten  doch  Merkmale,  die  sich  auf  die 
: 'Species  der  vorhandnen  Krankheit  bezogen.  Von  Hamorrhagie 
an  der  Basis  des  Gehirns,  die  mit  so  bedeutenden  Residnen 
1 1 den  Kranken  noch  zehn  Woclien  am  Leben  lasst,  hatte  mil* 
I Ibisher  weder  fremde  noch  eigne  Erfahrung  ein  Beispiel  an  die  Hand 
; Lgegeben.  Von  Erweichung  oder  Eiterbildung  mangelten,  abgesehen 
davon,  dass  sie  iiberhaupt  seltner  an  der  Grundflache  des  Gehirns 
workommen,  mehrere  Symptome,  namentlich  Schmerz,  convulsivische 
lErscheinungen,  abwecbseln  deNachlasse  und  Verschlimmerungen.  Als 
i wvahrscheinlicher  hot  sich  mir  die  Annahme  eines  Altergebildes  fun- 
igoser  Art  dar,  obgleich  auch  hierbei  die  Schmerzlosigkeit  bei  des- 
'sen  Sitze  in  der  Nahe  sensibler  Hirnpartieen  und  Hirnnerven  ein 
'Schwer  zu  deutender  Umstand  blieb.  — Es  fanden  sich  nach  Er- 
bffnung  der  Schadelhohle  betrachtliche  Blutiiberfuflung  auf  der  Ober- 
lllache  und  im  Innern  des  grossen  Gehirns,  albuminose  Exsudate 
zwischen  Arachnoidea  und  Pia  mater  und  in  der  Nahe  der  Fissura 
imagna,  serose  Fliissigkeit  in  nicht  erheblicher  Quantitat  innerhalb 
• der  Ventrikel,  feste  Consistenz  des  Hirnmarkes.  An  der  Basis  ce- 
rebri hot  sich  sofort  eine  grosse  Geschwulst  dar,  als  deren  Sitz 
i f nach  Ilerausnahme  des  Gehirns  die  rechte  Halfte  der  Varolsbriicke 
'sich  zu  erkennen  gab,  die  iiber  das  Doppelte  ihres  gewohnlichen 
lUmfanges  vergrossert,  den  vordern  Rand  der  linken  Halfte  um  einen 
/Zoli  iiberragte,  nach  hinten  bis  unter  der  rechten  Olive  sich  aus- 
debnte,  und  dadurch  eine  betrachtliche  Verschiebung  der  Hirntheile 
und  Nerven  hervorgebracht  hatte.  Die  linke  Halfte  des  Pons  und 
•des  verlangerten  Markes,  so  wie  auch  der  Nervus  abducens  der 
rechten  Seite  waren  am  meisten  aus  ihrer  Lage  und  Form  gebracht, 
zunachst  der  rechte  Quintus,  Facialis  und  Acusticus  (Vgl.  die  Ab- 
bildung  in  Casper’s  Wochenschr.  fiir  die  ges.  Heilk.  1842).  Um 
das  Praparat  zu  schonen,  welches  ich  dem  anatomischen  Museum 


812 


CEREBRALE  LAIIMUNGEN. 


der  Universitat  ubergeben  babe,  wurde  nur  an  einer  Stelle  eine 
Oeffnung  in  die  Geschwulst  der  Yarolsbrucke  gemacht,  nnd  es  er- 
gab  sich,  dass  dieselbe  durch  ein  sehr  grosses  Blutgerinnsel  gebii- 
det  wurde,  welches  schichtenvyeise  wie  in  alten  Aneurysmensacken 
gelagert  war. 

Ein  in  den  Symptomen  ganz  iibereinstimmender  Fall,  wo  die 
linke  Halfte  des  Pons  Yaroli  Sitz  einer  scirrhosen  Geschwulst  war, 
ist  in  Longet's  Anat.  et  physiol,  du  syst.  nerv.  T.  I.  p.  448  be- 
schrieben.  Aehnlich  sind  auch  die  von  Abercrombie  (Vgl.  S.  225) 
und  Bright  (Reports  of  medical  cases  Vol.  II.  P.  I.  p.  49)  mitge- 
theilten  Falle.  Eine  altre  Beobachtung  von  Yelloly  geliort  ebenfalls 
hierher.  Der  sechs  und  dreissigjahrige  Kranke  litt  seit  einem  Jahre 
von  Zeit  zu  Zeit  an  heftigen,  vom  Hinterhaupt  nach  der  Stirn 
durchfahrenden  Schmerzen.  Eines  Morgens  bemerkte  er  beim  Er- 
wachen  Doppeltsehen  und  Einwartsstellung  des  linken  Auges,  und 
ein  Paar  Tage  darauf  Schwache  der  rechten  Hand  und  Erstarrung 
im  linken  Bein.  Das  Sprechen  war  erschwert,  stammelnd,  der 
Mund  verzerrt,  der  Puls  trage,  von  68  Schlagen,  an  dem  gelahm- 
ten  Arme  schwacher  als  am  gesunden.  Die  Pupille  des  linken  nach 
der  Nase  bin  stehenden  Auges  wrar  reizbar  beim  Einfallen  des  Lich- 
tes.  Aller  willkiihrliche  Einfluss  auf  den  Muse.  rect.  extern,  war 
dahin,  auch  nahm  der  Bulbus  nicht,  wie  gewohnlich  im  Strabismus 
beim  Schliessen  des  gesunden  Auges  seinen  gchorigen  Stand  ein. 
Nach  acht  Tagen  traten  Anfalle  von  Convulsionen  des  ganzen  Kor- 
pers , Verlust  des  Bewusstseins  ein , und  24  Stunden  darauf 
der  Tod.  Ein  Paar  Stunden  vor  demselben  wurden  die  Pupillen 
unempfindlich  gegen  das  Licht,  und  der  linke  Augapfel  nahm  seine 
normale  Stellung  ein,  was  Yelloly  mit  Recht  davon  herleitet,  dass 
der  Oculomotorius  jetzt  auch  seiner  Energic  verlustig  wrard.  An  der 
linken  Seite  der  Varolsbriicke  hatte  eine  Geschwulst  von  der  Grosso 
einer  Haselnuss  ihren  Sitz,  welche  sich  bis  nach  der  linken  Pyra- 
mide  ausdehnte  und  den  linken  Nerv.  abducens  ganz  bedeckte. 
Dieselbe  wrar  theilweise  in  Eiterung  ubergegangen  und  mit  der 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


813 


Art.  basilaris  fest  verwachsen,  deren  Haute  an  dieser  Stelle  so 
niirbe  waren,  dass  sie  bei  Beriihrung  mit  einer  Sonde  nachgaben. 
^in  kleines  Blutgerinnsel  lag  auf  der  kranken  Stelle  der  Arterie, 
a vie  in  Aneurysmen  (Med.  chirurg.  transact,  vol.  I.  p.  183). 

Tuberkel  rufen  durch  ihre  Ablagerung  iin  Gehirne  und  zugleich 
im  dessen  Basis  und  an  den  Insertionsstatten  der  Nerven  Symptome 
i iervor,  deren  richtige  Deutung  wahrend  des  Lebens  des  Kranken 
icht  leiclit  ist.  So  z.  B.  in  folgendem  in  der  Prager  Vierteljahrs- 
chrift  fur  die  praktiscke  Heilkunde  (1845.  IV.  Bd.  S.  97)  yon  Dr. 
i J Dittrich  mitgetheilten  Falle.  Der  27jahrige  Kranke  liatte  vor  fiinf 
ahren  an  sy^philitischer  Gonorrhoe  und  Bubonen  gelitten,  yon  wel- 
hen  er  nach  vier  Monaten  geheilt  wurde.  Zehn  Wochen  vor  sei- 
ver  am  19.  Januar  1845  erfolgten  Anfnahme  in  die  Klinik  des 
'‘rof.  Oppolzer  fing  die  Krankheit  mit  Fieberschauer,  Druckgefuhl 
nn  Halse  und  rauher  Stimme  an.  Seit  fiinf  Wochen  war  Luscitas 
es  linken  Auges  mit  Diplopie  und  ofters  wiederkehrendem,  beson- 
ers  bei  der  Nacht  heftigem  driickenden  Kopfschmerz  in  den  Schlafen 
: nd  im  Scheitel  yorhanden.  Vor  vier  Wochen  bekam  der  Kranke 
ie  Empfindung  als  sei  die  Zunge  geschwollen;  seit  vierzehn  Tagen 
/aren  Schlingbeschwerden  vorhanden,  feste  Speisen  konnte  er  gar 
icht,  Flussigkeiten  nur  langsam  und  nicht  ohne  darauf  folgenden 
lusten  schlingen;  seit  dieser  Zeit  ist  er  auch  stimmlos,  und  seit 
|<cht  Tagen  klagt  er  fiber  Schwache,  Erstarrung  und  Ameisenkrie- 
hen  in  der  linken  Hand.  Bei  der  Anfnahme  zeigte  sich  folgender 
ustand:  geringe  Abmagerung,  die  Ilaut  weiss,  weich  und  zart, 


i rf 


efiihl  von  Schwache  des  ganzen  Kbrpers,  Sell  were  des  Kopfes, 
■uscitas  des  linken  Auges,  so  dass  der  Kranke  das  Auge  nicht 
ach  aussen  zu  bewegen  im  Stande  ist.  Auch  die  Sehkraft  ist  an 
! iesem  lichtscheuen  Auge  geringcr,  die  beiden  gle^ch  weiten  Pupil- 
■n  rcagiren.  Die  linke  Hand  ist  schwacher,  in  derselben  fiihlt  er 
ormication  und  Stupor.  Das  Tastgefuhl  daselbst  noch  gut,  die 
ewegungen  weniger  cnergisch.  Der  Kranke  behauptet,  die  imtern 
liedmaassen  fiihle  er  gleich  stark , beim  Gehen  schlepp!  er  jedoch 


814 


CEREBRALE  LAIIMUNGEN. 

clie  linke  etwas  nach.  Der  linke  Mundwinkel  liangt  herab,  die  Lip- 
pen -Nasenlinie  ist  undeutlich,  beim  Lachen  wird  bloss  der  rechte 
Mundwinkel  in  die  Hohe  gezogen.  Die  Zunge  wird  schnell  hervor- 
gestreckt,  jedoch  schief  nach  der  rechten  Seite.  Stimmlosigkeit. 
Unter  beiden  Schliisselbeinen  etwas  verminderte  Resonanz  und  Man- 
gel des  vesicularen  Athmungsgerausches.  Appetit  und  Geschmack 
normal,  bei  dem  etwas  miihsamen  Schlingen  entsteht  klangloser 

Husten.  Der  Kranke  sagt,  der  feste  Bissen  bleibe  im  Halse  stek- 

% 

ken.  Alkalischer  Urin.  Fiinf  Wochen  nach  der  Aufnahme  starb 
der  Kranke.  Wahrend  dieser  Zeit  waren  besonders  die  nachtlichen 
Kopfschmerzen,  Zittern  in  beiden  linken  Extremitaten,  Schwache 
der  Zunge  und  ganzliches  Atrophischwerden  der  rechten  Halfte  der- 
selben,  Verminderung  der  Sehkraft  des  linken  Auges  die  bemerkens- 
werthesten  Symptome.  Leichenbefund.  Die  untre  Flache  der 
Varolsbriicke  erschien  bis  herab  unter  der  Stelle  des  Ursprunges 
des  N.  vagus  und  glossopharyngeus  sehr  fest  an  der  Basis  des 
Schadels  angelothet  durch  eine  speckige  balbdurchsichtige  graue 
Tuberkelmasse.  Eine  ahnliche  erbsengrosse,  graue,  rohe,  tuberculose 
Masse  war  in  die  Substanz  des  hintern  Theils  der  linken  Halfte  der 
Varolsbriicke  eingesenkt,  und  die  Umgebung  iiber  3'"  weit  sulzig 
erweicht;  der  iibrige  Theil  der  Varolsbriicke  erschien  ebenfalls 
schlaffer  und  weicher.  Der  linke  N.  abducens  war  ganz  in  die  tu- 
berculose Masse  eingewachsen,  der  linke  Vagus  fest  an  der  Umge- 
bung  des  Drosselvenenloches  angelothet  und  atrophisch.  Der  obre 
Theil  des  Accessorius  Willisii  von  der  Stelle  an,  wo  er  sich  von  dem 
verhingerten  Marke  nach  aussen  gegen  das  Foramen  jugulare  um- 
beugt,  mehr  als  dreifach  verdickt,  knotig , und  von  einer  grauen, 
sulzig-speckigen  Masse  infiltrirt.  Tn  der  oberflachlichen  Substanz 
des  rechten  Corpus  olivare  war  ein  erbsengrosser,  roller,  speckiger 
luberkel,  durch  welchen  die  Wurzel  des  Hypoglossus  und  Facialis 
comprimirt  und  die  Substanz  um  die  Wurzel  herum,  so  wie  deren 
nachste  Umgebung  aufgelockert  und  erweicht  erschien.  Im  vordern 
I heil  des  rechten  Schenkels  des  Grossgehirns  unweit  dcs  entspre- 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


815 


henden  Corpus  candicans  war  eiu  zuckererbsengrosser , gelblich- 
rauer,  roher  Tuberkel  eingesenkt,  und  dessen  Umgebung  sulzig 
rweicht.  Die  rechte  Halfte  des  Chiasma  nervor.  opticor.  und  der 
unfangstheil  des  rechten  N.  optic,  selbst,  ferner  sein  Sehstreifen  in 
iiner  1"  langen  Strecke  yon  einer  2 bis  2>‘“  dicken  sulzigen  Tu- 
erkelmasse  infiltrirtr  so  dass  vom  Sehstreifen  keine  Spur  sichtbar 
war.  Der  Anfang  desselben  war  atrophisch,  halb  durchsichtig.  Die 
\ ubstanz  des  Grossgehirns  war  etwas  weicher;  in  jedem  Seitenven- 
ikel  etwa  zwei  Drachmen  Serum;  der  rechte  war  etwas  enger  in 
'olge  der  grossern  Ausdehnung  und  Spannung  des  rechten  Seh- 
nd  Streifhugels ; letztre  beide  weicher,  schwammig  anzufuhlen;  die 
llarkpartie  um  diese  Theile  und  um  die  Gehirnlinse  in  einem  wall- 
mssgrossen  Umfange  aufgelockert,  weicher;  auf  der  Durchschnitts- 
ache  blassgelb,  sulzartig.  Die  rechte  Halfte  der  Zunge  zu  einem 
i ickhautigen,  zahen,  festen  Lappen  geschwunden.  In  den  Lungen- 
| )itzen  abgekapselte  verkreidete  Tuberkelreste.  Anschwellung  der 
< ilitaren  Driisen  des  Dunn-  und  Dickdarms. 


Wenden  wir  uns  jetzt  zu  den  vom  Gehirn  und  verlangerten 
Itarke  als  Centralapparat  abhiingigen  Lahmungen,  so  finden  wir 
ie  Leitung  in  gekreuzter  Richtung  als  allgemein  gul- 
lige  physiologische  Norm,  dem  anatomischen  Typus  der  De- 
mssation  entsprechend , weicher  beim  Menschen  nicht  nur  in  der 
I fedulla  oblongata,  seitlich  und  von  vorn  nach  hinten,  sondern  auch 
ii  andern  integrirenden  Theilen  des  Gehirns,  im  Cerebellum,  in  der 
» riicke,  im  Gebiete  der  Ilirnschenkel  obwaltet  (Vgl.  Arnold  Be- 
lerkungen  iiber  den  Bau  des  Hirns  und  Riickenmarkes  S.  29.  42. 
5,  und  Bell  on  the  functions  of  the  brain  in  der  3.  Ausgabe  sei- 
es  Werkes  p.  218  und  225). 

Die  haufigste  Form  der  Cerebrallabmung  ist  die  halbseitige, 
Hemiplegia,  mit  Belheiligung  des  Gesichtcs,  der  Zunge  und  der 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


810 

Rumpfglieder.  Selten  zeigt  sich  die  Lahmung  als  Paraplegie,  die 
alsdann  von  Anfang  an  als  solche  auftritt,  und  sjch  nur  selten  suc- 
cessiv  in  beiden  Korperhalften  ausbildet,  was  bei  Spinallahmungen 
haufiger  der  Fall  ist.  Die  obre  Extremitiit  ist  ofter  paralysirt  als 
die  untre,  und  wo  es  beide  zugleich  sind,  meistens  in  starkerm 
Grade.  Auch  haftet  bei  glucklichem  Ausgange  die  Lahmung  longer 
am  Arme  als  am  Beine,  in  entgegengesetztem  Verhiiltnisse  zu  den 
Spinallahmungen.  Die  paralysirten  Muskeln  sind  entweder  schlaff 
und  welk  oder  contrahirt,  temporar  oder  andauernd.  Oefters  ge- 
sellt  sich  Zittern  zur  Lahmung  hinzu. 

Die  Bewegungsfahigkeit  auf  den  Reiz  der  Vorstellungen  ist  in 
der  cerebralen  Lahmung  ganz  aufgehoben  oder  unvoHkommen  (Pa- 
resis). In  letzterm  Falle  erfolgt  die  Leitung  langsam  und  schwach: 
Impuls  und  Ausluhrung  des  Wiliens  sind  durch  ein  Intervall  von 
mehrern  Secunden  getrennt,  und  der  Druck  mit  der  gelahmten 
Hand  ist  kraftlos.  Dagegen  dauert  fur  andre  Reize  die  Erregbar- 
keit,  selbst  in  einem  hohern  Grade  fort.  So  sind  die  fiir  die  Wil- 
lenserregung  gelahmten  Nerven  der  Rumpfglieder  empfanglich  fiir 
Redexerregung:  bei  Beriihrung  der  Volarflache,  zumal  mit  einem 
heissen  oder  kalten  Korper,  gerath  die  Hand  und  der  ganze  Arm 
in  eine  jahe  Bewegung,  zieht  sich  zuriick,  fahrt  in  die  Hohe.  Audi 
geschieht  es  zuweilen,  dass  bei  andern  Reflexbewegungen  z.  B.  re- 
spiratorischen,  Gahnen,  Husten,  das  gelalnnte  Glied  eine  Mitbewe- 
gung  macht,  wahrend  das  gesunde  sich  ruhig  verluilt  (Vgl.  den  wei- 
ter  unten  mitgetheilten  Fall,  Bell's  physiol,  und  pathol.  Untersuch. 
S.  340.  No.  LXVIII.  Parry  collections  etc.  vol.  I.  p.  488.  500). 
Strychnin  und  Galvanismus  wirken  nach  Marshall  Hall’s  Beob- 
achtung  auf  die  gelahmten  Theile  starker  ein  als  auf  die  gesunden: 
selbst  ein  so  schwacher  Grad  des  Galvanismus,  dass  er  gar  kei- 
nen  sichtbaren  Einfluss  auf  das  gesunde  Glied  hat,  soil  Con- 
tractionen  in  den  gelahmten  Muskeln  hervorrufen,  was  bei  periphe- 
rischen  und  spinalen  Lahmungen  nicht  der  Fall  ist,  woriiber  es 
jedoch  noch  lortgesetzler  Untersuchungen  bedarf  (Marshall  Hall 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


817 


eber  den  Zustand  der  Irritabilitat  in  den  Muskeln  gelahmter  Glie- 
i T in  Muller’s  Archiv  etc.  1830.  S.  215). 

Der  Stand  der  Sensibilitat  ist  zwar  bei  Hirnlahmungen  wegen 
i t oft  begleitenden  Benommenheit  oder  Indolenz  schwieriger  zu 
tiurtheilen  als  bei  Spinallahmungen,  doch  erreicht  iin  Allgemei- 
i n die  Anasthesie  der  Hautnerven  keinen  so  hohen  Grad  wie  bei 
m letztern,  macht  sich  in  der  obern  Extremitat  bemerkbarer  als 
der  untern,  verschont  den  Rumpf,  befallt  dagegen  nicht  selten 
s Halfte  oder  einzelne  Theile  des  Gesichts  (Vgl.  S.  224).  Audi 
hmen  otters  die  Sinnesnerven , vorziiglich  der  Opticus,  an  der 
masthesie  Theil.  Die  Wiederherstellung  des  Kranken  kiindigt  sich 
nrch  fruhere  Riickkehr  des  Gefiihls  als  der  Bewegung  an.  Bei 
eden  zeigt  sich  Abnahme  der  Sensibilitat  als  Prodrom  der  Lah- 
uuiig:  Rlagen  liber  Erstarrung,  Eingeschlafensein  mit  Formication, 
liltegefiihl  gehen  oft  lange  Zeit  vorher.  Haufiger  als  bei  Spinal- 
iralysen  bleibt  bei  den  cerebralen  die  Sensibilitat  unbetheiligt.  In 
i dem  Fallen  ist  sie  erhoht,  und  Schmerz  giebt  sich  in  den  ge- 
iimten  Theilen  kund,  zumal  bei  Contracturen  der  Muskeln. 

Die  trophischen  Actionen  in  den  paralysirten  Theilen  erleiden 
i Hirnlahmungen  eine  grossre  oder  geringre,  schnellre  oder  lang- 
imre  Beeintrachtigung,  je  nach  dem  Grade  und  der  Dauer  der 
' nskelunthatigkeit.  So  ist  die  Atrophie  der  Haut-  und  Weichtheile 
i grossten  bei  Paralysis  congenita:  gelahmte  Glieder  mit  contra- 
rTen  Muskeln  magern  rascher  ab,  als  die  mit  schlaffen  Muskeln. 
i if  die  Zunge  sah  ich  jedoch  bei  cerebraler  Lahmung  die  Atrophie 
h nicht  ausdehnen,  obgleich  sie  bei  peripherischem  Sitze  der 
rankheit  sich  geltend  macht  (Vgl.  S.  091).  Die  Vegetation  der 
irngebilde  ist  nach  meiner  Beobachtung  in  veralteten  Hemiplegieen 
norm:  die  Epidermis  ist  trocken,  rauh,  blattrig,  die  Nagel  sind 
wulstet,  rissig,  sprode,  zumal  an  den  Fingern.  Oedem  der 
lfihmten  Glieder  sah  ich  in  einzelnen  langdauernden  Fallen.  Ueber 
» Veranderungen  der  Temperatur  liegt  noch  keine  hinreichende 
i hi  genauer  Untersuchungen  vor:  mehrere  meiuer  Kranken  klag- 


818 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


ten  uber  ein  Geluhl  von  Kalte,  einige  liber  brennende  llitze,  ohne 
physikalische  Abnalime  oder  Steigerung  der  Wiirrae.  Die  von  eini- 
gen  altern  Beobachtern  erwahnte  Schwliche,  Unregelmassigkeit,  selbst 
Stillstand  des  Pulses  am  gelahmten  Arme  liaben  sich  mir  bis  jetzt  als 
Folge  von  Cerebrallahmung  noch  nicht  dargeboten : Obliteration  der 
Arterie,  Rigiditat  und  Verknocherung  bei  Paralytischen  im  vorge- 
riickten  Lebensalter  mogen  ofters  iibersehen  worden  sein. 

Ausser  den  bisher  geschilderten  Eigenthiimlichkeiten  giebt  es 
noch  ein  Kriterium  der  Cerebrallahmung,  welches  physiologisch  in 
der  dem  Gehirn  als  Centralorgan  zukommenden  Mittheilbarkeit  sei- 
ner Zustande  begriindet  ist.  Die  Intellectuality  wird,  sei  es  in 
ihrer  ganzen  Sphare,  sei  es  in  einzelnen  Richtungen,  beeintrachtigt, 
wovon  ihre  leiblichen  Symbole,  Sprache,  Physionomie,  Mimik  den 
treuen  Ausdruck  geben.  Nicht  nur  wird  die  articulirende  Bewe- 
gung  sehr  oft  trage,  zogernd,  sondern  der  Mensch  verliert  mehr 
oder  minder  die  Fahigkeit  sich  seiner  Vorstellungen  in  der  festen 
Bezeichnung  der  Sprache  zu  erinnern.  Die  Gesichtsziige  werden 
stumpf,  hangend.  Vergesslichkeit,  Verlust  des  Gediichtnisses , Zu- 
sammenhanglosigkeit  der  Gedanken,  Mangel  psychischer  Intention, 
Aufhoren  der  Selbstbestimmung,  Indolenz  oder  schlaffes  Weinen 
bei  jeglichem  Anlasse  — so  bietet  sich  die  consecutive  Dementia 
in  leichtern  oder  grobern  Umrissen  dar,  wahrend  andrerseits  sopo- 
roser  Zustand  in  verschiednem  Grade  die  Lahmung  von  Anfang  an 
begleitet,  oder  sich  bald  schneller,  bald  langsamer  hinzugesellt. 

Diese  allgemeinen  Zi'ige  der  Hirnlahmungen  werden  durch  den  Sitz 
der  Krankheit  ohne  Zweifel  modificirt:  doch  gehort  es  zu  den  gross- 
ten  Schwierigkeiten,  trotz  des  gehauften  Materials  der  Leichenbefunde, 
Yom  topischen  Einflusse  auch  nur  einige  Andeutungen  zu  geben. 
Obgleich  liieran  die  hochst  unvollkomnnie  Kenntniss  des  Gehirns 
die  grosste  Schuld  tragt,  so  fallt  doch  den  Aerzten  die  anatomische 
Ungenauigkeit  des  Beobachteten  nicht  minder  zur  Last,  und  der 
Mangel  an  Zergliederungen  von  eingeweihten  Handen  stellt  sich  liier 
driickend  heraus.  Ain  sichersten  noch,  fast  von  keiner  Ausnahme 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


819 


bedroht,  steht  die  Norm  der  Leitung  in  gekreuzter  Richtung.  Ael- 
tre  Beobachtungen  des  Gegentbeils,  selbst  von  einem  Valsalva  und 
Morgagni , werden  zwar  nock  immer  angefiihrt,  allein  ohne  Riick- 
sicht  darauf,  dass  in  friihrer  Zeit,  als  der  Resorbtionsprocess  der 
Blutextravasate  und  Erweichungen  noch  unbekannt  war,  die  nach 
einem  altern  apoplektischen  Anfall  zuriickgebliebne  Lahmung  der 
letzten  frischen  Desorganisation  zugeschrieben  wurde.  Ein  andrer 
Irrthum  ruhrt  von  unrichtiger  Interpretation  solcher  Falle  her,  wo 
eine  bestehende  Krankheit  einzelner  Hirngebilde  die  an  der  Inser- 
tionsstatte  abtretenden  Nerven  als  peripherische  Bahnen  ihrer  Lei- 
tung verlustig  macht  (S.  oben).  Auch  ist  nicht  zu  leugnen,  dass 
bei  deutlich  ausgesprochner  Hemiplegie  zu  wenig  Aufmerksamkeit 
auf  die  andre  Seite  verwendet,  und  geringre  Abnahme  ihrer  Motili- 
t tat  nicht  selten  ubersehen  wird. 

Hat  die  Krankheit  in  entgegengesetzten  Hemispharen  des  grossen 
i und  kleinen  Gehirns  zugleich  ihren  Sitz,  so  richtet  sich  die  Lah- 
rmung  nach  dem  ersteren.  Desorganisationen,  deren  Statte  aus- 
^schliesslich  in  der  grauen  Substanz  ist,  fuhren  sehr  selten  Hemi- 
iplegie  mit  sich.  Die  Residuen  der  peripherischen  Hamorrhagieen 
der  Hirnwindungen , welche  im  hohern  Alter  haufig  vorkommen, 
iund  zuerst  von  Cruveilhier  beschrieben  worden  sind,  so  wie  die 
lErweichung  der  Rindensubstanz  in  der  sogenannten  Paralyse  der 
irren  (S.  weiter  unten)  sind  weit  haufiger  von  Blodsinn  und  man- 
.gelndem  Eindusse  des  Widens  auf  Bewegung,  als  von  wirklichem 
Werluste  motoj^scher  Leitung  begleitet. 

In  der  Bestimmung  der  topischen  paralysirenden  Wirkung  ein- 
zzelner  Hirntheile  ist  man  mehrenthcils  ohne  Kritik  verfabren,  und 
! hat  aus  unvollstiindigen  Befunden  voreilige  Schliisse  gezogen.  Die 
lErgebnisse  sind  um  so  unsichrer,  weil  die  Desorganisation,  welche 
die  Lahmung  bedingt,  sehr  oft  mit  andern  krankhaften  Zustanden 
des  Gehirns  eine  Verbindung  eingeht.  Die  Turgescenz  der  in  unnach- 
.giebiger  Knochenhulle  eingeschlossnen  Hirnmasse,  auf  welche  ich 
5chon  fruher  (S.  176  und  542)  aufmerksam  gemacht  habe,  spielt 

Horn  herd's  dServenkrankb.  I,  3,  51 


820 


CEREBRALE  LAIIMUNGEN. 


Iiier  eine  um  so  wichtigere  Rolle,  weil  sich  ihr  Einfluss  auch  auf 
die  gesunde  Hemisphare  ausdehnt.  So  erzahlt  Andral  (Clinique 
mddicale  T.  V.  p.  464)  einen  Fall,  wo  die  linke  Hemisphare,  welche 
den  Sitz  einer  bedeutenden  Erweichung  abgab,  dergestalt  ange- 
schwollen  war,  dass  die  grosse  Hirnspalte  nicht  mehr  die  Mittel- 
linie  des  Gehirns  einnahm,  sondern  nach  der  rechten  Seite  gescho- 
ben  war.  Cruveilhier  fand  bei  einer  Kranken  die  erweichten  dun-  * 
kelrothen  Hirnwindungen  in  einem  solchen  Grade  angeschwollen, 
dass  ein  betrachtlicher  Druck  unausbleiblich  sein  musste  (Anat.  pa- 
thol.  Livr.  XXXV.  p.  6).  Im  weitern  Yerlaufe  organiscber,  von 
Lahmung  begleiteter  Hirnkrankheiten  iiben  die  hinzutretenden  sero- 
sen  Ansammlungen  in  den  Hohlen  und  auf  der  Aussenflache  einen 
comprimirenden  Einfluss,  so  dass  die  Schranken  der  paralytischen 
Symptome  nicht  mehr  in  ihrer  ursprunglichen  Begranzung  bestehen 
konnen.  Diese  selbst  genau  zu  bestimmen  ist  endlich  ein  Erforder- 
niss,  dem  bisher  nicht  entsprochen  worden  ist.  Man  begnugte  sich 
mit  der  Angabe  der  Totalitat  des  gelahmten  Theils,  und  nahm  auf 
die  einzelnen  Muskelgruppen  zu  wenig  Riicksicht  (S.  S.  633).  Zum 
Muster  konnen  fortan  Tanquerel’ s Untersuchungen  der  von  Blei- 
lahmung  befallnen  Glieder  dienen. 

Der  Yerlauf  der  strahlenden  Markfasern  und  Markziige  vom 
Riickenmarke  aus  bis  in  den  Stabkranz  und  die  Hemisphare  ist  ana- 
tomisch  bis  jetzt  nur  in  seinen  grobsten  Contouren  durch  die  mit 
freiem  Auge  verfolgte  Untersuchung  an  frischen  und  erharteten  Ge- 
birnen  angedeutet.  Die  Nachweisung  verschiedner  Elemente  in  den- 
selben,  und  die  Beslimmung  ihrer  motorischen  und  sensibeln  Attri- 
bute sind  sehr  unvollkommen.  Einiger  Fortschritt  durfte  viclleicht 
von  der  Zergliederung  der  Gehirne  langjahrig  Geliilimter,  deren  Mo- 
tilitiit  ausschliesslich  betheiligt  ist,  zu  erwarten  sein.  Eine  solche 
Gclcgenheit  bot  sich  mir  bei  einem  neunzehnjahrigen  Miidchen  dar, 
welches  nach  Aussage  des  Voters  als  gesundes  Kind  geborcn,  im  Alter 
von  drei  Monaten  von  heftigen  Convulsionen  befallen  worden  war,  wel- 
che eine  Lahmung  der  rcchtcn  Rumpfglieder  hinterlassen  hatten.  Die 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


821 


Kranke  war  fur  ihr  Alter  klein,  unentwickelt:  besonders  verkiimmert 
zeigten  sich  Arm  und  Bein  der  rechten  Seite,  welche  um  die  Halfte 
magrer  waren  als  die  Glieder  der  linken  Seite.  Die  Finger  der 
rechten  Hand  fuhlten  sich  an,  als  bestanden  sie  nur  aus  Weichge- 
bilden.  Dabei  waren  sie  gewohnlich  contrahirt,  nach  der  Hohlhand 
gerichtet,  liessen  sich  jedoch  ohne  Muhe  ausstrecken.  Die  Bewe- 
gungen  des  Arms  und  Fusses  waren  sehr  beschrankt;  beim  Gehen 
wurde  der  Fuss  nachgezogen  und  die  Kranke  war  nicht  im  Stande 
mit  der  rechten  Hand  fest  zu  driicken,  noch  den  Arm  nur  wenig 
in  die  Hohe  zu  heben.  Dagegen  zeigte  sich  weder  im  Gesichte 
noch  in  der  Zunge  eine  Spur  yon  Lahmung.  Die  Sprache  war, 
wenn  auch  einsylbig,  doch  ungehindert.  Die  Sensibilitat  der  Glieder 
normal,  desgleichen  die  Sinnesthatigkeiten,  allein  die  intellectuellen  fast 
auf  dem  Stande  des  Idiotismus.  Nur  fur  die  Empfmdungen  des 
Hungers  und  Schmerzes  hatte  sie  Ausdruck:  weder  Aufmerksam- 
keit  noch  Gedankenbildung  fanden  statt.  Die  Menstrua  hatten  sich 
im  16.  Jahre  entwickelt.  Ich  stellte  in  meinen  Yortragen  die  Dia- 
gnose auf  Atrophie  der  linken  Hemisphare  des  grossen  Gehirns 
und  zwar,  weil  der  Schadel  ausserlich  keine  Vertiefung  darbot,  mit 
Ersatz  und  Ausfullung  der  atrophischen  oder  mangelnden  Theile 
durch  serose  Fliissigkeit.  Nachdem  der  Tod  durch  Phthisis  pulmo- 
nalis  erfolgt  war,  wurde  die  Section  am  4.  Marz  1838  yon  Henle 
vorgenommen.  Beim  Durchsagen  des  Schadels  floss  bei  zufalliger 
Verletzung  auf  der  linken  Seite  eine  Menge  blutiggefarbter  seroser 
Fliissigkeit  aus.  Die  linke  Hiiifte  des  Schadels  war  \ Zoll  schma- 
ler  als  die  rechte,  und  das  Stirnbein  auf  der  linken  Seite  verdickt. 
Der  mittlere  obre  Thcil  der  linken  Hemisphare  des  grossen  Gehirns 
felilte  bis  zum  Lacunar  ventriculorum  und  war  durch  einen  serosen 
blasigen  Balg  ersetzt,  welcher  beim  Durchsagen  cingerissen  seinen 
Inhalt  ergossen  hatte.  Vom  Seitenventrikel  war  diese  Cyste  durch 
ihre  Membran  geschieden.  Nachdem  diese  aufgeschnitten  worden, 
bot  sich  die  erweiterte  und  mit  viel  heller  seroser  Fliissigkeit  ge- 

fiillte  Seitenhohle  dar.  Das  Monro’sche  Loch  war  sehr  erweitert, 

54* 


822 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


die  Seitenwand  fehlte  fast  zur  Halfte,  in  so  fern  vom  Corpus  stria- 
tum und  Thalamus  opticus  nur  Rudimente,  die  Halfte  ihrer  gewohn- 
lichen  Grosse,  iibrig  waren,  die  yon  einem  knorpelharten  Rande  be- 
granzt  waren.  Corpus  callosum,  Fornix,  Septum  lucidum,  die  vor- 
dere  Commissur  boten  nichts  krankhaftes  dar.  Dagegcn  zeigten 
sich  an  der  Grundflache  des  Gehirns  der  Tractus  opticus,  die  Emi- 
nentia  mammillaris,  das  Crus  cerebri,  der  Pons  und  die  Pyramide 
der  linken  Seite  atrophisch:  yon  letztrer  war  nur  ein  dunner  Strei- 
fen,  kaum  der  yierte  Theil  der  rechten  Pyramide  iibrig,  wahrend 
die  Corpora  restiformia  auf  beiden  Seiten  ein  gleiches  Volumen  bat- 
ten und  die  Oliye  der  linken  Seite  viel  starker  und  gewolbter  als 
die  rechte  war.  Beide  Hemispharen  des  kleinen  Gehirns  waren 
yon  gleichen  Dimensionen  (Vgl.  die  treue  Abbildung  des  in  dem 
hiesigen  anatomischen  Museum  aufbewahrten  Gehirns  in  der  Inau- 
guraldissertation  des  Dr.  Eduard  Henoch  de  atrophia  cerebri.  Be- 
rolini  1842).  Der  Plexus  brachialis  der  rechten  Seite  verhielt  sich 
normal.  Die  Eroffnung  der  Wirbelhdhle  wurde  nicht  gestattet.  In 
diesem  Falle  zeigte  sich  die  Commissurenformation  in  ihrer  Inte- 
gritat,  wahrend  eine  ganze  durch  verschiedne  Hirngebilde  sich  hin- 
durchziehende  Bahn  wegen  Mangels  an  Benutzung  atrophisch  war. 
Ein  Paar  ahnliche  Beobachtungen  finden  sich  in  Cruveilhier’s  Anat. 
path.  Liv.  VIII,  und  in  Carswell's  Patholog.  anat.  im  Absdmitte 
Atrophy  Plate  IV.  Fig.  2. 

Der  Versuch  im  Gehirne  einzelne  Innervationsheerde  fur  peri- 
pherische  Bahnen  aufzufinden,  ist  .schon  oft  gemacht  worden  und 
missgliickt.  Eben  so  wenig  wie  die  an  lebenden  Thieren  mit  grossen 
Zerstorungen  angestellten  Experimente,  eben  so  wenig  wie  die  mit 
Commotion  verbundnen  chirurgischen  Verletzungen,  konnen  compli- 
ciite  Krankheiten  des  Gehirns  entscheiden.  Es  kommt  darauf  an, 
eine  sichre  Basis  zu  gewinnen,  damit  hier  nicht  die  der  phrenologi- 
schen  Localisation  mit  Recht  gemachten  Vorwiirfe  treffen.  Aus 
den  Ilirnbefunden  Amaurotischer  (S.  24G),  mag  man  den  Weg  enl- 
nehmen,  den  man  einzuschlagen  hat:  yon  der  Peripherie  muss  man 


CEREBRALE  LAIIMUNGEN. 


823 


auf  das  Centrum  zu  wirken  suchen.  Folgende  von  Lallemand  zu 
anderem  Zwecke  mitgetheilte  Beobachtung  ist  in  dieser  Beziehung 
wichtig.  Ein  38jahriger  Soldat  hatte  einen  Lanzenstich  in  der  rechten 
Schulter  erhalten,  in.  dessen  Folge  sich  ein  grosses  Aneurysma 
der  Arteria  axillaris  entwickelte.  Wegen  drohender  Ruptur  wurde 
die  Unterbindung  der  Subclavia  oberhalb  des  Schliisselbeins  vorge- 
nommen.  Beim  Zuschniiren  des  Fadens  empfand  der  Kranke  einen 
heftigen  Schmerz  am  Halse.  Am  andern  Tage  nahm  der  Schmerz 
ab:  Warme  und  Gefiihl  kehrten  im  Arme  zuriick.  Am  vierten 
und  fiinften  Tage  stellte  sich  der  Schmerz  von  neuem  ein.  Am 
siebenten  ward  er  heftiger : vier  Aderlasse  schafften  keine  Lindrung. 
In  der  Nacbt  vom  7 — 8ten  Tage:  Verlust  des  Bewusstseins,  unru- 
hige  Bewegungen,  besonders  der  untern  Extremitaten  (die  Arme 
waren  in  einer  Bandage  eingewickelt) , unbewegliche  Pupillen,  kur- 
zer,  schneller  Athem,  kleiner,  unregelmassiger  Puls.  Am  achten 
Tage  Riickwartsbiegung  des  Kopfes,  Tod  gegen  Abend.  Bei  der 
Section  ergab  sich,  dass  die  Ligatur  mit  der  Arterie  diejenigen 
Zweige  des  Plexus  brachialis  der  rechten  Seite  gefasst  hatte,  die 
vom  dritten  Cervicalnervenpaare  abgeben.  Der  hintre  Lappen  der 
linken  Hemisphere  des  grossen  Gehirns  hatte  an  seiner  Oberflache 
eine  griinliche  Earbe:  mehr  nach  innen  war  er  in  hokem  Grade 
erweicht  und  ebenfalls  von  griinlicher  Farbe.  In  der  Mitte  fand 
sich  ein  Eiterheerd,  welcher  sich  bis  nach  dem  Seitenventrikel  aus- 
dehnte:  es  tloss  iiber  einen  Essloffel  voll  dicken  grunlichen  Eiters 
aus.  Die  Hirnsubstanz  im  Umkreise  von  2 — 3 Linien  war  injicirt 
und  von  festerer  Consistenz  ( Lallemand  recherches  anatomico-patho- 
logiques  sur  l’encephale  et  ses  dependences.  T.  I.  p.  123).  Dieser 
Fall,  welcher  anzudeuten  scheint,  dass  eine  andauernde  Reizung  ein- 
zelner  peripherischer  Nerven  in  gekreuzter  Richtung  auf  einen  be- 
stimmten  Raum  im  Gehirne  hinwirkt  und  dort  Desorganisation  erzeligt, 
war  far  mich  eine  Aufiorderung  Experimente  an  lebcnden  Thieren 
anzustellen,  urn,  wenn  es  geliingc,  gleichsam  eine  Injection  der  Nerven- 
fasern  von  der  Peripherie  nach  dem  Centrum  zu  bewirken.  Am 


824 


CEREBRALE  LAIIMUNGEN. 


24.  Mai  1834  unterband  ich  mit  Henle  einem  von  Drchkrankheit 
befallnen  Hammel  den  Nerv.  medianus  in  der  linken  Achselhohle 
und  betupfte  mit  Liq.  Kali  caust.  ein  Stuck  des  Nerven,  von  \ Zoll 
Lange  oberhalb  der  Ligatur,  welches  sich  sogleich  dunkelbraun 
farbte.  Das  Thier  zuckte,  iiusserte  stohnend  und  grunzend  lebhaf- 
ten  Schmerz,  athmete  sehr  schnell,  unregelmassig.  Das  linke  Vor- 
derbein  wrar  gelahmt.  Am  25.  Mai  war  der  Athem  ruhiger:  mit 
einem  Stocke  von  seinem  Lager  aufgestort,  richtete  sich  das  Thier 
in  die  Hohe,  mid  stand  mit  schlaff  herabhangendem  linken  Vorder- 
bein.  Am  26.  Mai  hatte  sich  Paraplegie  eingestellt:  beim  Gehen 
und  Stehen  ruhte  die  Last  des  Korpers  auf  dem  rechten  Yorder- 
fusse.  Der  Athem  wurde  sehr  beschleunigt,  ungleich,  und  Mittags 
erfolgte  der  Tod,  44  Stunden  nach  Anstellung  des  Yersuches.  Der 
N.  medianus,  welcher  zum  Theil  vom  sechsten  und  siebenten  Hals- 
nerven  entsprang,  hatte  oberhalb  der  Ligatur  sein  normales  Anse- 
hen  und  Structur  verloren,  war  wie  plattgedriickt,  bandformig,  von 
einer  schmutzigen,  rothlichgrauen  Farbe  und  erweichter  Consistenz. 
Die  Dura  mater  des  Ruckenmarkes  war  auf  der  untern  Flache 
vom  zweiten  Dorsalnerven  bis  zum  Hinterhauptloche  von  gleich- 
massiger  rother  Farbe;  an  der  obern  Flache  zeigte  sich  diese 
Rothe  nur  in  dem  Zwischenraum  zwischen  6 — 7.  Halsnerven.  Die 
Substanz  und  Consistenz  des  Riickenmarks  war  normal : nur  unter- 
halb  des  achten  Halsnerven  war  dasselbe  etwas  atrophisch,  was 
aber  wrohl  nicht  Folge  des  Versuchs  war.  Die  Oberdache  beider 
Hemispharen  des  grossen  Gebirns  war  mit  Blutsugillationen,  beson- 
ders  langs  dem  Laufe  der  Gefassstiimme  bedeckt.  Die  Hirnsubstanz 
selbst  erschien  in  alien  Theilen  der  rechten  Hemisphare  normal. 
Die  linke  Hemisphare  war  fast  ganz  ausgehohlt  und  mit  der  Was- 
serblase  des  Coenurus  angefullt,  in  deren  Umkreise  die  Hirnsub- 
stanz cine  gelbe  Farbe  hatte  und  geschwunden,  wie  durchbrochen 
war.  Die  Schadelknochen  waren  von  normaler  Consistenz,  nur  auf 
der  linken  Seite,  wro  sie  die  Decke  der  Hydatfde  bildeten,  dicker 
als  auf  der  rechten. 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


825 


Einige  andre  Versuche  wurden  an  Nerven  angestellt,  welche 
dem  Geliirne  naher  gelegen  sind.  Am  17.  Juli  1839  hatte  Profes- 
sor Gurlt  die  Gi'ite  an  einem  rotzigen,  sonst  noch  kraftigen  Pferde 
den  iinken  N.  infraorbitalis  blosszulegen.  Jede  Reizung  dieses  machti- 
gen  Nervenastes,  yerursachte  lebhaften  Schmerz,  Ausschlagen  der 
Beine,  allein  in  keinem  Gesichtsmuskel  eine  Spur  reflectorischer 
Zuckung.  Das  Delinen  des  Nerven,  z.  B.  die  Ausspannung  seiner 
Fasern  iiber  dem  untergeschobnen  Bistouri  war  durchaus  schmerz- 
Ios.  Um  das  vielleicht  isolirend  wirkende  Neurilemm  als  storendes 
Moment  des  Versucks  zu  beseitigen,  wurde  der  Nerv,  besonders  in 
der  Niihe  seines  Austritts  aus  dem  Knochen,  zu  wiederholtenmalen 
mit  Essigsaure  betiipft,  wodurch  er  eine  gelblich-braune  Farbe  an- 
nahm.  Hierauf  ward  ein  Messingdraht  lose  umgelegt  und  dessen 
Spitze  in  den  Nerven  selbst  hineingesteckt.  Die  linke  Halfte  der 
aussern  Nase  und  Oberlippe  batten  iljr  Gefuhl  verloren.  An 
den  folgenden  beiden  Tagen  wurde  das  Betupfen  mit  Essigsaure 
wiederholt.  Aus  der  Wunde  floss  eine  braunrothe  jauckige  Fliis- 
sigkeit.  Die  Empfindlickeit  des  Nerven  war  oberhalb  der  lose  lie- 
genden  Schlinge  sehr  erhoht,  so  dass  die  geringste  Beruhrung  ein 
starkes  Auffahren  und  Wegwenden  des  Kopfes  veranlasste.  Nach 
unten  war  die  Reaction  weit  schwacher.  Vierzehn  Tage  wurde 
das  Pferd  noch  am  Leben  erhalten.  Es  zeigte  sich  beim  Fressen 
kein  Unterschied  in  der  Iinken  und  rechten  Halfte  der  Oberlippe, 
wie  ihn  Bell  friiher  zu  bemerken  geglaubt  hat.  Um  noch  starker 
auf  die  Nervenfaserung  einzuwirken,  wurde  einigemal  Kalisolution 
applicirt.  Durch  Lufteinblasen  in  die  Venen  ward  das  Thier  am 
ersten  August  schnell  getodtet.  Professor  Gurlt  legte  den  Nerven 
an  der  Gesichtslliiche  und  in  seinem  Laufe  durch  den  Schiidel  bloss. 
Nur  das  gereizte  Stuck  war  Sitz  eines  albuminosen  Exsudats  zwi- 
schen  den  Nervenfasern,  wodurch  die  Consistenz  fast  eine  Knorpel- 
liarte  hatte.  Jenseits  dieser  Stelle  war  die  Structur  normal,  sowie 
im  gauzcn  zweiten  Aste  des  Quintus.  Weder  im  grossen  noch 
im  kleinen  Gehirn,  noch  in  der  Briicke,  noch  im  verlangerten  Marke 


826 


CEREBRALE  LAIIMUNGEN. 


liess  sich  eine  krankhafte  Verandrung  auffinden.  Der  hiermit  uber- 
einstimmende  Versuch  am  Supraorbitalis  eines  Pferdes  ist  bereits 
S.  241  mitgetheilt.  Gegen  dieses  negative  Resultat  kann  ich  das 
Ergebniss  eines  im  Jahre  4833  angestellten  Experiments  anfuhren. 
An  einer  Ziege,  wo  der  Supraorbitalnerv  nicht  in  einem  Aste,  son- 
dern  in  mehrern  Zweigen  aus  Oeffnungen  im  Stirnbein  hervordringt, 
wurden  auf  der  rechten  Seite  zwei,  auf  der  linken  vier  Zweige 
unterbunden.  Auch  hier  zeigte  sich  keine  Wirkung  auf  das  Seh- 
vermdgen,  allein  nach  vierzehn  Tagen  traten  die  Symptome  einer 
Hirnaffection  ein,  und  bei  der  Section  land  sich  Erweichung  der 
Hirnsubstanz  an  den  Seitenwanden  der  Lateralventrikel , die  eine 
massige  Quantitat  seroser  Fliissigkeit  enthielten.  Jedenfalls  lasst 
sich  von  fortgesetzten  Untersuchungen  dieser  Art  an  Quadrupeden, 
welche  man  lange  genug  am  Leben  lasst,  einiger  Aufschluss  er- 
warten. 

Unter  den  pathologischen  Beobachtungen,  die  auf  die  Topik  der 
Centralfaserung  einiges  Licht  werfen,  und  die  Diagnose  des  Sitzes 
der  Krankheit  vorbereiten  konnen,  wird  man  nur  denjenigen  Ver- 
trauen  zuwenden,  welche  sich  durch  enge  Schranken  der  Lahmung 
und  der  Desorganisation,  durch  langes  unverandertes  Bestehen, 
durch  Mangel  an  Complication  und  durch  Uebereinstimmung  beim 
Vergleiche  mit  analogen  Fallen  auszeichnen.  Am  meisten  hat  die 
isolirte  Lahmung  einzelner  Rumpfglieder  und  der  Zunge  die  Beob- 
achter  beschaftigt.  Nur  ein  Resultat,  welches  fast  keine  Ausnahme 
hat,  habe  ich  aus  eigner  und  fremder  Erfahrung.  entnehmen  kon- 
nen: dass  wo  die  Paralyse  eines  Arms  oder  Beins  von  Hirnaffec- 
tion abhangig  war,  der  Sitz  derselben  sich  im  grossen  Gehirn  vor- 
fand.  Dagegen  hat  sich  die  von  einigen  Neuern  ( Foville , Serves ) 
angenommne  Beziehung  des  Thalamus  opticus  zur  obern  Extremi- 
ty des  Corpus  striatum  zur  untern  nicht  bestatigt,  und  musste 
schon  von  vorn  herein  bezwcifelt  werden,  da  ein  grosser  Theil  der 
aus  dem  Hirnschenkel  kommenden  Fasern  durch  den  Sehhiigel  sei- 
nen  Laul  nach  den  gestreitfen  Korpern  nimmt.  Ob  vielleicht  der 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


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verschiedne  Zug,  welchen  die  Ausstrahlung  aus  dem  Stabkranze 
nimmt,  einflussreicher  ist?  Die  Fasern,  welche  .von  dem  hintern 
Rande  desselben  ausgehen,  dringen  in  den  hintern  Lappen  des 
grossen  Gehirns,  und  hier  zeigte  sich  in  Lallemand’s  Falle  die 
Riickwirkung  von  der  Unterbindung  mehrerer  Nerven  des  Armge- 
flechtes.  Auch  entspricht  ein  von  Rostan  mitgetheilter  Fall  den 
oben  gestellten  Bedingungen  solcher  Beobachtungen.  Eine  liber 
sechzig  Jahr  alte  Frau  litt  an  einer  isolirten  Lahmung  des  rech- 
ten.Arms,  die,  als  sie  sechzehn  Monat  alt  war,  nacli  einem  An- 
falle  von  Convulsionen  eingetreten  und  mit  Atrophie  und  Yerkiir- 
zung  des  Gliedes  verbunden  war.  Die  Sensibilitat  blieb  ungestort. 
Nacli  dem  an  einer  Brustaffection  erfolgten  Tode  fand  man  vom 
hintern  Lappen  der  linken  Hemisphare  des  grossen  Gehirns  nur 
noch  ein  Fragment  vorhanden:  nacli  aussen  und  oben  fehlte  er 
ganz,  so  dass  unter  der  Arachnoidea  in  einem  Umfange  von  unge- 
lahr  zwei  Zoll  die  Ventrikelwand  sichtbar  war,  deren  Epithelium 
an  dieser  Stelle  von  einer  durchsichtigen  Pseudomembran  bedeckt 
war.  Rings  um  diesen  grossen  Substanzverlust  waren  die  Win- 
dungen  klein,  gerunzelt,  atrophisch.  Der  Yentrikel  enthielt  eine 
ziemlich  grosse  Quantitat  seroser  Fliissigkeit.  Das  kleine  Gehirn 
und  Riickenmark  verhielten  sich  normal.  Die  Nerven  des  gelahm- 
ten  Arms  waren  dicker  als  die  des  gesunden  Arms  und  von  einer 
dunkelgelben  Farbe  (Reclierches  sur  le  ramollissement  du  cerveau. 
2icme  p>  256).  In  der  statistischen  Uebersicht,  welche  der 
selbst  so  genaue  und  zuverlassige  Andral  (Clinique  medic.  T.  V. 
p.  358)  von  den  Verhaltnissen  des  Sitzes  der  Desorganisation  zum 
Sitze  der  Lahmung  gegeben  hat,  finden  sich  zwar  unter  23  Fallen 
von  isolirter  Armlahmung  elf  mit  krankhafter  Veriinderung  im  ge- 
streiften  Korper  und  vordern  Lappen.  Allein  wie  wenig  geniigt 
eine  solche  Angabe  der  Krilik,  wenn  man  nicht  einmal  die  Um- 
stiinde  erfahrt,  unter  welchen  die  Paralyse  stattgefunden  hat.  Audi 
ist  es  in  der  That  nicht  iiberfliissig  den  Namen  des  Beobachters 
zu  kennen:  so  erwahnt  Roslan  ausdriicklich  (I.  c.  p.  251):  nous 


828 


CEREBRALE  LAIIMUNGEN. 


savons  d’unc  manure  positive,  que  des  observations  de  ce  genre 
ont  faites  h plaisir,  und  fiigt  mit  franzosischer  Galanterie  hinzu: 
peut-6tre  auraicnt-elles  dtd  communiqudes  h M.  Serres,  qui  leur 
aura  ajoutd  cette  confiance  qu’on  ne  rencontre  que  chez  les  per- 
sonnes  elles  m6mes  tr&s  v&ridiques. 

Die  ausschliessliche  Lahmung  des  Beins  gehort  in  Hirnaffe- 
ctionen  zu  den  Seltenheiten.  In  Andral’s  Tabelle  sind  zwolf  Falle 
angefuhrt,  unter  denen  bei  zehn  die  Desorganisation  im  gestreiften 
Korper  oder  im  vordern  Lappen,  bei  zwei  im  Thalamus  opticus 
und  hintern  Lappen  ihren  Sitz  hatten.  Meiner  Beobachtung  hat  sich 
bisher  nur  ein  Fall  dieser  Art,  obschon  nicht  ganz  frei  von  Com- 
plication, bei  einer  drei  und  siebenzigjahrigen  Wittwe  darge- 
boten,  welche  im  Jahre  1828  von  einer  Lahmung  des  rechten 
Arms  und  Beins  befallen  bei  mir  Iliilfe  suchte.  Anfangs  waren 
die  Muskeln  welk  und  schlafT:  spaterhin  contrahirten  sie  sich,  be- 
sonders  am  Vorderarm  und  in  der  Hand  dergestalt.,  dass  es  nur 
mit  der  grossten  Anstrengung  gelang,  die  Finger  aus  ihrer  flectir- 
ten  Stellung  zu  losen,  nicht  aber  sie  extendirt  zu  erhalten,  da  sie 
augenblicklich  wie  elastische  Federn  zuriicksprangen.  Es  hatten 
sich  durch  die  langere  Dauer  Gruben  in  der  Handflache  gebildet, 
welche  wie  mit  einer  Schleimhaut  uberzogen  waren  und  eine  dicke 
Fliissigkeit  von  widerlichem  Geruche  absonderten.  Am  Fusse  war 
die  Contractor  schwacher.  Sechs  Monate  vor  dem  Tode,  welcher 
44  Jahr  nach  dem  Eintritte  der  Hemiplegie,  zu  welcher  sich  De- 
mentia gesellt  hatte,  erfolgte,  stellte  sich  eine  Lahmung  des  linken 
Beins  mit  Contractor  der  Muskeln  ein.  Der  linke  Arm  behielt  bis 
zuletzt  seine  Motilitat  ungestort.  Bei  der  am  15.  Februar  1832 
vorgenommenen  Section  fand  sich  im  obern  Lappen  der  linken 
Hemisphare  des  grossen  Gehirns  dicht  am  Corpus  callosum  eine 
Verhartung  der  Marksubstanz  von  brauner  Farbe  vor,  welche  sich 
durch  die  linke  Halfte  des  Balkens  in  die  linke  ITalfte  der  durch- 
sichtigen  Schcidewand  fortsetzte  und  allmahlich  in  die  gesunde 
Subslanz  uberging.  Der  linke  Thalamus  opticus  war  abgeplattel 


CEREBRALE  LAIIMUNGEN. 


829 


id  atrophisch,  einen  halben  Zoll  kleiner  als  der  rechte.  Im  hin- 
m Theil  des  hintern  Lappens  der  linken  Hemisphare  hatte  un- 
eit  der  Oberflache  eine  alte  Bluthohle  von  der  Grosse  einer 
irsche  ihren  Sitz,  die  von  verharteter  Ilirnsubstanz  umgeben  mit 
ner  diinnen  Membran  ausgekleidet  war  und  altes  ocherahnliches 
i lut  enthielt.  Im  Corpus  striatum  der  rechten  Seite  und  in  der 
ngranzenden  Markstrahlung  war  eine  verhartete  Stelle  befindlich, 
an  dem  Umfange  einer  Haselnuss,  von  hockriger  Beschaffenheit, 
rrauner  Farbe  und  dem  Ansehen,  als  ware  vor  langerer  Zeit  Blut 
arin  ausgetreten,  welches  theilweise  resorbirt,  theilweise  eingetrock- 
et  und  mit  der  Hirnsubstanz  selbst  verwebt  war,  wie  ich  es 
) lehreremal  als  Residuum  fruherer  Hamorrhagieen , ohne  alle  Spur 
iiner  Cyste,  angetroffen  habe.  Die  Arterienstamme  und  Zweige 
I es  Gehirns,  so  weit  ich  sie  verfolgte,  waren  in  einem  bedeutenden 
Grade  incrustirt.  Die  Dura  mater  war  an  vielen  Stellen  mit  dem 
uchadel  test  verwachsen.  Die  Arachnoidea  verdickt,  langs  der 
'iichel  mit  Exsudaten  bedeckt  und  mit  der  Pia  mater  ver- 
wachsen. 

Zur  Bestimmung  des  Centralsitzes  der  Zungennerven  felilt  es 
nicht  an  Annahmen,  welche,  wie  verschieden  sie  auch  sind,  durch 
leobachtungen  gestutzt  werden  — allein  versaumt  hat  man  in  der 
vlehrzahl  den  Antheil,  welchen  das  Gehirn  als  psychisches  Organ  an 
ler  Glossoplegie  nimmt,  von  dem  Antheile  desselben  als  Heerdes  der 
Centralfaserung  des  Hypoglossus  zu  unterscheiden.  Nur  solcbe 
Fiille  konnen  bier  zur  Erlauterung  benutzt  werden,  wo  bei  Integri- 
,at  des  Bewusstseins,  bei  Abwesenheit  von  Gedachtnissscbwache 
and  Blodsinn,  die  articulirende  Bewegung  gehemmt  oder  aufgeho- 
ben  ist.  Ich  wiihle  folgende  fiinf  Beispiele,  weil  sie  moglichst  frei 
ron  Complicationen  sind,  ohne  ihnen  jedoch  einen  grosseren  Wertli, 
als  einen  die  Aufmerksamkeit  anregenden  zuzuschreiben.  Der  erste 
Fall  betrifTt  eine  betagte  Frau,  welche  drei  Jahre  zuvor  plotzlich 
ihre  Sprachc  verloren  hatte,  ohne  die  geringste  Storung  .des  Be- 
wusstseins,  der  Motilitat  ujkI  Sensibilitat.  Die  Beweglichkeit  der 


830 


CEREBRALE  LAIIMUNGEN. 

/ 

Zunge  war  nach  alien  Richtungen  hin  ungehindert.  Der  Tod 
wurde  durch  eine  Herzkrankheit  herbeigefiihrt.  Bei  der  Section 
fand  Andral  nahe  am  hintern  Ende  des  linken  gestreiften  Korpers 
eine  Erweichung  vom  Umfange  einer  dicken  Erbse,  und  in  der 
rechten  Hemisphere,  an  der  Vereinigung  der  vordern  Halfte  mil 
der  hintern,  gleich  weit  vom  innern  und  aussern  Rande,  eine  er- 
weichte  Stelle  von  derselben  Grosse  (Clinique  medicale  T.  V.  p. 
454).  Zwei  durch  die  Identitat  der  Symptome  und  Leichenbefunde 
so  ubereinstimmende  Falle,  dass  sie  in  dieser  Hinsicht  mit  genauen 
physiologischen  Experimenten  verglichen  wrerden  konnen,  sind  von 
Bright  beschrieben.  In  beiden  zeigte  sich  die  erschwerte  Articu- 
lation durch  die  ganze  Krankheit,  mehrere  Monate  hindurch:  auch 
das  Schlucken  war  schwierig:  wiederholte  Anfalle  von  unvollstandi- 
ger  Paralyse  der  Rumpfglieder  hatten  sich  eingefunden:  das  Be- 
wusstsein  war  unbenommen.  Ausser  Erweichung  in  beiden  ge- 
streiften Korpern  mit  den  Ueberbleibseln  von  Blutextravasaten 
wurde  in  den  Gehirnen  keine  krankhafte  Veranderung  aufgefunden. 
(Reports  of  medical  cases  Vol.  II.  P.  1.  p.  296  — 301).  Der  vierte 
und  fiinfte  Fall  kamen  in  dem  Kreise  meiner  Beobachtung  vor. 
Ein  sechszigjahriger  Schullehrer  litt  seit  anderthalb  Jahren  an  Lah- 
mung  der  untern  Extremitaten  ohne  Betheiligung  der  Sensibilitat. 
Yon  Anfang  an  hatte  sich  eine  erschwerte  Articulation  eingefunden: 
es  dauerte  langere  Zeit,  ehe  er  das  Wort  aussprechen  konnte : 
darin  geschah  es  jahe,  ubersturzend,  mit  zischendem  Laute.  Spa- 
terhin  nahm  Stammeln  immer  mehr  uberhand,  und  ging  zuletzt  in 
ein  unverstandliches  Lallen  Fiber , bei  vollkonnnner  psychischer  Inte- 
gritiit.  Die  Locomotion  der  Zunge  blieb  ungestort.  Professor 
Schlemm  hatte  die  Gate,  das  Gehirn  zu  untersuchen.  Nur  im 
Corpus  striatum  der  linken  Hemisphare  fand  sich  eine  krankhafte 
Veranderung  vor,  eine  Atrophie  eigenthiimlicher  Art,  wovon  ich 
noch  das  Praparat  aufbewahre.  Medulla  oblongata  verhielt  sich 
normal.  Die  Eroflhung  der  Wirbelholde  wurde  nicht  gestattet. 
Der  funfte  Fall  belriflt  einen  neun  und  dreissigjahrigen  Ulirmacher, 


CEREBRALE  LAIIMUNGEN. 


831 


welcher  seit  langerer  Zeit  an  Lungentuberkeln  leidend  am  24.  No- 
ember 1824,  als  er  von  Schweiss  triefend  der  Zugluft  ausgesetzt 
war,  plotzlich  umfiel  und  sprach-  und  bewegungslos  liach  seinem 
Iause  gebracht  wurde.  Ich  sah  ihn  bald  darauf:  die  rechten 
Itumpfglieder  waren  gelahmt  mid  der  Empfindung  verlustig,  das 
echte  Auge  erblindet  mit  erweiterter  Pupille,  das  Bewusstsein 
rei , die  Fahigkeit  zu  sprechen  ganz  aufgehoben.  Bei  einer  anti- 
[ thlogistischen  Behandlung  schwanden  scbon  in  den  nachsten  Tagen 
ilie  Ajiiisthesie  und  Amaurose,  allein  Hemiplegie  und  Sprachlosig- 
k :eit  dauerten  bis  zum  Tode  fort.  Auch  hatten  sich  heftige  Schmer- 
!'  en  im  gelahmten  Beine  eingefunden,  welche  fast  ohne  Unterlass 
• ortdauerten.  Die  Phthisis  pulmonalis  saumte  nicht  in  ihren  Fort- 
> chritten,  und  der  Kranke  starb  am  14.  Februar  1825.  Bei  der 
Section  zeigte  sich  das  Gehirn  normal,  mit  Ausnahme  des  linken 
l Corpus  striatum,  welches  von  breiweicher  Consistenz  und  braunlicher 
I ?arbe  mit  gesprenkelter  Rothe  war.  In  beiden  Lungen  fanden  sich 
■ine  Menge  Tuberkel  und  mehrere  Excavationen , der  linke  Ventri- 
v;el  des  Herzens  war  hypertrophisch. 

Am  seltensten  hat  man  Gelegenheit  bei  isolirten  Lahmungen 
:inzelner  Nervenbahnen  eine  circumscripte  Yeranderung  im  Gehirne 
nachweisen  zu  konnen.  Aus  diesem  Grunde  mag  folgender,  auch 
i lurch  die  Personlichkeit  des  Kranken  bemerkungswerthe  Fall  er- 
vahnt  werden.  Dupuytren  wurde  im  Jahre  1834  wahrend  eines 
dinischen  Vortrags  von  Lahmung  des  linken  N.  facialis  befallen  und 
latte  den  Muth  die  Vorlesung  fortzusetzen , indem  er  mit  dem 
7inger  die  linke  Lippenfuge  stiitzte.  Friiher  hatte  er  schon  ein- 
nal  einen  leichten  Anfall  von  Schwindel  gehabt,  der  sich  spaterhin 
wahrend  seiner  Beise  nach  Italien  wiederholte.  (Der  linke  Nasen- 
lugel  blieb  bis  zum  Tode  1835  collabirt.)  Bei  der  Section  fand 
iein  Freund  Cruveilhier  eine  hellgelbe  Narbe  an  der  iunern  Flaclie 
ler  rechten  Seitenhohle,  hinter  dem  Thalamus  opticus,  am  Ein- 
gange  des  hintern  Ilorns  (Fovea  digitata).  Eine  kleine  mit  zelligem 
araunlichem  Gewebe  gefullte  Hohle  hatte  in  der  grauen  Substanz 


832 


CEREBRALS  LAIIMUNGEN. 


des  rechten  Corp.  striatum  und  eine  ganz  ahnliche  im  grauen 
Kern  des  linken  Streifenliugels  ihren  Sitz  ( Cruveilhier  anat.  patho). 
Livr.  XX.  p.  11).  Auch  hier  hat  sich  bestiitigt,  dass  ausschliess- 
liche  Betkeiligung  der  grauen  Substanz  den  Yerlust  der  Motilitiit 
nicht  zur  Folge  hat,  da  Dupuytren  ausser  an  der  halbseitigen  Ge- 
sichtslahmung , auf  welche  die  vernarbte  Stelle  an  der  Wand  der 
gegenuberstehenden  Seitenhohle  bezogen  werden  kann,  niemals  an 
einer  andern  Paralyse  gelitten  hat. 

Das  seltne  Vorkommen  der  paraplektischen  Form  der  Hirnlah- 
mungen  ist  bereits  oben  erwahnt  worden.  Es  wiirde  noch  seltner 
sein,  wenn  in  den  mitgetheilten  Beobachtungen  mehr  Kritik  auf 
Annahme  der  Paralyse  verwendet  worden  ware:  allein  Immobilitat 
aus  Mangel  an  Willensimpuls,  Unregelmassigkeit  und  Unfahigkeit  der 
Bewegung  wegen  statischer  Storungen  sind  hier  mit  einbegriffen, 
so  wie  andrerseits  in  Fallen  yon  wirklichem  Verluste  der  Leitung 
in  beiden  Rumpfhalften  die  versaumte  Untersuchung  der  Wirbel- 
hohle  eine  genaue  Folgerung  unstatthaft  macht.  Desorganisationen 
und  Aftergebilde  im  verlangerten  Marke,  im  angranzenden  Cerebel- 
lum und  Pons  haben  ofters  Paraplegie,  mehr  oder  minder  vollstan- 
dig  in  ihrer  Begleitung,  so  wie  dies  zuweilen  auch  bei  gleichzeiti- 
ger  oder  successiver  Veriinderung  in  beiden  Hemispharen  des  gros- 
sen  oder  kleinen  Gehirns  der  Fall  ist.  Am  haufigsten  zeigt  sie 
sich,  besonders  Lahmung  der  untern  Extremitaten , im  chronischen 
Hydrocephalus  (Ygl.  S.  434).  „Auf  die  Fiisse  gestellt  stiirzen  sie 
ohne  l'remde  Hiilfe  auf  der  Stelle  zusammen;  yon  beiden  Seiten 
unterstutzt  versuchen  sie  wold  vorzuschreiten , allein  der  halbge- 
lahmte  Fuss  streift  schwerfallig  fiber  den  andern  und  die  Wade 
desselben  bleibt  auf  dem  Sckienbeine  des  andern  liegen,  ohne  weiter 
bewegt  werden  zu  kbnnen“  ( Golis  praktische  Abhandlungen  iiber 
die  yorzugiicheren  Krankheiten  des  kindlichen  Alters.  Wien  1818. 
2.  Bd.  S.  43). 

Naher  bekannt  als  mit  dem  Einllusse  des  Sitzes  ist  man  mit 
den  Modificationen  der  Lahmung,  welche  yon  der  Eigenthundickkeit 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


833 


der  sie  bedingenden  Gchirnkrankheit  abhangig  sind.  Verlauf  [der 
Paralyse  und  Beschaffenheit  der  gelahmten  Theile  zeigen  eine  Ver- 
schiedenheit , je  nachdem  Ruptur  der  motorischen  Centralfaserung, 
oder  Reizung,  oder  Druck,  oder  Atrophie,  oder  eine  Com- 
bination dieser  Zuslande  zu  Grande  liegt.  Falle  ohne  Compli- 
cation, von  chronischer  Dauer,  wo  die  Paralyse  der  isolirte  oder 
hervorstechende  Zug  ist,  sind  am  lehrreichsten.  Der  Schluss  der 
Krankheit  eignet  sich  nicht  zu  solchen  Beobachtungen,  weil  durch 
den  ganzlichen  Verfall  der  Hirnenergieen  die  specifischen  Attribute 
der  Lahmung  verwischt  werden. 

Lahmung  von  Ruptur  der  Faserung  entsteht  durch  Bluterguss 
in  der  Hirnsubstanz.  Sie  entwickelt  sich  nicht,  noch  nimmt  sie 
allmalich  zu  — von  Anfang  an  zeigt  sie  sich  auf  ihrer  Hohe  und 
hat  den  Karakter  der  Beharrlichkeit.  Die  Muskeln  fiihlen  sich  ge- 
wohnlich  schlatF  und  welk  an.  Nach  der  Behauptung  einiger  fran- 
zosischer  Aerzte  soil  zwar  bcim  Durchbruch  des  Blutextravasats 
nach  den  Ventrikeln  oder  nach  der  Oberflache  des  Gehirns  Con- 
tractur  der  gelahmten  Muskeln  eintreten  (Durand- Far  del  traite  du 
ramollissement  du  cerveau.  Paris  1843.  p.  195),  doch  habe  ich 
mich  in  zwei  genau  beobachteten  Fallen  davon  nicht  uberzeugen 
konnen.  Die  Sensibilitat  nimmt  selten  Theil  und  wenn  Aniisthesie 
vorhanden,  ist  sie  nicht  von  Bestand. 

Entziindungsheerde  in  der  Hirnsubstanz  setzen  eine  Desorganisa- 
tion  mit  Reizung,  welche  sich  in  der  davon  abhangigen  Lahmung 
unzweideutig  durch  folgende  Merkmale  ausspricht:  1)  Hinzutritt  spa- 
stischer  Erscheinungen  zu  den  paralytischen.  Steifheit  und  Con- 
tractur  der  Glieder  sind  die  hiiufigsten  und  wichtigsten,  entweder 
(li'ichtige  oder  beharrliche,  auf  einzehie  Muskelgruppen  beschrankt 
oder  auf  viele  ausgedehnt.  Selten  sind  convulsivische  Erschiitterun- 
gen  von  kurzer  Dauer.  2)  Veranderlichkeit,  Abwechslung  von 
Besserung,  stationiirem  Zustande,  Verschlimmcrung.  Zu  Zeiten 
werden  die  Finger  wicder  rege,  der  Kranke  kann  einen  starkern 
Druck  mit  der  Hand  ausiiben,  den  Arm  besser  heben,  das  Bein 


834 


CEREBRALE  LAIIMUNGEN. 


leichter  bewegen  — allein  schneller  oder  langsamer  findet  nicht 
nur  eine  Riickkehr,  sondern  auch  eine  Steigerung  dcr  Lahmung 
statt,  wovon  die  Ursache  gewohnlich  unerheblichen  Dingen  zuge- 
schrieben  wird,  wahrend  sie  im  Verlaufe  der  Krankheit  selbst.be- 
griindet  ist.  3)  Theilnahme  der  Sensibilitat:  Abnahme,  Yerlustdes 
Hautgefuhls,  Schmerzhaftigkeit,  welche  zur  Anasthesie  sich  gesellt, 
oder  auch  ohne  dieselbe  eintritt,  zumal  mit  den  Contracturen , und 
beim  Yersuche  das  Glied  auszustrecken  einen  hohen  Grad  erreicht. 
Auch  den  Folgen  der  Entzundung,  der  Erweichung  und  der  Ver- 
hartung,  kommen  diese  Karaktere  der  Lahmung  zu.  Einige  Bei- 
spiele,  welche  ich  meiner  Beobachtung  entnehme,  mogen  zur  Er- 
lauterung  dienen: 

Ein  sechs  und  sechszigjahriger  Mann  wurde  im  September  1835 
yon  einem  apoplektischen  Anfalle  mit  Lahmung  der  rechten  Seite, 
besonders  des  Arms,  getroffen,  wovon  er  mit  Ausnahme  einer 
Muskelschwache  des  Arms  nacli  einigen  Wochen  wieder  ge- 
nas.  Im  Anfange  Novembers  wiederholte  sich  der  Anfall.  Das 
rechte  Auge  stand  ofFen,  iiber  dem  linken  hing  das  obre  Lid  schlaff 
herab,  die  linke  Lippenfuge  war  abwarts  gezogen,  der  Kranke  war 
unfahig,  die  Zunge  aus  dem  Munde  zu  strecken  und  einen  articu- 
lirten  Laut  von  sich  zu  geben,  Arm  und  Fuss  der  rechten  Seite 
waren  gelahmt,  und  die  Muskeln  des  Arms  contrahirt,  so  dass  die 
Hand  gegen  den  Vorderarm,  der  letztere  gegen  den  Oberarm  ge- 
bogen  war.  Jeder  Versuch  die  Hand  oder  den  Arm  auszustrecken, 
war  sehr  schmerzhaft ; auch  schrie  der  Kranke  ofters  iiber  Schmer- 
zen  in  den  gelahmten  Gliedern  laut  auf.  Zuletzt  tiefer  Sopor,  De- 
cubitus, und  am  5.  December  der  Tod.  Bei  der  Section  land  ich 
braungelbe  Erweichung  des  linken  Corpus  striatum,  welches  seine 
streifige  Structur  ganz  verloren  hatte,  Erweichung  des  vordern 
Lappens  der  linken  Hemisphiire  des  grossen  Gehirns  bis  zur  Basis, 
und  eines  Theils  des  mittleren  Lappens.  Zwischen  Arachnoidea 
und  Pia  mater  des  grossen  Gehirns  war  ein  betrachtliches  seros- 
albuminbses  Exsudat  angesammelt. 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


835 


Eine  achtzigjiihrige  Frau  liatte  seit  zwei  Jahren  nach  einem 
apoplektischen  Anfalle  eine  Lahmung  des  rechten  Arms  und  Beins 
behalten.  Die  Sensibilitat  der  Glieder  war  ungestort,  so  wie  auch 
die  Reflexbewegung.  Beim  Kneifen  der  Haut  des  Vorderarms  zog 
•sich  der  Arm  zuriick,  was  die  Kranke  mit  dem  starksten  Willens- 
impulse  ausser  Stande  war  auszufiihren.  Auch  zeigte  sich  jedes- 
imal  beim  tiefen  Inspiriren  eine  rotirende  Bewegung  des  gelahmten 
(Oberarms,  welche  sich  auf  den  Vorderarm  fortsetzte.  In  dem  letz- 
ften  halben  Jahre  machte  sich  eine  Abnahme  der  Hemiplegie  be- 
imerkbar,  allein  die  intellectuelle  Kraft  war  gebrochen.  Am  11. 
Mai  1834  kehrte  der  apoplektische  Anfall  zuriick,  mit  vollkommner 
! Lahmung  des  rechten  Arms  und  Beins.  Dazu  hatte  sich  ein  neues 
"Symptom  gesellt.  Der  Kopf  war  nach  der  rechten  Schulter  so 
'Starr  herabgebogen,  dass  ich  mit  der  grossten  Anstrengung  ihn 
inicht  aus  dieser  Stellung  zu  bringen  yermochte.  Sprache  und 
‘‘Schlingvermogen  hatten  aufgehort:  mit  grosser  Miihe  streckte  sie 
i die  Zunge  heraus  und  lallte  einige  Laute;  alles  Genossne  kam  aus 
idem  Munde  zuriick,  oder  fiel,  krumen-  oder  tropfenweise  in  den 
ILarynx  und  veranlasste  suiFocatorische  Zufalle.  Am  14.  Mai  er- 
Ifolgte  der  Tod.  Die  Contraction  der  Halsmuskeln  dauerte  nocli 
acht  Stunden  .nach  demselben  fort.  Bei  der  Section  fand  ich  im 
Ihintem  Lappen  der  linken  Hemisphare  des  grossen  Gehirns  und 
dm  mittleren  Lappen,  in  der  Nahe  des  Thalamus  opticus,  eine 
teigenthiimliche  Desorganisation,  welche  ich  schon  mehreremal  an- 
.getrolfen  habe.  Die  Farbe  war  gelblich,  die  Consistenz  weich:  die 
'Schnittfiache  liess  sich  wie  Ilonig  ziehen,  die  Substanz  war  poros 
mnd  von  kleinen  Hohlen,  welche  das  Ansehen  der  sogenannten 
Augen  im  Schweizerkiise  hatten,  durchsetzt.  Das  linke  Crus  ce- 
rebri war  durch  und  durch  erweicht,  von  braunschwarzer  Farbe. 
Der  obre  vordre  und  obre  untre  Lappen  der  linken  Hemisphare 
des  kleinen  Gehirns  waren  zu  einer  sehr  weichen  blutgetrankten 
Masse  zergangen.  Diese  Desorganisation  verlor  sich  unmerklich  in 
die  gesunde  Substanz,  welche  von  einer  Menge  strotzender  Gelasse 

Roialiorg’s  Ncrvcukrankheitei)  I.  3.  55 


83G 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


durchzogen  war.  Der  vordre  Lappen  der  rechten  Hemisphere  des 
arossen  Gehirns  war  Sitz  einer  rothen  Erweichung  von  purpurfarb- 
nem  geflecktem  Ansehen.  Die  Gefassstamme  und  Aeste  des  Ge- 
hirns waren  grosstentheils  incrustirt.  Weder  an  der  Oberdache 
noch  in  den  Ventrikeln  fand  sich  ein  seroses  Exsudat  vor.  — 
Dieser  Fall  zeichnet  sich  durch  die  Contractur  der  Halsmuskeln 
auf  der  gelahmten  Seite  aus,  wodurch  der  Kopf  starr  abwiirts  ge- 
zogen  und  gehalten  wurde.  Dieselbe  Erscheinung  zeigte  sich  bei 
der  S.  311  beschriebnen  Kranken,  wo  eine  Erweichung  der  Hirn- 
substanz  im  hintern  Lappen  und  im  Thalamus  opticus  statt  fand. 
Bei  lebenden  Thieren  ist  nach  Durchschneidung  des  Hirnschenkels 
oder  des  Sehnervenhiigels  eine  iihnliche  Stellung  des  Kopfes  nach 
der  entgegengesetzten  Seite  beobachtet  worden. 

Eine  neun  und  vierzigjahrige , zuvor  gesunde,  kraftige  Frau, 
klagte,  als  ihre  Menstruation  unregelmassig  zu  warden  anting,  uber 
Schwindel,  Ohrensausen  und  Schwache  des  linken  Arms.  Im  Fe- 
bruar  1842  stellten  sich  Zuckungen  desselben  ein,  und  Zunahme 
der  Schwache  bis  zur  Lahmung.  Nur  mit  Hiilfe  der  rechten  Hand 
war  sie  im  Stande  den  linken  Arm  zu  heben:  die  Finger  waren 
in  steter  Contraction,  und  das  Hautgefuhl  war  zumal  an  der  Streck- 
seite  gering.  Die  Bewegungen  des  rechten  Arms  gingen  auch  et- 
was  schwer  von  Statten,  und  beide  untre  Extremitaten  versagten 
beim  Yersuche  aufzustehen  ihren  Dienst:  mit  Unterstiitzung  eines 
Andern  schleppte  sie  sich  einige  Schritte  fort,  wobei  die  Fiisse, 
wie  bei  hydrocephalischen  Kindern  sich  kreuzten.  (Aderlass,  wie- 
derholte  Application  von  Schropfkopfen  in  den  Nacken,  Ableitun- 
gen  auf  den  Darmkanal).  Gegen  Ende  des  Monats  zeigte  sich 
eine  auffallende  Besserung  in  der  Motilitat  und  Sensibilitat  des  lin- 
ken Arms,  welchen  die  Kranke  wieder  zu  heben  vermochte.  Die 
Contractur  der  Finger  hatte  aufgchort.  Am  10.  Marz  bemerkte 
man  psychische  Aufgeregtheit,  Zucken  der  Gesichtsmuskeln,  unruhige 
Bewegungen  mit  den  Armen.  Nach  einer  Veniisection  am  Fusse 
traten  die  Katamenien  reichlich  ein , allein  ohne  giinstige  Wirkung. 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


837 


Seitdem  gab  sich  eine  bedeutende  Abnahme  der  intellectuellen 
Kraft  kund,  schwere  Besinnlichkeit,  zogernde  Sprache,  haufige  Kla- 
gen  iiber  Schmerzen  im  Kopfe  und  in  den  Gliedern,  yon  solcher 
Heftigkeit,  dass  sie  laut  aufschrie.  Tobsiichtiges,  verworrenes  Spre- 
clien:  bald  schien  sie  ihre  Umgebungen  zu  kennen,  bald  nicht. 
Wiederholte  Dosen  von  Morphium  beruhigten.  Jetzt  zeigte  sich 
die  merkwiirdige  Erscheinung,  welche  ich  das  Eccho  genannt  habe 
(S.  564),  und  dauerte  bis  kurze  Zeit  vor  dem  Tode  fort:  die 
Kranke  wiederholte  monoton  die  in  ihrer  Nahe  gesprochnen  Worte, 
ohne  einen  Begriff  damit  zu  verbinden;  so  sprach  sie  jedesmal 
meine  Fragen  nach:  „zeigen  Sie  die  Zunge,  lieben  Sie  den  Arm 
auf“,  ohne  das  Geforderte  zu  thun.  Im  April  dauerte  das  Irresein 
fort,  unterbrochen  von  ruhigen  Tagen,  an  welchen  das  Bewusst- 
sein  klarer  war.  Die  Lahmung  und  Contractur  machten  grosse 
Fortschritte,  welche  besonders  im  linken  Arme  und  rechten  Beine 
hervortraten.  Aufrechtsitzend  im  Bette,  hatte  die  Kranke,  selbst 
wenn  sie  gestiitzt  wurde,  stets  eine  Neigung  vorne  uberzufallen. 
Im  Mai  gesellte  sich  Amaurose  beider  Augen  mit  Unbeweglichkeit 
der  miissig  erweiterten  Pupillen  hinzu.  Der  geistige  Zustand  wech- 
selte  zwischen  klarem  Bewusstsein  und  lautem  tobendem  Irrereden. 
Die  Paraplegie  war  vollstandig,  die  Contractur,  nur  auf  die  Finger 
beschrankt,  horte  in  den  letzten  Tagen  auf,  so  dass  die  Finger  und 
Arme  ohne  alles  Schmerzgefuhl  gestreckt  werden  konnten.  Auch 
kehrte  Ruhe,  Gediichtniss,  Bewusstsein  zuriick.  Am  25.  Mai  er- 
folgte  der  Tod  unter  den  Zulallen  der  Lungenlahmung.  Beide 
Ilemispharen  des  grossen  und  kleinen  Gchirns,  beide  Sehnerven- 
hiigel  und  gestreifte  Korper  waren  der  Sitz  emer  grossen  Zahl, 
auf  zwanzig  sich  belaufender  Entziindungsheerde , auf  verschiednen 
Stufen  der  Entwicklung,  mit  einfacher  Injection  und  Zunahme  der 
Consistenz,  mit  dunkelrother  Farbe  und  beginnender  Erweichung, 
mit  mattweisser  Farbe  und  breiiger  Weichheit.  Einige  waren 
schon  in  Abscessbildung  iibergegangen  und  von  einer  eignen  Mem- 
bran  eingeschlossen.  In  einem  Heerde  in  der  Mitte  der  rechten 

55* 


838 


CEREBRALE  LAIIMUNGEN. 


Hemisphare  des  grossen  Gehirns  war  ein  Blutextravasat  enthalten, 
welches  sich  in  einen  diinnen  serosen  und  einen  klumpigen  geron- 
nenen  Theil  geschieden  hatte.  Der  Umfang  war  verschieden,  von 
der  Grosse  einer  Erbse  bis  zu  der  eines  Viergroschenstiicks. 
Die  Form  bei  den  meisten  rund,  bei  einigen  oval.  Am  reichlich- 
sten  waren  die  kleineren  in  die  Streifenhugel  eingesprengt. 

Eine  aclit  und  zwanzigjahrige , friiher  gesunde  Frau,  Hess  nacb 
einer  vor  mehreren  Jahren  stattgehabten  Verletzung  ihres  Kopfes 
durch  Anstossen  an  eine  eiserne  Stange  eine  psychische  Veriin- 
derung  wahrnehmen.  Ihr  Frohsinn  verschwand;  sie  ward  lassig, 
murrisch,  argwohnisch  gegen  ihren  Mann.  Eine  unbesiegbare  Mii- 
digkeit  iiberwaltigte  sie  otters  am  Tage,  so  dass  sie  sitzend  einzu- 
schlafen  pflegte.  Heftiges  driickendes  Kopfweh  kehrte  in  unbestimm- 
ten  Zwischenraumen  wieder,  bielt  Tage,  selbst  Wochenlang  an, 
nahm  durch  die  Kalte  ab,  wurde  bei  heisser  Witterung  unertrag- 
lich.  In  den  ersten  Tagen  des  Decembers  1838  verlahmte  der 
Kranken  beim  Brodschneiden  plotzlich  die  linke  Hand  und  gerieth 
in  zitternde  Bewegung,  doch  achtete  sie  weniger  darauf,  da  diese 
Erscheinung  bald  wieder  von  selbst  verschwand.  Am  21.  Decem- 
ber trat  ein  ernstlicherer  Anfall  ein.  Die  Kranke  war  sitzend  ein- 
geschlafen,  den  Kopf  am  warmen  Ofen  gelehnt.  Beim  Erwachen 
konnte  sie  weder  Arm  noch  Fuss  der  linken  Seite  riihren,  die 
Sprache  war  langsam  mid  schwer,  obgleich  die  Zunge  beim  Aus- 
strecken  ihre  grade  Richtung  behielt.  Das  linke  obere  Augenlid 
war  mehr  als  das  rechte  gesenkt,  der  Mund  etwas  nach  der  rech- 
ten  Seite  gezogen.  Der  Kopf  war  heiss  und  die  Gesichtsfarbe 
roth  (Aderlass,  kalte  Umschlage,  Abfuhrungsmittel).  Yon  Tag  zu 
lag  schwanden  rasch  wieder  die  Symptome  der  Lahmung.  Es 
kehrte  zuerst  am  Fusse,  dann  an  der  Hand  das  Bewegungsvermo- 
gen  zuriick,  und  zwar  an  letzterer  vom  kleinen  Finger  anfangend 
und  von  lunger  zu  Finger  bis  zum  Daumen  allmahlich  fortschreitend. 
Die  Sprache  ward  ebenfalls  gelaufiger.  Doch  schon  am  zehnten 
Tage  nach  diesem  Anfalle  schien  ein  Recidiv  zu  drohen:  das  Gehen 


CEREBRALE  LAHMUNGEN.  ' 839 

ward  miiksamer,  das  linke  Augenlid  senkte  sick,  der  Puls  wurde 
frequent.  Nach  einem  Aderlasse  trat  alles  wieder  in’s  Geleise.  Ein 
zweiter  keftiger  Anfall  stellte  sick  am  19.  Fekruar  1869  ein.  Man 
fand  die  Kranke  auf  dem  Bette  an  der  reckten  Seite  gelakmt;  das 
reckte  Auge  war  erklindet  und  die  Zunge  unkeweglick.  Das  Be- 
wusstsein  wurde  von  Tag  zu  Tag  sckwacker:  jede  Frage  ward  mit 
einem  monotonen  Ja  und  zuletzt  gar  nickt  mekr  keantwortet.  Die 
Immobilitat  der  Glieder  keider  Rumpfhalften  weckselte  mit  Zittern 
und  Zuckimgen,  welcke  in  den  letzten  Wocken  des  Lekens  sick 
kesonders  keftig  zur  Nacktzeit  einfanden  und  auck  auf  die  Brust- 
mu skein  iibergingen.  Am  11.  Marz  nakmen  auck  die  Gesicktsmus- 
keln  Tkeil  und  zwar  auf  die  Weise,  dass  die  Kranke  nack  jeder 
Anregung,  sei  es  durck  Anrede  oder  durck  Bewegung  eines  Glie- 
des,  keftig  zu  lacken  kegann.  Am  18.  Marz  erfolgte  der  Tod  nack 
vorker  eingetretenem  Sopor.  Bei  der  am  folgenden  Tage  vorge- 
nommenen  Section  fand  sick  in  der  reckten  Hemisphere  des  grossen 
Gekirns  eine  ganzlicke  Erweickung  und  graugelke  Farke  des  Cen- 
traltkeils.  Eine  aknlicke  Desorganisation  katte  in  der  linken  Hemi- 
spkare ikren  Sitz,  jedock  yon  grosserem  Umfange,  bis  nack  der 
Basis,  und  in  den  Seknervenkiigel  sick  erstreckend. 

Man  hat  zwar  gegen  das  Einmiscken  der  Merkmale  der  Reizung 
in  die  von  Hirnerweickung  akkangige  Lakmung  Zweifel  und  Ein- 
wiirfe  erkoken,  allein  versaumt  in  patkologiscker  Hinsickt,  wie  es 
auck  in  anatomiscker  gesckeken,  die  versckiedenen  Zustiinde  der 
Erweickung  gekorig  zu  untersckeiden.  Okgleick  ick  im  Akscknitte 
fiber  die  Bildungskrankkeiten  der  Nervenapparate  ausfiikrlicker  dar- 
auf  zuriickkommen  werde,  so  geniige  es  kier  anzudeuten,  dass  in 
einer  Art  der  Erweickung  Exsudat  gerinnfakiger  Stoffe  vorkanden 
ist,  und  die  mikroskopiscke  Untersuckung  von  Valentin,  Gluge  und 
inskesondere  Bonnet  Exsudatkorpercken  und  Aggregate  von  Kor- 
nern  etc.  nackgewiesen  kat.  In  der  nickt  geringen  Zakl  soldier  genau 
kesckriebenen  Fallc  kat  Bennet  stets  die  Reizungssymptome,  zumal 
/ die  Contractur  im  Verein  mit  der  Lakmung  keobacktet  (Vgl.  Bennet 


840 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


Pathological  and  histological  researches  on  inflammation  of  the  ner- 
vous centres.  Edinburgh  1843  p.  78).  Diese  entziindliche  Erwei- 
chmig  gesellt  sich  sehr  oft  zu  andern  Desorganisationen  des  Gehirns, 
zu  hamorrhagischen  Cysten,  Geschwiilsten  etc.,  und  giebt  entweder 
iiberhaupt  erst  zum  Eintritte  der  cephalitischen  Lahmung  oder, 
wenn  bereits  Paralyse  vorhanden  war,  zu  den  oben  geschilderten 
Erscheinungen,  einzelnen  oder  mehreren,  Anlass. 

Lahmung  von  Compression  des  Gehirns  ist  gewohnlich  durch 
allmahliche  Entwickelung  und  durch  die  Verbindung  mit  Convulsio- 
nen,  ortlichen  und  allgemeinen,  karakterisirt.  Die  Eigenthiimlich- 
keit,  der  Sitz  und  Umfang  der  comprimirenden  Geschwulst  mid 
andererseits  die  Beschaffenheit  der  umgebenden  Hirnsubstahz  haben 
einen  unverkennbaren  Einfluss.  Carcinomatose  Geschwiilste  zeich- 
nen  sich  oft  durch  heftige  Schmerzen  in  den  gelahmten  Theilen  aus, 
die  nebst  intensivem  Kopfschmerz  zuweilen  langere  Zeit  der  Para- 
lyse vorangehen.  Die  von  mir  behandelte  fiinf  und  vierzigjahrige 
Frau  eines  hiesigen  Malers  litt  seit  acht  Jahren  an  heftigen  reissen- 
den  Schmerzen  in  der  rechten  Seite  des  Kopfes,  so  wie  auch  im 
linken  Arm  und  Beine,  clessen  Kraft  der  Bewegung  seit  einiger 
Zeit  abgenommen  hatte.  Im  November  und  December  1838  schritt 
die  Hemiplegie  weiter  vor:  die  Kranke  konnte  den  Arm  nur 
bis  zu  einer  gewissen  Hohe  heben,  und  schleppte  den  Fuss  nach. 
Schneller  und  kraftiger  gingen  die  Reflexbewegungen,  beim  Kneifen, 
Kitzeln  der  Ilaut  vor.  Die  Klagen  fiber  Schmerzhaftigkeit  der 
gelahmten  Glieder,  zu  welcher  sich  auch  tliichtige  Contracturen,  be- 
sonders  des  linken  Kniees  gesellten,  dauerten  fort.  Im  Kopfe  bat- 
ten die  Schmerzen  seit  Eintritt  der  Paralyse  nachgelassen.  Das 
Bewusstsein  blieb  ungestort,  die  Sprache  wurde  trage  und  zogernd. 
Zuletzt  vollstandiger  Verlust  der  Motililat  im  linken  Arm  und  Bein, 
Aufhbren  der  Schmerzen  und  Contractor,  Tod  am  15.  Februar 
18ot),  nach  vorangegangener  Haemoptysis.  Bei  Eroffnung  der  Schii- 
delhohle  fand  ich  die  Dura  mater  an  mehreren  Stellen  fest  am 
Knochcn  adharirend,  besoiiders  in  der  Gegend  des  hintern  Xappens 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


841 


der  rechten  Hemisphare  des  grossen  Gehirns.  Hier  war  der  Kno- 
chen  auf  seiner  inneren  Flache  rauh,  wie  wurmstichig.  Die  Mem- 
branen  waren  an  dieser  Stelle  auf’s  festeste  miteinander  und  der 
Hirnsubstanz  yerwaehsen.  Die  letztere  zeigte  sich  in  dem  Umfange 
eines  halben  Eies  in  eine  carcinomatose  blaulich-weisse  Masse,  mit 
eingesprengten  harten  Kernen  verwandelt,  wovon  einzelne  Stiicke 
in  Zapfenform  an  der  abgelosten  Dura  mater  hafteten.  Im  Um- 
kreise  dieser  Desorganisation  began n eine  Erweichung  des  Gehirns 
die  den  grossern  Theil  des  hintern  und  mittlern  Lappens  einnabm, 
und  sich  bis  zum  Niveau  des  Ventrikels  erstreckte  und  die  angran- 
zenden  Schichten  des  Thalamus  opticus  und  zum  Theil  auch  des 
gestreiften  Korpers  in  eine  Crehne  ahnliche,  mit  dem  Skalpellhefte 
leicht  wregzuwischende  Masse  umgewandelt  hatte. 

Bei  Tuberkelgeschwiilsten,  welchen  das  kindliche  Lebensalter  am 
meisten  ausgesetzt  ist,  kommen  Convulsionen  am  haufigsten  vor, 
als  Yorboten  oder  Begleiter  der  Lahmung,  nach  meiner  Beobach- 
tung  besonders  dann,  wenn  das  grosse  Gehirn  Sitz  derselben  ist. 
Das  auffallendste  Beispiel  sah  ich  im  Jahre  1836  bei  einem  sieben- 
jahrigen  Knaben,  welcher  von  Geburt  an  Lahmung  des  rechten 
Arms  und  Fusses,  bei  unbetheiligter  Sensibilitat , an  epileptischen 
Anfallen,  worm  auch  die  paralytischen  und  abgemagerten  Glieder 
von  Zuckungen  befallen  wurden,  an  Idiotismus  und  Sprachlosigkeit 
gelitten  hatte.  Der  Tod  erfolgte  an  Meningitis.  Zwischen  Arachnoidea 
und  Pia  mater  der  linken  Hemisphare  des  grossen  Gehirns  fand  sich 
ein  betrachtliches  seros-albuminoses  Exsudat.  Das  Gehirn  selbst 
erschien  von  normalem  Bau:  die  fasrige  Structur  war  wegen  der 
festen  Consistenz  so  deutlich  und  schon,  dass  Professor  Henle,  wel- 
cher die  Giite  hatte  die  Section  zu  machen,  bedauerte,  dieses  Ge- 
hirn nicht  zur  anatomischen  Demonstration  benutzen  zu  konnen. 
Und  Idiotismus!  Doch  stellte  sich  bei  der  weitern  Untersuchung  we- 
nigstens  der  Grund  der  Ilemiplegie  heraus:  in  der  Mitte  des  linken 
Grosshirnschenkels  hatten  zwei  eingekapselte  Tuberkel,  von  der 
Grosse  einer  dicken  Erbse,  in  der  Entfernung  eines  viertel  Zolls 


842 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


von  einander  ihren  Sitz.  Es  geht  auch  aus  diesem  Falle  hervor, 
wie  nothwendig  es  ist,  auf  dieses  wichtige  Gebilde,  welches  von 
alien  Faserzugen  nach  und  von  dem  Grosshirn  durchsetzt  wird,  die 
Aufmerksamkeit  zu  richten. 

Grad  und  Ausbreitung  der  durch  Druck  bedingten  Lahmung 
sind  nicht  bloss  von  der  Raumlichkeit  des  comprimirenden  Anlasses, 
worauf  man  am  meisten  Gewicht  zu  legen  pflegt,  abhangig:  von 
grosserer  Bedeutung  diirfte  wold  die  Richtung  sein,  in  welcher  der 
Druck  wirkt.  Die  Aufklarung  dieses  Gegenstandes  aus  dem  noch 
dunkeln  Gebiete  der  Mechanik  der  Hirnactionen  wiirde  durch  Ver- 
suche  an  lebenden  Thieren  vorbereitet  werden  konnen.  Aus  meh- 
reren  genauen  pathologischen  Beobachtungen  ergiebt  sich,  dass  der 
Druck  von  unten  nach  oben  nur  ausnahmsweise  paralysirend  wirkt, 
wahrend  dieser  Einfluss  bei  entgegengesetzter  Richtung  gewohnlich 
ist.  Zum  Belege  dienen  die  Geschwiilste  der  Glandula  pituitaria, 
die  zuweilen  einen  solchen  Umfang  erreichen,  dass  sie  die  oberhalb 
gelegenen  Theile,  Seitenhohlen,  Seh-  und  Streifenhiigel  aus  ihrer 
Lage  verdrangen.  So  war  ich  im  October  1822  bei  der  Section 
einer  funfzigjahrigen  Frau  zugegen,  welche  seit  langrer  Zeit  an 
Amaurose  beider  Augen,  an  Fatuitat,  und  in  den  beiden  letzten 
Monaten  ihres  Lebens  an  epileptischen  Anfallen  gelitten  hatte,  die 
besonders  in  der  Nacht  eintraten.  Von  Lahmung  hatte  sich  keine 
Spur  gezeigt.  Eine  Geschwulst  von  dem  Umfange  eines  kleinen 
Apfels  sass  auf  dem  hintern  Theil  der  Lamina  cribrosa  des  Sieb- 
beins  und  auf  der  Sella  turcica  dergestalt  fest , dass  die  Ablosung 
nur  unvollstandig  statt  hatte.  Sie  wog  vier  Unzen  und  bestand  aus 
einem  knorpelharten,  gelblichen,  mit  weissen  und  blaulichen  Streifen 
durchzogenen  Gewebe.  Die  Glandula  pituitaria  und  das  Chiasma 
der  Sehnerven  war  nicht  zu  unterscheiden.  Nach  oben  hatte  die 
Geschwulst  einen  so  starken  Druck  ausgeiibt,  dass  die  Seitenhohlen 
des  Gehirns  auf  das  Lumen  eines  Catheters  verengt  waren.  Im 
Umkreise  zeigten  sich  die  vordern  Lappen  grosstentheils  erweicht, 
und  boten  dieselbe  BeschafFenheit  dar,  welche  ich  S.  835  geschil- 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


843 


dert  habe.  Die  Thai.  opt.  und  Corp.  striata  waren  von  weicher  Consi- 
stenz  und  abgeplattet.  — In  dem  Mangel  an  Lahmung  stimmen  auch 
die  yon  Engel  in  seiner  Schrift  iiber  den  Hirnan bang  und  den 
Trichter  (Wien  1839)  angefuhrten  Falle  (S.  23 — 28)  mit  diesem 
uberein  und  erinnern  an  die  an  peripherischen  Nerven  gemachte 
Beobachtung,  dass  wenn  sie  oberhalb  einer  Gescbwulst  verlaufen 
und  allmahlich  gedehnt  werden,  keine  Unterbrechung  ihrer  Functio- 
nen  statt  findet  (Vgl.  S.  709).  Dass  auch  eine  Yerschiedenheit  in 
der  Wirkung  des  Druckes  yorhanden  ist,  je  nachdem  die  compri- 
mirende  Geschwulst  eine  longitudinale  oder  transversale  Richtung 
inne  hat,  lasst  sich  aus  den  Yersuchen  yon  Flour ens  vermuthen, 
wonach  ein  Unterschied  in  den  Folgen  von  Lange-  und  Queer- 
-schnitten  des  grossen  Gehirns  bemerkbar  ist;  bei  jenen  stellen  sich 
cbe  Functionen,  wie  bedeutend  sie  im  Anfange  gestort,  selbst  ver- 
nichtet  sein  m5gen,  wieder  her,  bei  diesen  niemals  (Recherches  ex- 
perimentales  sur  les  proprietes  et  les  fonctions  du  systeme  nerveux 
dans  les  animaux  vertebras.  2.  edit.  Paris  1842.  p.  107).  Endlich 
kommt  bei  der  paralysirenden  Action  des  Iiirndruckes  sehr  viel  auf 
die  Beschaffenheit  der  umgebenden  Hirnsubstanz  an.  So  wie  durch 
Entzundung  und  Erweichung  derselben  die  Lahmung  modificirt,  ge- 
steigert,  ja  selbst  plotzlich  hervorgerufen  werden  kann,  so  ist 
Schwinden  der  nahen  Hirnsubstanz  Schuld,  dass  selbst  eine  grosse 
i Geschwulst  lange  Zeit  ohne  oder  mit  nur  schwachen  Symptomen 
der  Paralyse  geduldet  wird. 

Die  Lahmung  yon  Hirnatrophie  ist  angeboren  oder  im  ersten 
Lebensjahre  nach  vorangegangnen  Convulsionen  entstanden,  und 
dauert  unverandert  das  Leben  bindurch.  Ihre  Form  ist  cbe  hemi- 
plektische,  vollstandig  oder  unvollstandig:  in  letzterm  Falle  ist  die 
obre  Extremitiit  starker  geliihmt  als  die  untre.  Nur  selten  beschrankt 
-sie  sich  auf  ein  einzelnes  Glied.  Gewobnlich  ist  die  Sensibilitat  er- 
balten.  Iiaufig  sind  Contracturen  vorhanden,  mit  Uebergewicbt  der 
iFIexoren.  Bestiindiger  Begleiter  und  daber  pathognomonisch  ist 
die  Atrophie  der  gelabmten  Tlieile,  in  einem  solchen  Grade,  wie 


844 


CEREBRALE  LAIiMUNGEN. 


sie  bei  keiner  andern  Lahmung  angetroffen  wird.  Die  Glieder  sind 
verkiimmert,  kiirzer  und  diinner  als  die  gesunden,  und  in  den  ein- 
zelnen  Theilen  nicht  vollkommen  entwickelt.  Nicht  bloss  Zellgewebe 
und  Muskelfasern,  auch  Ligamente  und  Knochen  nehmen  an  der 
Atrophie  Theil.  Im  Gehirne  dieser  Paralytischen  findet  man  Atro- 
phie  oder  Mangel  einzelner  Theile,  am  haufigsten  des  Sehnerven- 
hiigels,  gestreiften  Korpers,  der  Hirnwindungen , seltner  ganzer 
Lappen.  Zugleich  findet  sich  Verandrung  der  Consistenz  und  Farbe 
vor,  gewohnlich  Verhartung  und  gelbliches  Colorit.  Der  leere 
Raum  wird  durch  serose  Fliissigkeit  ausgefullt:  nicht  selten  ist  auch 
die  inure  Tafel  der  Schadelknochen  verdickt.  In  dem  Befunde  der 
Nervenstamme  der  paralytischen  Glieder  stimmen  die  Beobachter 
nicht  iiberein:  einige  fanden  sie  dicker,  harter,  yon  gelblicher  Farbe, 
andre  yon  normaler  Structur. 

Von  einer  Atrophie  des  Gehirns,  in  der  etymologischen  Bedeu- 
tung  des  Wortes,  ist  die  Lahmung  abhangig,  welche  nach  Unter- 
bindung  der  Carotis  communis  an  der  entgegengesetzten  Seite,  in 
der  ersten  Woche  nach  der  Operation  und  andauernd  bis  zum 
Tode,  beobachtet  worden  ist.  In  einigen  Fallen  wurde  gleichzeitig 
Erweichung  oder  Atrophie,  in  andern  keine  Desorganisation  des 
Gehirns  vorgefunden.  So  zeigt  sich  in  dem  auf  dem  hiesigen  Museum 
aufbewahrten  Gehirne  einer  Kranken,  bei  welcher  Graefe  die  linke 
Carotis  unterbunden  hatte  und  wo  acht  Tage  nach  der  Operation 
cine  Lahmung  der  rechten  Seite  eingetreten  war,  die  Carotis  bis 
zu  ihrem  Eintritt  in  den  Circulus  Willisii  obliterirt,  und  die  Hirn- 
substanz,  welche  die  linke  Fossa  Sylvii  umgiebt,  in  eine  Wasser- 
blase  verwandelt.  In  dem  einen  der  von  Dohlhoff  genau  beschrieb- 
nen  Falle  war  nach  Unterbindung  der  rechten  Carotis  am  achten 
Tage  Lahmung  des  linken  Mundwinkels,  des  linken  Arms,  Beins, 
und  der  Lrinblase  eingetreten.  Der  Tod  erfolgte  am  drei  und 
zwanzigsten  nach  der  Operation.  Bei  der  Section  hind  sich  das 
Lumen  der  rechten  Carotis  urn  die  Halite  enger  als  das  der  linken, 
und  eine  Erweichung  im  Centrum  semiovale  dcr  rechten  Hemi- 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


845 


sphiire  und  im  gestreiften  Korper.  Bei  der  andern  Kranken  war 
am  dritten  Tage  nach  der  Ligatur  der  rechten  Carotis  Lahmung  des 
linken  Armes  und  Beines  eingetreten.  Der  Tod  erfolgte  am  fiinf- 
ten  Tage.  Die  Eroffiiung  der  Kopfhohle  zeigte  eine  grosse  Ueber- 
fiillung  sammtlicher  Theile  mit  Blut ; ein  Unterschied  zwischen  der 
rechten  und  linken  Halfte  des  Gehirns  fand  nicht  statt  ( Rust’s  Ma- 
gazin  fur  die  gesammte  Heilkunde.  39.  Band.  1838.  S.  501 — 540). 

Ein  ahnliches  Resultat  ergab  sich  bei  Unterbindung  der  Verte- 
bralarterien  in  Astley  Coopers  Versuchen  an  lebenden  Thieren: 
beide  Vorderbeine  oder  nur  eines  wurde  gelahmt,  je  nachdem  beide 
Arterien  oder  nur  eine  impermeabel  gemacht  wurden.  Auch  hatte 
die  blosse  Compression  mit  dem  Finger  ahnliche  Wirkung  (Guys 
Hospital  Reports  Vol.  I.  p.  463).  Dieser  Umstand  erinnert  an  die 
therapeutischen  Beobachtungen  von  der  Compression  einer  oder 
beider  Carotiden  in  verschieclnen  Nervenkrankheiten,  die  yon  einem 
der  glaubwiirdigsten  und  genauesten  Forscher,  C.  H.  Parry , schon 
vor  sechzig  Jahren  angestellt  worden  sind.  In  folgendem  Falle  trat 
dieser  Einfluss  besonders  deutlich  hervor. 

Eine  51  jahrige  Wittwe  wurde,  nachdem  sie  an  einem  Februar- 
tage  in  einem  sehr  kalten  imgeheizten  Zimmer  gesessen  hatte,  von 
Erstarrung  der  linken  Seite  mit  Taubheit  befallen.  Diese  Zufalle 
liessen  bald  nach,  allein  das  linke  Ohr  wurde  sehr  empfindlich  ge- 
gen  jedes  Gerausch,  und  Zingern  und  Kribbeln  stellte  sich  in  den 
Fingern  der  linken  Hand  ein.  Die  Motilitat  war  ungestort.  In 
sechs  Wochen  delmte  sich  die  Erstarrung  auf  die  rechte  Seite  aus. 
Vesicatore  wurden  auf  den  Riicken  und  auf  die  inure  Seite  des 
linken  Armes  oberhalb  des  Ellenbogens  yerordnet.  Die  letztern 
brachten  nur  Entzundung  ohne  Blase  hervor.  Danach  fiihlte  die 
Kranke  die  Muskeln  des  Oherarms  wie  zusammengezogen  und  steif. 
Diese  Empfindung  verbreitete  sich  iiber  Nacken  und  Kopf,  dann 
iiber  den  ganzen  Korper,  so  dass  sie  auf  beiden  Seiten  nicht  gut 
liegen  konnte.  Jetzt  bekam  sie  auch  von  Zeit  zu  Zeit  fliegende 
Ilitze  im  Kopf  und  Gesicht  mit  einem  wogenden  Gerausch  im  Hin- 


846 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


terhaupt.  Das  Gefuhl  von  Spannung  blieb , wobei  die  Sensibilitat 
noch  erhoht  war.  Die  kalte  Luft  war  der  Haut  unangenehm,  der 
feinste  Flanell  rauh,  das  Stechen  mit  einer  Stecknadel  ausserst 
schmerzhaft.  Bald  darauf  machten  sich  Vibrationen  in  gewissen 
Partieen  der  Beugemuskeln  des  Vorderarms  und  im  Deltoideus  des 
linken  Arms  bemerkbar,  welche  anhielten,  so  lange  sich  das  Glied 
in  der  gewohnlichen  Stellung  befand,  und  der  Yorderarm  und  die 
Hand  auf  dem  Schoosse  ruhten.  Wurde  der  Arm  stark  abwarts 
gestreckt,  so  horten  die  Oscillationen  in  den  Flexoren  auf,  dauer- 
ten  im  Deltoideus  fort;  auch  wenn  der  Arm  nach  vorn  extendirt 
wurde,  verschwanden  sie,  kehrten  aber  bei  Erschlaffung  der  Mus- 
keln  sofort  zur’uck.  Die  Vibrationen  waren  von  verschiedner  Fre- 
quenz,  doch  ziemlich  regelmassig,  gewohnlich  80  in  der  Minute, 
wie  auch  die  Pulsschlage.  Nach  jeder  Erhitzung  und  Anstrengung 
nahmen  sie  an  Frequenz  und  Intensitat  zu.  Der  Puls  der  Caroti- 
den  war  sehr  voll  und  kraftig,  imd  cliese  Arterien  selbst  ungewohn- 
lich  erweitert.  Die  Kranke  klagte  liber  spanrienden  Schmerz  im 
Kopfe  und  Kalte  in  den  Fiissen.  Der  Stuhlgang  war  trage,  der 
Urin  veranderlich  blass.  Parry  sagte  vorher,  dass  ein  Druck  auf 
die  rechte  Carotis  diesen  Zufall  heben  wurde,  dagegen  nicht  auf 
die  linke.  Und  so  war  es  auch  bei  jeclesmaliger  Compression. 
Diese  Versuche  wurden  spater  an  der  Kranken,  als  sie  in  London 
sich  aufhielt,  von  Matthew  Baillie  mit  demselben  Resultate  wieder- 
holt.  Im  Jahre  1786  behandelte  Parry  eine  Kranke  an  wie- 
derholten  Anfallen  von  heftigem  Kopfschmerz,  Delirien,  Con- 
vulsionen,  welche  so  stark  waren,  dass  kaum  drei  Menschen  sie 
zu  halten  vermochten.  Die  Carotiden  wurden  comprimirt,  eine 
oder  beide,  und  augenblicklich  horten  alle  Zulalle  auf.  Der  blosse 
Druck  aul  die  Haut  war  nicht  Schuld,  denn  berlihrte  der  Finger 
eine,  andre  ^hdle  als  die  Carotis,  so  blieb  der  Erfolg  aus.  Parry 
versichert  millelst  dieser  Compression  der  Carotiden,  welche  am 
)eslen  \errichlet  wird,  indem  man  oberhalb  der  Spitze  der  Carti- 
ag°  CriC0ldea  ,Tlit  dem  Daumen  gegen  die  Ilalswirbel  druckt,  in 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


847 


raehr  als  zwanzig  Jahren  eine  Menge  yon  Hirnaffectionen  geheilt 
zu  haben,  welche  den  gewohnlichen  Mitteln  Widerstand  geleistet 
hatten  (Vgl.  Memoirs  of  the  medical  society  of  London.  1792.  Vol.III. 
und  Philosophical  transactions  for  the  year  1811.  Part  I.  p.  89).  Auch 
theilt  er  instructive  Bemerkungen  uber  den  Puls  der  Carotiden  in 
Nervenkrankheiten,  und  iiber  deren  Erweiterung  als  disponirendes 
Moment  mit,  welche  yon  Seiten  eines  so  grundlichen  Kenners  des 
Arterienpulses  um  so  mehr  unser  Vertrauen  verdienen  (Collections 
from  the  unpublished  medical  writings  of  the  late  Caleb  Hillier 
Parry.  Vol.  I.  London  1825.  p.  318).  Jedenfalls  steht  uns  in 
der  Compression  der  Carotiden  und  in  der  Regulirung  der  Athem- 
bewegungen  ein  Weg  often,  auf  welchem  wir  unmittelbarer  auf  das 
Gehirn  einwirken  konnen,  als  auf  jedem  andern.  Wie  die  Athem- 
bewegungen  zu  diagnostischem  Behufe  yerwendet  werden  konnen, 
ist  S.  161  angedeutet.  Dass  tiefe  Inspirationen  den  Ausbruch  von 
Convulsionen  hemmen  konnen,  Iehrt  der  S.  491  geschilderte  Fall, 
und  so  lasst  sich  auch  ymr  ^ehoriger  Anwendung  der  Compression 
Nutzen  erwarten  *). 

Impermeabilitat  der  Hirnarterien  muss  wohl  unstreitig  als  eine 
fruchtbare  Ursache  von  cerebralen  Lahmungen  betrachtet  warden, 
allein  es  fehlte  bisher,  weil  die  Aufmerksamkeit  durch  die  gewohn- 
lich  begleitenden  Zustiinde,  Blutergiisse,  hamorrhagische  Cysten, 
Erweichung,  Atrophie  abgezogen  wird,  an  lehrreichen  Beobachtun- 
gen.  Vor  kurzem  hat  Hasse  zwei  Falle  dieser  Art  mit  instructiven 
Bemerkungen  in  Henle’s  und  Pfeufers  Zeitschrift  fur  rationelle  Me- 
dicin  1845.  4.  Band.  1.  Heft  S.  91  mitgetheilt.  Auch  ward  in  den 
Befunden  selbst  nur  auf  die  Incrustation  und  Verkndcherung  der 
Arterienstiimme  und  Aeste  Werth  gelegt,  dagegen  die  in  Folge 
von  Verengerung  und  Obliteration  der  Gefasseinmiindungen  entstan- 
dene  palhogenetisch  so  wichtige  Yerschliessung  der  Zweige  nicbt 


*)  Der  im  Klinicum  miltelst  eines  eigneri  Compressoriums  angestellten 
Versuche  werde  ich  ira  zweilen  Baade  dieses  Lehrbuchs  erwahnen. 


848 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 

erwahnt,  iinter  denen  die  reichlich  in  die  Streifenhugel  eindringen- 
den  fur  die  Untersuchung  am  zugiinglichsten  sind. 

Der  entgegengesetzte  Zustand,  Congestion  oder  Hyperamie  des 
Gehirns  hat  als  Quelle  der  Lahmung  eine  so  verbreitete  und  ge- 
laufige  Annahme  bei  Aerzten  und  Laien  gefunden,  dass  die  Kritik 
einen  um  so  schwierigeren  Stand  hat,  woriiber  in  der  allgemeinen 
Pathologie  der  Nervenkrankheiten  ein  Mehreres.  Ohue  viel  Gewicht 
auf  die  Blutiiberfullung  an  der  Oberflache  des  Gehirns,  bei  den  be- 
stehenden  Verhaltnissen  der  Circulation  in  der  Schadelhohle  zu  le- 
gen,  konnen  wir  der  Hyperamie  der  Hirnsubstanz,  zumal  der  ort- 
lichen  ihre  Bedeutung  nicht  absprechen.  So  findet  man  nicht  selten 
bei  Leichenoffhungen  eine  umschriebene  betrachtliche  Injection  mit 
kleinen  punktformigen  Extravasaten,  welche  den  in  der  Nahe  be- 
fmdlichen  Bluterguss  andeutet:  eine  solche  diirfte  als  Molimen  hae- 
morrhagicum  sich  mehreremal  wiederholt  und  jenen  fliichtigen  An- 
fallen  von  Lahmung  zu  Grunde  gelegen  baben,  wie  sie  offers  bei 
Ilypertrophieen  des  Aortenventrikels  aufzutreten  pllegen. 

Hirnlahmung  mit  regelmassigem  periodiscbem  Typus  kommt 
ausserst  selten  vor.  So  ist  eine  Hemiplegia  intermittens  als  Beglei- 
terin  der  Comitata  apoplectica  einigemal  beobacbtet  worden  ( Werl- 
hof  opera  medica  edit.  Wichmann.  p.  66). 

Die  cerebralen  Lahmungen  sind  wie  die  peripherischen  und  spi- 
nalen  von  Storungen  des  Antagonismus  und  der  symmetrischen  Sta- 
tik  begleitet.  In  der  Kenntniss  dieser  Erscheinungen  baben  wir 
\on  der  physiologischen  Beobachtung  der  Lahmungen  noch  manchen 
Fortscln  itt  zu  erwarten,  denn  bisher  war  man  kaum  fiber  die  Be- 
kanntschaft  mit  der  pravalirenden  Tbatigkeit  der  Flexoren  bei  auf- 
gehobner  Action  der  Streckmuskeln  und  mit  dem  Verziehen  des  Ge- 
siclits  nach  der  gesunden  Seite  hinausgekommen.  Ich  liabe  bereits 
an  einer  andern  Stelle  (S.  565)  darauf  hingedeutet,  dass  wie  die 
sensible  Kiaft,  so  aucli  die  motorischc  ohne  Stillstand  thatig  ist, 
und  wenn  es  nicht  zu  steten  sicht-  und  fuhlbaren  Bewegungen 
vommt,  dieses  auf  eigenlhumlichen  hemmenden  Anordnungen  be- 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


849 


ruht,  unter  denen  die  syrametrische  Statik  eine  der  wichtigsten  ist. 
In  der  halbseitigen  Lahmung  ist  diese  aufgehoben,  und  abnorme 
Stellungen  und  Bewegungen  sind  die  Folge  davon.  Bei  plotzlichem 
Eintritte  des  Anfalls  fallt  der  Mensch  auf  die  gelahmte  Seite  um. 
Im  weitern  Verlaufe  der  Krankheit  neigt  sich  der  Hemiplektische 
im  Stehen  und  Gehen  nach  der  gelahmten  Seite,  wird  gleichsam 
nacli  dieser  Richtung  geschoben,  ja  selbst  in  der  horizontalen  Lage 
wendet  sich  der  Korper  dorthin,'  wovon  ich  mich  otters  und  noch 
vor  kurzem  bei  einem  durch  Hirnerweichung  am  linken  Arm  und 
Bein  Gelahmten  uberzeugt  habe,  der  im  Schlafe,  wenn  der  Warter 
ihn  zuvor  auf  die  rechte  Seite  gelegt  hatte,  den  Rumpf  nach  der 
linken  Seite  hin  drehte.  Ein  Beobachter  neuerer  Zeit  hat  nach- 
gewiesen,  dass  die  Drehbewegungen  um  die  Langenaxe  bei  je- 
nen  Thieren,  deren  Hirnschenkel  oder  Sehnervenhugel  einer  Seite 
durchschnitten  worden  sind,  auf  ahnliche  Weise  zu  Stande  kommen 
(. La f argue  essai  sur  la  valeur  des  localisations  encephaliques,  senso- 
riales  et  locomotrices  proposees  pour  l’homme  et  les  animaux  su- 
perieurs.  Paris  1838  p.  17). 

Weder  aus  Storungen  des  Antagonismus  noch  aus  denen  der 
symmetrischen  Statik  lassen  sich  einige  eigenthumliche  Bewegungen 
erklaren,  welche  ich  nur  bei  Kranken  mit  cerebraler  Lahmung  be- 
obachtet  habe.  Die  eine  zeigt  sich  bei  alten  Hemiplektischen,  zumal 
in  Folge  von  Haemorrhagie  des  Gehirns.  Beim  Gehen  schreiten 
sie  mit  dem  gesunden  Fusse  vorwarts,  welcher  den  Stiitzpunkt  des 
Korpers  bildet,  wiihrend  der  gelahmte  die  Spitze  abwiirts  gerichtet 
die  Bewegungen  wie  eine  Rotation  in  einem  Bogen  und  Halbkreise, 
zogernd,  gleichsam  schleifend  vollfuhrt.  Die  andre  kommt  bei  Hy- 
drocephalischen  vor  dem  Uebergange  in  ganzliche  Immobilitat  vor, 
und  ist  von  Goelis  treffend  beschrieben.  „Die  Kranken  schreiten 
im  Gehen  immer  mit  dem  einen  Fusse  iiber  den  andern,  setzen 
z.  B.  den  rechten  Fuss  immer  vor  den  linken,  und  diesen  wieder 
grade  vor  den  rechten,  und  kreuzen  selbe  im  Fortschreiten;  dabei 
halten  sie  den  Vorfuss  einwarts,  treten  im  Gehen  meistens  nur  auf 


850 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


die  Zehen,  selten  auf  den  aussern  Rand  der  ganzen  Fusssohle  auf, 
und  stossen  mit  der  grossen  Zehe  des  einen  Fusses  an  die  Achilles- 
sehne  des  andern.“  (Prakt.  Abhandl.  liber  die  vorziiglichsten  Krank- 
heiten  des  kindlichen  Alters.  2.  Bd.  S.  42.) 

Die  consecutiven  von  der  Immobilitat  abhangigen  Veriinderungen 
in  den  Weich-  und  Hartgebilden  der  gelahmten  Glieder  unterschei- 
den  sich  bei  den  Cerebrallahmungen  nicbt  von  denen  bei  den  spi- 
nalen  (S.  755).  Andauernde  Contractionen  der  Flexoren  sind  hier 
noch  haufiger  und  diirfen  nicht  mit  den  transitorischen  und  schmerz- 
haften  Zusammenziehungen  der  Muskeln  bei  entziindlicher  Erwei- 
chung  verwechselt  werden.  Von  dieser  Contractur  ist  auch  die 
Steifheit,  zuweilen  selbst  ankylotische  Verbildung  der  Gelenke  abzu- 
leiten;  wo  dieselbe  vorhanden  ist,  zeigt  sich  eine  schnellere  mid 
auffallende  Abmagerung. 

In  der  Beliandlung  muss  auf  diesen  Folgezustand  stets  Riick- 
sicht  genommen  werden  (S.  758),  um  so  mehr,  da  er  sich  von 
der  in  der  Heilung  vorgeschrittenen  Gehirnkrankheit  ganz  isolirt  ha- 
ben  kann,  und  fur  sich  fortbesteht. 

Die  andern  therapeutischen  Maximen,  welche  auf  die  der  Lahmung 
zu  Grunde  liegende  Ilirnkrankheit  sich  beziehen,  finden  in  dem  Ab- 
schnitte  liber  die  Bildungskrankheiten  der  Nervenapparate  ihre  Stelle: 
hier  sei  nur  des  Antheils  noch  gedacht,  welchen  die  Naturheilung  der 
Hamorrhagie  und  Erweichung  des  Gehirns  an  der  Cur  der  Lahmung 
nimmt.  Es  hat  sich  mir  bei  einer  Priifung  eigner  und  fremder 
Beobachtungen  ergeben,  dass  die  Stufe  dieses  Processes  in  keiner 
wesentlichen  Beziehung  zur  Heilung  der  Paralyse  steht.  Unter  34 
Fallen  war  bei  zehn  die  Lahmung  verschwunden,  bei  sechs  in  Ab- 
nahme,  bei  achtzehn  auf  demselben  Grade  bis  zum  Tode  verblieben, 
obgleich  bei  mehreren  aus  der  letzten  Kategorie  schon  Schliessung 
der  Hohle  und  fast  Vernarbung  stattgefunden  liatte.  Yon  wichti- 
guem  Einllusse  als  die  Grosse  des  Substanzverlustes  ist  die  Be- 
schahenheit  der  umgebenden  Hirnschichten;  in  den  Fallen  gaiizlicher 
Heilung  waren  sie  von  normalem  Gefiige,  wahrend  bei  selbst  unbedeu- 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


851 


tenden  Residuen  eine  Knorpelharte  des  Umkreises  die  Lahmung  unver- 
andert,  bei  einem  meiner  Kranken  fiinf , bei  einem  andern  zehn  Jahre 
unterhalten  zu  haben  schien.  Ob  Sitz  und  Richtung  der  hamorrha- 
gischen  Cysten  in  Betracht  kommen,  ist  noch  nicht  entschieden, 
allein  wahrscheinlich. 


Yon  der  Lahmung,  dem  Nachlasse  oder  Verluste  der  motori- 
schen  Leilung  in  den  Centralfasern  des  Gehirns,  muss  die  Ab- 
nahme  der  die  Bewegungen  coordinirenden  Kraft  unter- 
schieden  werden,  jener  Kraft,  welche  dem  Gehirn  als  Centralappa- 
rate  zukommc  (Vgl.  S.  554).  Karakteristische  Symptome  sind  Ver- 
lust  des  Gleichgewichts  und  Mangel  an  Uebereinstimmung  und 
Succession  in  den  zu  den  Bewegungen  erforderlichen  Muskelzusam- 
menziehungen.  Der  Ausdruck  dieser  Erscheinungen  ist  beim  Men- 
schen  deutlicher  in  den  untern  als  in  den  obern  Extremitaten.  Das 
grade  Stehen,  das  Gehen  in  grader  Richtung  ist  unmoglich,  schwan- 
kend  ist  der  Stand,  taumelnd  der  Gang,  auch  wenn  der  Korper 
von  andern  gestiitzt  wird.  Die  beiden  Momente  des  normalen  Ge- 
hens,  das  stiitzende  und  schwingende,  in  welchen  beide  Fiisse  har- 
mpnisch  abwechseln,  sind  hier  beeintrachtigt,  und  von  der  Storung 
der  Schwingung  oder  der  Abwickelung  der  Fusssohle  ist  das 
haufige  Straucheln  und  Stolpern  (Titubatio)  abbangig.  So  stellt 
sich  der  Contrast  von  der  krankhaften  Steigerung  der  Coordination, 
welche  ich  S.  555  geschildert  habe,  deutlich  heraus. 

Selten  bleibt  dieser  Zustand  fur  sich  bestehen;  nur  bei  Blut- 
vergiftungen,  wrelche  das  Gehirn  in  Anspruch  nehmen,  ist  es  der 
Fall  z.  B.  im  Typhus,  bei  Vergiftungcn  mit  Opium,  Alcohol,  oder 
im  Entwickelungsstadium  der  Meningitis.  Gewohnlich  verbindet  er 
sich  oder  geht  in  Paralyse  .uber,  wie  man  es  bei  Krankheiten  des 
kleinen  Gehirns  und  der  Basis  cerebri  zu  beobachten  Gelegenheit  hat. 


Ho  rn  berg’s  NervonkranU).  I.  3. 


56 


852 


CEREBRALE  LAIIMUNGEN. 


Ich  beschliesse  die  Betrachtung  der  cerebralen  Liihmungen  mil 
dor  Schilderung  jcner,  welche  unter  dem  Einflusse  dcs  Gehirns  als 
psychischen  Organs  stehen. 

Der  wiclitige  Antheil  des  Sensoriums  an  Offenbarung  der  Sen- 
sibilitat  und  Motilitat  im  krankhaften  Zustande  ist  schon  mehrere- 
mal  hervorgehoben  worden  (S.  10!).  184.  274).  Ich  babe  den  Na- 
men  psych  is  che  Krampfe  fur  diejenigen  gewahlt,  die  durch  den 
Reiz  der  Vorstellungen  hervorgebracht  werden  (S.  561).  So  giebt 
es  auch  eine  psychische  Immobilitat  und  Liihmiing,  welche  von  Sto- 
rungen  der  Intellectuo litat  abhangig  sind,  selten  von  dem  Reize, 
eewohnlich  von  dem  Mangel  des  Widens.  Doch  kommt  eine  Mo- 
nomanie  vor,  in  welchcr  sich  der  Mensch  zu  einer  absoluten  Im- 
mobilitat verurtheilt,  die  bei  langerer  Andauer  dieselben  Folgen  nach 
sich  zieht,  wie  der  ganzliche  Yerlust  des  motorischen  Leitungsver- 
mogens.  Cruveilhier  erzaklt  einen  solchen  Fall  von  einer  jungen 
Frau,  welche  seit  zwei  Jahren  unbeweglich  im  Bette  lag  und  fur 
eine  Paraplektische  gehalten  wurde:  die  Beine  waren  atropliisch, 
kalt,  knickten  beim  Aufstehen  in  den  Knieen  ein,  und  schleppten 
bei  dem  Versuche  des  Gehens  wie  gelahmte  Glieder  nach.  Der  Um- 
stand  jedoch,  dass  das  Kitzeln  der  Fusssohle  der  Kranken  so  un- 
angenehm  war,  dass  sie  um  demselben  sich  zu  entziehen  lebhafte 
willkuhrliche  Bewegungen  machte,  weckte  Yerdacht,  und  diu'ch 
die  gehorigen  Maassregeln  wurde  die  Immobilitat  beseitigt  (Anat. 
patholog.  Livr.  XXXV  p.  4),  Zuweilen  hat  auch  bei  Irren  der 
Wahn,  dass  die  Beine  aus  llolz  oder  Glas  bestehen,  die  Unbeweg- 
lichkeit  zur  Folge.  Bei  weitem  haufiger  jedoch  zeigt  sich  die  Im- 
mobilitat in  Begleitung  des  Blodsinns,  des  erworbenen  und  ange- 
borenen,  bedingt  durch  den  Mangel  der  Selbstbestimmung  zu  Bewe- 
gungen, auf  ahnliche  Weise  wie  bei  Thieren  in  den  Flourens  schen 
Versuchen  nach  Wegnahme  der  Hemispharen  des  grossen  Gehirns. 

Abgesehen  hicrvon  kommt  eine  eigenthiimliche  Lahmung  bei 
Irren  vor,  die  sich  in  der  arliculirenden  Bewcgung  der  Zunge  und 
in  den  untern  Fxtremitaten  kundgiebt.  Esquirol  hatte  zuerst  die 


CEREBRALE  LAIIMUNGEN. 


853 


Aufmerksamkeit  darauf  gelenkt  (Les  passions  considerees  comme 
causes,  symptomes  et  moyens  curatifs  de  Palienation  mentale.  Paris 
1805).  Seinem  Schuler  Ccilmeil  verdankt  man  die  beste  Monogra- 
phic (de  la  Paralysie  consideree  chez  les  alienes.  Paris  182G).  Auch 
haben  Bayle  (Traite  des  maladies  du  cerveau  et  de  ses  membranes. 
Maladies  mentales.  Paris  1826)  und  Parcliappe  (Recherches  sur 
l’encephale,  sa  structure,  ses  fonctions  et  ses  maladies.  Deuxi&me 
memoire.  Paris  1838  p.  141 — 176)  sich  mit  demselben  Gegenstande 
beschaftigt  (Vgl.  auch  Esqmrol  des  maladies  mentales.  Paris  1838. 
T.  II.  p.  263—282). 

Diese  Lahmung  beginnt  mit  erschwertem  Sprechen.  Die  Arti- 
culation ist  nicht  mehr  rein,  der  Irre  muss  sich  anstrengen  um  zu 
sprechen,  die  Worte  lassen  auf  sich  warten,  es  ist  ein  Stammeln  wie 
in  der  Trunkenheit,  wobei  jedoch  die  Mobilitat  der  Zunge  und  der 
Lippen  ungestort  ist.  Auch  ist  im  Affect  die  Sprache  gelaufiger  als 
in  der  Ruhe.  Die  untern  Extremitaten  werden  schwach  und  geben 
in  ihren  Bewegungen  einen  Mangel  der  Coordination  kund.  Der 
Gang  ist  unsicher  und  schwankend,  zumal  bei  langsamem  Schritte. 
Will  der  Kranke  von  einer  Stelle  nach  der  andern  gehen,  so  muss 
er  sich  zu  wiederholtenmalen  einen  Anstoss  dazu  geben,  wodurch 
der  Gang  um  so  auffailender  wird.  Bei  complicirten  Bewegungen, 
Steigen,  Springen  steht  das  Resultat  in  gar  keinem  Verhaltniss  zu 
den  Anstrengungen,  welche  darauf  verwendet  werden.  Ist  der 
Kranke  einmal  im  Gauge,  so  kann  er  ihn  beschleunigen,  selbst  lau- 
fen,  so  wie  auch  die  Fiisse,  bei  gestiitztem  Rumpfe,  bei  horizonta- 
ler  Cage  im  Belle  ungehindert  bewegen.  Im  weitern  Fortschreiten 
der  Krankheit  wird  die  Articulation  der  Zunge  noch  mehr  be- 
schrankt  und  sehr  undeutlich:  man  muss  die  Worte  last  errathen. 
Die  Kraft  der  Beine  den  Korper  zu  sliilzen  ist  dahin.  Soil  der 
Irre  vom  Stuhl  aufstehen  und  gehen,  so  stemint  er  die  Hande  an  I 
die  Lehne  des  Stuhls,  hebt  sich  langsam  in  die  Ilohe,  und  wie  ein 
Kind,  welches  seine  erslen  Schritte  abmisst,  neigt  er  sich  rechts, 
neigt  sich  links,  dann  erst  wagt  er  es  und  schleppt  sich  zbgernd 


854 


CEREBRALE  LAIIMUNGEN. 


im  Zickzack  fort.  Ueber  das  kleinste  Hinderniss  stolpert  er 
imd  fallt  iiberhaupt  oft  hin.  Das  Gefiihl  der  Schwache  und  des 
gestorten  Gleichgewichts  1st  so  gross,  dass  er  gern  an  dem  nach- 
sten  Gegenstande  sich  festhalt.  Auch  die  obern  Extremilalen  fan- 
gen  an  Theil  zu  nehmen:  es  ist  eine  Unbehulflichkeit  vorhanden, 
nur  rait  Miihe  konnen  die  Hande  nach  dem  Kopf  gefiihrt  werden. 
Die  Nacken-  und  Ilalsmuskeln  verlieren  ihre  Kraft:  das  Kinn  neigt 
sich  auf  die  Brust.  Die  Sphincteren  werden  gelahmt.  Hat  die 
Krankheit  ihren  hochsten  Grad  erreicht,  so  findet  gar  keine  Arti- 
culation mehr  statt,  und  auch  in  der  gestiitzten  Stellung  oder  Lage 
horen  die  Bewegungen  auf.  Kauen  und  Schlucken  sind  ersclnvert: 
die  Bissen  bleiben  im  Schlunde  stecken.  Auf  cliesem  paralytischen 
Boden  treten  offers,  zumal  im  letzten  Abschnitt  der  Krankheit  Con- 
vulsionen  auf,  ortliche  oder  allgemeine,  und  epileptische  Anfalle. 
Selten  ist  die  Sensibilitiit  in  gleichem  Grade  wie  die  Motilitiit  be- 
theiligt:  die  Schuld  der  Abstumpfung  oder  ihres  Yerlustes  scheint 
weniger  an  einer  Unfahigkeit  der  Leitung  als  an  der  mangelnden 
Perception  der  Empfindung  zu  liegen.  Das  Verhaltniss  des  Irre- 
seins  zur  Lahmung  ist  verschieden.  Sowohl  Manie  als  Monomanie 
geht  mit  ihr  eine  Verbindung  ein,  von  Anfang  an,  was  selten  der 
Fall  ist,  oder  im  spatern  Yerlaufe.  Oft  bezieht  sich  der  Wahn  auf 
den  Besitz  unermesslicher  Reichthiimer,  hochster  Ehrenstellen,  lu- 
xurioser  Gegenstande,  doch  keineswegs  ausschliesslich,  wie  es  Baylc 
dargestellt  hat.  Aeusserst  selten  ist  es  die  Monomanie  mit  negiren- 
dem  Affect,  die  Melancholie,  zu  welcher  sich  die  Paralyse  gesellt; 
mehrentheils  ist  es  jedoch  Dementia,  welche  entweder  schon  von 
Beginn  an  ihre  Zuge  der  Vergesslichkeit,  der  Zusammeidianglosig- 
keit  der  Gedanken,  und  des  Mangels  aller  geistigen  Combination 
mehr  oder  minder  einmischt,  oder  den  Ausgang  der  Manie  in  giinz- 
lichen  Verfall  psychischer  Thatigkeit  bildet.  Bemerkenswerlh  ist 
der  Einfluss  tobsiichtiger  Aufregung,  welche  auch  bei  dem  voll- 
kommensten  Blbdsinn  ausbrechen  kann,  auf  die  paralytischen  Er- 
S(heinungen:  in  solchen  Anfallen  wird  die  Sprache  gelaufig , der 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 


855 


Gang  schnell.  Nur  in  der  Ietzten  Zeit  des  Lebens  beschrankt  sich 
die  tobsiichtige  Aeusserung  mehr  auf  Geschrei  und  stiirmische  Be- 
wegung  der  Hande  und  Arme. 

Die  Dauer  der  Krankheit  ist  auf  1 — 3 Jahre,  in  einzelnen  Fal- 
len auf  langre  Zeit,  5 — 6 Jahre  ausgedehnt.  Der  Ausgang  ist  fast 
immer  todtlich,  entweder  plotzlich  durch  apoplektische  und  epile- 
ptische  Zustande,  oder  was  haufiger  der  Fall  ist,  alhnahlich  unter 
Hinzutritt  von  Durcbfallen,  Hydrops,  Marasmus. 

Unter  den  Leichenbefunden,  welche  die  gewohnlich  bei  Demen- 

i 

tia  vorkommenden  Veranderungen  (Vgl.  den  Abschnitt  uber  Logo- 
neurosen)  nachweisen,  wird  von  mehreren  franzosischen  Aerzten 
auf  eine  Erweichung  der  oberflachlichen  Schichten  der  grauen  Sub- 
stanz  im  grossen  Gehirne  Werth  gelegt,  grosstentheils  in  Verbin- 
dung  mit  Verwachsungen  mit  der  Pia  mater,  so  dass  beim  Ablosen 
dieser  Membran  die  Corticalsubstanz  lappen-  und  fetzenweise  daran 
klebt,  und  die  Oberdacbe  des  Gehirns  wie  erodirt  oder  brocklig 
erscneint,  in  starkerem  oder  geringerem  Grade.  Auch  wo  keine 
Adhasionen  statthaben,  soli  sieh  mit  dem  Skalpell  diese  Erweichung 

innerhalb  der  Rinde  nachweisen  lassen.  In  der  Wirbelhohle  wurde 

/ 

nach  Calmeil's  Untersuchungen  ausser  Ansammlung  seroser  Fliis- 
sigkeit,  in  verschiedener  Quantitat,  keine  auffallende  Yeranderung 
gefunden. 

Eine  Anlage  zu  dieser  Lahmung  kommt  dem  mannlichen  Ge- 
schlechte  vor  dem  weiblichen  zu.  In  Paris  iiberzeugt  man  sich 
sogleich  bei  einem  Vergleiche  der  weiblichen  Irrenanstalt  in  der 
Salpetri^re  mit  der  mannlichen  des  Bic^tre.  Nach  Calmeil  (1.  c. 
p.  371)  stellt  sich  das  Verhaltniss  unter  mannlichen  Irren  wie  1:15, 
unter  weiblichen  wie  1 : 50.  Das  Alter  vom  30 — 50.  Jahre  dispo- 
nirt:  Jugend-  und  Greisesalter  werden  verschont.  Kraftige  Consti- 
tutionen  sind  mehr  ausgesetzt  als  schwachliche.  Klimatischer  Ein- 
lluss  maclit  sich  auf  die  Frequenz  der  Krankheit  geltend.  Im  Sii- 
den  ist  sie  geringer  als  im  Norden:  Esquirol  land  in  den  italiani- 
«chen  Irrenhausern  nur  wcnig  paralytische  Irre.  In  Frankreich 


850 


CEREBRALE  LAHMUNGEN. 

scheint  jedoch  diese  Complication  haufiger  zu  sein  als  in  England 
und  Deutschland.  Die  Beguterten  werden  haufiger  davon  befallen, 
als  die  Armen,  die  liohern  Classen  der  Gesellschaft  ofter  als  die 
niedrigen,  diejenigen  Stande,  welche  dem  Ehrgeiz  freien  Spielraum 
lassen  und  zu  Ausschweifungen  Anlass  geben,  z.  B.  der  Militarstand, 
vorzugsweise.  Excesse  in  Baccho  et  Venere  sind  fruchtbar. 

Wie  wichtig  die  genaue  Kenntniss  einer  Krankheit  fur  den  pro- 
gnostischen  Ausspruch  ist,  zeigt  diese  Paralyse.  Mag  der  Zustand 
des  Irren,  sein  Alter,  die  kurze  Dauer  des  Wahnsinns,  noch  so 
giinstige  Erwartungen  wecken,  — wo  eine  Zogerung  der  articulirenden 
Bewegung,  wean  auch  nur  eine  temporiire,  mitten  in  der  Geschwaz- 
zigkeit  sich  bemerkbar  macht,  ist  schoji  der  Grund  zu  jener  unauf- 
haltsamen  Lahmung  gelegt,  und  der  dem  ISichtkenner  auflallende 
Ausspruch  der  Unheilbarkeit  gerechtfertigt. 

In  Betreff  der  Behandlung  vervvefse  ich  auf  den  Abschnitt  uber 
Dementia. 


Ende  des  ersten  Bandes. 


•Gc'dtuckl  l)oi  Julius  Sill  on  fold  in  IlerHu. 


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